#abcdeslesens – G wie „Gefunden“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Das Gedicht wirkt in seiner Sprache und in seinem Gang sehr einfach und leicht verständlich.

Wir haben es mit einer einfachen Ballade zu tun ohne strenges Reimschema (Kreuzreim, aber es reimen sich nur jeweils zweiter und vierter Vers pro Strophe) aber mit einem zugrundeliegenden Rhythmus (ein durchgängiger Jambus mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen), der die erzählte Geschichte in einen Fluss bringt. Ein lyrisches Ich geht ohne Ziel in den Wald und stösst da auf eine Blume, strahlend schön. Er will sie mitnehmen, doch die Blume weist ihn darauf hin, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Das Ich lässt sich überzeugen und nimmt sie samt Wurzeln mit nach Hause, um sie wieder einzupflanzen.

Das Gedicht weist viele Merkmale der Philosophie der Weimarer Klassik auf, es kann damit als typischer Vertreter der Epoche gelten. Ein zentrales Element dieser Epoche war die Hochachtung der Schönheit. Es herrschte die Überzeugung, dass die Anschauung des Wahrhaften und Schönen den Menschen selber in seinem Charakter veredle. Dies passiert mit den lyrischen Ich bei der Betrachtung der schönen Blume. Will er sie erst noch brechen und ihr damit quasi das Leben nehmen, behandelt er sie danach sorgsam und bereitet ihr einen passenden Ort, an welchem sie auch in Zukunft gedeihen kann. «Gefunden» zählt zu den grössten Werken Goethes und es ist eines der am Häufigsten vertonten Gedichte von ihm.

Goethe schrieb dieses Gedicht am 26. 8. 1813 auf dem Weg nach Ilmenau und schickte es dann an seine Gartenarbeit liebende Frau Christiane als nachträgliches Geschenk zum 25. Jahrestag. Interessant ist dabei, dass die beiden sich das erste Mal in einem Park trafen. Das Wissen um diese Geschichte verstärkt den schon beim Lesen entstehenden Eindruck, dass eine weitere Ebene in dem Gedicht steckt, nämlich eine Liebesgeschichte.

Die Blume wird zur Frau mit sternenschönen Augen, das ruft dazu auf, achtsam mit der Geliebten umzugehen. Ziel des Zusammentreffens soll nicht einfach ein kurzes, impulsives Erlebnis sein, aus welchem Trauer und Vergänglichkeit entstehen, es soll ein lebenslanges Miteinander werden, in welchem die Frau weiter blühen und gedeihen kann. Malt man das Bild des Gedeihens der Blume weiter, ruft das Gedicht auch zur Pflege der Beziehung auf, da nur eine Beziehung hält und gedeiht, in welcher man sich auch – wie bei einer Blume im Garten – um den geliebten Menschen kümmert.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

Abbild der Zeiten

Matt geworden von der Zeiten Lauf
hängt er seit Jahren an der Wand. Ein Bild,
das keinen Inhalt trägt und nie verklärt,
nur spiegelt was sich neu ihm zeigt.

Ich seh’ ihn an und sehe mich, und um
mich rum nur wenig Welt, wie wenn ich ganz
alleine wär’ für alle Zeit, die dieses
Bild vor mir aufschlägt bis weit zurück.

Ich seh’ mich jung durch alle Falten, sehe
freies Walten, wenig Pflicht, nur einfach
tun. Ich sehe Leiden auch und Bangen,

Seh’ mich suchen, manchmal finden, alles
steht in dem Gesicht. Ich möcht’ nichts missen,
doch noch einmal jung sein möcht’ ich nicht.

©Sandra von Siebenthal

Theodor Fontane: Es kann die Ehre dieser Welt

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.

Wenn’s deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Fontane kann es, Fontane darf es, Fontane trauen wir, wenn er etwas sagt. Wieso? Er kommt nicht nur mit weisen Ratschlägen daher, er sagt uns die Dinge auf den Kopf zu, die wir eigentlich selber wissen, aber doch immer wieder dagegenhandeln. Er kommt nie überheblich oder abwertend daher, er nennt die Dinge schlicht beim Namen und wir sitzen da, lesen es und denken: Ich hätte es eigentlich wissen sollen.

Aber von vorne. Was immer wir im Aussen suchen an Ehre, an Ruhm – es wird uns nie genügen. Von aussen wird nichts so sein, dass es uns hält oder gar hebt, dazu müssen wir in uns gehen. Wenn da nichts ist an Halt, an Erhebung, dann können wir im Aussen suchen, was wir wollen, es wird nichts nützen. Selbst wenn alle laut klatschen: Unser Zweifel bleibt.

Was immer von aussen kommt, ist flüchtig, selten von Dauer. Es mag ein kurzer Freudenmoment sein, doch dann ist dieser auch schon wieder vorbei. So sehr man sich drin suhlt, am nächsten Morgen wacht man ernüchtert auf und es ist nichts besser als am Tag davor – im Gegenteil. Das kurze Lob dient nur dem Eitlen, der es sich auf die Fahnen streichen will – nach aussen. Tief drin bleibt alles wie gehabt. Es gibt also nur eins: Sei so, wie du für dich sein willst und kannst. Und tue alles dafür, deine eigenen Massstäbe zu erfüllen, dir selbst als das beste Ich, das du sein kannst und das du sein willst, zu sein.

Dann wirst du den Applaus von aussen nicht mehr brauchen, denn er könnte nichts hinzufügen. Und wenn das nicht ist, kann er ausbleiben, denn er könnte nichts bringen, das dir nützen könnte. Für dich.

#abcdeslesens – E wie Ein alter Tibetteppich (Else Lasker-Schüler)

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon.

Dieses Gedicht (geschrieben 1906, erschienen 1910) ist wohl eines der schönsten von Else Lasker-Schüler und es trägt in sich all das, was ihre Poesie so herausragend, so einzigartig macht. Schon die ersten beiden Zeilen sind sinnbildlich für ihr Schreiben und ihre Fähigkeit, durch Worterfindungen neue Bedeutungsebenen zu machen, welche in einem Bild daherkommen, das die Sprache übersteigt. Ebenfalls typisch ist das orientalisch-exotisch Anmutende und die Symbolsprache.

Formal haben wir vier Verse, dreimal zwei Zeilen, einmal drei, alles im Trochäus mit ansteigender Zahl der Hebungen. Der Reim ist paarweise, bis auf den letzten Vers, da ist quasi ein Störfaktor durch die mittlere Zeile, welche sich nicht wirklich reimt, man könnte höchstens eine Assonanz anbringen. Zufall? Nein, da wusste eine Dichterin ganz genau, was sie tut, dazu später mehr. Das soll auch genügen als Formanalyse.  

Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Damit verlässt Else Lasker-Schüler das Bild des Teppichs, sucht neue Metaphern und Symbole, um die Liebe auszudrücken. Aus Fäden werden Strahlen, Farben bringen sich ein, der Sternenhimmel wird dazu genommen, alles, um immer wieder das gleiche Bild zu beschwören: Zwei Seelen, die miteinander verbunden sind. Die Sprache kann es allein nicht ausdrücken, es braucht Bilder.

Im nächsten Vers kehrt Else Lasker-Schüler zum Teppich zurück, nun ist er die Grundlage, auf welcher die Liebenden stehen. Nicht nur im Moment, sondern «maschentausendabertausendweit» – ein Bild der Unendlichkeit. Daraus spricht der Wunsch, dass die Liebe halten möge, ein Wunsch, den Else Lasker-Schüler zeitlebens hatte, der ihr aber nie erfüllt werden sollte. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, sie sich Ersehnende, aber sie nie wirklich auf Dauer Findende.

Der vierte Vers bringt nochmals eine neue Symbolsprache. Mit dem Lamasohn wird quasi ein Prinz angesprochen – landläufig gilt der Lama als Oberhaupt einer buddhistischen Schule, was nicht stimmt, aber dem Bild keinen Abbruch tut. Da die Erbfolge durch Wiedergeburt funktioniert, könnte man den Nachkommen als Sohn bezeichnen. Moschus wiederum wurde früher als Sexuallockstoff eingesetzt. Hier kommt zur seelischen Ebene die körperliche dazu. Und dann der oben erwähnte Reim-Bruch. Die mittlere Zeile des vierten Verses stört das Reimmass. Hier schweift Else Lasker-Schüler ab, sie geht vom Beschrieben der Verbundenheit hin zur Hoffnung und auch Angst: Wie lange wird das dauern? Und wie lange hält das schon an?

Man hätte sich diese Interpretation wahrlich leicht machen können: Da schreibt eine über ein lyrisches Ich, das durchaus autobiographisch zu werten ist, wie so vieles in Lasker-Schülers Lyrik, das sich Liebe wünscht, sie sucht, sie findet, und zu verlieren befürchtet. Aber die Bilder, welche sie zum Aufzeigen dieser Verbundenheit durch die Liebe wählt, sie sind grossartig. Und drum sind Analysen teilweise so toll: Man geht nicht einfach mit dem Gefühl «Ist das schön» über ein Gedicht hinweg. Man schaut hin und merkt, wieso es so schön ist. Ab und an hilft das, zu erkennen, was man selber gerne hätte. Und wieso. Man lernt, hinzuschauen. Dafür danke ich der Lyrik und dafür mag ich so grossartige Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler. Sie lehren einen das Sehen.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.


Auftanken

Die Möwe fliegt mit weiter Spanne, zieht
in Kreisen übers Meer. Mit heis’rem Ruf,
der um sich greift, durchschweifend Raum und Zeit,
im Wolkenweit des Himmelsfelds; und wer

ihr mit dem Blicke folgt weit übers Meer,
verliert sich hinterm Horizont und kommt
dann wieder her. Er zieht ganz einem Engel
gleich und lässt zurück das Erdenschwer.

So ziehen oft Gedanken auch in ferne
Welten weit hinweg, verlassen diese
schwere Zeit und suchen einen Hort,

wo sie sich tief geborgen fühlen, Frieden
finden für sich selbst; wo sie vom Trubel
Zuflucht suchen, einen Heimatort.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – D wie Du bist wie eine Blume (Heinrich Heine)

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Da ist dieses lyrische Ich, das ein Du gefunden hat und es schön findet – schön wie eine Blume. Und nicht nur das: Schön und hold und rein. In damaliger Zeit sind das alle gewünschten Tugenden einer anzubetenden Frau. Man würde denken, das wäre Glück pur für dieses Ich – aber weit gefehlt. Er (ich gehe hier von der Zeit und dem Leben des Dichters aus und möchte keine anderen Möglichkeiten aus irgendwelchen anderen Gründen ausschliessen) schaut sie an und spürt nicht Glück, sondern Wehmut.

War da noch erst dieses Schwärmen ob der Vollkommenheit, schleicht – quasi durch die Hintertür – ein Pfeil ein und dringt mitten ins Herz. Ihm wird die Vergänglichkeit bewusst. Und er möchte sie schützen. Ihr die Hände aufs Haupt legen und zu beten anfangen. Im Wissen, dass die Welt ist, wie sie ist, und es schafft, fast jeden zu verderben. Das, dies der Wunsch des lyrischen Ich, soll nicht das Schicksal dieser schönen Blume sein. Er möchte das abwenden.

Nun sind das in der Tat keine wirklich neuen Erkenntnisse, dass Lieben enden können, wusste man schon vor Heine, dass Menschen auf Abwege geraten können, ebenfalls, dass die Welt nicht einfach schön, sondern eher grausam ist, war auch kein Novum. Und: Heine wurde nie müde, all das Schwarze, Schwere, Hässliche zu benennen. Dies meist in derben, klaren, harten Worten. Dieses Gedicht mutet dagegen harmlos und sanft an. Und es besticht in einer Zartheit, die eigentlich nicht typisch für Heine ist. Egal! Es ist schön, es ist tief, es ist wahr, es besteht auch nach mehrfachem Wiederlesen immer wieder.

Zum Autor
Harry Heine, wie er mit Geburtsname hiess, wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und dessen Frau geboren. Nach einem Ausflug in die Bankenwelt beginnt er ein Studium der Rechtswissenschaft, publiziert schon da Gedichte, promoviert, konvertiert zum Christentum für bessere Berufschancen – vergeblich. Er wender sich dann der Literatur zu, schreibt zwar auch Feuilletons, politische Betrachtungen und Reiseberichte, bis heute bekannt ist er aber für seine Gedichte. Auch in diesen ist seine Kritik an den sozialen und politischen Verhältnisse immer wieder präsent, überhaupt göänzt er oft durch Scharfzüngigkeit, welche bis zur Bösartigkeit werden kann. Zu seinen bekanntesten Werken zählen wohl «Das Buch der Lieder» und «Deutschland. Ein Wintermärchen». Heine stirbt am 17. Februar 1856 in Paris.

Mascha Kaléko: Blatt im Wind

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
Daß ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen,
Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht im Wort bekennen,
Und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,
Wird uns am letzten aller Tage trennen.

All meinen Schmerz ertränke ich in Küssen.
All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.
Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.

Ob alle Liebenden so einsam sind?

Schon der Titel weist darauf hin, dass hier jemand ist, der herumgeworfen wird durch eine grössere Macht, durch etwas, das dieses Ich bewegen kann. Es folgt gleich in der ersten Zeile eine Bitte: «Lass mich das Pochen deines Herzens spüren.» Dieses Pochen soll vom eigenen ablenken, welches sich gerade in Angst befindet. Man kennt das ja, wenn die Angst das Herz bis zum Hals schlagen lässt, es schlägt schneller, lauter, treibt die Angst gerade nochmals an.

Das Ich vermisst die Offenheit der Welt, des Blicks, da es selber Riegel vorgelegt hat. Wohl aus Angst, dass die eigenen Gedanken überborden, vielleicht auch in der Hoffnung, so bewahren zu können, was ist. Nun aber bittet es das Du, die Türen aufzutun, da es vermutlich auf die Türen des Du mehr vertraut als auf die eigenen.

Das Ich kann nicht sagen, was genau in ihm vor sich geht, es unterdrückt die Tränen, um sich nicht in seiner Angst mitzuteilen. Doch dann wird die Angst formuliert: Das Schicksal kann tun und lassen, was es will. Zwar hat es dem Ich eine Liebe geschenkt, doch kann es diese auch sofort wieder nehmen. Der Schmerz über diesen Gedanken ist gross, das Ich versucht, sich mit Küssen davon abzulenken – es gelingt wohl nicht, sonst gäbe es dieses Gedicht nicht. Das Geheimnis wird tief drin verschlossen, es soll nicht nach aussen dringen.

Nun kommt ein neues Bild, in nur einer Zeile, doch dieses Bild erklärt die ganze Angst und ihren Boden: Das Ich ist ein Blatt, das zu früh vom Baum gerissen wurde. Es fehlen ihm noch die letzten Tage Kraft, die es am Baum hätte tanken können. Dem Ich (und man darf es hier wohl mit der Autorin gleichsetzen, da Mascha Kaléko immer wieder ihr eigenes Leben in ihre Gedichte verwob) fehlt wohl das Urvertrauen in das eigene Sein, in die Beständigkeit, weil es nicht lange genug in Ruhe wachsen konnte, sondern immer auf der Flucht war – schon von Kindesbeinen an.

Trotz allem fand dieses Ich ein Du, eine Liebe, vom Schicksal geschenkt, ängstigt sich nun vor dessen erneutem Zuschlagen, indem es diese wieder nimmt. Und das Ich verschliesst sich, nimmt sich so also schon während der noch dauernden Zweisamkeit in die Einsamkeit zurück. Und fragt sich: Kennen andere das auch?

Ein melancholisches Gedicht, ein Liebesgedicht, aus dem viel Angst, Trauer und Einsamkeit spricht. Und doch auch ein tröstliches Gedicht für all die, welche genau das auch kennen und beim Lesen merken, dass sie nicht allein sind damit. Und oft braucht es auch einen Anstoss von aussen – zum Beispiel dieses Gedicht -, um das eigene Verhalten zu erkennen und es vielleicht auch ändern zu können. Man kann die Gedanken vielleicht nicht immer ganz ausschalten, aber gerade dann kann ein Mitteilen etwas (noch mehr) Verbindendes haben, das dann wiederum die Liebe zusätzlich stützt – und vielleicht dadurch auch die bösen Gedanken ausräumt. 

#abcdeslesens – Else Lasker-Schüler: Chaos

Die Sterne fliehen schreckensbleich
Vom Himmel meiner Einsamkeit,
Und das schwarze Auge der Mitternacht
Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder
In dieser Todverlassenheit!
Mir ist: ich lieg’ von mir weltenweit
Zwischen grauer Nacht der Urangst…

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder
Und riss mich jäh an mich!
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seelenleer,
Es blühen dort keine Rosen
Im warmen Odem mehr. –
…Möchte einen Herzallerliebsten haben!
Und mich in sein Fleisch vergraben.

Die ersten zwei Zeilen offenbaren eigentlich alles. Die Einsamkeit tropft förmlich aus ihnen. Nicht nur ist keiner da, auch die Sterne ziehen sich zurück. In den nächsten Zeilen senkt sich das Dunkel. Es kommt näher und näher, erdrückt förmlich.

Als wäre das nicht genug, doppelt die nächste Strophe nach: Nicht nur ist da keiner, sich selber hat sich die Einsame auch verloren. Was für eine schöne Wortschöpfung: Todverlassenheit. Wo wäre man mehr allein als im Tod? Man ist gegangen, während die anderen bleiben. Und so sitzt sie nun in der sternengeflohenen dunklen Nacht. Und findet nicht mal mehr sich selber. Als ob das nicht genug wäre, kommt nun auch noch die Angst dazu. Die Urangst ist immer die vor dem Tod. Auf sie greifen alle anderen Ängste zurück.

Was kann da noch helfen? Man findet sich selber nicht mehr, man hat keinen Menschen mehr… der eigene Schmerz. Er führt einen immer zu sich zurück. Wenn man gar nichts mehr fühlt, hilft der Schmerz zu zeigen, dass man noch lebt. Heute würde man das Borderline nennen, Else Lasker-Schüler machte aus diesem Gefühl ein Gedicht. Sie möchte den aufweckenden Schmerz spüren, der sie sich wieder näher brächte. Egal wie grausam, die Gefühllosigkeit, das sich selber nicht mehr Spüren scheint grausamer. Der Wunsch, zurückzukehren in den Mutterschoss, als sie noch geborgen und nichts ausgeliefert war, folgt sogleich. Hier spielt ein autobiographischer Teil mit: Der Tod der Mutter bedeutete für Else Lasker-Schüler das Ende einer Welt, die sie bislang die ihre fand. Haltlosigkeit bieb zurück. Der Garten ist quasi verdorrt, keine Rose blüht mehr, das Leben ist ausgehaucht.

Aus diesem Gefühl heraus kommt die Sehnsucht nach Liebe. Wenn es nur einen Herzallerliebsten gäbe, in den man sich – dem Mutterschoss gleich -eingraben könnte. Geborgen wäre, aufgehoben. Leider hat Else Lasker-Schüler eine solche Liebe nie kennenlernen dürfen. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, eine verzweifelt lieben und geliebt werden Wollende. Wäre es anders gewesen, wären uns wohl ganz viele Gedichte entgangen. Aber der Preis war hoch. Für sie selber wohl zu hoch. Sie starb schliesslich auch an einem Herzanfall. Ob dieser auf ein gebrochenes Herz zurückzuführen sei, wäre Spekulation, vielleicht ein wenig an plakativ klingend, aber wohl durchaus in ihrem Sinne.

Was aber hat es nun mit dem Titel auf sich? Wo ist das Chaos? Es ist die verkehrte Welt, in welcher Schmerz plötzlich gewünscht ist, weil das Gefühl nicht mehr da ist. Damit haben die Lebensum- und zustände veränderte Vorzeichen erhalten, man steht als Mensch da und versteht quasi die Welt nicht mehr, sieht aber nur noch den Schritt aus dem Gewöhnten hinein ins Verkehrte, da das andere nicht mehr greift.

Das Gedicht erschien 1919. Else Lasker-Schüler war gerade mal 50 Jahre alt. Die Hoffnung, den Geliebten noch zu finden, könnte also durchaus noch intakt gewesen sein. Man möchte es ihr wünschen, dass sie diese noch nicht aufgegeben hat. Der Lebenslauf spricht diese Sprache.  

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Rainer Maria Rilke: Wenn es nur einmal so ganz stille wäre…

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre 
Verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte im Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.*

Das lyrische Ich sehnt sich nach Stille, möchte fast die Welt anhalten, dass alles, was so reinkommt in die eigene Welt, ruhig wäre und auch die Geräusche rundherum verstummen. Und dann, wenn all das weg wäre, wären da noch die Geräusche der Sinne, alles, was es so landläufig hört, sieht, fühlt, riecht und auch denkt, alles sind mehrheitlich automatische Abläufe, welche mehr einnebeln als wirklich wach und sehend machen. Wie oft laufen wir doch durch die Welt und sehen so wenig wirklich mit neuen Augen, sehen wirklich hin, sondern nehmen alles einfach als gegeben, lassen es an uns vorbeiziehen? All das, möchte das lyrische Ich beenden, um wach zu sein. Um zu sehen.

Hier schwingt das mit, was Rilke das «neue Sehen» nannte, und das ihm ein grosses Anliegen war. Er wollte die Welt wirklich wahrnehmen, wie sie ist, er wollte sie mit allen Sinnen erkunden und geniessen.

Dann wendet sich das lyrische Ich dem Du zu. Es will ganz zu ihm durchdringen, es mit allen Facetten vor dem geistigen Auge sehen, an alles, was dieses Du ausmacht, möchte das Ich denken. Und nur dann, wenn alles gesehen, gefühlt, bedacht ist, gehört es für einen kleinen Augenblick ihm, weil es ganz in ihn überging – in einem Lächeln. Und dann wäre es ein Geschenk fürs Leben, ein Geschenk, das dankbar macht.

Was für eine schöne Art, einem Menschen zu sagen, dass man sich ganz auf ihn einlassen möchte. Und was für eine Hingabe an dieses Einlassen. Doch dieses Einlassen, dieses wirkliche Sehen, dieses Wahrnehmen dessen, was wirklich ist, mit wachen Sinnen bedarf der Stille. Nur wenn die äusseren und inneren Ablenkungen zum Schweigen kommen, sind wir in der Lage, zum Kern der Dinge durchzudringen. Dann fangen wir an, nicht einfach alles schnell zu benennen und abzuhaken: Haus, Baum, Mensch. Erst dann, wenn wir uns die Zeit nehmen (können), wirklich hinzuschauen, werden wir das Wesen der Dinge und das Wesen der Welt erkennen. Wir werden nicht mehr blind durchs Leben gehen, sondern als Sehende. Und das wird dem eigenen Leben eine ganz neue Tiefe geben. Weil wir dann auch in unserem eigenen Wesen ruhen.

______
*erschienen im „Stundenbuch. Vom Mönchischen Leben“, zit. nach Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte, Goldmann Verlag, München 2006.

#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

In fremden Gewässern

Ein Blatt auf weiter See, getrieben, blass und
klein, nicht unbeschrieben, leer nur, schwimmt es
schweigend vor sich hin, kaum sichtbar, ohne
Sinn, verloren in der fremden Welt.

Fische ziehen, Vögel fliegen, ab
und zu ein Boot bemannt, und alle mit
dem Ziel vor Augen, Flossen und auch Flügel
weit, die Segel nach dem Wind gesetzt.

So sitz ich einsam unter Menschen, kenne
mich hier gar nicht aus; so fühl ich mich
allein im Sein und um mich rum Tumult.

So schweig ich gegen weisse Wände, berge
bebend meine Hände in den Taschen,
da sie keiner halten will – mich nicht.

@Sandra von Siebenthal