Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Martha Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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Durch Erziehung wird der Mensch erst wahrhaftig Mensch. (Platon)

Nicht nur durch Erziehung, auch durch Bildung, im Sinne des Wortes verstanden. Bildung sollte dazu beitragen, dem Menschen in seiner Persönlichkeitsbildung zu helfen, ihn sich selber zu finden und damit auch seinen Stand und sein Zurechtkommen im Leben und in seiner Umwelt. Sie soll dem Menschen helfen, seine Fähigkeiten zu leben, seine Chancen wahrzunehmen, Teil einer (politischen) Gemeinschaft zu sein und diese aktiv mitzugestalten.

Bildung soll für alle zugänglich sein und somit die Menschen vereinen, sie soll keine Klassen kennen, sondern allen den Weg in die Gesellschaft gleichermassen öffnen – jedem nach seinem Potential. Stattdessen separiert sie, legt durch Notendruck, Faktenpauken, Siebmechanismen alles darauf, die Schere noch grösser werden zu lassen und wird instrumentalisiert, indem nur Verwertbarkeit und nicht Persönlichkeit und Charakterbildung im Zentrum stehen.
Vielleicht sollte man sich wieder auf die Ursprünge besinnen, die wirklichen Werte hochhalten?

Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Genderdebatten, Gleichberechtigung, Emanzipation, Feminismus – Schlagwörter, die die letzten Jahre und Jahrzehnte dominierten. Die Frau soll weg aus ihrer unterdrückten und benachteiligten Lebensrolle und hinein in die grosse weite Welt mit all ihren Möglichkeiten. Sie soll sich nicht länger dem Mann unterordnen. Patriarchat war gestern, vorgestern, aber sicher nicht heute. Heute steht die Frau ihren Mann, zeigt allen, was in ihr steckt  – sie macht alles selbst, sie ist nun gross, sie kann das. Die Frau am Herd hat ausgedient, heute sitzt sie am Bürotisch und ist gleich dreimal so toll dadurch.

Deutschland stimmte unlängst im Parlament darüber ab, ob auch Familien Anspruch auf Betreuungsgeld haben sollen, deren Kinder zu Hause betreut werden. Ein Aufschrei ging durch die Reihen, viele distanzierten sich eigentlich davon, trotzdem kriegte die Lösung ein Mehr (blosse Zugeständnisse hiess es…). Das sei ein Rückschritt, ein Schlag ins Gesicht der Frauen und ihrer Vorkämpferinnen. Die Frauen könnten so lieber bei den Kindern bleiben, statt ihr Recht zu Arbeiten wahrzunehmen. Welch ein Fluch, welch eine Schande, welch ein Verlust?

Früher herrschte der Mann, er hatte das Sagen. Frauen konnten lange nicht studieren, hatten keine politischen Rechte und konnten kaum arbeiten; wenn, dann in Dienstbotenverhältnissen und damit am unteren Ende der Gesellschaft. Viele starke Frauen und deren Mitstreiter haben es geschafft, diese demütigende und unhaltbare Situation zu verändern. Frauen kriegten Zugang zu allen Bereichen des Lebens, sie wurden zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, des Staates. Ein Sieg, eine Notwendigkeit! Gleiche Rechte für alle – unter diesen Allen waren nun auch Frauen, vorher waren es nur mündige männliche Bürger.

Was ist ein Recht? Ein Recht ist die Möglichkeit, etwas zu tun, weil man es tun darf. Ich habe das Recht zu schweigen, wenn ich mich mit einer Aussage selber belaste. Ich habe das Recht auf Bildung. Bis zu einem gewissen Alter sogar die Pflicht, sie wahrzunehmen, danach ist es ein blosses Recht. Schaut man auf die Frauenfrage, wurde aus dem Recht ein Zwang, eine Pflicht. Das Recht auf Arbeit wurde zum „du musst nun arbeiten, gib endlich deine Kinder ab“. Die Frau, die sich erdreistet, zu Hause bleiben zu wollen, ist das Heimchen am Herd, welches die Früchte der Emanzipation verrät. Sie sieht sich täglich den Fragen „was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ und „wann gehst du wieder arbeiten?“ ausgesetzt. Das Recht wurde zur Plage. Wo früher Männer unterdrückten, tun es heute die Frauen mit anderen Vorzeichen. Wo ist da die Freiheit? Wäre nicht sie das eigentliche Ziel der Emanzipation? Ein Recht auf alles mit der Freiheit, sich individuell zu entscheiden?

Ist es nicht eigentlich frauenfeindlich, die Dinge so zu sehen? Schauen wir auf die Forderung „Kein Betreuungsgeld für Mütter, die ihre Kinder selber betreuen“. Wertet man damit nicht die Leistung von Müttern ab? Eine Krippenaufsicht kriegt einen Lohn, niemand würde ihn ihr absprechen, die Mutter soll es gratis tun? Und wenn sie es tut, hat sie das Nachsehen, weil sie von anderen Frauen verachtet wird, ihre Arbeit nichts zählt, da sie nichts einbringt und sie am Schluss hören muss, sie hätte die ganzen Jahre nichts getan, obwohl sie tat, wofür andere eine Lehre machen und dann Lohn beziehen? Ist es heute wirklich eine Schande, für seine Kinder sorgen zu wollen? Wenn man das von Herzen gern und mit Liebe und Einsatz tut – wo genau liegt das Problem?

Kindererziehung zu Hause ist heute Fronarbeit und zählt nichts. Genauso ist es mit der Betreuung und Pflege von familiären alten Menschen. Reiner Liebesdienst ohne Anerkennung, ohne Wertschätzung. Menschen, die sich diesen Diensten verpflichten sind die Verlierer im System. Sie werden argwöhnisch betrachtet, als Schmarotzer und Profiteure gesehen und nach ihrem (ökonomischen) Beitrag zur Gesellschaft gefragt. Kannst du dir das leisten? Wovon lebst du eigentlich? Das sind die Fragen, die sie hören. Kann sich ein Bankdirektor leisten, Steuern zu hinterziehen, indem er sich im falschen Kanton anmeldet und damit durchkommt, weil er es geschickt genug tut? Klar, er ist ein angesehener Mann mit Ruhm und Ehre durch einen zu diesen führenden Beruf.

Vielleicht sollten wir weniger am Spiel Mann gegen Frau arbeiten, sondern mehr an unserer Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Vielleicht wäre die Zeit reif, zu sehen, was wirklich zählt im Miteinander und wie man das tragen kann. AHV und andere Sozialversicherungen gehen langsam vor die Hunde. Wann, wenn nicht heute wäre die Zeit da für ein wirkliches Miteinander an Stelle eines Kampfes an immer wieder unterschiedlichen Fronten?

Alle anderen Kinder dürfen länger aufbleiben als mein Sohn. Alle anderen Kinder dürfen länger draussen bleiben. Die anderen Kinder haben auch weniger Regeln um TV, Computer und überhaupt. Sie dürfen all das, was mein Sohn nicht darf. Und mein Sohn findet das ungerecht. Bin ich zu streng? Sind wirklich alle anders oder sagt er es nur so?

Mein Sohn ist ein lieber Junge. War er immer. Sehr viel Charme, ruhig, will im Grunde seines Herzens niemanden verletzen. Und doch hat er eine Art an sich, die ab und an zu Tobsuchtsanfällen führt. Ein Nein, wo er es nicht angebracht findet und er vergisst sich, spürt sich nicht mehr, steigert sich in eine Spirale von Ausbrüchen verbaler Natur, immer beleidigender, immer lauter, immer wütender. Und natürlich ist man die Böse in dem Spiel, man hat das Nein gesetzt. Und selbst wenn man neun Mal ja sagte, einmal nein, das Nein prägt alles. Alles vorher ist vergessen, man ist böse, schlecht, gemein. Ab und an überkommt mich die Lust, von Anfang an nein zu sagen, denn irgendwann wird ein Nein kommen und der Tag ist eh im Eimer. Wieso nicht von Anfang an? Es bleibt das Gefühl zurück, dass man schlussendlich nur verlieren kann.

Und doch: ich liebe ihn, sehr. Er ist mein Sohn. Und ich würde ihn gerne ein Leben leben lassen, das glücklich ist, das erfüllt ist. Möchte seine Augen strahlen sehen. Möchte klar auch geliebt sein als Mutter. Die Rolle der Bösen liegt mir nicht. Es tut weh, angeschrien zu werden. Es tut weh, zu hören, man sei gemein. Alle seien besser. Klar weiss ich, dass er mich liebt. Klar weiss ich, dass das Phasen sind. Und doch: sie treffen. Das Gefühl von „ich mache doch, was ich kann und es reicht doch nicht“ kommt hoch. Und das macht wütend. Und hilflos.

Wir waren eigentlich immer alleine – er und ich. Sein Vater arbeitete viel und war ganz schnell ganz weg. Er arbeitet noch heute viel. Hat kaum Zeit. Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich da bin. Viele Dinge waren nicht möglich dadurch. Andere waren sehr Kräfte raubend. Tags das Kind, nachts die Arbeit. Zwischendurch Nebenjobs mit Kind unter dem Arm. Schlafen? Verschieben wir auf später, so in 20 Jahren könnte Zeit sein. Das ging nicht an die Substanz, da war gar keine mehr. Und doch: es reichte nicht. Irgendwann musste ich ein Nein geben. Und dann war es nicht mehr gut genug. Aber mehr ging nicht.

Und ich ertappte mich ab und an, den Vater zu beneiden. Mit seiner Freiheit. Mit seiner vielen Zeit für sich und seine Dinge. Ein „keine Zeit“ von ihm war fast Grund, ihn noch mehr zu verehren. Ein „keine Zeit“ von mir Grund, zu toben. Wer immer da ist, hat verloren, er steht auf verlorenem Posten. War ich zu rücksichtsvoll? Habe ich mich selber zu sehr untergeordnet, zu viel getan? Wo ist der Dank? Braucht es ihn? Müssen Kinder dankbar sein? Sie fragten nie danach, auf diese Welt zu kommen, wir haben sie hineingeworfen. Ist es also nicht an uns Eltern, ihnen das Leben auch schön zu machen? Ist es nicht meine (Herzens)Pflicht, ein glückliches Kind zu haben?

Kürzlich sprach ich mit einer kinderlosen Frau übers Kinder Haben. Ich beneidete ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit. Sie war dabei, sich langsam damit anzufreunden, dass Kinder wohl kein Thema mehr sind in ihrem Leben – was aber nicht tragisch war, einfach irgendwie anders gedacht, nun aber durchaus auch positiv gesehen. Sie sagte beiläufig: Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras immer grüner. Und mir war schlagartig klar: Das ist so. Ich beneide die Freiheit der Kinderlosen, beneide den Thron des unabhängigen Vaters, beneide all die, welche sich und ihre Bedürfnisse ausleben können, während ich meine immer zurückstecke, meine Kräfte ausreize, um dann doch zu unterliegen. Den Launen eines Kindes.

Doch genau dieses Kind sagt mir, dass es mich liebt. Dass es mich braucht. Sagt mir inmitten eines heftigen Streits, dass es nirgends anders als bei mir sein möchte. Es ist leicht, nach Freiheit zu schielen, wenn man die Liebe hat. Hätte man sie nicht, wäre die Freiheit wohl einsam. Oder man stilisierte Kinderärmchen hoch, die sich um den Nacken schlingen. Fände feuchte Küsse erstrebenswert.

Ist es nicht immer so im Leben, dass man das andere, das, was man nicht hat, ersehnt? Da sieht man die Vorzüge, das, was im eigenen Leben abgeht. Und dem anderen geht es genau so. Er hat zwar die von einem gewünschten Vorzüge, ihm fehlen aber die, welche man selber hat. Und so sind wir immer damit beschäftigt, nach dem zu schielen, was wir nicht haben. Kurze lichte Momente zeigen auch das Gute, keine Frage. Das hilft, weiter zu machen. Der Mensch braucht ja die kleinen positiven Bestätigungen.

Was ist nun also richtig oder falsch? Welches Lebensmodell das beste? Während ich das schreibe, schläft das Kind, welches vorher lautstark protestierte, dass es zu früh sei, um zu Bett zu gehen. Kein anderes Kind müsse so früh zu Bett, vor allem, da gerade Ferien und zudem Feiertag sei – noch dazu Nationalfeiertag. Eben dieses Kind hatte am Morgen einen Spaziergang zu einem On-and-off-Happening für Motzanfälle gemacht, die gefallenen Worte werden hier aus Hygienegründen nicht erwähnt. Eben dieses Kind kriegte dann doch das ersehnte Feuerwerk, weil das liebende Herz ein Einsehen hatte, die Prinzipien schweigen mussten. Eben dieses Kind konnte bis fast halb elf aufbleiben, während die Mutter fast unter den Tisch fiel vor Müdigkeit. Weil man es dem Kind recht machen wollte. Und? Am Schluss Toben. Es war mal wieder nicht genug.

Doch dann… das Kind geht zu Bett. Man merkt ihm das schlechte Gewissen förmlich an. Man hört, es liebe einen. Spürt die Ärmchen. Den Kuss. Weiss, es schläft. Und ist versöhnt. Und hofft auf bessere Tage. Im Wissen, es wird wieder so. Aber was wäre besser? Besser gibt es nicht. Anders. Aber nicht besser. Was ist nun richtig? Was falsch? Einmal mehr gibt es das nicht. Es ist, was es ist.