Ingeborg Bachmann: Eine Art Verlust*

Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.
Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett.
Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht, verwendet, verbraucht.
Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die Hand gereicht.

In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich mich verliebt.
In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein  Bett.
Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt,
angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts,

(-der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz)
Furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.

Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei.
Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn, zu grüssen.
Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äusserste Farbe.
Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.

Nicht dich habe ich verloren,
sondern die Welt.

Ingeborg Bachmann (1929 – 1973)

Szenen eines Miteinanders, die kleinen Alltäglichkeiten eines geteilten Haushalts, eines geteilten Lebens. Es ist das Leben von Ingeborg Bachmann und Max Frisch, welche von 1958 bis 1962 ein Paar waren. Einerseits verkörperten die beiden eine Liaison, welche voller Mythen war, zwei helle Köpfe, zwei grosse Literaten vereint – und doch hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Er der pragmatische und disziplinierte Schriftsteller, welcher nach geordneten Bürozeiten in die Tasten haute und praktisch druckreife Werke aus der Maschine holte, sie der immer nach Worten suchende, der an Worten feilende Freigeist mit dem viel zu hohen Anspruch an sich und ihre Texte.

Es ist das erste Mal, dass sich Ingeborg Bachmann wirklich auf eine Beziehung einliess, mit einem Mann zusammenzog. Und immer wieder merkte sie, dass alles zu eng war, sie Distanz brauchte, dass sie ihn doch nicht ganz an sich ranlassen konnte. Es war kompliziert. Und es wurde von Max Frisch beendet, als sich dieser in eine junge Studentin verliebt hatte. Für Ingeborg Bachmann ein Schock, der sie in eine tiefe Krise stürzt, aus welcher sie sich nicht mehr so schnell erholen sollte – vielleicht nie mehr wirklich.

Im Trennungsjahr entstand dieses Gedicht, welches Ingeborg Bachmann 1967 zum ersten Mal im Hörfunk gelesen hat. Gedruckt wurde es erst posthum, 1978. Wie eine Liste, sachlich, in neutraler Sprache, listet Ingeborg Bachmann die Gegenstände, Erlebnisse und Gedanken des gemeinsamen Lebens auf – quasi eine Inventur. Und doch drängt aus jeder Zeile das Trennungsdrama, welches sie als «grösste Niederlage» ihres Lebens bezeichnete.

Man sieht sich im Gedicht an den Zürichsee zurückversetzt, alles, was normaler Alltag war, steht in der Vergangenheitsform. Es ist vorbei. Und am Schluss steht eine Art Verlust. Dieser ist aber grösser, als es rein sachlich scheinen mag. Es ist nicht nur der Verlust eines Menschen, Max Frischs, es ist der Verlust einer ganzen Welt, der Welt, die sie gemeinsam aufgebaut haben aus all den vorhergehenden Listenpunkten.

Max Frisch und Ingeborg Bachmann haben ihre Beziehung und auch ihre Trennung in ihrem Werk wieder und wieder thematisiert. Frisch unter anderem in «Mein Name sei Gantenbein», was Ingeborg Bachmann wegen der intimsten Details ihres Zusammenseins tief traf, und in «Montauk», Ingeborg Bachmann selber chiffrierter durch eine uneindeutigere Sprache und nicht alles offenbarende Komposition. Auf diese Weise lebt die Beziehung auch nach der Trennung von Tisch und Bett und Leben auf eine Weise weiter, lässt nicht los, bleibt lebens- und werkprägender Bestandteil zweier Menschen.

*zit. Nach Ingeborg Bachmann: Liebe: Dunkler Erdteil. Gedichte aus den Jahren 1942 – 1967, Piper Verlag, 6. Auflage, München 1997.

Liebe-los

Ich liebte dich,
wenn du nur wärst,
ein wenig mehr –
das bitte sehr.

Ich liebte dich,
doch fehlt mir noch,
ein ganzes Stück
zu meinem Glück.

Ich liebte dich,
doch schau mal hin,
das geht so nicht,
macht keinen Sinn.

Ich liebte dich,
ich mein’ ja nur,
doch du bleibst du,
bist einfach stur.

So sprach er einst,
ich glaubt’ es fast,
tat hier ein Stück,
und da noch was.

Ich merkte bald,
s’ist nie genug,
zumindest war ich
dann mal klug:

Mit Sack und Pack
ging ich dahin,
wo reicht’ was ich
und wer ich bin.

Da sitz ich nun
Und denk zurück,
ich denk an ihn,
denk an das Glück,

und beides war
mir nicht bestimmt.
bin nur noch ich,
und bin genug.

©Sandra von Siebenthal

vogelfrei

auf weiten schwingen
vom himmel getragen
dem elend entflogen
kein zwang und kein ziel

bin aus den zwingen
muss nichts mehr ertragen
werd nie mehr enttäuschen
bin nie mehr zuviel

kein blick mehr bestraft mich
und auch keine klagen
kein mich auslachen –
von dir nun nie mehr

nichts davon dacht ich
als du vor mir lagest
den mund fest verschlossen
die augen glanzleer.

@Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler: Ein Liebeslied

(Else Lasker-Schüler, 1869-1945)

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen…

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebensruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Das vorliegende Gedicht entstammt Else Lasker-Schülers letztem Gedichtzyklus «Mein blaues Klavier», welcher 1943, 1,5 Jahre vor ihrem Tod, im Exil in Jerusalem veröffentlich wurde.

Eine Frau liegt nach einsam durchwachter Nacht noch im Bett, die plagenden Träume hallen noch nach. Draussen singt ein fremder Vogel, was sie sich wünscht, ist noch unvertraut, mehr Wunsch als Realität. Und doch: Die nächste Nacht soll schöner sein. Mit dem Geliebten.

Sie sieht die Schönheit der Natur, sieht die Blumen an den Quellen, und sieht in ihnen den Geliebten auch – nur soll der, Immortellen gleich – unsterblich sein. Sie kleidet die Vorstellung der nächsten Nacht in märchenhafte Zauberbilder. Eilen soll er, doch nicht mit polterndem Schritt in schnellen Stiefeln, sondern auf Siebensternenschuhen. Es soll eine Liebe nicht von dieser Welt sein, eine, wie sie für die normalen Menschen nicht erreichbar ist – nur sie beide, diese beiden seltenen Tiere, die sich in der nächsten Nacht finden, umarmen und festhalten, sollen sie erleben.

Die Einsamkeit der Nacht dringt nicht nur aus den Worten, sie zeigt sich auch im Reim, ist einsam doch auf weiter Flur allein ohne einen solchen. Das verstärkt die Einsamkeit noch, lässt sie als zentrales Thema dieses Gedichts aufleuchten. Diese ganze Sehnsucht, dieser ganze Wunsch nach dem Geliebten entspringt dieser Einsamkeit, die als einziges Glied in einer Kette kein Gegenüber hat.

So muss sich auch Else Lasker-Schüler gefühlt haben in Jerusalem. Wie lange hatte sie Jerusalem als einzig wahre Heimat gepriesen, ein Sehnsuchtsort war es, den sie hochlobte. Als sie dann – verscheucht durch ein unmenschliches Regime im Krieg – nach Jerusalem kam, war sie nur eine Fremde. Und sie fühlte sich nicht zu Hause. Was hätte sie wohl darum gegeben, von einem Prinzen in Sternenschuhen gerettet zu werden, durch die Liebe vor der Welt und der Zeit verborgen zu sein und nicht mehr allein? Und sie denkt zurück, erinnert sich an Zeiten, wo sie zumindest freundschaftlich verbunden und nicht allein war, mit Franz Marc, welcher in seinen Bildern seltene Tiere erschuf. Daraus spricht die Sehnsucht danach, in der Einsamkeit, als Fremder unter anderen einen Gleichgesinnten zu haben. Einen, mit dem zusammen man in dieser eigenen Welt nicht mehr einsam sein müsste.  

Quo vadis?

Wenn Freiheit nur
Alleinsein heisst,
wenn ein «ich muss»
das «Kann» bescheisst,

wenn Menschen nur
sich selber seh’n
gefühllos durch
die Welt noch geh’n,

dann ist es Zeit,
mal hinzuschau’n,
dann sollt’ man auf
Gefühle bau’n.

Die sagen, dass es
so nicht geht.
Die brauchen,
dass man nun hinsteht

Wenn Not allein,
das Leben prägt,
dann suche was,
das endlich trägt.

Drum schau gut hin,
was dir nun fehlt,
und bau ins Sein,
was dich beseelt.

Erst wenn du in
Dir selber ruhst,
kommt gut, was du
auch immer tust.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutungen – Robert Frost: The Road Not Taken

Robert Frost (26. März 1874 – 29. Januar 1963)

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.

Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.

Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.

Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.

Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.

Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.

Gestossen bin ich auf verschiedene Übersetzungen, die mir liebste ist die folgende von Lars Vollert, welcher einen zweisprachigen, wunderbaren Gedichtband von Robert Frost herausgebracht hat.

Ein Weg ward zwei im gelben Wald.
Betrübt, dass ich nicht beide gehen
Und Einer sein kann, macht’ ich Halt
und sah dem einen nach, der bald
im Dickicht war nicht mehr zu sehn.

Ich nahm darauf den andern dann.
Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm:
Das Gras stand dort schon wieder lang,
obgleich er durch der Leute gang
genauso ausgetreten schien.

Auf beiden an dem Morgen lag
das Laub von Tritten nicht zerdrückt.
Dem ersten blieb ein nächster Tag!
Weil eins zum andern führen mag,
ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.

Ich sag mit einem Seufzen sicherlich,
wenn viele Jahre ich verbracht:
Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich –
ich nahm den einsamen für mich,
das hat den Unterschied gemacht.

Hier haben wir die Konzentration auf den Reim und den Rhythmus, die Worte sind freier gewählt, wenn auch der Sinn da ist. Eine, wie ich finde, sehr schöne Lösung. Lars Vollert bietet noch eine zweite Übersetzung an:

Zwei Wege trennten sich im gelben Wald,
und weil ich leider nicht auf beiden gehen
und Einer bleiben konnte, szand ich lang
und sah, so weit es ging, dem einen nach
bis dort, wo in der Dickung er verschwand.

Ich nahm den andern dann, auch der war schön
und hatte wohl noch eher Anspruch drauf:
Er war voll Gras und wollt begangen sein.
Was das betraf, so schien’s, dass beide schon
vom Wandern ähnlich ausgetreten waren,

und beide lagen an dem Morgen gleich
in Laub, das noch nicht schwarz von Tritten war.
Ich liess den ersten für ein andermal!
Wiewohl: Ein Weg führt in den nächsten Weg;
ich hatte Zweifel, je zurückzukehren.

Mit Seufzen sprech ich sicher einst davon
nach langer, langer Zeit und irgendwo:
Zwei Wege trennten sich im Wals, und ich –
ich nahm den Weg, der kaum begangen war,
das hat den ganzen Unterschied gemacht.

Man sieht, dass hier das Seufzen weggefallen ist. Sehr schade, da in diesem ein Teil des Zwiespalts liegt. Auch Reim und Rhythmus mussten weichen, dafür ist die Übersetzung eine wörtlichere. Für mich ist dabei zu viel vom eigentlichen Gedicht weggefallen. Gerade bei Frost mit seinem Gefühl für Sprache, mit seiner bewussten Setzung von Wörtern und deren lautmalerischen Verbindungen in einem fast schon wie Musik anmutenden Rhythmus, fehlt da zu viel.

Paul Celan hat sich dem Gedicht auch angenommen und er hat sich auf den Rhythmus und die Stimmung im Gedicht konzentriert, dafür den Reim geopfert. Mir fehlt nicht so sehr der Reim als die Tonverbindungen, mit denen Frost immer wieder arbeitet und deretwegen ich ihn auch sehr liebe. Aber im Grossen und Ganzen eine sehr gelungene Version:

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

Und zu guter Letzt noch eine Übertragung von Eric Boerner. Auch bei ihm fällt der Reim weg und den Titel finde ich falsch gewählt: Die verpasste Strasse. Damit nimmt Boerne dem Gedicht die Gleichwertigkeit der beiden Wege, die durchaus immer wieder präsent ist.

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt‘ ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Literaturhinweis:
Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.

Kleine Deutungen – Erich Fried: Nachtgedicht

Erich Fried (1921 – 1988)

Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit deiner Decke
(die dir von der Schulter geglitten ist)
dass du im Schlaf nicht frierst.

Später
wenn du erwacht bist
das Fenster zumachen
und dich umarmen
und dich bedecken
mit Küssen
und dich entdecken.*

Wenn man an Erich Fried denkt, fällt einem wohl zuerst seine politische Lyrik ein, welche im Einklang steht mit seinem politischen Engagement. Er war kein einfacher Zeitgenosse, er sagte seine Meinung und er tat dies klar und pointiert. Dass man ihn – vor allem in rechten und konservativen Kreisen – auch gerne als «Stören-Fried» bezeichnete, zollt dem Rechnung. Doch dies ist nur eine der vielen Seiten von Erich Fried.

Fried war auch ein Sprachakrobat, er wusste, die Sprache einzusetzen, damit zu spielen. Mit dieser Fähigkeit gelang es ihm, die Werke Shakespeare in einer diesen gebührenden Weise zu übersetzen, etwas, das vor ihm so noch keinem gelungen ist. Auch andere Dichter hatten das Glück, im deutschen Sprachraum durch seine Feder bekannt zu werden: Sylvia Plath, T. S. Eliot, Dylan Thomas, um nur einige zu nennen.

Und nicht zuletzt schrieb er Liebesgedichte. Er tat dies in der ihm eigenen Art:

Was ist Liebe? Ganze Regale könnten gefüllt werden mit Romanen und Abhandlungen zu dem Thema, es beschäftigt die Menschen wohl seit es sie gibt. Erich Fried braucht in diesem Gedicht nicht viele Worte, und doch ist alles da.

Liebe ist ein Ich, das ein Du hat. Sie ist ein Zusammensein, das Teilen von Tisch und Bett.

Liebe ist das Hinschauen, wie es dem anderen geht und das Hineinfühlen, was er braucht, was ihm gut tut. Liebe ist die Sorge um den anderen, der Wunsch, es möge ihm gut gehen. Und sie ist der Wunsch, das Mögliche dazu beizutragen.

Liebe ist, dem anderen den Raum zu geben, den er braucht, und doch dazusein. Liebe ist die Nähe, die man den anderen immer wieder spüren lässt, und ihm damit zu zeigen, er ist nicht allein.

Liebe ist Zärtlichkeit, sind die lieben Worte und Gesten, in welchen sie sich ausdrückt.

Liebe ist der immer wieder neue Wunsch, den anderen zu sehen, zu entdecken, ihn kennenzulernen.

Liebe ist die Lust, die sich am anderen entzündet.

Erich Fried gelingt es wie kaum einem anderen, Worte für eigentlich nicht Sagbares zu finden, durch die das Gefühl hindurch scheint. Man liest die Zeilen und findet zwischen ihnen ganze Geschichten. In kurzen Versen erschliesst sich so eine ganze Welt, die über sich hinausweist, die Gefühle sprechen lässt. Und als Leser sitzt man da, liest die Worte, erlebt die Geschichte und fühlt sie tief in sich mit.   

_______
*zit. nach Erich Fried: Liebesgedichte, S. 92, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2016.

When the night comes

Die Sonne neigt
ihr müd’ Gesicht,
sie geht in eine
and’re Welt.

Ich sitze hier,
verneige mich,
bedanke mich,
hat sie erhellt

mein Leben heut,
die Welt um mich.
Mit mir auch dich,
was mir gefällt,

da dies schlicht heisst,
du warst bei mir,
nichts and’res nämlich
wünsch ich mir.

Nun bist du fort,
es wurde Nacht.
Ich sitze hier,
hab mir gedacht,

wie schön es wär,
wär wieder Tag,
die Sonne hier.
Und du bei mir.

Die Stille dringt
durch alle Poren,
Dunkel deckt
die Welt ganz zu.

Ich denk an dich,
ich sehne mich.
Ich stell mir vor –
find keine Ruh.

Und irgendwann,
wird wieder Tag.
Das Dunkel weicht.
Und dann? Und du?

©Sandra von Siebenthal

Aus den Tiefen sein

Der Wind in den Bäumen
er sei himmlisch Kind,
verfolgt mich in Träumen,
die nicht himmlisch sind.

Er treibt mich durch Gassen,
er dringt in mich ein,
ich kann ihn nicht fassen,
sitzt da Markens Bein?

Ich denke in Normen,
die ich lang gelernt,
sie sollten mich formen,
was mich nie erwärmt.

Mich trieben oft Trotz und
auch Neugier schlicht an,
das sei nicht gesund,
so sei schlicht nicht man,

kriegt ich oft zu hören,
ich litt auch dabei,
ich liess mich nicht stören,
brach doch dann entzwei.

Ich suchte zusammen,
was ich von mir fand,
durchlebte manch’ Dramen,
macht’ mir manche Schand’

bei all diesen Jenen,
die nur für den Schein,
das Sein gar verneinen,
ich wählt’ für mich Sein.

Der Weg war kein leichter,
noch heut nag ich dran,
denk: „Wär ich nur seichter,
wär ich halt so „man“,

flöss alles von hier nach
dann da wie es muss,
wär alles gemach, – so
wie es sein muss.

So such ich mir täglich,
den eigenen Fluss,
So geh ich halt täglich,
auf eigenem Fuss.

Und schimpfe und klage,
verliere ich auch…
und danke und sage:
„Ich folg’ meinem Bauch.“

©Sandra von Siebenthal

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater, 7 Jahre später auch sein Stiefvater. Er durchläuft die übliche Schule mit mässigem Erfolg, beginnt ein Studium, wobei er. nicht wie von der Mutter gewünscht die theologische Laufbahn einschlagen will. Im Jahr 1791 veröffentlicht er die ersten Gedichte.

Um seiner Mutter nicht zur Last zu fallen, sucht er sich immer wieder Anstellungen als Hauslehrer, sieht diese aber nach anfänglicher Euphorie stets als untragbar, gar seiner eigenen geistigen Gesundheit abträglich. Um diese ist es dann auch wirklich nicht gut bestellt, bricht bei ihm doch 1806 eine geistige Krankeit aus, deretwegen gegen den eigenen Widerstand in eine Klinik eingeliefert wird, wo er 1807 als unheilbar krank wieder entlassen wird und fortan auf Pflege angewiesen ist. Er verbringt seine letzten Jahre in einem Turmzimmer. Schon in der Klinik begann er wieder mit dem Dichten, muss aber immer wieder aufhören, weil er zu erregt ist. Er ist sich seiner Situation bewusst und leidet auch darunter, worauf dieses Gedicht aus dem Jahr 1811 hindeutet:

„Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Sowohl Hölderlins Leben wie auch sein Dichten waren nicht gradlinig und schon gar nicht einfach zu deuten. Zu viele Widersprüche, zu viele Brüche weisen beide auf. Zuerst ein braver Zögling auf dem Weg zum Pfarramt, Befürworter der Französischen Revolution, dann wieder Rebell und dem Politischen sich entziehend durch die Poesie. Sein (geistiger) Zusammenbruch 1806 ist wohl nur äusseres Zeichen einer schon lange dauernden inneren Zerrissenheit. Sein Rückzug ins Turmzimmer nur letztendliche Konsequenz eines schon lange herrschenden Gefühls einer ihn erdrückenden Gesellschaft.

„Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land!“

In der Poesie lässt er das Einengende hinter sich, seine Gedichte fliessen förmlich aufs Papier und von da in die Weite. Selten sind sie irgendwie unterbrochen, immer fügt sich Eines ins Andere, soll doch die Poesie als Einheit, als Ganzes bestehen neben der Zerrissenheit der Welt, wie Hölderlin sie empfand. Auch wenn (oder gerade weil?) Hölderlins Gedichte alles andere als einfach gestrickt sind, werden sie auch heute noch gerne gelesen. Aus jeder Zeile tropft der Dichter, an seiner Zeit leidend, immer versuchend, im Denken frei zu bleiben. Hölderlin erwartete viel von der Poesie. Zusammen mit Hegel und Schelling formulierte er folgendes:

„Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.“

Man würde sich oft wünschen, die drei hätten recht.

Wenige von Hölderlins Texten werden zu Lebzeiten veröffentlicht, trotzdem bildet sich schon damals ein romantischer Kult um den Dichter im Turmzimmer. Erst anfangs des 20. Jahrhundert wird Hölderlins Dichtung wieder entdeckt. Es erstaunt deswegen, dass im Jahr 1861 ein junger Gymnasiast just Hölderlins (damals praktisch unbekanntes) Werk wählt für einen Schulaufsatz, und dieses feurig gegen Anschuldigungen verteidigte. An einen imaginären Brieffreund schreibt er er:

„…ich fühle mich bewogen, für diesen meinen Lieblingsdichter gegen dich in die Schranken zu treten.“

Und er fährt fort:

„Dies Verse (um nur von der äusseren Form zu reden) entquollen dem reinsten, weichsten Gemüt, diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die Kunst und Formgewandtheit Platens verdunkelnd, diese Verse, bald im erhabenen Odenschwung einherwogend, bald in den rartesten Klänge der Wehmut sich verlierend…“

Und fügt ein Gedicht an, in welchem sich „die tiefste Melancholie und Sehnsucht nach Ruhe ausspricht“:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und mögen droben

In Licht und Luft zerrinnen mit Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht
Der Zauber. Dunkel wird’s, und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt
Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja!
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann mein Alter.

Der Gymnasiast heisst Friedrich Nietzsche.

1936 wird die historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe aufgelegt, welche bei den Nazis grossen Anklang findet. Heidegger, ausgerechnet, kann mit seiner Deutung des Werkes diesen Fluch abwenden, so dass Hölderlin wieder über alle braunen Zweifel erhaben in die Zukunft strahlte. Ein

„Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“

Möge es ihm wirklich und genau so gelungen sein. Friedrich Hölderlin stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Werke

  • 1791 Erste Gedichte
  • 1797 Hyperion, Roman
  • 1826/1846 Der Tod des Empedokles, Drama
  • Verschiedene theoretische Schriften

Zwischen Welten

Mit ganz leisem Klopfen
nur melden sich Tropfen,
verkünden die Botschaft,
die ich nicht versteh.

Der Himmel verhangen
mit tiefgrauen Wolken,
die Bäume im Nebel,
dahinter der See.

Ein Blick in die Ferne,
die mir bleibt verborgen,
ich schaue ins Leere,
verliere mich da.

Es scheinen zwei Welten,
die eine hier drinnen,
die andere draussen,
doch welche ist wahr?

Ich lebe mein Leben,
so zwischen den Stühlen,
Ich kenne mich aus hier,
hier bin ich bei mir.

©Sandra von Siebenthal

Alte Weisheit neu entdeckt

Ach wie so trügerisch
zeigt grad das Wetter sich,
mit Sonnenschein und Himmelsblau,
endlich mal warm, so denkt die Frau.

Vermisst, kaum weg, nichts gar so sehr,
wie von Kleidung ganz viel mehr,
Es fehlen Strümpfe, Socken und – au Backe -,
eine dick gestrickte Woll-Strickjacke.

So steht sie da und zittert hart,
wie eine Frau, sehr fein und zart,
kaum Zittern kann,
so denkt ihr Mann.

Doch er ganz Held und Kavalier,
leiht Hemd und Mantel sogleich ihr,
dass er dann friert, nimmt er in Kauf,
was daraus folgt? Man käm nie drauf!

Erst nur ein Husten, dann ein Nuss,
(bedenk, dass es sich reimen muss),
er liegt da leidend, seucht dahin,
nach nichts mehr steht ihm – ACH – der Sinn.

Er ist gar schwach, wird schwächer noch,
zum jammern reicht die Kraft dann doch,
er nennt sich sterbend, ach so arm,
da wird es ihr ums Herz ganz warm,

dass dieser edle, edle Mann,
auch schwach sich zeigen kann.
und innerlich betet sie leise,
lieber Gott, ach sei bloss weise,

lass ihn bloss leben, lass ihn heil,
ich kann dir sagen, es ist weil,
wer gäb’ mir sonst den letzten Rock,
wenn ich erneut im Kälteschock?

So leben sie auch fortan heiter,
mal hier mal da gar leidend weiter,
im Wissen, dass es einer hört,
den dieses Leiden gar nicht stört.

Im Gegenteil, es ist ein Bund,
dadurch wird beider Sein erst rund,
mal hilft er ihr, dann sie auch ihm,
geteiltes Leid ist halb so schlimm.

________

Für die abc.etüden, Woche 08/09/21: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 08/09/21 kommt von Sabine mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram

Verwendete Worte für die Etüden Strickjacke, trügerisch, entdecken

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 08/09/21

Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler (11.2.1869 – 16.1.1945)

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.  Da sie in ihrer Freizeit gerne zeichnete, hat sie ihre Gedichtbände zum Teil sogar selber illustriert. Ihre künstlerische Ader zeigt sich auch in ihrem Breifwechsel mit Franz Marc, bestanden doch die Briefe mehrheitlich aus einer Kombination von Bild und Text – Zeichnungen, die in Marcs Schaffen einflossen.

Zwei meiner Lieblingsgedichte von Else Lasker-Schüler:

Ein alter Tibetteppich
Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.