Gedankensplitter: Sprache als Heimat

«Ohne Sprache, ohne Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.» Carolin Emcke

Ich weiss nicht, wann sie anfing, die Liebe zur Sprache, zum Wort. Zuerst war sie beim Lesen da, ich liebte Geschichten, ich hörte sie vorgelesen und von Tonbändern. Ich lernte früh lesen, und von da an war kein irgendwo geschriebenes Wort mehr sicher vor mir. Jedes Plakat, jede Inschrift wollte gelesen sein. Die wöchentlichen Gänge in die Ortsbibliothek waren mein Highlight, ich deckte mich jedes Mal mit Stapeln ein, die ich zu Hause feinsäuberlich lesend abtrug (damals waren die Stapel offensichtlich überschaubarer als heute). Bald kam zur Liebe zu beschriebenen Büchern die zu schönen leeren dazu, die ich selbst schreibend füllen wollte. Manchmal holte ich auch die Schreibmaschine meiner Mutter aus dem Schrank und fühlte mich wie ein Schriftsteller, wenn ich davorsass und tippte.

Diese zwei Lieben sind geblieben, mein Leben lang bis heute. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lese, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe. Ich höre oft, ich solle mal Urlaub machen, mal ausspannen, mal einen Tag einfach nur frei sein. Ich verstehe diese Gedanken, allein sie verkennen, dass für mich Schreiben und Lesen Freiheit sind, nämlich die Freiheit, ganz ich zu sein, an genau dem Ort zu sein, wo ich mich zuhause fühle. Ich habe mich in meinem Leben immer wieder gefragt, was Heimat bedeutet, wo ich zuhause bin. Ich glaube, das ist die Antwort: In der Sprache. 

Was bedeutet Heimat für euch?

Prägende Bücher

Ich hörte eine Zeit lang den Podcast «Das Lesen der anderen», in welchem Menschen ihre fünf prägendsten Bücher vorstellten. Es blieb natürlich nicht aus, dass ich mir über meine Gedanken machte. Ich hatte vier auf Anhieb, es war kein Nachdenken nötig, kein Zögern fand sich ein. Das fünfte machte es mir schwer. Ich überlegte, ich kam nicht drauf, bis ich bei mir dachte, dass dies wohl das ist, was mich ausmacht: Das fünfte gibt es wohl, nur wechselt es immer mal wieder, je nach Alter, Zeit, Lust und Laune. Es gibt so vieles in der Welt, das interessant ist, so dass es mir oft schwerfällt, mich ein für alle Mal festzulegen, unwiderruflich (einige wenige Ausnahmen bestätigen die Regel). Und: Es wäre unfair all den Büchern gegenüber, die ich noch lesen wollte: Meine fünf Plätze wären belegt, da käme nichts mehr dafür in Frage. 

Wieso aber die gewählten vier Bücher?
– Mit «Grimms Märchen» fing alles an. Ich kriegte sie vorgelesen, ich liebte die Geschichten, allen voran «Der eiserne Heinrich», den ich mir immer wieder neu wünschte als Gute-Nacht-Geschichte. 
– Thomas Mann, Doktor Faustus: Ich habe das Buch gelesen, zerlesen, analysiert, damit gelebt in der Zeit meiner Masterarbeit. Die Zeit war durchtränkt von Thomas Mann und der Master ein erstes Etappenziel eines Traums, den ich schon als kleines Mädchen hatte: Studieren. 
– Goethes Faust: Ich las es wieder und wieder, dieses Streben nach Erkenntnis, nach Verstehen, dieses Verzweifeln oft auch am Leben und seinen Beschränkungen, die ich so gut kannte, haben mich immer wieder neu eingenommen – und die Sprache, die Kunst dahinter. 
– Rilke: Das Buch ist zerlesen, durchgearbeitet, es ist mein Begleiter seit vielen Jahren und immer wieder auch Zuflucht, wenn ich auf der Suche nach etwas Schönem, Tröstenden, Tiefen bin. 

Was sind für euch prägende Bücher?

Annie Ernaux: Der junge Mann

Inhalt

«Er entriss mich meiner Generation, aber ich gehörte nicht zu seiner.»

In den Fünfzigern beginnt sie eine Affäre mit einem 30 Jahre jüngeren Mann. Mittlerweile gut situiert führt er sie zurück in die sozialen Schichten ihrer Vergangenheit, sie lebt ihr erinnertes Leben neu. Dabei wird ihr mehr und mehr klar, dass sich das so nicht ewig leben lässt.

Gedanken zum Buch

«Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt.»

Es war wohl Susan Sontag, die schrieb, sie müsse ihr Leben aufschreiben, um es zu verstehen. Oder war es Joan Didion? Auf jeden Fall finden sich so ähnliche Schreibmotive bei vielen Autoren und Autorinnen. Erst das geschriebene Wort verleiht dem Erlebten eine fassbare Realität, eine, die feststeht, im wahrsten Sinne des Wortes festgeschrieben und damit festgehalten ist. Liest man dieses Buch allein ohne Kenntnis der weiteren Schriften von Annie Ernaux, könnte man diesen Satz dahingehend interpretieren, dass das Leben bislang ein verflossenes, ein nur erlebtes war, dass es erst durch die Wiederholung und das Erinnern und nun Aufschreiben zu einem realen wird, das mit dem Akt des Aufschreibens auch zu einem Ende kommt.

«Ich war alterslos und trieb in einem halbbewussten Zustand zwischen verschiedenen Zeiten hin und her.»

Die Protagonistin befindet sich in ihrer Lebensmitte, viele Jahre liegen hinter ihr, einige vor ihr. Durch die Konfrontation mit einem jungen Mann, der in seinem Leben an einem anderen Punkt steht, lebt sie einerseits das Leben hier und heute mit ihm, aber sie er-lebt auch ihr vergangenes Leben neu durch ihre Erinnerung. In nur wenigen Sätzen, Gedankenfetzen, die aus dem Moment entstehen und zurück weisen in die Jugend, die Kindheit, entwickelt sich das Bild eines ganzen Lebens. Das unangepasste Mädchen von damals schimmert ins Heute hinein, die verflossene Ehe flackert in Bruchstücken auf.

«Er war Träger der Erinnerungen an meine erste Welt.»

Es ist ein Mäandern zwischen den Zeiten und auch zwischen den verschiedenen Welten, zwischen ihrer Welt hier und heute, seiner Welt heute und ihrer von früher. Wenn Erinnerungen zu präsent werden, kommt es mitunter vor, dass sich die Zeiten vermischen und nicht mehr klar ist, in welcher man sich gerade befindet.

«Mit ihm durchlief ich alle Alter des Lebens, alle Alter meines Lebens.»

In der gefühlten Zweisamkeit hören die Unterschiede auf, welche zu sein. Sie zeigen sich umso mehr im Alltag, am deutlichsten aber durch den Blick von aussen, wie er den beiden auf der Strasse, in der Öffentlichkeit begegnet. Einerseits wird durch diesen klischeebehafteten Blick bewusst, dass man sich ausser der Norm befindet, andererseits zeigt er nur deutlich, was tief drin immer wieder aufkommt: Das Gefühl, dass diese Verbindung nicht ewig dauern wird, zu verschieden sind die Welten. Herrschte am Anfang noch der Zauber des Neuen, des Wilden, auch des Verbotenen vor, hört dieser Zauber der Verklärung langsam auf und der Blick wird nüchterner.

Fazit
Ein kleines Buch mit grossem Inhalt, enthält es doch ein ganzes Leben in ungewöhnlicher Dichte.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Nobelpreis für Literatur.

Sonja Finck übersetzt aus dem Französischen und Englischen, darunter Bücher von Jocelyne Saucier, Kamel Daoud, Chinelo Okparanta und Wajdi Mouawad. Für ihre Ernaux-Übersetzungen wurde sie mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; 1. Edition (16. Januar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 48 Seiten
Übersetzung‏ : ‎ Sonja Finck
Originaltitel ‏ : ‎ Le jeune homme
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518431108

Ingeborg Bachmann/Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht“

Lesegedanken zum Briefwechsel

Langsam lese ich mich durch die Briefe hindurch, tauche ein in diese verzweifelte Sehnsucht nach Liebe von Ingeborg Bachmann. Ich habe viel gelesen über sie, von ihr, und doch öffnet dieses Buch einen neuen Blick auf alles. Zu sehen, wie sie hängt zwischen den Stühlen, wie sie vergeblich versucht, sich zu erklären, dann sich zu lösen, dann wieder aufgibt und der Trauer freien Lauf lässt, dem Unverständnis, wie es hat kommen können, wie es ist. All das berührt mich sehr, bewegt mich, zieht mich mit und in das Buch hinein. Sie wächst mir ans Herz, mehr und mehr.

Ein tiefes Buch, keines, das sich einfach weglesen lässt, keines, das ich einfach so nebenbei lesen kann und will. Ich möchte es leben, mitleben, erleben, erfühlen.

Und doch kommt ab und zu der Gedanke auf: Das war nicht für mich bestimmt. Und doch kann ich mich dem nicht entziehen. Ich versuche, dem Buch, dem Inhalt, den beiden Menschen dahinter, mit dem nötigen Respekt und einer wertungsfreien Offenheit zu begegnen. Ich versuche, dem Vertrauen, das sie mir schenken müssten, sich mir so zu offenbaren, gerecht zu werden.

Und immer wieder staune ich, was Bücher bewirken können, was sie bewegen, auslösen können. Und ich bin dankbar, habe ich die Möglichkeit, immer wieder in diese Welten einzutauchen.

Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa

Zum Inhalt

«Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.» (Chinesische Weisheit)

Oskar wird sterben. Er ist zehn Jahre alt und hat Leukämie. Im Spital besucht ihn die ehemalige Catcherin Madame Rosa, sie erzählt ihm von Gott, an den Oskar nicht glauben mag – wieso wäre sein Leben sonst so, wie es ist? Trotzdem folgt er ihrem Rat und beginnt, Gott Briefe zu schreiben, in denen er alles aufschreibt, was ihn bewegt, was ihm wichtig ist, was er sich wünscht. Er schreibt über sein Leben, das er nun schneller leben muss, über seine Liebe, über seine Eltern. Und er lebt sein Leben aus vollem Herzen – ein ganzes Leben in wenigen Tagen.

Gedanken zum Buch

«Man tut immer so, als käme man nur in ein Krankenhaus, um gesund zu werden. Dabei kommt man auch rein, um zu sterben… Und ich glaube, dass wir beim Leben den gleichen Fehler machen. Wir vergessen, dass das Leben zerbrechlich ist, verletzlich und vergänglich, und tun so, als wären wir unsterblich.»

Eric-Emmanuel Schmitt gelingt es, ein eigentlich trauriges Thema in eine kleine, feine, warmherzige Geschichte zu verweben. Es ist eine Geschichte vom Leben und vom Sterben, aber auch eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Zuversicht und Mut. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, dessen Zeit absehbar ist, und der diese Zeit nutzen will, um ein ganzes Leben darin zu leben. Es ist eine Geschichte, die dazu aufruft, es Oskar gleich zu tun.

«Vertrau ihm deine Gedanken an. Gedanken, die man nicht ausspricht, machen schwer.»

Oskar schreibt dem lieben Gott Briefe, obwohl er nicht an Gott glaubt und auch nicht gerne schreibt. Es werden am Schluss 13 Briefe sein, in denen sich Oskars Leben ausbreitet, in denen seine geheimen Gedanken und die gemachten Erfahrungen Platz finden. Damit werden diese Dinge nicht nur dem Leser zugänglich, das Schreiben kann auch weitere Funktionen haben. So sagte Susan Sontag einst: «Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.» Nicht umsonst schrieben viele grosse Geister Tagebuch, riefen schon Marc Aurel und Epiktet dazu auf, das Leben schriftlich zu bedenken.

Ein wunderbares Buch, das zu Herzen geht, das berührt durch seine Geschichte, das zudem viele kleine Sätze voller Tiefe und Schönheit in sich birgt.

Fazit
Ein kleines Buch mit grosser Wirkung, das direkt ins Herz trifft.

Zum Autor
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon, studierte Klavier in Lyon und Philosophie in Paris. Mit seinen Erzählungen wie »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« wurde er international berühmt und gehört heute zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren in Frankreich. Seine Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Schmitt lebt in Brüssel.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Fischer; 15. Edition (1. September 2005)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Übersetzung: Annette Bäcker, Paul Bäcker
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 112 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596161317

Julia Schoch: Das Liebespaar des Jahrhunderts

Inhalt

«Im Grunde ist es ganz einfach: ich verlasse dich.
Drei Wörter, die jeder Mensch begreift. Es genügen drei Wörter, und alles ist getan. Man muss sie bloss aussprechen. Ich bin erstaunt, dass es so einfach ist. Und noch etwas erstaunt mich: Der Satz ist genauso kurz wie der, den ich am Anfang unserer Geschichte gesagt habe.»

Die Geschichte einer Liebe, von den Anfängen bis zum Ende. Die Höhen und Tiefen eines Paares mit all seinen Lebens-Alltäglichkeiten, Zweifeln, Abgründen und Höhen. Die Geschichte über den Wert zu bleiben und den Wunsch zu gehen. All das aus der Sicht einer Frau, die gehen will und sich fragt, wie sie überhaupt an diesen Punkt kam – und wie sie mit diesem umgehen kann, soll und will.

Gedanken zum Buch

Julia Schoch ist es gelungen, den Leser mit dem Innersten der Protagonistin vertraut zu machen, ihn tief in die gefühlte Beziehung aus ihrer Sicht hineinzuziehen. Wir kennen die Eigenheiten, Gedankengänge, Lebenshaltungen, aber: Wir würden sie beide nie auf der Strasse erkennen. Wir haben kein Bild, nur ein Gefühl, ein gefühltes Sein, ein gedachtes, durchdachtes und vor allem hinterfragtes Sein.

«Von hier ab könnte ich genauso gut schreiben, der Mann tat dies, die Frau tat jenes. Unsere Konturen verwischten, wir wurden allgemeiner… Unsere Geschichte hatte eine Richtung eingeschlagen, in der wir zu einem Paar wurden, in dem sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren… Nur im Anfang schien unsere Einzigartigkeit zu liegen.»

Was ist wichtig in einer Beziehung? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Wann müsste sie aufhören?

«Jemanden zu verlassen heisst: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb? Wer will schon gern ohne Geschichte leben?»

Wieso tut sie es oft dann doch nicht? Und wieso war das vielleicht nicht mal das schlechteste? Sartre schrieb, die Hölle seien immer die anderen. Das trifft wohl nirgends so gut wie in Beziehungen. Dies weniger, weil sie so grausam wären, das sind sie meist nicht, aber sie werfen einen auf das eigene Ich zurück, weil man es im Umgang mit dem anderen deutlich erkennt – und nicht immer toll findet.

«Ich frage mich, was mit unserer Geschichte passiert, wenn ich gehe. Wer wird sich darum kümmern, wenn es uns als Paar nicht mehr gibt? In meiner Vorstellung ist unsere Geschichte wie ein Kind. Wir tragen die Verantwortung für sie.»

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist keine Liebesgeschichte und doch vielleicht eine der schönst-möglichen. Es ist die Geschichte einer Beziehung, wie sie entsteht, hält, sich entwickelt, sich zerstört, weiter besteht, lebt. Es ist eine Geschichte, die jedem von uns passieren könnte – und vielleicht genauso passiert. Oder anders. Sie ist nicht exemplarisch und doch tief fühlbar als etwas Bekanntes.

«Womöglich war ja auch alles viel einfacher und wir waren nur deshalb noch immer zusammen, weil wir uns noch immer liebten. Was weiss man schon, über sich, die eigenen Absichten, den anderen.»

Fazit
Ein grossartiges, tiefgründiges, zum Nachdenken, Mitfühlen, Selbst-Erinnern animierendes Buch. Eine grossartige Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite ergreift und berührt.

Zur Autorin
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg, gilt als »Virtuosin des Erinnerungserzählens« (FAZ) und bekam für ihre von der Kritik hochgelobten Romane und Erzählungen schon viele Preise, zuletzt den Schubart-Literaturpreis für ihren Roman ›Das Vorkommnis. Biographie einer Frau‹. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wurde ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen. Sie lebt in Potsdam.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 2. Edition (16. Februar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283335

Rezension – Thommie Bayer: Sieben Tage Sommer

Zum Inhalt
Vor dreissig Jahren haben fünf Menschen Max Torberg, einem reichen Abkömmling einer Bankdynastie das Leben gerettet. Danach trennen sich ihre Wege wieder. Max Torberg beobachtet alle fünf zwar von fern, sucht aber nie mehr den Kontakt, bis er sie eines Tages in sein Ferienhaus an der Cote d’Azur einlädt, er selbst sei verhindert, komme später. Da sitzen sie nun, bewirtet von Max dazu eingestellten Anja, die Max vom Leben im Haus berichtet, und fragen sich, wieso sie da sind. In der Tat steckt ein Plan dahinter, doch den kennt nur Max.

Gedanken zum Buch:
Wenn Menschen eine Zeit auf engem Raum zusammen sind, werden ihre je eigenen Naturelle immer sichtbarer. Die unterschiedlichen Charaktere reiben sich aneinander, beziehen sich aufeinander und entlarven sich so, weil keiner über längere Zeit eine Maske tragen kann. Die Dynamik des Miteinanders ist so offenbarend für den je Einzelnen. Max Torberg nutzt diesen Umstand, um die fünf Menschen, die er eingeladen hat, besser kennenzulernen. Dadurch lernt er auch Anja besser kennen, eine Freundin, die er extra dazu eingestellt hat, dass sie ihm berichten soll von den einzelnen Gästen und ihrem Zusammensein.

Verspricht Max zuerst, dass er noch komme, taucht er schlussendlich nie auf. Ihn erleben wir als Leser nie in Aktion, wir erfahren nur durch die Briefe, was ihn antreibt, insofern also nur ein schon von ihm geschöntes Bild, das nur preisgibt, wozu er Lust hat. Die einzige Interaktion, die er hat, ist die schriftliche mit Anja, in welcher er aber eher blass und ungreifbar bleibt.

Die Frage, die alle beschäftigt, ist auch die, welche den Leser am Lesen hält: Wozu das Ganze? Sie löst sich erst auf den letzten Seiten, und dies nicht wirklich befriedigend. War das Grund genug, so weit zu lesen? Offensichtlich ja.

Und vielleicht gibt es noch einen Grund: Indem man sich durch die Geschichte treiben lässt, quasi im seichten Fluss des Erzählens mitschwingt, stösst man immer wieder auf kleine Goldstücke in Form von wunderschönen Sätzen, die man nochmals lesen will, die man sich einprägen will, die etwas in sich tragen, das berührt.

Fazit
Leichte Lektüre, die seicht dahinplätschert, getrieben von einer Frage, an der die Geschichte hängt. Unterhaltsame Lektüre für zwischendurch.

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm »Die gefährliche Frau«, »Singvogel«, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Eine kurze Geschichte vom Glück« und zuletzt »Das Glück meiner Mutter«.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Piper; 4. Edition (30. Juni 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3492070447

Lesemonat Februar – Ein Rückblick

Schon wieder ist ein Monat vorbei. Es war zwar der kürzeste Monat des Jahres, doch ich habe viel gelesen, einiges vielleicht nicht mit der Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass ich mich langsam in meinen Lesewünschen wieder weiterbewegt und endlich – nach einer langen Leseflaute diesbezüglich, die mich ob ihrer Länge verunsichert und auch geschmerzt hat – wieder zur Literatur zurückgefunden habe. Schon Thommie Beyer hat einen guten Anfang gemacht, aber Eric-Emmanuel Schmitts Monsieur Ibrahim hat die Liebe zur Literatur mit einer Wucht zurückgebracht.

Wenn ich im Nachhinein zurückblicke, ist es schon erstaunlich, wie viel mir Literatur bedeutet. Als sich der Zugang für mich verschlossen hatte, fehlte ein wichtiges und grosses Stück in meinem Leben. Die Liebe zu Büchern war noch da, die Liebe zum Lesen entfaltete sich in anderen Bereichen, die mir durchaus auch wichtig sind, und doch…

Ich bin diesen Monat nach Südfrankreich gereist, um in einem Sommerhaus fünf eigentlich Fremde und doch Verbundene zu beobachten, habe mir Zuspruch geholt, mich nicht zu verbiegen, habe die Blumen des Korans gesucht und mit Rosa den kleinen Oskar begleitet. Ich habe mit den Denkern der Frankfurter Schule philosophiert und mit vier Philosophinnen nach der Freiheit gesucht. Ich habe den Wert des Nichtstuns erforscht und Hannah Arendts Menschenbild ergründet. Danach musste ich mal schnell schauen, ob ich die Welt noch retten kann, um dann in die dramatische Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzutauchen – die war nicht zu retten.

Der März wird ein durch und durch literarischer Monat werden hier – ich freue mich drauf. Kennt ihr Leseflauten? Wie geht ihr damit um?

Die meine komplette Liste:

Thommie Bayer: Sieben Tage SommerMax lädt fünf Menschen in sein Sommerhaus ein, wo er sie treffen will. Diese fünf Menschen haben vor vielen Jahren seinen Weg gekreuzt, einer hat ihm das Leben gerettet, die anderen vier hatten dabei geholfen, dass diese Geschichte für alle gut ausging. Anja ist damit betraut, die fünf zu bewirten und Max zu berichten, wie alles läuft. Max wird nicht auftauchen – doch: Was hat er vor?    Das Buch war leicht zu lesen, es plätscherte dahin. Am Schluss bleibt ein wenig das Gefühl, dass die Erwartungen an das Ende nicht erfüllt wurden. Aber trotzdem unterhaltsame Lektüre.4
Ichiro Kishimi, Fumitake Koga: Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegenDie Lehre Adlers in einen Dialog zwischen einem jungen Mann und einem Philosophen verpackt. Eine interessante Herangehensweise, um die Inhalte dieser Lehre, wenn sie auch ein etwas flacher Vergleich zu Sokrates ist. Adlers These, dass das Leben immer zielgerichtet gelebt wird und die Ursachen nicht in der Vergangenheit liegen, werden ebenso thematisiert wie die Bedeutung von Minderwertigkeitsgefühlen, horizontale und vertikale Beziehungen und der Wert von Mut, Selbstvertrauen und Engagement für andere, wenn es darum geht, glücklich sein zu wollen. 4
Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des KoranEin Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.5
Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in RosaEine tief menschliche Geschichte über das Leben, das Lieben und das Sterben. Eine kleine, feine, Erzählung.5
Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen. Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. das Denken revolutionierten.Ein hervorragendes Zeitzeugnis, ein Zeugnis der Lebens- und Denkensstränge herausragender Denker in den dunklen Zeiten der Kriege und im Exil, und ihrer Verschränkungen und gegenseitigen Befruchtungen wie Ablehnungen. Dafür, dass Arendt so prominent im Untertitel steht, ist wenig Arendt im Buch vorhanden. 4
Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943Mit Blick auf Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil zeichnet Wolfram Eilenberger ein Bild der Zeit zwischen 1933 – 1943 und zeigt auf die philosophischen Wege, welche die vier Philosophinnen einschlagen, ihre Hindernisse, ihren Kampf, ihr Leben und Denken. 4
Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der UntätigkeitEine Antwort auf Hannah Arendts «Vita activa», in welcher das Tun dem Sein eher im Wege steht als dieses begründet, in welchem der Untätigkeit der Wert zukommt, zur Besinnung zu führen und damit zu einem Dasein als wirklichem Sein in der Welt. 4
Lea Mara Esser: Vom Schweigen des Guten. Hannah Arendts Theorie der MenschlichkeitDas Gute müsse neu gedacht werden. Dies will Lea Mara Esser zeigen anhand von HA, die sie in den Dialog mit Walter Benjamin treten lässt und wozu sie eine Unmenge an Verweisen, Zitaten, Meinungen, Analysen heranzieht. Zwar finden sich durchaus alle wichtigen Begriffe Arendts, doch wird im Buch mehr die offenbare Belesenheit und Zitierwütigkeit sichtbar als eine stringente Argumentationskette. So entsteht zumindest, was Esser als Philosophieren deklariert: Es herrschen nur Fragen vor, die Antworten bleiben aus. 3
Thomas Seibert: ExistenzphilosophieBegriff und Entwicklung (von Kierkegaard, Stirner, Nietzsche über Jaspers und Heidegger zu Sartre und in die Postmoderne) der Existenzphilosophie in einer unglaublich mühselig zu lesenden Fassung. Das war reiner Kampf durch die Seiten, keine Freude. 3
Eberhard Rathgeb: Die Entdeckung des Selbst. Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutioniertenDrei Philosophen gingen dahin und haben sich lebend und schreibend dem Selbst-Sein gewidmet. Sie haben sich selbst als Experimentierfeld genommen und daraus ihre Theorien entwickelt, wie einer wird, wer er ist und worauf es ankommt im Leben als Selbst. Sie schrieben damit gegen all die Philosophen an, die das Individuum in den Dienst der Gesellschaft und der Wirtschaft stellten, sie schrieben gegen eine Zeit an, in welcher Rationalität und Vernunft das Gefühl und das Er-Leben verdrängen wollten.4
Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare KriseWie muss sich unsere Gesellschaft, wie müssen wir uns ändern, damit wir mit dieser sich anbahnenden globalen Krise umgehen können? Metzinger plädiert für eine Bewusstseinskultur, in welcher die Menschen gemeinsam nach einer Form des Lebens suchen, mit welcher der Krise begegnet und die eigene Selbstachtung und Würde bewahrt werden können. 4
Bettina Storks: Die Poesie der LIebe. Ingeborg Bachmann & Max FrischEine Romanbiografie über eine grosse Leidenschaft, eine Liebe, die im Sturzflug endete. Es ist die Geschichte zweier Poeten, die so unterschiedlich in ihrem Sein und Schreiben waren, dass sie nicht zusammen sein konnten, ohne sich gegenseitig immer wieder zu verletzen und nach und nach zu zerstören. 5

Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur

Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und planetare Krise

Zum Inhalt

«Bewusstseinskultur muss es dem Individuum wie auch ganzen Gruppen von Menschen ermöglichen, die eigene Würde zu bewahren, auch wenn die Spezies als ganze scheitern sollte.»

Wir haben die Welt an die Wand gefahren und werden das nicht so leicht abwenden können. Optimismus ist der falsche Ansatz, wir müssen umdenken und ein neues Leitbild entwickeln. Liessen wir uns bislang von einer Kultur des Neids, des Profitstrebens und der Gier treiben, gilt es, eine neue Bewusstseinskultur zu entwickeln, die auf neue Werte setzt und uns unsere Selbstachtung und die Würde zurückgibt, die wir durch unser Handeln in der Vergangenheit mehr und mehr eingebüsst haben. Es gilt, gemeinsam und mit offenem Blick nach Wegen zu suchen, wie wir als Gesellschaft weiterleben können und wollen, worauf wir bauen sollen.

Gedanken zum Buch
Die Klimakrise besteht nicht erst seit gestern. Wir wissen schon über fünfzig Jahre, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher – und machten doch weiter. Thomas Metzinger zeigt, wieso das so ist, er verweist dazu auf die Trägheit des menschlichen Gehirns beim Umlernen, auf die Trägheit von Systemen und Gesellschaften beim Umkehren.

«Es zählt das gemeinsame Erforschen und Experimentieren, nicht irgendeine absolute Wahrheit oder eine beruhigende aber trügerische Form moralischer Gewissheit.»

Umdenken passiert immer auf verschiedenen Ebenen. Einerseits muss es jeder für sich tun, aber als Gesellschaft sind wir auch dazu aufgerufen, gemeinsam neue Wege zu suchen, die wir gemeinsam auch gehen können. Es gilt, nicht auf festgesetzten Wahrheiten zu beharren, sondern offen zu sein für alle Möglichkeiten.  

«Wir brauchen das Beste aus allen philosophischen Menschheitstraditionen.»

Thomas Metzinger verbindet Spiritualität, Wissenschaft und Philosophie, beleuchtet unser Leben, Denken und Fühlen sowie die Lage unserer Welt aus allen Perspektiven und zeigt deutlich auf, dass wir umdenken müssen, dass wir eine neue Bewusstseinskultur entwickeln müssen, wenn wir noch eine Chance auf ein gutes Weiterleben haben wollen.

«Wir müssen auch lernen, unsere eigene Verletzlichkeit zu achten. Leidensfähigkeit, Verletzlichkeit und sogar Sterblichkeit sind etwas, das man ganz bewusst in sich selbst und anderen respektieren kann.»

Wir müssen erkennen, dass wir nicht unsterblich sind, dass wir nicht über allem stehen, sondern hinsehen, was wir tun und was wir damit bewirken. Wir müssen unsere falschen Beweggründe und Handlungsmotive erkennen und neue suchen, solche, die uns und der Welt um uns besser bekommen. Und wir müssen in Betracht ziehen, dass es vielleicht zu spät für eine wirkliche Rettung sein könnte.

«Optimismus ist keine Option mehr, Unsere Lösung muss etwas Tieferes sein, das über Optimismus und Pessimismus hinausgeht: vielleicht eine neue Form von Realismus, ausgestattet mit spiritueller Tiefe.»

Fazit
Ein Aufruf an die Menschen, gemeinsam mit Offenheit eine neue Form der Lebensgestaltung zu suchen, um der drohenden Katastrophe mit Würde zu begegnen.

Zum Autor
Thomas Metzinger lehrt Philosophie an der Universität Mainz und ist ein weltweit anerkannter Bewusstseinsforscher. Er tritt ein für eine stärkere Vernetzung von Philosophie und Hirnforschung und ist einer der meistzitierten deutschen Gegenwartsphilosophen. 2018 wurde er für die hochrangige Expertengruppe für Künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission nominiert. 2021 erhielt er die Pufendorf-Medaille.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Berlin Verlag; 2. Edition (6. Januar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827014887

Rezension – Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen

Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. Das Denken revolutionierten

Zum Inhalt

«Als sich die Akteure dieser Geschichte über ihre Ideen stritten, sahen sie sich einer Welt gegenüber, in der vieles fragwürdig geworden war, insbesondere der Mensch und seine Stellung in der Welt schien höchst problematisch.»

Frankfurt 1932, Maskenball bei Paul und Hannah Tillich. Geladen ist ein illustrer Kreis von zeitgenössischen Denkern der Zeit, unter anderem Max Horkheimer, Norbert Elias, Theodor Adorno, Karl Mannheim und viele mehr. Sie diskutieren über ihre Theorien über die Welt und den Menschen in ihr. Sie sehen sich in einer Geschichte, die den Menschen vor Probleme stellt, sei es durch die politische Situation, von der man zu dem Zeitpunkt noch meint, das Schlimmste überstanden zu haben, sei es durch die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft generell: Die Wissenschaft steckte in einer Krise, die Arbeitsverhältnisse nutzten mehr und mehr den Menschen aus, und auch die Wirtschaft hatte sich nach dem Börsencrash von 1929 noch nicht erholt.

«Theorien sind nicht eben nicht nur Theorien, sie leben durch ihre Akteure, durch deren ureigene Lust am Unterschied, an der Differenz, am Anderssein.»

Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Gedanken zum Buch

«Wir sind oft wie die wilden Tiere übereinander hergefallen, an kann sich das kaum vorstellen, in einer Rückhaltlosigkeit, die auch vor den schärfsten Angriffen auf den Anderen… nicht haltgemacht hat, aber ohne dass das der Freundschaft… den leisesten Abtrag gemacht hätte.» (Theodor Adorno)

Wolfgang Martynkewicz hat sich mit diesem Buch keine einfache Aufgabe gestellt. Es sind grosse Gedanken, die teilweise in grossem Widerspruch stehen. Es sind tiefe Gedanken, die erst für sich und dann in Verbindung mit den anderen verstanden werden müssen. Es ist ihm gelungen, dieses weite und breite Feld der Philosophie, Soziologie, Theologie und der Zeitgeschichte differenziert, kompetent und trotzdem gut lesbar aufzubereiten und in eine flüssige Geschichte zu verarbeiten. Das Buch ist sowohl in seiner wissenschaftlichen Erarbeitung wie auch in der verständlichen Darbietung überzeugend.

Das Buch ist vom Gedanken beseelt, dass Gedanken nie vom Denker und dessen Zeit und Umfeld unabhängig entstehen. Sie sind immer Kinder einer Lebens- und Weltsituation, auf die sie sich beziehen und aus der heraus sie entstehen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Denker und ihrer Gedanken weist aber auch darauf hin, dass Menschen trotz gleicher Zeiten und ähnlicher Orte des Lebens und Schaffens zu unterschiedlichen Schlüssen kommen können. Das mag auf den ersten Blick banal klingen, ist es aber nicht, bedenkt man die immer wieder vorherrschende Tendenz, Einheit statt Vielheit als Wunschprinzip zu sehen. Wie befruchtend aber gerade Diskurse zu unterschiedlichen Meinungen und Theorien sein können, zeigt sich bei den hier vorgestellten Geistern, zeigt sich in diesem Buch.

Wolfgang Martynkewicz hat sorgfältig recherchiert, das Buch weist einen umfassenden Zitat- und Fussnotenteil auf, sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Durch seinen flüssigen Erzählstil taucht man als Leser in die komplexesten Gedanken ein, lässt sich von ihnen mitreissen, denkt selbst mit, und möchte sich mit jedem Einzelnen dieser klugen Köpfe weiter auseinandersetzen. Noch lieber wäre man wohl dabei gewesen bei all den Treffen und Gesprächen. Durch dieses Buch ist es zumindest möglich, ihnen lesend beizuwohnen.

Etwas bedauerlich war für einen Fan von Hannah Arendt, dass sie so prominent auf dem Umschlag steht, im Buch selbst aber einen eher kleinen Raum einnimmt. Dies aber nur ein kleiner Kritikpunkt, der der Qualität des Buchs in keinster Weise Abbruch tut.

Fazit
Eine grossartige Einführung in das Denken der grossen Philosophen und Soziologen der 1930er Jahre sowie ein Zeitzeugnis dieser Zeit. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Wolfgang Martynkewicz, geboren 1955, ist freier Autor und Dozent für Literaturwissenschaft; zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Geschichte der Psychoanalyse; u.a. über Jane Austen, Edgar Allan Poe, Arno Schmidt, Sabina Spielrein, C. G. Jung und Georg Groddeck. Mit seiner Abhandlung „Salon Deutschland. Kunst und Macht 1900–1945“ gelang ihm ein viel beachteteter Erfolg bei Presse und Publikum. Zuletzt erschien sein Buch „1920. Am Nullpunkt des Sinns“

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (15. November 2022)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 459 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3351038878

Rezension – Tillie Olsen: Ich steh hier und bügle

Inhalt

«Wann bleibt da Zeit, sich zu erinnern, zu sichten, zu prüfen, abzuwägen, ein Fazit zu ziehen? Ich lege los, und es gibt eine Unterbrechung, und ich muss wieder von vorne beginnen. Oder ich verheddere mich in all dem, was ich getan oder nicht getan habe oder was hätte sein sollen und was sich nicht ändern liess.»

Vier Kurzgeschichten direkt aus dem Leben sozial Benachteiligter. Es geht um eine Mutter, die sich fragt, wo sie den Draht zu ihrer Tochter verloren hat, eine Familie, die einen Gestrandeten aufnehmen und sich vor Herausforderungen gestellt sehen, über die Schere zwischen schwarzen und weissen Menschen und um eine Ehe, auf die Probe gestellt wird. Es sind Geschichten, die real sind, die berühren, die von Seite zu Seite mehr zusammenwachsen.

Bemerkungen zum Buch
Literarisch hat Tillie Olsen die meiste Zeit geschwiegen. Sie steht damit nicht allein. Zu schwer ist es für viele (vor allem auch Frauen), die Zeit zum Schreiben zu finden, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, das Leben zu meistern. So ging es auch Tillie Olsen. Aufgewachsen in armen Verhältnissen als zweites von sechs Kindern, engagierte sie sich früh politisch. An Schulbildung war nicht zu denken, sie hangelte sich durch verschiedene Jobs, versuchte ihre Familie über Wasser zu halten, und versuchte nur, in jeder freien Minute zu schreiben – deren gab es wenige. Beim Schreiben schöpfte sie aus dem, was sie kannte: Dem Leben. Und sie schrieb, wie sie es kannte, direkt, in einem Stil, der eher an gesprochene als geschriebene Sprache erinnert.

Entstanden sind Kurzgeschichten in sehr verdichteter Sprache, die Bilder malen und wirken lassen. Es wird nicht erzählt, man erlebt beim Lesen mit. Man fühlt sich mittendrin. Man taucht ein in die Welten von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen, die kämpfen, oft mit sich, meist mit dem Leben. Es sind Zeit- und Schicksalszeugnisse, praktisch unmittelbar aufscheinende Sozialstudien.

Vier Kurzgeschichten sind in diesem Buch versammelt, ergänzt werden sie durch ein Nachwort. Von Jürgen Dormagen, welcher in kurzen Zügen ihr Leben und Schaffen nachzeichnet und die Herausforderungen von Frauen thematisiert, die zwischen den Stühlen stehen und doch auf allen sitzen sollten. Dabei geht es unter anderem um den Spagat von Mutterschaft und Beruf, um Armut, soziale Benachteiligung und gesellschaftliche Unterdrückung. Zudem verweist er auf den literarischen Wert von Tillie Olsens Geschichten.

Fazit
Ein kleines, feines, eigenwilliges, mutiges Buch, das direkt ins Leben greift und daraus erzählt.

Zur Autorin und den ÜbersetzerInnen
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.


Adelheid Dormagen, nach Schulbesuch in Mexiko-Stadt und Kairo mit deutschem Abitur Studium der Germanistik und Anglistik in Freiburg. Rundfunktätigkeit 1971/72. Gymnasiallehrerin von 1973 bis 2008, seit 1981 Übersetzerin von Autorinnen und Autoren wie Doris Lessing, Jane Bowles, Virginia Woolf, Nella Larsen, Michael Ondaatje und David Malouf. Deutsch-Australischer Übersetzerpreis 1997.


Jürgen Dormagen, nach dem Studium der Germanistik und der Philosophie von 1978 bis 1984 Lektor bei Klett-Cotta, von 1984 bis 2010 bei Suhrkamp/Insel. Seit 1999 Leiter von Übersetzerseminaren der Deutschen Buchakademie im Literaturhaus München und des DÜF im LCB Berlin. Übertrug u. a. Werke von Angeles Saura und Jean Stafford ins Deutsche. Jane Scatcherd-Preis 2004, Übersetzerbarke 2010.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau; 1. Edition (11. Oktober 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3351039820
Originaltitel: ‎ Tell Me A Riddle
Übersetzung: Adelheid Dormagen und Jürgen Dormagen

Vom Lesen und vom Denken und vom Schreiben

Was Lesen für mich heisst? Eintauchen in neue Welten, in andere Gedankenwelten. Es ist die Neugier auf die Ideen anderer, zu denen ich meine in Beziehung setzen kann. Es ist der Wunsch, mein eigenes Universum zu verlassen, um neue zu ergründen. Es ist der Drang, weiter zu gehen, tiefer zu tauchen, breiter zu denken.

Ein Leben ohne zu denken, wäre für mich kein Leben. Es gliche eher einem Sterben noch zu Lebzeiten. Denken hängt an der Sprache, denn ohne diese hätten die Gedanken keine Gefässe, die sie fassbar machten. Mein liebstes Gefäss ist das Schreiben. Erst da werde ich all der Gedanken wirklich gewahr, kann ich sie in eine Ordnung bringen, lerne ich, sie zu verstehen. Und in diesem Verstehen sind immer schon die nächsten Fragen eingewoben. So führt sich das Leben fort, geht seinen Weg, ich gehe ihn mit. Und denke immer wieder an das Motto, das ich mal über mein Leben stellte, ganz spontan, einfach, weil es mir gefiel:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»
Rainer Maria Rilke

Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich genau das wirklich tue.

Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Inhalt
Ein kleiner Junge, früh von der Mutter verlassen, übernimmt die Haushaltspflichten für seinen Vater, immer mit dem Gefühl, diesem nicht zu genügen. Kaum ein liebes Wort, keine Bestätigung, nur Kälte, Desinteresse, Distanz. Täglich kauft er im kleinen Laden von Monsieur Ibrahim ein, welcher seine Situation insgeheim durchschaut und sich seiner annimmt. Die beiden sprechen über Gott und die Welt, über Recht und Unrecht, über Menschlichkeit und Liebe. Als Momo, so heisst der kleine Junge, auch noch seinen Vater verliert, adoptiert ihn Monsieur Ibrahim und nimmt ihn mit auf eine Reise, die ein unerwartetes Ziel hat.

„Dank des Eingreifens von Monsieur Ibrahim bekam die Welt der Erwachsenen Risse, sie war nicht mehr die gleiche glatte Mauer, gegen die ich stiess, durch einen Spalt hatte sich mir eine Hand entgegengestreckt.“

Rezension
In einer klaren, einfachen Sprache erzählt Eric-Emmanuel Schmitt die Geschichte des kleinen Momo. Es ist kein einfaches Leben, das sich dem Leser zeigt, es sind keine schönen Umstände, in denen Momo aufwächst, es eröffnen sich Tiefen und Schmerzhaftes, doch nie verfällt Schmitt ins Psychologisieren, nie wird der Stil emotional, nimmt ein Urteil vorweg oder schreibt ein Gefühl vor. Der Leser fühlt beim Lesen selbst mit, weil er tief in die Geschichte eintaucht.

Aus der Sicht eines Kindes werden landläufige Glaubenssätze entlarvt, Absurdes zeigt sich in seiner Deutlichkeit, menschliche Verletzungen und deren Folgen kommen ans Tageslicht. Die Geschichte geht direkt ins Herz und ruft da auf zu mehr Mit-Menschlichkeit über die Grenzen von Gesinnungen, Klassen und Religionen hinaus, ohne dabei zu moralisieren.

Ein Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.

Fazit:
Ein wunderbares, berührendes, bewegendes Buch, da ich nur von Herzen ans Herz legen kann. Lest es. Saugt es ein. Lasst euch berühren. Tankt ein wenig Herzenswärme.

Zum Autor
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon, studierte Klavier in Lyon und Philosophie in Paris. Mit seinen Erzählungen wie »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« wurde er international berühmt und gehört heute zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren in Frankreich. Seine Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Schmitt lebt in Brüssel.

Zum Buch:
Herausgeber: Fischer; 16. Edition (1. Oktober 2004)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-13: 978-3596161171
Originaltitel: Monsieur Ibrahim et les Fleurs du Coran
Übersetzung: Annette Bäcker, Paul Bäcker

Lesemonat Januar

Man könnte sagen, bei mir fliesst alter Wein in neuen Fässern, denn es ist im neuen Jahr alles so, wie das alte es hinterliess, und so kommt es, dass auch im Januar gelesen wurde. Den Anfang machte Michelle Obama mit ihrem neuen Buch «Das Licht in uns». Nachdem dieses Licht mal entdeckt war, ging es mit Selbstliebe und Aufforderungen zur Lebensänderungen weiter (ein grossartiges Buch, das mir ans Herz gegangen ist). Mit Jay Shetty wurde es dann wieder seichter, Osho toppte das noch. Gekämpft habe ich mit Audre Lorde. Schön daran war, dass ich es nicht alleine las, die Diskussion zum Buch steht noch aus, ich weiss nur, meiner Mitleserin ging es wie mir: Diese Wut und so vieles war uns zu fremd.

Das grosse HIghlight im Januar war Karl Jaspers mit seinen grossen Philosophen, eine wunderbare MIschung aus Ost und West mit tiefgründigen Texten zu Leben und Werk. Von Viktor E. Frankl holte ich mir Ermutigungen für schwierige Zeiten (die ich zum Glück aktuell nicht habe). Danach ging ich mit Alan Watts auf Glückssuche, um am Schluss mit Nietzsche zu schauen, was so ein Leben überhaupt ausmacht und wie es gelebt werden sollte. Eine spannende Lesereise.

Es wurden 10 Bücher, mehrheitlich in Spanien gelesen bei wunderbaren 20 Grad. Wieder zuhause bin ich noch nicht so im Lesen angekommen, dafür habe ich die ganzen Bücherregale umgeräumt, um sie für meine neuen Projekte und weiteren Leseabsichten passend zu haben. Vielleicht schwang auch ein wenig die Freude mit, wieder mit all meinen Büchern vereint zu sein – für mich ein Gefühl von Heimat, frei nach dem Motto:

«My Home is, where my books are.»

Ich habe beschlossen, wieder mehr über Bücher zu schreiben, was ich nun doch eine Zeit lang vernachlässigt habe. Einerseits, weil Bücher seit ich denken kann einen zentralen Wert in meinem Leben habe und ich gerne zum Lesen anrege, vor allem weil ich der Überzeugung bin, dass Bücher gute Freunde sein können, die einem mit Trost, Freude und auch neuen Einsichten das Leben bereichern können.

Was waren eure Lesehighlights im Januar?

Hier die ganze Liste

Michelle Obama: Das Licht in uns. Halt finden in unsicheren ZeitenEin sehr authentisches, offenes Buch über das Leben, über Beziehungen, ein Buch über Selbstzweifel, die auch nicht aufhören, wenn man es nach aussen „geschafft hat“. Ein Buch darüber, wo wir Kraft finden können, wenn es schwierig wird, und darüber, dass wir hinstehen müssen und können, wenn wir etwas bewirken wollen – für uns und für andere. Ein Blich in die Lebensgeschichten von Michelle Obama, das berührt, weil es von Herzen zu kommen scheint. 5
Rüdiger Schache:Die Selbstliebe-Illusion. 7 grosse Selbstliebe-Irrtümer – und wie du wirklich bei dir ankommst. Ein Buch darüber, dass wir uns nicht mehr lieben müssen, sondern anfangen, uns nicht mehr abzulehnen. Indem wir erkennen, wer und was wir wirklich sind und wollen im Leben, können wir zu dem Menschen werden, der wir sein wollen und tief im Herzen auch sind. Die Selbstliebe wird dann von selbst kommen. Etwas seicht, aber leicht und flüssig zu lesen und zum Nachdenken anregend.4
Wayne Dyer: Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich. Die lebendige Weisheit des TaoInterpretationen der 82 Verse des Tao te Kings, Gedanken und Meditationen über die Inhalte, lebenspraktisch, teilweise persönlich, zum Nachdenken und ins eigene Leben Integrieren anregende Texte. Ein gedankliches Kleinod, ein zu Herzen gehendes und da wirkendes Buch. 5
Jay Shetty: Ruhe in dir. Zeitlose Weisheiten für ein selbstbestimmtes LebenJay Shetty erzählt von seinem Alltag als Mönch im Ashram und greift auf die Methoden der Mönche zurück, um zu zeigen, wie ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben erreicht werden kann. Durch Selbsterkenntnis, Annehmen der Umstände, Loslassen des falschen Strebens und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens können wir an einen Punkt kommen, mit uns und andern in Frieden und Harmonie zu leben – nach unseren Werten.4
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig. Zudem zu viele Wiedreholungen, zu  viel Geplauder.
Audre Lorde: Sister OutsiderEin Zeugnis der Wut einer schwarzen, lesbischen, feministischen, alleinerziehenden Mutter und Uni-Dozentin, welche diese ergründet, in Geschichten erläutert und, gezielt eingesetzt, als Motivation für den Kampf gegen die Unterdrückung propagiert. Ein Einblick in die Welt einer Schwarzen und was es bedeutet, mit dieser Hautfarbe auf die Welt gekommen zu sein in den herrschenden Herrschaftsverhältnissen. Manchmal ein wenig zu schwarz-weiss, mitunter aber auch ein kraftvoller Aufruf für mehr Miteinander im Kampf für eine gemeinsame gerechtere Welt. 5
Karl Jaspers: Die grossen PhilosophenEinblicke ins Denken grosser Philosophien. Kein schlichtes Zusammenfassen oder Darlegen, sondern ein analytisches Ergründen und Durchdenken. Sowohl Erläuterung wie auch Schulung im Selberdenken, Hinterfragen, genauer Lesen. Ein grossartiges Buch, ein Buch, das nachhallt und zum tiefer Graben und Weiterdenken inspiriert. 5
Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung. ErmutigungenEin Werkzeugkasten aus ausgewählten Texten mit Fallbeispielen aus dem Gesamtwerk Frankls, der dazu dienen soll, gerade in schwierigen Zeiten als Anleitung zum gelingenden und sinnerfüllten Leben zu dienen. Teilweise in wissenschaftlichem Jargon verfasst bieten die einzelnen Texte eine Einsicht ins Denken und Arbeiten Frankls und in seine Logotherapie, es sind Texte, die darauf bauen, dass der Mensch für ein gelingendes Leben einen Sinn braucht und er frei ist, auf eine gute Weise auf das, was das Leben bringt zu reagieren.4

Lesemonat Dezember

Schon wieder ist ein Monat vorbei, ein neuer hat begonnen. Zeit, zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen. Es war (wettertechnisch) ein grauer Monat, die Sonne fehlte, es war zeitweise kalt. Die Kälte fürchtete ich dieses Jahr, da ich schnell friere und es hiess, man dürfe nicht mehr voll heizen (bei mir muss es immer sehr warm sein). Dann kam ein Moment, als ich plötzlich dachte: Das wird auch gehen, das wird kein Problem sein, wenn es denn so ist. Und siehe da: Es war keines. Ich heizte lange gar nicht, danach minim. Und ich fror nicht, es war angenehm. In mir kam der Gedanke auf, dass die Dinge oft sind, wie wir sie uns vorstellen, wir unsere (auch körperlichen) Wahrnehmungen über diese steuern (können!). Ich hoffe, ich kann das in Zukunft auch gezielt nutzen.

Zu den Büchern:

Es war lesetechnisch ein Monat für die Innenschau, einer, der sich mit dem Menschsein beschäftigt, mit körperlichen und seelischen Belangen des Lebens. Es war ein Monat, in dem ich merkte, dass man auch zu viel lesen kann über ein Thema, zumindest in kurzer Zeit, denn gegen den Schluss merkte ich, dass ich genug hatte von indischen Konzepten und „Welt-Theorien“ und mir ein wenig die westliche Rationalität fehlte. Der Januar wird dem wohl ein wenig Rechnung tragen. Der Dezember war generell sehr von einer Innenschau geprägt, was vielleicht auch mit dem nahenden Jahresende zusammenhing: Was will ich, wo will ich hin, wie geht es weiter? Was ist wirklich (!) mein (!) Interesse, und wo denke ich, es interessant finden und vertiefen zu müssen – aus welchen Gründen auch immer?

Hier die Liste meiner Bücher im Dezember:

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der KraftWas treibt immer mehr Menschen in die Erschöpfung und wie können sie lernen, dies zu vermeiden, einen Weg der Kraft zu finden? Andreas Salcher analysiert die grossen Kraftfresser der Zeit, die mehrheitlich im Menschen selbst und nicht in den äusseren Umständen liegen, um dann Mittel und Wege aufzuzeigen, wie wir mehr Kraft finden können, und damit mehr Lebenssinn und -lust zu gewinnen. 4
Dr. Mariza Snyder: Aromatherapie für entspannte Wechseljahre. Mit ätherischen Ölen Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit und Schlafstörungen lindernWechseljahre sind keine Krankheit und kein Fluch, sie sind eine Chance, das Leben nochmals neu in die Hand zu nehmen. Damit das gelingt, gilt es, unseren Hormonhaushalt im Auge zu haben, damit er in einer gesunden Balance bleibt. Ätherische Öle können hier helfen. Mariza Snyder gibt nicht nur die passenden Öle für verschiedene Beschwerden an die Hand, sie hat auch ein 21-Tageprogramm für eine hilfreiche Lebensumstellung entwickelt, um das Leben auch nach der Menopause lust- und kraftvoll leben zu können. 4
Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude.Stress – ein Wort in aller Munde, die Krankheit unserer Zeit. Was bedeutet Stress und wie kann ich lernen, besser mit herausfordernden Situationen umgehen. Ein Sammelsurium von Einsichten und Übungen für ein Leben mit mehr Ruhe und Gelassenheit.3
Eckard Wolz-Gottwald: DIe Bhagavadgita im Alltag leben. Die vier grossen Übungswege des YogaEine historische und kontextuale Einordnung der Bhagavadgita in die hinduistische Tradition und Religion sowie die Erläuterung der vier dargestellten Yogawege Karma-Yoga, Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Dhyana-Yoga. Zu jedem Weg werden verschiedene Übungen vorgestellt und beschrieben, so dass der interessierte Leser die vorgestellte Philosophie praktisch umsetzen kann. 4
Lucia Schmidt: Das Rückenheilbuch für Frauen. Die weibliche Anatomie verstehen und die Rückengesundheit nachhaltig stärkenEin überblick über den menschlichen Körper mit seinen Zyklen, den damit zusammenhängenden Hormonen und möglichen Disbalancen und andere mögliche Ursachen für Rückenschmerzen, sowie ein praktischer Teil mit Übungen, diesen vorzubeugen und den Rücken nachhaltig zu stärken. 4
Liane Dirks: Sein & WerdenWie komme ich mir selber auf die Spur? Liane Dirks macht mit dem Leser eine Reise durch sein Leben, lässt ihn sich selbst mit Papier und Stift hinterfragen, denn sie ist sich sicher: Schreibend erfahren wir genauer, was wir denken, wir dringen tiefer in uns. Es ist ein Weg, der Mut braucht, doch er lohnt sich, gegangen zu werden, denn das, was es zu entdecken gilt, ist das, was in uns steckt, wenn wir aufgeben, was und wer wir zu sein glauben, um zu werden, wer wir wirklich sind – weil wir dies erkannt haben.4
Anna Trökes: Die kleine Yoga Philosophie. Grundlagen und Übungspraxis verstehenEine Einführung in die verschiedenen historischen Texte des Yogas mit ihren Konzepten und Ausrichtungen. Ein fundierter, umfassender Überblick über die Yogaphilosophie und den Yogaweg. 5
Bernie Clark: Das grosse Yin Yoga BuchEin umfassender Überblick über die Theorie hinter dem Yin Yoga, sein Zusammenspiel von chinesischer Medizin und herkömmlichem Yoga. Einführung in 25 Asanas und Auflistung ihrer Wirkungen auf die verschiedenen Ebenen des Seins, sowie Zusammenstellungen von Flows für verschiedene Körperregionen. 5
Karin Kuschik: 50 Sätze die das Leben leichter machen. Ein Kompass für mehr innere SouveränitätTeilweise interessante Sätze, allerdings alles zu lang und oft etwas zu einfach gedacht, wie mir scheint. Trotzdem unterhaltsam, wenn man es einfach überfliegt.3
Eva Kalbheim: Resilienz für DummiesEine Einführung ins Thema Resilienz, was sie bedeutet, was resiliente Menschen auszeichnet und wie man sie erwerben kann. Die sieben Säulen der Resilienz (Optimismus, Akzeptanz, Handlungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Lösungsorientierung, Netzwerkpflege und Zukunftsplanung) werden vorgestellt, und aufgezeigt, wie man sie in verschiedenen Lebensbereichen einsetzen kann. Für mich ein wenig zu seicht mit zu vielen Wiederholungen.3
B. K. S. Iyengar: Licht fürs LebenEine Einführung in die yogische Lebensreise von Aussen nach Innen, vom Leben in der Welt über die einzelnen Stufen des achtstufigen Pfades bis hin zu Samadhi, immer mit dem Hintergrund, aus dieser Haltung heraus in die Welt zu gehen und zu wirken. Inspirierend, authentisch, tiefgründig, informativ. 5
Jean-Pierre Critin: Ayurvedische PsychologieAbgebrochen – Eine Einführung in die Lehren der Ayurvedischen Psychologie, die auf der ganzheitlichen Sicht des Menschen aufbaut und mit vielfachen Methoden zur Gesundherhaltung – was eine Balance der in ihm wirkenden Kräfte bedeutet – des Menschen. Abgebrochen. Sehr fundiert. Leider zur falschen Zeit, da im Moment zu viel an Wiederholung von gerade Gelesenem. 5
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig.4

Was habt ihr im Dezember gelesen? was waren eure Highlights?