Ilse Aichinger (1. November 1921 –  11. November 2016)

Geboren am 1. November 1921 erlebte Ilse Aichinger eine glückliche Kindheit. Sie selber bezeichnete diese immer als ihre glücklichste Zeit. Umso mehr traf sie der Verlust derselben, als ihr Jüdischsein zum Stigma wurde im Nazideutschland. 

„Ich habe unter keinem Verlust so gelitten wie unter dem Verlust der Kindheit. Er ist das Gemeinste an der Entwicklung der Menschen. Dagegen ist Altern gar nichts. Man verliert nicht mehr so viel.“

Es gab noch eine weitere glückliche Zeit in ihrem Leben: die Ehe mit Günter Eich, welchen sie 1951 bei einer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt hatte. Leider war den beiden kein langes Glück beschert, da Günter Eich 1972 im Alter von nur 65 Jahren starb. Durch ihn sei sie kritischer und engagierter geworden, sagte Aichinger. Es war unter anderem auch ein Engagement der Sprache, ein Anschreiben gegen den Sprachverlust, gegen den Sprachmissbrauch. Das klingt in einer Rede (Rede an die Jugend) nochmals an, welche sie 1988 im Zuge einer Preisverleihung hielt: 

„Und nicht nur die Tage, auch die Worte müssen neu erkämpft werden, gerade in einer Zeit, die geneigt ist, sie über die Welt zu streuen und unbrauchbar zu machen, die sie in den Ohren dröhnen und nicht zu sich kommen lässt.“

Wie aktuell dies auch heute noch ist. Aus derselben Rede stammt auch die folgende, Mut machende und hoffnungsvolle Passage:

„Immer wieder wird es notwendig sein, die Träume aus dem Schlaf zu holen, sie der Ernüchterung auszusetzen und sich ihnen doch anzuvertrauen. Immer wird es ein Grat sein, der zu begehen ist. Die empfindlichen Instrumente des Gleichgewichts und der Unterscheidung müssen eingesetzt, Sein und Denken müssen aufeinander abgestimmt werden, massgeblich für alles, was kommt.“

Ilse Aichinger schrieb einen Roman, Essays und Erzählungen, doch ihre grosse Liebe galt immer der Lyrik. Mit ihren Texten wurde sie zur Gruppe 47 eingeladen, gewann 1952 deren Preis. Es sollten noch viele weitere Preise folgen, verdient, da ihre Texte von einer eigentümlichen Schönheit und Tiefe sind. Leider wird Ilse Aichinger als Schriftstellerin mit ihren Texten viel zu wenig beachtet. Der grosse Erfolg beim grossen Publikum blieb aus, vielleicht, weil der Umgang mit ihren Texten nicht nur einfach ist, weil man sich wirklich auf diese einlassen muss, um sie zu verstehen und in ihrer Wohldurchdachtheit bis ins letzte Wort erkennen will. 

Ab 1985 veröffentlicht Ilse Aichinger immer weniger, teilweise beschränken sich ihre Texte auf einzelne prägnante Sätze. Gefragt, was sie als ihre grösste Begabung ansähe, antwortete Ilse Aichinger anlässlich ihres 75. Geburtstags:

«Aber die grösste Begabung ist doch die, auf der Welt sein zu können. Es auszuhalten, mit einem gewissen Frohsinn.»

1998 kommt es zu einem grossen Schicksalsschlag für Ilse Aichinger, als ihr Sohn Clemens bei einem Autounfall ums Leben kommt. Zwei Jahre später beendet sie ihre Schreibpause und beginnt, für die österreichische Tageszeitung «Der Standard» Texte zu schreiben, welche mehrheitlich autobiographischer Natur waren.

Ilse Aichinger stirbt am 11. November 2016 in Wien.

2 Kommentare zu „Ilse Aichinger (1. November 1921 –  11. November 2016)

  1. Vielen Dank für die sorgfältig und informativ formulierten Gedanken. Ich lese auf diese Weise immer wieder über mir oft unbekannte Autorinnen. Di solltest diese Texte einmal in einem Buch zusammenfassen, um Anregungen zu geben, auswählen zu können und Übersicht zu gewinnen.

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