Bewusste Sprache

Kürzlich las ich einen Artikel, aus dem der ganze Unmut über den unbedachten Gebrauch des Wortes „Autismus“ förmlich herausschrie. Der Ärger ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei dieser Wortwahl die Betroffenen immer und immer wieder in eine Schublade gesteckt werden, in die sie eigentlich nicht gehören, in der sie sich (zu recht) auch nicht sehen wollen. Aufgrund jüngster Vorkommnisse (vielleicht auch schon früher, man nahm es nicht so wahr?) wurde Autismus zu einem Modewort, Politiker verwenden es, um gewisse Verhaltensmuster zu bezeichnen.

Wir benutzen Sprache häufig unbedacht. Würden wir jedes Wort sorgfältig hinterfragen, ob es das genau passende und richtige ist, dann gäbe es kleine flüssigen Unterhaltungen und Alltagsgespräche würden eher unmöglich. Das heisst nicht, dass man unbedacht drauflos reden sollte oder darf, immer mit der Entschuldigung, man schulde es der Konversation. Es hilft immer, sich zu fragen, was man wirklich sagen will und darauf zu achten, dies auf eine möglichst eindeutige Weise zu tun, eine, die genau das ausdrückt, was man sagen will und nichts, was man nicht sagen wollte.

Nun erwartet man von einem Politiker mehr als von einem Menschen im alltäglichen Geplauder. Man erhofft sich eine gezielte und durchdachte Wortwahl. Man erwartet, dass die Menschen, die ihre Sprache für die Öffentlichkeit benutzen, um damit die Belange eines Landes mitzuprägen, diese auch korrekt wählen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten sicher gestiegen, wenn man an die ganzen Diskussionen rund um die Political Correctness denkt.

Eine grosse Schwierigkeit des Sprachgebrauchs ist wohl, dass die Sprache sich verändert. Sprache lebt und wächst mit den Menschen, die sie sprechen. Sie nimmt Dinge aus dem Alltag mit und verändert dadurch teilweise das Vokabular, teilweise die Schreibung desselben und oft auch die Konnotation. Sprache und ihre Wörterbücher werden darum auch ständig der modernen Zeit angepasst. Was früher ein Schimpfwort war, ist heute normal. Was früher normal war, ist heute rassistisch. Es gibt Wörter, die im Fachbereich etwas anderes bedeuten als in der Alltagssprache, manchmal sind die Bedeutungen sogar gänzlich verschieden. (Wie es dazu kommt, bedürfte einer ausschweifenden Erklärung, die den Rahmen hier wohl sprengen würde.)

Wie entwickelt sich Sprache? Die Zeiten verändern sich und damit das, was in der Zeit passiert. Der Mensch sieht sich neuen Erfahrungen gegenüber und sucht Worte dafür, um auszudrücken, was er erlebt, um dem Geschehen um ihn eine Sprache zu geben. Dabei greift er auf Assoziationen zurück. Man kennt das aus der Gefühlswelt, die man mit Begriffen der Sinneswelt beschreibt, um sie fassbar, um sie erklärbar zu machen.  Liebe keine Pflanze und Angst kein Kerker, sie lassen sich aber mit solchen metaphorischen Bildern beschreiben.* Der Nachbar, der sich seltsam benimmt, einen vielleicht gar beängstigt, ist nicht zwangsläufig ein Psychopath, aber er legt gewisse Verhaltensweisen an den Tag, die man mit dem Begriff in Verbindung bringen kann. Genauso wenig ist die keifende Ehefrau hysterisch, die ihrem Mann des Seitensprungs wegen den Computer vor die Füsse wirft. Sprachlich aber kürzt man ab und beschränkt sich auf ein Wort, das ganze Welten von Begriffen in sich birgt. Es ist fachlich nicht korrekt, drückt aber alltäglich aus, was man im Moment assoziiert.

Es gibt viele solchen Worte, viele Assoziationen. Sie entstehen aus einer Sprachlosigkeit einer Situation gegenüber und bilden sich aufgrund von einigen Merkmalen, die man mit einem Begriff verbindet, so dass man die neue Situation beschreiben kann. Gerade bei Krankheitsbegriffen oder Begriffen einer Behinderung ist das zweischneidig, weil immer Menschen hinter dem Fachbegriff sitzen, die sich betroffen sehen durch die heute fast schon inflationäreVerwendung des Begriffs.

Ich denke nicht, dass es eine Lösung gibt. Es ist ein sprachliches Problem, das lebendigen Sprachen in einer sich entwickelnden und verändernden Welt innewohnt. Trotzdem wäre es begrüssenswert, wenn der Umgang mit Sprache bewusster würde. Wenn man sich überlegt, was man sagt, bevor man es tut. Es wäre wünschenswert, dass gerade die, welche sich öffentlich äussern, dies auf eine rücksichtsvolle, sachlich und fachlich korrekte Art und Weise täten. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. Dann wäre die Gesellschaft keine autistische, sondern eine, die aufgrund falscher Wahrnehmungen auf die falschen Pferde setzt. Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen. Ein paar in die Runde geworfene Modewörter verunmöglichen jeglichen sachlichen Diskurs und damit auch die Lösungsfindung. Der schöne Nebeneffekt einer bewussteren (und damit auch korrekteren) Sprache wäre: Man könnte damit unnötige Verletzungen von  (in diesem Fall von Autismus betroffenen) Menschen vermeiden. Das allein wäre es eigentlich schon wert.

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*Vgl. dazu Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern

8 Comments

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  1. nur eine Anmerkung:
    Es sind nicht die Worte an sich- oder das „Moden-hafte“ Aufkommen verschiedener Worte, die einen sachlichen Diskurs verunmöglichen, sondern die oft nicht aufgedeckte (und berichtigte) Falschverwendung.
    Sie haben als Beispiel hier „Autismus“
    Ich leiere etwas Ähnliches zu den Begriffen des Missbrauchs und der Kinderpornographie herunter- doch es sind nicht die Worte selbst, die machen dass wir uns nicht vernünftig annähern- es sind die Menschen die sich mit ihrer Sprache davor schützen, sich anzunähern.
    Sprache ist ja vorallem Ausdruck- ist dieser Ausdruck nicht genügend hinterfragt, werden die Worte nicht hinterfragt und peng! Hat man den Salat.
    Sprache ist Verbindung und Trennung in einem- diese Bewusstheit darüber gibt es nur leider nicht überall.
    Was hilft ist: über Sprache sprechen- Sprache und Begriffe erklären (klar machen)
    dann entsteht dieses Bewusstsein und die Veränderung in der Verwendung.

    Viele Grüße

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    • Es sind auch die Worte, denke ich. Sonst gäbe es nicht so viele und grosse Diskussionen um einzelne Worte, die eben nicht gehen, weil sie als verletzend, als diskriminierend, als verurteilend begriffen werden. Zu recht. Trotzdem sage ich schon lange, dass alle Worte wenig aussagen, dass die Haltung dahinter viel wichtiger ist. Was denke ich, wie fühle ich über das, was ich sage. Was will ich bezwecken, was nehme ich dazu in Kauf?

      Begriffe klären und sich in einem gemeinsamen Gespräch finden, so dass es keine Fronten gibt, sondern ein verstehendes Miteinander. Das wäre das Wichtige und Notwendige.

      Danke für den Kommentar, herzliche Grüsse

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  2. Man muss sich wehren, wenn Wortbedeutungen scheinbar nur leicht, aber doch nachwirkend verändert und damit manipulativ verwendet werden. Nicht immer geschieht das aus reiner Dummheit. Hinter manchem steckt absichtsvolle Manipulation. Als kleines Beispiel fällt mir ein, dass inzwischen wie selbstverständlich nicht mehr von „Massenentlassungen“ gesprochen wird, sondern von „Freisetzungen“. Dramatische Auswirkungen für die Menschen werden so mit dem Gefühl von „Befreiung“ verharmlost. Eine Öffentlichkeit wird nicht erschreckt. Bereits vor Jahrzehnten wurde der Begriff „Flexibilität“ für die Arbeitnehmer verwendet, wenn man meinte, dass sich das besser anhört als der Abbau von Kündigungsschutzrechten. Was spricht denn schon dagegen, dass Arbeitnehmer flexibel sind? Das ist doch positiv! Sie zu Lasten ihrer persönlichen Beziehungen für den Markt verfügbarer zu machen, klingt nicht gut.

    Gerade in der Politik werden ganz bewusst von Drahtziehern Begriffe verwendet, die sich dann der gewünschten Klischees und Vorurteile bedienen. Dann gibt es aber auch jene, die ihre Reden mit Fachbegriffen anreichern, deren Bedeutung sie nicht wirklich kennen, die aber gut klingen und gerade so Mode sind. Das sind die dümmlichen Schwätzer, von denen ich glaube, sie machen die Mehrheit aus. Die wenigen, die es besser wüssten, sind oftmals zu feige, es zu sagen. Natürlich sind sie auch auf dumme Wasserträger angewiesen. Sollen sie doch, solange eine Öffentlichkeit das hinnimmt.

    So ist es erfreulich, wenn – wie in diesem Falle – einmal kräftig gewettert wird. Das sollte es öfter geben!

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    • Du hast schon recht. Die Sprache wird oft dazu verwendet, Dinge schönzufärben. Vor allem Dinge, die man nicht schönfärben darf. Es ist gut, wenn man da hinschaut und es DURCHschaut.

      Die Dummschwätzer sind in der Mehrzahl, das sehe ich auch so. Harry G. Frankfurt hat das in seinem kleinen Buch „Bullshit“ schön beschrieben. Viel geredet, wenig gesagt. Das ist schon schlimm genug, noch schlimmer wird es, wenn viel geredet wird und dabei Falsches gesagt wird.

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  3. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. […] Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen.
    Genau so ist es!

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  4. Wir bannen Ungeheures, (Unbekanntes), indem wir ihm Namen geben. Oft aber sorgen gerade diese Namen dafür, dass wir aneinander vorbeireden. Andererseits sind Namen (Begriffe) wie Standarten: Sie helfen uns im Getümmel einer unübersichtlichen Situation (Schlachtfeld, Auseinandersetzung, Diskussion, Identitätskrise), die Unseren zu finden. Extreme Formen dieser Bündelung: Vorurteil, Fanatismus, Rassismus, Faschismus. Schwache Formen: Begeisterung, Liebe, „Fanismus“ – Korrekte Benennung ist das Ergebnis wissenschaftlicher Anstrengung und die Voraussetzung für erfolgreiche Kooperation.

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  5. Wer Autismus mit Minderintelligenz, Empathielosigkeit, Kaltblütigkeit und Amoklauf gleichsetzt, auch sprachlich, muss entweder richtig dumm sein oder er will vom Thema/ Problem ablenken.
    Journalisten mögen ja eher leichtfertig schicke Worte gebrauchen, aber Politiker sind berechnender. Und hohe Politiker lassen ihre Reden schreiben oder mindestens checken…..
    Auf Kosten einer Personengruppe, die eh schon nicht auf Rosen gebettet ist.
    Autisten ducken sich nicht mehr weg. Klasse!

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