Ich hatte schon immer die Tendenz, mich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die von der Gesellschaft und der herrschenden Politik an den Rand gedrängt, diskriminiert, fallen gelassen wurden. Ob es dieser Zug war, der mich schlussendlich dahin führte, wo ich heute bin? Ich weiss es nicht.

Als ich mein Studium begann, war das noch sehr unbedarft. Ich las gerne, las viel. Germanistik und Philosophie lagen nahe. Geschichte brauchte ich noch als zweites Nebenfach. Dass ich mich in allen Fächer immer mehr auf die Facetten eines Themas einschoss – war es Zufall? Ich kann es nicht sagen. Schlussendlich waren Themen wie Nationalismus, Gerechtigkeit, Antisemitismus überall präsent. Alle Fächer wurden auf diese Themen hin zugespitzt, in der Promotion wurde es nochmals deutlich gezeigt. Ich habe in den fünf Jahren, die diese Promotion mit all den Anträgen, Verfahren, Recherchen, Finanzierungsnebenprojekten insgesamt dauerte, jede Minute damit verbracht, mich in die Zeit der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg einzulesen, einzufühlen, darin einzutauchen.

Ich bin oft gefragt worden, was mich treibt. Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Ich habe nie auch nur etwas diskriminierendes erlebt – ausser dass mich mein Mittelstufelehrer auslachte, weil ich absolut unsportlich war. Er stellte mich förmlich an den Pranger und ich litt. Es hat mich bis heute nie losgelassen und ich weiss aber trotzdem, dass es nichts ist gegen die Leiden der Menschen damals. Das ist unverständlich für jeden, der es nicht durchmachte. Und die, die es durchmachten, können heute kaum mehr darüber berichten.

Was treibt mich immer wieder? Gerade heute schaute ich einen Film. Es ging um eine Jüdin, die in den Kriegsjahren geflüchtet war und alles zurück liess: Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Sie war die Nichte des wohl bekanntesten Models damals: Klimts goldener Frau. Das Bild ging in Nazihände über und endete in einem österreichischen Museum. Es war ein langer Kampf zum Recht, sie hat ihn gewonnen. Und ich habe geweint. Und der Film hat mich einmal mehr darin bestätigt: Es darf nicht vorbei sein. Es darf nie vergessen werden.

Es gibt noch so viel Unrecht, das aufzudecken wäre. So viele Bilder hängen noch irgendwo, die jemandem gehören. Sie werden nicht zurückgegeben, obwohl sie unrechtmässig in den Besitz des heutigen Besitzers kamen. Und ja, die ehrliche Rückgabe würde die heutige Museenlandschaft wohl ziemlich über den Haufen werfen. Worauf müssen wir Rücksicht nehmen?

Man wird nie an einen guten Punkt kommen, wenn man für den eigenen Profit über Leichen geht. Man gewinnt vielleicht den einen so geführten Kampf, aber man verliert fürs Leben. Die im Film porträtierte Frau hatte dem österreichischen Museum immer wieder angeboten, das Bild da zu belassen, wenn man nur einfach mal anerkenne, dass ein Unrecht geschehen sei. Es fehlte die Bereitschaft. Am Schluss war alles verloren. Sie hat gewonnen. Und alles gespendet. Für gute Zwecke. Es ist nicht Geld, das zählt. Man kann mit Geld unglaublich viel Gutes tun. Wenn man es richtig tut.

Ich hoffe, dass es immer wieder Zeichen gibt, die das bestätigen. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen, was war. Und dass es sich nie wiederholt. Ich bin kein Jude. Ich habe keinerlei Beziehungen zu dem Glauben. Aber: Es kann nicht sein, dass Menschen, die Juden sind – ob auf dem Papier oder wirklich so lebend – aufgrund dieses Umstandes in irgend einer Form ausgegrenzt und angegangen werden können.

Und: Man kann nun für „Juden“ jedes x-beliebige Wort einsetzen. Da gilt das genauso. Das ist meine Haltung, so funktioniere ich und dafür stehe ich ein. Immer. Ich hörte oft: Mach das nicht, ist grad gefährlich. Du kannst dann nicht mehr dahin und dorthin reisen. Ja, in die Türkei kann ich schon lange nicht mehr reisen. Ich habe mich in meiner Dissertation explizit gegen die Politik da ausgesprochen. Es kann nicht angehen, dass ein Land nicht zu seinen Vergehen steht. Wobei das aktuell nicht wirklich erstaunt, da der aktuelle Anführer in etwa in dieselbe Richtung marschiert. (hätte ich türkische Verwandte, hätte ich mich das wohl nicht zu schreiben gewagt….).

Aber: Nun kommt das grosse Aber: Protest kann (politisch in einem Land) nur von innen kommen. Wir können nicht von aussen hingehen und sagen: Wir sehen das so, das ist so richtig, drum müsst ihr auch. Wir können damit unten anfangen und Menschen erreichen, die das dann finden und weitergeben, weiterleben. Das führt dann zu was. Und könnte was werden. Was was werden soll, muss von innen wachsen, das stülpt man nicht einfach so drüber. Auch das sieht man bei WW2 – in Israel. Und vielleicht finden mehr Menschen, es wäre besser, wie es ist – wer möchte richten? Die von aussen überstülpen? Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Man kann nur für die eigene einstehen. Sollte aber fremde gelten lassen können. Ich glaube, dann wäre eine Basis für Frieden geschaffen.

Sie haben das wohl Schlimmste gesehen, was ein Mensch sehen kann. Sie sahen es nicht nur, sie erlebten es: Auschwitz. Ein Name, der bekannt ist, der für Leid steht, für Gräueltaten, für ein Verbrechen an der Menschheit, an der Menschlichkeit und an vielen Millionen Menschen.

 Damit so etwas nie mehr passieren kann. Darum mache ich das hier ja. Darum erzähle ich meine Geschichte. (Esther Bejarano)

Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai und Greta Klingsberg haben überlebt, was ganz vielen Menschen der sichere Tod war: Die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, die systematische Mordmaschinerie der Nazis. Überleben allein reichte aber nicht:

Überleben allein ist keine Leistung. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Alle oben genannten machen etwas: Sie leben ihr Leben, sie leben es bewusst und sie wollen zeigen, was war und was nie mehr sein darf. Dabei strahlt aus allen eine unglaubliche Wärme, eine unglaubliche Lebenslust, viel Witz, Kraft und Mut. Der Film bewegt, er zieht einen hinein und er lässt einen nachdenklich zurück, denn: Man ist konfrontiert mit einer Zeit, die so schwarz war, dass man sie sich kaum vorstellen kann, geschweige denn will. Und doch muss man immer wieder hinschauen, darf nicht vergessen, weil: Die Geschichte lehrt nur, wenn man aus ihr lernt. Und dazu muss sie erinnert sein.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Rutsch nach rechts eine traurige Realität ist, sollte dieser Film zur Pflicht werden. Menschen, die den Holocaust leugnen, sollten diese Menschen erleben und dann noch auf ihrer „Meinung“ (in Anführungszeichen, denn eine Völkermordleugnung ist NIE eine Meinung, es ist IMMER eine Lüge!) bestehen können… das kann nicht gehen.

Der Film thematisiert alles, was wichtig ist: Solidarität, Menschlichkeit, Würde, Empathie. Er zeigt an Menschen, wozu Menschen fähig sind. Und er zeigt: Das Leben ist kostbar, aber man muss etwas daraus machen. Und: Man muss für seine Überzeugung einstehen. Man darf menschenfeindlichen Tendenzen keine Macht geben.

Fazit
Ein wunderbarer Film, der an Kraft, Mut, Inhalt, Gefühl kaum zu überbieten ist. Er ist nicht empfehlenswert, er ist ein Muss!

Produktinformation
MutZumLebenDarsteller: Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai-Fahidi, Great Klingsberg
Regisseure: Thomas Gonschior, Christa Spannbauer
Studio: absolut Medien GmbH
Erscheinungstermin: 14. Juni 2013
ASIN: 3848840081

Zu erwerben bei AMAZON.DE

Eigentlich wollte ich etwas über Akif Pirincci schreiben, der unlängst an einer Pegida-Kundgebung bedauerte, dass die KZ aktuell ausser Betrieb sind. (Artikel im Spiegel). Ich wollte einen Artikel zum jüngsten Urteil in Strassburg schreiben, in welchem die Schweiz gerügt wird, weil sie einen Leugner des Völkermords an den Armeniern verurteilt hat (Artikel in der NZZ). Ich wollte das Argument, hier gehe es um Meinungsäusserungsfreiheit, widerlegen, da hier keine Meinungen verbreitet werden, sondern Stimmungsmache betrieben wird und Lügen geschützt werden.

Es werden Menschen aufgehetzt und Bedauern wird geäussert, dass kein Völkermord mehr im Gange ist. Das Bedauern könnte man als (wenn auch sehr bedenkliche) Meinung gelten lassen, aber: Völkermord ist ein Verbrechen an der Menschheit und an der Menschlichkeit, es ist ein Verbrechen, für das es keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung und schon gar keinen Grund gibt. Die Meinung, er müsste eigentlich weitergehen – was man dem Bedauern über ruhiggelegte KZ entnehmen könnte –, ist der erste Schritt zur Forderung, wieder Zustände ins Leben zu rufen, die keiner wirklich wollen kann, der einigermassen bei Sinnen ist.

Ja, ich wollte über all das schreiben, weil ich mit Schrecken sehe, dass die Welt sich aktuell in der Situation zu gefallen scheint, alles und jedes unter den Grundsatz der Meinungsäusserungsfreiheit zu stellen. Dabei kümmert es nicht, ob überhaupt Meinungen vertreten oder aber erste Gruben für ein Massengrab geschaufelt werden. Irgendwie bleiben mir dabei die Worte im Hals stecken.

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“

 „Ich möchte wissen, wo die angeblich sechs Millionen Menschen umgebracht worden sind“, ruft der Mann seinen Kameraden zu. „Warum bin ich jahrzehntelang belogen worden?“ (Panorama, Das Erste)

Ein Mensch stellt den Holocaust in Frage, spinnt Verschwörungstheorien. Das ist schon schlimm genug, noch schlimmer ist, dass er Zustimmung findet und alles nicht geistig verwirrte Menschen sind, sondern eigentlich solche, die man als klar denkend und rational erachten würde. Es sind Menschen, die eine Schuldbildung absolviert haben, Menschen, die es besser wissen müssten. In der Schweiz käme er damit durch, da wir keinen gesonderten Völkermordleugnungsparagraphen haben. Leider gibt es viele grosse Stimmen, die sich in unserem Land dagegen aussprechen, einen solchen im Strafrecht zu realisieren. Er widerspreche unserem liberalen Gedanken, beschränke die Meinungsäusserungsfreiheit – dies nur einige Argumente. Zum Glück sehen das nicht alle Länder so (eine Auflistung der rechtlichen Lage findet sich in meinem Buch Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem).

Ist Völkermordleugnung einfach eine Meinung, eine, die man frei äussern können soll? Ist der Holocaust wirklich eine historische Tatsache wie so viele, über die man heute frei schreiben und reden können muss, ihn auch verleugnen, weil dies der wissenschaftlichen Forschung geschuldet ist? Ist das Ganze sowieso Schnee von gestern und damit nicht mehr relevant für heutige Gesetze? Ich denke nicht:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen.

Grundsätzlich kann man sicher argumentieren, dass Völkermordleugnung über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden könnte, und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein.

Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

(Der Grossteils dieses Blogbeitrags ist das ursprüngliche Fazit meines oben genannten Buches, welches ich wegen gewisser Umstände zu ändern gezwungen war. )

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Hier darf man alles sagen, alles denken, muss zu nichts Stellung beziehen und ist nie beteiligt, wenn etwas schief läuft. Schliesslich und endlich sind wir neutral. Wir haben mit nichts etwas zu tun, sind eine Insel inmitten des stürmischen Ozeans. Zwar liefern wir ab und an Mittel, die den einen oder andern helfen, dies aber völlig unabhängig und meist auf den eigenen Profit bedacht (wie löblich). Zwar stecken wir auch gerne Geld ein, von diesem und jenem; dies aber genauso unabhängig, da wir alles nehmen, was wir kriegen können und was uns nützt – egal von wem.

In der Schweiz darf man alles sagen und tun. Sogar einen Hitlergruss darf man machen.

Hand gen Himmel, sei gegrüsst.

Das ist nun sogar amtlich, nachdem das Bundesgericht einen entsprechenden Entscheid fällte. Niemand käme zu Schaden, niemand werde zu irgendwas aufgefordert, heisst es im Urteil. Wie tröstlich. Nationalsozialistisches Gedankengut fällt unter den Paragraphen der Meinungsäusserungsfreiheit. Ein Gut, das erst aufgrund der Vorkommnisse des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Gräueltaten erkannt und geschützt wurde (vgl. die Uno-Konvention von 1948), wird nun aufgerufen, das zu rechtfertigen, gegen das es überhaupt erst ins Feld gerufen wurde. Wenn das kein Wahnwitz ist, dann weiss ich auch nicht. Aber wir sind ja neutral und beziehen keine Stellung. Also schweigen wir auch dazu.

Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, heisst es. Drum dürfen wir auch über jeden Furz abstimmen. Sogar, wenn er gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung verstösst. Minarette können vom Volk abgelehnt werden, weil sie irgendwie fremd und Unwohlsein auslösend wirken. Klar. Kann man machen. Ausländer müssen reglementiert einwandern, weil das Boot eh schon voll sei. Irgendwoher kennt man den Spruch. Woher bloss? Nur nicht zu lange nachdenken, man könnte noch auf böse Gedanken kommen.

Dass man nun ungestraft den Hitlergruss machen kann, hilft nicht wirklich, die bösen Gedanken zu vertreiben. Neben dem hauptsächlichen Schweigen, wurden ein paar Stimmen laut, die das Bundesgerichtsurteil stützten, meinten, man könne die Meinungsäusserungsfreiheit nicht hoch genug achten und Mist gebaut hätte der, welcher die Handlung zur Anzeige gebracht hätte. Bloss: Selbst wenn das so sein sollte (man beachte den Konjunktiv, denn Stillschweigen und Wegsehen bei offensichtlichem Übel ist nicht wirklich meine Stellung zum Leben), kann es nicht angehen, dass ein Bundesgericht einen so gelagerten Fall auf diese Weise abhandelt und damit Tür und Tor öffnet für Vorfälle derselben Art, also quasi einen Präzedenzfall schafft.  Aber ich vergass, dass wir ja in der Schweiz sind, neutral und offen und frei: Alles kann, alles darf, niemand bezieht Stellung.

Und wenn die Schweizer nicht irgendwann aussterben, jodeln sie ewiglich weiter und leben fröhlich auf ihrer Insel.

 

Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Liebe Kitty!

Wenn du meine Briefe einmal hintereinander durchlesen würdest, würdest du merken, in welchen verschiedenen Stimmungen sie geschrieben sind. Es ist dumm, dass ich hier im Hinterhaus so abhängig bin von Stimmungen. Aber ich bin es nicht allein, wir sind es alle.

Diese Zeilen stammen von einem Mädchen, das sich vor einem unbarmherzigen Regime verstecken muss, weil es sonst umgebracht würde. Seine Schuld ist es, als Kind der falschen Religion geboren zu sein, einem Volk zuzugehören, das als unwert geachtet wird und ausgerottet werden soll.

Am 12. Juni 1929 erblickt Annelies Marie (Anne) Frank als Tochter jüdischer Eltern in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Die Franks sind eine assimilierte jüdische Familie, die den Glauben zwar in wenigen Bräuchen pflegt, allerdings ist er nie zentral. Vor allem Vater Frank legt grossen Wert auf die Bildung seiner Töchter (Anne hat eine drei Jahre ältere Schwester), hält die Mädchen immer wieder zum Lesen an.

1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, kommt es in Frankfurt zu antisemitischen Ausschreitungen, was die Familie Frank bewegt, nach Aachen zu ziehen. Ein berufliches Angebot führt sie später nach Amsterdam. Der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft kümmert die Familie nicht gross, da sie sich in den Niederlanden wohl fühlt. Die Kinder besuchen die Schule, die Geschäfte laufen gut. Hitlers Arme greifen langsam auch über die niederländischen Grenzen, nach und nach verlieren die ansässigen Juden ihre Rechte, die Lage wird ernst.

1942 erhält Anne Frank zu ihrem Geburtstag ein Tagebuch, welches sie noch am selben Tag zu führen beginnt. Fortan wird sie ihm mitteilen, wie es ihr in der immer bedrückenderen Lage geht, wird ihre Sorgen und Nöte mit dem Tagebuch teilen.

Du merkst sicher, dass ich mich wieder in einer ganz niedergeschlagenen und mutlosen Periode befinde. Warum, kann ich Dir wirklich nicht sagen, denn es liegt kein Grund vor, aber ich glaube, es ist eine gewisse Feigheit, die ich eben zeitweise nicht überwinden kann.

Schon bald ist an eigenständiges Wohnen nicht mehr zu denken, die Familie Frank muss sich verstecken. Mies Giep, ehemalige Sekretärin von Otto Frank, hilft ihnen dabei, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskiert.[1] Hoffen die Versteckten zuerst noch, nach wenigen Monaten wieder frei leben zu können, zieht sich die Zeit im Untergrund in die Länge. Anne leidet sehr darunter, psychische wie körperliche Probleme zeigen sich. Die immer neuen Nachrichten von noch schlimmeren Zuständen lasten allen auf der Seele. Anne lenkt sich mit lesen ab, verschlingt förmlich Bücher. Daneben klammert sie sich an jeden Strohhalm, welcher ein wenig Hoffnung verspricht.

Liebe Kitty!

Nun habe ich Hoffnung, nun endlich geht es gut! Ja, wirklich, es geht gut! Tolle Berichte! Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist und überdies noch jung!

Leider ist die Hoffnung umsonst. Das Versteck der Franks, davon geht man aus, wird verraten, die Familie wird am 4. August 1944 gefunden und nach einem Verhör am 5. August ins Gefängnis gesteckt. Es folgt das Durchgangslager Westerbork, wo sie als Verbrecher in Strafbaracken unterkommen und Strafarbeiten verrichten müssen. Noch immer hoffen sie, einem noch schlimmeren Schicksal entgehen zu können. Auch diese Hoffnung wird zerschlagen, als am 2. September ihr Transport nach Auschwitz beschlossen wird. Am 3. September 1944 fährt der Zug los, er kommt zwei Tage später in Auschwitz an. Zwar entkommt Anne dem direkten Tod, weil sie bereits älter als 15 ist (die jüngeren Kinder werden direkt in Gaskammern gebracht und getötet), fällt aber im März 1945 einer Typhus-Epidemie zum Opfer und stirbt wenige Tage nach ihrer Schwester. Otto Frank ist der einzige Überlebende der Familie.


[1] Sehr zu empfehlen dazu: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank

Kürzlich kam es zu einer Diskussion darüber, ob die Schweiz den ehemaligen Verdingkindern Geld zahlen müsse, ob es mit einer Entschuldung nicht getan sei. Die Stimmen wurden gleich laut, dass man natürlich nur mit Geld aufwiegen könne, was je passiert ist. Das Unrecht war gross, keine Frage, die damaligen Kinder litten, viele haben die Narben in die Gegenwart (oder schon in den Tod) mitgenommen. Macht Geld da was gut? Wiegt es etwas auf? Ist dann alles wieder gut?

Heute las ich den Entsetzensschrei über eine geforderte Steuererhöhung für höhere Einkommen. Die dies Fordernden wurden als Neidhammel bezeichnet, die den besser gestellten den Lohn nicht gönnen. Wie man in der heutigen Zeit noch mehr Steuern fordern könne.

Zurück bleibt die Frage: Wer soll alles bezahlen? Keiner will Steuern bezahlen, Unecht soll mit Geld abgegolten werden, die Infrastrukturen ausgebaut, alles muss funktionieren. Lebt man in einem EU-Staat, muss man noch andere Staaten sanieren (sofern man nicht saniert wird, dann kümmert man sich wohl auch weniger um das Gestern, sondern kämpft mit dem Heute).

Geld regiert die Welt. Am Besten fliesst es vom Himmel, denn es muss einfach da sein, sonst geht gar nicht. Ein „es tut mir leid“ reicht nicht, es muss Geld fliessen. Geld zahlen will aber keiner. Es ist irgendwie verdammt einfach, vom Moralstandpunkt aus zu sagen, wo Geld hinfliessen soll, wenn man das Geld nicht selber zahlt. Täte man das, sähe es sicher anders aus. Moral ist ein verdammt zweischneidiges Schwert. In der Theorie glänzen wir alle drin. Haben Theorien, Ideale. Sehen uns als Widerstandkämpfer im Dritten Reich und Rächer der Opfer im Heute. Praktisch bleiben es leere Worte, die die Handlung anderen zuschreiben.

Nun kann man sagen, mit dem Wort fängt der Kampf an. Zuerst muss etwas benannt sein, bevor es sich setzt, Wirkung zeigt, Handlungen folgen. Nur müsste beim Aussprechen des Wortes in meinen Augen schon die Tragweite der geforderten Handlung miteinbezogen werden. Nur zu fordern, ohne zu sehen, wo die Forderung hinläuft, könnte böse Abstürze zur Folge haben. Aber für den Fall gibt es sicher wieder genug, die in der Theorie alles besser gewusst hätten oder aber einfach nur die Folgen ohne die dahinter liegenden Forderungen anschauen und sie verurteilen.

Gibt es Widergutmachung? Nein, nicht im kollektiven Rahmen. Im Einzelfall kann man geschehenes Unrecht nach Normen abgelten. Gut ist es dann noch nicht, aber das Unrecht wurde sanktioniert. Das ist das Prinzip des Rechts angewendet auf den Einzelfall. Bei kollektivem Unrecht im Stile eines Kriegs, eines Völkermords kann man sicher auch allgemein gültige Gesetzeslaute formulieren. Aber nur da, wo es um allgemeine Forderungen geht. Und auch dann ist nicht alles wieder gut. Wieder gut wird es nie. Man kann es nur in Zukunft besser machen. Und die Fehler der Vergangenheit einsehen. Und beide Seiten müssen lernen, damit umzugehen.

Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung

 

Aber diese Dummheit hat etwas Empörendes. […] Da war keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist […]

Diese Dummheit, die weder grausam noch dämonisch war, sondern einfach die Gedankenlosigkeit eines Funktionärs innerhalb eines bürokratischen Systems  ausdrückt bezeichnete Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem als „Banalität des Bösen“. Mit diesem Begriff (unter anderem) löste sie eine der grössten Kontroversen des letzten Jahrhunderts aus.

Das vorliegende Buch enthält ein Gespräch mit Joachim Fest, welcher zur selben Zeit wie Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem sein Werk Das Gesicht des Dritten Reiches veröffentlicht hatte, welches zu einem ähnlichen Schluss kam wie Arendt, nämlich dass man mit dem Problem konfrontiert sei,

wie „so viel Unvermögen, so viel Durchschnittlichkeit und charakterliche Nichtigkeit“ mit den ungeheuren Verbrechen , die hiervon ausgingen, in einen begrifflichen Zusammenhang zu bringen sind.

Das Gespräch behandelt Themen wie die Definition eines neuen Verbrechertypus, welcher eben keine kriminelle Energie  hat, sondern aus (oft blindem ) Gehorsam handelt, es handelt von der Frage nach Verantwortung und Schuld in einem totalitären System, von Gerechtigkeit nach einem historischen Unrecht solchen Ausmasses, sowie von gut und böse als moralischen Urteilen.

Neben dem Gespräch findet man den das Gespräch vorbereitenden Briefaustausch zwischen Arendt und Fest sowie sporadische spätere Briefe, welche eher auf eine intellektuelle Verbindung denn auf eine Freundschaft hinweisen, allerdings von gegenseitigem Respekt zeugen.

Anschliessend folgen vier Dokumente aus der Kontroverse um Hannah Arendt und Eichmann in Jerusalem, welche während des Austauschs zwischen Arendt und Fest erwähnt worden sind. Die Stellungnahme des Council of Jews from Germany tut sein Unverständnis kund über die „unverantwortbaren Schlussfolgerungen“, die Hannah Arendt aus „unfundiertenn Feststellungen“ zog, Golo Manns sarkastischer Text voller plakativer Herabwürdigungen gibt ihr immerhin in Bezug auf das Portrait Eichmanns recht und Mary McCarthy verteidigt das Buch so sachlich, wenn auch offensichtlich wohlgesonnen. Den Abschluss macht Reinhard Baumgard mit einem Nachwort zu Hannah Arendts Eichmann-Buch: Mit Mördern leben?

Die Zusammenführung der Texte ist aufschlussreich und sinnvoll, die Einleitung zeigt durch Vorwegnahme und Zusammenfassung einiger zentraler Argumente die Grundaussagen des Austauschs und hilft damit beim Verständnis des Kommenden. Die abschliessenden Dokumente aus der Kontroverse verdeutlichen die Unsachlichkeit der Angriffe gegen Hannah Arendt und ihr Buch.

Fazit:

Die spannende Analyse eines Jahrhundertverbrechers und des Systems, das ihn zustande brachte. Sehr empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Joachim Fest
Geboren am 8. Dezember 1926 in Berlin Karlshorst als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie. Jura-Studium ohne Absicht, Jurist zu werden, daneben Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Fest brach seine Promotionsarbeit zugunsten einer Festanstellung bei RIAS Berlin ab und blieb danach im journalistischen Bereich tätig. Veröffentlichte einige Bücher, die sich hauptsächlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit befassten(Das Gesicht des Dritten Reiches, Speer. Eine Biographie, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Hitler). Joachim Fest starb am 11. September 2006 in Kronberg im Taunus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage 2011)
Preis: EUR 16.95; CHF 27.90

Die Frau, die das Denken ohne Geländer liebte, konnte mitunter ganz unromantisch sein, sachlich, buchstäblich ohne Rücksicht auf andere und ihre Gefühle.

Diese nüchterne Sachlichkeit und fehlende Weitsicht, was sie mit ihrem Protokoll des Eichmann-Prozesses auslösen könnte, machten Hannah Arendt zum Mittelpunkt einer der grössten Kontroversen des vergangenen Jahrhunderts und kosteten sie einige Freundschaften, an denen ihr Herz gehangen hatte. Diese Sachlichkeit war aber auch nur eine Seite, die andere war voller Charme, Herz und auch einer gewissen Schüchternheit. Hannah Arendts erster Mann, Günther Stern, brachte die Widersprüchlichkeiten ihres Charakters auf den Punkt:

Sie war damals zugleich profund, frech, fröhlich, herrschsüchtig, schwermütig, tanzlustig – für die scheinbaren Widersprüche übernehme ich keine Verantwortung – sie war eben so.

Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Franziska Augstein ist mehr als ein Buch zum Film. Es bietet eine Annäherung an eine der grössten Denkerinnen von verschiedenen Seiten, es beleuchtet ihr Leben und Werk (vornehmlich das Buch Eichmann in Jerusalem, dessen Entstehung die Ausgangslage zum Film bot).

Margarete von Trottas schildert, wie sie sich langsam der Person Hannah Arendt annäherte und von ihr immer mehr begeistert war. Auch werden die Schwierigkeiten offensichtlich, die bei der Suche nach den geeigneten Mitstreitern und vor allem nach den finanziellen Mitteln für einen solchen Film auftauchen. Vom ersten Gedanken bis hin zum fertigen Film sollte mehr als eine Dekade ins Land streichen. Pam Katz (Mitautorin), Barbara Sukowa und Klaus Pohl (Schauspieler) beschreiben ihre Auseinandersetzung mit diesem Film und der Rolle, die sie dabei spielten und Bettina Brokemper den Weg vom Projekt hin zum Film.

Viel Platz wird der Arendt-Kontroverse rund um das Buch Eichmann in Jerusalem gewidmet. Mary McCarthy, Schriftstellerin und Hannah Arendts Freundin bezeichnet das Werk als „Dokument ethischer Verantwortung, Ernst Vollrath zeichnet ihren Gedankengang vom „radikal Bösen“ (Kant) hin zur „Banalität des Bösen“ nach und auch Jerome Kohn und Rainer Schimpf beleuchten Aspekte des Buches und der daraus entstehenden Debatte, die für Hannah Arendt sehr schmerzlich war.

Durch Volker Schaefer gelingt noch ein Blick in Hannah Arendts Wohnung in New York, die Zentrum ihres Schaffens, Liebens und der Freundschaftspflege war, also quasi ihr ganzes Leben beherbergte.

Fazit:
Ein sehr gelungenes Buch, das einem Hannah Arendt in ihrem Schaffen und Sein näher bringt und zudem einen Einblick in die Entstehung des Filmes über sie bietet. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage Februar 2013)
Preis: EUR 9.99; CHF 15.90

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.

ArendtBöseHannah Arendt versucht in diesen hier versammelten vier Vorlesungen über Ethik, sich dem Begriff des Bösen zu näheren. Sie geht dabei von dem sie nie loslassenden (wie könnte es) Thema des Holocaust und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus, im Besondern beruft sie sich immer wieder auch auf Eichmann, über dessen Prozess sie berichtet hatte.

Im Buch Eichmann in Jerusalem prägte sie den Begriff der Banalität des Bösen, welcher auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielte. Die Banalität sah Hannah Arendt darin, dass das Böse von ganz normalen Menschen verübt wird, dass keine Monster oder Teufel am Werk sind. Das macht das Böse so erschreckend, da es wohl in allen angelegt zu sein scheint. Die Frage stellt sich also, wie man es vermeiden kann.

Unter Berufung auf Sokrates, Platon, Aristoteles, Kant und andere sowie durch eigene Schlussfolgerungen näherst sich Hannah Arendt immer mehr dem, was sie als zentral im Kampf gegen das Böse sieht: Dem Denken. Das gedankenlose Handeln (wie bei Eichmann wahrgenommene) erachtet Hannah Arendt als grosse Gefahr.

[…]Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar, […]

Hannah Arendt geht von der Hypothese aus, dass jeder Mensch in sich weiss, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Sich für das eine oder andere zu entscheiden, heisst, zwischen Vernunft und Begierde zu entscheiden, Schiedsrichter dabei ist der eigene freie Wille. Sich für das Unrecht zu entscheiden würde einen in Konflikt mit sich selber bringen, lautet Hannah Arendts Überzeugung, die sie mit Sokrates’ Ausspruch, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, abstützt. Hielte man sich an das, was in einem als Rechtes erkannt ist, statt äusseren Einflüssen blind zu folgen, hätte das Böse keine Chance.

[…] die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, um dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen „skandala“, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.

Sehr informativ und auf den Punkt gebracht ist das Nachwort von Franziska Augstein, welches nochmals auf die wichtigen Punkte von Hannah Arendts Text hinweist und diesen auch in den zum Entstehen wichtigen Kontext rückt. Augstein weist dabei auf Hannah Arendts Täuschung in Bezug auf Eichmanns Aussagen hin, worauf sie ihre Diagnose eines gedankenlosen Täters begründete. Diese Fehleinschätzung wurde später durch die „Sassen-Protokolle“ offengelegt. Vermutlich hätte Hannah Arendts Einschätzung des Falles Eichmann anders ausgesehen, hätte sie davon Kenntnis gehabt. Nichts desto trotz schmälert das nicht den Wert ihrer Arbeit.

Fazit
Unbedingt lesenswert. Tiefgehende Gedanken von zeitloser Aktualität von einer herausragenden Philosophin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Piper Verlag, 5. Auflage (März 2012)
Übersetzung: Ursula Ludz
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 16.90

 

Zu kaufen bei BÜCHER.DE und BOOKS.CH

Ich habe nicht vor, über den Holocaust zu reflektieren oder für die Annalen die Geschichte einer weiteren Überlebenden zu erzählen. Stattdessen geht es um eine Grossmutter (die Auschwitz überlebt hat) und um mich (der ich manchmal über Dinge reflektiere, von denen ich wenig Ahnung habe).

Der Besuch der Grossmutter aus Brasilien steht an, der Enkel, in Deutschland wohnend, holt sie am Flughafen ab und ist eher ängstlich, was ihn erwartet als hoch erfreut. Die Schreckensvorstellungen scheinen sich zu bewahrheiten ob der unermüdlichen Energie der alten Dame, welche ihre Gastgeber in die Erschöpfung zu treiben droht durch unaufhörliche Gesprächigkeit, Urteile, die schnell gefällt und unerschütterlich feststehend sind, ohne dabei auf die Gefühle der Getroffenen  Rücksicht zu nehmen.

Die Neugier der alten Dame ist unersättlich, Deutschland liegt ihr am Herzen, obwohl sie hier die wohl schwärzeste Zeit ihres Lebens hatte, auf der Flucht und eingesperrt in Konzentrationslagern. Im Gespräch mit dem Enkel wird diese Vergangenheit in die Gegenwart geholt.

Meine Oma zu porträtieren heisst nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern vor allem, die Art und Weise abzubilden, wie sie diese Geschichte erzählt.

Durch die Art der Grossmutter erscheint die Geschichte nicht so düster, wie man sie gerne malen würde. Nirgends fehlt es an Humor, das Unverständnis über gewisse Episoden tut sie mit wirschen Bewegungen ab und scheint sich nicht als bedauerliches Opfer zu sehen, sondern als Frau, die ihren Weg durch eine Geschichte ging, deren Anforderungen sie sich stellte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Grossmutter wird schlussendlich zur Geschichte des Enkels und seiner Beziehung zu seiner Grossmutter. Dabei ist nicht nur Nähe entstanden.

Das Buch, mit dem ich meine Oma hatte kennenlernen wollen – was mir auch gelungen war -, hatte sie für mich zugleich fast wieder zu einer fiktionalen Figur gemacht und entfernte sie von mir.

Das Buch variiert in seinen Erzählformen, ist einerseits Momentaufnahme eines Besuchs, andererseits Gespräch und Tagebuchauszug aus dem Lager. Es spielt in Deutschland, Brasilien, in den Lagern des Weltkrieges. Trotz dieser Wechsel von Erzählstil und Ort zeigt es eine Einheit, die Einheit eines Lebens im Heute, wie es wurde aus dem Gestern.

Fazit:

Während das Thema des Buches düster und dunkel klingt, sieht man sich mit einem humorvollen, ironischen, kurzweiligen und vor allem menschlichen Buch über das Leben einer Grossmutter konfrontiert. Die Liebe zu dieser  resoluten, anstrengenden Frau spriesst aus jeder Zeile, ohne dabei kitschig zu wirken. Absolut lesenswert.

(Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Grossmutter, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Hardcover: 175 Seiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. September 2012)

Übersetzung: Silke Kleemann

Preis: EUR: 18.99 ; CHF 28.90

 

 

 

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