Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

7 Kommentare zu „Ich und die Anderen

  1. Ein ganz vorzüglicher Text.In der Machtfrage geht es für mich immer auch darum, wieviel Macht ich dem sogenannt Anderen gebe. Dabei sehe ich Macht nicht als per se negative Eigenschaft, vielmehr als Fähigkeit, etwas zu bewirken. In diesem Sinne wäre Ohnmacht die Unfähigkeit etwas zu bewirken. In dieser Ohnmacht unter gleichzeitigem Machtzuspruch an die „Anderen“ verkenne, verneine oder traue mich nicht, mir wenigstens einzugestehen und der festen Überzeugung zu sein, dass ich kaum je ohnmächtig, kaum je allmächtig sondern immer begrenzt mächtig sein kann. Mir hilft es, meinen Weg zu gehen ohne den der anderen als den alleingültigen zu sehen oder mich dem Glauben hinzugeben oder es zuzulassen, ich sei unverstanden.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine tiefrgündige Einsicht in das Thema und das Aufzeigen eines gangnbaren Weges im Umgang mit Ohnmachtgefühlen.

      Ich denke, Macht wie alles andere ist nie nur gut oder schlecht. Schwierig wird es wohl dann, wenn diese willkürlich einer Gruppe übertragen wird und das heisst, der Rest ist durch diese strukturale Machtstellung in einer Ohnmachtsstellung.

      Gefällt mir

  2. Stimmt. Ich werde für mich immer dafür sorgen (auch wenn es mir gelegentlich misslingt), dass keine strukturelle Machtstellung mich ohnmächtig macht. Wie? Durch das Bewusstsein meiner beschränkten Mächtigkeit. Das Wir-dieda-Phänomen kann ich zwar nicht aus der Welt schaffen, aber mindestens mit Humor oder halt notfalls mit freischwebender Lächerlichkeit der Nichtigkeit anheim stellen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich möchte behaupten, dass dies einigen Mitgliedern der Gesellschaft leichter fällt als anderen. Das hat zum Teil mit dem Naturell, zum Teil aber auch mit der „Stellung“ im System zu tun. Dies lässt sich in meinen Augen nicht verneinen. Nicht alle haben die gleichen Chancen, einige haben schlicht deswegen weniger, weil sie gewisse Privilegien (wie das richtige Geschlchte, die richtige Hautfarbe, die richtige Herkunft, etc.) nicht haben.

      Gefällt mir

  3. Ja, so ist es und dann kommen jene, die den Nichtprivilegierten helfen wollen oder es glauben zu müssen. Soweit so edel, aber nur, wenn es Hilfe zur Selbsthilfe ist. Um ein altes aber gelungenes Bild zu bemühen: Zeigen, wie man Fische fängt, nicht für den Unwissenden fangen. Auch wenn ich nicht die „richtige“ Hautfarbe oder die „richtige“ Herkunft habe, kann ich doch die Erkenntnis haben, nicht ohnmächtig zu sein. Selbsthilfe zum Teilmächtigkeitsbewusstsein – da sehe ich einen Weg.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s