Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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Rezension: Pinocchio (Chauvel / McBurnie)

Nach einer Idee von Carlo Collodi

Von einem, der Schule lästig fand und von Leben gelehrt wurde

Pinocchio 1Eines Tages landet ein Stück Holz in Meister Antonios Werkstatt, kein edles, eher Brennholz. Dem Meister kommt das wie gerufen, er beschliesst, ein Tischbein draus zu machen, wird aber schon bei den ersten Beilschlägen gestoppt – Das Holzstück spricht und es will kein Tischbein sein. In dem Moment klopft es an die Tür und Gepetto steht da: Das Leben ist beschwerlich, er wünscht sich eine Holzpuppe, die ihm die täglichen Bedürfnisse erfüllt. Nach einem kurzen Handgemenge übergibt ihm Antonio das sprechende Holzstück und Gepetto macht sich ans Werk: Pinocchio entsteht. Statt aber dankbar zu sein, weil er als Puppe ein schönes Zuhause und in Gepetto einen lieben Papa hat, rennt er, was die Füsse tragen, davon. Die Nacht wird grausam und er bedauert schon bald, nicht auf den Rat der Grille gehört zu haben, die ihm noch vor seinem Weggang gesagt hat, dass die, welche nicht gehorchen, selten Glück im Leben haben.

Pinocchio 2Nach vielen Turbulenzen, Pinocchio verbrennt sich die Füsse, was für eine Holzpuppe gefährlich ist, Gepetto kommt ins Gefängnis und vieles mehr, sind die beiden wieder zusammen und Pinocchio verspricht, von nun an folgsam zu sein, zur Schule zu gehen und etwas lernen zu wollen. Doch schon auf dem nächsten Schulweg locken wieder viel spannendere Abenteuer. Auf seinen Reisen trifft er auf eine Fee, die seine Mama wird, auf Schurken, die ihn um alles bringen, was er hat, auf gefährliche Kreaturen, die ihn aufessen wollen, aber auch immer wieder auf Helfer, die ihn aus der Not retten.

Diese neue Auflage der Geschichte „Pinocchio“ nach der Idee von Carlo Collodi beinhaltet alles, was Comic-Bücher zum Genuss machen: Der Plot ist packend, sprachlich witzig und modern umgesetzt und illustratorisch ein Hochgenuss fürs Auge. Die Figuren sind charakterstark gezeichnet, die Farben greifen die Stimmung der jeweiligen Szenen auf. Das ist grosse Illustrationskunst.

Wer denkt, Comics seien nur was für Kinder, Pinocchio sowieso, der wird bei dem Buch eines Besseren belehrt: Das ist Lesespass für jung und alt. Für die jüngeren Semester hat es die eine oder andere „Moral von der Geschicht“ enthalten, unter anderem, dass aus Kindern, die nicht in die Schule wollen, Taugenichtse werden und dass Eltern mitunter Recht haben, wenn sie vor etwas warnen. Empfohlen ab 6 Jahren.

Fazit:
Wunderbar erzählte Geschichte mit hochwertigen Illustrationen. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
pinocchioGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Idee: Carlo Collodi
Textadabtion: David Chauvel
Zeichnungen und Farben: Tim McBurnie
Empfohlen ab: 6 Jahren
Verlag: Splitter Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3958399037
Preis: EUR 15.95 / CHF 23.90

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Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: W. Somerset Maugham – Silbermond und Kupfermünze

Von einem, der auszog, Künstler zu sein

Charles Stricklands Grösse war echt. Mag sein, dass man seine Kunst nicht schätzt, aber man wird ihr auf alle Fälle Interesse entgegenbringen. Er beunruhigt und nimmt gefangen. Die Zeit, da er ein Gegenstand des Gelächters war, ist vorbei.

Charles Strickland, erfolgreicher Börsenmakler in London, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in London. Von einem Tag auf den anderen bricht er aus diesem Leben aus und hinterlässt seine Familie mit nichts ausser offenen Fragen. Der erste Verdacht, er sei mit einer anderen Frau ausgebrochen, verfliegen bald und die Wahrheit kommt ans Licht: Strickland ging nach Paris, um Künstler zu sein. In einer schäbigen Absteige malt er einsam, Menschen sind ihm eher lästig. Fast jeder, der seine Bilder sieht, erkennt kaum etwas weniger als Talent. Trotzdem hält Strickland daran fest, Künstler sein zu wollen.

Strickland ist ein Egoist, schaut nur für sich, stösst andere Menschen vor den Kopf, nutzt sie aus, lacht über sie. Er sieht die Welt und die Menschen mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Trotzdem trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm über die Runden helfen, so dass er sich irgendwie durchschlägt.

Seine Fehler gelten als notwendige Ergänzung seiner Verdienste. Es ist noch möglich, über seinen Platz in der Kunst zu streiten, und die Lobhudelei seiner Bewunderer ist vielleicht genauso unbeständig wie die Verachtung seiner Gegner; aber eines steht ausser Zweifel: er besass Genie.

Somerset Maugham erzählt diesen Künstlerroman, der dem Leben Paul Gauguins nachempfunden ist, aus der Sicht eines Schriftstellers, welcher Strickland über dessen Frau kennengelernt hat und seinen Lebensweg immer wieder kreuzt über die Jahre. Im Gegensatz zum wortkargen Strickland verwendet der Erzähler eine Sprache, welche das Leben und die Umstände des eigenwilligen Malers quasi in Worten malt. Er sieht dessen Grausamkeit, sieht dessen Menschenfeindlichkeit, schwankt aber doch zwischen Abneigung und Anziehung.

Mich interessiert in er Kunst am meisten die Persönlichkeit des Künstlers, und wenn diese einzigartig ist, bin ich gewillt, tausend Fehler zu verzeihen..

Silbermond und Kupfermünze ist ein grossartiger Roman über das Leben eines Künstlers. In einer wunderbaren Sprache, die den Inhalt aufnimmt durch ihre malerischen Beschreibung, wird einerseits eine Lebensgeschichte erzählt und andererseits den grossen Fragen des Lebens nachgegangen: Was ist ein gutes Leben? Wie lebt man es richtig? Was fordert das Künstlerleben und was bedeutet Liebe?

Somerset Maugham entführt den Leser in die Zeit um die Jahrhundertwende, lässt ihn teilhaben am Leben eines Künstlers, der zu Lebzeiten verkannt wurde und erst posthum zu Ruhm gekommen ist. Es ist ihm gelungen, ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Maugham entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Somerset Maugham
Somerset Maugham, geboren 1874, war früh von der Literatur angezogen. Er studierte zunächst Medizin, übte den Arztberuf aber nicht aus. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangte er als Bühnenautor bald zu großem Ruhm. Seine literarische Bekanntheit erreichte er jedoch als Romancier und Geschichtenerzähler. Zeitweise war er als britischer Geheimagent tätig. Er bereiste zahlreiche Länder, vor allem im Fernen Osten, dem Schauplatz vieler seiner Erzählungen, und starb 1965 in Cap Ferrat an der französischen Riviera.

Angaben zum Buch:
Maughamsilbermond_und_kupfermuenzeTaschenbuch:224 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (18. Dezember 2012)
ISBN-Nr.: 978-3257200874
Preis: EUR 10.90 / CHF 15.90

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Rezension: Franka Potente – Allmählich wird es Tag

Wenn plötzlich alles anders ist

Jeden Tag war er pünktlich ins Büro gegangen, hatte zwei Stunden länger gearbeitet, abends eine Stunde ferngesehen und Scotch getrunken. Morgens um sechs dann der Wecker.
Vermisst hatte er sie nicht.

Tom Wilkins hat es geschafft im Leben. Guter Job, nette Frau, erfolgreicher Sohn. Eines Tages, er ist 49, ändert von einem Tag auf den anderen alles: Seine Frau zieht ohne Worte aus. Wenig später ist sein Job weg. Die Beziehung zum Sohn war – bei Lichte betrachtet – mehr Smalltalk als Nähe. All das war ihm nie bewusst gewesen, war er doch nur mit sich und seiner Arbeit beschäftigt über die Jahre.

Als er das Kissen aufschüttelte, fand er ein zusammengeknäultes T-Shirt…Liz hatte das T-Shirt zum Schlafen getragen… Er bedeckte sein Gesicht mit dem weichen Stoff und schloss die Augen. Der Geruch von Zuhause. Familie. So hatte es immer gerochen. Erst jetzt wurde ihm das klar.

Wut kommt auf, unbändige Wut. Er trinkt sich von einem Delirium ins nächste, suhlt in Selbstmitleid, gräbt in der Vergangenheit – und findet Dinge, die er verdrängt hatte. Dinge, die ihn schockieren, die ihn noch mehr in die Wut und ins Abseits bringen. Das Leben entgleitet ihm langsam, denn er hat keinen Halt mehr. Er ist konfrontiert mit seinem ganzen Leben, das er über die Jahre ausgeblendet hatte: Die Gewalt seines Vaters, seine eigene, sein Leben als Arschloch – was er selber zugeben muss. Und er ist allein. Er muss also etwas ändern.

Franka Potentes Debütroman packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los. Mit viel Tiefgang und Einfühlungsvermögen erzählt sie die Geschichte von Tim Wilkins, der von einem Moment auf den anderen sein Leben auf den Kopf gestellt sieht. Mit einer klaren Sprache, die der Geschichte und dem Dasein von Tim Wilkins entspricht, zieht sie den Leser in die Geschichte hinein, lässt diese real werden, erfahrbar. Der langsame Absturz in Alkohol und Selbstmitleid wird durchbrochen durch Erinnerungen an ein Leben, das mehr Illusion als Realität war, da es zwar gelebt, aber in der Erinnerung verzehrt und verdrängt worden war – bis nun alles über Tim Wilkins zusammenbricht und ihn zwingt, hinzusehen.

Allmählich wird es Tag ist ein Buch, das zeigt, was passiert, wenn man das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Es ist ein Buch über das Vergessen, Verdrängen und Erinnern, ein Buch des Neuanfangs und der Kämpfe, die mit einem solchen einhergehen können. Tim Wilkins Psychologie seines Handelns, Denkens und Fühlens ist dargestellt, ohne sie zu erklären, sondern indem sie aus seinem Verhalten offensichtlich wird. Bei aller Tragik der Geschichte, ist diese       nie pathetisch oder bedrückend, der Erzählerin ist die nötige Distanz gelungen, ohne zu weit aus der Gefühlszone rauszugehen. Grandios!

Fazit:
Eine grandios arrangierte Partitur aus Plot, Figuren, Sprache – die Lebensgeschichte eines Menschen, dessen Dasein von einem Tag auf den anderen ändert. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Franka Potente

Franka Potente wurde 1974 geboren und gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers »Lola rennt« zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem auf in »Die Bourne Identität« und in der Literaturverfilmung von »Elementarteilchen«. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über »Underground Art« in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Franka Potente lebt in den USA.

Angaben zum Buch:
PotenteAllmählichGebundene Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN: 978-3492305921
Preis: EUR  9.99/ CHF 14.90

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Rezension: Andrea Camilleri – Romeo und Julia in Vigata

Es ist was los im Dorf

Wir schreiben das Jahr 1899, das neue Jahrtausend steht vor der Tür. Auf der ganzen Welt werden Feiern und Feste geplant, Vigata will da nicht zurückstehen. Ein Maskenball mit Prämierung der besten Maskierung wird geplant, wobei schon Stimmen unken, dass dies gefährlich werden könnte. Dies vor allem, weil die Situation in Vigata nicht ganz einfach ist, stehen doch zwei Familien auf Kriegsfuss und ein Zusammentreffen der beiden verhiesse Böses. Die beiden Familien erklären sich bereit, für diesen einen Abend das Kriegsbeil still zu halten (begraben wäre zu unvorsichtig, da man dem andern nicht trauen kann). Es wird eine Jury einberufen, mit darunter je einer der bekriegenden Familien: Manueli und Mariarosa

Ein Blick auf die liebreizende Mariarosa, das schönste Mädchen überhaupt, genügt, Manueli ist entflammt. Man ahnt es schon, ganz so einfach wird eine solche Liaison nicht, so dass sich Manueli einen Plan ausdenkt: Er lässt die holde Braut entführen, um sie dann in der Ferne zu ehelichen. Der Plan scheint wasserdicht, die Entführung findet statt, allerdings mit etwas ungeplantem Ausgang:

„Kompliment“, sagte Cosimo plötzlich.
„Wofür?“
„Für die Schönheit Eurer Kleinen. Schön wie die Sonne.“
[…]
Auf einem Bett in dem Zimmer lag, an Händen und Füssen gefesselt, ein Taschentuch um den Mund, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie war hässlich, zwergenhaft klein, stark behaart und fett wie eine Tonne.
Die Männer hatten sich geirrt, die hatten das Hausmädchen entführt.

Ebenfalls in Vigata kam es zu einem Wettbewerb zweier Eisverkäufer. Nachdem Cecè Caruana über Jahre alleine die Menschen im Sommer mit Eis versorgt hat und das Geschäft gut lief, kam plötzlich Micheli Filippello und trumpfte mit einem grösseren Eiswagen auf. Um das nicht auf sich sitzen zu lassen, kam Cecè auf immer neue Ideen, wie er seinen Eisverkauf ankurbeln und gegen die Konkurrenz behaupten konnte. Micheli zog jedes mal nach und übertrumpfte ihn gar noch. In erbittertem Kampf buhlen die beiden um die Pole-Position, zeigen aber, wenn es hart auf hart kommt, doch viel Menschlichkeit und Fairness. Als Micheli plötzlich stirbt, sieht Cecè nur noch eine Möglichkeit.

Dies sind nur zwei der insgesamt acht wunderbaren Kurzgeschichten, die dieser zweite Band mit Geschichten aus Vigata vereint. Andrea Camillerin erzählt wieder mit viel Humor Geschichten aus der Heimat seines Commissario Montalbano. Es sind Geschichten mit viel Charme, mit skurrilen Figuren, die einerseits Schlitzohr, andererseits Menschen mit Herz sind. Camilleri zeigt sie mit all ihren Facetten, mit ihren Lastern, Freuden, Wünschen und Verschlagenheiten. Er lässt Vigata lebendig werden und den Leser in diese kleine eigene Welt eintauchen. Während des Lesens wird man das Lächeln auf den Lippen kaum los, es kann auch durchaus ein lautes Lachen daraus werden.

Fazit:
Witz, Schalk, Charme und ein liebevoller Blick auf das Leben in einem kleinen italienischen Dorf – das findet man in Romeo und Julia in Vigata. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle, Sizilien geboren. Er ist Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem mit seinem sizilianischen Commissario Montalbano, die Krimis wurden in mehrere Sprachen übersetzte. Camilleri lebt in Rom.

Angaben zum Buch:
CamilleriRomeoGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (2. Februar 2015)
Übersetzung: Annette Kopetzki
ISBN: 978-3312006472
Preis: EUR  19.90/ CHF 27.90

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Rezension zur Serie: Alles was zählt

Ich liebe meine Tochter über alles. Und wenn Sie ihr das Herz brechen, dann breche ich Ihnen das Genick. Ich schwöre es.

Der Satz ist typisch für die Serie und ich liebe diese Haltung. Sie drückt Kraft, Spannung, Energie und völlig verschwurbelte Verhältnisse aus. Worum es geht? Um einen Familienbetrieb, der mal auf Eislauf setzt, dann auf Sport, dann auf Wellness, schliesslich auf Tanzen – bis alle Tänzer bei einem Busunglück ums Leben kommen und die Firma vor dem Ruin steht und sich neu erfindet. Schliesslich und endlich aber geht es um die Irrungen und Wirrungen einer Familie: den Steinkamps.

An vorderster Front Richard und Simone, die schon mehrfach verheiratet und wieder geschieden waren (aktuell geschieden zusammen). Gemeinsam haben sie ein paar Kinder (ich weiss gar nicht wie viele, zwei sind grad präsent) – er hat ein paar mehr als sie, wobei sie vor kurzem nachzog mit dem Geliebten ihrer Tochter. Noch alles klar soweit? Auf alle Fälle zeigt das so ziemlich den Charakter der Serie, der in etwa als Dallas und Denver für überm Teich zu umschreiben wäre.

AWZHochstehend ist das nicht, aber die Serie wartet immer gerade mit soviel Liebe und Spannung auf, dass ich unbedingt die nächste Folge sehen möchte. Aktuell zapple ich, weil ich wissen will, was mit Vanessa (eine Tochter von Richard und Simone) und „Big Daddy“ (viel älter, verheiratet, aber es ist kompliziert und er kein Schwein) wird.

Alles was zählt schafft es, immer so viel Neugier zu wecken, dass man dranbleiben will. Glaubwürdigkeit fällt als Entscheidungskriterium unter den Tisch, einmal gefangen, bleibt man haften. Da es nur eine halbe Stunde täglich ist und man die im Replay gestaffelt und zu Zeiten, die passen, schauen kann, bin ich seit einer ganzen Weile dabei… und bleibe noch, bis die Sache mit Vanessa geklärt ist. Dann hör ich auf (wobei ich sicher bin, dass bis dahin sicher eine andere tolle Liebesgeschichte so spannend ist, dass ich unbedingt deren Ende abwarten muss….).

Für die, welche nicht so auf Liebeschnulzen stehen, gibt es auch das Krimielement. Für diese Fälle hat Simone einen verkommenen Sohn, der immer und überall für kriminelle und mörderische Intermezzi sorgt. Auch Richard nimmt es nicht immer so genau mit dem Gesetz und wenn es um die Familie geht, drückt sogar Simone alle Augen zu – man sieht es beim Zitat am Anfang – und sie meint das so. Was nämlich ganz zentral ist bei dieser Serie: Wenn es hart auf hart kommt, gelten Liebe, Familie, Freundschaft – und alle stehen füreinander ein.

Fazit:
Nicht hochstehend oder hochtrabend, aber wunderbare Unterhaltung mit der nötigen Spannung, verworrenen Verbandelungen und menschlichen Werte, die man sich im Alltag wünscht. Das perfekte Programm zum Abschalten.

Rezension zur Serie: True Detective

Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-3Lousianna 1995. Eine ehemalige Prostituierte wird ermordet, das Ganze erinnert an ein Ritual. Die beiden Kriminalpolizisten Martin Hart und Rustin Cohle, sie könnten unterschiedlicher nicht sein, untersuchen den Fall. Der Verdacht erhärtet sich, dass dies nicht der erste Mord des Täters war, sie finden weitere Mordfälle mit ähnlich ritualhaftem Vorgehen. Trotz aller Anstrengungen gelingt die Aufklärung nicht. Die beiden Detectives zerstreiten sich, beide steigen 2002 aus dem Polizeidienst aus, gehen getrennte Wege. Während sich Martin Hart mit einer Sicherheitsfirma selbständig machte, fristet Cohle sein Leben als Aussteiger und Pegeltrinker. Nach 10 Jahren Sendepause werden beide getrennt voneinander zu dem Fall befragt. Anlass dafür ist ein neuer Mord, der an die alten erinnert. Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-1True Detective ist ein brilliant aufgegleister Krimi. Aus den Erzählungen der beiden ehemaligen Detectives erfährt der Zuschauer nach und nach, was vor 17 Jahren vor sich ging, wie die Ermittlungen liefen. Spannung pur wird vermischt mit philosophischen Betrachtungen über das Leben und generell von Cohle, markigen Sprüchen von Hart und epischen Autofahrten durch endlose Weiten.Und immer schweben über allem viele Fragezeichen darüber, was wirklich vorgefallen ist, wem man trauen kann, wo die Lösung des Geheimnisses liegt. Man wähnt sich immer knapp vor der Erkenntnis, wird aber immer wieder in neue Zweifel geworfen. Diese erste Staffel umfasst insgesamt 8 Folgen an je einer Stunde, wobei das Ende einer jeden so spannungsgeladen ist, dass man gleich weiter schaut. Ich als Serienjunkie habe es geschafft, acht Stunden am Stück auf dem Sofa angewachsen zu sitzen und wie gebannt in den Fernseher zu starren. Darum meine Warnung: Absolute Suchtgefahr, nur schauen, wenn genügend Zeit ist. Fazit Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Spannung pur mit Suchtfaktor 10. Unbedingt schauen! Informationen:

Deutscher Titel True Detective
Originaltitel True Detective
Prouktionsjahr 2014
Besetzung:
Rustin „Rust“ Cohle Matthew McConaughey
Martin Hart Woody Harrelson
Maggie Hart Michelle Monaghan

Trailer

Rezension: Carola Saavedra – Blaue Blumen

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

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Rezension: Julia Jessen – Alles wird hell

Einsam im Dunkeln

Inhalt

Ich weine weiter. Weil ich so aufgeregt bin. Und lüge. Ich habe das Gefühl, ganz dunkel zu werden. Ich fühle es so sehr, dass ich Angst habe, Grossmutter könnte es sehen. Wie ich immer dunkler werde. […]
Die Tränen habe ich abgewischt. Jetzt fühle ich mich wie eine Fee. Oder ein Zauberer. Ich habe ein Geheimnis. Und das werde ich behalten.

Oda geht durch ihr Leben. Sie geht ihren Weg, mal umgeben von Familienglück, in dem sie sich doch immer ein bisschen fremd fühlt, mal auf der Flucht davor – sei es wirklich oder nur durch ein Verhalten, das weit weg von den Erwartungen der anderen ist. So wirklich dazu gehört sie nie, ist stets in Gedanken, von denen sie glaubt, dass die anderen solche Gedanken wohl nie hätten, geschweige denn verstünden.

Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse, die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind. Und ob eine Familie nicht sichtbar sein müsste füreinander. Und ob alle hier in der Küche auch so vieles im Dunkeln haben wie ich. […]
Offensichtlich bin ich unsichtbar. Wütend. Abgetrennt. Und aufgeribbelt.

 

Rezension

Vom fünfjährigen Kind mit den kleinen Lügen über die Zeit als Teenager mit allen Aufmüpfigkeiten bis hin ins Alter begleiten wir Oda. Wir werden Zeuge ihrer Gedanken, ihres Haderns mit sich und der Welt. Wir erleben mit, wie sie um Entscheidungen ringt, sich im Leben hält und doch immer wieder für sich ausbricht. Auf ihre Weise. Sei es mit 5, 16, 40 oder 80, Oda geht immer ihren eigenen Weg – tief in sich drin. Und sie fühlt sich damit einsam, alleingelassen, auch unverstanden. Sie sammelt Lügen an im Laufe dieses Lebens, die sie begleiten, die die dunkle Seite des Lebens – nur ihres Lebens? – ausmachen.

Julia Jessen lässt Oda aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte erzählen. Sie tut das in kurzen, klaren Sätzen, die das Buch einerseits hart machen, wohl als eine Art Schutzschild Odas fungieren, ihr alleingelassenes Inneres zu decken. Andererseits ist das Buch sehr feinfühlig, sehr tief, dringt in die tiefsten Ecken von Odas Denken und Fühlen ein, bringt die Fragen ihres Lebens ans Licht – nur für den Leser, für ihr Umfeld bleiben sie wohl meist im Dunkeln.

Alles wird hell ist nicht eine erzählte Geschichte im Sinne eines linearen Plots, es ist eine Ansammlung von Puzzleteilen aus einzelnen Etappen aus Odas Leben, die in Bruchstücken, wie sie in Odas Kopf auftauchen, erzählt werden. Es ist der Rückblick auf Odas Leben, erzählt im unmittelbaren Präsens, so dass wir jederzeit live vor Ort sind beim Lesen, miterleben, mitfühlen. Uns ab und an vielleicht auch hineinfühlen oder etwas für uns selber weiterdenken.

Julia Jessen ist mit Alles wird hell ein sehr sprachgewaltiger Roman gelungen. Die Sprache in ihrer schnörkellosen Art widerspiegelt auf eine Weise die in sich stimmige, auch rebellische, weil in sich selber verweilende, das Aussen nur betrachtende Art der Protagonistin. Sie gibt dem Roman, der ansonsten wenig Handlung und Spannung aufweist, eine Dynamik, zieht den Lesenden weiter. Ein gelungener Debütroman!

Fazit:
Wie viel Dunkel hat im Leben Platz und wo ist das Licht? Ein Roman über das Leben einer Frau, die immer ein bisschen abseits steht, trotzdem ihren Weg im Leben sucht und geht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julia Jessen
Julia Jessen, geboren 1974, hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung als Schauspielerin gemacht. Sie arbeitete zehn Jahre für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.

 

Angaben zum Buch:
JessenAllesTaschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann GmbH (11. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3956140242
Preis: EUR 19.95 / CHF 28.90

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Rezension: Haruki Murakami – Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Sind zweite Chancen lebbar?

Ich war der Einzige, der keine Geschwister hatte. Ich war Einzelkind und hatte deshalb einen Minderwertigkeitskomplex. Ich war die Ausnahme in einer Welt, in der andere ganz selbstverständlich etwas besassen, das mir fehlte.

Hajime ist Einzelkind, das macht ihn zu einem Aussenseiter, weil er anders ist als andere. Die anderen haben Bruder und Schwester, nur er ist immer alleine. Das ändert sich, als Shimamoto in seine Klasse kommt. Auch sie ist Einzelkind. Ausserdem zieht sie als Folge einer durchlittenen Polio ihr Bein hinterher. Die beiden werden Freunde, für Hajime sind sogar mehr Gefühle im Spiel, die er aber nicht einordnen kann. Ein Umzug trennt die beiden, sie verlieren sich aus den Augen. Hajime fängt an, seine Sexualität zu entdecken, er tut das mit einer klaren Sicht und Bewertung der auserwählten Frauen. Es sind nie die wirklich schönen, die ihn reizen, was er auch betont, fast schon drauf rumreitet gedanklich. Nach einigen kurzen Beziehungen heiratet Hajime, kriegt zwei Kinder, eröffnet zwei Jazzclubs. Er ist erfolgreich, zufrieden mit seinem Leben – bis Shimamoto in seiner Bar auftaucht.

„Star-Crossed-Lovers“[…] „Liebende, die unter einem schlechten Stern geboren sind“, sagte Shimamoto. „Fast wie für uns geschrieben.“
„Sind wir denn Liebende?“
„Sind wir es nicht?“
Ich sah sie an. Sie lächelte nicht mehr. Nur in ihren Augen war noch ein schwaches Leuchten.

Hajime verfällt ihrem Bann, ihrer geheimnisvollen Art. Immer bei Regen steht sie vor ihm. Hajime ist bereit, für sie alles aufzugeben.

Unterdessen wurde es Herbst. Und als es Herbst wurde, fasste ich einen Entschluss. So konnte ich nicht weiterleben. Ich musste eine endgültige Entscheidung treffen.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist die Neuübersetzung des Buches, das Anfang der 90er-Jahre unter dem Titel Gefährliche Geliebte auf den Markt kam und ein grosser Erfolg wurde. War die deutsche Version damals eine Übersetzung der englischen Fassung des ursprünglich japanischen Originals, wurde es nun direkt ins Deutsche übersetzt, was aus dem Buch einen völlig neuen Roman machte, da die Sprache sehr viel von der Wirkung der Geschichte trägt. Vergleicht man die beiden Romane, erscheint es, als ob bei der zweiten Version ein Schleier, eine mildernde Schicht weggenommen wurde. Die Sprache erscheint direkter, die Gedanken klarer, auch teilweise ruppiger, vielleicht auch weniger westlichen Einflüssen unterworfen, japanischer.

Der (etwas lang geratene) Anfang der Geschichte wird dominiert von den spätpubertären Sexphantasien und anderen Gedanken von Hajime. Es sind ganz klar Männerphantasien, die weibliche Sicht fehlt dem Buch – das bis zum Schluss. Da der Protagonist und Ich-Erzüähler aber auch ein Mann ist, kann das nicht zum Vorwurf gereichen, sondern stellt eine konsequente Erzählperspektive dar.

Mit dem Wiederauftauchen Shimamotos fängt der Roman eigentlich erst richtig an, da wird er packend, da gewinnt er Tiefe, wird auch zarter, feinfühliger. Themen wie Liebe, Treue, was wirklich zählt im Leben spielen mit, die Frage, ob man verpasste Chancen neu ergreifen kann und sie dann leben. Das Ende der Geschichte passt, es ist genau so undurchdringlich wie der Rest des Romans. Allerdings wäre jedes andere Ende unpassend gewesen. Insofern hat Murakami auch beim Plot und dessen Abschluss alles richtig gemacht.

Fazit:
Liebe, Treue und verpasste Chancen – die ganze Palette des menschlichen Lebens in einer feinfühligen, zarten Geschichte, die einen doch immer irgendwie ratlos zurücklässt. Empfehlenswert.

Zum Autor
Haruki Murakami
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto, Japan geboren und wuchs in Kobe auf. Nach abgeschlossenem Studium verließ er 1975 die Waseda-Universität in Tokio, wo er anschließend sieben Jahre lang Eigentümer einer kleinen Jazz-Bar war. Haruki Murakamis Karriere als Schriftsteller begann 1974 an einem warmen Frühlingstag: Während eines Baseballspiels kam ihm die Inspiration zu seinem ersten Roman. Das war der Start einer beeindruckenden literarischen Laufbahn. Später verbrachte er mehrere Jahre als freier Schriftsteller und Dozent in Princeton, USA. Murakamis Leidenschaft für die Literatur kennt, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Grenzen – übersetzt er doch auch berühmte Kollegen wie John Irving ins Japanische. Von Murakami erschienen sind unter anderem Kafka am Strand, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Naokos Lächeln, Südlich der Grenze, westlich der Sonne (früher Gefährliche Geliebte).

Angaben zum Buch:
Murakamisuedlich_der_grenze_westlich_der_sonneGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (21. Mai 2013)
Übersetzung: Ursula Gräfe
ISBN-Nr.: 978-3832197070
Preis: EUR 16.99 / CHF 12.90

 

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Rezension: Silvio Blatter – Wir zählen unsere Tage nicht

Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

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Rezension: Zoë Beck – Schwarzblende

Das Fremde in unseren Städten

Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen. Niall lehnte an der Brückenbrüstung […] Der Blick des Mannes blieb eine Sekunde zu lang an ihm hängen.

Zwei junge Männer ziehen mit Macheten durch London, vorbei am Kameramann Niall Stuart, der gerade für eine Dokumentation recherchiert. Ein kurzer Blickaustausch lässt Niall unruhig werden. Soll er die Polizei anrufen? Ist alles nur Karneval? Er folgt den beiden bis in einen Park, wo sie stehen bleiben, sich entspannt unterhalten. Niall ist froh, nicht gleich Alarm geschlagen zu haben, dreht sich um, geht weg – und hört Schreie. Als er wieder zurückkehrt, sieht er die beiden Männer, wie sie auf einen dritten jungen Mann losgehen, mit den Macheten auf ihn einschlagen, ihm schliesslich den Kopf abschlagen. Niall filmt alles mit. Danach hissen die beiden die Fahne des Islamischen Staates. Sie fordern Niall auf, weiter zu filmen, geben ihm ein Interview.

Die Polizei kommt, einer der Täter wird dabei lebensbedrohlich verletzt, Niall verhaftet und sehr unsanft behandelt. Er landet im Gefängnis, Verdacht auf Mithilfe bei einem Terrorakt. Der Irrtum klärt sich zum Glück auf. Niall macht sich auf die Suche nach den Hintergründen dieses Attentats, auf die Suche nach den Hintergründen solcher Taten überhaupt. Er will den Terror verstehen, will herausfinden, wem diese Taten wirklich nützen, wer dahinter stecken kann.

Zoë Beck greift – wie schon in früheren Romanen – ein brennendes Thema auf: der IS und seine Gewalt, seine Bedrohung. Sie lässt Niall den Vorfall und seine Motive erforschen und präsentiert dem Leser auf diese Weise Verstrickungen, politische Muster und Vorgänge. Der Ursprungsfall selber hat eine reale Vorlage im Mord am jungen Soldaten Lee Rigby aus dem Jahr 2013. Die Erklärungen und der erarbeitete Kontext, die Zusammenhänge mit dem Nahen Osten sowie die Thematik der Immigration mit ihren Problemen von Ehre, Macht und Sinnsuche im neuen Land fallen teilweise etwas klischeehaft aus, erscheinen ab und an etwas gesucht verstrickt. Da wir es hier aber mit einem Roman und nicht mit einem Geschichtsbuch zu tun haben, kann man das als literarische Freiheit erachten, zudem stört es den Lesefluss nicht, im Gegenteil, das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Niall bleibt als Hauptfigur seltsam kühl und wenig emotional involviert in die ganze Geschichte, er nimmt hin, was auf ihn kommt, und macht, wohin der Plot ihn führt. Zudem stimmen ein paar Details in Bezug auf die beiden Täter nicht. Dies alles sind aber Kleinigkeiten, Zoë Becks Roman hat eine spannende Geschichte, der Plot ist stimmig und packend aufgebaut, die Sprache ist flüssig und lesbar, die Schauplätze plastisch und realistisch. Ein Krimi, wie man ihn sich wünscht!

Fazit:

Schwarzblende – ein Krimi, bei dem der Autor sein Handwerk beherrschte, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010), Brixton Hill (2013)..

Mehr zu Zoë Beck und ihrem Schreiben unter Zoë Beck – Nachgefragt.

 

Angaben zum Buch:
BeckSchwarzblendeTaschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3453410435
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90
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Rezension: Anna Quindlen – Ein Jahr auf dem Land

Nie zu spät für einen Neuanfang

Rebecca dachte eigentlich selten ans Sterben, doch ans Geld dachte sie ständig. Sie hatte Angst, noch ewig weiterleben zu müssen, verarmt, ihr früherer Ruhm nur noch eine Fussnote in einer Doktorarbeit, die kein Mensch mehr las.

Rebecca Winter, einst gefeierte Fotografin, erfindet ihr Leben neu. Im Alter von 60 ist sie geschieden, lebt in einer New Yorker Wohnung, die sie sich nicht mehr leisten kann und auch die Erfolge bleiben aus. Sie mietet ein heruntergekommenes Haus auf dem Land, vermietet ihre Wohnung – so hofft sie, finanziell über die Runden zu kommen. Und sie hofft weiter, dass sich ihr neue Wege auftun, wie ihr Leben weiter gehen kann.

Neuer Lebensabschnitt, neuer Ort – alles ist neu in Rebeccas Leben, alles nicht ganz gewünscht, sondern aus der Situation heraus passiert. Anna Quindlen erzählt in diesem Roman von den Brüchen im Leben einer Frau und davon, wie sie damit umgeht. Da Brüche oft nicht gewollt sind, bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Wehmut, das Gefühl von Angst mitschwingt. Trotzdem erschlagen diese Gefühle nicht, sind sie nicht dominant und die Geschichte nicht düster.

Dem Roman fehlt Tempo, fehlt das wirklich Packende, Mitreissende. So plätschert das Leben der Rebecca Winter dahin, als Leser fühlt man sich ein wenig wie der Zuschauer auf der Gartenbank, der dem Nachbarn beim Leben zusieht – allerdings ist das Leben nicht immer spannend und in einem Roman hätte ich mir mehr erhofft. Trotzdem ist es auch ein Buch, das Mut macht, das zeigt, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen, dass dieser sogar eine Chance sein kann.

Fazit:
Die Geschichte einer Frau im Umbruch. Ein Buch darüber, dass man immer neu anfangen kann. Interessantes Thema, die Geschichte hätte mehr Tempo vertragen.

 

Zum Autor
Anna Quindlen
Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum begeistern. Ihre Romane und Sachbücher erobern regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Für ihre Kolumnen in der New York Times erhielt sie 1992 den Pulitzer-Preis. Ihr Bestseller »Die Seele des Ganzen« (1995) wurde unter dem Titel »Familiensache« mit Meryl Streep verfilmt. Ihr neuester Roman »Ein Jahr auf dem Land« rangierte in den USA monatelang in den Top-Ten und verkaufte sich eine viertel Million Mal.

Angaben zum Buch:
QuindlenGebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (2. März 2015)
Übersetzung: Tanja Handels
ISBN-Nr.: 978-3421046666
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

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Rezension: Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sex und die Realität

Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider von Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden.

Chloe und Rasmus sind seit vielen Jahren verheiratet. Rasmus ist ein erfolgloser Regisseur, der bei eigenhändigen Höhepunktsuchen über sein Sexleben nachdenkt, Chloe ist seine Frau und sie denkt über Rasmus und ihr Leben mit Sex nach. Grundsätzlich denken beide viel und ständig, Hauptthema ist dabei Sex und wieso er nicht passt. Den besten Sex haben Rasmus und Chloe ohne den andern, nur mit sich selber, wieso das so ist, erzählen sie sich selber in Gedanken. Es wird Sex gegen Vertrauen gestellt, Ernst gegen Leichtigkeit. Es wird über das Leben als Paar nachgedacht und den Wert, den der andere im eigenen Leben hat.

Thema des Buches ist das Zusammenleben von Paaren , wenn sie älter werden. Es ist die Geschichte eines Paares, das einen Weg zusammen gegangen ist und auch weiter gehen will – trotz Widrigkeiten, trotzdem das Leben nicht die Erfolge bereit hielt, von denen beide geträumt haben:

Nach zehn Jahren an der Seite eines bedeutenden Regisseurs wurde ich die Frau eines Verkannten.

Chloe ist dabei nur Anhängsel von Rasmus, sie scheint wenig eigene Interessen, wenig Gedanken über sich, wenig eigene Pläne zu haben, sie bleibt in ihren Gedanken auf Rasmus und ihr Leben mit ihm fokussiert:

Wir zwei würden es nach oben bringen. Also Rasmus würde es nach oben schaffen, und ich würde an ihm kleben.

Sibylle Berg greift mit diesem Buch ein aktuelles Thema auf, eines, das momentan viel beschrieben wird. Da mir ihr Sprachstil, ihr scharfes Denken und auch ihre Scharfzüngigkeit gefällt, wollte ich das Buch unbedingt lesen – und konnte es nicht. Für mich waren es zu viele Monologe, die sich um die ewig selben Themen wie Sex, kein Sex, besserer Sex drehten, bald zuviel. Die wirklich tiefgründigen Gedanken, die immer wieder vorkamen und die oben gelobten Gründe bestätigen, wieso ich das Buch lesen wollte, konnten mich nicht genug fesseln, fertig zu lesen.

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand ist gewohnt düster, abgelöscht. Die Welt ist schlecht, das Leben ebenso, eigentlich ist es gegen die Wand gefahren, denn glücklich oder nur schon zufrieden sind alle nicht – und doch versuchen Rasmus und Chloe, es in Gedanken schön zu reden, sie haben Gründe für ihr Miteinander. Und wenn alles nichts hilft, wird der Frust wegmasturbiert. Ich habe drei Anläufe genommen, schliesslich auf Seite 97 aufgegeben. Die Geschichte kam irgendwie nie in einen Fluss, der mich mitriss, es fehlte mir der Sog, der mich einnimmt. Schade, denn ich hätte das Buch sehr gerne gelesen und irgendwie wurmt es mich noch immer, dass ich es nicht konnte. Die Sprache ist klar, schnörkellos, die Gedanken hinter dem Ganzen teilweise messerscharf, von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin zeugend. Nebenbei sieht man glasklar den Spiegel, den sie der Gesellschaft entgegenhält, wie sie das auch in ihren Kolumnen meisterhaft tut. Als Roman hat es mich nicht überzeugt.

 

 

Fazit:
Gedankenkarusselle eines alternden Paares. Eine Geschichte, die mehrheitlich aus Gedanken an Sex, nicht stattfindendem oder zumindest nicht befriedigendem Sex und Masturbation mit verschiedenen Hilfsmitteln besteht.

 

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015).    

Interview mit der Autorin: Sibylle Berg – Nachgefragt

 

 

Angaben zum Buch:
BergDerTagGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (2. Februar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-Nr.: 978-3446247604
Preis: EUR 19.90 / CHF 24.55

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