Spätpubertäre Kinder und plakative Sprache

Mit folgendem Text wurde das Buch angekündigt:

„Vier Geschwister kehren in das elterliche Haus in der süddeutschen Provinz zurück. Joschi ist eigentlich nur ein Clochard, irgendwo zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Jakob ein Fernsehmann mit winziger Mansarde in Paris. Uli ein alternativer Aussteiger mit wechselnden Vorlieben. Nur Linda ist auch im Privatleben eine Macherin. Ihren Vater haben sie kaum gesehen, seit der sich von der »ungarischen Hure« pflegen lässt. Jetzt ist er tot. Morgen früh wird das Testament eröffnet, bis dahin muss das Erbe verteilt sein. Keiner verlässt das Haus – und nach einer langen Nacht kommt der Augenblick der Wahrheit.“

OttAuferstehungEigentlich hätte ich da schon wissen müssen, dass das nichts wird mit mir und dem Buch. Schon diese wenigen Zeilen haben so viel Plakatives in sich: Ein Clochard zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Wie soll man sich den bitte vorstellen? Wo haben die beiden Pole des gewählten Vergleichs eine Ebene, auf der man dann als Clochard in der Mitte sein könnte? Dann der alternative Aussteiger: Sind Aussteiger nicht per se alternativ, indem sie sich eben gegen ein Leben in einer Gesellschaft entscheiden, ein alternatives Leben dazu leben? Schlussendlich Linda, die im Privatleben eine Macherin ist. Was genau macht eine Macherin privat? Müsste sie nicht beruflich eine Macherin sein? Den Fernsehmann Jakob kann man stehen lassen, wenn auch nicht klar wird, wieso in einem so kurzen Text wichtig ist, dass er in einer winzigen Mansarde wohnt und die in Paris ist.

Leider hat schon der erste Satz bestätigt, was als leise Ahnung da war

Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob!

Ich mag grundsätzlich lange Sätze, auch Schachtelsätze, aber: Für diesen hier gibt es keinen Grund. Er wirkt nur gequält, in die Länge gezogen, krampfhaft um noch einen Einschub erweitert. Frühmorgens ist zudem immer dann, wenn es noch kaum Tag ist, und: Wieso hechelt sie? War sie vorher noch joggen? Und wenn sie ja froh ist über des Vaters Tod, was man aus dem „Gottlob“ entnehmen kann: Wieso stöhnt sie?

Nun kann man sagen, ich sei zu pingelig, aber solche Dinge sind schlicht und einfach Gründe für mich, ein Buch schnell zur Seite zu legen. Was so anfängt, wird sich kaum ändern. Ich wollte dem Buch aber doch eine Chance geben. Ich las also weiter. Der nächste Satz war leider nicht viel sinnvoller:

Was soll das heissen, dachte Jakob, obwohl doch klar war, was sie meinte.

Und danach ging es in einer Art innerem Monolog Jakobs weiter. Der Leser erfährt von einem Feind Lindas, der „das Schwein“ genannt wird, der hier Denkende sitzt zuerst mit den vier Geschwistern im Haus des Toten, dann denkt er an den Aufbruch zurück, dann an das, was er eigentlich hätte tun müssen. Er erzählt dem Leser von seinem Trotz gegen die Bitte seiner Schwester, sofort zu kommen, indem er extra langsam machte.

Wenn einer tot ist, kann er ruhig warten, es schmerzt ihn nicht, dachte Jakob und blieb noch ein paar Stunden, wie einer, der sich selbst zuschaut und denkst: Ich bin es, bin es nicht.

Ich weiss nun nicht genau, wie einer aussieht, der sich zuschaut und dabei denkt, er sei es oder aber auch nicht, da ich dies noch nie gemacht habe. Meistens bin ich mir eigentlich sicher, ich zu sein. Auf alle Fälle schaut sich Jakob noch ein wenig selber zu, sucht nach Trauer oder Selbstmitleid, denkt an die Eltern und die Kindheit zurück. Und so plätschert das Buch vor sich hin, strotzt nur so vor Absonderlichkeiten und plakativen Ausdrücken.

Nach knapp 50 Seiten habe ich aufgegeben. Aufgrund des Titels würde ich annehmen, dass der Vater gar nicht tot ist, sondern irgendwann wieder aufersteht. Daraus hätte man etwas Gutes machen können. Leider hat der Autor das nicht gemacht.

Fazit:
Spätpubertäre Kinder kommen zusammen, weil der Vater vermeintlich tot ist, und ziehen in plakativer Weise über alles und jeden her. Keine Leseempfehlung!

Zum Autor
Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen bei Ulm geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein Debütroman ›Ins Offene‹, für den er den Förderpreis des Hölderlin-Preises und den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Auch die nachfolgenden Romane ›Endlich Stille‹ und ›Ob wir wollen oder nicht‹ wurden mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (1999), dem Alemannischen Literaturpreis (2005), dem Preis der LiteraTour Nord (2006), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014). Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423145510
Preis: EUR 11.90 / CHF 16.90
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Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. […] Mit vier armen Reimen war ich zum Dichter der Familie geworden. Mit acht hatte ich nichts mehr zu schreiben.

DelacourtDer siebenjährige Edouard schreibt ein kleines Gedicht und wird von seiner Familie hochgelobt – er sei der Dichter in der Familie. Was so erfolgsversprechend beginnt, geht leider nicht so weiter, der Schreibfluss, zumindest der dichterische, versiegt, Werbetexte fliessen stattdessen aus der Feder, und auch sonst nimmt das Leben seinen Lauf: Falsche Frau, zerbrochene Familie und mittendrin Edouard, der immer noch nach dem – wie sein Vater einst sagte – heilenden Schreiben sucht.

Als Ich-Erzählung wird uns hier eine Geschichte fortlaufender Tragödien präsentiert, die in unzusammenhängenden Sätzen daher kommt. Weder werden die Figuren wirklich plastisch, noch stellt sich je ein wirklicher Erzählfluss ein, man hangelt sich als Leser von Moment zu Moment, fühlt sich irgendwie verloren – wohl etwas so verloren, wie sich der Ich-Erzähler selber in seinem Leben fühlt – und der Autor wohl in seinem Schreiben.

Das einzig Zusammenhängende in dem Roman ist der chronologische Ablauf, jedes neue Jahr beginnt mit einer Auflistung aktueller Filme, Bücher oder Musiktitel, was ein wenig Nostalgie aufkommen und selber zurückdenken lässt. Das reicht aber leider nicht, um auch in die Geschichte hineinzufinden – fast schon möchte man sagen: Welche Geschichte. Die wenigen, durchaus humorvollen, pointierten und gut beobachteten Episoden und Momentaufnahmen, die man doch findet, zeigen, dass der Autor es besser könnte, leider hat er es in diesem Buch nicht besser gemacht. Schade, denn der Stoff an sich hätte durchaus mehr Potential gehabt.

Fazit:
Ein sehr enttäuschendes Buch, das aufgrund der unzusammenhängenden Sätze und Absätze, der wenig plastischen Figuren und dem Fehlen eines einnehmenden Plots nicht zu überzeugen vermag.

Zum Autor:
Grégoire Delacourt
Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016). Homepage des Autors: HIER

Tobias Scheffel, geboren 1964, lebt in Freiburg/Breisgau. Er hat unter anderem Robert Bober, Fred Vargas ud Georges Perec übersetzt. 2005 wurde er mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik Taschenbuch (12. Juli 2017)
Übersetzer: Tobias Scheffel
ISBN-Nr: 978-3455404685
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Ich habe eit auf Instagram bereits zwei Durchgänge der #abcliteraturchallenge gemacht, daraus entstanden dann zwei Artikel hier im Blog:

Bei den ersten beiden Runden lief ich jeweils mit dem Nachnamen der Autoren das Alphabet ab. Nun habe ich eine dritte Runde durchgeführt, dieses Mal musste ein Wort des Titels mit dem entsprechenden Buchstaben des Alphabets beginnen. Es hat wieder unglaublich viel Spass gemacht, die einzelnen Bücher zu suchen, sie in die Hand zu nehmen, an die Lesemomente damit zurückzudenken. Dieses waren die Titel der dritten Runde

A: Theodor Fontane: L’Adultera
Dieser Roman von Theodor Fontane, er ist einer meiner liebsten, handelt von Liebe und Verrat. Er stellt den Beginn einer Reihe von Frauenromanen in Fontanes Werk dar und nimmt dabei als Ausnahme ein glückliches Ende.

B: Thomas Mann: Buddenbrooks
Die Saga um den Untergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie – ein wunderbares Buch von dem Schriftsteller, der mein Leben wohl wie kein anderer begleitet und auch geprägt hat. Ich war immer fasziniert von seiner Persönlichkeit, von seiner Familiengeschichte, sein Werk ist von einer Tiefe und Vielschichtigkeit, wie man sie sonst selten findet. Ich glaube, er ist wohl einer der Schriftsteller, die man entweder liebt oder hasst – so ein bisschen mögen geht kaum.

FoenkinosCharlotteC: David Foenkinos: Charlotte
Die Geschichte von Charlotte Salomon, die aus Berlin nach Südfrankreich flüchtet wegen den Nazis, wo sie für eine kurze Zeit ihren Traum vom Künstlerleben verwirklichen kann. „Das ist mein Leben“ – mit diesen Worten übergibt sie einem Vertrauten einen Koffer voller Bilder. Ein wunderbares Buch, das ich jedem nur ans Herz legen kann.
HIER die ganze Rezension.

D: Mitch Albom: Dienstags bei Morrie
Der vielbeschäftigte Journalist Mitch erfährt, dass sein ehemaliger Professor sterbenskrank ist. Einem ersten Besuch folgen regelmässige Dienstagsbesuche, die allen Beteiligten viel vermitteln. Ein Buch über das Leben und das Sterben, ein Buch voller Wärme und Tiefe. Auch sehr gelungen ist die Verfilmung. Auch das eine absolute Leseempfehlung!

E: Claire Fuller: Eine englische Ehe
Mehr „E“ im Titel ging kaum. Ein wunderbares Buch über die Liebe, das gelebte und das nur ersehnte Leben, über eine Ehe, über Verrat, Verlust, Sehnsucht. Hat mich sehr berührt.
HIER die ganze Rezension.

F: Erich Kästner: Fabian
Erich Kästners Fabian – eine Grossstadtsatire mit dem feinen Blick für die kleinen und grösseren Verlogenheiten der Gesellschaft.
HIER die ganze Rezension.

IMG_2862G: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch geht in „Mein Name sei Gantenbein“ der Frage nach, was Wirklichkeit eigentlich ist. Ein Mann steht im leeren Wohnzimmer, die Ehe ist gescheitert, und er fragt sich: Was ist wirklich geschehen? Und dann erfindet er seine eigene Geschichte…

H: François Lelord: Hektors Reise oder die Suche nach dem Glück
Der Psychiater Hector ist immer für seine Patienten da, doch es macht ihn traurig, dass er sie nicht glücklich machen kann. Das will er ändern und er reist im die Welt, um das Geheimnis des Glücks zu lüften. Ein wunderbares Buch!

I: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen
Irrungen, Wirrungen dreht sich um eine nicht standesgemässe Beziehung zwischen einem Baron und einer Näherin. Während die Verliebten den Standesunterschied ignorieren wollen, duldet die Gesellschaft und damit die herrschende Moral diese Liaison nicht…

J: Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott
Jugend ohne Gott- kann man nach einem Weltkrieg noch an Gott glauben? Oder wenn ein junger Mensch stirbt? Wie soll man sich verhalten, wenn die Gesellschaft offensichtlich in eine inhumane Richtung abdriftet? Wenn Menschen abgewertet werden aufgrund ihrer Hautfarbe? Mit diesen Fragen schlägt sich ein Lehrer in der Geschichte rum.

K: Christa Wolf: Kassandra
Kassandra, die Geschichte einer Königstochter und Seherin, die ihren eigenen Tod vorhersieht und diesen in Kauf nimmt, um nicht ihre Autonomie aufgeben zu müssen.
HIER ein Artikel zum Buch.

IMG_2839L: Thomas Mann: Lotte in Weimar        
Eines meiner Lieblingsbücher von Thomas Mann: Goethes Jugendliebe (Werthers Lotte) kommt nach 50 Jahren nach Weimar und will, selbst eine ältere Dame, den in die Jahre gekommenen Künstler besuchen. Thomas Mann selber nannte das Stück „lustspielhaft“, ich stimme ihm zu. Unbedingt lesen!!!!
HIER die ganze Rezension.

M: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank
Ein berührendes Buch, ein Stück Zeitgeschichte: Miep Gies hatte die Familie Frank lange versorgt in ihrem Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus, bis jemand die Familie verriet. Ein Buch, das ich sehr ans Herz legen möchte.

N: Doris Lessing: Das goldene Notizbuch
„Das goldene Notizbuch “ ist die Geschichte einer Frauenfreundschaft, eine Geschichte, die in London und Südafrika spielt in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

O scheint vergessen gegangen zu sein oder ich fand keines – ich weiss es gar nicht mehr. Ich hätte nun natürlich schummeln können und noch schnell eines einfügen, aber das mache ich nicht.

P: Theodor Fontane: Die Poggenpuhls
Die Geschichte der Witwe Poggenpuhl und ihrer drei Töchter und zwei Söhne, die nichts mehr haben als den „guten alten Namen und drei Krönungstaler“. Eine Milieustudie, ein Familienbild und ein Gesellschaftsbild, eine nett daherkommende Geschichte mit doppeltem Boden und kleinen Spitzen.
HIER die ganze Rezension.

Q: Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Ein grossartiges Buch: was ist wirklich passiert in Aurora vor 33 Jahren? Als das Skelett der damals verschwundenen Nola im Garten ihres einstigen Geliebten gefunden wird, gerät der Schriftsteller Harry Quebert in Tatverdacht.

R: Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker
Der schwerkranke Inspektor Bärlach im Kamf von Gut und Böse, sich immer wieder fragend: „Was ist der Mensch?“

S: Max Frisch: Antwort aus der Stille
„Stiller“ wäre wohl naheliegender gewesen, ich habe mich aber für dieses Buch entschieden: „Antwort aus der Stille“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der einen Berg bezwingen will und dabei immer auch mit sich selber kämpft.
HIER die ganze Rezension.

T: Rainer Maria Rilke: Das Florenzer Tagebuch
Zwar ist er bekannter für seine Lyrik, aber seine immensen Briefwechsel sowie die Tagebücher haben durchaus Werkcharakter und zeigen viel über Rilkes Wesen und seine Haltung zu seiner Umwelt.

IMG_2905U: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares
Pessoas Buch der Unruhe, die Geschichte des Hilfsbuchhalters Soares. Ein Buch über Träume, die Bilanzen des Lebens, die Masken im Alltag, das Nachdenken über das Leben und dessen Sinn.

V: Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Der berühmte Schriftsteller Gustav von Aschenbach fährt zur Erholung nach Venedig, verfällt einem Knaben und versucht bis zur eigenen Entwürdigung, Eindruck auf diesen zu machen.

W: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg
„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Mit diesen Büchern wollte Fontane die Mark Brandenburg bekannt machen, er wollte sie historisch und menschlich porträtieren und ihr so seinen Respekt zollen.

Mit dem X ist es jedes Mal dasselbe: Ich habe keines. Auch das Y fiel diesmal aus. Den Abschluss macht:

IMG_2920Z: Thomas Mann: Der Zauberberg
Die Geschichte von Hans Castorp, der sich mit der verführerischen Macht des Todes auseinandersetzt im Sanatorium in Davos, und der schliesslich in einem Traum einen quasi kategorischen Imperativ fürs Leben erfährt: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Mit dem Gedanken wacht er auf und kämpft sich ins Leben zurück.

Es war eine schöne Runde, ich glaube, ich mache wohl wieder einmal eine Runde. Ich muss mir noch überlegen, was ich dann als Kriterium nehme – eine Idee habe ich schon.

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Eines Tages fällt ihm plötzlich auf,
dass er seit drei jahren nicht mehr lachte.
Und nun prüft er seinen Lebenslauf,
was er denn inzwischen machte.[1]

HanuschekKästnerWer war er, der Mann, der die berühmten Kinderbücher Emil und die Detektive, das Fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton schrieb? Wer steckt hinter den bissigen und doch auch melancholischen Gedichten? Wer hinter den gesellschaftskritischen Romanen?

Sven Hanuschek macht sich auf die Reise, den Schriftsteller und Menschen Erich Kästner kennenzulernen. Er hat nicht viele Zeugnisse des Autoren selber, da sich Erich Kästner zeitlebens eher bedeckt hielt. Er gestaltet sein Bild anhand der vielen Briefe Kästners an seine Mutter, analysiert die Texte und ordnet sie in die Entstehungszeit und –situation ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der von klein auf kein einfaches Leben hatte, der erst unter dem Druck einer überstrengen und besorgten, aber auch ambitionierten Mutter stand, vor dem er in die Literatur, ins lesen flüchtete,

Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.

der auf ihren Wunsch hin erst Lehrer werden soll, dann aber mehr will und sich für ein Studium der Germanistik entscheidet, das er in Leipzig aufnimmt. Schon da schreibt er Kritiken für die Zeitung, etwas, das er lange aufrechterhalten wird.

Kästner liebt Bars und Cafés, in ihnen schreibt er, in ihnen lernt er aber auch die Menschen kennen, die später seine Romane bevölkern. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. Auch Kästner kam mit vielem nicht klar. Unter Hitler wird das besonders deutlich, da er einer der verbrannten Autoren ist – er wohnt der Verbrennung seiner Bücher als einziger Autor bei. Er wird nie emigrieren, sich aber später immer fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, es zu tun.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.[2]

Neben dem Schreiben sind noch seine Liebschaften und Beziehungen zu erwähnen. Kästner kann sich nicht auf eine Frau festlegen, zeitweise hat er 4 Verhältnisse gleichzeitig. Luiselotte Enderle ist die Frau, mit der er am längsten zusammen war – die Gründe dafür sind vielfältig. Sie ist es auch, die das Bild, das man von Erich Kästner hatte und oft noch hat, nachhaltig prägte, war sie doch seine erste Biografin und später auch Hüterin über Leben und Werk, welches sie nach eigenem Gutdünken zensierte und durch selektive Auswahl steuerte.

Sven Hanuschek besticht durch eine objektive, nie verurteilende, aber auch nicht verklärende Sicht auf Erich Kästner. Er geht den Weg durch das Leben Kästners chronologisch, flicht dessen Schreiben mal ausführlicher mit Inhalt und Rezeption, mal nur am Rande hinein. Entstanden ist so ein wunderbares Buch, das dem Moralisten und Dichter, dem Menschen und Schriftsteller Erich Kästner gerecht wird.

Fazit:
Ein muss für jeden Kästner-Fan, ein wunderbares Buch über einen spannenden Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen und trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sven Hanuschek
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 494 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag (Neuauflage 24. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3446257160
Preis: EUR 28 / CHF 36.90
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[1] „Ganz vergebliches Gelächter“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel
[2] „Sachliche Romanze“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel

Ein kleines bisschen Glück

…es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss.

harufSeelenAddie Moore und Louis Waters leben im kleinen Städtchen Holt, nur wenige Häuser voneinander, trotzdem kennen sie sich nur oberflächlich. Beide sind allein, ihre Partner sind verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und stellt ihm eine ungewöhnliche Frage: Ob er nicht ab und an für die Nacht zu ihr käme, damit sie einfach im Dunkeln nebeneinander liegen, reden und dann nicht allein einschlafen könnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kent Haruf ist mit Unsere Seelen bei Nacht eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die auf Kitsch und Romantik vollständig verzichtet und durch ihre stille Ehrlichkeit und Tiefe besticht. Die Geschichte zweier Menschen, die sich ihr Leben erzählen und all die Werte leben, die eine gute Beziehung ausmachen, geht zu Herzen. Erzählt wird die Geschichte im Aufsatzstil, in einer einfachen und eingängigen Sprache. Der Leser fühlt sich immer mittendrin, so unmittelbar und authentisch wird das Leben dieser beiden Menschen vermittelt.

Unsere Seelen bei Nacht ist die Geschichte einer späten Liebe, es ist aber auch eine Geschichte darüber, was Beziehungen ausmacht, eine Geschichte über die Fehler, die man in Beziehungen macht, eine Geschichte über das Leben. Der Mensch ist nie allein, er wird immer von anderen Menschen beeinflusst und in seinem Handeln geprägt oder gesteuert. Auch wenn sich Addie anfänglich vornimmt, nichts darauf zu geben, was andere denken, so muss sie doch lernen, dass das nicht ganz so leicht ist – irgendwann wird sie vor die Wahl gestellt und muss sich entscheiden.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, einnehmendes Buch über die Liebe, das Leben und darüber, was Menschen prägt und sie leitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Kent Haruf
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. Unsere Seelen bei Nacht ist sein letzter Roman, den er kurz vor seinem Tod beendete.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Diogenes Taschenbuch (22. März 2017)
Übersetzung: Pociao
ISBN: 978-3257069860
Preis: EUR 20/ CHF 29.90
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Dichtung und Wahrheit

Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es wr ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer.

SwiftFesttagJane, eine Waise, arbeitet als Dienstmädchen bei einer reichen Familie. Dass sie daneben eine Beziehung zu Paul hat, dem Sohn einer mit ihren Arbeitgebern befreundeten, ebenso wohlhabenden Familie, ist ihr Geheimnis. Sie wird es nie jemandem erzählen. Am 30. März 1924 wird sie das letzte Mal mit Paul zusammen sein, denn Paul heiratet bald standesgemäss. Es ist nochmals eine Chance, für eine kurze Zeit ein Glück zu geniessen, das nachher blosse Erinnerung ist. Danach wird alles anders sein. Wie sehr, ahnt sie mittags um 12 noch nicht, erst gegen Abend ist ihr klar: Es wird nie mehr sein, wie es mal war.

Graham Swift schreibt in einer wunderbar flüssigen, klaren, poetischen Sprache über die Geschichte der jungen Jane, die allein in der Welt, sich ihren Ort darin sucht. Jane ist belesen, tiefgründig. Sie hat ein Faible für Wörter, hinterfragt diese – was läge näher, als dass sie später Schriftstellerin wird? Mit 90 blickt Jane auf ihr Leben zurück und erzählt ihre Geschichte.

Ein Festtag ist ein Buch über die Gesellschaftsverhältnisse im England der 20er Jahre, ein Buch über Literatur, das Schreiben, Wörter. Es ist ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Weg einer Frau, die sich ihren Weg von ganz unten nach ganz oben erarbeitet hat. Es ist ein Buch über Geheimnisse und Geschichten, ein Buch darüber, wo Dichtung anfängt und Wahrheit aufhört – und umgekehrt. Es ist ein wunderbares Buch!

Fazit:
Ein wunderbar berührendes, tiefgründiges, poetisches Buch über eine junge Waise, die als alte Schriftstellerin über ihr Leben erzählt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Übersetzerin
Graham Swift, geboren 1949 in London, wo er auch heute lebt. Nach dem Studium in Cambridge arbeitete er zunächst als Lehrer. Seit seinem Roman ›Wasserland‹, der mit Jeremy Irons verfilmt wurde, zählt er zu den Stars der britischen Gegenwartsliteratur. ›Letzte Runde‹, wurde 1996 mit dem Man Booker-Prize ausgezeichnet und, hochkarätig besetzt, von Fred Schepisi verfilmt. Zuletzt erschien der hochgelobte Erzählungsband ›England und andere Stories‹. ›Ein Festtag‹, in siebzehn Sprachen übersetzt, wurde enthusiastisch als sein herausragendes Werk gefeiert und auf Anhieb ein internationaler Bestseller.
Susanne Höbel, geboren 1953, lebt in Südengland und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Übersetzerin englischer und amerikanischer Literatur.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2004)
Übersetzer: Susanne Höbel
ISBN-Nr.: 3423281103
Preis: EUR 18 / CHF 26.90
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Mörderjagd auf dem Dorfe

Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne – man kann nicht sagen – erfreut; denn Margareth soll sehr gewint haben, als man ihr das Kind reichte.

DrosteJudenbucheFriedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter zwar herzensgut, nach dem Tod ihres Mannes aber mit allem überfordert und mausarm, lernt er schon früh die Härte des Lebens kennen. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird, zumal dieser ihn kurz zuvor auf einer öffentlichen Feier blossgestellt hat.

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen und porträtiert eindrücklich das Leben auf dem Lande im 19. Jahrhundert.

Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Auf anschauliche Weise erfährt man von den Intrigen und Machenschaften der kleinen Ganoven sowie von den Verurteilungen derer, die den allgemeinen Ansprüchen nach einem guten und richtigen Leben nicht genügen.

Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Dörlemann Verlag ist durch ein Nachwort der Autorin Droste-Hülshoff sowie einen kleinen Lebenslauf derselben ergänzt und besticht durch seine liebevolle und hochwertige Gestaltung.

Fazit:
Eine kurzweilige, kriminalistisch anmutende Novelle aus dem 19. Jahrhundert liebevoll neu aufgelegt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Annette Droste-Hülshoff
Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Dörlemann (15. August 2016)
ISBN: 978-3038200376
Preis: EUR 14 / CHF 22.90
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