Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

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Albert: „Mir geht es gut, weil ich lebe“

Im Rahmen meiner Reihe Herausforderungen des Lebens hat sich Albert bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich freue mich sehr über dieses wunderbare Porträt.

Albert, ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich heisse Albert, bin 21 Jahre alt, habe seit drei Jahren eine Freundin und leide seit sieben Jahren an Epilepsie. Wobei das Wort ,leiden‘ nicht auf mich zutrifft, denn es ist mir möglich, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Ich hatte bisher ein sehr vielseitiges und selbstbestimmtes Leben und beginne gerade eine Ausbildung zum Dipl. Krankenpfleger.

Du hast Epilepsie. Kannst du mir kurz verständlich erklären, was ich mir unter Epilepsie vorstellen kann?

Epilepsie äussert sich bei jedem Menschen sehr unterschiedlich. Ich selbst hatte immer regelmässig, sprich mehrmals im Monat, leichte (selten auch stärkere) Krampfanfälle. Ab und zu passierte es auch, dass ich einen ganzen Tag in regelmässigen, manchmal auch relativ kurzen Abständen, Anfälle hatte.

Wie sieht ein Anfall aus? Das kann ein kurzes Augenzucken sein oder auch ein Krampfen des ganzen Körpers, verbunden mit Bewusstlosigkeit und anschliessender Verwirrung.

Wann erhieltst du die Diagnose Epilepsie? Gibt es eine Vorgeschichte?

Die Diagnose erhielt ich 2007. Nachdem mein Vater mich zweimal krampfend im Bett aufgefunden hatte, waren wir bei einer Neurologin, die schnell auf Epilepsie schloss.

Wie waren die ersten Tage nach dieser Diagnose? Was ging dir durch den Kopf?

Die Antwort ist vielleicht unspektakulär. Mir ging nicht viel durch den Kopf, ich hatte gelernt, immer optimistisch zu sein. Und aus dem „mir wird nie etwas passieren“ wurde ein „ok, mir wird trotzdem nichts passieren“. Man könnte meinen, ich hätte es wohl einfach verdrängt, aber dieses Gefühl habe ich nicht. Die Krankheit war ab diesem Zeitpunkt selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens, und selbstverständlich war es auch, dass ich ihretwegen nichts an meinem Leben ändern würde.

Wie ging deine Familie mit der Diagnose und mit dir um?

Im ersten Moment war es für meine Familie sicher nicht einfach, aber sie stärkten mir wie gewohnt den Rücken. Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass es sie mehr beschäftigte, als sie es mir gegenüber zeigten.

Später war die übermässige Fürsorge meiner Familie und meiner Freunde oft ein Thema. Auch wenn es verständlich ist und ich eigentlich nur dankbar dafür sein kann.

Am Anfang ging es darum, dass ich am besten nicht ausgehen sollte, nicht trinken sollte, nicht rauchen sollte und am besten auch keinen Sport machen sollte.

Das sind Beispiele, ich trinke weder übermässig, noch treibe ich übermässig Sport.

Hat sich in deinem Leben etwas verändert seit der Diagnose?

Es hat sich nicht wirklich etwas verändert.

Heute haben alle in meinem Umfeld akzeptiert, dass ich mich nie aus Angst einsperren werde und vertrauen darauf, dass ich selbst am besten weiss, was gut für mich ist.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen plötzlich jemand hektisch an der Badezimmertür klopft und fragt, ob es mir gut geht, nur weil er ein Geräusch gehört hat.

Einmal stand meine Freundin mit meiner ganzen Familie vor meiner Wohnung und läutete mich aus dem Schlaf. Alle waren total besorgt und ausser sich, dabei hatte ich bloss verschlafen und der Handy-Akku war leer.

Aber wie gesagt, eigentlich bin ich dankbar für ihre Fürsorge.

Kennt dein ganzes Umfeld deine Krankheit? Wie offen gehst du damit um? Wie gingen deine damaligen Freunde damit um? Und heute? Hat die Epilepsie einen Einfluss auf Freundschaften?

Ich persönlich gehe sehr offen damit um und lasse mich von meiner Krankheit auch nicht unterkriegen. Auch Menschen, die ich neu kennenlerne, erzähle ich oft recht bald davon. Dies passiert meistens schnell, wenn Themen wie z.B. der Führerschein angesprochen werden.

Ich glaube, weil ich immer selbst sehr offen und nicht ängstlich damit umgegangen bin, war war es auch für meine Freunde kein grosses Drama. Auch heute ist dies nicht anders. Meine engsten Freunde kennen mich ziemlich gut und wissen, was zu tun ist, falls es zu einem Anfall kommen sollte. Nur bei meiner Ex-Freundin hatte ich das Gefühl, dass sie nicht 100% damit klar kam. Aber zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich nicht glaube, dass Epilepsie Einfluss auf meine Freundschaften hat.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Nein, ich bin grundsätzlich nicht eingeschränkt. Wichtig ist nur, dass ich genug schlafe und nicht allzu viel Stress habe. Was die Unterstützung betrifft, bin ich definitiv zufrieden, denn meine Familie und meine Freundin sind absolut immer für mich da.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich denke, diese Tage kennt jeder, da geht es nicht um krank oder gesund. Wichtig ist, dass die guten Tage überwiegen, und das ist bei mir definitiv der Fall.

Wenn du nicht krank geworden wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Ich hätte einen Führerschein, würde Motorrad fahren, hätte ein paar Stunden weniger im Bett verbracht. Aber sonst wäre nichts anders gekommen und ich bin stolz auf das Leben, das ich bisher geführt habe.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deiner Krankheit? War sie „für etwas gut“?

Als Entschuldigung, wenn ich nicht in die Schule wollte.

Ich habe gelernt, die Gesundheit und das Leben zu schätzen, und sie hat mich darin bestärkt, im Augenblick zu leben.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Es gibt viele, denen es mit der Epilepsie und anderen Krankheiten wesentlich schlechter geht als mir. Ich wünsche mir, dass sie von der Gesellschaft gestützt werden.

Es gibt schon einige Projekte, um kranke und behinderte Menschen in die Arbeitswelt zu integrieren oder mit ihnen den Sport zu machen, von dem sie träumen. Bitte mehr davon!

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten (und auch Behinderungen) noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Die Aufklärung ist schon ganz gut, es geht aber noch mehr. Schliesslich ist es verständlich, dass jemand, der zum ersten Mal mit so etwas konfrontiert ist, nicht weiss, was zu tun ist und sich deswegen vielleicht lieber fernhält von Menschen, die „anders“ sind. Gilt übrigens auch für den Umgang mit Ausländern und anderweitig benachteiligten Menschen.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Ich würde ihm/ihr sagen, dass man immer optimistisch bleiben sollte, denn die innere Einstellung ist ein sehr wichtiger Teil des Lebens.

Es gibt Epilepsie-Foren im Internet, in denen man verurteilt wird, wenn man normal lebt, denn wie kann man nur daran denken, irgendetwas zu tun, das vielleicht ein Risiko birgt. Diese Einstellung ist für mich unvorstellbar! Jeder sollte sich selbst am besten kennen und das geht nur, wenn man sich nicht in einen gepolsterten Raum sperrt, sondern rausgeht und vorsichtig immer wieder seine Grenzen testet. Dann weiss man zu jeder Zeit, was für einen gut ist und was nicht.

Habe ich noch etwas vergessen? Gibt es noch etwas, das dir auf der Seele brennt?

Die Krankheit ist ein Teil von mir. Natürlich, ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre nicht lieber gesund. Doch ich würde es vermissen, so zu sein, denn das bin eben ich. Ich –  mit allem, was dazu gehört. Ich bin jetzt erwachsen und aufgeklärt.

Als gesundes Kind dachte ich, mir geht es gut, weil ich gesund bin, heute denke ich, mir geht es gut, weil ich lebe.

Albert, ich möchte mich ganz herzlich für diese ausführlichen Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deinen Alltag und deine Einstellung gewähren. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses Interview vielen Menschen Mut macht.

Bewusste Sprache

Kürzlich las ich einen Artikel, aus dem der ganze Unmut über den unbedachten Gebrauch des Wortes „Autismus“ förmlich herausschrie. Der Ärger ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei dieser Wortwahl die Betroffenen immer und immer wieder in eine Schublade gesteckt werden, in die sie eigentlich nicht gehören, in der sie sich (zu recht) auch nicht sehen wollen. Aufgrund jüngster Vorkommnisse (vielleicht auch schon früher, man nahm es nicht so wahr?) wurde Autismus zu einem Modewort, Politiker verwenden es, um gewisse Verhaltensmuster zu bezeichnen.

Wir benutzen Sprache häufig unbedacht. Würden wir jedes Wort sorgfältig hinterfragen, ob es das genau passende und richtige ist, dann gäbe es kleine flüssigen Unterhaltungen und Alltagsgespräche würden eher unmöglich. Das heisst nicht, dass man unbedacht drauflos reden sollte oder darf, immer mit der Entschuldigung, man schulde es der Konversation. Es hilft immer, sich zu fragen, was man wirklich sagen will und darauf zu achten, dies auf eine möglichst eindeutige Weise zu tun, eine, die genau das ausdrückt, was man sagen will und nichts, was man nicht sagen wollte.

Nun erwartet man von einem Politiker mehr als von einem Menschen im alltäglichen Geplauder. Man erhofft sich eine gezielte und durchdachte Wortwahl. Man erwartet, dass die Menschen, die ihre Sprache für die Öffentlichkeit benutzen, um damit die Belange eines Landes mitzuprägen, diese auch korrekt wählen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten sicher gestiegen, wenn man an die ganzen Diskussionen rund um die Political Correctness denkt.

Eine grosse Schwierigkeit des Sprachgebrauchs ist wohl, dass die Sprache sich verändert. Sprache lebt und wächst mit den Menschen, die sie sprechen. Sie nimmt Dinge aus dem Alltag mit und verändert dadurch teilweise das Vokabular, teilweise die Schreibung desselben und oft auch die Konnotation. Sprache und ihre Wörterbücher werden darum auch ständig der modernen Zeit angepasst. Was früher ein Schimpfwort war, ist heute normal. Was früher normal war, ist heute rassistisch. Es gibt Wörter, die im Fachbereich etwas anderes bedeuten als in der Alltagssprache, manchmal sind die Bedeutungen sogar gänzlich verschieden. (Wie es dazu kommt, bedürfte einer ausschweifenden Erklärung, die den Rahmen hier wohl sprengen würde.)

Wie entwickelt sich Sprache? Die Zeiten verändern sich und damit das, was in der Zeit passiert. Der Mensch sieht sich neuen Erfahrungen gegenüber und sucht Worte dafür, um auszudrücken, was er erlebt, um dem Geschehen um ihn eine Sprache zu geben. Dabei greift er auf Assoziationen zurück. Man kennt das aus der Gefühlswelt, die man mit Begriffen der Sinneswelt beschreibt, um sie fassbar, um sie erklärbar zu machen.  Liebe keine Pflanze und Angst kein Kerker, sie lassen sich aber mit solchen metaphorischen Bildern beschreiben.* Der Nachbar, der sich seltsam benimmt, einen vielleicht gar beängstigt, ist nicht zwangsläufig ein Psychopath, aber er legt gewisse Verhaltensweisen an den Tag, die man mit dem Begriff in Verbindung bringen kann. Genauso wenig ist die keifende Ehefrau hysterisch, die ihrem Mann des Seitensprungs wegen den Computer vor die Füsse wirft. Sprachlich aber kürzt man ab und beschränkt sich auf ein Wort, das ganze Welten von Begriffen in sich birgt. Es ist fachlich nicht korrekt, drückt aber alltäglich aus, was man im Moment assoziiert.

Es gibt viele solchen Worte, viele Assoziationen. Sie entstehen aus einer Sprachlosigkeit einer Situation gegenüber und bilden sich aufgrund von einigen Merkmalen, die man mit einem Begriff verbindet, so dass man die neue Situation beschreiben kann. Gerade bei Krankheitsbegriffen oder Begriffen einer Behinderung ist das zweischneidig, weil immer Menschen hinter dem Fachbegriff sitzen, die sich betroffen sehen durch die heute fast schon inflationäreVerwendung des Begriffs.

Ich denke nicht, dass es eine Lösung gibt. Es ist ein sprachliches Problem, das lebendigen Sprachen in einer sich entwickelnden und verändernden Welt innewohnt. Trotzdem wäre es begrüssenswert, wenn der Umgang mit Sprache bewusster würde. Wenn man sich überlegt, was man sagt, bevor man es tut. Es wäre wünschenswert, dass gerade die, welche sich öffentlich äussern, dies auf eine rücksichtsvolle, sachlich und fachlich korrekte Art und Weise täten. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. Dann wäre die Gesellschaft keine autistische, sondern eine, die aufgrund falscher Wahrnehmungen auf die falschen Pferde setzt. Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen. Ein paar in die Runde geworfene Modewörter verunmöglichen jeglichen sachlichen Diskurs und damit auch die Lösungsfindung. Der schöne Nebeneffekt einer bewussteren (und damit auch korrekteren) Sprache wäre: Man könnte damit unnötige Verletzungen von  (in diesem Fall von Autismus betroffenen) Menschen vermeiden. Das allein wäre es eigentlich schon wert.

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*Vgl. dazu Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern

David Wagner – Nachgefragt

DWagnerDavid Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011), Leben (2013). Für sein letztes Werk, Leben, erhielt David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ich habe bei David Wagner nachgefragt, wie ich mir seinen Schreibprozess vorstellen muss und was ihn zu seinem Buch Leben bewegt hat:

„Leben“ ist eine autobiographische Geschichte, die eine schwierige Zeit Ihres Lebens beschreibt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Geschichte zu erzählen?

Ich wollte sie selbst verstehen. Ich wollte dieses wundersame Ereignis Transplantation verstehen. Mir selbst erklären – und das ist mir zu einem Roman geworden, das Erzählen hat sich verselbständigt.

 

Die grösste Angst des Menschen, sagt man, ist die vor dem Tod. Sie haben Todessehnsüchte und fehlenden Lebenssinn beschrieben – Was war schlimmer als die Todesangst?

 Ach, ich glaube oft ist die Angst vor dem Leben viel größer als die vor dem Tod. Tot zu sein ist ja ganz einfach, zu leben ist kompliziert. Man könnte ja so viel tun und machen und anstellen – oder auch gar nichts machen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen nach diesem Buch? Sind die Reaktionen auf sie anders als vorher? Ist die Krankheit zentraler geworden?

Das Buch ist ja noch sehr frisch. Ich bekomme viele interessante Reaktionen, Betroffene schreiben mir, eine Frau, die auf eine Herztransplantation wartet schrieb mir. Vorher? Was war vorher? Ich, die Privatperson spreche ja nicht über meine Krankheit oder mich als Patient. Das Sprechen über Krankheit habe ich ja an die literarische Figur Herr W. ausgelagert. So komme ich zurecht.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Woher, wenn nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, nehmen sie sonst ihre Inspiration, ihre Ideen?

Goethe hat einfach recht. Bleibt nur zu sagen, ich schreibe auch über all das, was ich sehe, ich bin Phänomenologe. Aber alles, was ich sehe, ist ja auch in meiner Lebensgeschichte, oder? Also…

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Beides. Ich plane und schreibe drauf los. Und schmeiße alles weg, verwerfe die Pläne, schreibe neu, verwerfe wieder alles. Immer geht es darum, einen Ton zu finden. Einen Klang, eine Sprache. Ohne den Ton wird es keine gute Erzählung. Recherche immer – aber man muß dann fast alles Recherchiertes auch wieder wegwerfen können, streichen. Faktenverfettete Texte lesen sich ja nicht so schön, oder?

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Nein. Leider nein. Manchmal schalte ich trotzdem ab. Habe dann aber ein schlechtes Gewissen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muß gut sein! Ha! Wenn ich bloß wüßte, was ein Buch gut bzw. sehr gut macht! Dann hätte ich bisher nur gute Bücher geschrieben…

Na, ich glaube, es muß ehrlich sein.  Die Prosa, die Sprache muß echt und unverstellt sein. Ich muß der Stimme glauben können.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Wenn ich das könnte, wäre ich wohl Haiku-Dichter und weniger Roman-Autor, oder? Und hätte ich mich mit drei Wörtern beschrieben, wäre ich dann nicht arbeitslos? Hätte ich mich dann nicht ausgeschrieben? Werde mich also hüten, mich mit drei Wörtern zu er-schreiben.

 

Ich möchte mich herzlich bei David Wagner bedanken für diese Einblicke in sein Schreiben, für seine offenen & humorvollen Antworten. Ich habe mich sehr über dieses Interview gefreut!

 

Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen

Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

Zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

In guten wie in schlechten Tagen

Der Mensch ist ein Beziehungstier. Je näher einem andere Menschen sind, desto enger ist die Beziehung, desto grösser ist auch das Gefühl von Verbundenheit, von Miteinander, von Verantwortung. Man geht gewisse Stücke des Weges gemeinsam, schwört sich vielleicht, wenn es der Ehemann, die Ehefrau ist, ewige Treue, Zusammenhalt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und die guten Zeiten sind toll, man durchlebt sie, feiert sie, geniesst sie, liebt sich, ist froh. Es gibt auch schlechte Zeiten, man übersteht sie, im Wissen, es kommen wieder andere. Man geht durch die Tiefen im Hinblick und in der Hoffnung auf bessere Tage. Und man geht am Schluss stärker daraus hervor. Man hat es geschafft.

Eines Tages kommt das nächste Tief. Eines, das kein Hoch mehr bringt. Eines, das nur noch tiefer geht. Immer tiefer, bis zum Schluss. Krankheit, Zerfall – unheilbar. Und man hat sich geschworen, dass man auch in schlechten Tagen da ist. Fühlt sich verpflichtet, aus Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Tage, Wochen, Monate und Jahre, die ohne den anderen nie so gut gewesen wären, wie sie es waren. Man fühlt sich verpflichtet aus Liebe, die wuchs, über all die Jahre mit all den Höhen und Tiefen, durch all das Gemeinsame, das verbindet. Und man geht es an. Verspricht dem Partner: Ich bin da, ich trage dich, ich lasse dich nicht fallen. Ich bin an deiner Seite. Und man will das. Will es mit dem ganzen Herzen und erachtet es als gut und richtig.

Und es geht bergab. Mal mehr, mal weniger, die eigenen Kräfte schwinden, die Anforderungen steigen. Doch es gibt noch immer wieder gute Momente. Und noch immer die Erinnerung an das, was war und an das, was man schuldet. Und man macht weiter. Aufgeben gilt nicht. Man kann doch den Menschen, den man liebt, nicht einfach fallen lassen. Man hat es versprochen. Man will es halten. Und irgendwie ist man es auch schuldig. Ihm, sich selber und man denkt, auch die Gesellschaft erwartet es. Was denken die, wenn man einfach aufgibt, ein Heim sucht? Man wäre ein Verräter. Man hätte versagt, aufgegeben, das Versprechen gebrochen. Man hätte den Menschen, der da war, als er konnte, fallen gelassen, als er sich nicht mehr wehren konnte.

Im Moment gibt es gerade eine Kampagne von sogenannten Promis, die für menschenwürdigen Umgang mit Alzheimerpatienten werben, die von Freude im Umgang und positiven Erlebnissen sprechen. Ein Mensch, der nicht mehr weiss, wie er heisst, wie seine Kinder heissen, dass er Kinder hat, der spürt in seinem kurzen hellen Moment selber, dass er nicht mehr ist, wer er einmal war. Und das ist das, was die eigene Würde schrumpfen lässt. Und diese Kampagne verstärkt den Druck auf die Angehörigen, der eh schon immens ist. Sie macht nichts besser. Die Situation bleibt, wie sie ist. Daran ändern tolle Sätze und strahlende Gesichter nichts.

Doch: Wo bleibt der Angehörige? Wer kümmert sich um seine Rechte? Sein Leiden? Oft gehen die Angehörigen durch die Hölle und drunter. Sie erleben hautnah den Zerfall des geliebten Menschen, was an sich schon eine Qual ist. Dazu kommt die Belastung der Pflege und in gewissen Fällen auch die Unberechenbarkeit des Kranken. Wer schon mal erlebt hat, wie man sich fühlt, wenn ein nicht mehr selbständig denken und handeln könnender Mensch verschwunden ist, weiss, wovon ich schreibe. Das ist keine Freude, das ist kein positives Erlebnis. Das ist Panik: Lebt er noch? Wo ist er? Wie finde ich ihn wieder? Das ist Verzweiflung. Ist Selbstzweifel: Habe ich versagt? Und Hilflosigkeit: Ich bin ihm, dem Schicksal und allem ausgeliefert. Es ist Resignation: Ich habe kein eigenes Leben mehr.

Was schuldet man einem anderen Menschen? Was ist Pflicht? Würde ich wollen, dass jemand sein Leben und sich selber aufgibt, um sich aufzuopfern für mich, die ich sowieso nicht mehr das Leben führe, das ich führen will? Die ich sowieso nicht mehr ich bin? Ich würde mir wünschen, dass der von mir geliebte und mich liebende Mensch alles tut, dass es mir meinen Umständen entsprechend gut geht. Niemand mich plagt, niemand mich verletzt. Aber mich pflegen? Vor allem, wenn er selber nicht mehr kann? Das wäre nicht das, was ich dem  geliebten Menschen wünschen würde.

Man kann nun dahin gehen und sagen, das sagt sie so leicht, sie ist gesund. Oder: Sie steckt nicht drin. Ja, das ist momentan so. Und ich bin sehr dankbar dafür. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es nichts bringt, sein eigenes Leben zu opfern für das Leben des anderen, vor allem, wenn man ihm damit nicht hilft. Oft steckt viel mehr Pflichtgefühl, Stolz und Zwang dahinter als wirkliche Pflege- und Hilfskompetenz. Wieso nicht diese Bereiche Menschen überlassen, die darin geschult sind, selber den Part der Liebenden und Sorgenden behalten? ich operiere ja auch nicht des Partners Beinbruch, nur weil ich sagte, immer für ihn da zu sein. Wieso denke ich, ich muss seine noch viel tiefer greifenden Krankheiten pflegen, im Griff haben?

Das Thema ist schwer. Und es ist traurig. Ich kenne es theoretisch und praktisch. Am Schluss bleibt immer das Gefühl, dass es kein gut oder schlecht gibt. Am Schluss bleibt die Trauer.