Lebenskunst: Vertrauen statt Zweifeln

„Lenke deine Energien mehr und mehr in dein Vertrauen und deine Liebe – denn die Energie, die zu Zweifel wird, ist die gleiche Energie, die zu Vertrauen wird.“ Osho

Und plötzlich ist da diese Idee. Du willst etwas machen und malst dir alles in den buntesten Farben aus. Und dann kommen sie: die leisen und immer lauter werdenden Stimmen, die überall Probleme sehen, die alles in Zweifel ziehen, die eine Hürde nach der anderen sehen und einem Gelingen kaum mehr Chancen geben. Es sind die Stimmen der Angst vor dem Scheitern, die Stimmen, die alles im Keime ersticken, was gross werden könnte. Es sind die Stimmen, die Risikos vermeiden wollen um der Sicherheit willen – die eigentlich der Tod alles Lebendigen ist.

Wie viele Träume hast du schon nicht verwirklicht, wie viele Wege bist du nicht gegangen aus Angst, sie könnten in die Irre führen? Wie viele Entscheidungen hast du nicht getroffen, nur um später zurückzuschauen und zu denken: Hätte ich doch… Und wieso? Um keinen Fehler zu machen? Nicht zu „scheitern“? Was wäre so schlimm? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn etwas misslingt?

Oft fürchten wir einen Gesichtsverlust oder fürchten, etwas zu verlieren bei der falschen Entscheidung. Nur: Ohne Entscheidung verlieren wir mehr: Unser Vertrauen in uns, unseren Glauben an unsere Möglichkeit, unser Leben zu gestalten, und: Unsere Freiheit. Zweifel sind die Stäbe eines selbstgebauten Gefängnisses, Vertrauen ist der Boden, auf dem wir stehen und aus diesem hinauswachsen können.

Zweifel unterdrücken zu wollen, bringt nichts, sie werden tief drin weiter wüten. Aber wir können anfangen, Möglichkeiten zu sehen statt Hindernisse, können Wege finden statt Blockaden. Und dann machen wir den ersten Schritt. Und den nächsten. Und irgendwann kommen wir am Ziel an. Vielleicht ist es sogar ein anderes als geplant, aber es ist eines, das wir mutig erreicht haben.

Lebenskunst: Folge deiner Natur

«Das höchste Gut, sagen sie, sei es, in Einklang mit der Natur und in Harmonie mit ihr zu leben.» Cicero

Ich setze einen Apfelkern in den Boden und giesse die Stelle regelmässig. Langsam wächst ein kleiner Ast aus dem Boden, er trägt schon Blätter. Wenn ich dem noch kleinen Trieb gut schaue, wird er über die Zeit wachsen und ein Bäumchen entsteht. Es wird grösser und grösser und ich kann es kaum erwarten, dass die erste Frucht an meinem Baum hängt. Und eines Tages ist es soweit: Ein Apfel, noch klein, hängt an einem Ast. Ich schaue ihn an – und bin enttäuscht. Ich hätte mir eine Birne gewünscht.

Das klingt merkwürdig, doch wenn man genau hinschaut: Ist es nicht das, was wir so oft im Leben machen? Wir wünschen uns etwas, das unserer Natur nicht entspricht und sind enttäuscht, wenn es nicht klappt oder wir damit nicht glücklich werden. Goethe sagte einst:

«Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.»

Wir sind vielleicht nicht frei, alles zu sein und zu tun, was wir in jedem Moment wollen, aber wir sind frei, das zu mögen, was da ist, was geht. Ist es nicht schöner, in einen saftigen Apfel zu beissen, den wir selbst gezogen haben, als trübsinnig unter dem Baum zu hungern, weil keine Birne dranhängt? Und genauso ist es schöner, das zu tun, was uns wirklich entspricht, als und irgendwelchen Träumen und Wünschen hinzugeben, die bei genauerem Betrachten gar nicht in unserer Natur sind.

Lebenskunst: Angst

«Es gibt mehr Dinge auf der Welt, die wir fürchten, als Dinge, die uns wirklich zerstören. Wir leiden viel öfter in unserer Vorstellung als in der Realität.» Seneca

Kennst du das auch: Du willst etwas unbedingt tun und schiebst es doch immer auf. Deutlicher wird es, wenn du mit einer Situation konfrontiert bist, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Oder du willst es eigentlich wirklich, wenn da nur nicht all die negativen inneren Stimmen wären.

Angst ist etwas zutiefst Menschliches, Evolutionäres. Sie diente vor vielen Jahren dazu, körperlich und seelisch vor Gefahren zu schützen, was überlebenswichtig war. Heute sind die Gefahren selten so  bedrohlich, doch die Angst übernimmt noch immer diese Alarmfunktion und steht uns so oft im Weg. Wir mögen sie nicht, doch eigentlich zu Unrecht, denn Angst ist immer ein Fenster nach innen. Wenn du ihr offen begegnest und sie hinterfragst, gibt sie dir viel über dich preis. Plötzlich merkst du, was in dir oft unbewusst abläuft, du entdeckst zum Beispiel die Angst vor dem Scheitern, aber auch die Angst vor Erfolg – beides könnte dein Leben, wie es ist ändern. Willst du das? Doch bedenke:

«In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hätte.» Wilhelm Busch

Wenn du also das nächste Mal Angst hast, vor etwas wegrennen willst: Schau hin und frage dich: Was macht mir daran Angst und wieso? Oft sind die Antworten überraschend und gewinnbringend.

Wovor hast du Angst?

Lebenskunst: Ich sein – weil ich es darf!

Als Kind der (vor-?)letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon. Sich davon loszusagen, erfordert Mut. Ja, man könnte anecken, ja, es könnte nicht jedem gefallen. Nur: „So what?“ Gefällt es dir, es nicht zu tun?

Es ist (auch) deine Welt, es ist (nur) dein Leben!

Lebenskunst: Was andere denken

Viele haben es wohl auch schon als Kind gehört: «Was denken die anderen, wenn du dich so verhältst.» Es war damit klar, dass ich nicht in Ordnung bin und mein Verhalten nicht nur von meinem Vater, sondern auch von denen rundum missbilligt würde. Es war ebenso klar, dass dies zu vermeiden sei. Als brave Tochter bemühte ich mich redlich, doch nicht nur das: Ich nahm den Satz mit in mein Leben und er sprach in vielen Situationen quasi aus dem Off zu mir. Da ich wie wohl alle Menschen angenommen und akzeptiert werden wollte, verkniff ich mir vieles lieber, als Ausgrenzung riskierte. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht negativ auffallen, es bloss allen recht machen, lautete die Devise. Doch wozu?

Indem ich mich immer zurücknahm, vergab ich mir nicht nur die Chance, aus vollem Herzen selbst zu leben, ich zeigte mich anderen auch nicht. Oft wirkte ich aus der eigenen Unsicherheit heraus eher arrogant, als wolle ich nicht mit anderen sprechen. Dass ich mich nicht traute aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen, nahm keiner an. Die Strategie ging also nicht auf. Doch was dann?

Ich habe erkannt, dass es bei Lichte betrachtet egal ist, was andere denken, denn diese Gedanken haben weder einen Einfluss auf meine Gesundheit noch auf mein Wohlbefinden – das haben nur meine eigenen. Auch die Angst, dass sie mir etwas vorspielen, mich aber nicht mögen, ist unbegründet, denn wenn ich nichts davon merke, tangiert es mich nicht – auch das tun nur meine Gedanken. Zudem: Indem ich die ganze Zeit denke, was andere denken, und mich mit mir befasse, gehe ich ziemlich egozentrisch durch die Welt. Indem ich die Aufmerksamkeit mehr nach aussen auf die anderen richte, mich ehrlich für sie und was sie zu sagen haben, interessiere, trete ich in Beziehung. Und das ist es doch, was ich eigentlich will.

Und sollte mir doch mal zu Ohren kommen, dass jemand negativ über mich sprach, halte ich es mit Epiktet, da Humor immer eine gute Lösung ist:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Fragst du dich oft, was andere von dir denken?

Lebenskunst: Eigenarten

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Ich mag Menschen. Ich liebe gemeinsame Essen an grossen Tafeln mit angeregten Gesprächen, ich liebe die vertraulichen und tiefen Momente mit einer Freundin. Ich liebe auch spontane Begegnungen mit eigentlich fremden Menschen, mit denen plötzlich ein Austausch entsteht. Es gibt aber Momente, da mag ich keine Menschen um mich haben. Da suche ich die Einsamkeit, suche die Stille, die Zeit nur für mich. Ich mag in diesen Momenten nicht gestört werden, will versinken können in ihnen, um dann wieder wie frisch gestärkt aus ihnen zu steigen und mich unter die Menschen zu mischen. 

Manchmal finde ich es schwer, mir diese Zeit zu nehmen, weil ich merke, dass manche Menschen dieses Bedürfnis (in dieser Ausgeprägtheit) nicht verstehen. Ich habe ich oft gefragt, ob ich irgendwie eigenartig bin, komisch, nicht in diese Welt passend. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich in der Tat eigenartig bin – wie jeder andere auch. Der Wunsch, in dieser Eigenartigkeit akzeptiert zu werden, ist gross, aber ich kann es nicht erwarten. Mir deswegen aber zu versagen, nach meinen Bedürfnissen zu leben, ist der falsche Schluss, denn das wird zu nichts Gutem führen. Ich werde mich zunehmend unwohler und dadurch gereizter fühlen, nur um zu merken, dass ich mit einem Menschen, der mich mit meinen Eigenarten nicht akzeptieren kann, nie auf einer Linie sein werde. Zudem führt die so entstehende Unzufriedenheit oft auch zu Konflikten, weil ich aus ihr heraus reagiere und nicht mehr auf konkrete Situationen. 

Der Weg dahin war nicht leicht, er war manchmal schmerzhaft, aber wichtig. Es war ein Weg hin zu mir, zum Wissen, dass ich Grenzen setzen darf, dass meine Bedürfnisse etwas zählen und ich es (mir) wert bin, sie zu leben.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen? 

Lebenskunst: Dunkle Stunden

Rainer Maria Rilke schrieb in einem meiner liebsten Gedichte:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.“

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, werden von Menschen enttäuscht, auf die wir gebaut haben. Und dann wird die Welt dunkel, alles erscheint in düsteren Farben, wir hadern mit geplatzten Hoffnungen und leiden. Es sind die Momente, die wir eigentlich nicht in unserem Leben wollen, wir streben die lichtvollen an, die, welche hell und klar scheinen. Leider wird das Leben nie nur hell sein, zudem ist es nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade die dunklen Stunden, genauer hinzuschauen. Oft öffnet sich dann der Blick auf vorher Verborgenes, wir erkennen Irrtümer, Wünsche, Träume, finden neue Ziele. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht können wir dunkle Stunden auch als Chance sehen? Als Möglichkeit, innezuhalten, uns zu hinterfragen? Vielleicht sind sie Mittel, unserem Unbewussten mehr auf die Spur zu kommen, weil sie uns mit dem konfrontieren, was uns leiden lässt. Vielleicht finden wir dadurch auch Mittel und Wege, künftiges Leiden zu minimieren, so dass wir von Mal zu Mal wachsen. Und sicher hilft der Gedanke daran, dass irgendwann wieder die Sonne aufgehen wird und es hell wird. 

Was macht ihr, wenn im Dunkel sitzt? Habt ihr Strategien, wie ihr wieder ins Licht kommt?

Lebenskunst: Das Gute schätzen

Heute Morgen floss ich durch meinen Morgenflow auf der Matte, spürte meinen Körper, fühlte, wie ich fest auf dem Boden stand, mich nach oben streckte, als wollte ich über mich hinauswachsen. Und dann nahm ich die Hände vors Herz und spürte diese Ruhe. Und Dankbarkeit. Und ich formulierte sie in Worte, dankte mir für meine Disziplin, jeden Morgen auf der Matte zu erscheinen. Ich dankte meinen Körper, dass er mich zuverlässig durchs Leben trägt, obwohl ich ihm nicht immer gut geschaut, ihn zeitweise eher schlecht behandelt hatte. Danach spürte ich den Boden noch intensiver, ich spürte, wie ich getragen bin und ich spürte ein Vertrauen in diese Basis, von der aus ich weiter wachsen darf. 

Von Bruder David Steindl-Rast stammen diese wunderbaren Worte:

„Dankbarkeit ist Denken im Einklang mit der kosmischen Intelligenz, die uns in dankbaren Augenblicken inspiriert. Sie kann mehr als eine Stimmung verändern, sie kann die Welt verändern.“ 

Oft nehmen wir das Gute für selbstverständlich, sehen nur die Mängel, und vergeben uns damit so viel. Dankbarkeit für das, was ist, bringt eine Kraft ins Leben, welche hilft, mit Herausforderungen besser umzugehen. Eine Kraft, die Ruhe bringt, wo vorher alles drehte, die Positives ins Zentrum rückt, wo vorher Angst und Not und Ohnmacht herrschten.

Wofür bist du dankbar? Was ist gut in deinem Leben?

Philosophie fürs Leben

„Was nutzt das ganze Philosophiestudium, wenn für Sie nichts dabei herauskommt als die Fähigkeit, halbwegs überzeugend über irgendeine abstruse Frage der Logik etc. zu reden, und wenn es Ihre Denkweise über die wichtigen Fragen des Alltags nicht verbessert […]» Ludwig Wittgenstein

Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt, wenn ich Sätze las, die nach dreimaligem Lesen unverständlich blieben, sich nach fünfmaligem als Nichtssagend herausstellten, die aber dabei unglaublich gebildet klangen. Es kam mir oft so vor, als wollten sich da Menschen mit Gelehrtheit brillieren, indem sie sich so ausdrücken, dass keiner es versteht und alle denken, wie klug der doch sein müsse, sich so unverständlich auszudrücken, weil man davon ausging, dass er verstanden hat, was er sagte. 

Philosophie war ursprünglich als ein Weg gedacht, das Leben lebenswerter zu machen, dem Lebenden Mittel an die Hand zu geben, mit denen er sein Leben von unnötigem Leid befreien kann. Dieser Gedanke zieht sich in der Antike durch alle Philosophien und irgendwann scheinen wir ihn im Laufe der Zeit verloren zu haben. Gerade in schwierigen Zeiten finde ich es wichtig, sich wieder daran zu erinnern und die Philosophie zurück ins Leben zu holen. Denn: Was nützt alle Weisheit und alles Gebildetsein, wenn sie nicht dem Leben dient? Sonst werden wir zu blossen Gefässen für Inhalte, statt zu lebensklugen Akteuren in unserem eigenen Leben. 

Tagesgedanken: Umgang mit Kränkungen

Wie reagierst du, wenn dich jemand beleidigt? Was fühlst du, wenn du dich gekränkt fühlst? Was sind deine Reaktionsmuster auf Kränkungen? Oft neigen wir dazu, beleidigt zu reagieren, wenn und jemand ungerecht behandelt, beleidigt oder sonst kränkt. Wir nehmen dem anderen sein Verhalten übel und fühlen uns zurückgesetzt. In uns werden Sätze laut wie «mit mir nicht» und «was bildet der sich eigentlich ein?». Zorn breitet sich aus, Wut brodelt, der Gedanke, sich zu wehren, kommt auf – schliesslich kann man ja nicht alles auf sich sitzen lassen.

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Was mache ich damit eigentlich? Dem anderen ist unter Umständen nicht mal bewusst, dass er mich gekränkt hat. Er hat seine Ziele verfolgt, etwas gesagt, das bei anderen nichts ausgelöst hätte, bei mir aber eine ganze Wellte ausgelöst hat. Indem ich nun hadere und zürne, meinen Zorn entfache, stosse ich den Stachel der Beleidigung immer tiefer in mich selbst, während der andere unter Umständen nichts davon weiss und friedlich weiterlebt.

«Sei dir dessen bewusst, dass nicht derjenige dich verletzt, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzten.» (Epiktet)

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien freisetzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Dadurch stellt sich die eigene Seelenruhe wieder ein, das höchste Ziel der Stoiker.

«Wer das Elend bereits erwartet, beraubt es seiner gegenwärtigen Macht.» (Seneca)

Man kann aber schon vor der effektiven Kränkung etwas tun, um im Umgang mit negativen Gefühlen gelassener zu werden: Im Buddhismus gibt es die Sicht auf das Leben, die besagt, dass Leben immer auch Leiden bedeutet. Diese Sicht vertreten auch die Stoiker. Seneca ging so weit zu sagen, dass man sich jeden Morgen, bevor man das Haus verlässt, sagen soll, dass man bestimmt drei üble Menschen treffen wird heute, aber auch 15, mit denen sich ein schöner Austausch einstellt. Diese Form von negativer Visualisierung kann helfen, den Tag gelassener anzugehen, weil man nicht mit Idealvorstellungen loszieht, sondern den Dingen gelassen ihren Lauf lässt.

«Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.» (Epiktet)

Lebenskunst: Erwachsen werden

«Es gibt eine Kerze in deinem Herzen,
die bereit ist, angezündet zu werden.
Es gibt eine Lücke in deiner Seele,
die bereit ist, gefüllt zu werden. Du spürst sie, nicht wahr?»
Rumi

Ich habe als Kind oft den Satz gehört, dass alle anderen besser, ordentlicher, fleissiger, vernünftiger, normaler, anders wären, nur ich… nur ich, war, wie ich war, und das war offensichtlich nicht gut genug. Das Gefühl, so, wie ich bin, nicht angenommen zu werden, hat sich eingegraben, und ich habe nach Lösungen gesucht. Ich versuchte, alles so zu machen, wie MAN es macht, in der Hoffnung, dann in Ordnung zu sein. Es hat mässig funktioniert. Was aber funktioniert hat: Ich habe das Muster mit in mein Erwachsenenleben genommen. Der Versuch, es recht zu machen, war immer meine spontane Reaktion. Fehler dabei konnte ich schwer akzeptieren.

Wir tragen oft unsere negativen Glaubenssätze aus der Kindheit ins Erwachsenenleben, reagieren immer weiter nach alten Mustern, die mal eine (vermeintliche) Lösung darstellten, nun aber Leid bringen. Wenn wir immer wieder an denselben Punkten anstehen, wenn wir immer wieder in gleiche Muster verfallen, hilft es, genauer hinzusehen, den zugrunde liegenden Glaubenssatz ans Licht zu holen und ihn zu prüfen: Stimmt das wirklich? Bin ich nicht gut genug? Mache ich IMMER alles falsch? Mag mich NIEMAND? Wir werden wohl oft merken, dass wir uns mit Sätzen quälen, die nicht stimmen. Wenn wir es schaffen, sie zu entkräften, können wir langsam aus unseren leidvollen Mustern ausbrechen.

Was sind deine prägenden Glaubenssätze?

Lebenskunst: Ja zu mir

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ein entspannter Abend wird das wohl nicht, denn du fühlst dich unsicher und auf dem Prüfstand. Und du präsentierst dich als vieles, kaum aber als dich. Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst, sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Doch: Will ich so wirklich leben? Ist eine solche Beziehung wirklich befriedigend? Vielleicht solltest du das nächste „Ja“ überdenken, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Lebenskunst: Kraft tanken

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Wie oft hasten wir durchs Leben, wollen alles geschafft kriegen, möglichst parallel, nicht hintereinander. Wir streben nach Erfolg und verlangen von uns Leistung. Wir laden uns immer mehr auf, als ob die Tage endlos und unsere Kräfte unbeschränkt wären. Viel zu oft merken wir nicht, dass wir Grenzen überschreiten: Die anderer, weil wir in unserer Hast unkonzentriert, abgewandt, fahrlässig, gehetzt oder gereizt werden, und unsere eigenen.

Da ist diese Müdigkeit, ein Ziehen in der Brust, ab und an Kopfschmerzen, Unachtsamkeiten, Vergesslichkeiten, angespannte Nerven – es sind kleine Zeichen, die wir oft übersehen, bis sie sich nicht mehr übersehen lassen. Und oft nehmen wir uns vor, es künftig ruhiger anzugehen, nur um bald wieder im gleichen Fahrwasser zu schwimmen. Nun ist es nicht möglich, sich allem zu entziehen, aber wichtig, Prioritäten zu setzen: Was ist wirklich wichtig? Sich dafür die Zeit zu nehmen, es gut und richtig zu machen, führt oft zu einem besseren Ergebnis und zu mehr Zufriedenheit – bei allen Beteiligten. Und: Es ist ein gutes Mittel, bei sich selbst und gesund zu bleiben, statt sich in alle Winde zu verteilen.

Und ab und zu ist es gut, einfach mal nichts zu tun. In Ruhe zu sein. Kraft zu tanken. Durchzuatmen und die Dinge geschehen zu lassen. Wie schon Balu sagte:

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.»

Fällt es dir leicht, dir auch mal Ruhe zu gönnen?

Lebenskunst: Loslassen

«Loslassen gibt uns Freiheit, und Freiheit ist die einzige Voraussetzung für Glück.» Thich Nhat Hanh

Es gibt wohl keine sinnbildlichere Zeit als den Herbst für das Thema «Loslassen». Die letzten Früchte sind geerntet, die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, alles wird stiller, leerer. Würde die Natur nichts loslassen, gäbe es keinen Raum für neues. Im Frühling würden die Bäume nicht mit Blüten geschmückt, all die bunten Farben, die die Lebendigkeit des Neuanfangs unterstreichen, fehlten.

Im Leben fällt es nicht immer leicht, Dinge loszulassen. Erinnerungen, Menschen, Wünsche – wir halten an ihnen fest, selbst wenn wir merken, dass sie nicht guttun. Wir wollen bewahren, was ist, weil wir nicht wissen, was kommt. Damit schaffen wir zwei Probleme: Wir leiden unter schmerzhaften Situationen und Zuständen, an denen wir festhalten, und wir leiden darunter, dass wir vieles nicht festhalten können, weil das Leben immer aus Veränderungen besteht.

Vielleicht hilft es, ab und zu hinzusehen, aktiv zu entscheiden, was wir im Leben haben wollen und was nicht, was guttut, was nicht – um dieses dann loszulassen. Und genauso hilft es, das, was gehen will, gehen zu lassen, im Wissen, dass Neues nachwächst.

Lebenskunst: Fragen

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

Von Sokrates ist der Satz überliefert, dass er wisse, dass er nichts wisse. Im Wissen darum, dass Sokrates als einer der klügsten Männer gilt, wird dieser Satz oft in die Ecke der Ironie verschoben, oder aber man wiederholt ihn selbst, um damit quasi das Gegenteil zu zeigen, nämlich, sich als Wissenden.

Wieso ist es uns oft so wichtig, etwas zu wissen? Etwas nicht zu wissen, wird oft mit Schwäche, mit einem Makel gleichgesetzt. Doch stimmt das wirklich? Im Umkehrschluss heisst das, dass wir Wissen oft dazu nutzen, die eigene Überlegenheit, sicher aber Intelligenz und Bildung zu präsentieren. Dies passiert oft aus einem Gefühl, etwas leisten zu müssen, um Anerkennung zu verdienen. Das reine Sein als Mensch reicht nicht aus, man muss sich behaupten. Wissen eignet sich da sehr.

Wenn ich wieder mal behaupte, etwas zu wissen, könnte ich mich also fragen: Wieso ist mir das so wichtig? Weiss ich es wirklich? Wenn mir nicht geglaubt wird: Wieso trifft mich das? Fühle ich mich heruntergesetzt? Im Gegenteil könnte man sich auch fragen, ob einer, der behauptet, etwas zu wissen, dieses wirklich weiss. Und wieso er denkt, uns das sagen zu müssen (es sei denn, wir hätten gefragt, und selbst dann ist es sinnvoll, das präsentierte Wissen zu hinterfragen und nicht blind anzunehmen).

Schlussendlich kann man sich immer sagen: Einer, der alles zu wissen vorgibt, ist keinesfalls ein Weiser, sondern schlicht ein Besserwisser. Will ich das sein? Vielleicht zeugen Fragen ab und zu von mehr Weisheit als pfannenfertige Antworten, die vorgeben, Wissen zu sein.