#abcdeslesens – Stefan George (12.7.1868 – 4.12.1933)

Was will man über ihn sagen? Am besten nichts und gleichzeitig dazu aufrufen, alles, was bekannt ist, zu vergessen und sich den Gedichten zuzuwenden. Zwar stiessen auch diese auf Kritik, doch die war wohl auch oft Georges Leben und Unverständnis geschuldet, nicht den Gedichten selbst.

Leider fristen die Gedichte Stefan Georges ein eher ungelesenes Dasein, von ein paar eifrigen Germanistikstudenten und nach Neuem suchenden Literaturbegeisterten abgesehen, interessiert sich kaum jemand für diese eigentlich so wunderschöne Dichtung. Seine Heimatstadt Bingen versuchte eine Zeit lang, dem entgegenzuwirken und veröffentlichte jeden 15. des Monats eines seiner Gedichte auf der Homepage. Leider wurde das eingestellt und es bleibt nur noch ein sporadisch geöffnetes Museum. Und eben das wichtigste: Die Gedichte – mit ihrer eigenwilligen Schreibweise.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht –
Den purpur um die ranken wilder reben –
und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George wollte sich abgrenzen. Abrenzen von althergebrachten Klischees, abgrenzen von der bekannten Spiesserlitertatur, abgrenzen von abgedroschenen Wendungen und offensichtlichen Reimen. Auch in den verwendeten Metaphern suchte er neue Wege, erschloss neue Bildwelten für seine Worte, was beim ersten Lesen wohl oft genau das auslöst, was beabsichtigt war: Ein Innehalten, ein genaues Hinsehen, weil man sich mit unbekannten Welten konfrontiert sieht, und die Aufgabe, sich diese lesend zu erschliessen. Stefan George setzte auf das Ungewöhnliche, auf das Neue, ab und an um den Preis, dass seine Dichtung dadurch schwer fassbar ist und auch zeitweise sperrig wirkt.

Teich der Erinnerung

Auf sehnsuchtvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Segl ich tief einsam in den stunden des seufzens
Auf nachtäugigen angedenkens kahn.

Ich gleite still und die schwäne der gefühle
Tauchen ferne von mir in das dunkel ein
Ich gleite wie in einer feudalen ballade
Mondlicht beleuchtet von der gedanken schein.

Ich segle schweigend – plötzlich aus klagenden fluten
Hebt sich die maid der raue in sagengrau
Und schluchzt die weissen lilienhände windend
Wie einsame quelle auf der verwitweten au.

Auf sehnsuchtsvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Swegl ich tief einsam in den drückenden nebeln
Auch nachtäugigen angedenkens kahn.

Neben der eigenen Dichtung hat sich Stefan George auch mit Übertragungen und Umdichtungen beschäftigt, neben Shakespeare, Dante und Mallarmé vor allem Baudelaires Blumen des Bösen. Der Vorwurf kam denn auch, er hätte seinen Tonfall bei Baudelaire entlehnt, was George vehement bestritt und auf Eigenständigkeit pochte. Die intensive Auseinandersetzung mag sicher ihre Spuren hinterlassen haben, doch selbst wenn, wäre das nicht verwerflich und keineswegs zum Schaden der Georgeschen Gedichte.

Neben dem Wunsch, sich abzugrenzen, Neues zu schaffen, ging es Stefan George immer um die Schönheit. Er stellte in seinen Gedichten den Sinn im Sinne eines Wortsinnes hinter die sinnliche Erfahrung des Ausdrucks. So hilft es beim Lesen, die strenge Rationalität auszuschalten zugunsten eines Aufnehmens mit allen Sinnen. Auf diese Weise steigt aus  den Worten plötzlich ein Erfahren, ein Erleben, das tiefer geht als es der Wortsinn je könnte.

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen –
Schwalben schnee- und silberweiss –
Sah sie sich im winde wiegen –
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen –
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern –
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen –
Schnee- und silberweisse schar –
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar.

Franziska zu Reventlow (*18. Mai 1871)

Fanny_Gräfin_zu_ReventlowFranziska zu Reventlow wird am 18. Mai 1871 im Schloss Husum geboren. Fanny erfährt eine strenge Erziehung, teils durch die Familie, teils durch das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen. Schon früh zeigt sich ihr rebellisches Wesen, welches nach nur einem Jahr in der Pension zu ihrem Rauswurf führt. Es folgt ein privates Lehrerinnenseminar, eine nicht wirklich typische Ausbildung für eine junge Adlige.

Mittlerweile in Lübeck wohnend schliesst sich Reventlow dem Ibsen-Club an, beschäftigt sich mit gesellschaftskritischer Literatur und Nietzsche. Eine entdeckte Liebschaft führt zu Fannys Verbannung aufs Land, die Familie ist darauf bedacht, den guten Ruf der ungezügelten Tochter zu wahren, was diese nicht so einfach geschehen lässt und aus ihrem Exil flieht. Diese Geschichte führt zu einem lange währenden Zerwürfnis der Familie.

Fanny lernt den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen und heiratet ihn. Er finanziert ihr den Aufenthalt an einer Malschule, allerdings zeigt Fanny wenig Dankbarkeit, sondern flieht aus dem bürgerlichen Eheleben in die Freiheit, welche arm und von Krankheiten und Fehlgeburten betroffen ist. Sie hat nur noch verächtliche Worte für die strukturierten Lebensentwürfe der bürgerlichen und höheren Gesellschaft.

Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, dass ich kaum durchs Zimmer gehen kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.

Sohn Rolf wird geboren, der Vater spielt keine Rolle, wird namentlich nicht mal genannt. Das finanzielle Überleben sichert sich Fanny zu Reventlow mit Übersetzungsarbeiten und kleinen Texten für Zeitschriften und Tageszeitungen sowie einem – wenn auch eher kurzen – Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Auch Jobs wie Prostituierte, Köchin, Sekretärin finden sich in ihrem Lebenslauf. Übernamen wie „heidnische Madonna“ oder „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ zeugen von einem bewegten Leben, welches Fanny literarisch teilweise mit viel Selbstironie verarbeitet.

Franziska zu Reventlow wohnt in München in Schwabing, nennt den Stadtteil selber Wahnmoching, was sowohl zu ihr selber wie auch zur Szene, in der sie sich bewegt, passt.

[…] eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulturen wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen. (Aus: Herrn Dames Aufzeichnungen)

Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt – noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat. (ebd.)

Zahlreiche Exponenten der Münchner Künstlerszene säumen ihren Weg: Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Theodor Lessing – um nur einige zu nennen. Fanny unternimmt Reisen in den Süden, zieht 1910 ins Tessin nach Ascona, schreibt da ihre Schwabinger Romane, geht eine Scheinehe ein und zieht schliesslich nach Muralto, wo sie am 26. Juli 1918 an den Folgen eines Fahrradsturzes stirbt.

Fanny zu Reventlow wird nur 47 Jahre alt, allerdings darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diese 47 Jahre wohl mehr Leben packte als so mancher in die doppelte Zeit. Allerdings wäre es verfehlt zu denken, man hätte es hier mit einer lebenslustigen, leichtsinnigen und leichtfertigen Frau zu tun. Fanny zu Reventlow ist eine Suchende, sie verzweifelt ab und an beinahe am Leben, fällt in dunkle Löcher, aus denen sie sich nur mühsam wieder herausarbeitet. Sie leidet an sich und der Welt, sehnt sich nach Liebe und Glück und findet es nicht. Wenn sie es doch findet, hält es nur kurzfristig, als ob sie es nicht länger ertrüge – Ein Hin und Her zwischen Freiheitsdrang und Liebesglück.

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich.

 

Werk und Wirkung

Der grosse Ruhm blieb Fanny zu Reventlow versagt, trotzdem werden ihre Romane bis heute (zu Recht) verlegt und gelesen. Ihr Schreiben ist ein Abbild der damaligen Zeit, mit Humor und klarem Blick zeichnet sie ein Bild der Schwabinger Bohème. Ihre Übersetzungsarbeiten haben ihren eigenen Schreibstil sicher massgeblich geprägt, welcher sich durch einen Plauderton auszeichnet. Reventlows Texte sind gesellschaftskritisch, durchleuchten die Geschlechterrollen und –bilder und offenbaren immer wieder einen Blick hinter die Fassade, in ihr eigenes Leben und Denken, das so bewegt und vielschichtig war wie es ganze Bibliotheken nicht bunter beschreiben könnten.

 

Ausgewählte Werke

  • Was Frauen ziemt (Essay, 1899)
  • Erziehung und Sittlichkeit (Essay, 1900)
  • Ellen Olestjerne (Roman, 1903)
  • Von Paul zu Pedro (Amouresken, 1912)
  • Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus deinem merkwürdigen Stadtteil (Roman, 1913)

 

Arthur Schnitzler (*15. Mai 1862)

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai 1862 als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre darauf wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, u ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.

Christian Morgenstern (6. Mai 1871)

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wird am 6. Mai 1871 in München in eine Malerfamilie geboren. Als Christian Morgensterns Mutter 1881 an Tuberkulose stirbt, wird Christian nach Hamburg zu seinem Paten geschickt, kehrt ein Jahr später zurück nach München und geht ab da ins Internat in Landshut, wo er züchtigenden Körperstrafen der Lehrer und Mobbing der Mitschüler ausgesetzt ist. Als sein Vater, mittlerweile neu verheiratet, nach Breslau an die Königliche Kunstschule berufen wird, zieht die ganze Familie um, Christian besucht da das Gymnasium. In diese Zeit fallen auch seine ersten Schreibversuche, das Trauerspiele Alexander von Bulgarien, die Mineralbeschreibung Mineralogia popularis (beide Texte sind nicht erhalten) und der Entwurf für eine Faustdichtung entstehen.

Ab dem Herbst 1889 besucht Christian Morgenstern die Militär-Vorbildungsschule, verlässt diese aber schon nach einem Jahr und kehrt aufs Gymnasium zurück. Es folgt das Studium der Nationalökonomie, währenddessen Morgenstern zusammen mit Freunden die Zeitschrift Deutscher Geist gründet, die unter dem Motto steht „Der kommt oft am weitesten, der nicht weiss, wohin er geht“ (Das Zitat wird Oliver Cromwell zugeschrieben).

Die Tuberkulose, Morgenstern hat sich offenbar als Kind bei seiner Mutter angesteckt, macht ihm mehr und mehr zu schaffen, so dass er zur Kur nach Bad Reinerz geht. Wieder zurück, kann er das Studium immer noch nicht fortsetzen, das Angebot von Freunden, eine weitere Kur in Davos zu bezahlen, wird von seinem mittlerweile von seiner zweiten Frau getrennten Vater abgelehnt, ebenso weitere Hilfsangebote. Das führt wohl auch zum Bruch mit demselben. Da Morgenstern das Studium nicht mehr aufnehmen kann, entscheidet er, fortan als Schriftsteller zu leben.

Im April 1894 zieht Christian Morgenstern nach Berlin, wo er dank des auf Versöhnung hoffenden Vaters eine Anstellung in der Nationalgalerie findet. Daneben schreibt er für verschiedene  Medien und befasst sich mit Friedrich Nietzsche und Paul de Lagarde. Im Frühling 1895 erscheint Morgensterns erster Gedichtzyklus In Phanta’s Schloss. Es folgen Reisen in den Norden und Auftragsübersetzungen, 1900 eine erneute Kur und weitere Reisen, dieses Mal im Süden Europas. Ab 1903 arbeitet Morgenstern als Lektor im Verlag von Bruno Cassirer, versucht immer wieder, in Kuren seine Gesundheit zu verbessern, was nicht den erwünschten Erfolg bringt, beschäftigt sich ausgiebig beruflich wie privat mit Literatur und Philosophie, darunter Dostojewski, Tolstoi, Hegel, Spinoza, Fichte und viele andere.

Bei einer Kur 1908 lernt Christian Morgenstern Margareta Gosebruch von Liechtenstern kennen. Im Jahr 1909 kommt er in Kontakt mit Rudolf Steiners Ideologie, es entsteht eine enge Freundschaft und Morgenstern reist zu dessen Vorträgen, schliesst sich der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft an. Nach einer schweren Bronchitis, bei der schon der bevorstehende Tod diagnostiziert wird, der glücklicherweise nicht eintritt, heiraten Christian und Margarete im Jahr 1910. Es folgen weitere Reisen, teils für Vortragsbesuche, teils des Reisens und Schreibens wegen. 1911 ein erneuter Krankheitseinbruch, von dem er sich wieder erholt und 1912 mit einer Spende der Deutschen Schillerstiftung weiter reist, kurt und schreibt.

Christian Morgenstern stirbt am 31. März 1914 in Meran.

 

Werk und Wirkung

Dem breiten Publikum ist mehrheitlich Morgensterns humoristische Dichtung, allen voran dessen Galgenlieder, bekannt. Die Galgenlieder waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, hatten aber bei einer Lesung so grossen Erfolg, dass sich Morgenstern umentschloss – zum Glück, wie man sagen möchte. Zur Einleitung seiner 15. Auflage 1913 schreibt Morgenstern:

In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heisst Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatür-Schiff, sondern die Walnussschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen dürfen und nicht so sehr bloss bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ‚Kind im Menschen’ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm…

In diesen lyrischen Grotesken zeigt Morgenstern sein Können an liebenswürdigem, scharfsinnigem Sprachwitz

‚Der Werwolf’ sprach der gute Mann,
‚des Weswolfs, Genitiv sodann,
Dem Wemwolf, Dativ wie mans nennt,
den Wenwolf, – damit hats ein End.’

sowie an Beobachtungsgabe und bildhafter Umsetzung in knappe und prägnante Wortspielereien.

Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre. (Wie die Galgenlieder entstanden)

Dabei versteckt sich in diesen Spielereien keineswegs nur Nonsens, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, sondern auch ein tiefes Misstrauen gegen die Sprache, die Morgenstern als willkürlich empfindet:

Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffs überhaupt.

Zu guter Letzt lassen wir Morgenstern noch selber sprechen:

Wer denn?
Ich gehe tausend Jahre
um einen kleinen Teich,
und jedes meiner Haare
bleibt seinem Wesen gleich,

 
im Wesen wie im Guten,
das ist doch alles eins;
so mag uns Gott behuten
in dieser Welt des Scheins!

 

 

Das Mondschaf
Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,
d. h., es wurde überdacht
von seinem eigenen Denker:
Der übergibt dies alles sich
mit einem kurzen Federstrich
als seinem eigenen Henker.

 

Werke

Zu Lebzeiten Morgensterns erschienen

  • In Phanta’s Schloß. Ein Cyklus humoristischer-phantastischer Dichtungen. Taendler, Berlin 1895
  • Auf vielen Wegen. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Ich und die Welt. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1898
  • Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin 1900
  • Und aber ründet sich ein Kranz. S. Fischer, Berlin 1902
  • Galgenlieder (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1905
  • Melancholie. Neue Gedichte. Bruno Cassirer, Berlin 1906
  • Osterbuch (Einbandtitel: ‚Hasenbuch‘). Kinderverse mit 16 Bildtafeln v. K. F. Edmund von Freyhold. Bruno Cassirer, Berlin 1908; Neuauflagen: Inselbuch 1960 und Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1978 ISBN 3-937801-16-2
  • Palmström (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1910
  • Einkehr. Gedichte. Piper, München 1910
  • Ich und Du. Sonette, Ritornelle, Lieder. Piper, München 1911
  • Wir fanden einen Pfad. Neue Gedichte. Piper, München 1914

 

Es erschien eine Vielzahl von Werken in erweiterter oder veränderter Ausgabe postum, mehrheitlich herausgegeben durch Margareta Morgenstern.

Paul Celan (23. November 1920 – 20. April 1970)

Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen.

Nach seiner Schulzeit studiert er zuerst Medizin, später Romanistik, was er aber wegen der Massnahmen des Nazi-Regimes abbrechen muss. 1941 wird Czernowitz von den Deutschen besetzt, die jüdische Bevölkerung wird in Ghettos gezwungen, von wo Paul Celans Eltern deportiert werden. Kurz nach der Deportation stirbt sein Vater an Typhus und seine Mutter wird erschossen. Daraus entsteht für Paul Celan ein Schmerz, der ihn nie mehr loslässt. Zudem quält ihn die Überlebensschuld, wie sie viele Überlebende des Zweiten Weltkriegs fühlen. Paul Celan verarbeitet dies immer wieder in seinen Gedichten.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“
(aus der Todesfuge)

1944 kann Celan sein Studium wieder aufnehmen, für den Lebensunterhalt arbeitet er als Lektor und Übersetzer. 1947 verlässt er seine Heimat und reist über Wien schliesslich 1948 nach Paris (er erhält 1950 die französische Staatsbürgerschaft). 1948 lernt Paul Celan Ingeborg Bachmann kennen, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet, die dreimal kurz gelebt werden kann, ansonsten nur in Briefen stattfindet. Das Band der beiden ist tief, gegenseitige Bezüge durchziehen beider Werk.

Dieses Gedicht widmet Paul Celan Ingeborg Bachmann im Mai 1948:

Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. 
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst. 
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: 
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen: 
Sieh, ich schlief bei diesen!“ 

1951 lernt er Gisèle Lestrange kennen, die er ein Jahr später auch heiratet, 1955 kommt der gemeinsame Sohn Eric zur Welt. 1952 kann Paul Celan durch die Vermittlung von Ingeborg Bachmann bei der Tagung der Gruppe 47 lesen, was allerdings kein Erfolg wird, da die Art von Celans Vortrag bei den Anwesenden auf wenig Verständnis stösst, was diesen wiederum verletzt. Zwar hält sich der Kontakt zu einigen der Mitglieder, doch es fehlt ihm das wirkliche Vertrauen zu ihnen mehrheitlich.

Nicht leicht zu verstehen ist sicher Celans Interesse an und seine freundschaftliche Beziehung zu Martin Heidegger, den in der Tat herausragenden und tiefgründigen Denker mit NS-Vergangenheit. An Ingeborg Bachmann schreibt Paul Celan, dass er der Letzte sei, welcher über die «Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegsehen» könne. Trotzdem bevorzuge er einen, welcher «an seinen Verfehlungen würgt» als «patentierte Antinazis». Heideggers Würgen scheint allerdings sehr versteckt zu sein, da er sich nie von seinen Aussagen distanziert .

Ausschlaggebend für diese Beziehung ist für Celan wohl Heideggers Hochachtung der Dichtung, welche in seinem philosophischen Werk einen hohen Stellenwert hat. Zudem steht Heidegger neben Jünger, Hölderlin, Rilke und anderen für einen Ausdruck des Deutschen im Guten (als Gegensatz zur Tätersprache), welcher sich Celan verbunden und wodurch er eine Art Geistesverwandtschaft fühlt. Mit dem Land Deutschland und den Deutschen sonst gelingt ihm das nie, er fühlt sich nie wohl oder zuhause da.

Die dramatischen Erlebnisse durch den Krieg haben Paul Celans psychische Stabilität schon früh angegriffen, eine innere Zerrissenheit macht ihm zeitlebens zu schaffen. In den 60er-Jahren kommen mehrfache Depressionsschübe dazu, die oft auch von aggressiven Ausbrüchen begleitet sind. Dies führt zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Am 20. April 1970 nimmt sich Paul Celan das Leben, indem er sich am Pont Mirabeau in Paris in die Seine stürzt. Zwar findet sich nie ein Abschiedsbrief, doch Celan war ein guter Schwimmer, so dass ein Unfall fast auszuschliessen ist. Auf seinem Schreibtisch findet sich zudem eine aufgeschlagene Hölderlin-Biografie mit folgender unterstrichener Stelle:

«Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.»

Werk
Paul Celans Werk zeigt eine deutliche Entwicklung von den frühen zu den späten Gedichten. Während die frühen noch eher traditionell erscheinen, verändert sich die Sprache immer stärker. Er steht damit nicht alleine, da viele Autoren der Nachkriegsliteratur damit befasst waren, die durch das Unrechtsregime und die damit einhergehenden Gräueltaten korrumpierte deutsche Sprache zu verlassen und eine neue Form zu finden. Paul Celans Weg war der, dass er die Worte zwar verwendete, sie aber in einer Weise setzte, dass sie sich dem Leser quasi wieder entziehen durch ihre kryptische Verwendung. So klingen die Verse zwar beim Lesen, verschliessen sich aber dem einfach zu erfassenden Sinn. Damit will Celan den Wörtern ihre Gewalt nehmen, die dadurch entsteht, dass sie den Leser durch den Akt des Verstehens unterwerfen. Daraus resultiert aber keine dem Sinn enthobene Sprache, denn dieser erschliesst sich durchaus beim näheren Betrachten, dies allerdings erst durch die eigene Auseinandersetzung mit den Wörtern, was den Leser zu einem Eroberer macht.

Eines der bekanntesten Gedichte Paul Celans ist wohl die Todesfuge:

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Robert Walser (15. April 1878 – 25. Dez. 1956)

Robert Otto Walser wird am 15. April 1878 in Biel geboren, wo er auch die Schule besucht, bis er diese wegen Geldnot der Familie abbrechen muss. Er hängt sehr an seiner Mutter, so dass ihr Tod 1894 ein schwerer Schlag für ihn ist. Nach einer Banklehre verlässt der theaterbegeisterte Walser die Schweiz und zieht (wie vor ihm schon sein Bruder Karl) nach Stuttgart, wo er sich neben seinem Brotjob erfolglos als Schauspieler versucht. Schon ein Jahr später bricht er auch in Stuttgart wieder seine Zelte ab und wandert zu Fuss zurück in die Schweiz, wo er sich in Zürich niederlässt. Er hält sich da mit verschiedenen Bürostellen über Wasser, was er später in seiner Literatur immer wieder als Motiv verwendet.

1898 erscheinen die ersten Gedichte in der Zeitung, welche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihm weitere Publikationsmöglichkeiten eröffnen. 1904 erscheint mit «Fritz Kochers Aufsätze» Walsers erstes Buch, 1908 der Roman «Der Gehülf», 1909 «Jakob von Gunten. In seinen Werken verarbeitet er immer wieder Stationen seines Lebens, so ist die Figur des Dieners, welche in vielen seiner Bücher eine Rolle spielt, auf seine eigene Ausbildung zum Diener zurückzuführen.

1906 zieht Walser nach Berlin, wo er 1907 «Geschwister Tanner» veröffentlicht, einen Roman, den er in gerade mal sechs Wochen geschrieben hatte. Durch seine Romane und die parallel dazu erscheinenden Prosastücke, welche in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften publiziert werden, etabliert sich Walser bald schon im Literaturbetrieb der damaligen Zeit, namhafte Schriftsteller wie Hesse oder Kafka nennen ihn ihren Lieblingsschriftsteller und auch andere grosse Namen preisen sein Werk. Trotzdem bleibt er zu Lebzeiten dem breiten Publikum unbekannt, obwohl schon zu Lebzeiten eine dreibändige Werkausgabe erscheint, etwas, das vielen Schriftstellern zu Lebzeiten nicht zuteil wird.

Wie immer

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und, Lüge, auch du?
Ich hör’ ein dunkles Ja:
das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.
(1909)

1913 zieht Robert Walser in die Schweiz zurück. Trotz vieler Erfolge reicht das Geld kaum zum Leben. Es folgen viele Umzüge, aus der finanziellen Not heraus muss er auch eine Anstellung annehmen. Daneben schreibt er unentwegt weiter und unternimmt zudem ausgedehnte Fussmärsche.

„Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfindungen wohlgefällt. Man könnte den Menschen mit einem wohlangelegten Lustgarten vergleichen.“

Es fällt auf, dass in Robert Walsers Familie psychische Krankheiten gehäuft auftreten. Schon die Mutter ist an einer gestorben, ebenso stirbt sein Bruder Ernst 1916 in einer Heilanstalt, der Bruder Hermann nimmt sich das Leben. Der Krieg tut das Seine dazu, Robert Walser lebt mehr und mehr isoliert und wird zudem von Angstzuständen und Halluzinationen heimgesucht. Das alles führt schliesslich zu einem psychischen Zusammenbruch und in der Folge 1929 zur Einweisung in eine Heilanstalt in Bern.  

Nach einer zeitweiligen Verbesserung seines Zustandes beginnt Walser wieder mit dem Schreiben, allerdings in viel geringerem Ausmass als früher. Auffällig ist dabei seine Methode: Mit Bleistift und in immer kleiner werdenden Buchstaben füllt er Unmengen von Blättern mit Gedichten und Prosawerken. Am Schluss messen die einzelnen Buchstaben kaum mehr als einen Millimeter.

„Die Erfolglosigkeit ist eine bitterböse, gefährliche Schlange. Sie versucht, unbarmherzig das Echte und Originelle im Künstler abzuwürgen.“

Der Schreibfluss endet 1933 nach seiner gegen seinen Willen erfolgten Verlegung in eine andere Heilanstalt nach Herisau. Ein weiterer Grund für das Versiegen desselben dürfte auch der durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr vorhandene Absatzmarkt sein. Robert Walser verbringt im Folgenden die Zeit mit den üblichen Arbeiten im Heim sowie mit Lesen und ausgedehnten Spaziergängen.

«Spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten.»

Auch als er eigentlich als gesund gilt, will er die Anstalt nicht verlassen, es scheint, er hat hier ein Zuhause gefunden, wie er es lange nicht gekannt hat.

Der Schnee

Der Schnee fällt nicht hinauf
sondern nimmt seinen Lauf
hinab und bleibt hier liegen,
noch nie ist er gestiegen.

Er ist in jeder Weise
in seinem Wesen leise,
von Lautheit nicht die kleinste Spur.
Glichest doch du ihm nur.

Das Ruhen und das Warten
sind seiner üb’raus zarten
Eigenheit eigen,
er lebt im Sichhinunterneigen.

Nie kehrt er je dorthin zurück,
von wo er niederfiel,
er geht nicht, hat kein Ziel,
das Stillsein ist sein Glück.

Robert Walser stirbt 1956 auf einer Wanderung an einem Herzschlag. Es existieren Fotos vom Verstorbenen, wie er im Schnee liegt, welche in einer fast unheimlich zu nennenden Weise an den toten Dichter Sebastian aus Walsers erstem Roman «Geschwister Tanner» erinnern. Als Schriftsteller ist Robert Walser aber schon etwa 30 Jahre vorher verstummt, so lange liegt sein letztes Werk zurück.

Zu philosophisch

Wie geisterhaft im Sinken
Und Steigen ist mein Leben.
Stets seh‘ ich mich mir winken,
dem Winkendem entschweben.

Ich seh‘ mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals recht gewesen.
Ich bin vergessne Weiten
Zu wandern auserlesen.

Ein früher erschienenes Porträt findet sich HIER

Robert-Walser-Pfad

Wer sich Robert Walsers Lebensweg sprichwörtlich erlaufen möchte, kann dies auf dem Robert-Walser-Pfad in Herisau tun. Auf einer Strecke von 7.9 km finden sich immer wieder Tafeln mit Zitaten und Einblicken in sein Werk.

Link zum Robert-Walser-Pfad

Ausgewählte Werke

  • 1904 Fritz Kochers Aufsätze
  • 1907 Geschwister Tanner
  • 1908 Der Gehülfe
  • 1909 Jakob von Gunten
  • 1915 Kleine Dichtungen
  • 1917 Kleine Prosa
  • 1917 Der Spaziergang
  • 1917 Poetenleben

William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“

Heinrich Mann (27. März 1871 – 11. März 1950)

Heinrich Mann wird am 27. März 1871 als erstes Kind einer Lübecker Kaufmannsfamilie geboren. Vier Jahre später kommt sein Bruder Thomas zur Welt, später die Schwestern Julia und Carla und schlussendlich der kleinste Bruder Viktor.

Mit 13 beschliesst Heinrich Mann, Schriftsteller zu werden und setzt dies auch gegen die Wünsche seines Vaters durch, welcher ihn lieber in einem Jura-Studium sähe. Heinrich Mann bricht das Gymnasium ab und wird ein Suchender. Nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre (begonnen nur als Kompromiss mit dem Vater) arbeitet er kurz in einem Verlag, belegt einige Vorlesungen an der Uni und begibt sich danach auf Reisen. Wie tief die Ablehnung der Schriftstellerwünsche Heinrich Manns durch den Vater gehen, zeigt dessen Testament 1891:

„Soweit sie (die Vormünder) es können, ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer literarischen Thätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Thätigkeit in dieser Richtung fehlen im m. E. die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kentnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken.“

Heinrich Mann hält an seinem Wunsch fest, er schreibt Erzählungen, poetische Texte, Rezensionen und später auch politische Essays. Nach Heinrich Manns eigenen Aussagen soll sein Vater kurz vor seinem Tod doch noch den Segen für diesen Weg gegeben haben.

1904 schreibt er seinen ersten Roman, „Professor Unrat“ erscheint ein Jahr später, stösst aber in Lübeck auf Schweigen oder Kritik. Erst die Übersetzungen und die spätere Verfilmungen bringen den Erfolg.

1902 beginnt Heinrich Mann mit der Arbeit an seinem Roman „Der Untertan“, welcher aber erst 1915 erscheinen wird, allerdings nur auf russisch (es gab eine deutsche Privatausgabe, weil die Zensur die Veröffentlichung in Deutschland verunmöglichte). Erst nach dem Krieg war 1918 auch eine Veröffentlichung in Deutschland möglich.

Die Beziehung zwischen den beiden Brüdern Thomas und Heinrich ist immer von Auf und Abs begleitet. Schon in Lübeck kommt es zu einem Zwist, als der Langsamschreiber Thomas (er schreibt pro Tag etwa eine Seite bis anderthalb) den Vielschreiber anfährt:

„Ich halte es für unmoralisch, aus Furcht vor den Leiden des Müssigganges ein schlechtes Buch nach dem anderen zu schreiben.“

Die Aussage mag sehr überheblich klingen, doch Heinrich Mann steht in der Folge wirklich im Schatten seines erfolgreichen Bruders. Trotzdem ist die Bruderverbindung auch eine enge, so reisen die beiden Brüder vor Ausbruch des ersten Weltkrieges auch zusammen nach Palestrina, in der Nähe von Rom, wo Thomas Mann an seinen Buddenbrooks schreibt.

1914 bricht der Kontakt völlig ab wegen unvereinbarer politischer Haltungen. Heinrich Mann lehnt den Krieg ab. Er warnt sogar in seinem Roman „Der Untertan“ vor dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat mit seinem Militarismus und prangert die Haltung des „Deutschland über alles in der Welt“ aufs schärfste an:

„Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen, steinern und blitzend, ritt die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! (…) Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen, als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisationen und Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend!“

Thomas Mann hingegen ist von der allgemeinen Kriegsbegeisterung erfasst und ruft freudig aus:

„…wie die Herzen der Dichter in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde“

Eine wirkliche Versöhnung kommt erst 1922 zustande.

Die nächsten Jahre sind nicht einfach. 1923 stirbt die Mutter, 1927 nimmt sich seine Schwester Julia das Leben (schon der Suizid von Clara 1910 hat ihn tief erschüttert), 1930 kommt es zur Scheidung von seiner Frau, zu der Zeit kennt er Nelly Kröger, seine spätere Frau, bereits.

Nach seinem politischen Einsatz (gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein) für einen Zusammenschluss der Kommunisten und der Sozialdemokraten gegen die Nationalsozialisten (das kostet ihn die deutsche Staatsbürgerschaft) verlässt Heinrich Mann 1933 Deutschland und geht nach Nizza.

1935 bis 1938 schreibt er an seinem Zweiteiler „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“. Er wird zum Gegenbild aller entarteten Führerfiguren auf dieser Welt stilisiert. Sogar Thomas Mann lobt das Buch in höchsten Tönen:

„…das Gefühl, es mit dem Besten, Stolzesten, Geistigsten zu thun zu haben, das die Epoche zu bieten hat. Das Buch ist gross durch Liebe, durch Kunst, Kühnheit, Freiheit, Weisheit, Güte, überreich an Klugheit, Witz, Einbildungskraft und Gefühl…“

Nach seiner Hochzeit mit Nelly Kröger 1939 fliehen die beiden mit Golo Mann und den Werfels 1940 in teilweise beschwerlichen Fussmärschen durch die Pyrenäen in die USA, wo er sich aber nie heimisch fühlt und der Erfolg ausbleibt, obwohl er ein Werk nach dem anderen schreibt. Es sind düstere Jahre und die Alkoholprobleme seiner Frau tragen sicher viel dazu bei. Unterstützung erhält er von seinem Bruder Thomas, dessen Werke übersetzt werden und der auch sonst grosse Erfolge feiern kann. Nelly Mann nimmt sich 1944 das Leben und Heinrich Mann stürzt in ein grosses Loch.

Erst im Jahr 1949 scheint es aufwärts zu gehen. Heinrich Mann wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt, er stirbt aber noch vor seiner Übersiedlung am 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien.

Werke

  • 1891 Haltlos
  • 1894 In einer Familie
  • 1897 Das Wunderbare und andere Novellen
  • 1900 Im Schlaraffenland
  • 1905 Flöten und Dolche (Novellen)
  • 1905 Professor Unrat (Roman)
  • 1907 Zwischen den Rassen
  • 1912 Die grosse Liebe
  • 1917 Die Armen
  • 1918 Der Untertan
  • 1912 Diktatur der Vernunft
  • 1932 Ein ernstes Leben
  • 1949 Der Atmen

Peter Bichsel (24. März 1935)

Peter Bichsel wird am 24. März 1935 in Luzern geboren, später zieht die Familie nach Olten, wo Peter Bichsel ans Lehrerseminar geht und schliesslich bis 1968 als Lehrer tätig ist. Schon während dieser Zeit veröffentlicht er kleine literarische Werke, hauptsächlich Lyrik, aber auch Prosa. Die kleine Form bleibt seine erste Wahl, neben Kurz- und Kürzestgeschichten schreibt er viele Kolumnen. Peter Bichsel ist ein Mann der Widersprüche. Einerseits intellektueller Linker, andererseits sehr volksnah und patriotischen Anlässen wie Schwingfesten nicht abgeneigt. Er schreibt einerseits politische Reden und Aufsätze, andererseits Artikel für die Unterhaltungspresse.

In seinen Werken erzählt er kleine Alltagsgeschichten, teilweise nur Episoden in einer einfachen Sprache. Wenn man genau hinschaut, verstecken sich dahinter tiefe und hintergründige Gedanken.  

«Ich mag Bahnfahrten und ich mag sie vor allem, wenn sie zwecklos, also ziellos, sind und ins Nichts oder ins Irgendwo führen – die dauernde Flucht, aber abgesichert durch Geleise, die zurückführen nach dem Zuhause.»

Peter Bichsel geht es nicht so sehr ums Schreiben, sondern ums Erzählen. Bei diesem Erzählen ist er sich oft selber nicht sicher, ob das, was er erzählt, schon eine Geschichte ist, ob der Stoff es wert ist, erzählt zu werden. Authentisch, wie er ist, thematisiert er diesen Zweifel auch gleich selber, so zum Beispiel in seinem Band «Zur Stadt Paris»:

«In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hiess Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?»

Und später in dem Büchlein:

«Jemand hat diese Geschichte kürzlich erzählt, und wenn jemand diese Geschichte erzählt, dann meint er etwas damit, aber ich weiss nicht, was. Die Geschichte wird erzählt, wenn es um Kunst geht, eine Geschichte also, die abends erzählt wird, und eine Geschichte also, die so tut, als wäre sie selbstverständlich, eine Geschichte, die vom Zuhörer nichts anderes verlangt als ein Nicken…»

Wenn man an Peter Bichsel denkt, sieht man oft einen Mann vor sich, der in der Dorfbeiz am Stammtisch sitzt mit einem Glas Wein vor sich. Er wirkt dabei fast wie eine seiner Figuren aus deinen Geschichten, und vielleicht ist an diesem Bild genau so viel Wahres wie an den Geschichten. Viele von diesen Geschichten nehmen ihren Ursprung auch genau da – am Stammtisch. Wo wird mehr erzählt, wo sitzen Menschen zusammen und erinnern sich, freuen und ärgern sich? Und mittendrin sitzt Peter Bichsel und hört zu. Und schreibt später darüber.

Dass Peter Bichsel es liebt, zuzuhören und zu beobachten, zeigt sich deutlich in dieser Aussage, die Peter Bichsel im Filmporträt «Zimmer 202 – Peter Bichsel in Paris» machte:

«Ich bin jetzt erst mal hier. Ich muss eigentlich gar nichts unternehmen. Ich kann mich auch auf eine Bank setzen und eine Zigarette rauchen und zuschauen.»

Das tut er denn auch. Er bleibt seinem Alltags – Ich auch in Paris treu, sitzt bei einem Glas Wein im Café (nah bei seinem Hotel) oder schaut aus dem Fenster und lässt die Welt vor seinen Augen ihren Gang gehen, lässt die Geschichten zu sich kommen, die er dann irgendwann erzählen wird.

«Ich merke, wie ich immer erst eine Geschichte erzähle, bevor ich Ihre Frage beantworte…»

Das sagte Peter Bichsel in einem Gespräch mit Sieglinde Geisel. Und wir sitzen da, hören und lesen seine Geschichten, suchen und finden den Menschen darin und dahinter, und schreiben über ihn. Fast wird er so zu seiner eigenen Geschichte.

Werke

  • 1964 Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen (21 Kurzgeschichten)
  • 1969 Kindergeschichten (7 Kurzgeschichten)
  • 1969 Des Schweizers Schweiz (Aufsätze)
  • 1982 Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen
  • 1985 Der Busant. Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone
  • 1986 Irgendwo anderswo. Kolumnen 1980 – 1985
  • 1995 Ein Tisch ist ein Tisch
  • 1999 Cherubin Hammer und Cherubin Hammer (Erzählung)
  • 2004 Wo wir wohnen. Geschichten

Jean Paul (21. März 1763 – 14. Nov. 1825)

Am 21. März 1763 kommt Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel zur Welt. Als Kind sowohl von einem protestantischen Umfeld sowie der eigenen Liebe  zur Literatur geprägt, studiert er zuerst Theologie, eher lustlos, um dann seiner wahren Berufung, dem Schreiben nachzugehen. Der finanzielle Erfolg lässt auf sich warten, so dass er sich als Privatlehrer betätigen muss. Daher stammt wohl auch die Erkenntnis:

„Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens.“

Doch schon bald soll sie auch zu seinem Brot werden. 1793 beginnen seine schriftstellerischen Ambitionen sich endlich auszuzahlen. Mit Hilfe von Karl Philipp Moritz, welchem er sein Manuskript geschickt hat, findet sein Roman „Die unsichtbare Loge“ einen Verlag. Gleich darauf widmet Jean Paul sich schon dem neuen Roman, „Hesperus oder 45 Hundposttage“, welcher 1795 erscheint und ihn schlagartig berühmt macht.

1796 reist Jean Paul nach Weimar, wohin er nach einigen weiteren literarischen Erfolgen („Siebenkäs“, „Das Leben des Quintus Fixlein“ und andere) zwei Jahre später ganz zieht. Neben dem Schreiben ist er auch in amouröse Geschichten verwickelt, verlobt sich zuerst mit Karoline von Feuchtersleben, von der er sich später wieder entlobt, wo auch mit Charlotte von Kalb eine Liebelei stattfindet, die er jedoch nicht verbindlich werden lässt. Überhaupt findet Jean Paul grosse Beachtung bei der Frauenwelt, welche nicht nur begeistert seine Bücher liest, sondern auch an ihm Gefallen findet, wobei er sich immer als erfolgreicher Eheverweigerer gibt.

„Die Liebe ist das Leben des Weibes, aber immer eine Episode im Leben des Mannes.“

Doch auch das hat einmal ein Ende. Im Jahr 1800 reist Jean Paul nach Berlin, lernt dort Karoline Mayer kennen und heiratet diese schliesslich. Die preussische Königin, eine Verehrerin seines Werkes, bringt ihn dazu, ganz nach Berlin zu ziehen, wo er bald ein freundschaftliches Umfeld findet mit Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte und anderen Zeitgenossen.

An die Erfolge der alten Romane kann er allerdings nicht mehr anschliessen, die späteren, „Titan“ und Flegeljahre“ stossen nicht mehr auf so viel Interesse wie die früheren. Umso mehr verwundert es, dass heute diese am bekanntesten sind. Schon zu seiner Zeit ist die Rezeption auch seiner erfolgreichen Romane nicht einheitlich. Während sie von den einen hochgelobt werden, stossen sie bei anderen, darunter auch Goethe und Schiller auf Ablehnung.

1804 führt die Reise von Jean Paul und seiner Familie nach Beyreuth, wo sie ein eher zurückgezogenes Leben führen im Gegensatz zu Berlin damals. Auch die noch folgenden Romane werden keine Erfolge mehr. 1821 ereilt ihn durch den Tod seines Sohnes Max ein Schicksalsschlag, von dem er sich nicht mehr erholen wird.

„Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsere Freuden, sondern weil unsere Hoffnungen aufhören.“

Auch gesundheitlich häufen sich die Probleme. Er stirbt am 14. November 1825 in Bayreuth.

„Die Zeit ist ein Augenblick. Unser Erdendasein wie unser Erdengang ein Fall durch Augenblicke.“

Werke

  • 1793 Die unsichtbare Loge. Eine Biographie, Roman
  • 1795 Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Biographie, Roman
  • 1796 Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, Erzählung
  • 1797 Siebenkäs, Roman
  • 1803 Titan, Roman
  • 1809 Dr. Katzenbergers Badereise, Erzählung

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater, 7 Jahre später auch sein Stiefvater. Er durchläuft die übliche Schule mit mässigem Erfolg, beginnt ein Studium, wobei er. nicht wie von der Mutter gewünscht die theologische Laufbahn einschlagen will. Im Jahr 1791 veröffentlicht er die ersten Gedichte.

Um seiner Mutter nicht zur Last zu fallen, sucht er sich immer wieder Anstellungen als Hauslehrer, sieht diese aber nach anfänglicher Euphorie stets als untragbar, gar seiner eigenen geistigen Gesundheit abträglich. Um diese ist es dann auch wirklich nicht gut bestellt, bricht bei ihm doch 1806 eine geistige Krankeit aus, deretwegen gegen den eigenen Widerstand in eine Klinik eingeliefert wird, wo er 1807 als unheilbar krank wieder entlassen wird und fortan auf Pflege angewiesen ist. Er verbringt seine letzten Jahre in einem Turmzimmer. Schon in der Klinik begann er wieder mit dem Dichten, muss aber immer wieder aufhören, weil er zu erregt ist. Er ist sich seiner Situation bewusst und leidet auch darunter, worauf dieses Gedicht aus dem Jahr 1811 hindeutet:

„Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Sowohl Hölderlins Leben wie auch sein Dichten waren nicht gradlinig und schon gar nicht einfach zu deuten. Zu viele Widersprüche, zu viele Brüche weisen beide auf. Zuerst ein braver Zögling auf dem Weg zum Pfarramt, Befürworter der Französischen Revolution, dann wieder Rebell und dem Politischen sich entziehend durch die Poesie. Sein (geistiger) Zusammenbruch 1806 ist wohl nur äusseres Zeichen einer schon lange dauernden inneren Zerrissenheit. Sein Rückzug ins Turmzimmer nur letztendliche Konsequenz eines schon lange herrschenden Gefühls einer ihn erdrückenden Gesellschaft.

„Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land!“

In der Poesie lässt er das Einengende hinter sich, seine Gedichte fliessen förmlich aufs Papier und von da in die Weite. Selten sind sie irgendwie unterbrochen, immer fügt sich Eines ins Andere, soll doch die Poesie als Einheit, als Ganzes bestehen neben der Zerrissenheit der Welt, wie Hölderlin sie empfand. Auch wenn (oder gerade weil?) Hölderlins Gedichte alles andere als einfach gestrickt sind, werden sie auch heute noch gerne gelesen. Aus jeder Zeile tropft der Dichter, an seiner Zeit leidend, immer versuchend, im Denken frei zu bleiben. Hölderlin erwartete viel von der Poesie. Zusammen mit Hegel und Schelling formulierte er folgendes:

„Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.“

Man würde sich oft wünschen, die drei hätten recht.

Wenige von Hölderlins Texten werden zu Lebzeiten veröffentlicht, trotzdem bildet sich schon damals ein romantischer Kult um den Dichter im Turmzimmer. Erst anfangs des 20. Jahrhundert wird Hölderlins Dichtung wieder entdeckt. Es erstaunt deswegen, dass im Jahr 1861 ein junger Gymnasiast just Hölderlins (damals praktisch unbekanntes) Werk wählt für einen Schulaufsatz, und dieses feurig gegen Anschuldigungen verteidigte. An einen imaginären Brieffreund schreibt er er:

„…ich fühle mich bewogen, für diesen meinen Lieblingsdichter gegen dich in die Schranken zu treten.“

Und er fährt fort:

„Dies Verse (um nur von der äusseren Form zu reden) entquollen dem reinsten, weichsten Gemüt, diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die Kunst und Formgewandtheit Platens verdunkelnd, diese Verse, bald im erhabenen Odenschwung einherwogend, bald in den rartesten Klänge der Wehmut sich verlierend…“

Und fügt ein Gedicht an, in welchem sich „die tiefste Melancholie und Sehnsucht nach Ruhe ausspricht“:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und mögen droben

In Licht und Luft zerrinnen mit Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht
Der Zauber. Dunkel wird’s, und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt
Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja!
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann mein Alter.

Der Gymnasiast heisst Friedrich Nietzsche.

1936 wird die historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe aufgelegt, welche bei den Nazis grossen Anklang findet. Heidegger, ausgerechnet, kann mit seiner Deutung des Werkes diesen Fluch abwenden, so dass Hölderlin wieder über alle braunen Zweifel erhaben in die Zukunft strahlte. Ein

„Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“

Möge es ihm wirklich und genau so gelungen sein. Friedrich Hölderlin stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Werke

  • 1791 Erste Gedichte
  • 1797 Hyperion, Roman
  • 1826/1846 Der Tod des Empedokles, Drama
  • Verschiedene theoretische Schriften

Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dez. 2011)

„Unverhüllt autobiographisches Schreiben ist unter den vielfältigen Schreibmöglichkeiten zugleich die leichteste und die schwerste: leicht, weil der oder die Schreibende sich im Stoff bewegt wie der Fisch im Wasser; weil alles bekannt, vertraut ist, nichts erfunden muss (oder darf) – vielleicht, dass, um des lieben Friedens willen, einige Namen verändert, einige Handlungsorte verschleiert werden. Aber man schöpft aus der Fülle.Das schwerste ist es, weil es, soll es gelingen, bekennendes Schreiben sein muss, was meistens heisst: Es muss weh tun.“

Dies schreibt Christa Wolf in ihrem Essay „Autobiographisch schreiben“ zu Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“, aber man könnte es genauso als Selbstbeschreibung sehen, behandelt Christa Wolf in ihren Büchern doch immer auch ihre eigene Biografie, verwebt diese in die erzählten Geschichten.

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, wo sie auch bis kurz vor Kriegsende die Schule besucht. Als die Truppen der Roten Armee anrücken, flieht die Familie 1945 nach Mecklenburg. 1946 setzt Christa Wolf die Schule in Schwerin fort und studiert später in Leipzig Germanistik. Danach arbeitet sie zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, später als Lektorin und als Redakteurin. 1961 erfolgt ihre erste literarische Veröffentlichung „Moskauer Novelle“ (allerdings nur in der DDR, in der BRD erschien das Buch nicht) und ab 1962 arbeitet Christa Wolf ganz als freiberufliche Schriftstellerin, kann auch gleich mit dem Roman „Der geteilte Himmel“ einen Erfolg verzeichnen, wird das Buch doch mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet und 1964 verfilmt.

Christa Wolf ist als Mitglied der SED politisch engagiert und lässt dieses Engagement auch immer in ihre literarischen Texte einfliessen. Immer wieder behandelt sie aktuelle Themen wie den Mauerbau (verarbeitet in „Der geteilte Himmel), das Reaktorunglück in Tschernobyl (verarbeitet in „Störfall“)oder auch feministische Fragen, in der Hoffnung, diese Themen einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auch die Auseinandersetzung mit sich selber und das Einfliessen lassen der eigenen Vergangenheit in ihr Schreiben war typisch für ihre Werke, wie oben bereits erwähnt.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ (zit. nach Schulz, Christa Wolf)

Mit diesem Satz fängt Wolfs Buch „Kindheitsmuster“ an und zeigt deutlich ihr Verständnis vom Leben in der Gegenwart, welches (oft unterbewusst) geprägt ist von der Vergangenheit. Nur wenn man sich dieser Vergangenheit stellt, könne man bewusst gelebte Gegenwart erreichen, dessen ist sich Wolf sicher. Dabei ist das Erinnern oft trügerisch, erfinden wir doch nicht selten die Vergangenheit mehr, als dass wir sie wirklich erinnern:

„In die Erinnerung drängt sich die Gegenwart ein.“ (ebd.)

Es ist also die Gegenwart, die immer auch die Sicht auf die Vergangenheit manipuliert, wogegen Christa Wolf mit ihrem Schreiben angeht. Christa Wolfs Schreiben ist ein sehr bewusstes, welches sie selber oft in Essays, Briefen und Reden thematisiert. Daraus wird klar, dass Christa Wolf den Menschen als ein in seine politische Umwelt verflochtenes Wesen sieht, welches durch diese Umwelt in seinem Sein und Tun geprägt wird. Ihre Tagebücher legen über diese Verflochtenheit in ihrem eigenen Leben Zeugnis ab.

1988 erkrankt Christa Wolf schwer, in der Folge kommt es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen. Sie stirbt am 1. Dezember 2011 nach einer schweren Krankheit mit 82 Jahren.

Ausgewählte Werke

  • 1961 Moskauer Novelle
  • 1963 Der geteilte Himmel, Erzählung
  • 1968 Nachdenken über Christa T., Roman
  • 1979 Kein Ort. Nirgends., Erzählung
  • 1983 Kassandra, Erzählung
  • 1990 Was bleibt, Erzählung
  • 1996 Medea. Stimmen, Roman

Briefwechsel

  • Sarah Kirsch,Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt.“ Der Briefwechsel
  • Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952 – 2011

Sammelbände

  • Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen
  • Fortgesetzter Versuch. Aufsätze, Gespräche, Essays
  • Geschlechtertausch. 3 Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse. Mit Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner
  • Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche 1959 – 1985
  • Rede, dass ich dich sehe: Essays, Reden, Gespräche

Erich Kästner (23.2.1899 – 29.7.1974)

Erich Kästner wurde am 23. Februar1899 in Dresden geboren und wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon als Kind hatte er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter, welche das ganze Leben anhalten sollte, oft Thema seiner Schriften war und auch Grund, dass Kästner nicht ins Ausland floh bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nach der Schule trat Kästner ins Lehrerseminar ein, brachte zwar keinen Abschluss als Lehrer heraus, aber immerhin genügend Stoff als Inspiration für sein fliegendes Klassenzimmer. Später studierte Kästner in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte in Germanistik. Schon während des Studiums arbeitete er journalistisch. Dies behielt er auch nach dem Studium – auch unter vielen Pseudonymen – bei. Daneben veröffentlichte er Geschichten, Gedichte, Romane und auch Kinderbücher

„Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Das wurde ihm – vor allem in späterer Zeit – immer wieder zum Vorwurf gemacht. Zu seicht sei er gewesen, zu wenig auflehnend und kämpferisch. Ganz böse Zungen nannten ihn gar Profiteur, habe er doch mit seichtem und dem Regime genehmem Stoff ein Auskommen gehabt.

Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaute, ohne sich Gedanken zu machen, liegt aber auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“


Nach dem Krieg zog Kästner nach München, wo er erst das Feuilleton der Neuen Zeitung leitete, sich dann immer mehr dem literarischen Kabarett zuwandte. Die anfängliche Nachkriegseuphorie wich schnell einer Resignation, er sah unter anderem die Pressefreiheit durch zu viele staatlichen Massnahmen gefährdet. Zwar war Kästner auch nach dem Krieg noch erfolgreich, allerdings nahm seine Produktivität ab und gleichzeitig der Alkoholkonsum zu.
Auch in der Liebe war ihm das Glück nicht hold, blieb er doch ein Leben lang unverheiratet, wenige etwas längere Beziehungen waren eher kompliziert als glücklich.
1965 zog sich Kästner von allem zurück, er starb am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs.

Bekannt wurde Erich Kästner vor allem durch seine Kindergeschichten „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Emil und die Detektive“ und einige mehr, die alle auch verfilmt wurden. Aber auch seine Gedichte waren sehr erfolgreich. In all seinen Schriften zeigt sich der Satiriker, der Mensch, der hinter die Fassaden schaut, der seine Zeitgenossen kritisiert und ihre (fehlende) Moral anprangert. Er tut dies nicht analytisch, aber mit klarem Blick, immer als vorgehaltenen Spiegel, verpackt in einen feinen (ab und an auch beissenden) Humor.

Marcel Reich-Ranicki hat den Menschen und Denker Kästner schön beschrieben:

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.«


Einige ausgewählte Gedichte:

Apropos Einsamkeit
Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein …

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein, wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein.

Ich bin die Zeit
Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –                           
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Er weiss nicht, ob er sie liebt
Soll man sein Herz bestürmen: »Herz, sprich lauter!«
da es auf einmal leise mit uns spricht?
Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter.
Nun flüstert’s nur. Und man versteht es nicht.

Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wüßte,
dann wär es laut, damit man es versteht.
Dann riefe es, bis man ihm folgen müßte!
Was will das Herz, daß es so leise geht?

Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr.

Ist so das Herz, daß es sich schämt zu rufen?
Will es das Schönste haben? Ruft es Nein?
Man soll den Mächten, die das Herz erschufen,
nicht dankbar sein.

Milena Moser – Nachgefragt

Ein kurzer Blick auf Milena Mosers Leben

Milena Moser in ihrem Garten in San Francisco (©David Butow)

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013), Das Glück sieht immer anders aus (2017), Das schöne Leben der Toten (2019). Später zog Milena Moser zu ihrem Partner und heutigen Mann Victor nach Santa Fe, mit dem sie heute in San Francisco lebt.

Ich habe mich vor acht Jahren schon einmal über ihr Schreiben und Leben ausgetauscht (HIER das Interview), ich freue mich sehr, dass sich ein zweites Mal die Gelegenheit für einige Fragen bot.

Einblicke

Unser letztes Interview liegt 8 Jahre zurück, seit da ist viel in deinem Leben passiert. Wie würdest du das zusammenfassen?

Ich hab noch mal ganz von vorn angefangen ….

Du schreibst schon viele Jahre, dies sehr erfolgreich. Hat sich deine Beziehung zu deinem Schreiben in den Jahren verändert?

Nicht wirklich. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Nein. Ich schreibe täglich, sonst fühle ich mich nicht wohl, irgendwie nicht richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für Texte, die ich veröffentlichen will.

Ich traf dich vor vielen Jahren bei einem Schreibworkshop in Aarau, nun bietest du Onlinekurse im Schreiben an. Was reizt dich an dieser neuen Form?

Sie hat sich aufgezwungen, nachdem ich all meine Kurse absagen musste. Ohne die Pandemie hätte ich mich nie auf dieses Format eingelassen. Doch es hat sich mehr als bewährt, es hat unzählige Vorteile, die mir nicht bewusst waren. Viele Schreibende sind Einzelgänger, Individualisten, die eine Gruppenerfahrungen eher scheuen, die in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten möchten. Der individuelle Austausch zwischen mir und dem Einzelnen ist auch viel intensiver, als das in einem Gruppensetting möglich wäre.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauf los und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich lasse mich treiben, oder eher: von einer Figur an die Hand nehmen und entführen. Diese Anfangsphase in der ich selbst nicht weiss, ob und was “dabei herauskommen wird”, ist eine atemlose, berauschende – ein bisschen, wie wenn man sich verliebt.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Beides, ich versuche vor allem, unabhängig zu bleiben. Ich schreibe gern mit Bleisitift, weil es so etwas Vergängliches hat, das eine grosse Freiheit beinhaltet. Aber im professionellen Umfeld muss früher oder später alles im Computer enden.

Woher holst du deine Ideen für ein Buch?

Siehe oben: Eine Figur taucht auf und nimmt mich mit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Talent ist keine objektiv messbare Grösse. Der grösste Feind des Schreibenden ist der Selbstzweifel. Die Frage, was andere denken könnten. Das scheint mir generell das grösste Hindernis auf dem Weg zum Glück, nicht nur beim Schreiben.

Du lebst aktuell in San Francisco. Wie beeinflusst der Ort, an dem du lebst, dein Schreiben?

Unterschiedlich. In Santa Fe war es vor allem die Landschaft, die mich inspirierte. In San Francisco sind es eher die gesellschaftlichen Umstände oder Bedingungen.

Dein Mann Victor ist auch Künstler – wie empfindest du das Zusammenleben von zwei kreativen Menschen? Ist es Segen, weil man die Antriebe des anderen versteht, oder auch ab und an schwierig, weil doch zwei Menschen mit eigenen Ideen und Projekten aufeinander treffen?

Gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation ist es ein Segen für uns beide, dass wir diesen Bereich haben, in dem wir uns, trotz allen Einschränkungen, auch austoben können. Wir werden vielleicht für unsere Arbeit nicht bezahlt, aber wir können arbeiten. Wir können uns ausdrücken. Ausleben. Das nimmt enorm viel Druck von der Beziehung. Victor unterstützt mich ausserdem bedingungslos.

Dein neustes Buch handelt vom Tod. Wurde dieser erst durch die Krankheit von Victor ein Thema für dich oder war er auch schon früher präsent und ein mögliches Thema für ein Buch?

Auf diese Art nicht. Die Beziehung mit Victor wird ja nicht nur durch seinen Gesundheitszustand, sondern vor allem auch durch seine Kultur beeinflusst. Durch ihn habe ich einen ganz anderen Umgang mit dem Tod kennengelernt. “Das schöne Leben der Toten” ist nicht “mein” letztes Buch, sondern ganz klar ein Gemeinschaftswerk.

Ich las mal, wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben sinnlos, weil wir ohne Beschränkung nichts tun müssten und würden. Lehrt uns der Tod zu leben?

Der Tod gehört einfach dazu, man kann ihn nicht vom Leben trennen. Der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben: Wir werden alle einmal sterben. Es ist also recht absurd, diese Tatsache verdrängen oder überspielen zu wollen. Der Tod ist Teil des Lebens.

Du schreibst, wenn wir den Tod nicht fürchten, wird das Leben leichter. Kann man die Furcht vor dem Tod ganz ablegen? Wünschenswert wird er ja selten, was macht ihn in deinen Augen leichter?

Ich habe, seit ich denken kann eine gewisse Todessehnsucht im Sinn von einer grossen Neugier, einer Ahnung, dass da durchaus noch was kommt… aber was? Angst macht mir nur der Tod der anderen, der Verlust geliebter Menschen. Die mexikanische Vorstellung, dass die Toten das schönste Leben haben, mildert diese Angst ein wenig. Die Trauer jedoch bleibt. Und wie gesagt, wünschenswert oder nicht, der Tod ist eine Tatsache. Man lebt auf jeden Fall besser, wenn man sich damit anfreundet!

Wenn du auf deine Bücher zurück schaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Nein. Mich beschäftigt immer das, was ich gerade schreibe, egal ob es veröffentlich wird oder nicht. Das Geschriebene ist geschrieben.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Als junge Frau hat mich vor allem die französische Literatur inspiriert, die Surrealisten, die Oulipisten, die Pataphysiker. Nicht in dem Sinne, dass ich ihnen nacheifern wollte, aber sie zeigten mir, was möglich ist: Alles.

Was wäre dein Rat an einen angehenden Schriftsteller?

Wer schreiben will, muss – schreiben.