Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung

Inhalt

„Vergewaltigung ist eine Form von sozialer Performance: Sie ist hochritualisiert. Sie variiert von Land zu Land und zwischen unterschiedlichen Zeiten. An Vergewaltigung ist nichts Zeitloses oder Zufälliges. Ganz im Gegenteil sind Vergewaltigung und sexuelle Gewalt tief in konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Umständen verwurzelt.“ (Joanna Bourke, Historikerin)

Über Vergewaltigung zu sprechen, ist nicht leicht für die Betroffenen, zu tief sitzen Scham- und Schuldgefühle. Vergewaltigung ist ein gewaltsamer Eingriff in die persönliche (körperliche und psychische) Integrität eines Menschen (mehrheitlich einer Frau) und es ist wichtig, dass wir einen Umgang damit finden, der Opfern eine Sprache gibt.

Mithu M. Sanyal analyisert in diesem Buch die historischen Umstände, die zu einer Kultur führten, in welcher Vergewaltigungen stattfinden. Sie zeigt auf, wie über Jahrhunderte Frauen abgewertet und damit zum Objekt für den Mann gemacht wurden. Sie erläutert, inwiefern eine Vergewaltigung nicht einfach ein einzelner gewaltsamer Akt ist, sondern ein strukturelles Problem. Zudem entwickelt sie Perspektiven, wie man dieses Problem auf individueller und struktureller Ebene verhindern kann.

Weitere Betrachtungen

„Ereignisse mögen objektiv sein, ihre Verarbeitung und Bewertung ist abhängig von einer ganzen Reihe persönlicher Faktoren (wie Ressourcen und Resilienz) und sozialer Bedingungen (Umfeld, Kultur, gesellschaftliche Wertvorstellungen etc.).“

Je nach sozialem Umfeld, nach dem eigenen Stand in der Gesellschaft und im Leben, trifft eine Vergewaltigung das Opfer anders und fällt die Auseinandersetzung damit schwerer. Studien zeigen, dass je nach Status in der Gesellschaft Opfer mehr oder weniger Misstrauen entgegenschlägt, dass auch die Art einer Vergewaltigung und inwiefern sie dem kulturellen Bild einer solchen entspricht, die Glaubwürdigkeit beeinflusst. Des Weiteren spielt auch die persönliche Veranlagung eine grosse Rolle im Umgang mit sexueller Gewalt.

„Sprache spielt nicht nur eine zentrale Rolle dabei, wie wir Vergewaltigung be- und verurteilen, sondern auch dabei, wie wir sie verarbeiten. Wir brauchen Narrative, um uns die Dinge, die uns geschehen, zu erklären, um sie erinnern zu können, und um unsere Innenwelt für die Aussenwelt sichtbar zu machen.“

Sexualität ist per se ein Tabu in unserer Gesellschaft, die weibliche sowieso, wird sie doch verneint, verteufelt oder aber verschwiegen. Das führt dazu, dass uns die Sprache fehlt, über solche Dinge zu sprechen. Sie fehlt umso mehr, wenn es darum geht, von Gewalt in dem Bereich zu sprechen, da Schuld und Scham Schweigen befördern. Es kann nicht gesagt werden, wofür man keine Worte hat, es kann auch nicht gesagt werden, wovon man fürchtet, dass es nicht gehört werden will oder gar verurteilt werden wird. Sanyal weist auf Susan Brownmillers Satzung hin,

„…, dass Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun habe, sondern alles mit Gewalt. Das war wichtig, weil sie damit klarstellte, dass Vergewaltigung nicht eine Spielart von Sexualität ist, sondern ein Verbrechen.“

Sexualität findet dann statt, wenn ein Konsens besteht, dass alle beteiligten Parteien das gleiche wollen. Ist dem nicht so, ist es keine Sexualität mehr, sondern Gewalt. Diese Unterscheidung ist wichtig, um eine Vergewaltigung als das zu sehen, was sie ist: Ein gewaltsamer Akt gegen einen Menschen. Daraus resultiert auch, dass der so zum Opfer gewordene Mensch keine Schuld trägt, weder durch seine Kleidung, sein Aussehen, sein Verhalten oder andere Eigenschaften. Jemand, der ein Nein nicht als Nein akzeptiert, verstösst gegen die Integrität eines anderen Menschen, verletzt seine Würde, zerstört ihn in seinem Wunsch auf Heil-Sein.

Persönlicher Bezug

„[bell] hooks erklärt […], dass die Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben und zu wertschätzen, ein elementarer Schritt zur Dekolonialisierung unserer Körper und Psychen ist. Schliesslich ist ein zentraler Aspekt von struktureller Unterdrückung, Menschen zu vermitteln, dass sie nicht denselben Wer haben – und damit nicht derselben Form der Liebe wert sind – wie weniger marginalisierte Gruppen.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über den Begriff der Vergewaltigung, deren Hintergründe und Bedingungen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Dr. Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin sowie Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt für WDR, SWR, Deutschlandfunk, Der Spiegel, The Guardian, taz, Missy Magazine, Vice etc. Ihre Bücher »Vulva« (2009) und »Vergewaltigung« (2016) wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die englische Ausgabe »Rape« wurde 2017 mit dem Preis Geisteswissenschaften International ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Roman »Identitti« (Hanser). Im selben Jahr erhielt Mithu Sanyal den Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Edition Nautilus GmbH; 3. Edition (23. November 2020)
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3960542452

5 Kommentare zu „Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung

  1. Wie nicht anders zu erwarten, schaue ich zuerst auf den Hintergrund jeglicher Kultur, und das ist das allgemeine Weltbild. Dieses ist männlich-patriarchalisch geprägt – sozusagen männliches fragmentierendes Teilchendenken. Das heißt nicht, dass alle Männer Patriarchen oder Machos sind, aber dass diese Persönlichkeitsstörungen toleriert bis gefördert werden. Da können aus Verbrechen durchaus mal „Kavaliersdelikte“ werden. (Man beachte die Verdrehung des Wortes „Kavalier“!).

    „Das Böse beginnt mit mangelnder Empathie“, so Reinhard Haller. Das ist die beste Definition, die ich je gehört habe. Bei sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung ist das ganz offensichtlich. Fehlt Empathie, werden Menschen als Gegenstände betrachtet, mit denen man alles tun darf, was man will, die man fallen lässt und in die Ecke stellt, wenn man sie nicht mehr (ge)braucht. Im Patriarchat sind das die Frauen. Auch sehr „liebevoll“ daherkommende Narzissten tun das, wenn sie ihre/n Partner/in auf eine Funktion reduzieren und alles Menschliche außen vor lassen.

    Das kommt dem (symbolisch!) männlichen Objektdenken entgegen, scheint für den Mann ganz „natürlich“. Sofern er nicht weiß, dass er eine Anima hat und auch seine weiblichen Anteile entwickeln und pflegen sollte. Männlich und weiblich ist eine prinzipielle Dualität, Mann und Frau sind in sich wieder männlich und weiblich in individuellem Verhältnis. Reine „Männlichkeit“ (symbolisch) ist das, was man als toxische Männlichkeit bezeichnet. Und diese Toxizität wird in einem Weltbild, das das weibliche Beziehungsdenken vernachlässigt bis verdrängt, gefördert.

    Empathische Menschen sehen andere nicht als Objekte, sondern als menschliche Beziehung. Erst durch Beziehung werden Menschen zu Menschen – und wird Empathie möglich. Das ist die „weibliche“ Sicht, die nicht Objekte, sondern Beziehungen sieht, und die nicht Teilchen oder Fragmente vor Augen hat, sondern das Ganze.

    Empathie ist der Gradmesser für Menschlichkeit. Wo Empathie fehlt, werden Menschen zu Gegenständen. Die Folgen sind Entwertung, Entwürdigung, Manipulation, Macht, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung/Verbrechen…

    Gefällt 2 Personen

    1. Ein Mensch darf nie Mittel sein, immer nur Zweck, sagte schon Kant. DIe Objektivierung der Frau hat eine lange Tradition (auch der oben genannte hat sich nicht mit Ruhm bekleckert bei der Herabsetzung der Frau), sie hatte schön und zu Diensten zu sein, alles an ihr war „zum Gebrauch“ bestimmt.

      Das Bewusstesin hat sich geändert, rein rechtlich ist das Patriarchat abgeschafft, aber die Strukturen funktionieren noch oft gleich, weil es sich in den Köpfen weiter trägt. Daran müssen wir arbeiten.

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  2. ein interessanter Beitrag zu einem quälenden Thema. Nicht wenige Kulturen (vielleicht sogar alle) sind auf Vergealtigung gegründet. ZB die Zwangsverheiratung der Danaerinnen (griechische Kultur), der Raub der Sabinerinnen (die römische Kultur), die Versklavung der Indiofrauen (lateinamerikanische Kultur) usw. Die Krieger, die fremde Landstriche vereinnahmten, hatten in der Regel keine oder sehr wenige Frauen dabei, also nahmen sie sich gewaltsam die Frauen, die sie vorfanden, um Nachkommen zu zeugen oder als Lustobjekte. In gewisser Weise waren die vergewaltigten und sogar die versklavten Frauen gegenüber ihren Landsleuten privilegiert, da sie die Söhne und Töchter der herrschenden Klasse zur Welt brachten und nicht selten ihre Männer indirekt beherrschten.
    Dadurch entstand in der Seele der Frauen eine schwierige Gemengelage, die sich heute, weniger dramatisch, in der Neigung mancher Frauen, sich „hochzuschlafen“ oder trotz großen Altersabstands als „Jungfrau“ einzuheiraten, ausdrückt. Es sind dann oft die älteren Frauen, die solche Verhaltensweisen sehr kritisch sehen oder den jungen (manchmal sogar ihren Töchtern) vorwerfen, ihnen die ältlichen Ehemänner durch sexualisiertes Auftreten abspenstig zu machen. Aber das ist ein anderer Aspekt des Themas weiblicher Sexualität . .

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    1. Es ist ein weites Feld und ja, es sitzt viel in den Köpfen fest, ganz unbewusst. All die von dir genannten beispiele und Themen müssten aufgearbeitet werden, das eigene Verhalten geprüft. Das erfordert a) die Bereitschaft, wirklich hinzuschauen, und b) die, etwas zu ändern gegebenfalls, mit der Gefahr, dann eigener Privilegien verlustig zu werden.

      Ein weites Feld…

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