Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Auschwitz selbst…
und das ist, wenn die Welt vergisst, dass es einen solchen Ort gab.

Henry Appel, Auschwitz –Überlebender

Zeit für einen Schlussstrich?

In den letzten Jahren, bald schon Jahrzehnten, werden immer wieder Stimmen laut, es sei genug getan in Sachen Erinnerungsarbeit und Aufklärung bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus. Die Forderung wurde immer wieder laut, die Dinge endlich ruhen zu lassen, nach vorne zu schauen. Dass man nach vorne schauen muss, ist klar, doch beim Blick nach vorne sollte nie vergessen werden, was in der Vergangenheit war. Vor allem die Fehler sollten präsent bleiben, um wenigstens die Hoffnung zu haben, gewisse – vor allem die grossen, schrecklichen – in der Zukunft zu vermeiden. Des Weiteren gibt es auch Ereignisse, die um ihrer selbst willen Erinnerungswert und Erinnerungspflicht in sich tragen. Und gewisse Ereignisse vereinen die beiden Gründe zur Erinnerung. Die Shoah gehört in meinen Augen in die letzte Kategorie. Ein historisches Ereignis, das eine so immense Tragweite hat, sowohl für die Opfer wie auch für die Nachwelt, darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss aufrecht erhalten werden. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und die Fragen, die diese dunkle Seite der Geschichte aufwerfen, sind nie erschöpfend beantwortet.

Pflicht der Erinnerung

Wenn man aktuelle Geschehnisse interpretieren und bewerten will, spielt das historische Gedächtnis immer eine Rolle. Dies beruht darauf, dass nichts für sich gesehen eine Bedeutung oder einen Sinn hat, sondern diese immer erst von aussen auferlegt werden. Diese Sichtweise vertritt u.a. auch der amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins, welcher Bedeutung als etwas sieht, das man Ereignissen und Gegenständen erst zuspricht. Nach Sahlins beruht Meinung auf zwei Umständen: dem, was sich aus der Vergangenheit gesetzt hat und den Absichten für die Zukunft. Diese beiden Elemente begründen das, was Sahlins ein Bedeutungsschema nennt, nach welchem Menschen die Dinge beurteilen, welche sie umgeben. Würden wir die Vergangenheit also einfach vergessen, ruhen lassen, fehlte uns ein Aspekt der Bedeutungsgebung für heutige Ereignisse und Umstände und damit auch ein Einschätzungskriterium dafür, was um uns vor sich geht.

Eine Gesellschaft ist zudem immer geprägt von dem, was war. Nur die Kenntnis dessen, was war, wird erklären, was heute ist. Wenn es sich bei der Vergangenheit um ein historisches Verbrechen handelt, ist es noch viel wichtiger, daran zu denken, es in Erinnerung zu behalten. Vor allem gehört es zu unserer Pflicht heute, das Ereignis als historisches Verbrechen zu sehen und jegliche Leugnung dieses Umstandes zu ahnden. Dies unterliegt der Verantwortung und sollte eine Pflicht des Menschen als Mensch sein, die er sich selber, der Gesellschaft wie auch – und vor allem – den Opfern eben dieses Verbrechens schuldet.

Umgang mit der Vergangenheit

Der Umgang mit der Shoah war nicht von Anfang an da. Zuerst herrschte Schweigen und Tabuisierung. Erst nach und nach, mit den Jahren, begannen einzelne Kreise, die Vergangenheit zu thematisieren und damit aufzuarbeiten. Und mit dieser Aufarbeitung kam auch ein Diskurs auf, der schlussendlich allen half, sowohl den Nachkommen der als Täter kategorisierten sowie auch den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Es half, im Heute das Miteinander zu entkrampfen, weil die sturen Bilder von gut und böse, hier die Opfer, da die Täter, langsam verwischt werden konnten und an ihre Stelle auch wieder individuelle Menschen treten konnten. Das Bild des Deutschen als nur bösen Menschen und des Juden als nur armes Opfer hätte die Kerbe weiter eingebrannt und schlussendlich das Leben beider Kollektive immer tiefer vergiftet.

(Der ausführliche Text findet sich in „Sandra Matteotti: Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem„. Dort sind auch die zitierten Stellen korrekt aufgeführt)

Verschiedene Medien berichten heute über die vermutliche Aufspürung des mutmasslichen Nazi-Verbrechers László Csatáry in Ungarn. László Csatáry soll 1944als Polizeichef von Kosice im ungarisch besetzten Teil der Slowakei eine wichtige Rolle bei der Deportation von 15’700 Juden ins Lager Auschwitz gespielt haben. Aus diesem Grund steht er auf der Liste der gesuchten Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums weit oben. László Csatáry ist 97 Jahre alt.

Für seine Taten wurde László Csatáry 1948 von einem Gericht in der Tschechoslowakei zum Tode verurteilt – in Abwesenheit. Er hatte sich nach Kanada abgesetzt, wo er bis zu seiner Enttarung als Kunsthändler gearbeitet hatte. Danach floh er nach Ungarn, wo er nun auch aufgespürt worden war von Journalisten. Momentan liegt der Fall beim Staatsanwalt in Ungarn, welcher sich einer Stellungnahme enthielt.

Die Verbrechen des Holocaust verjähren nie, sie sind heute wie damals präsent, was auch richtig ist. Die Frage, die sich stellt, ist, was es bringt, einen 97jährigen in die Mangel zu nehmen, ihn zu verurteilen und wie das Urteil überhaupt verhältnismässig sein könnte. Kommentare zu den entsprechenden Artikeln lauteten denn auch, dass es unsinnig sei, einen 97jährigen Menschen einzusperren, da in diesem Alter eine Gefängniszelle keine Qual oder Einschränkung mehr sei. Will man etwas makaber kommentieren, könnte man auch das Urteil lebenslänglich als nicht mehr wirklich bedrohlich bezeichnen. Schon gar nicht steht es im Verhältnis zu der begangenen Tat.

Das alles mag bei Lichte und mit Logik betrachtet richtig sein. Trotzdem hat die Verfolgung der Täter von damals durchaus einen Sinn: Sie zeigt, dass man nie davon kommt mit so einer Tat. Sie zeigt die unbarmherzige Verfolgung bis hin zum Tod. Der Täter wird zeitlebens auf der Flucht sein müssen, da seine Tat nie verjährt. Und selbst wenn eine mögliche Strafe für den hier Betroffenen nicht mehr schlimm ist, so ist sie doch ein Zeichen für andere (eventuell zukünftige) Täter. Das Strafrecht hat immer auch einen präventiven Charakter. Die Aussicht auf Strafe soll vor dem Begehen der Tat schützen.

Selbst wenn man den präventiven Charakter ausschlösse, nur den absoluten, auf die wirklich begangene Tat bezogenen Grund hinter einer Strafe sähe, bestünde eine Rechtfertigung für dieses Vorgehen: Wo wäre sonst die Grenze? Wenn ein Verbrechen nicht verjährt, tut es dies auch effektiv nicht, unabhängig vom Alter des Täters. Wo sollte sonst der Grenzstrich gezogen werden? Bei welchem Alter?

Was verwundert bei allen gefundenen Artikeln ist die Wortwahl des „mutmasslichen“ Täters. Ein zu lebenslanger Haft verurteilter Täter wird aufgespürt und man spricht von einem mutmasslichen? Es lag ein rechtskräftiges Urteil vor, welches nur nicht vollstreckt werden konnte, weil der betreffende Verurteilte abwesend war. So gesehen war er Täter. Und nicht nur mutmasslich. Auch das zur Last gelegte Verbrechen steht fest: Massgebliche Beteiligung an der Deportation von 15’700 Juden nach Auschwitz – und damit in den fast sicheren Tod.

Die Verbrechen des Weltkrieges verjähren nie – und damit soll auch Alter vor Strafe nicht schützen. Auch die Opfer können nicht sagen, sie seien nun zu alt, ihre Geschichte weiter mit sich tragen. Und von vielen Überlebenden liest und hört man, dass man nach Auschwitz ein Gefaner seiner Gedanken und seiner Geschichte sei. Wieso also soll ein Täter dann davon kommen?

 

Artikel zum Thema:

http://www.tagesschau.de/ausland/nazikriegsverbrecher100.html

http://www.blick.ch/news/ausland/meistgesuchter-nazi-aufgespuert-id1963456.html

http://www.freehungary.hu/cimlap/1-friss-hirek/927-hungary-laszlo-csatary-most-wanted-war-crimes-suspect.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ungarn-mutmasslicher-ns-kriegsverbrecher-aufgespuert-11821512.html

Imre Kertész gibt vor, mit Dossier K. das erste Mal auf äussere Veranlassung statt aus innerem Antrieb geschrieben zu haben. Entstanden ist dabei eine Autobiographie. In Form eines platonischen Dialogs entwickelt er sein Leben, angefangen bei der Kindheit bis hin zu seinen literarischen Erfolgen. Er zeichnet dabei ein Bild einer Lebensgeschichte, die von Tiefgang, Nachdenklichkeit und Selbstzweifeln geprägt ist.

Als ungarisches Kind sich scheidender Eltern kämpft er von klein an gegen die Widerstände des Lebens, allen voran den Makel des eigenen Judentums, mit dem er sich nicht anfreunden, geschweige denn identifizieren kann. MIt 15 kommt er nach Auschwitz, von da nach Buchenwald und überlebt die beiden Konzentrationslager auf mysteriöse Weise. Er bezeichnet das eigene Überleben nicht als Schicksal, da er das Vorhandensein eines solchen generell ablehnt. Schicksal bedeute Sinn und genau diesen sähe man in vielen Ereignissen – vor allem dem Holocaust (ein Begriff, den Kertész ablehnt) – nicht. Kertész sieht sich als einen dem Leben Ausgelieferten:

Aber dass ich Schriftsteller geworden bin, setzt ja an sich eine eigentümliche Natur voraus. Ich meine damit, dass ich mich wahrscheinlich in einem anderen Stoffwechsel mit der Realität befinde als andere Menschen.

Imre Kertész war nicht von Anfang an erfolgreich. Er hielt sich mit banalen Theaterstücken und Übersetzungen über Wasser, stahl sich quasi die Zeit für das, was ihm am Herzen lag: das Romaneschreiben. Dabei fühlte er sich in der Tat wie ein Verbrecher:

Ein Künstler muss sein Werk in der gleichen Gemütsverfassung beginnen, in der ein Verbrecher seine Tat ausführt […] Wenn ich zu arbeiten beginne, wird die Welt zu meinem Feind.

Der mangelnde Erfolg – auch wenn Erfolg nie Grund und Sinn des Schreibens war – nagte des Öfteren an Kertész Selbstbewusstsein. Seine Frau hielt das Paar über Wasser, er selber sah sich daneben oft in der Position dessen, der tat, was er tun musste, dabei aber nicht von der Gesellschaft akzeptiert war, nicht im System integriert war.

[Die Vernunft sagte mir], dass ich meine Zeit sinnlos vergeudete und wie ein Schmarotzer lebte; und beide Argumente nahm ich todernst…

Trotzdem hielt er am Schreiben fest, konnte nicht anders, als zu schreiben. Die Schande des eigenen Überlebens war sicher einer der Beweggründe. Der Umstand, dass er auf ein Leben zurückblickte, das Stoff für Romane bot, liess ihn immer weiter schreiben. Trotzdem wehrte er sich dagegen, sein Schreiben autobiographisch zu nennen, da alles, selbst Erinnertes, wenn es auf Papier kam, Fiktion wurde. Mit dem Schreiben bewältigte er so nach und nach seine Geschichte. Alles, was auf Papier stand, war für ihn abgeschlossen und damit fast schon vergessen.

Ich habe immer nur den Roman geschrieben, den ich gerade schrieb, und der erschien mir jedesmal ebenso fraglich wie mein eigenes Ausharren, ja, mein eigenes Fortbestehen.

Ein Zeugnis eines bewegten Lebens, welches das  Bild eines Schriftstellers und seines Schreibens malt, voller Authentizität, Offenheit und Verletzlichkeit.

Fazit:

Eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, die demütig macht, packt und mitfühlen lässt. Nicht pathetisch, nicht mitleiderregend, sondern menschlich und sympathisch.

(Imre Kertész: Dossier K., Hamburg 2008.)