Rezension: Christa Bernuth – Das Falsche in mir

Leichen im Keller tauchen auf

Wenn er im Tötungsmodus ist, tötet er nicht wirklich. Der Anfang sind immer Fantasien und dabei bleibt es dann auch, glaubt er. Fantasien sind nicht strafbar, solange sie im Kopf bleiben. Er begeht kein Verbrechen. Ab einem bestimmten Punkt kann er nur nicht immer unterscheiden, was gedacht und was von dem Gedachten umgesetzt wird.

Als Jugendlicher bringt Lukas Salfeld seine Jugendliebe Marion um und büsst diese Tat 10 Jahre im Gefängnis. Danach baut er sich ein neues Leben auf, heiratet, kriegt zwei Kinder, hat einen Job. Keiner in seinem Umfeld weiss von seiner Vergangenheit.

Bisher war ich sicher, dass ich alles richtig gemacht hatte. ich hatte den richtigen Beruf gewählt. ich hatte die richtige Frau geheiratet – dunkelhaarig, kraftvoll, rassig, selbstbewusst genug, mich in Ruhe zu lassen.
Ich hatte zwei Mädchen gezeugt.
Ich gebe zu, das war dumm.

Lukas lebt sein Leben in sicheren Bahnen, versucht, seine zwar auftauchenden, aber im Kopf gefangenen Fantasien im Griff zu haben. Sein sorgsam aufgebautes Leben kommt ins Wanken, als ein junges Mädchen nach demselben Muster getötet wird, wie er einst Marion tötete. Lukas hat kein Alibi für die Tatzeit und auch keine Erinnerung. Verzweifelt macht er sich selber auf die Suche nach der Wahrheit, in Sorge darüber, was er herausfinden wird.

Christa Bernuth hat in Das Falsche in mir einen spannenden Plot realisiert. Durch die unmittelbare Sicht des Ich-Erzählers Lukas Salfeld ist der Leser immer live dabei, erlebt die Geschichte quasi aus erster Hand und aus der Perspektive des Verdächtigen. Das ist vor allem am Anfang etwas verwirrend, da man nicht weiss, wo man genau ist, was man da soll und wo das Ganze hinführt. Dass die Perspektive auch noch ab und an abschweift, man immer wieder von anderen Blickwinkeln auf die Geschichte schaut, ist dem Verständnis nicht dienlich.

Was bei der Ich-Erzählung etwas fehlt, ist die persönliche Involviertheit des Erzählers. In fast monoton erscheinender Weise schildert er, was gerade passiert, was er tun will, tut oder getan hat. Da driften Unmittelbarkeit des Erzählens und des Erzählten auseinander.

Nichtsdestotrotz ist Das Falsche in mir ein solider Krimi mit einem gut aufgebauten Spannungsbogen. Er braucht am Anfang ein wenig Durchhaltevermögen, um sich zurechtzufinden, zieht dann aber an.

Fazit:
Guter Plot, eigenwillig und verschachtelt aufgebaut. Spannende Geschichte, bei welcher der Leser lange im Dunkeln tappt. Empfehlenswert.

Zum Autor
Christa Bernuth
Christa Bernuth arbeitete nach dem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München viele Jahre als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihre Kriminalromane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und drei davon verfilmt. Christa Bernuth lebt mit ihrem Mann in München. Von ihr erschienen sind unter anderem die Romane Innere Sicherheit (2009) und Wer schuld war (2010),

Angaben zum Buch:
bernuthdas_falsche_in_mirTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuchverlag (1. Januar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423249928
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90

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Rezension: Hjorth & Rosenfeldt – Das Mädchen, das verstummte

Wenn Erinnerungen weh tun

Erik musste sich abwenden. Er hatte schon oft gesehen, wozu Menschen fähig waren, aber das hier…
Die Kinder. Die Schlafanzüge. Die kleinen nackten Beine. […] Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal einen solchen Vorsatz gefasst zu haben, jedenfalls nie so konkret. Aber er würde denjenigen fassen, der das getan hatte.

In einer schwedischen Kommune wird eine Familie brutal ermordet. Zeugin des Verbrechens ist ein kleines Mädchen, das durch das Geschehen traumatisiert ist und aufhört zu sprechen. Zudem ist das Mädchen in Gefahr, denn der Mörder trachtet danach, sie ebenfalls umzubringen. Sebastian Bergman und die Reichsmordkommission stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Nicole beginnt, Sebastian mit Zeichnungen ihre Erinnerungen mitzuteilen. Bald schon hat der Mörder ihre Spur gefunden. Ein Wettkampf gegen die Zeit beginnt, den Sebastian gewinnen will. Der Psychologe wird durch das kleine Mädchen an seine eigene, verstorbene Tochter erinnert, wodurch der Fall bei ihm alte Wunden aufreisst. Er will nicht noch ein Kind verlieren.

Das Mädchen, das verstummte ist der vierte Fall mit den Ermittlern der Reichskommission und Sebastian Bergman. Wieder machen die Beziehungsgefüge zwischen den einzelnen Mitgliedern der Truppe einen grossen Teil des Buches aus, es wird direkt an den letzten Band angeknüpft. Da die Probleme nicht weniger geworden sind, im Gegenteil, hat der Anteil ihrer Erzählung sogar noch zugenommen und dominiert nun das Buch. Die Geschichte des Verbrechens geht daneben teilweise unter, wird zum Nebenschauplatz, wodurch der Thriller oft schleppend und langatmig wird, der Fortgang der Geschichte unnötig gebremst.

Hjorth & Rosenfeldt ist wieder eine spannende Geschichte mit einem guten Plot gelungen, die Figuren sind plastisch, ihre Probleme psychologisch nachvollziehbar und gut erzählt. Das Buch weist einige Redundanzen auf, wird in seinem Fortgang durch Längen gebremst und verliert dadurch an Spannung, was schade ist. Trotzdem möchte man wissen, wie alles endet, sowohl die Verbrechensaufklärung wie auch Sebastians persönliche Geschichte ziehen den Leser in den Bann. Der Roman wäre mit zwei Dritteln des Umfangs gut ausgekommen und dadurch wohl spannender gewesen, nichtsdestotrotz ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch.

Fazit:
Spannender Plot und plastische Figuren, deren Geschichte gut erzählt wird. Einige Längen kosten ab und an Spannung, trotz allem aber sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Hjorth
Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

Hans Rosenfeldt
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator und ein gefragter Drehbuchautor, zuletzt schrieb er die Vorlage für die ZDF-Koproduktion The Bridge.

Bereits vom Autorenduo erschienen sind Der Mann, der kein Mörder war, Die Frauen, die er kannte und Die Toten, die niemand vermisst.

Angaben zum Buch:
Hjorthdas_maedchen_das_verstummteTaschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (15. Oktober 2014)
Übersetzung: Ursel Allenstein
ISBN-Nr.: 978-3805250771
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90
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Rezension: Michael Robotham – Sag, es tut dir leid

Und wenn du nicht gehorchst….

Wir sind zusammen verschwunden, Tash und ich. Es war ein Sommer mit heissen Winden und heftigen Gewittern, die kamen und gingen wie, na ja, Gewitter eben. […] Vor der Stadtuhr stehend berichteten Reporter den Leuten, dass es nichts zu berichten gebe, doch sie taten es trotzdem. […] Einen Monat nach unserem verschwinden brachte George uns aus dem Speicher an diesen Ort. Die Polizei hatte die Suche nach uns mittlerweile eingestellt, und alle nahmen an, dass wir weggelaufen wären.

Drei Jahre sind sie bereits verschwunden, Piper Hadley und Tash McBain. Die Suche ist schon lange abgebrochen worden, gefunden wurden sie nie. Als ein Ehepaar brutal ermordet wird und kurz darauf die Leiche einer jungen Frau erfroren in einem See gefunden wird, ändert das schlagartig. Tash McBain war drei Jahre verschwunden, nun ist sie tot. Wo aber steckt Piper? Und wer hat die beiden Mädchen entführt?

Der Psychologe Joe O’Loughlin hilft der Polizei, den wahren Entführer zu finden, was sich als schwierig erweist, da die Polizei ungerne sieht, dass sich jemand von aussen einmischt und die vergangenen Ermittlungen anzweifelt.

Sag, es tut dir leid ist ein spannender Psychothriller, der alles in sich vereint, was man in diesem Genre erwartet: Die Figuren sind plastisch, die Schauplätze ebenso, der Plot stimmig, mit den nötigen Cliffhangers versehen, so dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Die aktuelle Suche wechselt sich ab mit den Aufzeichnungen von Piper, welche erzählt, was mit ihr und Tash in all den Jahren passiert ist.

Michael Robotham zeigt auch in seinem achten Thriller, dass er sein Handwerk beherrscht. Er versteht es, den Haupterzählstrang mit Nebensträngen anzureichern, ohne Längen entstehen zu lassen. Persönliches aus dem Leben der Figuren fliesst natürlich in den Lauf der Geschichte ein, ohne sie zu belasten oder zu bremsen, im Gegenteil, sie wird dadurch plastischer, menschlicher. Und über allem bleibt ein Spannungsbogen, der nie abreisst.

 

Fazit:
Spannung und Tiefe in eine packende Form gebracht. Ein Psychothriller, der alles hat, was man sich in dem Genre erhofft. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Robotham
Michael Robotham wurde 1960 in New South Wales, Australien, geboren. Er war lange Jahre als Journalist für große Tageszeitungen und Magazine in London und Sydney tätig, bevor er sich ganz seiner eigenen Laufbahn als Schriftsteller widmete. Mit seinen Romanen sorgte er international für Furore und wurde mit mehreren Preisen geehrt. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney. Von ihm erschienen sind unter anderem Bis du stirbst, Erlöse mich, Todeswunsch.

Angaben zum Buch:
sag_es_tut_dir_leidTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (16. September 2013)
Übersetzung: Kristian Lutze
ISBN-Nr.: 978-3442313167
Preis: EUR 14.99 / CHF 15.90

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Rezension: Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie

Die Erinnerung an den Verlust lebendig halten

Wann endet ein Leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder wenn es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt?

Neun Jahre ist es her, dass sich Irene das Leben nahm. Hinrich, zum stattlichen Heinrich fehlt ihm ein „e“, hat mit ihr die Liebe seines Lebens verloren. Er ruft sich ihren Geruch, ihr Wesen, jedes Detail von ihr ins Gedächtnis. Hinrich geht in sich, denkt über das Leben und den Tod nach, was die Liebe bedeutet und was, wenn man die Liebe des Lebens verloren hat.

Irene war die Liebe meines Lebens, jede Geste von ihr hatte Weltrang, aber was heisst das, jenseits dieser Worte? Heisst das, ohne sie gab es kein richtiges Leben mehr, oder heisst es, jede andere Liebe fiele dagegen ab?

Wie geht es nach dem Verlust der Liebe weiter? Hinrich lebt sein Leben weiter, da sind noch sein Enkel Malte und seine Tochter Noemi, da ist Zuzan, die sich jeden Monat um ihn kümmert. Auch die Erinnerungen an die Zeit mit einer früheren Geliebten brechen wieder auf. Immer aber bleibt eines im Zentrum: Irene. Und die Frage nach dem Warum. Und die Frage nach Verlust, nach Leben, Tod und danach, wann Liebe endet.

Bodo Kirchhoff schreibt mit Verlangen und Melancholie ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Tod. Er erzählt die Geschichte eines Verlustes und wie danach ein Weiterleben möglich ist. Er lässt Hinrich als Ich-Erzähler über sein Leben und seine Erinnerungen sprechen, so dass wir dessen Gedanken direkt und ungefiltert von ihm selber erfahren. Als Leser tauchen wir so ein in die Erinnerungen an ein Leben mit Irene. Wir lernen die Frau, die Hinrichs Lebensliebe war, durch seinen Blick kennen.

Bodo Kirchhoff berührt viele Fragen mit seinem Roman. Es ist ein Roman über das Alter, über Verlust; er handelt von Verrat, Gefühlen, und Verpflichtung – auch über den Tod hinaus. Bodo Kirchhoff schreibt über all diese elementaren Themen in einer tiefgründigen, durchdachten Weise, in einer Sprache, die direkt aus Hinrich herauskommt, die seine Sprache ist, getränkt von seinen Gefühlen, von seinen Erinnerungen, von seinem Kampf zurück ins Leben und davon, diesem Leben noch einen Sinn abzugewinnen, ihn sich wieder zu erarbeiten. Der Roman hat gewisse Längen, die aber in Anbetracht der sonstigen Grossartigkeit vernachlässigbar sind.

Fazit:
Ein tiefgründiger, tiefgehender Roman um die elementaren Themen des Lebens. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Bodo Kirchdorff
Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt sein von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierter Roman Die Liebe in groben Zügen (2012).

 

Angaben zum Buch:
verlangen_und_melancholieGebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (1. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3627002091
Preis: EUR 24.90 / CHF 37.90

 

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Rezension: Hjorth & Rosenfeldt – Die Toten, die niemand vermisst

Die Suche nach den Zusammenhängen

Die schallgedämpfte Pistole hustete leise, und alle Bewegungen des Mannes froren unmittelbar ein, als hätte jemand in einem Film auf die Pause-Taste gedrückt. […] Er war bereits tot, sein Herz von der Kugel punktiert, als er aufkam. Ganz so, als hätte ihn eine unsichtbare Hand brutal in die stabile Seitenlage geworfen. […]
„Papa?“
Die Frau zog erneut ihre Waffe und drehte sich blitzschnell um. Ein einziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Kinder. Es sollte hier keine Kinder geben.

Eine Wanderin stürzt in den Bergen und überlebt nur, weil sie sich an einer aus der Erde ragenden Knochenhand festhalten kann. Kommissar Torkel Höglund und sein Team von der Reichsmordkommission – Sebastian Bergman ist mit von der Partie – haben es mit insgesamt 6 Leichen zu tun und stehen vor einem Rätsel. Wer sind die Toten, wer hat sie hier vergraben und wieso?

Eine Frau aus Afghanistan trauert seit 10 Jahren um ihren verschwundenen Ehemann, welcher einfach von einem Tag auf den anderen weg war. Freiwillig konnte er nicht gegangen sein. Was steckte dahinter? Die Polizei hatte ihr nicht helfen wollen, der erste, der Interesse zeigt, ist ein Journalist. Er fängt auf eigene Faust zu ermitteln an, was nicht ganz ungefährlich ist.

Die Toten, die niemand vermisst ist der dritte Fall mit den Ermittlern der Reichskommission. Die menschlichen Spannungen im Team nehmen ihren Lauf, werden nicht weniger, im Gegenteil. Die Beziehungsgefüge zwischen den einzelnen Mitarbeitern machen einen grossen Teil des Buches aus. Der Plot ist eigentlich die Summe vieler Plots, welche etappenweise verfolgt werden. Es fängt mit einem an, um zum nächsten zu springen, welcher dem dritten Platz macht. Über lange Strecken ist der Zusammenhang der verschiedenen Stränge nicht sichtbar, man weiss als Leser nur, dass es einen geben muss, da ansonsten der Krimi (noch) unverständlich(er) wäre.

Hjorth und Rosenfeldt haben auch im dritten Fall wieder sehr plastische Figuren gezeichnet, die Orte des Geschehens sind stimmungsvoll und mit allen Sinnen erfasst. Wer Krimis mag, bei denen sich verschiedene Fäden langsam zu einem Netz verbinden, das immer engmaschiger wird, bis schlussendlich alles zusammenhängt und der Fall sich klärt, wird dieses Buch lieben. Wer ein schlechtes Namensgedächtnis hat, findet hier ein prima Übungsstück (oder er wappnet sich von Anfang an mit Papier und Stift, um die einzelnen Namen und ihre Rollen aufzuschreiben).

Alles in allem war das Buch etwas lang, einiges hätte man kürzen und damit spannender machen können. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi.

Fazit:
Unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi mit plastischen Figuren und anschaulichen Schauplätzen, in dem sich erst unabhängige Stränge langsam zu einem Ganzen verbinden. Empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Hjorth
Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

Hans Rosenfeldt
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator und ein gefragter Drehbuchautor, zuletzt schrieb er die Vorlage für die ZDF-Koproduktion The Bridge.

Bereits vom Autorenduo erschienen sind Der Mann, der kein Mörder war und Die Frauen, die er kannte.

Angaben zum Buch:
die_toten_die_niemand_vermisstTaschenbuch: 624 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (1. Juli 2013)
Übersetzung: Ursel Allenstein
ISBN-Nr.: 978-3499267017
Preis: EUR 14.99 / CHF 15.90

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Rezension: Jenny Offill – Amt für Mutmassungen

Das Leben probieren

Sie erinnert sich an den ersten Abend, an dem sie wusste, dass sie ihn liebte, daran, wie die Angst über sie hereinbrach. Sie hatte den Kopf an seine Brust gelegt und seinem Herzschlag gelauscht. Eines Tages wird es das nicht mehr geben, hatte sie gedacht. Das verzweifelte Nein, Nein, Nein.

Sie will Kunstegomanin werden, ohne Beziehung, ohne Ehe, allein und unabhängig. Dann lernt sie ihn kennen und lieben. Die Liebe macht ihr Angst, aber sie heiratet ihn und sie kriegen ein Kind. Sie denkt viel. Denkt über sich nach, über ihn, liebt das Kind, liebt ihn. Das Leben geht weiter, sie meistern Hürden, neue kommen. Es bleibt die Liebe, doch sie ist nicht nur einfach.

Ich wollte nur, dass du mich über alles liebst.

Jenny Offill erzählt in ihrem Roman Amt für Mutmassungen die Geschichte einer Ehe. Sie erzählt von einer Frau, die mit dem Leben kämpft, die Angst vor dem Leben und der Liebe hat und sich doch immer wieder neu drauf einlässt. Sie erzählt diese Geschichte in Gedankenfetzen, in Situationshappen, die oft das Wichtige aussparen, welches doch zwischen den Zeilen schimmert und Folgen hat. Sie erzählt von einem Leben, das immer neue Hürden mit sich bringt, immer neue Fragen aufwirft, Raum für immer neue Ängste öffnet.

Amt für Mutmassungen ist ein Buch über Selbstzweifel, Hoffnungen, Liebe und Angst. Es ist ein tiefgründiges Buch, das den Inhalt in die Form giesst, indem die vielen Lücken der Gewissheit, wie das Leben läuft, in die Lücken des Textes übergehen, und doch in Form einer Ahnung durchscheinen. Die Sprunghaftigkeit des Denkens der Frau spiegelt sich in der Kurzatmigkeit der Sprache und der Zerstückeltheit des Textes wieder. Der nicht lineare Lebenslauf, die Uneindeutigkeit richtiger Lebensentscheide findet in den Gedanken- und damit auch Textsprüngen seine Entsprechung. Ein Buch, das packt, das hinterfragt, das mehr Fragen als Antworten bietet und nachdenklich macht, indem es dann und wann wie ein Spiegel wirkt.

 

Fazit:
Ein packendes, hinterfragendes, , tief gehendes und eindringliches Buch voller Fragen und weniger Antworten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Jenny Offill
Jenny Offill wurde 1968 in Massachusetts geboren und lebt heute in New York. Sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten Kreatives Schreiben. Ihr Debütroman Annas kosmischer Kalender (1999) wurde für den L. A. Times First Book Award nominiert. Sie schreibt Kurzgeschichten, Kinderbücher, Essays und Artikel u.a. für die Washington Post. Amt für Mutmaßungen, ihr zweiter Roman, wurde mit dem Ellen Levine Award ausgezeichnet.

 

Angaben zum Buch:
OffillamtGebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (29. September 2014)
Übersetzung: Melanie Walz
ISBN: 978-3421046222
Preis: EUR 17.99/ CHF 26.90

 

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Rezension: FranÇois Lelord – Hector fängt ein neues Leben an

Wenn die Lebensmitte alles ändert

Wenn Sie ihn danach gefragt hätten, hätte Hector Ihnen geantwortet, dass er mit seinem Leben im Grossen und Ganzen recht zufrieden sei und sich vor allem wünsche, dass alles so weiterlaufe wie bisher. Und das war nun leider wirklich ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr jung war.
Dennoch träumte er von Zeit zu Zeit, ohne es sich einzugestehen, von einem anderen Leben, was wiederum bewies, dass er eben auch noch nicht richtig alt war.

Hectors Patienten sind unzufrieden mit sich und ihrem Leben. Träume, die sie mal hatten, kommen ihnen plötzlich leer und sinnlos vor, die Karriere hat Opfer gefordert, die mit den eigenen Grundsätzen nicht mehr übereinstimmen, das Leben nahm irgendwann eine Dynamik an, die nicht mehr dem entsprach, was sie wollten. Hector versucht, Ihnen die richtigen Fragen zu stellen, damit sie ihren Weg wieder finden, der, der für sie passt. Gleichzeitig merkt er bei sich selber, dass es ihm selber so geht. Zwar liebt er seinen Beruf und seine Frau, trotzdem sieht er Verlockungen, die ihn reizen würden. In sein Notizbuch schreibt er in diesen Tagen immer wieder Midlife-Crisis.

Eigentlich wusste Hector nicht recht, ob er an die ominöse Midlife-Crisis glaubte, von der in den Zeitschriften so oft die Rede war. […]
Krisen konnten sich nämlich in jedem Moment des Lebens ereignen, und ausserdem gab es viele Menschen mittleren Alters, die keine solche Krise durchmachten.
Aber wenn sich jemand so um die vierzig oder fünfzig schlecht fühlte, wenn er seine Arbeit oder seinen Ehepartner nicht mehr so gut ertragen konnte oder sogar gleich ganz auswechseln wollte, dann fragte er sich natürlich, ob es nicht vielleicht die Midlife-Crisis war.

François Lelord erzählt in seiner gewohnt feinfühligen, sanften Art die Geschichte seines Protagonisten Hector weiter, lässt ihn die Lebensmitte bei sich und seinen Patienten erkunden und aufdecken, was hinter den vielen Krisen stecken könnte, mit denen sie – und er selber – sich beschäftigen. Hector fängt ein neues Leben an ist ein tiefgründiges, psychologisches Buch, ohne mit dem Zeigefinger belehren zu wollen. Es nimmt sich dem Thema der Midlife-Crisis auf eine erzählerische, fast schon melodisch anmutende Weise an, legt die Tücken und Schwierigkeiten anhand der Nebengeschichten offen und zeigt deren möglichen Auflösungen bei den einzelnen Charakteren im Buch.

Der eine oder andere Leser im richtigen Alter mag sich in gewissen Gedankengängen erkennen und selber hinterfragen. So oder so ist das Buch in jedem Alter lesenswert, da neben der Grundthematik der Midlife-Crisis die Figuren und deren Geschichten, allen voran Hectors eigene den Leser auf eine wunderbare Lesereise mitnehmen.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, melodisches Buch voller Fragen und möglicher Antworten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
François Lelord
François Lelord wurde 1953 geboren und studierte Medizin und Psychologie. Nach einigen Jahren als Psychiater mit eigener Praxis schloss er diese, um zu reisen und zu schreiben. Er lebt mit seiner Frau in Paris und Hanoi und ist mittlerweile auch wieder als Psychiater tätig. Sein Buch Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück eroberte ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, es folgten weitere Hector-Bücher und andere Publikationen. Von François Lelord unter anderem erschienen sind Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück (2006), Hector und die Entdeckung der Zeit ( 2008), Hector und die Geheimnisse der Liebe ( 2007).

 

Angaben zum Buch:
LelordNeuesLebenTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (10. November 2014)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3492306416
Preis: EUR 8.99/ CHF 14.90

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Rezension: Lucie Flebbe – Tödlicher Kick

Puff um einen Kicker

Die Spannung im Stadion steigt, Bochum steht kurz vor dem Aufstieg in die nächste Liga, doch der alles entscheidende Kick des Nachwuchsfussballers Oran Mongabadhi geht daneben. Am nächsten Morgen ist dieser tot, niedergestreckt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die Polizei ermittelt gegen Mongabadhis Freundin, eine Prostituierte mit Lockenkopf, welche kurz nach der Tat blutverschmiert vor der Haustür des Ermittlerduos Lila und Danner steht.

„Ich muss Sie beauftragen“, sagte Curly-Mo ohne Nachnamen. „Ich habe auch Geld“, fügte sie rasch hinzu, als sie meine noch immer gerunzelte Stirn bemerkte. […] „Ich sitze echt in der Scheisse“, gestand Curly […]

Die Suche nach dem wahren Täter gestaltet sich schwierig, da die Verdächtigen zunehmen, die Situationen zunehmend brenzliger werden, Streitereien zwischen Lila und Danner noch erschwerend dazu kommen. Nach einem besonders heftigen Streit nimmt Lila die Nachforschungen in die eigenen Hände und begibt sich dabei in Gefahr. Nicht nur die Aufklärung des Falls, sondern auch ihr Leben steht plötzlich auf dem Spiel.

Tödlicher Kick ist ein solide gestrickter Krimi, der kriminalistische Aufklärungsarbeit mit Beziehungsproblemen, Vergangenheitsbewältigung der Protagonisten und aktuellen Themen wie Homosexualität im Fussball und Prostitution und Frauenhandel zu einem unterhaltsamen Ganzen verwebt.

Man dachte schon nach Das fünfte Foto, dass Lila ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätte und nun froh in die Zukunft ginge, allerdings scheint ihre Vergangenheit Stoff für mehrere Bewältigungsschübe zu liefern, so dass sie auch in diesem Buch wieder eines der zentralen Hintergrundthemen ist. Dass Danner ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, macht das Miteinander des Ermittlerteams umso schwerer und die Beziehungsthematik nimmt einen vergleichsweise grossen Stellenwert in der ganzen Geschichte ein. Nichtsdestotrotz ist Lucie Flebbe auch mit Tödlicher Kick ein flüssig zu lesender, unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein solide gestrickter Krimi, unterhaltsame und spannende Lektüre. Empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier.

Angaben zum Buch:
FlebbeKickTaschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (11. März 2014)
ISBN: 978-3894254353
Preis: EUR 10.99/ CHF 17.90

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Rezension: Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Wie einer wird, was einer ist

Er hatte seine Orientierung verloren. Das war kein räumliches Problem. Daniel Tafts Sinne waren gestört. Er, der immer seinen Weg gekannt und grundsätzlich die Richtung gewusst hatte, taumelte durch die Tage. Zuerst wurde ihm die Zeit gleichgültig, kurz darauf fanden seine Gedanken keinen Halt mehr, weder Ruhe noch Richtung. […] Dabei lagen die Themen auf der Strasse. Mehr als genug. Nur fassbar waren sie nicht mehr. Unfassbar stattdessen ohne Veronika, seine Frau.

Als Veronika von einem Tag auf den anderen verschwindet, ohne für ihren Weggang einen Grund zu nennen oder sonst ein Wort zu verlieren, bricht für Taft eine Welt zusammen. Er möchte seine Frau finden, weiss allerdings nicht mal, wo er suchen könnte. Taft bricht mit seinem Leben, kündet seine Wohnung und nimmt eine Auszeit im Beruf, zieht in die deutsche Heimatstadt seiner Frau, in der Hoffnung, dass sie irgendwann da auftaucht, und eröffnet einen Laden, in dem er Karten verkauft. Es sind keine normalen Karten, sondern Karten, die den Menschen Themen verkaufen. Themen, die sie selber denken könnten, sie aber lieber bei ihm finden und kaufen.

Die Idee schlägt ein, sein Laden wird von den Medien aufgegriffen, und Taft hofft, dass Veronika davon hört und ihn so finden wird. Veronika kommt nicht. Dafür kommt Olivia. Eines Tages steht sie in seinem Laden und bleibt, weil er keine Karte mit dem Wort Liebe verkauft.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, gleich kehrtzumachen und zu gehen, wenn Sie eine Karte verkaufen auf der ‚Liebe’ steht, fügte die Frau hinzu. Ihr Gesichtsausdruck war lausbübisch. Damit war alles gesagt, befand Taft und antwortete nicht.

Sie bringt wieder ein wenig Leben in Tafts Alltag, holt ihn aus seinem Schweigen heraus, trotzdem bleibt all sein Tun auf ein Ziel fixiert: Veronika wiederzufinden und eine Antwort auf die brennende Frage ‚Warum’ zu erhalten. Alles, was Taft ist und tut, ist und tut er, weil Veronika ging, dessen ist sich Taft sicher.

In einer klaren, schnörkellosen Sprache erzählt Husch Josten die Geschichte vom tadellosen Herrn Taft. Erst nur durch Andeutungen, klärt sich nach und nach der Blick auf Tafts Schicksal, erfährt der Leser Häppchenweise vom Weggang Veronikas und was dieser alles ausgelöst hat. Untermalt mit Jazzmusik, welche Taft einzelnen Lebensmomenten zuteilt, erfährt man mehr über seine Stimmung, sein Befinden. Man nimmt Anteil an seinem Leiden, ohne dass dieses in viele Worte gekleidet wäre.

Taft ist ein Mann weniger Worte, meist reden nur die anderen, allerdings bringt er sie dazu – sei es durch seine Themenkarten, sei es durch seine Art des Zuhörens oder einzelne Fragen. Die wenigen Momente, in denen Taft ins Erzählen kommt, stehen nicht im Buch, sie werden nur erzählt von denen, die ihm zuhörten. Der tadellose Herr Taft ist ein Buch der Worte, ein Buch der Gedanken, ein Buch, das zum Nachdenken anregt und Fragen entstehen lässt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der verloren hat, wer er ist, der alles, was er tut, dem Zufall oder seinem Leiden zuschreibt. Es ist ein Buch darum, wer einer ist und wie er wird, wer er ist.

Husch Josten ist eine sehr leise, feine Geschichte gelungen, eine Geschichte, die einen nicht loslässt. Man geht, fühlt und denkt mit Taft, hört seine Musik und wartet mit ihm auf Veronika.

Etwas gar ausufernd abgehandelt sind einzelne politische Themen und Kriegsprobleme, Afghanistan und der internationale Gerichtshof werden in allen Details behandelt. Die Passagen zeugen zwar vom grossen Interesse und ebensolcher Kompetenz der Autorin, hätten aber in abgespeckter Form dem Lauf der Geschichte besser gedient und den Lesefluss weniger gestoppt. Trotz allem eine wunderbare Geschichte mit einem stimmigen Plot, lebensnahen Charakteren, mit denen man sich identifiziert, die man ins Herz schliesst, mit denen man mitfühlt und gut eingesetzten Spannungsbogen, die einen immer wieder weiterlesen lassen, weil man alles erfahren will, was hinter der Geschichte steckt.

Fazit:
Ein einfühlsames, zum Nachdenken anregendes Buch mit einem stimmigen Plot und lebensnahen Themen und Charakteren. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

 

Angaben zum Buch:
JostenTaftGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin University Press (15. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3862800698
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90
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Rezension: Andreas Izquierdo – Der Club der Traumtänzer

Was wirklich zählt im Leben

Gabor Schöning hat alles, was man sich wünschen kann im Leben: einen tollen Job, in dem er erfolgreich ist, ein luxuriöses Penthouse, er sieht gut aus, was er bei vielen Frauen gut einsetzen kann. Aalglatt geht er durch die Welt, die er nach seinen Wünschen gestaltet, mal mit Tricks, mal mit Schmeichelei, auch mit Geld.

Als er wieder einmal von einem unbeschwerten Abend nach Hause fährt, neben ihm seine Affäre, die gleichzeitig die Frau seines Chefs ist, verursacht er einen Unfall, bei dem eine Frau verletzt wird. Zuerst glaubt er, auch hier die Folgen von sich abwenden zu können, doch dann steht er plötzlich vor einem Ultimatum: Entweder er engagiert sich in einer Schule für lernbehinderte Kinder als Tanzlehrer oder seine Karriere ist beendet.

„Gabor, jetzt sehen Sie mich nicht so an. Da wird einem ja ganz schwer ums Herz. Aber ich habe nicht die Frau meines Chefs verführt und dabei einen unschuldigen Menschen über den Haufen gefahren. Das waren ganz allein Sie!“

Gabor war fassungslos. „Sie erpressen mich?!“

Kathrin schaute ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. „Aber es ist doch nicht für mich, Gabor. Es ist für die Kinder! Denken Sie doch mal, was das für eine schöne Überraschung sein wird! Geht Ihnen da nicht das Herz auf?!“

„Nein!“

Gabor bleibt nichts übrig, als sich dieser Aufgabe zu stellen. Erst noch widerwillig, innerlich in Abwehrhaltung und äusserlich genervt, verbringt er seine Zeit mit den Kindern. Mit der Zeit bekommt Gabor immer mehr von den Geschichten dieser Kinder mit, sieht das Leben, das sie leben, womit sie kämpfen. Je tiefer Gabor Einblick in diese Geschichten erhält, desto mehr regt sich etwas in ihm, das er bislang nie bei sich gespürt hatte: ein Herz. Gabor fängt an, sich zu engagieren, fällt dabei mehr als einmal auf die Nase, gefährdet mehr und mehr seinen Job, sein Leben hat er schon lange aus den Angeln gehoben. Alles, was ihm mal wichtig war, zählt nicht mehr. Als dann einer seiner Schützlinge auch noch mit dem Tod ringt, gibt es kein Halten mehr, Gabor würde alles auf eine Karte setzen, ihm zu helfen.

Ich hatte niemals einen richtigen Freund, aber jetzt will ich welche haben, weil du mir gezeigt hast, was das bedeutet: Freundschaft.

Andreas Izquierdo ist mit Der Club der Traumtänzer eine wunderbar feinfühlige, tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist eine Geschichte über die Welt von heute mit allen ihren Anforderungen an Menschen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen sein können, mit was Menschen in verschiedenen Situationen zu kämpfen haben. Ab und an ist dieses Bild sehr schwarz und weiss, die Botschaft eine sehr moralische, nie aber eine überhebliche. Aufgezeigt wird immer, dass bei allem, was man vorne sieht, viel dahinter steckt, das man zuerst kennen sollte, bevor man urteilt. Nicht alles, was glänzt, ist wirklich wertvoll. Auch Gabor muss das lernen, vor allem lernt er, sich auch seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Das Buch fängt ein wenig schleppend an, braucht lange, um in Gang zu kommen, fesselt den Leser dann aber immer mehr und lässt ihn nicht mehr los. Es wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben beim Lesen, kaum ein Herz unberührt.

Gerne würde ich es bei diesem Lobestaumel belassen, allerdings gibt es ein grosses Aber: Schon auf der ersten Seite fanden sich Fehler in Hülle und Fülle, die auch über das Buch hinweg nicht abnahmen. Könnte man bei Kommafehlern noch ein Auge zudrücken, wird es bei Fallfehlern schon schwieriger. Dass Figuren die Schreibweise ihres Namens ändern, ist mühselig, wenn ganze Wörter vergessen werden im Satz, macht das Lesen keine Freude mehr. Verwechslungen wie ‚das’ und ‚dass’ sowie ‚ward’ und ‚wart’ kamen noch dazu. Fehler in dieser Fülle schmälerten den Lesespass enorm, dass dies bei einem Verlag wie DuMont passiert, ist beschämend.

Hätte ich mir von dem Autoren nicht viel erhofft, hätte ich das Buch zur Seite gelegt. Ich hoffe, viele Leser tun es mir gleich und lesen das Buch, denn die Geschichte ist es wert!

 

Fazit:
Ein wundervoller, tiefgründiger, herzerwärmender Roman mit viel Gefühl, der grosse und schwere Themen anspricht, ohne damit zu erschlagen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Mehr zu Andreas Izquierdo in diesem Interview: Andreas Izquierdo – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
IzqierdoTraumtänzerBroschiert: 448 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (8. Oktober 2014)
ISBN-Nr.: 978-3832162634
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

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Rezension: Pauline Boss – Da und doch so fern

Abschied ohne Ende

Demenz ist eine Krankheit, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Kaum eine Familie, in der kein Mitglied oder Freund daran erkrankt ist. Kaum eine Familie, in der keiner einen Angehörigen eines demenzerkrankten Menschen kennt und immer mehr Menschen werden zu Angehörigen von demenzerkrankten Menschen.

Liegt bei vielen Büchern der Schwerpunkt auf der Krankheit, auf dem Patienten, wendet sich Pauline Boss den Angehörigen der Patienten zu und zeigt die Schwierigkeiten auf, mit denen diese Angehörigen tagtäglich zu kämpfen haben. Sie zeigt die Trauer über den Verlust, der doppelt schwer ist, weil der Mensch, um den man trauert, noch da ist, aber nicht als der, den man kennt, sondern in einer veränderten und sich immer weiter verändernden Form. Neben der Trauer kommen weitere Probleme wie Erschöpfung, Isolation, Hilflosigkeit und auch Wut ins Spiel. Und als ob das nicht genug wäre, stehen auch Fragen nach Sinn und Hoffnung im Raum und man kämpft mit Schuldgefühlen, wenn man sich überfordert fühlt als Angehöriger und dementsprechend auch mal handelt, wie man das nicht möchte.

Sinn und Hoffnung zu finden, das ist möglich, selbst in einer so herausfordernden Situation wie in der Begleitung einer geliebten demenzerkrankten Bezugsperson. Doch es braucht Strategien, damit dies möglich ist.

Pauline Boss hat Leitlinien entwickelt, die betreuenden Angehörigen helfen sollen, ihre schwierige Situation an der Seite eines demenzerkrankten geliebten Menschen zu meistern. Diese Leitlinien sollen helfen, die Resilienz (Fähigkeit, in Krisen auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zurückzugreifen, und daran zu wachsen) zu erhöhen und Stress abzubauen.

Eine kontinuierliche individuelle Beratung und Begleitung der Angehörigen sind wichtiger als jeder andere therapeutische Ansatz. Patienten sind das „Spiegelbild“ der Angehörigen. Wenn die Angehörigen nicht überfordert sind, nicht argumentativ, sondern verstehend mit den demenzerkrankten Personen umgehen, fühlen sich die Betroffenen sicher, und es entstehen weniger Verhaltensstörungen.

Wichtig ist wohl die Einsicht, dass es keine perfekten Beziehungen gibt, schon gar nicht in Bezug auf demenzerkrankte Menschen. Ziel soll es sein, so Pauline Boss, genügend gute Beziehungen zu haben. Dies ist nicht einfach, da man immer weiss, wie Beziehungen mal waren und nun einer veränderten Beziehung gegenüber steht, in der einem vieles fehlt, was früher Kern der Beziehung war.

Es ist besonders schwierig, einen Sinn darin zu sehen, weil ein geliebter Mensch gleichzeitig da und doch so fern ist. Die Beziehung, die Sie einmal zu ihm gehabt haben, hat sich grundlegend gewandelt. Es fühlt sich so an, als ob eine fremde Person zu Hause wäre. Nichts ist klar und endgültig. Sie befinden sich in einer Warteschleife, ohne die Möglichkeit zu trauern oder einen Sinn darin zu sehen.

Pauline Boss versucht, Angehörigen Mut zu machen, sie zeigt Wege auf, mit der schweren Situation umzugehen. Sie zeigt die Wichtigkeit, sich auch als Angehöriger eines demenzerkrankten Menschen nicht selber zu vergessen, sondern sein eigenes Leben achtsam gegen sich zu leben. Sehr zentral ist dabei auch der Umgang mit Menschen, um nicht in eine Isolation zu geraten.

Der Umgang mit Demenz ist schwer, er ist körperlich wie seelisch belastend. Die Hilflosigkeit und der Verlust der Kontrolle lösen Stress aus und die Unabwendbarkeit lässt Wut und das Gefühl von Sinnlosigkeit aufsteigen. Sich den Gefühlen zu stellen, ist wichtig, gewisse Situationen in ihrer Absurdität zu erkennen und auch darüber zu lachen, kann dem Ganzen ab und an den Schrecken nehmen. Das Akzeptieren, dass die Beziehung nicht mehr ist, wie sie mal war, aber eine neue entsteht, kann mit der Zeit entlasten und die Trauer etwas mildern.

Die Anforderungen an betreuende Angehörige sind so hoch. Wie kann ich mich da noch um mich selber kümmern?

Es ist wichtig zu sehen, dass man nicht alleine ist, dass man Hilfe annehmen darf, dass man auch zu sich schauen soll, nicht nur für den anderen da sein muss. Pauline Boss zeigt Mittel und Wege, wie man als Angehöriger einen Weg finden kann, mit den Herausforderungen der Begleitung und Betreuung eines demenzerkrankten Menschen umgehen kann. In einem Anhang findet man weiterführende Informationen und Empfehlungen der Herausgeberinnen sowie Literaturtipps.

Fazit:
Ein schwieriges Thema von einer neuen Seite angepackt. Ein Buch, das Angehörigen von Demenzkranken Mut machen und ihnen Wege zur besseren Bewältigung ihrer Rolle aufzeigen will. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Pauline Boss
Pauline Boss, PhD, ist emeritierte Professorin an der Universität Minnesota und hielt eine Gastprofessur an der Harvard Medical School inne. Bekanntheit erlangte sie mit ihren bahnbrechenden Untersuchungen zur Stressreduktion bei Personen, deren Angehörige oder Freunde von Demenz betroffen sind.

Dr. med. Irene Bopp-Kistler (Hg.)
Irene Bopp-Kistler hat an der Universität Zürich Medizin studiert und sich zur Fachärztin für innere Medizin ausbilden lassen. Später spezialisierte sich Bopp auf das Gebiet der Geriatrie. Heute ist sie leitende Ärztin der Memory-Klinik Waidspital Zürich. Ein grosses Anliegen ist ihr die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Sie hält Vorträge und publiziert Schriften zum Thema Demenz.

Marianne Pletscher (Hg.)
Marianne Pletscher hat seit den frühen 1970er-Jahren für das Schweizer Fernsehen gearbeitet, unter anderem als Newsredaktorin, Kassensturz- und Rundschaureporterin, Auslandkorrespondentin und Produzentin. Seit rund 20 Jahren arbeitet sie fast ausschliesslich als Dokumentarfilmerin. Zum Thema Demenz hat sie die Filme »Glück im Vergessen?« (2009), »Behütet ins gemeinsame Boot« (2012) und »Sinn und Hoffnung Finden« (2013) realisiert. Zudem ist sie als Dozentin für Dokumentarfilm tätig.

Angaben zum Buch:
BossDaGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (12. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-907625-74-3
Preis: EUR 29.80 / CHF 36

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Rezension: Sara Rattaro – Mehr als mein Leben

Lebenslügen

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich liess es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Viola war immer schon anders als die anderen. Dass sich Carlo, der Schwarm aller in der Schule, ausgerechnet für sie interessierte, verstand keiner, am wenigsten Carlos Mutter. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich, werden eine kleine Familie mit Luce, leben über Jahre glücklich zusammen, bis eines Tages alles aufbricht, die ganze grosse Lebenslüge mitten im Raum steht: Luce liegt im Spital, kämpft um ihr Leben, helfen kann nur noch eine Lebertransplantation. Aber: Carlo ist nicht ihr Vater, seine Leber passt nicht.

Sich an die Vergangenheit zu erinnern war, wir das Fenster eines Wolkenkratzers in achthundert Meter Höhe aufzureissen und ohne Geländer in die Tiefe zu blicken. Das Gefühl, in den Abgrund zu fallen.

Mehr als mein Leben ist die Geschichte von Menschen mit Fehlern, eine Geschichte, die Lebenslügen offenbart und aufzeigt, was diese mit den einzelnen Mitgliedern einer Familie anstellen. Es ist ein Buch voller Emotionen, sowohl in der Geschichte selber wie auch beim Leser. Das Buch lässt einen eintauchen in die Welt von Viola, lässt einen mitfühlen bei Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Sara Rattaro schreibt in einer klaren, knappen Sprache, sie pendelt zwischen dem aktuellen Geschehen und Violas Erinnerungen an ihr Leben, das zu dieser Aktualität führte, hin und her. Durch die emotionale Präsenz der Gegenwart, durch die Angst um die Tochter und den Drang, wissen zu wollen, wie es weiter geht, werden die Rückblenden mit der Zeit zu einer Bremse, indem sie einen von dem zurückhalten, in das man weiter hinein möchte. Des Weiteren ist ziemlich bald klar, was Viola plant, um das Leben ihrer Tochter zu retten, was Spannung wegnimmt. Trotzdem ist das Buch gut gelungen, es berührt, es wühlt auf, es stellt Fragen in den Raum, die man lieber nicht beantworten möchte in der Realität: Was würde ich tun? Wie kann das Leben weiter gehen, wenn Lebenslügen, die eine Basis bildeten, aufbrechen? Welchen Preis zahlt man für sein Leben?

Ich wusste sehr gut, dass der Preis der Sache nicht nur mit Geld zu tun hatte.

 

Fazit:
Ein tiefes, emotional aufwühlendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sara Rattaro
Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. Mehr als mein Leben, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller. Auch ihr jüngster Roman, Die Zerbrechlichkeit der Liebe, feierte in Italien große Erfolge und bedeutete ihren internationalen Durchbruch.

 

Angaben zum Buch:
RattaroLebenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (1. Oktober 2013)
Übersetzung: Gaby Wurster
ISBN-Nr.: 978-3866123496
Preis: EUR 16.99 / CHF 26.90

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Rezension: Hans Rath – Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch

Gott ist tot

„…Und ich dachte, es wäre für uns einfacher, in die Verhandlungen einzusteigen, wenn wir uns darüber einig sind, dass es einen Gott gibt.“
Wieder mal stehe ich auf der Leitung. „Weil?“
„Weil dann meistens auch über die Existenz des Teufels Einigkeit herrscht…“

Vor drei Jahren hatte der Psychotherapeut Jakob Jakobi eine Begegnung mit Gott. Zumindest hatte Abel Baumann behauptet, Gott zu sein. Noch heute ist sich Jakob nicht sicher, ob er es wirklich mit Gott zu tun hatte oder aber eine Psychose vorlag bei dem guten Mann. Da dieser mittlerweile tot ist, lässt sich das nicht mehr klären. Anton Auerbach scheint ein dringendes Anliegen zu haben, denn er lässt nicht locker, bevor sich Jakob nicht Zeit für ihn nimmt. Das Anliegen ist denn auch klar: Er ist ein Abgesannter des Teufels und er will Jakobs Seele. Dafür ist er bereit, so viel zu zahlen, wie Jakob nur will, denn in der Hölle ist Geld unbeschränkt vorhanden. Kein Wunder, wenn schon Banken Unsummen davon beschaffen können.

Das Leben wird nicht einfacher, als sich auch noch Jakobs Exfrau Ellen auf den Leibhaftigen einlässt, irgendwie scheint der Teufel plötzlich überall die Finger – und mehr – im Spiel zu haben.

„Ihr habt sogar schon über das Thema Familienplanung gesprochen“, sage ich. „Beeindruckend.“
„Nicht nur das“, erwidert Ellen lächelnd. „Wir haben auch längst mit der Familienplanung angefangen.“

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist ein witziges Buch, das die Faust-Thematik in die heutige Zeit transportiert, sie mit Liebeswirren anreichert und so zu lockerer und leichter Unterhaltung werden lässt. Hans Roth lässt subtile Seitenhiebe gegen diverse Institutionen heutiger Zeiten fallen, ohne dabei moralisierend oder politisch zu wirken. Das Buch ist durch und durch unterhaltend, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Fazit:
Lockere, leichte, witzige Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans Rath
Hans Rath, Jahrgang 1965, studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

 

Angaben zum Buch:
RathTeufelBroschiert: 288 Seiten
Verlag: Wunderlich Verlag (26. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3805250740
Preis: EUR 14.95 / CHF 22.90

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Rezension: Rowan Coleman – Einfach unvergesslich

Wenn das Gestern langsam verschwindet

Es macht mich so wütend. Ihre Güte und Geduld machen mich wütend. Mein ganzes Leben habe ich versucht, ihr zu beweisen, dass ich alleine klarkomme, dass sie mich nicht ständig zu retten braucht. Mein ganzes Leben habe ich mich getäuscht. 

Claire ist Lehrerin, liebt ihren Beruf. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und eine Mutter. Das Leben war nicht immer einfach, eine Scheidung liegt hinter ihr, das Verhältnis zur Mutter ist angespannt, trotzdem ist sie mit ihrem Leben zufrieden. Zuerst vergisst Claire nur einige Dinge, denkt, sie sei unkonzentriert, denkt, das könne mal passieren. Die Vergesslichkeiten häufen sich und irgendwann gibt es eine Diagnose dafür: Alzheimer. Damit nicht alles verloren geht, schreibt Claire Geschichten, die ihr einfallen, in ein Erinnerungsbuch. Das Buch wird mit der Zeit Bestandteil der ganzen Familie, alle halten ihre Erinnerungen fest, lesen die der anderen. DIe ganze Familie versucht, mit der Situation umzugehen, für alle Betroffenen bedeutet die Diagnose eine Herausforderung. Das Gestern verliert langsam die Konturen, an eine Zukunft wagt man kaum zu denken, alles, was bleibt, sind die Augenblicke, das, was ist. Das ist erscheint oft als viel zu wenig, ist manchmal ganz viel.

Rowan Coleman ist mit Einfach unvergesslich eine berührende und bewegende Geschichte gelungen. Sie wirft den Leser gleich von Anfang an mitten ins Geschehen, indem er mit der Diagnose in die Familiengeschichte einsteigt. Durch Rückblenden in Form der Einträge ins Buch erhält der Leser nach und nach einen umfassenden Blick auf die Vergangenheit, sieht den Weg dahin, wo die Familie und jedes Mitglied darin steht. Bei aller Schwere des Themas gelingt es Coleman, eine gewisse Leichtigkeit des Erzählens zu bewahren, so dass der Leser allein durch das erzählte Geschehen die Tragweite der Krankheit spürt, nicht durch die Form, wie es präsentiert wird.

Das Buch behandelt ein schweres Thema, lässt den Leser durch die einfühlsame Art, mit der die Charaktere gestaltet sind, in die Familie und ihre Konflikte im Umgang mit der Krankheit eintauchen und mitfühlen. Dabei hilft, dass die Geschichte immer wieder aus anderer Perspektive geschrieben wird, so dass man das Thema aus der Warte der verschiedenen Betroffenen kennenlernen kann.

Fazit:
Ein feinfühliger und berührender Roman, der trotz der Schwere des Themas nicht erschlägt.

Zum Autor
Rowan Coleman
Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. »Einfach unvergesslich« ist ihr elfter Roman.

Angaben zum Buch:
ColemanEinfach_unvergesslichGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback Verlag (11. August 2014)
Übersetzung: Marieke Heimburger
ISBN-Nr.: 978-3492060011
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Rezension: Karin Slaughter – Belladonna

Traue nicht deinem Nächsten

Sibyl Adams, eine Professorin am College, sass auf der Toilette, den Kopf gegen die gekachelte Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Ihre Hose war bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, die Beine waren weit gespreizt. Sie hatte eine Stichwunde im Unterleib. Blut füllte das Toilettenbecken, Blut tropfte auf die Bodenkacheln.

Als Sara, Kinderärztin der örtlichen Klinik und Gerichtspathologin, die schwerverletzte Sibyl Adams auf der Restauranttoilette findet, versagen alle lebensrettenden Massnahmen ihr Ziel. Die Brutalität, mit der das Opfer behandelt worden ist, übertrifft alles bislang Gesehene und es ist erst der Anfang einer grausamen Serie von Vergewaltigungen und Schändungen an jungen Frauen. Ihr Exmann, Polizist in dem verschlafenen Ort, übernimmt den Fall mit seinem Team, tappt aber lange im Dunkeln. Ein Wettkampf mit der Zeit beginnt, denn wer weiss, wann der Täter das nächste Mal zuschlägt?

Belladonna ist ein rasanter und packender Thriller. Er hat einen stringenten und stimmigen Plot, einen Hauptkonflikt, dessen Auflösung man als Leser entgegenfiebert, ebenso packende Nebenkonflikte, so dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legt. Die Figuren sind plastisch, man meint, sie zu kennen, kann mit ihnen mitdenken, mitfühlen, versteht ihre Handlungs- und Denkweisen.

Was ab und an störend war, war die Übersetzungsleistung; so heisst es im Buch zum Beispiel ständig „Er machte die Liebe mit mir“ statt richtig „Er machte Liebe mit mir“ – eine Wendung, die mehrfach falsch vorkam und dementsprechend störte. Das aber nur eine Kritik am Rande.

Fazit:
Ein gelungener, packender Thriller mit Suchtfaktor. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Karin Slaughter
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia. 2003 erschien ihr Debütroman Belladonna, der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton, Polizeichef Jeffrey Tolliver und Ermittler Will Trent sind inzwischen in 32 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft worden. Von ihr erschienen sind unter anderem Schattenblume, Belladonna, Vergiss mein nicht und Dreh dich nicht um.

Angaben zum Buch:
SlaughterBelladonnaTaschenbuch: 480Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (8. Juli 2012)
Übersetzung: Teja Schwaner
ISBN-Nr.: 978-3442379064
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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