Rezension: FranÇois Lelord – Hector fängt ein neues Leben an

Wenn die Lebensmitte alles ändert

Wenn Sie ihn danach gefragt hätten, hätte Hector Ihnen geantwortet, dass er mit seinem Leben im Grossen und Ganzen recht zufrieden sei und sich vor allem wünsche, dass alles so weiterlaufe wie bisher. Und das war nun leider wirklich ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr jung war.
Dennoch träumte er von Zeit zu Zeit, ohne es sich einzugestehen, von einem anderen Leben, was wiederum bewies, dass er eben auch noch nicht richtig alt war.

Hectors Patienten sind unzufrieden mit sich und ihrem Leben. Träume, die sie mal hatten, kommen ihnen plötzlich leer und sinnlos vor, die Karriere hat Opfer gefordert, die mit den eigenen Grundsätzen nicht mehr übereinstimmen, das Leben nahm irgendwann eine Dynamik an, die nicht mehr dem entsprach, was sie wollten. Hector versucht, Ihnen die richtigen Fragen zu stellen, damit sie ihren Weg wieder finden, der, der für sie passt. Gleichzeitig merkt er bei sich selber, dass es ihm selber so geht. Zwar liebt er seinen Beruf und seine Frau, trotzdem sieht er Verlockungen, die ihn reizen würden. In sein Notizbuch schreibt er in diesen Tagen immer wieder Midlife-Crisis.

Eigentlich wusste Hector nicht recht, ob er an die ominöse Midlife-Crisis glaubte, von der in den Zeitschriften so oft die Rede war. […]
Krisen konnten sich nämlich in jedem Moment des Lebens ereignen, und ausserdem gab es viele Menschen mittleren Alters, die keine solche Krise durchmachten.
Aber wenn sich jemand so um die vierzig oder fünfzig schlecht fühlte, wenn er seine Arbeit oder seinen Ehepartner nicht mehr so gut ertragen konnte oder sogar gleich ganz auswechseln wollte, dann fragte er sich natürlich, ob es nicht vielleicht die Midlife-Crisis war.

François Lelord erzählt in seiner gewohnt feinfühligen, sanften Art die Geschichte seines Protagonisten Hector weiter, lässt ihn die Lebensmitte bei sich und seinen Patienten erkunden und aufdecken, was hinter den vielen Krisen stecken könnte, mit denen sie – und er selber – sich beschäftigen. Hector fängt ein neues Leben an ist ein tiefgründiges, psychologisches Buch, ohne mit dem Zeigefinger belehren zu wollen. Es nimmt sich dem Thema der Midlife-Crisis auf eine erzählerische, fast schon melodisch anmutende Weise an, legt die Tücken und Schwierigkeiten anhand der Nebengeschichten offen und zeigt deren möglichen Auflösungen bei den einzelnen Charakteren im Buch.

Der eine oder andere Leser im richtigen Alter mag sich in gewissen Gedankengängen erkennen und selber hinterfragen. So oder so ist das Buch in jedem Alter lesenswert, da neben der Grundthematik der Midlife-Crisis die Figuren und deren Geschichten, allen voran Hectors eigene den Leser auf eine wunderbare Lesereise mitnehmen.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, melodisches Buch voller Fragen und möglicher Antworten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
François Lelord
François Lelord wurde 1953 geboren und studierte Medizin und Psychologie. Nach einigen Jahren als Psychiater mit eigener Praxis schloss er diese, um zu reisen und zu schreiben. Er lebt mit seiner Frau in Paris und Hanoi und ist mittlerweile auch wieder als Psychiater tätig. Sein Buch Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück eroberte ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, es folgten weitere Hector-Bücher und andere Publikationen. Von François Lelord unter anderem erschienen sind Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück (2006), Hector und die Entdeckung der Zeit ( 2008), Hector und die Geheimnisse der Liebe ( 2007).

 

Angaben zum Buch:
LelordNeuesLebenTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (10. November 2014)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3492306416
Preis: EUR 8.99/ CHF 14.90

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Rezension: Lucie Flebbe – Tödlicher Kick

Puff um einen Kicker

Die Spannung im Stadion steigt, Bochum steht kurz vor dem Aufstieg in die nächste Liga, doch der alles entscheidende Kick des Nachwuchsfussballers Oran Mongabadhi geht daneben. Am nächsten Morgen ist dieser tot, niedergestreckt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die Polizei ermittelt gegen Mongabadhis Freundin, eine Prostituierte mit Lockenkopf, welche kurz nach der Tat blutverschmiert vor der Haustür des Ermittlerduos Lila und Danner steht.

„Ich muss Sie beauftragen“, sagte Curly-Mo ohne Nachnamen. „Ich habe auch Geld“, fügte sie rasch hinzu, als sie meine noch immer gerunzelte Stirn bemerkte. […] „Ich sitze echt in der Scheisse“, gestand Curly […]

Die Suche nach dem wahren Täter gestaltet sich schwierig, da die Verdächtigen zunehmen, die Situationen zunehmend brenzliger werden, Streitereien zwischen Lila und Danner noch erschwerend dazu kommen. Nach einem besonders heftigen Streit nimmt Lila die Nachforschungen in die eigenen Hände und begibt sich dabei in Gefahr. Nicht nur die Aufklärung des Falls, sondern auch ihr Leben steht plötzlich auf dem Spiel.

Tödlicher Kick ist ein solide gestrickter Krimi, der kriminalistische Aufklärungsarbeit mit Beziehungsproblemen, Vergangenheitsbewältigung der Protagonisten und aktuellen Themen wie Homosexualität im Fussball und Prostitution und Frauenhandel zu einem unterhaltsamen Ganzen verwebt.

Man dachte schon nach Das fünfte Foto, dass Lila ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätte und nun froh in die Zukunft ginge, allerdings scheint ihre Vergangenheit Stoff für mehrere Bewältigungsschübe zu liefern, so dass sie auch in diesem Buch wieder eines der zentralen Hintergrundthemen ist. Dass Danner ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, macht das Miteinander des Ermittlerteams umso schwerer und die Beziehungsthematik nimmt einen vergleichsweise grossen Stellenwert in der ganzen Geschichte ein. Nichtsdestotrotz ist Lucie Flebbe auch mit Tödlicher Kick ein flüssig zu lesender, unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein solide gestrickter Krimi, unterhaltsame und spannende Lektüre. Empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier.

Angaben zum Buch:
FlebbeKickTaschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (11. März 2014)
ISBN: 978-3894254353
Preis: EUR 10.99/ CHF 17.90

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Rezension: Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Wie einer wird, was einer ist

Er hatte seine Orientierung verloren. Das war kein räumliches Problem. Daniel Tafts Sinne waren gestört. Er, der immer seinen Weg gekannt und grundsätzlich die Richtung gewusst hatte, taumelte durch die Tage. Zuerst wurde ihm die Zeit gleichgültig, kurz darauf fanden seine Gedanken keinen Halt mehr, weder Ruhe noch Richtung. […] Dabei lagen die Themen auf der Strasse. Mehr als genug. Nur fassbar waren sie nicht mehr. Unfassbar stattdessen ohne Veronika, seine Frau.

Als Veronika von einem Tag auf den anderen verschwindet, ohne für ihren Weggang einen Grund zu nennen oder sonst ein Wort zu verlieren, bricht für Taft eine Welt zusammen. Er möchte seine Frau finden, weiss allerdings nicht mal, wo er suchen könnte. Taft bricht mit seinem Leben, kündet seine Wohnung und nimmt eine Auszeit im Beruf, zieht in die deutsche Heimatstadt seiner Frau, in der Hoffnung, dass sie irgendwann da auftaucht, und eröffnet einen Laden, in dem er Karten verkauft. Es sind keine normalen Karten, sondern Karten, die den Menschen Themen verkaufen. Themen, die sie selber denken könnten, sie aber lieber bei ihm finden und kaufen.

Die Idee schlägt ein, sein Laden wird von den Medien aufgegriffen, und Taft hofft, dass Veronika davon hört und ihn so finden wird. Veronika kommt nicht. Dafür kommt Olivia. Eines Tages steht sie in seinem Laden und bleibt, weil er keine Karte mit dem Wort Liebe verkauft.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, gleich kehrtzumachen und zu gehen, wenn Sie eine Karte verkaufen auf der ‚Liebe’ steht, fügte die Frau hinzu. Ihr Gesichtsausdruck war lausbübisch. Damit war alles gesagt, befand Taft und antwortete nicht.

Sie bringt wieder ein wenig Leben in Tafts Alltag, holt ihn aus seinem Schweigen heraus, trotzdem bleibt all sein Tun auf ein Ziel fixiert: Veronika wiederzufinden und eine Antwort auf die brennende Frage ‚Warum’ zu erhalten. Alles, was Taft ist und tut, ist und tut er, weil Veronika ging, dessen ist sich Taft sicher.

In einer klaren, schnörkellosen Sprache erzählt Husch Josten die Geschichte vom tadellosen Herrn Taft. Erst nur durch Andeutungen, klärt sich nach und nach der Blick auf Tafts Schicksal, erfährt der Leser Häppchenweise vom Weggang Veronikas und was dieser alles ausgelöst hat. Untermalt mit Jazzmusik, welche Taft einzelnen Lebensmomenten zuteilt, erfährt man mehr über seine Stimmung, sein Befinden. Man nimmt Anteil an seinem Leiden, ohne dass dieses in viele Worte gekleidet wäre.

Taft ist ein Mann weniger Worte, meist reden nur die anderen, allerdings bringt er sie dazu – sei es durch seine Themenkarten, sei es durch seine Art des Zuhörens oder einzelne Fragen. Die wenigen Momente, in denen Taft ins Erzählen kommt, stehen nicht im Buch, sie werden nur erzählt von denen, die ihm zuhörten. Der tadellose Herr Taft ist ein Buch der Worte, ein Buch der Gedanken, ein Buch, das zum Nachdenken anregt und Fragen entstehen lässt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der verloren hat, wer er ist, der alles, was er tut, dem Zufall oder seinem Leiden zuschreibt. Es ist ein Buch darum, wer einer ist und wie er wird, wer er ist.

Husch Josten ist eine sehr leise, feine Geschichte gelungen, eine Geschichte, die einen nicht loslässt. Man geht, fühlt und denkt mit Taft, hört seine Musik und wartet mit ihm auf Veronika.

Etwas gar ausufernd abgehandelt sind einzelne politische Themen und Kriegsprobleme, Afghanistan und der internationale Gerichtshof werden in allen Details behandelt. Die Passagen zeugen zwar vom grossen Interesse und ebensolcher Kompetenz der Autorin, hätten aber in abgespeckter Form dem Lauf der Geschichte besser gedient und den Lesefluss weniger gestoppt. Trotz allem eine wunderbare Geschichte mit einem stimmigen Plot, lebensnahen Charakteren, mit denen man sich identifiziert, die man ins Herz schliesst, mit denen man mitfühlt und gut eingesetzten Spannungsbogen, die einen immer wieder weiterlesen lassen, weil man alles erfahren will, was hinter der Geschichte steckt.

Fazit:
Ein einfühlsames, zum Nachdenken anregendes Buch mit einem stimmigen Plot und lebensnahen Themen und Charakteren. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

 

Angaben zum Buch:
JostenTaftGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin University Press (15. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3862800698
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90
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Rezension: Andreas Izquierdo – Der Club der Traumtänzer

Was wirklich zählt im Leben

Gabor Schöning hat alles, was man sich wünschen kann im Leben: einen tollen Job, in dem er erfolgreich ist, ein luxuriöses Penthouse, er sieht gut aus, was er bei vielen Frauen gut einsetzen kann. Aalglatt geht er durch die Welt, die er nach seinen Wünschen gestaltet, mal mit Tricks, mal mit Schmeichelei, auch mit Geld.

Als er wieder einmal von einem unbeschwerten Abend nach Hause fährt, neben ihm seine Affäre, die gleichzeitig die Frau seines Chefs ist, verursacht er einen Unfall, bei dem eine Frau verletzt wird. Zuerst glaubt er, auch hier die Folgen von sich abwenden zu können, doch dann steht er plötzlich vor einem Ultimatum: Entweder er engagiert sich in einer Schule für lernbehinderte Kinder als Tanzlehrer oder seine Karriere ist beendet.

„Gabor, jetzt sehen Sie mich nicht so an. Da wird einem ja ganz schwer ums Herz. Aber ich habe nicht die Frau meines Chefs verführt und dabei einen unschuldigen Menschen über den Haufen gefahren. Das waren ganz allein Sie!“

Gabor war fassungslos. „Sie erpressen mich?!“

Kathrin schaute ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. „Aber es ist doch nicht für mich, Gabor. Es ist für die Kinder! Denken Sie doch mal, was das für eine schöne Überraschung sein wird! Geht Ihnen da nicht das Herz auf?!“

„Nein!“

Gabor bleibt nichts übrig, als sich dieser Aufgabe zu stellen. Erst noch widerwillig, innerlich in Abwehrhaltung und äusserlich genervt, verbringt er seine Zeit mit den Kindern. Mit der Zeit bekommt Gabor immer mehr von den Geschichten dieser Kinder mit, sieht das Leben, das sie leben, womit sie kämpfen. Je tiefer Gabor Einblick in diese Geschichten erhält, desto mehr regt sich etwas in ihm, das er bislang nie bei sich gespürt hatte: ein Herz. Gabor fängt an, sich zu engagieren, fällt dabei mehr als einmal auf die Nase, gefährdet mehr und mehr seinen Job, sein Leben hat er schon lange aus den Angeln gehoben. Alles, was ihm mal wichtig war, zählt nicht mehr. Als dann einer seiner Schützlinge auch noch mit dem Tod ringt, gibt es kein Halten mehr, Gabor würde alles auf eine Karte setzen, ihm zu helfen.

Ich hatte niemals einen richtigen Freund, aber jetzt will ich welche haben, weil du mir gezeigt hast, was das bedeutet: Freundschaft.

Andreas Izquierdo ist mit Der Club der Traumtänzer eine wunderbar feinfühlige, tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist eine Geschichte über die Welt von heute mit allen ihren Anforderungen an Menschen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen sein können, mit was Menschen in verschiedenen Situationen zu kämpfen haben. Ab und an ist dieses Bild sehr schwarz und weiss, die Botschaft eine sehr moralische, nie aber eine überhebliche. Aufgezeigt wird immer, dass bei allem, was man vorne sieht, viel dahinter steckt, das man zuerst kennen sollte, bevor man urteilt. Nicht alles, was glänzt, ist wirklich wertvoll. Auch Gabor muss das lernen, vor allem lernt er, sich auch seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Das Buch fängt ein wenig schleppend an, braucht lange, um in Gang zu kommen, fesselt den Leser dann aber immer mehr und lässt ihn nicht mehr los. Es wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben beim Lesen, kaum ein Herz unberührt.

Gerne würde ich es bei diesem Lobestaumel belassen, allerdings gibt es ein grosses Aber: Schon auf der ersten Seite fanden sich Fehler in Hülle und Fülle, die auch über das Buch hinweg nicht abnahmen. Könnte man bei Kommafehlern noch ein Auge zudrücken, wird es bei Fallfehlern schon schwieriger. Dass Figuren die Schreibweise ihres Namens ändern, ist mühselig, wenn ganze Wörter vergessen werden im Satz, macht das Lesen keine Freude mehr. Verwechslungen wie ‚das’ und ‚dass’ sowie ‚ward’ und ‚wart’ kamen noch dazu. Fehler in dieser Fülle schmälerten den Lesespass enorm, dass dies bei einem Verlag wie DuMont passiert, ist beschämend.

Hätte ich mir von dem Autoren nicht viel erhofft, hätte ich das Buch zur Seite gelegt. Ich hoffe, viele Leser tun es mir gleich und lesen das Buch, denn die Geschichte ist es wert!

 

Fazit:
Ein wundervoller, tiefgründiger, herzerwärmender Roman mit viel Gefühl, der grosse und schwere Themen anspricht, ohne damit zu erschlagen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Mehr zu Andreas Izquierdo in diesem Interview: Andreas Izquierdo – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
IzqierdoTraumtänzerBroschiert: 448 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (8. Oktober 2014)
ISBN-Nr.: 978-3832162634
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

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Rezension: Pauline Boss – Da und doch so fern

Abschied ohne Ende

Demenz ist eine Krankheit, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Kaum eine Familie, in der kein Mitglied oder Freund daran erkrankt ist. Kaum eine Familie, in der keiner einen Angehörigen eines demenzerkrankten Menschen kennt und immer mehr Menschen werden zu Angehörigen von demenzerkrankten Menschen.

Liegt bei vielen Büchern der Schwerpunkt auf der Krankheit, auf dem Patienten, wendet sich Pauline Boss den Angehörigen der Patienten zu und zeigt die Schwierigkeiten auf, mit denen diese Angehörigen tagtäglich zu kämpfen haben. Sie zeigt die Trauer über den Verlust, der doppelt schwer ist, weil der Mensch, um den man trauert, noch da ist, aber nicht als der, den man kennt, sondern in einer veränderten und sich immer weiter verändernden Form. Neben der Trauer kommen weitere Probleme wie Erschöpfung, Isolation, Hilflosigkeit und auch Wut ins Spiel. Und als ob das nicht genug wäre, stehen auch Fragen nach Sinn und Hoffnung im Raum und man kämpft mit Schuldgefühlen, wenn man sich überfordert fühlt als Angehöriger und dementsprechend auch mal handelt, wie man das nicht möchte.

Sinn und Hoffnung zu finden, das ist möglich, selbst in einer so herausfordernden Situation wie in der Begleitung einer geliebten demenzerkrankten Bezugsperson. Doch es braucht Strategien, damit dies möglich ist.

Pauline Boss hat Leitlinien entwickelt, die betreuenden Angehörigen helfen sollen, ihre schwierige Situation an der Seite eines demenzerkrankten geliebten Menschen zu meistern. Diese Leitlinien sollen helfen, die Resilienz (Fähigkeit, in Krisen auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zurückzugreifen, und daran zu wachsen) zu erhöhen und Stress abzubauen.

Eine kontinuierliche individuelle Beratung und Begleitung der Angehörigen sind wichtiger als jeder andere therapeutische Ansatz. Patienten sind das „Spiegelbild“ der Angehörigen. Wenn die Angehörigen nicht überfordert sind, nicht argumentativ, sondern verstehend mit den demenzerkrankten Personen umgehen, fühlen sich die Betroffenen sicher, und es entstehen weniger Verhaltensstörungen.

Wichtig ist wohl die Einsicht, dass es keine perfekten Beziehungen gibt, schon gar nicht in Bezug auf demenzerkrankte Menschen. Ziel soll es sein, so Pauline Boss, genügend gute Beziehungen zu haben. Dies ist nicht einfach, da man immer weiss, wie Beziehungen mal waren und nun einer veränderten Beziehung gegenüber steht, in der einem vieles fehlt, was früher Kern der Beziehung war.

Es ist besonders schwierig, einen Sinn darin zu sehen, weil ein geliebter Mensch gleichzeitig da und doch so fern ist. Die Beziehung, die Sie einmal zu ihm gehabt haben, hat sich grundlegend gewandelt. Es fühlt sich so an, als ob eine fremde Person zu Hause wäre. Nichts ist klar und endgültig. Sie befinden sich in einer Warteschleife, ohne die Möglichkeit zu trauern oder einen Sinn darin zu sehen.

Pauline Boss versucht, Angehörigen Mut zu machen, sie zeigt Wege auf, mit der schweren Situation umzugehen. Sie zeigt die Wichtigkeit, sich auch als Angehöriger eines demenzerkrankten Menschen nicht selber zu vergessen, sondern sein eigenes Leben achtsam gegen sich zu leben. Sehr zentral ist dabei auch der Umgang mit Menschen, um nicht in eine Isolation zu geraten.

Der Umgang mit Demenz ist schwer, er ist körperlich wie seelisch belastend. Die Hilflosigkeit und der Verlust der Kontrolle lösen Stress aus und die Unabwendbarkeit lässt Wut und das Gefühl von Sinnlosigkeit aufsteigen. Sich den Gefühlen zu stellen, ist wichtig, gewisse Situationen in ihrer Absurdität zu erkennen und auch darüber zu lachen, kann dem Ganzen ab und an den Schrecken nehmen. Das Akzeptieren, dass die Beziehung nicht mehr ist, wie sie mal war, aber eine neue entsteht, kann mit der Zeit entlasten und die Trauer etwas mildern.

Die Anforderungen an betreuende Angehörige sind so hoch. Wie kann ich mich da noch um mich selber kümmern?

Es ist wichtig zu sehen, dass man nicht alleine ist, dass man Hilfe annehmen darf, dass man auch zu sich schauen soll, nicht nur für den anderen da sein muss. Pauline Boss zeigt Mittel und Wege, wie man als Angehöriger einen Weg finden kann, mit den Herausforderungen der Begleitung und Betreuung eines demenzerkrankten Menschen umgehen kann. In einem Anhang findet man weiterführende Informationen und Empfehlungen der Herausgeberinnen sowie Literaturtipps.

Fazit:
Ein schwieriges Thema von einer neuen Seite angepackt. Ein Buch, das Angehörigen von Demenzkranken Mut machen und ihnen Wege zur besseren Bewältigung ihrer Rolle aufzeigen will. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Pauline Boss
Pauline Boss, PhD, ist emeritierte Professorin an der Universität Minnesota und hielt eine Gastprofessur an der Harvard Medical School inne. Bekanntheit erlangte sie mit ihren bahnbrechenden Untersuchungen zur Stressreduktion bei Personen, deren Angehörige oder Freunde von Demenz betroffen sind.

Dr. med. Irene Bopp-Kistler (Hg.)
Irene Bopp-Kistler hat an der Universität Zürich Medizin studiert und sich zur Fachärztin für innere Medizin ausbilden lassen. Später spezialisierte sich Bopp auf das Gebiet der Geriatrie. Heute ist sie leitende Ärztin der Memory-Klinik Waidspital Zürich. Ein grosses Anliegen ist ihr die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Sie hält Vorträge und publiziert Schriften zum Thema Demenz.

Marianne Pletscher (Hg.)
Marianne Pletscher hat seit den frühen 1970er-Jahren für das Schweizer Fernsehen gearbeitet, unter anderem als Newsredaktorin, Kassensturz- und Rundschaureporterin, Auslandkorrespondentin und Produzentin. Seit rund 20 Jahren arbeitet sie fast ausschliesslich als Dokumentarfilmerin. Zum Thema Demenz hat sie die Filme »Glück im Vergessen?« (2009), »Behütet ins gemeinsame Boot« (2012) und »Sinn und Hoffnung Finden« (2013) realisiert. Zudem ist sie als Dozentin für Dokumentarfilm tätig.

Angaben zum Buch:
BossDaGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (12. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-907625-74-3
Preis: EUR 29.80 / CHF 36

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Rezension: Sara Rattaro – Mehr als mein Leben

Lebenslügen

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich liess es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Viola war immer schon anders als die anderen. Dass sich Carlo, der Schwarm aller in der Schule, ausgerechnet für sie interessierte, verstand keiner, am wenigsten Carlos Mutter. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich, werden eine kleine Familie mit Luce, leben über Jahre glücklich zusammen, bis eines Tages alles aufbricht, die ganze grosse Lebenslüge mitten im Raum steht: Luce liegt im Spital, kämpft um ihr Leben, helfen kann nur noch eine Lebertransplantation. Aber: Carlo ist nicht ihr Vater, seine Leber passt nicht.

Sich an die Vergangenheit zu erinnern war, wir das Fenster eines Wolkenkratzers in achthundert Meter Höhe aufzureissen und ohne Geländer in die Tiefe zu blicken. Das Gefühl, in den Abgrund zu fallen.

Mehr als mein Leben ist die Geschichte von Menschen mit Fehlern, eine Geschichte, die Lebenslügen offenbart und aufzeigt, was diese mit den einzelnen Mitgliedern einer Familie anstellen. Es ist ein Buch voller Emotionen, sowohl in der Geschichte selber wie auch beim Leser. Das Buch lässt einen eintauchen in die Welt von Viola, lässt einen mitfühlen bei Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Sara Rattaro schreibt in einer klaren, knappen Sprache, sie pendelt zwischen dem aktuellen Geschehen und Violas Erinnerungen an ihr Leben, das zu dieser Aktualität führte, hin und her. Durch die emotionale Präsenz der Gegenwart, durch die Angst um die Tochter und den Drang, wissen zu wollen, wie es weiter geht, werden die Rückblenden mit der Zeit zu einer Bremse, indem sie einen von dem zurückhalten, in das man weiter hinein möchte. Des Weiteren ist ziemlich bald klar, was Viola plant, um das Leben ihrer Tochter zu retten, was Spannung wegnimmt. Trotzdem ist das Buch gut gelungen, es berührt, es wühlt auf, es stellt Fragen in den Raum, die man lieber nicht beantworten möchte in der Realität: Was würde ich tun? Wie kann das Leben weiter gehen, wenn Lebenslügen, die eine Basis bildeten, aufbrechen? Welchen Preis zahlt man für sein Leben?

Ich wusste sehr gut, dass der Preis der Sache nicht nur mit Geld zu tun hatte.

 

Fazit:
Ein tiefes, emotional aufwühlendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sara Rattaro
Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. Mehr als mein Leben, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller. Auch ihr jüngster Roman, Die Zerbrechlichkeit der Liebe, feierte in Italien große Erfolge und bedeutete ihren internationalen Durchbruch.

 

Angaben zum Buch:
RattaroLebenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (1. Oktober 2013)
Übersetzung: Gaby Wurster
ISBN-Nr.: 978-3866123496
Preis: EUR 16.99 / CHF 26.90

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Rezension: Hans Rath – Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch

Gott ist tot

„…Und ich dachte, es wäre für uns einfacher, in die Verhandlungen einzusteigen, wenn wir uns darüber einig sind, dass es einen Gott gibt.“
Wieder mal stehe ich auf der Leitung. „Weil?“
„Weil dann meistens auch über die Existenz des Teufels Einigkeit herrscht…“

Vor drei Jahren hatte der Psychotherapeut Jakob Jakobi eine Begegnung mit Gott. Zumindest hatte Abel Baumann behauptet, Gott zu sein. Noch heute ist sich Jakob nicht sicher, ob er es wirklich mit Gott zu tun hatte oder aber eine Psychose vorlag bei dem guten Mann. Da dieser mittlerweile tot ist, lässt sich das nicht mehr klären. Anton Auerbach scheint ein dringendes Anliegen zu haben, denn er lässt nicht locker, bevor sich Jakob nicht Zeit für ihn nimmt. Das Anliegen ist denn auch klar: Er ist ein Abgesannter des Teufels und er will Jakobs Seele. Dafür ist er bereit, so viel zu zahlen, wie Jakob nur will, denn in der Hölle ist Geld unbeschränkt vorhanden. Kein Wunder, wenn schon Banken Unsummen davon beschaffen können.

Das Leben wird nicht einfacher, als sich auch noch Jakobs Exfrau Ellen auf den Leibhaftigen einlässt, irgendwie scheint der Teufel plötzlich überall die Finger – und mehr – im Spiel zu haben.

„Ihr habt sogar schon über das Thema Familienplanung gesprochen“, sage ich. „Beeindruckend.“
„Nicht nur das“, erwidert Ellen lächelnd. „Wir haben auch längst mit der Familienplanung angefangen.“

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist ein witziges Buch, das die Faust-Thematik in die heutige Zeit transportiert, sie mit Liebeswirren anreichert und so zu lockerer und leichter Unterhaltung werden lässt. Hans Roth lässt subtile Seitenhiebe gegen diverse Institutionen heutiger Zeiten fallen, ohne dabei moralisierend oder politisch zu wirken. Das Buch ist durch und durch unterhaltend, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Fazit:
Lockere, leichte, witzige Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans Rath
Hans Rath, Jahrgang 1965, studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

 

Angaben zum Buch:
RathTeufelBroschiert: 288 Seiten
Verlag: Wunderlich Verlag (26. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3805250740
Preis: EUR 14.95 / CHF 22.90

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Rezension: Rowan Coleman – Einfach unvergesslich

Wenn das Gestern langsam verschwindet

Es macht mich so wütend. Ihre Güte und Geduld machen mich wütend. Mein ganzes Leben habe ich versucht, ihr zu beweisen, dass ich alleine klarkomme, dass sie mich nicht ständig zu retten braucht. Mein ganzes Leben habe ich mich getäuscht. 

Claire ist Lehrerin, liebt ihren Beruf. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und eine Mutter. Das Leben war nicht immer einfach, eine Scheidung liegt hinter ihr, das Verhältnis zur Mutter ist angespannt, trotzdem ist sie mit ihrem Leben zufrieden. Zuerst vergisst Claire nur einige Dinge, denkt, sie sei unkonzentriert, denkt, das könne mal passieren. Die Vergesslichkeiten häufen sich und irgendwann gibt es eine Diagnose dafür: Alzheimer. Damit nicht alles verloren geht, schreibt Claire Geschichten, die ihr einfallen, in ein Erinnerungsbuch. Das Buch wird mit der Zeit Bestandteil der ganzen Familie, alle halten ihre Erinnerungen fest, lesen die der anderen. DIe ganze Familie versucht, mit der Situation umzugehen, für alle Betroffenen bedeutet die Diagnose eine Herausforderung. Das Gestern verliert langsam die Konturen, an eine Zukunft wagt man kaum zu denken, alles, was bleibt, sind die Augenblicke, das, was ist. Das ist erscheint oft als viel zu wenig, ist manchmal ganz viel.

Rowan Coleman ist mit Einfach unvergesslich eine berührende und bewegende Geschichte gelungen. Sie wirft den Leser gleich von Anfang an mitten ins Geschehen, indem er mit der Diagnose in die Familiengeschichte einsteigt. Durch Rückblenden in Form der Einträge ins Buch erhält der Leser nach und nach einen umfassenden Blick auf die Vergangenheit, sieht den Weg dahin, wo die Familie und jedes Mitglied darin steht. Bei aller Schwere des Themas gelingt es Coleman, eine gewisse Leichtigkeit des Erzählens zu bewahren, so dass der Leser allein durch das erzählte Geschehen die Tragweite der Krankheit spürt, nicht durch die Form, wie es präsentiert wird.

Das Buch behandelt ein schweres Thema, lässt den Leser durch die einfühlsame Art, mit der die Charaktere gestaltet sind, in die Familie und ihre Konflikte im Umgang mit der Krankheit eintauchen und mitfühlen. Dabei hilft, dass die Geschichte immer wieder aus anderer Perspektive geschrieben wird, so dass man das Thema aus der Warte der verschiedenen Betroffenen kennenlernen kann.

Fazit:
Ein feinfühliger und berührender Roman, der trotz der Schwere des Themas nicht erschlägt.

Zum Autor
Rowan Coleman
Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. »Einfach unvergesslich« ist ihr elfter Roman.

Angaben zum Buch:
ColemanEinfach_unvergesslichGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback Verlag (11. August 2014)
Übersetzung: Marieke Heimburger
ISBN-Nr.: 978-3492060011
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Rezension: Karin Slaughter – Belladonna

Traue nicht deinem Nächsten

Sibyl Adams, eine Professorin am College, sass auf der Toilette, den Kopf gegen die gekachelte Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Ihre Hose war bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, die Beine waren weit gespreizt. Sie hatte eine Stichwunde im Unterleib. Blut füllte das Toilettenbecken, Blut tropfte auf die Bodenkacheln.

Als Sara, Kinderärztin der örtlichen Klinik und Gerichtspathologin, die schwerverletzte Sibyl Adams auf der Restauranttoilette findet, versagen alle lebensrettenden Massnahmen ihr Ziel. Die Brutalität, mit der das Opfer behandelt worden ist, übertrifft alles bislang Gesehene und es ist erst der Anfang einer grausamen Serie von Vergewaltigungen und Schändungen an jungen Frauen. Ihr Exmann, Polizist in dem verschlafenen Ort, übernimmt den Fall mit seinem Team, tappt aber lange im Dunkeln. Ein Wettkampf mit der Zeit beginnt, denn wer weiss, wann der Täter das nächste Mal zuschlägt?

Belladonna ist ein rasanter und packender Thriller. Er hat einen stringenten und stimmigen Plot, einen Hauptkonflikt, dessen Auflösung man als Leser entgegenfiebert, ebenso packende Nebenkonflikte, so dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legt. Die Figuren sind plastisch, man meint, sie zu kennen, kann mit ihnen mitdenken, mitfühlen, versteht ihre Handlungs- und Denkweisen.

Was ab und an störend war, war die Übersetzungsleistung; so heisst es im Buch zum Beispiel ständig „Er machte die Liebe mit mir“ statt richtig „Er machte Liebe mit mir“ – eine Wendung, die mehrfach falsch vorkam und dementsprechend störte. Das aber nur eine Kritik am Rande.

Fazit:
Ein gelungener, packender Thriller mit Suchtfaktor. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Karin Slaughter
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia. 2003 erschien ihr Debütroman Belladonna, der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton, Polizeichef Jeffrey Tolliver und Ermittler Will Trent sind inzwischen in 32 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft worden. Von ihr erschienen sind unter anderem Schattenblume, Belladonna, Vergiss mein nicht und Dreh dich nicht um.

Angaben zum Buch:
SlaughterBelladonnaTaschenbuch: 480Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (8. Juli 2012)
Übersetzung: Teja Schwaner
ISBN-Nr.: 978-3442379064
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

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Rezension: Zoë Beck – Brixton Hill

Wem kann man trauen?

Es ist nicht der Aufprall, an den man sich später erinnert. Was man immer wieder vor sich sehen wird, ist der Moment des freien Falls.
Und man wird die Stille dieses Moments hören. Denn die Welt hört auf, sich zu drehen. Alles ist ruhig. Nur der Körper fällt, schwebend, lautlos.

Zuerst streikt nur das Internet, dann setzt hier und da die Technik kurz aus, bis schliesslich nichts mehr geht. Rauch zieht durch die Gänge des Limeharbour Towers, eines dieser modernen neuen Geschäftstowers, in denen auch Kimmy Rasmussen ihr Büro hat. Emma Vine, ihre Geschäftspartnerin und Freundin kann ihr nicht helfen, als sie sich in Panik aus dem Fenster des fünfzenhnten Stock stürzt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, wird sie kurz darauf von der Polizei abgeführt wegen des Verdachts, diesen Terroranschlag verübt zu haben.

Hinter all dem – da ist sich Emma Vine sicher – kann nur Alan stecken, der Mann, der sie seit Wochen stalkt, sie mit Twitternachrichten und anderem verfolgt. Sie macht sich auf die Suche nach ihm, seine Reaktion bestätigt ihre Ahnung, leider will ihr niemand glauben. Kurz darauf ist auch Alan tot und Emma steht unter Mordverdacht. Von diesem Moment an ist Emma auf der Flucht. Sie ahnt noch nicht, wie gross die Kreise wirklich sind, die sich hinter allem verbergen. Was sie aber ahnt ist, dass sie die Nächste sein soll.

 

Mit Brixton Hill ist Zoë Beck ein rundum gelungener Thriller gelungen. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, haben Geschichte, sind abgerundete Charaktere. Die Schauplätze wirken realistisch und bildhaft und der Plot ist stimmig, spannend aufgebaut mit den nötigen Cliffhangern, Wendungen und dem doch erwünschten Ablauf des Geschehens. Zoë Beck zeigt einmal mehr, dass sie ihr Handwerk versteht.

Würde man einen Negativpunkt nennen wollen, dann wohl den, dass es am Schluss plötzlich schnell geht mit der Aufklärung, Dinge nicht mehr gezeigt werden, sondern beschrieben, ohne sie in eine Handlung einzubetten. Trotzdem tut dies dem Lesegenuss keinen Abbruch, die Spannung bleibt von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit:
Brixton Hill packt einen von der ersten Seite und lässt einen nicht mehr los. Pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010).

Mehr zu Zoë Beck und ihrem Schreiben unter Zoë Beck – Nachgefragt.

Angaben zum Buch:
BeckZoeBrixtonTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3453410428
Preis: EUR 8.99 / CHF 14.90

 

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Rezension: Rolf von Siebenthal – Höllenfeuer

Politzirkus und Sektentaumel

Mit einem lauten Knall flog die Wohnzimmertür auf, der Rahmen fing sofort Feuer. Eine Woge aus Hitze und dichtem Qualm umfing ihn und sog die Luft aus seinen Lungen. […] Brunner hob den Kopf und setzte zu einem tierischen Gebrüll an, als der Raum um ihn herum in einem grellen Blitz zerbarst. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorbei.

Der Journalist Max Bollag hat alle Hände voll zu tun. Er schreibt über den Tod des Arztes Michael Brunner, welcher beim Brand seines Hauses ums Leben kam, eine anonym abgegebene Notiz, dass ein vor Jahren verschwundenes Kind noch lebt, lässt ihn Nachforschungen anstellen, Drohungen gegen seine Freundin, die Bundesrätin Petra Mangold, lassen ihn ebenfalls nicht in Ruhe und als ob das nicht genug wäre, schickt ihn sein Chef zu langweiligen Anlässen , da die Zeitung weg von aktuellen Ereignissen hin zu positivem Lokalgeschehen wechseln will.

Bei seinen Nachforschungen kommt er immer wieder Kripo-Chef Heinz Neuenschwander ins Gehege, der weder von der Presse allgemein noch von Max Bollag im Besonderen viel hält. Als sich die Geschehnisse zuspitzen, bleibt den beiden wenig übrig, als zusammenzuarbeiten – zumindest vordergründig -, was auch bitter nötig wird, als es für einen der beiden richtig gefährlich wird.

Weder mit Händen noch Füssen konnte [er sich] wehren, als der Junge die Nadel in seinen Nacken stiess. Er spürte, wie sich irgendein Zeugs von seinem Hals aus in den Körper ergoss. Wenig später erschlafften alle Muskeln und sein Sichtfeld verengte sich wie ein Lasso. Dann zog sich die Schlinge zusammen und riss ihn hinab in die Dunkelheit.

Höllenfeuer ist Rolf von Siebenthals zweiter Kriminalroman. War schon sein erster, Schachzug, gelungen, hat der Autor nochmals zugelegt und mit seinem Zweitwerk einen fesselnden, komplexen und doch verständlichen Krimi geschrieben. Der Plot ist stimmig und spannend, die Schauplätze wirken plastisch und realistisch, einzig die Figuren bleiben teilweise ein wenig blass, was dem Lesegenuss aber wenig Abbruch tut.

Von Siebenthal behandelt in seinem aktuellen Roman politische Meinungsbildung und politische Intrigen, beleuchtet die Hintergründe und Auswüchse von Sekten, streift Themen wie Abtreibung und Sterbehilfe und lässt auch ein bisschen Raum für die Liebe. Alles in allem eine gelungene Mischung, die das Lesen zum Genuss machte.

Fazit:
Höllenfeuer hat alles, was ein guter Kriminalroman haben muss, so macht Lesen Spass. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Rolf von Siebenthal
Rolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen ist bereits der Kriminalroman Schachzug (2013).

 

Angaben zum Buch:
vonSiebenthalHöllenfeuerTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Gmeiner Verlag (2. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3839216149
Preis: EUR 11.99 / CHF 19.90

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Rezension: Kerstin Herrnfeld/Walter K. Ludwig – Tod eines Mathematikers

Sex, Crime and Rock’n’Roll

Er liebt sie. Deshalb bricht er ihr das Genick. So bleibt ihre Schönheit erhalten. Und sie muss nicht leiden. Es ist die humanste Art, jemanden zu töten. Sauber, sicher und schnell. Und vollkommen schmerzlos.
Sie hat keine Chance. Nicht die geringste. Nicht gegen ihn. Er ist stark.

Als der Polizist Harry Tenge nach seiner Silvesterschicht ins Gebüsch pinkelt, schauen ihm aus diesem zwei dunkle Augenhöhlen entgegen. Er hat soeben einen Schädel freigepinkelt. Der Schädel, man erfährt es später, gehört einer seit langem vermissten Frau. Kurz nach diesem Fund bringt sich ein renommierter Mathematikprofessor, Professor Katzenstein, um, der – wie der Zufall so will – der Professor der nunmehr als Leiche gefundenen jungen Frau war – und wie man munkelte, auch deren Liebhaber.

Die Journalistin Alexandra Katzenstein, mit ihrem Vater seit Jahren zerstritten, glaubt nicht an einen Selbstmord. Da ihr niemand glaubt, will sie die Sache selber in die Hand nehmen und den Mord an ihrem Vater klären. Sie erhält dabei Hilfe von ihrem Freund Matze, Fotograf bei derselben Zeitung wie sie. Zwar glaubt er nicht immer an Alexandras Theorie, aber seine Verehrung für die schöne Rothaarige lässt ihn ihr beistehen. Ihnen zu Hilfe kommt alsbald Harry Tenge, welcher auf eigene Faust den Mord an der jungen Frau klären will, weil die Mordkommission zu wenig Gas gibt, und er an eine Verbindung zwischen Katzensteins Tod und „seinem“ Mord glaubt.

„Kann sein, dass ich gerade einen Riesenfehler mache“, begann Harry mit einem leisen Zittern in der Stimme, das verriet, wie unsicher er war. […| „Obwohl es auf der Hand liegt, dass Nicole keines natürlichen Todes gestorben ist, will der Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Kühlborn, jetzt nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird zwar ermittelt, aber, wie ich aus sicherer Quelle weiss, nicht mit Nachdruck. Und das finde ich merkwürdig.“

Tod eines Mathematikers ist ein Krimi, der mit sehr vielen Personen agiert, der an vielen Orten spielt, der die Perspektiven wechselt, den Leser jedes Kapitel wieder in einen neuen Zusammenhang setzt. Aus einer Vielzahl von Anhaltspunkten, möglichen und tatsächlichen Verbrechen, mehreren Verdächtigen und Theorien, kristallisiert sich mehr und mehr eine Lösung heraus, die wieder verworfen wird, um einer neuen Platz zu machen. Die tatsächliche Lösung wirkt schlussendlich ein wenig gesucht, der Schluss nach der Auflösung des Falls erinnert an eine Rosamunde Pilcher-Geschichte und ist gar zuckersüss. Trotzdem ist der Krimi packend, spannend, man will die Auflösung kennen, weswegen man das Buch nicht eher aus der Hand gibt. Gewisse Nebengeschichten hätte man wegstreichen können, da sie dem Storyverlauf keinen Gewinn brachten und auch sonst wenig Gewicht hatten.

 

Fazit:
Spannender Krimi, kompliziert, aber interessant aufgebaut mit einem etwas gesuchten Ende. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Kerstin Herrnkind/Walter K. Ludwig
Kerstin Herrnkind ist eine waschechte Hanseatin. Sie wurde 1965 in Bremen geboren. Im zarten Alter von zehn Jahren verschleppten sie ihre Eltern in die Nähe von Hamburg aufs platte Land. Nach dem Studium volontierte sie bei der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, wo sie und Walter K. Ludwig sich kennenlernten. Nach Zwischenstation bei der taz ging sie zum Stern, wo sie für Polizei- und Justizthemen zuständig ist. 2011 erschien bei Grafit ihr Psychothriller Mein Mann der Mörder. Walter K. Ludwig wurde 1957 in Bad Neustadt a. d. Saale geboren. Er machte Musik, studierte Geschichte und Politikwissenschaft und absolvierte ein Zeitungsvolontariat. Mehrere Jahre arbeitete er als Redakteur. 2007 erschien sein erster Roman. Er lebt als Autor in Hamburg.

Angaben zum Buch:
HerrnkindLudwigMatheTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (27. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254223
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.00

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Rezension: Sunil Mann – Faustrecht

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeitenSunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

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Rezension: Ferdinand von Schirach: Tabu

Wahrheit und Wirklichkeit in einer haltlosen Welt

Kinder waren in Sebastians Familie noch nie der Mittelpunkt gewesen. Man brachte ihnen bei, wie man das Besteck beim Essen hält, wie ein Handkuss gegeben wird und dass ein Kind möglichst wenig reden sollte. Aber die meiste Zeit kümmerte man sich nicht um sie.

Sebastian von Eschenbach, Spross einer alten, verarmten Adelsfamilie, wächst in eine Familie hinein, in der er wenig Wärme und Liebe erfährt. Er ist mit seinen Wahrnehmungen, die sich meist in Farben ausdrücken, von denen er denkt, dass alle sie so sehen, alleine.

Er sah, was andere Menschen sehen. Aber in ihm waren die Farben anders. Sie hatten keine Namen, weil es nicht genug Worte für sie gab. […] Nur seine Mutter hatte keine Farbe.

Mit 10 Jahren kommt Sebastian ins Internat, der erste Halt bricht somit weg, vollends verloren ist er, als sein Vater stirbt. Alles, was sein Leben ausmachte, sein Zuhause, seine Familie, war plötzlich weg.

Ein Mensch sei verloren ohne sein Zuhause, hatte er gesagt, auch wenn so ein altes Haus oft anstrengend sei.
[…]
Er wusste nicht, was noch wirklich war, und er wusste nicht, wer er werden sollte.

Sebastian flüchtet sich in das Leben als Künstler, eine Welt zwischen Schein und Realität, in der er aufzuzeigen versucht, dass Wahrheit und Wirklichkeit nicht dasselbe ist. Dieses Thema holt ihn in der Realität ein, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wird, eine junge Frau getötet zu haben. Konrad Biegler, sein Strafverteidiger, will ihm helfen und versucht mit ihm, die Wahrheit zu finden.

Ferdinand von Schirach hat mit Tabu einen Künstlerroman geschrieben, der Themen wie das Älterwerden, Einsamkeit, die Suche nach Geborgenheit, Wahrheit und Wirklichkeit behandelt. Quasi en passant beschreibt er Sebastian von Eschenbachs Leben, bleibt dabei immer an der Oberfläche, bemüht jedes nur greifbare Klischee wie die kühle und lieblose Art alten Adels in der Familie, die Kunst als Flucht vor vermissten Gefühlen und Schwierigkeiten im Leben sowie der Künstler als sich nicht festlegen wollender Frauenheld.

Man erkennt in Tabu den analytischen Denker Ferdinand von Schirach, hier und da drücken seine Analysen und auch die Fragen an die Zeit durch, regen zum Nachdenken an, geben eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre.

Das Buch trägt gute Gedanken in sich, Idee und Geschichte sind gut und vielversprechend, die Sprache ist klar und schnörkellos – leider ist das insgesamt zu wenig für einen Roman. Was dem Roman sonst noch fehlt, sind Figuren, mit denen man mitfühlen, in die man sich hineinversetzen, die man überhaupt fassen kann. Die einzige Figur, die plastisch rüberkommt, ist der Strafverteidiger Konrad Biegler, den man als Charakter wahrnimmt und der inmitten der eher schemenhaften anderen Figuren lebendig wirkt.

Fazit:
Viel Potential, das leider selten ausgeschöpft wird. Wer von Schirach mag, wird ihn in der Geschichte erkennen und das eine oder andere für sich mitnehmen.

Zum Autor
Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Seine Erzählungsbände Verbrechen und Schuld wurden, genau wie sein erster Roman Der Fall Collini, zu internationalen Bestsellern. In mehr als 35 Ländern erschienen Übersetzungen. Schirach wurde mit dem Kleist-Preis und anderen – auch internationalen – Literaturpreisen ausgezeichnet. Verbrechen wurde als Serie im ZDF gezeigt, Schuld wird zurzeit verfilmt. Weitere Kinofilme sind angekündigt. Zuletzt erschien im September 2013 sein Roman Tabu.

Angaben zum Buch:
vonSchirachTabuGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Piper Verlag (11. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492055697
Preis: EUR 17.99 / CHF 28.90

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