#abcdeslesens – S wie Theodor Storm

Schaut man den heutigen Deutschunterricht an, finden sich da vor allem Storms Novellen, seine Gedichte sind kaum erwähnt. Das mutet komisch an, sah sich Storm selber doch vor allem als Lyriker und hatte als ebensolcher auch Verehrer: Thomas Mann lobte die Kraft der «Lebens- und Empfindungsaussagen», welche Storm in einfache Formen giesse, Fontane, Verspotter von Storms Prosa, nannte ihn einen der besten Dichter nach Goethe und Georg Lukács schloss sich dem Lob an.

Ausgangspunkt von Storms Gedichten, so seine eigene Aussage, ist immer das Ereignis. Es geht ihm dabei um Empfindungen, um das aktuelle Erleben und nicht einfach um personifizierte Bilder. Damit ist er in guter Gesellschaft, nannte doch auch Goethe «Gelegenheiten», aktuelles Erleben den Anstoss zu seinen Gedichten. Inspiriert haben ihn dabei sicher Eichendorff und Mörike.

Dahin!

Wie in stille Kammer
Heller Sonnenschein,
Schaut in stille Herzen
Mild die Lieb herein.

Kurz nur weilet die Sonne,
Schatten brechen herein,
Ach, wie so schnell entschwinden
Liebe und Sonnenschein.

Zentrale Motive seiner Gedichte sind die Natur, die Liebe und der Tod. Dabei wählt er oft eine einfache Sprache, ebensolche Metrik und Reimformen. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, seine Lyrik abzuwerten oder gar als seicht zu sehen. Oft zeigen sich wahre Grösse und Können gerade in den einfachen Mitteln.

Nachts

Sternenschimmer, Schlummerleuchten
Hat nun rings die Welt umfangen;
Eingewiegt in tiefen Frieden
Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,
Leise durch den Himmel schwebend,
Alle, die hier unten schieden,
An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens
Nach der letzten Not auf Erden
Tief befriedet, kinderselig
So von dir getragen werden.

Die Liebe, die Storm so oft in seinen Gedichten thematisierte, war natürlich auch in seinem Leben präsent. Die erste Verlobung endete allerdings bald, die Verlobte sprang ab. Der zweite Heiratsantrag war ebenfalls unglücklich, die von ihm Angebetete lehnte ab. Dass er sich schon als 19 Jähriger in die zu dem Zeitpunkt 10 Jährige verliebt hatte, wirft ein zwiespältiges Licht auf den Heiratswilligen. Ich will hier nicht weiter auf die Pädophilie-Vorwürfe eingehen, es gibt dazu eine Biografie, die dieses Thema beleuchtet. Schlussendlich heiratet Storm seine Cousine und hat mit ihr in der Folge 7 Kinder. Dass seine Frau nach der Geburts des siebten Kindes starb, stürzte Storm in tiefe Trauer.

Auf Wiedersehen

Das Mädchen spricht:

Auf Wiedersehn! Das ist ein trüglich Wort! –
O reiß dich nicht von meinem warmen Herzen!
Auf Wiedersehn! Das spricht von Seligkeit
Und bringt mir doch so tausend bittre Schmerzen.

Auf Wiedersehn! Das Wort ist für den Tod! –
Weißt du, wie über uns die Sterne stehen!
Noch schlägt mein Herz, und meine Lippe glüht –
Mein süßer Freund, ich will dich immer sehen.

Du schwurst mir ja, mein Aug bezaubre dich;
Schaut ich dich an, so könntst du nimmer gehen!
Mein bist du ja! – Erst wenn mein Auge bricht,
Dann küß mich sanft und sprich: Auf Wiedersehen!

Die Trauer währte allerdings nicht lange, schon ein Jahr später heiratete Theodor Storm erneut. Fast möchte man sagen, zum Glück, wären doch sonst wohl keine Liebeserlebnisse mehr Pate gestanden für seine wunderbaren Liebesgedichte.

Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well’ um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Oder auch dieses:

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Theodor Storm war aber nicht nur für seine Liebesgedichte bekannt, er drückte auch seine Liebe zu seiner Heimat Husum in immer wieder wunderbaren Gedichten aus:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn’ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm starb 1888 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Erst kurz zuvor hat er noch sein wohl bekanntestes Werk, «Der Schimmelreiter», fertiggestellt. Er hinterlässt ein Werk, das in meinen Augen viel zu gering geschätzt wird, vor allem, was seine Lyrik betrifft.

Trost

So komme, was da kommen mag!
So lang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

#abcdeslesens – R wie Rainer Maria Rilke

Glücklich kann man die Kindheit von René Karl Rilke, wie er ursprünglich hiess, wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Drei Jahre sollte die Beziehung halten, doch verbunden blieben die beiden ein Leben lang, war ihm doch Lou Beraterin, Muse und wichtigste Freundin. Durch sie kam er auch mit der freudschen Psychoanalyse in Kontakt.

Träume, die in Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoss.

Und ich weiss jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn –

Rilke war ein Sprachtalent. Nach einer Reise nach Russland war er vom Land so begeistert, dass er die Sprache lernte – und zwar so gut, dass er sogar auf russisch Gedichte schrieb. Auch Französisch sprach er in einer Qualität, dass in dieser Sprache seine wunderbaren Rosengedichte entstanden. Dänisch kam auch noch dazu, wollte er doch Kierkegård im Original lesen. Wenn wir schon dabei sind, soll auch das Englische nicht unter den Tisch gekehrt werden, Rilke hat Gedichte von Elizabeth Barrett-Browning auf eine wundervolle Weise ins Deutsche übertragen, allerdings ging er da von einer Grundübersetzung und nicht vom Original aus.

Elizabeth Barett-Browning: Wie ich dich liebe?

Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.

(Übersetzt von Rainer Maria Rilke)

Rilkes Werk ist stark geprägt von der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers. Er tritt gegen das christliche Jenseitsdenken ein, sieht die einzige Wirklichkeit im Diesseits offenbart durch die Natur und das menschliche Verhalten und Gefühlsleben. Dass es in Rilkes eigenem Gefühlsleben nicht immer rosig aussah, davon zeugen viele seiner – wie ich finde schönsten – Gedichte:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Einen weiteren, nicht zu verachtenden – ich würde ihn sogar den grössten nennen – Einfluss auf Rilkes Schreiben hatte seine Zeit mit Auguste Rodin. Rodin, so Rilke, habe ihn sehen gelehrt. Und diesen klaren Blick erkennt man auch in seinen Gedichten nach dieser Zeit, sie haben an Bildhaftigkeit, an Tiefe gewonnen.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Eine wirklich glückliche, andauernde Liebe war Rilke leider nicht vergönnt. Zwar säumen verschiedene Frauen sein Leben, waren ihm Geliebte, sogar einmal Ehefrau, oft Gönnerinnen, doch scheint seine grösste Liebe und Leidenschaft immer die Dichtkunst gewesen zu sein. Wie schwer muss es ihn getroffen haben, als diese plötzlich für 12 Jahre versiegte? Zum Glück fand sie wieder zu ihm zurück – man muss es in der Tat so nennen, flogen ihm die Zeilen förmlich zu, in nur vier Tagen hat er den ersten Teil der Sonette an Orpheus zu Papier gebracht. Er selber sah das als das «rätselhafteste Diktat», das er «je ausgehalten und geleistet habe». Nun denn, ein wenig Leistung scheint also doch dabei gewesen sein, wenn auch ein Dichtergeist diktiert zu haben scheint.

Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – R (statt Q) wie Joachim Ringelnatz

«Ein Schulrüpel ersten Ranges» sei er gewesen. Dies besagt eine Notiz im Abgangszeugnis nach der wenig erfolgreichen Schulkarriere. Dem war wohl auch das folgende Gedicht geschuldet:

An meinen Lehrer

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Ringelnatz hatte gekämpft, gekämpft gegen Spott und Unverständnis, welche er beide auf sein Aussehen zurückführte. Und wenn er sich nicht prügelte, zog er sich zurück und schrieb und zeichnete. Diese Begabungen waren ihm quasi in die Wiege gelegt worden, waren doch auch seine Eltern künstlerisch begabt. Ringelnatz strebte in seinem Tun dem Vater nach, welcher sich auch als Verfasser von humoristischen Versen und Kinderbüchern einen Namen machte.

Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.

Nach der Schule begann ein unstetes Leben, Ringelnatz pendelte zwischen Hunger und verschiedenen Brotjobs, in denen er allesamt nicht glücklich wurde. Daneben malte er, schrieb Gedichte. Er merkte bald, dass ein geregeltes Arbeitsleben nichts für ihn ist, tingelte durch die Welt als Sänger, Seemann, Gelegenheitsarbeiter, landete dabei sogar mal im Gefängnis und später in München, wo er in der Künstlerkneipe Simplicissimus erste Auftritte hatte und schnell zum Hausdichter aufstieg.

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften und schliesslich endlich auch Bücher mit Gedichten, sowie zwei Kinderbücher. Und er litt: Unter mangelnder Bildung, unter materiellen Schwierigkeiten, unter vielem mehr. Neue Gelegenheitsjobs folgten, unter anderem als Wahrsagerin verkleidet in einem Bordell. Mangelnde Kreativität kann man dem Mann also nicht absprechen – ob dieser Job der finanziellen Not gehorchend oder aber seiner Begeisterung für kindliche Streiche geschuldet war, ist dabei nicht ganz klar.

Das Geld floss nie in Strömen, auch wenn er irgendwann Erfolg hatte und als Vortragskünstler herumreiste. Daneben veröffentlichte er viele Bücher, allerdings nicht alles Bestseller. Irgendwann wandte er sich intensiv der Malerei zu, konnte auch Ausstellungen bestreiten und Bilder verkaufen. Der grosse Bruch schliesslich kam mit dem Aufstieg der NSDAP. Nahm Ringelnatz diesen erst nicht ernst, kam es bald zu Auftrittsverboten und seine Bücher wurden verbrannt. Es gelang Ringelnatz noch, in der Schweiz einige Auftritte zu bestreiten, dann brach bei ihm die Tuberkulose aus und er starb am 17. November 1934 mit nur 51 Jahren. Dieser sein Leben lang kämpfende, leidende, wieder kämpfende Mann hinterlässt ein Werk von grosser Breite, seine Gedichte zeichnen sich oft durch Spitzfindigkeit, Humor und dem Sinn fürs Leichte aus. Aber er hat durchaus auch ernsthafte Lyrik geschrieben. Leider hat er seinen anwachsenden Ruhm nach 1945 nicht mehr miterlebt.

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchter der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

#abcdeslesens – P wie Dorothy Parker

Dorothy Parker war eine Kämpfernatur von Anfang an – durch den frühen Verlust erst der Mutter, später des Vaters musste sie schnell lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie hielt sich mit Klavierspielen und leichten Gedichten über Wasser und kam schliesslich erst bei der Vogue, später bei der Vanity Fair unter, dort als Theaterkritikern, als welche sie durch ihre treffsicheren und pointierten Texte Erfolge feiern durfte. Daneben veröffentlichte sie Gedichtbände und Kurzgeschichten. Der britische Schriftsteller Sommerset Maugham äusserte sich zu Dorothy Parkers Werk folgendermassen:

„Ihr Stil ist leicht, aber nicht nachlässig, kultiviert, aber niemals affektiert. Er ist ein vielseitiges Werkzeug, um ihren vielseitigen Humor zur Geltung zu bringen, ihre Ironie, ihren Sarkasmus, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos.“

Leider war der Erfolg nur beruflicher Natur, privat lief es alles andere als rosig: Pech bei der Männerwahl, eine Fehlgeburt und drei Selbstmordversuche sprechen eine deutliche Sprache, der im Übermass konsumierte Alkohol spendete auch nicht den gewünschten Trost. Bei all dem blieb sie immer produktiv, verlor nie ihren Biss und legte in ihren Texten zielsicher die Doppelmoral und menschlichen Abgründe der damaligen Gesellschaft offen.

Auch mit sich selbst gewonnen Weisheiten sparte sie nicht:

Indian Summer

In youth, it was a way I had
To do my best to please,
And change, with every passing lad,
To suit his theories.

But. now I know the things I know,
And do the things I do;
And if you do not like me so,
To hell, my love, with you!

Altweibersommer

Gefallsucht war eins meine Art
und Beifall war mein Ziel.
Drum fand ich jeden Typen smart
Und tat, was ihm gefiel.

Doch heute weiss ich, was ich weiss,
Und tue, was ich tu;
Und Schatz: Lässt dich das kalt wie Eis,
Dann fahr zur Hölle, Du!

Ob sie diese auch wirklich umgesetzt hat, bleibt offen, in Anbetracht ihrer unglücklichen Beziehungen. Neben Beziehungsoffenbarungen finden sich aber auch andere – sie verheimlichte nicht mal ihre Selbstmordabsichten (welche bekannterweise nicht bei Absichten blieben) in ihren Gedichten:

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Klingen verletzen,
Flüsse sind nass,
Säuren verätzen,
und Gift macht blass,
Knarren sind sträflich,
Schlingen sind hoch.
Gas riecht eklig,
dann leb ich halt noch.

Bedenklich, wie eine Frau, die eigentlich erfolgreich war, doch unter enormen Selbstzweifeln litt, wovon ein Teil auch dem Frausein in einer von Männern dominierten (Literatur-)Welt geschuldet war:

«Bitte, Gott, lass mich schreiben wie ein Mann.»

Umso erstaunlicher aus einem Mund einer Frau zu hören, die mit ihren Kritiken in den 20er-Jahren durchaus die kulturelle Landschaft mitgeprägt hat. Konnte sie ihren eigenen Erfolg nicht wirklich wahrnehmen?

Sucht man nach einem wirklich durch und durch erbaulichen Gedicht, sucht man lang und oft (schlicht?) vergeben. In jedem der Gedichte steckt eine Spitze, sticht ein Dorn. Klingen einzelne Zeilen, gar Verse, noch vergnüglich leicht, kommt am Schluss die Spur bittere Erkenntnis nach. So bleibt zum Schluss noch dies Gedicht, das mit viel Lebensweisheit aufwartet, um dann doch am Schluss zumindest noch eine kleine Spitze anzufügen, die aber doch einen guten Rat beinhaltet: Die Botschaft mag gut klingen, doch schau, von wem sie kommt.

The Counsellor

I met a man the other day –
A kind man, and serious –
Who viewed me in a thoughtful way,
And spoke me so, and spoke me thus:

“Oh, dallying’s a sad mistake;
‘Tis craven to survey the morrow!
Go give your heart, and if it break –
A wise companion is Sorrow.

Oh, live, my child, nor keep your soul
To crowd your coffin when you’re dead…”
I ask his work; he dealt in coal,
And shipped it up the tyne, he said.

Der Ratgeber

Vor kurzem traf ich einen Mann
Von sanfter, ernsthafter Manier,
Der sah mich ganz versonnen an
Und sprach dann dergestalt zu mir:

«Versteif du dich aufs Zögern nicht;
Ein Feigling fragt, was bringt die Zeit?
Verschenk dein Herz, und wenn es bricht –
Ein weiser Freund ist dann das Leid.

Geniess das Leben, Kind und bann
Die Seele einst nicht in dein Grab…»
Mit Eulen handelte der Mann,
Trug sie nach Griechenland hinab.

#abcdeslesens – O wie Martin Opitz

Es war ihm ein Graus, dieses verwilderte Deutsch seiner Zeit. Da musste Ordnung her und er bemühte sich gleich selber drum und verfasste eine Theorie der Poesie, in welcher ganz klar geregelt war, was als Gedicht statthaft war und was nicht. Er machte es sich dabei aber nicht etwa einfach und übernahm einfach antike Versmasse, sondern er suchte metrische Formen, die an die deutsche Sprache angepasst waren. Sein 1624 erschienenes «Buch von der Deutschen Poeterey» wird zum Standardwerk für die deutsche Poesie.

Nun hatte Opitz also dieses strenge Regelwerk verfasst, welches Beachtung des Versmasses forderte und unreine Reime, Wortverkürzungen und Fremdwörter ablehnte, und sich dann selber nicht ganz daran gehalten. Wenn dabei aber ein so schönes Gedicht herauskommt, sieht man ihm das gerne nach:

«Schönheit dieser Welt vergehet,
Wie ein Wind, der niemals stehet,
Wie die Blume, so kaum blüht,
Und auch schon zur Erden sieht,
Wie die Welle, die erst kimmt
Und den Weg bald weiter nimmt.
Was für ein Urteil soll ich fällen?
Welt ist Wind, ist Blum und Wellen.»

Opitz beschreibt die Vergänglichkeit des Lebens, und er fragt, worüber man urteilen solle, wenn man wisse, dass alles ein Kommen und Gehen ist und nichts bestand hat. Die Bilder der Welle, des Kommens und Gehens und der Gedanke der urteilsfreien Betrachtung erinnern an die Philosophie der Stoa, in welcher Epiktet schreibt, dass man das, was man nicht beeinflussen kann, gleichmütig annehmen solle, indem man sich weder an das Schöne hänge oder am Schweren leide.

1625 wurde Martin Opitz zum Poeta laureatus, zwei Jahre später sogar zum geadelten Dichter, sein voller Name war dann Martin Opitz von Boberfeld. Trotz dieser Erfolge wurde ihm die Aufnahme in die damals sehr angesehene literarische Gesellschaft «Fruchtbringende Gesellschaft Köthens» lange verwehrt, vermutlich seiner politischen Stellung wegen. Opitz war nicht nur Hofhistograph in Polen, er war auch diplomatisch und als Agent tätig, belieferte Schweden mit Informationen über Polen und umgekehrt. Was er genau berichtet in diesen Belangen, werden wir leider nie erfahren, liess er doch kurz vor seinem Tod die ganze Korrespondenz verbrennen. Er wird Gründe gehabt haben.

Neben all dem war als Dichter sehr produktiv, hatte er doch die Absicht, der deutschen Sprache mehr Beachtung und Gewicht zu verschaffen in Europa. Nach Anfängen mit lateinischen Texten, wie sie damals noch üblich waren, wechselte er bald ins Deutsche begann neben eigenen Gedichten auch damit, Werke der Weltliteratur ins Deutsch zu übersetzen. Martin Opitz gilt heute als einer der wichtigsten Theoretiker und Dichter des Barocks. Aus seiner Feder stammen unzählige Oden, Sonette, Epigramme und auch Gelegenheitsgedichte, unter anderem auch dieses Liebesgedicht:

Ach Liebste lass uns eilen

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit,
Es schadet das verweilen
Uns beyderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehen Fuss für Fuss,
Dass alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Ziehr verbleichet,
Das Haar wird greiss,
Der Augen Feuer weichet,
Die Brunst wird Eiss.

Das Mündlein von Corallen
Wird ungestalt,
Die Händ’ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drumb lass uns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht,
Eh’ als wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gieb mir das, wann du giebest,
Verlier auch ich.

#abcdeslesens – N wie Friedrich Nietzsche

Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. Dass Nietzsche auch dichtete, ist weniger bekannt, obwohl doch rund 700 Gedichte von ihm existieren. Es ist gar kein langer Weg von der Musik zur Lyrik, ist die Lyrik doch der Musik verwandt auf eine Weise. Nicht nur ist die Lyrik oft Grundlage für wundervolle Vertonungen, ein Gedicht trägt auch oft eine Melodie und einen Rhythmus in sich. Das Verhältnis von Musik und Sprache zeigt sich in folgendem Gedicht von Nietzsche deutlich:

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hört Jemand ihr zu?…

Während von fern ein Gesang ertönt, schwingt die Seele, selber ein Saitenspiel, mit, sie singt ihr «Gondellied».

In vielen seiner Schriften hat Nietzsche die zentralen Gedanken als Gedichte oder Lieder geformt. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird. Ein Beispiel dafür findet sich im Zarathustra:

Das trunkene Lied

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Fünf!
Die Welt ist tief,
Sechs!
Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
«Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!»
Zwölf!»

Gustav Mahler hat dieses Gedicht als vierten Satz in seiner Dritten Sinfonie vertont.

Friedrich Nietzsche provozierte immer wieder. Er liebte es, Systeme aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, aufzubrechen in neue Gedanken. Er durchleuchtete geltende Werte, beerdigte Ideologien, tötete Gott. Damit nahm er dem Menschen den Halt im Aussen, es ging darum, die Eigenverantwortung hochzuhalten. In allem war Nietzsche allerdings nie eindeutig, sondern viel mehr voller Widersprüche, schwer fassbar, kaum einzuordnen – ein Pendler zwischen den Welten der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, ein eigenwilliger Individualist.

Entschluss

Will weise sein, weil’s mir gefällt,
und nicht auf fremden Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
so dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
so krumm als möglich lauf’ –
der Weiseste fing damit an,
der Narr – hört damit auf.

Zu glauben, dass Nietzsche diesen doch immer einsameren Weg ohne Probleme ging, wäre allerdings falsch, er litt selber unter seinen vielen Spaltungen.

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
und sprech’ ich – niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch –
ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah’ ist mir der Wolken Sitz, –
ich warte auf den ersten Blitz.

Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn immer mehr am Arbeiten, die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

#abcdeslesens – M wie Conrad Ferdinand Meyer

Er startete äusserlich mit guten Voraussetzungen ins Leben als Sohn eines Zürcher Regierungsrates. Mit 15 bekam das Leben sichtbare Risse, als sein Vater starb und er und seine Schwester mit der psychisch angeschlagenen Mutter zurückblieben, zu welcher Conrad Ferdinand Meyer ein schwieriges Verhältnis hatte. Im noch jugendlichen Alter lebte Conrad Ferdinand Meyer in Lausanne, wo er die französische Sprache und Literatur lieben lernte. Doch schon in frühen Jahren machte sich seine Depression bemerkbar, er kam in eine Nervenheilanstalt – leider nicht mit nachhaltigem Erfolg. Meyer sollte Zeit seines Lebens leiden – an sich, am Leben, daran, im bürgerlichen Leben nicht Fuss fassen zu können.

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weisse Bahn beschreibend,
Und zugleich in grünem Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Dass sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Dass sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

1856 brachte sich Meyers Mutter um, sie hinterliess diesen in finanziell gesicherten Verhältnissen. Zusammen mit seiner Schwester Betsy reiste er dahin, wo alle Dichter hinwollen: Nach Italien. Tief beeindruckt kam er zurück, der erste Gedichtband war wohl schon im Entstehen, er sollte 1864 erscheinen. Wirklich Erfolg hatte er erst 1872 mit seinem Gedichtzyklus Huttens letzte Tage, wenig später erschienen Romane und Novellen, welche seinen Erfolg stützten.

In der Zeit nach Italien schrieb Conrad Ferdinand Meyer die erste Fassung seines Gedichts «Der römische Brunnen». Lange sollte er damit nicht zufrieden sein. Er rang um Worte, schrieb um, passte an, verfasste insgesamt sieben Fassungen. Erst 1882 erschien das Gedicht in seiner heute bekannten Form:

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
Er voll der Marmorschale Rund,
Die sich verschleiernd, überfliesst
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Hier zeigt sich gut Meyers grosse Stärke, die er sowohl in seiner Lyrik wie auch in der Prosa zeigt: Mit wenigen Worten, stark verdichtet lässt er Bilder entstehen, erzählt er Geschichten, die leben und viel mehr in sich tragen, als in Worten da steht.

Ebenfalls 1882 schrieb Conrad Ferdinand Meyer ein anderes Dinggedicht: «Zwei Segel»

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu unruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Das Bild eines Boots, das über das Wasser gleitet, geführt von zwei Segeln, die miteinander harmonieren, um den Kurs halten zu können. Was für ein schönes Bild für die Liebe, in welcher zwei Menschen innig verbunden gemeinsam durchs Leben gehen.  

Der Erfolg hielt an, doch seine Seele litt weiter, das Arbeiten fiel zunehmend schwerer, bis er 1888 wieder in eine Heilanstalt eingeliefert werden musste. Er sollte sich nicht mehr ganz erholen, seine Frau pflegte ihn, bis er schliesslich 1898 mit gerade mal 73 Jahren starb.

Die gegeisselte Psyche

Wo von alter Schönheit Trümmern
Marmorhell die Säle schimmern,
Windet blass und lieblich eine
Psyche sich im Marmelsteine.

Unsichtbare Geisselhiebe
Beugt sie sich in Qual und Liebe,
Auf den zarten Knieen liegend
Enge sich zusammenschmiegend.

Flehend halb, und halb geduldig,
Trägt sie Schmach und weiss sich schuldig
Ihre Schmerzensblicke fragen
Liebst du mich? und kannst mich schlagen?

Soll dich der Olymp begrüssen,
Arme Psyche musst du büssen!
Eros, der dich sucht und peinigt
Will dich selig und gereinigt.

#abcdeslesens – L wie Else Lasker-Schüler

Bei Else Lasker-Schüler stellt sich wohl wie bei kaum einer anderen die Frage, wo das Leben aufhört, die Dichtung beginnt, oder umgekehrt, wo die Dichtung aufhört und das Leben beginnt. Sie dichtete nicht nur auf dem Papier, sondern auch, was ihr Leben betraf, sprechen doch nachweisbare Fakten oft eine andere Sprache als ihre Erinnerungen. Und: Sie tat es mit voller Absicht, aus dem Wunsch heraus, die Welt zu verändern durch einen künstlerischen Willensakt, sich ein erfundenes Persönlichkeitsbild anzudichten, um auf genau die Weise gesehen zu werden, wie sie es wollte.

Weltenflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!
O, ich sterbe unter Euch!
Da ihr mich erstickt mit Euch,
Fäden möchte ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts.

«Meinwärts» ist ein Beispiel für etwas, das Else Lasker-Schüler gerne machte: Wörter zusammenzunehmen, um so einen neuen Zusammenhang und einen breiten Bedeutungsrahmen zu schaffen. Diese Sprachspiele, welche die Sprache über ihre eigenen Grenzen hinaus ausdehnt, finden sich in vielen ihrer Werke und sie verlangen vom Leser, den verschiedenen Bedeutungsansätzen, die in den Wortbildungen stecken, nachzuspüren.

Hingabe

Ich sehe mir die Bilderreihen der Wolken an,
Bis sie zerfliessen und enthüllen ihre blaue Bahn.

Ich schwebte einsamlich die Welten all hinan
Entzifferte die Sternoglyphen und Mondeszeichen um den Mann.

Und fragte selbst mich scheu, ob oder wann
Ich einst geboren wurde und gestorben dann?

Mit einem Kleid aus Zweifel war ich angetan,
Das greise Leid geweiht für mich am Zeitrand spann.

Und jedes Bild, das ich von dieser Welt gewann
Verlor ich doppelt, und auch das was ich ersann.

Die Literaturwissenschaft gefällt sich mehrheitlich darin, Else Lasker-Schüler in Schubladen zu packen und sie weigert sich standhaft, sie da wieder rauszuholen. Die eine Schublade ist, dass es sich bei Lasker-Schüler um eine Lyrikerin handelt, das Prosawerk wird grosszügig überlesen. Auch gefällt offensichtlich das Bild der politisch uninteressierten und uninformierten Lyrikerin, welches durchaus nicht der Realität entspricht, sieht man sich nur ihr Umfeld an und weiss um ihre Verehrung von Rosa von Luxemburg. Auch in ihren Werken zeigt sich durchaus – ab und an auch zwischen den Zeilen – eine politisch- / gesellschaftskritische Haltung.

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür…..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich ass vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Alles in allem war Else Lasker-Schüler eine Exzentrikerin, welche sich weder um irgendwelche Grenzen, Konventionen oder die Meinung anderer kümmerte. Sie schlüpfte in Rollen, verkleidete sich mitunter im Alltag wie für einen Kostümball (zum Beispiel als Prinz Jussuf von Theben) und lief so Flöte spielend durch die Strassen. Auf der anderen Seite waren Teile ihres Lebens von grösster Armut geprägt, so dass man sie draussen zeitweise ohne Schuhe, mit notdürftig geflickten Pantoffeln antreffen konnte. Else Lasker-Schüler hatte ein bewegtes Leben mit zwei gescheiterten Ehen, dem ständigen Kampf um ein Auskommen, wechselnden Wohnsitzen und schliesslich dem Tod ihres Sohnes. Von diesem konnte sie sich nie mehr ganz erholen. Das erzwungene Exil setzte dem allem noch die Krone auf. 1933 wurde Else Lasker-Schüler verhaftet, nachdem sie ein anzügliches Lied gesungen hatte. Es blieb nur eine Flucht in die Schweiz. Dort war sie mehr geduldet als geschätzt, jährlich musste sie neu darum kämpfen, bleiben zu dürfen. Als sie 1939 nach Jerusalem reiste, wurde ihr die Rückkehr verwehrt, so dass sie ab 1939 in Jerusalem lebte. Was sie früher immer als Traumland und Herzensheimat bezeichnet hatte, erwies sich als Ort, an welchem sie nicht heimisch werden konnte.

Herbst

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön…..
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen –
Denn ich muss andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben DEM, der viel von Liebe weiss zu sagen.
Ein Mensch der LIEBE kann nur auferstehen!
Hass schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Ich will dir viel viel Liebe sagen –
Wenn auch schon kühle Winde wehen,
In Wirbeln sich um Bäume drehen,
Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen…..
Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen.
Er sah verhängt mich auch an Tagen,
Die zaghaft ich beging auf Zehen.

Else Lasker-Schüler starb 1945 nach einem Herzanfall. Betrachtet man ihr Leben mit all seinen Enttäuschungen, Schwierigkeiten und auch unglücklichen Lieben, war dieser vielleicht die Folge eines gebrochenen Herzen. Von Gottfried Benn stammt der Ausspruch, Else Lasker-Schüler «war die grösste Lyrikerin, die Deutschland je hatte». Dem ist wenig entgegenzusetzen.

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben
Sterne, die sich himmellang umawarben.

Und unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

#abcdeslesens – K wie Mascha Kaléko

Ein Leben auf der Flucht, ein Leben als Heimatlose, so könnte man Mascha Kalékos Leben beschreiben. Schon als Kind musste Mascha Kaléko immer wieder weiterziehen, die Heimat verlassen, eine neue finden. Immer wieder spürte sie das Gefühl der Heimatlosigkeit, der Haltlosigkeit, und auch den Drang, sich wieder neu einzurichten, zurechtzufinden.

Mascha Kaléko sprach nicht nur von einem Leben, sondern von deren sechs. Sie hat ihr Leben selber in sechs Etappen[1] eingeteilt:

Erstes Leben: Mascha allein
Zweites Leben: Mascha und ihr erster Mann, S. Kaléko
Drittes Leben: Mascha und ihr zweiter Mann, Chemjo Vinaver
Viertes Leben: Mascha, Chemjo und ihr Sohn Steven
Fünftes Leben: Mascha und Chemjo ohne Steven
Sechtes Leben: Mascha allein

und sie hat darüber ein Gedicht geschrieben:

Das sechste Leben

Eine Katze hat neun
Ich brachte es auf fünf
Das erste war keines
Aber das zählte fast doppelt.
Angst, Hunger, Dunkel
Dann kam die Liebe
Und der Tag schien wieder möglich

Leben Nummer zwei
Bootfahrt auf dem Wasser
Der Jugend.

Nummer drei begann, da hörte
Nummer zwei auf.
Sturm rüttelte am Dach
Die Seidendecke zerriss
Und wir lagen im Gras
Deckten uns zu mit der weissen Wolke
Auf blauem Grund.

Nummer vier begann damit, dass
Aus Zweien Drei wurden
Es war ein Märchen
Wunder schon zum Frühstück
Und Zauber am Abend
Wir ritten über das Weltmeer
Trockenen Fusses
Pfeile trafen dicht daneben
Die Glut versengte uns nicht
Wir flogen im Schatten der
Schutzengel-Schwingen

Alle drei die Gott liebte.
Dann nahm er uns das Kind
Schon war es ein Mann geworden
Ein Gott…

Und wieder allein, doch nicht
Wie zuvor, da zwei zu sein genügte…*

Gerade aber diese vielen Ortswechsel förderten auch etwas bei Mascha Kaléko, was ihr später zugutekommen sollte: Den Umgang mit Sprache. Aus der Überzeugung heraus, dass man weniger fremd an einem Ort ist, wenn man dessen Sprache spricht, eignete sie sich schnell die Berliner Mundart an und sie entwickelte ein feines Sensorium für die Mentalität der Menschen da. Es gelang ihr so, sich zu assimilieren, «einer von ihnen» zu werden, was ihr sehr wichtig war. Dieses Feingefühl für Menschen hört man ihren Gedichten an, eine pointierte Grossstadtlyrik entstand, die das ganz normale Leben damaliger Zeit beschrieb. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten, innerhalb weniger Jahre gehörte Mascha Kaléko zur literarischen Szene Berlins.

Frühling über Berlin

Sonne klebt wie festgekittet,
Bäume tun, als ob sie blühn.
Und der blaue Himmel schüttet
Eine Handvoll Wolken hin.

Grossstadtqualm statt Maiendüfte,
– Frühling über Gross-Berlin! –
Süse wohlbekannte Düfte…
Stammen höchstens von Benzin.*
(…)

Mascha Kaléko beschreibt in ihren Gedichten den ganz normalen Alltag, das ganze Leben angefangen von den Strassen in den Städten, hinein in die Büros der Arbeitswelt und weiter in die Schlafzimmer der einfachen Menschen. Mit klarem Blick und ebensolcher Sprache legt sie dem Leser ein Stimmungsbild vor, welches den Blick für die Realität öffnet.

Wir wachten auf. Die Sonne schien nur spärlich
Durch schmale Ritzen grauer Jalousien.
Du gähntest tief. Und ich gestehe ehrlich:
Es klang nicht schön. – Mir schien es jetzt erklärlich,
Dass Eheleute nicht in Liebe glühn.

(…)

Wie plötzlich mich so viele Dinge störten!
– Das Zimmer, du, der halbverwelkte Strauss,
Die Gläser, die wir gestern Abend leerten,
Die Reste des Kompotts, das wir verzehrten.
…Das alles sieht am Morgen anders aus.*

(…)

Mascha Kalékos Lyrik kurz beschrieben, gliche einem Rezept: Man nehme einen offenen Blick aufs Leben mit seinen Details aus dem Alltag, wähle einen lockeren Ton, füge eine Prise Humor dazu, und würze mit einer Spur Melancholie. Die Menschen erkannten sich wieder mit ihren Ängsten, Sorgen, Hoffnungen – wohl mit ein Grund für ihren Erfolg. Trotzdem hob sie nicht ab, wurde sie nicht übermütig oder gar überheblich. Im Gegenteil: Als ihr eine Zeitung das Angebot machte, jeden Montag ein Gedicht veröffentlichen zu können und dies sogar zu einem stattlichen Honorar, lehnte Mascha Kaléko ab – sie hatte Angst, dem nicht gewappnet zu sein:

«Dazu muss ich allerdings gestehen, dass ich an einer quälenden Furcht litt. Kaum, dass mir etwas Ordentliches gelungen war, so vermeinte ich, dies wäre das Letzte! Nie wieder würde mir derartiges glücken. Unter dieser Mysteriösen Qual litt ich anfangs unsäglich.»[2]

Nach gutem Zureden entschied sie dann doch anders und es kam zu den wöchentlichen Gedichten.

Mascha Kalékos Leben war mit vielen Schwierigkeiten gepflastert. Mit der tief gefühlten Entwurzelung durch die Flucht in der Kindheit fing es an, damit ging es später auch weiter. Als ihre Bücher von den Nationalsozialisten verboten wurden, emigrierten sie, ihr Mann und der gemeinsame Sohn über Frankreich in die Staaten. Wegen des ausbleibenden Erfolgs ihres Mannes, dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, lag es an ihr, die Familie zu ernähren, was sie unter anderem mit dem Verfassen von Werbetexten machte, daneben schrieb sie Kindergedichte. Dass es in der Zeit zu vielen Streitereien zwischen den Eheleuten kam, machte alles noch schwerer.

«Ich gehe langsam aber sicher zugrunde. Ich weiss nicht, warum wir uns gegenseitig das Leben verbittern. […] ich fühle, wie alles zerbricht, was ich in meinem Innern aufgebaut hatte, und auch was im Äusseren begonnen hat, mein Leben zu sein, ist im Grunde nur eine Qual. […] leider ist er nicht der Mann für mich, neben ihm sterbe ich täglich einen neuen Tod. Ohne ihn würde ich nur einmal sterben. Aber dafür einen gründlichen Tod, von dem man nicht wiederkehrt. Ich möchte einschlafen, um nie wieder zu erwachen.»

Doch sie gab nicht auf, sie kämpfte weiter und irgendwann konnten sie auch wieder nach Deutschland zurück, wo endlich auch wieder Publikum für ihre Gedichte wartete, wo sie wieder aufblühen konnte. Doch es folgte der nächste Umzug: Ihrem Mann zuliebe zog sie mit diesem nach Jerusalem, wo sie sehr unter der sprachlichen und auch kulturellen Isolation litt, heimisch fühlte sie sich nie.

Der Fremde

Sie sprechen von mir nur leise
Und weisen auf meinen Schorf.
Sie mischen mir Gift in die Speise.
Ich schnüre mein Bündel zur Reise
Nach uralter Vorväter Weise.
Sie sprechen von mir nur leise.
Ich bleibe der Fremde im Dorf.**

Das Melancholische ihres Wesens wird stärker, nicht nur der Ton ihrer Gedichte wird pessimistischer, auch die Themen ändern sich: Einsamkeit, Aussenseitertum, Vergänglichkeit stehen nun im Zentrum.

Resignation für Anfänger

Suche du nichts. Es gibt nichts zu finden,
Nichts zu ergründen. Finde dich ab.
Kommt ihre Zeit, dann blühen die Linden
über dem frischgeschaufelten Grab.

Kommt seine Zeit, dann schwindet das Dunkel,
funkelt das wiedergeborene Licht.
Nichts ist zu Ende. Alles geht weiter.
Und du wirst heiter. Oder auch nicht.

Zwischen Vergehen und Wiederbeginnen
liegt das Unmögliche. Und es geschieht.
Wie und Warum waren nie zu ersinnen.
Neu erklingt dem Neuen das uralte Lied.

Geh nicht zu Grunde, den Sinn zu ergründen.
Suche nicht. Dann magst du ihn finden.*

Und dann schlug das Schicksal erneut zu, erst mit dem Tod des Sohnes, dann mit dem Tod ihres Mannes.

Auf Reisen

Ich gehe wieder auf Reisen
Mit meiner leisen
Gefährtin, der Einsamkeit.

Wir bleiben zu zweien einsam
Und haben nichts weiter gemeinsam
Als diese Gemeinsamkeit.

Die Fremde ist Tröstung und Trauer
Und Täuschung wie alles. Von Dauer
Scheint Traum nur und Einsamkeit.**

Ihre Schreibkraft flackerte nochmals kurz auf, ein produktives Jahr folgte, bis Mascha Kaléko 14 Monate nach ihrem geliebten Chemjo auch starb.


[1] zit. nach Gisela Zoch-Westphal: Aus dem Leben der Mascha Kaléko

[2] zit. nach Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko

_____
* zitiert nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

** zitiert nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

#abcdeslesens – I wie Ingeborg Bachmann

Passend zu ihrem Geburtstag möchte ich heute Ingeborg Bachmann die Bühne überlassen – und ich hebe mein Glas auf diese wunderbare, tiefgründige Frau und Schriftstellerin, die so viele verschiedene Facetten in sich trägt, dass wohl nie alle ans Licht kommen werden. Das macht sie einerseits zum Mysterium, andererseits aber zutiefst menschlich, sind wir doch alle mit unterschiedlichen Sehnsüchten, Anlagen und Facetten bestückt.

Ingeborg Bachmann ist wohl eine der unfassbarsten Künstlerinnen der Geschichte. Selbst gab sie kaum Informationen über sich preis, und wenn, dann widersprachen sich die einzelnen in einer Weise, dass man nie sicher sein konnte, was denn nun stimmte. Diese Mehrdeutigkeit war nicht nur in ihren Selbstaussagen zu finden, auch ihr Verhalten sprach eine ähnliche Sprache. Mal ungeschickt, schüchtern flüsternd, dann wieder ganz Ikone und Grand Dame der Deutschen Lyrik. Dass vieles davon nur Selbstinszenierung war, liegt auf der Hand, gedacht als Schutzschild, was auf eine unsichere Person hinter diesem deuten lässt. Liest man die Lebensgeschichte, lässt sich dieses Bild leicht bestätigen. Und doch wusste Bachmann schon früh, was sie will im Leben: Schreiben.

Am nächsten kommt man Ingeborg Bachmann wohl auch in ihrem Schreiben. Es sind keine chronologischen Lebenserzählungen, es sind Bilder von Gefühlswelten. Wie oft schreibt sie von Frauen als verwundetes Wesen, von grausamen Männern, von nicht gelebter Liebe, von Tod, Angst, Mord, Unsicherheiten? Wäre es eine Geschichte, könnte man an schöpferische Freiheit und phantasievolle Vorstellung glauben, doch in der Dichte? Glaubt man Goethes Dichtung, dass alles Schreiben autobiographisch ist nur schon teilweise, so muss man wohl zum Schluss kommen, dass ganz viel Ingeborg im Bachmannschen Werk steckt.

Ingeborg Bachmann fühlte sich lange, wenn nicht zeitlebens schuldig für ihre Herkunft als Tätertochter. Sie hat es als Pflicht gesehen, ihren Teil dazu beizutragen, dass nicht einfach weiter geht, was so viel Unheil angerichtet hat. Dies tat sie unter anderen in ihren Gedichten, später auch in der Prosa, indem sie die Geschichte und die durch diese aufgeladene Schuld immer wieder thematisiert, den (eigentlichen Nicht-) Umgang damit durch die Beschreibung der Kritik ausliefert.

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
Ist in die Feuerzone gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Hinschauen wollte sie, nicht schweigen – zumindest im öffentlichen Raum, denn über das Private, vor allem die Vergangenheit ihres Vaters, schwieg auch sie. Sucht man einen einzigen Ausdruck, der Ingeborg Bachmann beschreiben soll, so könnte man sie wohl eine «unglücklich Liebende» nennen. Zeitlebens auf der Suche nach Liebe, wollte sich doch keine wirklich lebbare einstellen. Das mag an den Männern gelegen haben, hatte aber sicher auch den Anteil bei Bachmann selber. Sie konnte und wollte sich nicht anpassen, unterordnen, abhängig sein, sie kämpfte für ihre Freiheit, ihre Autonomie. Und: Sie stellte ihr Schreiben über alles. Sie war nicht bereit, dafür Zugeständnisse zu machen. So scheiterte ihre grosse Liebe zu Paul Celan, die Beziehung mit Max Frisch, und auch jede Liebelei zwischendurch. Zurück blieb eine einsame Frau, die am Leben und der fehlenden Liebe krankte.

[Wir gehen, die Herzen im Staub]

Wir gehen, die Herzen im Staub,
und lange schon hart am Versagen.
Man hört uns nur nicht, ist zu taub,
um das Stönen im Staub zu beklagen.

Wir singen, den Ton in der Brust.
Dort ist er noch niemals entsprungen.
Nur manchmal hat einer gewusst:
wir sind nicht zum Bleiben gezwungen.

Wir halten. Beenden den Trott.
Sonst ist auch das Ende verdorben.
Und richten die Augen auf Gott:
wir haben den Abschied erworben!

Mag dieses Bild auch düster klingen, so sei doch gesagt, dass Ingeborg Bachmann es bei jeder Niederlage, nach jedem Leiden, wieder gelang, auf die Beine zu kommen, Energie zu finden, um weiterzuschreiben. Vermutlich war gerade das Schreiben ihr Lebensanker, auch wenn es ihr alles andere als leichtfiel, sie kämpfte mit Worten, Wendungen und Sätzen, sie kaum je zufrieden war und an allem feilte, bis es den eigenen – sehr hohen – Ansprüchen genügte. Entstanden sind so grossartige Gedichte, Marcel Reich-Ranicki nannte Bachmann denn auch eine der grossen Lyrikerinnen der jüngeren Vergangenheit, neben Lasker-Schüler und Droste-Hülshoff.

Doch irgendwann hörte sie auf, Gedichte zu schreiben. Sie sagte, sie hätte schon früh gewusst, dass das enden würde. Doch es endete nur nach aussen. Sie schrieb weiter, einige las sie noch vor, andere wurden erst nach ihrem Ableben publiziert. Schade, denn sie hatten nichts an der Grossartigkeit der früheren eingebüsst.

Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.
Ich suche sie in allen Zimmerwinkeln.
Weiss vor Schmerz nicht, wie man einen Schmerz
aufschreibt, weiss überhaupt nichts mehr.

Weiss, dass man so nicht daherreden kann,
es muss würziger sein, eine gepfefferte Metapher.
müsste einem einfallen. Aber mit dem Messer im Rücken.

Parlo e tacio, flüchte ich mich in ein Idion,
in dem sogar Spanisches vorkommt, los toros y
las planetas, auf einer alten gestohlenen Platte
vielleicht noch zu hören. Mit ezwas Französischem
geht es auch, tu es mon amour depuis si longtemps.

Adieu, ihr schönen Worte, mit euren Verheissungen.
Warum habt ihr mich verlassen. War euch nicht wohl?
Ich habe euch hinterlegt bei einem Herzen, aus Stein.
Tut dort für mich, Haltet dort aus, tut dort für mich ein Werk.

Mit nur 47 Jahren ist Ingeborg Bachmann gestorben. Ihr Tod war genauso mysteriös wie ihr Leben. Ein Kreis schloss sich. 

#abcdeslesens – J wie Juan Ramón Jimenéz

50 Jahre hat er der Dichtkunst gewidmet, 50 Jahre hat er unermüdlich Gedichte geschaffen und die spanische Lyrik massgeblich mitgeprägt. Als 1900, Jimenez war gerade 18, sein erstes Buch erschienen ist, fiel das in eine für Spanien schwierige Zeit: Seit Generationen kam es immer wieder zu Aufständen und Bürgerkriegen, das in seinen Traditionen erstarrte Land stand einerseits Europa und andererseits einer sich immer weiter säkularisierenden Welt gegenüber. Kein Wunder, fand die jüngere Generation, dass eine Änderung nötig sei. Die einzige Möglichkeit sah sie in einer Abkehr von den sterilen Traditionen – und die Dichtung ging diesen Weg mit.

War Jimenez anfänglich noch sehr von Rubén Dario geprägt, versuchte Jimenez schon bald, seine Selbständigkeit zu wahren und studierte eifrig andere Dichter. Neben spanischen Romantikern auch Franzosen, Deutsche und Engländer. Später kamen die Symbolisten dazu und so weitete sich nach und nach sein Gesichtskreis, neue Möglichkeiten eröffneten sich ihm, die er in seiner Lyrik nach Spanien tragen wollte.

Todo el día tengo, amor,
tu corazón en mis brazos
– ¡oh blanca flor infinita! –
meciéndolo, acariciándolo.   De noche lo acuesto junto
a mi corazón romántico,
para que duerma en la gloria,
mientras velo desvelado
– ¡oh niño recién nacido,
amor! – por no lastimártelo.
Den ganzen Tag halt¨ich, Liebe,
dein Herz in meinen Armen,
es wiegend und kosend
– o weisse, ewige Blume! –   Nachts leg’ ich’s
an mein romantisches Herz,
damit es selig schlafe,
während ich in Sorge wache,
um es nicht zu verletzen
– o neugeborenes Kind, Liebe! –

Pries er in frühen Schriften all die europäischen Vorbilder, schalt er sich später, dass er zu sehr nach Aussen geschielt hätte, wo doch Andalusien so viel an Schätzen zu bieten gehabt hätte, man denke nur an die Dichtung der andalusischen Araber. Jimenez war der Ansicht, er hätte schneller zum Ziel kommen können. Es ist fraglich, ob er damit richtig lag, doch ist es eigentlich nicht wichtig, ist doch ein wunderbar vielfältiges Werk entstanden, das auf eine grosse Entwicklung des Dichters hinweist, sieht man die Veränderung und Steigerung seiner Dichtung über die Jahre. Immer mehr verlangte er seiner Dichtung ab, feilte an Worten und Inhalten. Das kontinuierliche Streben nach Steigerung endete nicht bei seinem Werk, auch bei seinem Wesen zielte er auf Selbstvollendung ab.

Creador segundo   Qué me importa, sol seco?
You hago la fuente azul en mis entrañas.   Nieve sin luz, ¿y qué?
Yo hago en mi corazón la fragua grana.       ¿Qué me im porta, amor humano?
Yo hago la eternidad de amor en mi alma.
Zweiter Schöpfer   Was kümmert mich die dürre Sonne?
Ich schaffe die blaue Quelle in meinem Innern.   Schnee oder Licht – was tut’s?
Ich schaffe in meinem Herzen die rotglühende Schmiede.   Was kümmert mich menschliche Liebe?
Ich schaffe der Liebe Ewigkeit in meiner Seele.

Juan Ramón Jimenéz hat sein Leben ganz in den Dienst der Dichtung gestellt. Über zwei Dutzend Gedichtbände erschienen in einer Zeitspanne von 50 Jahren. Er war einer der führenden Geister der spanischen Dichtung weg vom Traditionalismus hin in die Moderne, und er hat mit seinem Schaffen viele nachkommende Dichter geprägt. 1956 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Man ist versucht zu sagen: Wer, wenn nicht ihm.

Està tan puro ya mi corazón,
que lo mismo es que muera
o que cante.   Puede llenar el libro de la vida,
o el libro de la muerte,
los dos en blanco para él,
wue piensa y sueña.   Igual eternidad hallará en ambos.   Corazón, da los mismo: muere o canta.
Mein Herz ist nun so rein,
dass es gleichviel zählt, ob es stirbt,
oder singt.   Es kann das Buch des Lebens füllen
oder das Buch des Todes.
Beide sind unbeschrieben für mein Herz,
das denkt und träumt.   Gleichviel Ewigkeit wird es in beiden finden.   Herz, es zählt gleichviel: stirb oder singe.

#abcdeslesens – Stefan George (12.7.1868 – 4.12.1933)

Was will man über ihn sagen? Am besten nichts und gleichzeitig dazu aufrufen, alles, was bekannt ist, zu vergessen und sich den Gedichten zuzuwenden. Zwar stiessen auch diese auf Kritik, doch die war wohl auch oft Georges Leben und Unverständnis geschuldet, nicht den Gedichten selbst.

Leider fristen die Gedichte Stefan Georges ein eher ungelesenes Dasein, von ein paar eifrigen Germanistikstudenten und nach Neuem suchenden Literaturbegeisterten abgesehen, interessiert sich kaum jemand für diese eigentlich so wunderschöne Dichtung. Seine Heimatstadt Bingen versuchte eine Zeit lang, dem entgegenzuwirken und veröffentlichte jeden 15. des Monats eines seiner Gedichte auf der Homepage. Leider wurde das eingestellt und es bleibt nur noch ein sporadisch geöffnetes Museum. Und eben das wichtigste: Die Gedichte – mit ihrer eigenwilligen Schreibweise.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht –
Den purpur um die ranken wilder reben –
und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George wollte sich abgrenzen. Abrenzen von althergebrachten Klischees, abgrenzen von der bekannten Spiesserlitertatur, abgrenzen von abgedroschenen Wendungen und offensichtlichen Reimen. Auch in den verwendeten Metaphern suchte er neue Wege, erschloss neue Bildwelten für seine Worte, was beim ersten Lesen wohl oft genau das auslöst, was beabsichtigt war: Ein Innehalten, ein genaues Hinsehen, weil man sich mit unbekannten Welten konfrontiert sieht, und die Aufgabe, sich diese lesend zu erschliessen. Stefan George setzte auf das Ungewöhnliche, auf das Neue, ab und an um den Preis, dass seine Dichtung dadurch schwer fassbar ist und auch zeitweise sperrig wirkt.

Teich der Erinnerung

Auf sehnsuchtvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Segl ich tief einsam in den stunden des seufzens
Auf nachtäugigen angedenkens kahn.

Ich gleite still und die schwäne der gefühle
Tauchen ferne von mir in das dunkel ein
Ich gleite wie in einer feudalen ballade
Mondlicht beleuchtet von der gedanken schein.

Ich segle schweigend – plötzlich aus klagenden fluten
Hebt sich die maid der raue in sagengrau
Und schluchzt die weissen lilienhände windend
Wie einsame quelle auf der verwitweten au.

Auf sehnsuchtsvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Swegl ich tief einsam in den drückenden nebeln
Auch nachtäugigen angedenkens kahn.

Neben der eigenen Dichtung hat sich Stefan George auch mit Übertragungen und Umdichtungen beschäftigt, neben Shakespeare, Dante und Mallarmé vor allem Baudelaires Blumen des Bösen. Der Vorwurf kam denn auch, er hätte seinen Tonfall bei Baudelaire entlehnt, was George vehement bestritt und auf Eigenständigkeit pochte. Die intensive Auseinandersetzung mag sicher ihre Spuren hinterlassen haben, doch selbst wenn, wäre das nicht verwerflich und keineswegs zum Schaden der Georgeschen Gedichte.

Neben dem Wunsch, sich abzugrenzen, Neues zu schaffen, ging es Stefan George immer um die Schönheit. Er stellte in seinen Gedichten den Sinn im Sinne eines Wortsinnes hinter die sinnliche Erfahrung des Ausdrucks. So hilft es beim Lesen, die strenge Rationalität auszuschalten zugunsten eines Aufnehmens mit allen Sinnen. Auf diese Weise steigt aus  den Worten plötzlich ein Erfahren, ein Erleben, das tiefer geht als es der Wortsinn je könnte.

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen –
Schwalben schnee- und silberweiss –
Sah sie sich im winde wiegen –
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen –
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern –
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen –
Schnee- und silberweisse schar –
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar.

Franziska zu Reventlow (*18. Mai 1871)

Fanny_Gräfin_zu_ReventlowFranziska zu Reventlow wird am 18. Mai 1871 im Schloss Husum geboren. Fanny erfährt eine strenge Erziehung, teils durch die Familie, teils durch das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen. Schon früh zeigt sich ihr rebellisches Wesen, welches nach nur einem Jahr in der Pension zu ihrem Rauswurf führt. Es folgt ein privates Lehrerinnenseminar, eine nicht wirklich typische Ausbildung für eine junge Adlige.

Mittlerweile in Lübeck wohnend schliesst sich Reventlow dem Ibsen-Club an, beschäftigt sich mit gesellschaftskritischer Literatur und Nietzsche. Eine entdeckte Liebschaft führt zu Fannys Verbannung aufs Land, die Familie ist darauf bedacht, den guten Ruf der ungezügelten Tochter zu wahren, was diese nicht so einfach geschehen lässt und aus ihrem Exil flieht. Diese Geschichte führt zu einem lange währenden Zerwürfnis der Familie.

Fanny lernt den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen und heiratet ihn. Er finanziert ihr den Aufenthalt an einer Malschule, allerdings zeigt Fanny wenig Dankbarkeit, sondern flieht aus dem bürgerlichen Eheleben in die Freiheit, welche arm und von Krankheiten und Fehlgeburten betroffen ist. Sie hat nur noch verächtliche Worte für die strukturierten Lebensentwürfe der bürgerlichen und höheren Gesellschaft.

Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, dass ich kaum durchs Zimmer gehen kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.

Sohn Rolf wird geboren, der Vater spielt keine Rolle, wird namentlich nicht mal genannt. Das finanzielle Überleben sichert sich Fanny zu Reventlow mit Übersetzungsarbeiten und kleinen Texten für Zeitschriften und Tageszeitungen sowie einem – wenn auch eher kurzen – Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Auch Jobs wie Prostituierte, Köchin, Sekretärin finden sich in ihrem Lebenslauf. Übernamen wie „heidnische Madonna“ oder „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ zeugen von einem bewegten Leben, welches Fanny literarisch teilweise mit viel Selbstironie verarbeitet.

Franziska zu Reventlow wohnt in München in Schwabing, nennt den Stadtteil selber Wahnmoching, was sowohl zu ihr selber wie auch zur Szene, in der sie sich bewegt, passt.

[…] eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulturen wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen. (Aus: Herrn Dames Aufzeichnungen)

Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt – noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat. (ebd.)

Zahlreiche Exponenten der Münchner Künstlerszene säumen ihren Weg: Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Theodor Lessing – um nur einige zu nennen. Fanny unternimmt Reisen in den Süden, zieht 1910 ins Tessin nach Ascona, schreibt da ihre Schwabinger Romane, geht eine Scheinehe ein und zieht schliesslich nach Muralto, wo sie am 26. Juli 1918 an den Folgen eines Fahrradsturzes stirbt.

Fanny zu Reventlow wird nur 47 Jahre alt, allerdings darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diese 47 Jahre wohl mehr Leben packte als so mancher in die doppelte Zeit. Allerdings wäre es verfehlt zu denken, man hätte es hier mit einer lebenslustigen, leichtsinnigen und leichtfertigen Frau zu tun. Fanny zu Reventlow ist eine Suchende, sie verzweifelt ab und an beinahe am Leben, fällt in dunkle Löcher, aus denen sie sich nur mühsam wieder herausarbeitet. Sie leidet an sich und der Welt, sehnt sich nach Liebe und Glück und findet es nicht. Wenn sie es doch findet, hält es nur kurzfristig, als ob sie es nicht länger ertrüge – Ein Hin und Her zwischen Freiheitsdrang und Liebesglück.

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich.

 

Werk und Wirkung

Der grosse Ruhm blieb Fanny zu Reventlow versagt, trotzdem werden ihre Romane bis heute (zu Recht) verlegt und gelesen. Ihr Schreiben ist ein Abbild der damaligen Zeit, mit Humor und klarem Blick zeichnet sie ein Bild der Schwabinger Bohème. Ihre Übersetzungsarbeiten haben ihren eigenen Schreibstil sicher massgeblich geprägt, welcher sich durch einen Plauderton auszeichnet. Reventlows Texte sind gesellschaftskritisch, durchleuchten die Geschlechterrollen und –bilder und offenbaren immer wieder einen Blick hinter die Fassade, in ihr eigenes Leben und Denken, das so bewegt und vielschichtig war wie es ganze Bibliotheken nicht bunter beschreiben könnten.

 

Ausgewählte Werke

  • Was Frauen ziemt (Essay, 1899)
  • Erziehung und Sittlichkeit (Essay, 1900)
  • Ellen Olestjerne (Roman, 1903)
  • Von Paul zu Pedro (Amouresken, 1912)
  • Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus deinem merkwürdigen Stadtteil (Roman, 1913)

 

Arthur Schnitzler (*15. Mai 1862)

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai 1862 als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre darauf wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, u ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.