«Wichtig ist, was man während des Lesens erlebt, die Gefühlszustände, die eine Geschichte hervorruft, die Fragen, die einem dazu einfallen, und nicht die fiktionalen Ereignisse, die geschildert werden.» Sigrid Nunez
Draussen regnet es, obwohl die Woche eigentlich als sonnige angekündigt war. Gestern drehten die Prognosen, zeigten Regen auf den heutigen Abend. Er hat es vorgezogen, schon früher vom Himmel zu strömen. Ich sitze hier, höre das Prasseln, lese mich durch die verschiedenen Bücher, die meine aktuellen Lektüren sind. Eines habe ich gerade beendet, dafür ein neues begonnen, drei weitere lese ich nebenher, dazu liegt irgendwo noch ein Magazin über Freundschaft, durch das ich mich dann und wann blättere, es in Häppchen aufnehme.
Während ich in einem meiner Bücher lese, kommt mir der Gedanke, dass immer mehr Romanen die Geschichten abhanden zu kommen scheinen. Sie hangeln sich erzählten Ereignissen, Beobachtungen, Gedanken entlang und scheinen kein Ziel zu haben. Irgendwann sind sie fertig. Manchmal war ich schon viel früher an ein Ende gelangt und fand den Rest nur noch überflüssig, es kommt aber auch vor, das mir am Ende das Ende fehlt. Nabokov schrieb einmal, dass nicht der Autor, sondern der Leser bestimme, wann ein Buch zu Ende sei. Da könne er es dann zuschlagen und sich neuer Lektüre widmen. Da steht mir manchmal die Neugier im Weg: Es könnte noch was kommen. Tut es meist nicht.
Ich sitze im Licht der Lampe, weil von draussen kaum welches hereindringt, hänge meinen Gedanken nach und bin gespannt, wohin mein Tag noch führt.
Und wieder ist ein Monat vorbei, ich blicke gerne auf ihn zurück. Begonnen habe ich ihn in der Sonne Spaniens, die ich mit allem, was dieses Land mir gibt, genossen habe. Trotzdem komme ich immer gerne wieder heim, was wohl mehrheitlich auch daran liegt, dass hier all meine mir wichtigen Sachen sind, allen voran meine Bücher. Es kommt doch oft vor in Spanien, dass mir etwas in den Sinn kommt, ich ein bestimmtes Buch lesen möchte, von dem ich genau weiss, wo es zu Hause steht. Dann beginnen das Warten und die Ungeduld – ich möchte es aus dem Regal nehmen.
Lesend habe ich mich in die Tiefen der Spannung begeben und wurde selten enttäuscht. Zwei Abbrüche hatte ich, doch ich habe vergessen, was es war, da ich es nicht aufgeschrieben habe. Eigentlich auch nicht wichtig. Ansonsten wurde ich gut unterhalten von Nele Neuhaus, Sebastian Fitzek, Raymond Chandler, Vincent Kliesch und einigen mehr. Neben all der Literatur las ich bei Stephen King und James N. Frey, wie man diese schreibt und tauchte in die Welt der Forensik ein. Fürs Gemüt las ich, Goethe mahnte dazu, jeden Tag Gedichte und folgte zudem Uwe Wittstock nach Marseille, wo ich mehr über das Schicksal der Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg erfuhr.
Hier ist meine Leseliste:
David Baldacci: Gefährliches Komplott
Mickey Gibson kündigt wegen ihrer Mutterschaft den Polizeidienst und arbeitet von zu Hause bei einer Firma, die Vermögen aufspürt. Als sie von einer ihr unbekannten Mitarbeiterin in dieser Funktion zu einem Haus geschickt wird, um ein Inventar zu erstellen, denkt sie sich nichts dabei und läuft damit in die Falle einer Betrügerin. Nicht nur stösst sie im Haus auf eine Leiche, deren Mord ihr angelastet wird, sie muss auch um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes bangen, wenn sie der Betrügerin nicht hilft, etwas zu finden, das diese haben will. Bald ist nicht mehr klar, wem sie überhaupt noch trauen kann und ob sie aus dieser Sache heil rauskommt.
4
Raymond Chandler: Das hohe Fenster
Eine reiche Wittwe beauftragt Marlowe, eine verschwundene Goldmünze zu finden, im Verdacht steht die Schwiegertochter, ehemalige Nachtclubsängerin und damit von Anfang an nicht genehm. Die Spur führt Marlow in ein dichtes Netz von Schurken und Verbrechen, ein schneller Wechsel zwischen Personen und Schauplätzen, alles getragen von einer lakonischen Sprache und grossartigen Bildern.
4
Linus Geschke: Wenn sie lügt
Eine Clique geht durch dick und dünn miteinander, dann verliebt sich ein Mädchen, Norah, in den Falschen, einen Bad Boy. Alles bröckelt, keiner mag ihn und er will sie für sich. Ein Mord passiert, es war der Bad Boy, der kurz darauf stirbt. Die Leiche wird allerdings nie gefunden. Die Clique bricht auseinander, Goran, Norahs bester Freund, zieht nach Berlin. Als 20 Jahre später anonyme Briefe bei Norah auftauchen, kann eigentlich nur der vermeintlich Tote der Absender sein. Kann das sein? Wer hätte noch einen Grund für Rache? Goran kehrt in das Dorf zurück und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Doch da liegen Geheimnisse in der Luft, ohne deren Aufklärung die Wahrheit nicht zu finden ist. Werden sie früh genug gelüftet, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt?
5
Stephen King: Das Leben und das Schreiben
Stephen King gibt Einblicke in sein Leben und seinen Schreibprozess: Wie geht er vor, wenn er einen Roman schreibt, welches Gewicht haben welche Teile, was soll man dringend vermeiden, worauf achten? Ein persönliches, ein informatives und unterhaltsames Buch, das immer wieder schmunzeln lässt.
5
Nele Neuhaus: Muttertag
Der ehemalige Betreiber einer stillgelegten Fabrik wird in seinem Haus tot aufgefunden. Bei den Ermittlungsarbeiten machen Pia Sander und Oliver von Bodenstein einen grausigen Fund: Drei Leichen, allesamt Frauen, alle an einem Sonntag im Mai verschwunden – nicht an irgendeinem Sonntag, sondern am Muttertag. Was verbindet die Opfer? Die Suche nach dem Täter ist ein Wettlauf mit der Zeit, da der nächste Muttertag vor der Tür steht.
5
Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben
Als in einem Dorf zwei Mädchen ermordet werden, ist der Täter schnell gefunden und verurteilt: Tobias Sartoriius, der mit beiden befreundet gewesen war. Nach 10 Jahren Haft, in denen er immer seine Unschuld beteuerte, kehrt er in sein Heimatdorf zurück, wo ihn keiner haben will, ausser der jungen Amelie, die in einer Dorfbeiz jobbt und Zeugin eines Gesprächs wird. Sie freundet sich mit Tobias an und beginnt, auf eigene Faust die Wahrheit zu suchen. Als sie plötzlich verschwunden ist, geht es um alles: Werden Pia und Oliver die verschwundene Amelie lebendig finden? Dazu müssen sie den Fall vor 10 Jahren lösen.
5
Nele Neuhaus: Eine unbeliebte Frau
Ein Oberstaatsanwalt bringt sich mit einer Ladung Schrott um, eine junge Frau stürzt sich von einem Turm. Schnell stellt sich heraus, dass sie keinen Selbstmord begangen hat, sondern umgebracht wurde. Die Suche nach dem möglichen Täter bringt eine Menge Feinde ans Licht, niemand scheint die Frau wirklich gemocht zu haben. Bodenstein und Kirchhoff müssen ihren ersten gemeinsamen Fall lösen und verlaufen sich dabei mehrfach, während sie Einsicht in immer tiefere Verstrickungen und Verbrechen gewinnen. Grossartiger Plot, stimmige Figuren, gut umgesetzt.
5
Sebastian Fitzek: Der Seelenbrecher
Caspar liegt mit einer Amnesie in einem Luxussanatorium, es ist kurz vor Weihnachten, aber alles andere als besinnlich: Ein gesuchter Verbrecher, der Seelenbrecher ist mit den andern Insassen in dem Sanatorium eingeschlossen, es gibt kein Entkommen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Wer ist der Seelenbrecher, wer sein nächstes Opfer und wer ist Caspar selbst? Wie hängt er in all dem drin? Ein grosses Hin und Her, ich fand irgendwie nicht richtig in die Geschichte rein, die vom Inhalt her so spannend geklungen hätte.
3
Uwe Wittstock: Marseille 1940
Menschen auf der Flucht. Schriftsteller, Denker und intellektuelle Grössen fliehen vor einem Regime, das ihren Tod will. Wo sie auch hinkommen, sich kurz in Sicherheit wissen, merken sie bald, dass sie auch da nicht bleiben können. Als Vertriebene an allen Orten kommen sie nach Marseille, in der Hoffnung, von da den Weg weg vom Kontinent zu schaffen. Doch auch hier waltet der Amtsschimmel, die Bürokratie hat unüberwindbar scheinende Hürden aufgebaut. Ein intensives Buch, ein bewegendes Buch, ein Buch, das zeigt, wie Menschen plötzlich durch alle Maschen einer sicher scheinenden Gesellschaft fallen können, weil ein Unrechtsregime alle Fäden in der Hand hat.
5
Niamh Nic Daéid, Sue Black: Forensik in 30 Sekunden
Teilaspekte der Forensik in gut lesbaren, informativen und einen ersten Einblick gewährenden Weise präsentiert. Eine kompetente und kurzweilige Einführung.
4
Vincent Kliesch (nach einer Idee von Sebastian FItzek: Auris. Tödlicher Schall.
Hegels früherer Freund Veith Vries, der langsam vom Genie in den Wahnsinn abgleitete, hegt einen jahrzehntelangen Hass gegen Hegel. Als der Krebs ihn in Kürze aus dem Leben nehmen wird, hat er nichts mehr zu verlieren und ersinnt ein perfides Spiel, um an Hegel Rache zu üben. Der Weg zum Finale ist mit Leichen gepflastert, es gibt nur einen, der Vries gewachsen ist. Wird Hegel früh genug herausfinden, was geplant ist? Es steht viel auf dem Spiel, denn Vries’ Ziel ist einerseits eine grausame Rache an Hegel und andererseits ein monströses Verbrechen, das ihn über den Tod hinaus berühmt machen soll.
5
Patrick Rottler, Leo Martin: Die geheimen Muster der Sprache
Anhand von konkreten Beispielen aus seinem Arbeitsalltag sowie theoretischen Informationen zur Bearbeitung und Analyse von Textbeispielen zur Eruierung der Autorschaft beschreibt der Sprachprofiler Patrick Rottler sein Handwerk. Abgerundet wird das Buch durch Hinweise, wie Kommunikation besser gelingen, wie Lügen enttarnt und wie Menschen und Situationen besser verstanden werden können.
4
Freida McFadden: Sie kann dich hören
Millie ist froh, eine neue Putzstelle gefunden zu haben, weil sie das Geld dringend braucht. Als sie bemerkt, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht der nette reiche Mann ist, für den sie ihn hielt, sondern ein gewalttätiger Ehemann, kann sie nicht anders: Sie muss der armen Frau helfen, selbst wenn sie das wieder selbst in Probleme stürzt, wie damals, als sie wegen einer solchen Hilfsaktion gar im Gefängnis landete – etwas, von dem ihr aktueller und so perfekter Freund noch nichts weiss, weil Millie fürchtet, er könnte sie verlassen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Geschichte geizt nicht mit Twists und nimmt immer mehr Fahrt auf.
4
James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt
Ein Schreibratgeber nach bewährtem Muster. In Anlehnung an sein – man möchte schon fast sagen – Standardwerk «Wie man einen verdammt guten Roman schreibt» blickt James N. Frey hier auf Thriller und zeigt auf, was es braucht, einen nicht nur guten, sondern verdammt guten zu schreiben. Das «verdammt gut» geht mit der Zeit auf die Nerven, doch die Tipps und Übungen sind durchaus hilf- und aufschlussreich. Das Buch eignet sich nicht nur für Menschen, die wirklich einen Thriller schreiben wollen, sondern es gibt auch Einblicke in das Handwerk der Autoren, die dem Leser einen neuen Blick auf seine Lektüre ermöglichen.
5
James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt
Das gleiche wie beim Thriller, einfach auf den Kriminalroman angewendet. Für einen an Schreibprozessen interessierten Menschen ein wirklich unterhaltsames Buch.
5
Marc-Uwe Kling: Views
Eigentlich sitzt die BKA-Kommissarin Yasira Saad bei einem Tinderdate, als ihr Gegenüber ihr ein verstörendes Video zeigt: Die vor drei Tagen verschwundene, 16-jährige Lena Palmer wird von drei Ausländern missbraucht, ein vierter filmt. Nicht nur fürchtet Yasira neues Öl ins Feuer der rechtsgesinnten Bevölkerung, sie weiss auch, dass die Zeit knapp wird. Können sie und ihr Team das vermisste Mädchen lebend finden und ist es möglich, die drohende Lynchjustiz zu verhindern? Und plötzlich scheint nichts mehr klar zu sein: Was ist wirklich passiert? Was spannend klingt, war leider ein Kampf zum Lesen und es endete mehr als unbefriedigend.
«Ich bin starr vor Angst. Mein Urteilsvermögen hat mich schrecklich getäuscht. Ich habe eine extrem gefährliche Person unterschätzt. Und jetzt werde ich den höchsten Preis dafür bezahlen.»
Gar unbedarft ging ich ans Lesen dieses Buchs. Zwar schwirrte irgendwo im Hinterkopf, dass es ein ähnlich aussehendes Buch gibt, doch dass dies die Vorgeschichte zu diesem hier darstellte, war mir nicht klar.
«Und für jemanden wie mich ist es nicht leicht, eine andere Arbeit zu finden. Nicht mit meiner Vorgeschichte.»
So stolperte ich immer wieder über diese geheimnisvollen Andeutungen der Protagonistin Millie zu ihrer Vergangenheit, dachte anfangs, das sei geschickt gemacht, um die Spannung zu erhöhen, nervte mich bald, da es ein wenig zu oft vorkam. Hätte ich gewusst, was früher passiert ist, wären diese Andeutungen in einem ganz anderen Licht erschienen. Worum geht es?
«Ich weiss nicht, woran es liegt, aber irgendetwas in der Wohnung ist mir nicht ganz geheuer.»
Millie ist froh, eine neue Putzstelle gefunden zu haben, weil sie das Geld dringend braucht. Als sie bemerkt, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht der nette reiche Mann ist, für den sie ihn hielt, sondern ein gewalttätiger Ehemann, kann sie nicht anders: Sie muss der armen Frau helfen, selbst wenn sie das wieder selbst in Probleme stürzt, wie damals, als sie wegen einer solchen Hilfsaktion gar im Gefängnis landete – etwas, von dem ihr aktueller und so perfekter Freund noch nichts weiss, weil Millie fürchtet, er könnte sie verlassen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Geschichte geizt nicht mit Twists und nimmt immer mehr Fahrt auf.
Anfangs haderte ich mit der Sprache, die mir nicht entsprach. Die Geschichte hatte aber doch etwas, das mich nicht losliess, so dass ich immer weiterlas und mit der Zeit auch die Sprache insofern ausblenden konnte, als sie mich nicht mehr störte – vielleicht hatte ich mich auch daran gewöhnt.
«Brock ist perfekt, und seine Familie ist perfekt, und ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein, es ist überhaupt nicht komisch.»
Das Buch hätte gut ein genaueres Lektorat vertragen, es kamen doch viele Wiederholungen vor, der gute Brock war zu perfekt, die ständigen Wiederholungen, dass er endlich erfahren müsste, was Millie vor seiner Zeit getrieben hat, etwas gar überbordend.
Die Geschichte geht sehr gemächlich los, scheint mehr eine Beziehungsgeschichte zwischen Millie und Brock zu sein als ein Krimi, kommt dann langsam in die Gänge, um schliesslich im wilden Galopp vorwärts zu preschen, einen Twist nach dem anderen einzuführen, bis hin zum Finale, das nochmals eine Überraschung birgt.
«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.» Paul Auster
Ich war sehr suchend und immer wieder findend, um wieder zu verwerfen und neu zu suchen. Und manchmal suchte ich nicht mal, merkte nur, dass ich noch nicht gefunden habe. Und ich ermahnte mich zu mehr Geduld und fand sie nicht. Das war die Grundstimmung im Mai. Zu schreiben, was diesen Monat sonst geprägt hat, fällt mir schwer, er ist mir bei all dem sprichwörtlich zwischen den Fingern zerronnen. Ich habe viel geschrieben, viel gelesen, wobei ich selbst die Fülle des Lesens nicht wirklich realisiert habe, sondern immer dachte, ich käme zu wenig dazu – die Liste belehrte mich eines Besseren. Was ich aber weiss: Es waren grossartige Lektüren.
Nachdem ich mit André Gorz die Liebe gefeiert habe und berührt wurde, tauchte ich in die Welt Simone de Beauvoirs zurück, las von ihren Reisen, Lektüren, ihrem Schreiben und der politischen Lage ihrer Zeit. Mit Lena Gorelik erforschte ich, was Herkunft bedeutet und wie sie uns prägt. Bei Sartre erfuhr ich mehr über dessen Kindheit und bewunderte seine grossartige Sprache, seinen Humor. Ich tauchte in das Leben von Paul Auster ein, nachdem er selbst gestorben war, und habe mich verliebt in seine Sprache und seine Art des Erzählens. Ich litt mit Tove Ditlevsen und war erschüttert über Salman Rushdies Bericht darüber, wozu Menschen in der Lage sind und was sie damit bewirken. Zum Glück fand Salman Rushdie einen guten Umgang damit: Er schrieb darüber. Und ich las übers Schreiben und Stehlen und Sterben und Erzählen – ach, es war so viel und es war grossartig.
Im Juni stehen noch einige Memoirs an, zudem möchte ich mal wieder historische oder Gesellschaftsromane lesen. Ein paar liegen schon bereit, sie werden mit mir nach Spanien reisen, denn es ist wieder so weit. Leider nicht für lange dieses Mal.
Was habt ihr im Mai gelesen? Habt ihr schon (Lese-)Pläne für den Juni?
Die ganze Mai-Liste findet sich hier:
André Gorz: Brief an G. Geschichte einer Liebe
Nach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine diese wundervolle Liebeserklärung, die voller Tiefe, Wärme, Poesie ist. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Bei aller Liebe geht André Gorz aber auch hart mit sich ins Gericht und schilt sich einiger Fehler, denen er mit dieser Schrift entgegenwirken möchte. Berührend!
6 von 5
Simone de Beauvoir: Alles in allem
Simone de Beauvoir geht weiter in ihrer Lebensgeschichte, dieses Mal nicht mehr ganz chronologisch, sondern oft auch thematisch. Im Grossen und Ganzen behandelt sie die 60er-Jahre, erzählt von gemeinsamen Reisen mit Sartre, von ihrer Beschäftigung mit Musik, Kunst und Kultur, von ihrem Schreiben und sehr intensiv auch von den globalen politischen Ereignissen.
5
Lena Gorelik: Wer wir sind
Was nehmen wir mit, wenn wir fliehen müssen, was lassen wir zurück? Wie prägt uns unsere Herkunft, unsere Familie, wie sind wir mit ihr verbunden? Die Geschichte eines Aufwachsens als Tochter und Enkelin, als Mitglied einer Familie mit all ihren Brüchen, Umbrüchen, Erlebnissen und Prägungen. Ein persönliches Buch, das sich Erinnerungen entlang tastet, diese durch das Schreiben verständlich und erfahrbar macht. Der Sog der Sprache, die so eigen ist, zieht am Anfang in die Geschichte herein, lässt dann aber nach und nach und ein Gefühl der Länge auftauchen.
4
Yasushi Inoue: Meine Mutter – abgebrochen
Im Alter zieht die Mutter des Autors zu ihm und seiner Familie. Das Buch handelt von diesem Zusammenleben mit der älter werdenden Mutter mit all ihren Vergesslichkeiten und Eigenheiten, sowie von Gedanken darüber und über die Vergangenheit und die Erinnerungen daran. Mich hat es nicht überzeugt, das Buch blieb seltsam blass und distanziert, so dass ich keinen wirklichen Zugang fand.
Jean-Paul Sartre: Die Wörter
Sartres Erinnerungen an seine Herkunft, auf seine Familie, auf seine Schreibanfänge und darauf, was ihm das Schreiben bedeutet, wofür es steht. Ein sehr analytischer, selbstkritischer, teilweise ironischer, schonungslos offener Blick auf sich selbst und die eigenen Eigenheiten und auch Selbstüberschätzungen.
5
Gisèle Halimi: Alles, was ich bin. Tagebuch einer ungeliebten Tochter
Gisèle Halimi schreibt über ihr Aufwachsen mit einer Mutter, die sie nicht liebt. Sie analysiert, wie es zu dieser fehlenden Liebe kommen konnte, wie das ihre Kindheit, ihr Aufwachsen und ihr Sein prägte. Was bewirkte dieses Ungeliebtsein in ihrem Leben, wie beeinflusste es ihre Ziele und ihre Haltung im Leben. Sie breitet ihr Leben von der Kindheit bis zum Tod der Mutter aus und lässt den Leser durch das Erzählen der Geschichten, wie alles war, teilhaben.
3
Rebecca F. Kuang: Yellowface
Athena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen. Ein Buch Themen wie das Schreiben, den Buchmarkt, Rassismus, Aneignung und die Frage, wer Autor eines Werkes ist. Und vieles mehr.
4
Paul Auster: Bericht aus dem Innern
Paul Auster erinnert sich an seine Kindheit, an sein Aufwachsen und seinen Weg hin zum Schreiben. Er spricht sein kleines Ich an, geht in den Dialog mit ihm, erzählt ihm, was war und wie er es aus der heutigen Sicht sieht. Und er nimmt den Leser mit auf diese Reise, die eine persönliche ist, eine Reise in sein Inneres, das er herausholt und sichtbar werden lässt.
6 von 5
Veronika Reichl: Das Gefühl zu denken
Geschichten vom Lesen, davon, wie das Lesen und die Lektüre das eigene Leben prägen, wie sie ins Leben eingreifen, weil man sich dem Lesen hingibt und nach Antworten sucht, die man schlussendlich nicht in den Büchern, sondern in den eigenen Gedanken zu diesen finden. Veronika Reichl hat diverse Interviews und Gespräche zum Thema Lesen geführt und diese in die in diesem Buch enthaltenen Erzählungen fliessen lassen.
3
Paul Auster: Winterjournal
Paul Auster erzählt aus seinem Erwachsenenleben, er zählt auf: Seine Behausungen, seine Lieben, seine Verletzungen, seine Reisen, Begegnungen mit dem Tod und vieles mehr. Es sind dieses Mal mehr die äusseren Dinge im Blick, und doch prägen auch die ganz tief. Davon handelt dieses Buch.
5
Marjan Slobo: Der leere Himmel. Lob der Einsamkeit – abgebrochen
Marjan Slobo erkundet das Gefühl der Einsamkeit, sieht es in einer mangelnden Verbundenheit mit der Welt begründet und vor allem auch in der menschlichen Fähigkeit des Selbst-Bewusstseins, durch welches wir diese mangelnde Verbundenheit und die Gefühle, die diese hervorruft mittels Sprache wahrnehmen. Sie beruft sich dabei auf Daniel Dennett, verweist auf Philosophen und Literaten, Filme und Musik. Sie mäandert in ihrem Text durch die verschiedensten Bereiche, ohne die konzis auf das Thema zu beziehen, so dass es an Stringenz fehlt. Viele Wiederholungen, falsche Schlüsse (die Logik stimmt nicht) und eine gewisse Ziellosigkeit führten zum Abbruch meinerseits. Schade, das Thema hätte mich interessiert.
Tove Ditlevsen: Abhängigkeit
Tove Ditlevsens Erinnerung an ihre Ehen, ihr Abdriften in die Abhängigkeit nach Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Die Geschichte einer Flucht in eine Scheinwelt, weil die wirkliche nicht ertragbar war, die Geschichte des Kampfes, sich mit der Wirklichkeit wieder zurechtzufinden und den Weg aus der Sucht zu schaffen. Ein eindringlicher Roman, der einen durch die Sprache, durch die Unmittelbarkeit, mit der das beschriebene Leben aus den Zeilen spricht, fesselt und nicht mehr loslässt.
5
Salman Rushdie: Knife
In «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.
5
Oskar Negt: Überlebensglück – abgebrochen
Oskar Negt ist es gelungen, aus einer durch Flucht geprägten Kindheit auf dem Bauernhof den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum mit Universitätsabschluss zu schaffen. Davon handelt diese Autobiografie. Sie beleuchtet die Hintergründe, weswegen die einen als Gebrochene und Opfer, die anderen als Kämpfer und Gesunde aus schwierigen Lebensumständen hervorgehen. Er schaut auf Theorien und behandelt Philosophien und schafft damit eine Distanz zum Gegenstand einer Autobiografie – zu sich selbst. Ich habe ihn verloren in all den Zeilen und irgendwann abgehängt.
Sigrid Nunez: Sempre Susan
Ein sehr persönliches Porträt von Susan Sontag. Sigrid Nunez ist 25, als sie beginnt, für Susan Sontag zu arbeiten. Bald zieht sie bei ihr ein, ist die Freundin von deren Sohn, mit dem sie zusammen ist. Ein Zusammenleben, das aufreibend ist, das sie in eine Mutter-Sohn-Dynamik hineinzieht, in welcher eine dritte Person einen schweren Stand hat. Es ist ein schonungsloser Blick, aber kein verletzender, ein ehrlicher, unverstellter, der sowohl Hochachtung wie auch Unverständnis ausdrückt, die Sigrid Nunez Susan Sontag in verschiedenen Situationen entgegenbringt.
4
Joan Didion: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben
Essays über sich, ihr Leben und die Welt – vor allem auch die der Kunst und des Films, der Künstler und Bohemiens – um sich. Einblicke und Analysen, persönlich und klar, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit Amerikas in den Sechzigerjahren.
4
Nelio Biedermann: Anton will bleiben
Nach seiner Krebsdiagnose überlegt Anton, wie er das verbleiende Jahr verbringen könnte, um in die Geschichte einzugehen, schliesslich sollte nach seinem Tod etwas von ihm zurückbleiben. Er versucht sich im Schreiben, mit Fotografieren, Malen, Philosophieren. Er schliesst neue Freundschaften, macht eine Reise, überzeugt einen Jungen mit Selbstmordabsicht von der Schönheit des Lebens. Nur der ewige Ruhm, der scheint ihm nicht gegönnt. Oder doch?
4
Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt
Ein Blick hinter die Kulissen von Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Eine Analyse seiner Lektüren, Interessen und der historischen und lebensnahen Kontexte und daraus abgeleitet ein Bezug zu einzelnen Texten. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor, einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.
4
Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an
Papa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie. Berührend. Bewegend. Tief.
Während meine Tagesstrukturen immer gleich sind (was von anderen oft belächelt oder gar verspottet wird, aber dem Umstand geschuldet ist, dass das selbständige Tun eines Menschen, der im Kopf immer von diversen Reizen in verschiedene Richtungen getrieben ist und herumschwirrt zwischen Themen und Orten und Projekten und Gedanken und Ideen, einer äusseren Struktur bedarf, da er sonst a) den Halt verliert und b) die Disziplin nicht aufbringt, Dinge täglich ohne äusseren Zwang und zielgesteuert auf ein Ende zuzuführen), ändern sich die Inhalte doch immer wieder und das teilweise enorm. Ich mag das. Ich mag das freie Fliegen zwischen den Themen, zwischen Zeiten und Denk (!!)-Räumen. Ich mag meinen strukturierten Alltag, denn nur so ist das freie und kreative Fliegen möglich.
Ich weiss gar nicht, wieso ich nun darauf komme. Vielleicht, weil die Ferien vor der Tür stehen und damit gewisse – bei mir zum Glück geringfügige – Änderungen auf mich zukommen. Zu meiner Woche:
Worauf stiess ich? Was kam mir in den Sinn und was möchte ich mit euch teilen? Hier die Inspirationen für die Woche 22: Zuerst wir versprochen, mein
Krimi-Special
Es ist nicht das, woran man als erstes denkt, wenn man ihre Namen: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre lasen gerne Krimis. Sie verschlangen sie teilweise regelrecht, diskutierten drüber, schätzten die abgrundtiefen Welten, die sich in Krimis auftaten. Nun stehen die Sommerferien vor der Tür, für viele Gelegenheit, sich einfach mal in Bücher fallenzulassen. Was wäre da schöner als ein spannender Krimi oder Thriller? Darum hier ein paar, die ich gerne empfehlen möchte:
Claire Douglas: Girls Night – Nur eine kennt die ganze Wahrheit
«Von Furcht und Schmerz gepackt, begann Olivia unkontrolliert zu zittern; alles in ihr erstarrte u Eis, als ihr wieder einfiel, wie es zu dem Unfall gekommen war… Die Gestalt auf der Strasse, die jetzt menschenleer dalag und sich in eine endlose dunkle Leere zu erstrecken schien. Wer war das gewesen? Und wohin waren ihre Freundinnen entschwunden?»
Vor zwanzig Jahren war Olivia mit ihren drei Freundinnen im Auto unterwegs und geriet in einen Unfall. Sie überlebt schwer verletzt, von den anderen fehlte jegliche Spur. Der Fall wurde nie geklärt, die Vermissten tauchten nie mehr auf, was blieb, war das Misstrauen, dem Olivia fortan in ihrer Kleinstadt ausgesetzt war.
Die Journalistin Jenna plant einen Podcast zum Jahrestag, befragt dabei Bekannte und Verwandte der Beteiligten, um sich ein genaues Bild des Unglückstags zu verschaffen. Damit tritt sie offensichtlich jemandem auf die Füsse, denn plötzlich sieht sie sich mit Drohungen konfrontiert. Was ist damals wirklich passiert? Wer befürchtet, dass man ihm auf die Schliche kommt? Klar ist: Das Ganze scheint gefährlich zu werden.
Christine Brand: Vermisst. Der Fall Anna
«Es ist kurz nach sieben. In einer halben Stunde muss er los; es bleibt gerade noch genug Zeit, den ersten Schritt ztu tun, um seinen Entschluss von heute Abend umzusetzen… Dario öffnet das Dokument, an dem er sei einer gef¨ühlten Ewigkeit arbeitet… Er löscht den ersten Satz, und schreibt ihn noch einmal neu.
Mein Name ist Dario Forster. Ich brauche Eure Hilfe.»
Oft schreibt Christine Brand über wahre Kriminalfälle, nun hat sie eine Ermittlerin erfunden, die sich ungeklärten Verbrechen annimmt, weil sie Gerechtigkeit sucht. In ihrem ersten, mittlerweile dreissigjährigen ungelösten Fall sieht sich Malou Löwenberg, keine konventionelle Polizistin, sondern eine eigenwillige junge Frau mit einem mit Namen versehenen Roller, Tattoos und einem sonderbaren Hobby, mit einer Mutter konfrontiert, die just als ihr Sohn Dario fünf Jahre alt wird, verschwindet. Bei ihren Nachforschungen stösst Malou auf ähnliche, ebenfalls ungeklärte Fälle: Frauen, die am fünften Geburtstag ihrer Kinder verschwinden. Sind die jährlichen Geburtstagskarten, welche alle Kinder erhalten, ein Zeichen, dass die Mütter noch leben, oder aber ein makabres Spiel mit den Hoffnungen der Zurückgebliebenen?
Jens Henrik Jensen: Oxen. Pilgrim
«Er sah das Schwert vor seinem geistigen Auge aufblitzen und spürte die Anstrengung wie einen Phantomschmerz in seinem rechten Arm. Den Hieb schräg nach unten. Die klaffende Wunde, die er hinterliess… Er meinte, noch immer den Schaft des Schwertes zu umklammern. Doch seine rechte Hand war fest geballt um… nichts…»
Der sechste Band der Reihe, aber auch für sich allein gut lesbar: Wochenlang war Niels Oxen in den Katakomben gefangen gewesen, grausame Kämpfe galt es zu überstehen, doch er hat überlebt. Und braucht nun vor allem eines: Abstand von dem, was war. Er geht wandern. Margarethe Franck, vom dänischen Geheimdienst suspendiert wegen eines Zerwürfnisses, sucht eine neue Herausforderung, die sich bald einstellt – nichts Grosses, nur ein kleiner Finanzbetrug. Heisst es. Schon bald hat Franck die leise Ahnung, dass es sich doch um mehr handeln könnte, und Oxen sieht sich mit dem nächsten Albtraum konfrontiert.
Arne Dahl: Stummer Schrei: Eva Nymans Erster Fall
«Er fängt Feuer, der Fahrer verliert die Kontrolle und schert in der Kurve in die falsche Richtung aus, rast von der Autobahn und pflügt wie ein Feuerball durch das goldgelbe Rapsfeld. Das Letzte, was von dem Fahrer zu sehen ist, ist sein ausgestreckter Mittelfinger, der wie eine Fackel brennt. Das Fernglas senkt sich in der einen Hand, der Fernzünder in der anderen… Es hat begonnen.»
Wenn man gerne Krimireihen liest, ist es besonders schön, von Anfang an dabei zu sein. Diese Chance gibt uns Arne Dahl, indem er nach seiner sehr erfolgreichen Serie um Carl Mørck eine neue Ermittlerin an den Start schickt: Eva Nyman. Zwei selbstgebaute Bomben töten zwei Menschen: Einen Marketingmanager, der sich der Autolobby verschrieben hat, und einen Konzernboss aus der Stahlindustrie. Die Bekennerbriefe deuten auf einen Klimaaktivisten hin, der seine Anliegen mit fanatischen Parolen und sehr brutalen Mitteln zu verfolgen scheint. Oder steckt doch noch mehr dahinter? Das glaubt zumindest Eva Nyman und nimmt die Fährte auf.
Ich lese normalerweise eher selten Krimis, die Leidenschaft kommt immer in Phasen und dann packen sie mich dermassen, dass ich einen nach dem anderen verschlinge. Dann endet die Phase wieder und es folgt eine lange Pause. Was ich immer gerne mache, das gestehe ich nur hier und ganz unter uns: Ich liebe die ganz banalen, eher seichten Krimiserien wie SOKO Stuttgart, Die Chefin, etc. sehr. Ja, sie sind nicht so packend und schillernd wie Netflixserien. Sie hinken an Tempo und Brutalität massiv hinter amerikanischen Serien hinterher. Aber sie haben ihren eigenen Charme. Und so viel Menschliches neben den Fällen. Das mag ich. Ganz praktisch ist: Man kann sie in der ZDF-Mediathek nachschauen. Grossartig (und gefährlich für Prokrastinierer).
Ich stiess über sieben Ecken, wie das oft so geht bei mir, auf folgende Poetik-Dozentur aus Tübingen (grossartige Reihe, die ich nicht kannte, aber nun auf dem Radar behalten möchte) auf die Vorlesung von Eva Menasse aus dem Jahr 2021. Der schöne Titel des Ganzen: «Treppen, Rampen, Räume». Spannende Einblicke in die Entstehung eines Romans, die ich gerne teilen möchte: Poetikdozentur mit Eva Menasse
Im Moment rast die Zeit an mir vorbei. Ich bin im Kopf so sehr in meinen Projekten, dass ich wohl ziemlich absorbiert bin. Zwar lese und höre ich immer noch viel, das mich inspiriert, aber ich lasse es vergehen, ohne etwas festgehalten zu haben. Ab und zu mache ich mir noch Notizen ins Notizbuch, aber dabei bleibt es dann. Trotzdem habe ich wieder ein paar Dinge, die mich besonders inspiriert oder angesprochen haben gesammelt.
Als ich letzte Woche auf den runden Geburtstag von Adolf Muschg aufmerksam machte, kommentierte Beat Werder, mit dem ich auf Linkedin verbunden bin mit einer Liste von Links, die er zu diesem Anlass gesammelt hat. Ich möchte die gerne teilen:
►FAZ. net: LINK ►Dokumentarfilm von Sept. 2021 / 86 min. von Erich Schmid Titel: „ADOLF MUSCHG – DER ANDERE“ / Internet zum Film: LINK ►Literaturkritik. de / Würdigung: LINK
Ich habe (viel zu spät) meine Begeisterung über Paul Auster und dessen Büchern entdeckt. Mein erstes Buch von ihm war sein letztes: Baumgartner. Ich kann es nur empfehlen. Ebenfalls empfehlen kann ich die Sendung mit Elke Heidenreich zu Paul Auster: WDR 4: Erinnerung an Paul Auster.
Und da ich, wenn mich etwas packt, gerne tiefer tauche, habe ich mir auch noch diese Dokumentation auf Arte angeschaut und er hat mich so für sich eingenommen, dass dies meinen Entschluss bestärkt hat, die Romane zu lesen. Alle. Sogar – und vor allem – dieses Monsterbuch, obwohl ich dicke Bücher eigentlich gerne meide.
Immer wieder überlege ich mir, in welchem Stil ich meine Bücher, die ich gerne ans Herz legen, von denen ich aber keine Rezensionen schreiben möchte (aus Gründen, die ich vielleicht mal in einem eigenen Artikel erläutere), vorstelle. Die Lösung ist gefunden: ich baue sie in meine Inspirationen ein. Heute möchte ich nicht nur einzelne Bücher ans Herz legen, sondern die Arbeit eines Verlags:
Wenn die Liebe zur Literatur auf Buchmacherkunst trifft, entsteht schönes. So beim Input-Verlag in Hamburg. Der Verleger Ralf Plenz hat es sich zur Aufgabe gemacht, grosse Literatur aus Europa neu aufzulegen und sie trotz der wunderbaren Buchgestaltung erschwinglich auf den Markt zu bringen. Titel der Reihe: Perlen der Literatur. Und ja, das sind sie: kleine Schmuckstücke mit viel Liebe zum Detail wie den kaligrafischen Zitaten im Text oder der Banderole mit Stichworten zum Inhalt, mit Aquarell in Buchstaben gemalt. Zudem ist es grosse Literatur, hier nur drei Beispiele:
Gottfried Keller: Die missbrauchten Liebesbriefe – Viggi Störteler, selbsternannter Stern am Literaturhimmel, will nach Vorbild der grossen Schriftsteller einen Briefwechsel mit seiner Frau beginnen. Diese sieht sich dazu ausserstande und holt sich mit einem Trick Hilfe beim Nachbarn, Schullehrer Wilhelm. Schon bald ist das Chaos perfekt.
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biografie – ein Leben, das 350 Jahre umfasst und eine Verwandlung von einem Mann zur Frau, eine Reise durch Zeit und Raum. Ein wilder Ritt, ein Werk, das zur Zeit seiner Entstehung mit allen literarischen Konventionen brach, und auch eine Form von Autobiografie. «Orlando» hinterfragt die gängigen Geschlechterrollen, dient als Spiegel des damaligen Sittenkodex und ist zudem ein (teilweise autobiografischer) Künstlerroman.
Michael Krüger: Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers – kleine Geschichten über die verschiedensten Menschen, die eines eint: Ihre Liebe zur Literatur. Es sind Geschichten, die die oft verworrenen Verbindungen in Familien in lakonischer Sprache offenlegen, zudem Geschichten, die immer auch von Büchern und vom Schreiben handeln.
Nächstes Mal kommt hier passend zu den kommenden Sommerferien ein Krimi-Special für ein paar unbeschwerte, spannende Lesestunden.
„Ich glaube, der Ewigkeit kommt man am nächsten, wenn man in der Gegenwart lebt.“ Paul Auster
Wie viele Jahre dachte ich immer, etwas von Auster lesen zu wollen – und habe es nicht getan. Immer wieder war der Name präsent, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich schaute Interviews, war begeistert von dem, was ich hörte und von der Art, wie er es formulierte. Wie schön müsste dann erst seine Literatur sein, dachte ich. Und las sie nicht. Bis «Baumgartner» erschien und ich es gelesen habe. Ich bedauerte mein Versäumnis und wollte alles nachholen – und tat es nicht. Nun ist er gestorben und ich habe zu lesen begonnen.
Ich habe mir überlegt, wie oft das sonst vorkommt: Ich mir Dinge vornehme und sie dann doch liegen bleiben, weil ich immer mit anderem beschäftigt bin und aufschiebe. (So wie gestern mein Vorhaben, intensiv zu schreiben – ich musste lesen). Bei Paul Auster habe ich das Glück, dass er mir die Bücher zurückgelassen hat, doch das ist nicht immer so. Ich nehme mir vor, künftig bewusster hinzuschauen, ob das Aufschieben wirklich gut ist oder nicht. (…)
Was von Paul Auster habt ihr gelesen? Welches war euer Lieblings-Auster?
Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer, sie würde heute 123 Jahre alt.
Schon als Mädchen musste sie fliehen, als junge Frau pendelte sie zwischen den Kontinenten, die Nationalsozialisten verhafteten sie, liessen sie frei, überlebt hat sie im Versteck. Ein Glück. Und immer schrieb sie. Als ob das Schreiben ihr Lebenshalt sei. Und die Liebe:
«… Nur die Liebe erlaubt mir ein Mensch zu sein»
Sie hatte den Tod wohl oft vor Augen in all den Jahren der Verfolgung, und doch glaubte sie ans Leben:
«Wirf deine Angst in die Luft»
Wieso Angst haben, wenn der Tod noch nicht da ist? Wieso die Zeit, die bleibt, verschwenden statt zu geniessen, was das Leben bietet?
„Noch duftet die Nelke singt die Drossel noch darfst du lieben Worte verschenken noch bist du da
Sei was du bist Gib was du hast»
Und immer sein, wer man ist. Und tun, was man kann. Sie hat uns ihre Gedichte gegeben. Was für ein Geschenk.
Nun sind es sechs Jahre. Sechs Jahre, in denen die Welt weiterdrehte, das Leben weiterging. Trotzdem.
Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang Und laß mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr; – Und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Masche Kaleko
Als mein Vater starb, war mir dieses Gedicht wie aus dem Herzen geschrieben. Ein Weiterleben erschien fast undenkbar, meine Welt war dunkel und voller Schmerz. Wer könnte meinen Schmerz verstehen? Wer könnte wissen, was ich bis hier hin durchgemacht habe, wer nachvollziehen, wo ich nun stand? Ich fühlte mich trotz vieler gut gemeinter Worte allein – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Zum Glück bin ich es nicht. Und doch hat mich der Weg geprägt, hat mir diese Erfahrung einiges mit auf meinen weiteren Weg gegeben.
Der Tod entreisst. Er trennt, was mal zusammen war. Er nimmt den einen mit und lässt den anderen ohne diesen zurück. Nun wissen wir alle nicht, was der Tod wirklich ist, was danach kommt – wir haben unsere Vorstellungen, Ideen, schöpfen auch Halt daraus. Was wir aber wissen – heute erinnern wir uns daran – ist, wie es für uns (für jeden einzeln von uns) ist, zurück zu bleiben, wenn einer geht.
Wo mal etwas (oder gar ganz viel) war, ist nichts mehr. Und doch auf eine andere Weise auch ganz viel. Wo grad noch jemand stand, steht keiner mehr – und doch ist er noch da. Irgendwie. Und oft ganz heftig gefühlt, fast schon überwältigend. Dann wieder still und leise – und… auch ab und an freudvoll. Was wäre da, wäre all das, was mal war, nicht gewesen? Wie dankbar kann man sein für das, was war, wenn es noch nachhallt? Und doch ist da auch der Schmerz, weil es gut war, und man das Gute gerne bewahren würde. Genau so, wie es gut war.
Menschen treten in unser Leben. Manche gehen gleich wieder, andere bleiben eine Weile, gehen dann, weitere bleiben lange. Weil es passt. Umso schwerer fällt der Abschied. Und doch bleibt die Dankbarkeit, dass sie da waren.
„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“
Die Frage ist anfangs drängend, oft wohl auch überwältigend. Sie weicht mit der Zeit zurück, steigt nur ab und an am eigenen Firmament wieder auf im Sinne eines „ich vermisse dich“. Was bleibt ist die Erinnerung. Und damit der, der nicht mehr ist. Schön, wenn man sie lebendig halten kann, schön, wenn sie weiter Teil des Lebens ist. Und wunderbar, wenn sie zu einer friedvollen und freudvollen wird im Sinne einer Dankbarkeit dafür, dass war, was war, und noch sein darf, was ist. So leben Menschen weiter. Vielleicht ein bisschen ewig.
Rilke dichtete einst – das Gedicht ist übrigens mein Lebensmotto:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Und wer weiss: Vielleicht ist der letzte Ring auch der Ring, den andere für uns weiter ziehen. Durch ihre Erinnerung. Und wir gestalten diese Erinnerung durch unsere Gegenwart.
Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, und doch schaue ich ab und zu zum Himmel hoch und denke an ihn. Vielleicht weil wir früher gemeinsam oft zum Himmel schauten und über die Sterne sinnierten.
Ich schreibe an einem Buch, in dem ich mein Aufwachsen erinnere. Mein Aufwachsen mit ihm. Der Arbeitstitel ist „Mein Papabuch“. Die Arbeit daran bringt mir so vieles wieder ins Heute, das ich vergessen hatte. Zumindest glaubte ich das. Und so lebt er doch irgendwie auch weiter. Mit mir.
«Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.» Heinrich Heine
Weil nicht sein durfte, was nicht genehm war. Weil nicht genehm war, was den vorgeschriebenen Dogmen entsprach. Weil es nur ein Mass aller Dinge gab und alles daneben weg musste. Aus diesem Geist heraus versank die Welt in Dunkelheit. Es wurde offensichtlich, wozu Menschen fähig sind. Hätte man mal früher hingeschaut. Wie lange waren sich viele (auch intelligente Leute) sicher, dass alles gut gehen würde. Dass alles nicht so schlimm würde. Dass es bald vorüber wäre. Dass keine Gefahr herrsche. Nicht wirklich. Welch ein Irrtum. Und als es vorüber war, hiess es: Nie mehr. Und man meinte es ernst. Die Zeit festigte den Glauben, dass es gelingen könnte. Ich bin mir nicht mehr sicher.
91 Jahre ist es her, dass es in Deutschland zu einer öffentlichen Bücherverbrennung kam, organisiert von der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft unter dem schönen Titel «Wider den undeutschen Geist». Die Liste der Autoren liest sich fast wie der heutige literarische Kanon deutschsprachiger Literatur.
Nach mittlerweile Jahrzehnten, die ich mich mit den Themen Shoah, Exilliteratur, Völkermord beschäftige, ist mir eines immer noch nicht gelungen: Die tiefe Trauer, die Wut, das Entsetzen abzulegen, wenn ich wieder neu damit konfrontiert bin. Wir müssen uns erinnern. Daran, was war. Vielleicht ist das «nie mehr» doch noch nicht ganz vorbei.
Hier ein paar Buchtipps, um die Erinnerung hochzuhalten:
Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte und mich auch sonst inspirieren liess.
Nach Immanuel Kant kommt Franz Kafka – auch der ist im Moment hoch im Kurs. Und wie es so ist in der Bücherwelt, kommen in solchen Zeiten auch viele Bücher auf den Markt. Doch es sind nicht nur die Neuen, die ich ans Herz legen möchte, hier eine kleine Auswahl von mir:
Wer sich für Kafkas Leben und Schaffen interessiert, dem würde ich folgende Bücher ans Herz legen:
Alois Prinz: Auf der Schwelle zum Glück. Die Lebensgeschichte des Franz Kafka
Reiner Stach: Ist das Kafka? 99 Fundstücke
Rüdiger Safranski: Kafka – Für Kafka war sein Schreiben das zentrale Element im Leben. Rüdiger Safranskis Herangehensweise über dasselbe ist also nicht nur nicht abwegig, sondern sogar sehr klug. Da ich seine Bücher generell sehr lesenswert finde, kann ich auch dieses nur ans Herz legen.
Franz Kafka: Tagebücher (drei Bände in der Originalfassung nach der Handschrift, Fischer Verlag 2008)
Ein Buch, das mich arg durchgerüttelt hat beim Lesen und von dem ich nicht weiss, was ich genau davon halten soll, ist dieses:
Elke Naters: Alles ist gut bis es das dann nicht mehr ist – Elke Naters nimmt den Leser mit auf ihren Lebensweg nach dem Tod ihres Mannes, Lebensgefährten, ihrer grossen Liebe, dem Menschen, mit dem sie schlicht das Leben teilte, das sich durch dieses Miteinander irgendwie definierte. Was bleibt, wenn einer geht? Wie weiter, wenn der, auf welchen man baute, nicht mehr ist? Es ist kein wehleidiges, kein tränentriefendes Buch und doch hat es mich förmlich in den Abgrund gesogen. Ich wurde melancholisch, traurig, demotiviert beim Lesen. Es tat mir nicht gut und doch wollte ich es nicht weglegen. Elke Naters schreibt sehr offen über die Hochs und Tiefs, über ihren durchaus lebensbejahenden, aktiven, mutigen Umgang mit dem Verlust, und doch. Es tat mir nicht gut. Das ist aber wohl eine persönliche Geschichte. Dass ich das Buch trotz allem nicht aus der Hand legen konnte, spricht für das Buch. Ich wollte wissen, wie es ausgeht, im Wissen, dass man das nie abschliessend sagen kann, schon gar nicht so schnell nach diesem Umbruch im Leben.
Ein Zitat von Picasso hat sich diese Woche bewahrheitet:
«Die Inspiration existiert, aber sie muss dich beim Arbeiten finden.»
Ich kam seit einer Weile nicht wirklich in die Gänge, Prokrastinierte mit allem, was sich finden liess und wurde darüber merklich unzufrieden. Irgendwann hielt ich es so mit mir selbst nicht mehr aus, zwang mich hinzusitzen und legte los. Es wurde anstrengend, was ich befürchtet hatte, aber es lief plötzlich wie von selbst, ich mochte gar nicht mehr aufhören. Seit da bin ich wieder im Fluss und es geht vorwärts. Das fühlt sich gut an. Das beste Mittel gegen Arbeitsblockaden oder mangelnden Antrieb: Hinsetzen und tun. Klingt einfach, ist es nicht immer, lohnt sich aber.
Als ich am Mittwoch in die Zeitung schaute, entwich mir ein lautes «Oh nein». Paul Auster ist gestorben. Dass er krank war, wusste ich lange, doch ans Sterben hatte ich doch nicht gedacht. Nicht jetzt. Nicht so schnell. Ich habe ihn erst spät entdeckt. Als Name war er schon lange präsent. Immer dachte, ich will unbedingt was lesen. Das intensivierte sich, als ich mich mit Siri Hustvedt, seiner Frau auseinandersetzte. Vom Leben der beiden mehr erfuhr, vom Engagement. Doch gelesen habe ich ihn nie. Bis zu Baumgartner. Den las ich. Und liebte ich. Und dachte, ich will mehr von ihm lesen. Dazu kam es leider noch nicht. Nun zeigt sich das vielleicht als etwas Positives: Ich habe noch alles vor mir. Zwei Bücher habe ich bereits bestellt.
Hier ein Nachruf aus ZEIT ONLINE von Volker Weidermann, den ich generell sehr mag: Seine innige Verbundenheit mit der Welt.
Folgendes Buch kann ich sehr empfehlen:
Paul Auster: Baumgartner
Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?
«April Laut flötet der Wind durch den Haselnußstrauch, Schneeflocken durchwirbeln den Hain, Bald Hagel, bald Regen und eisiger Hauch, Bald lachendster Lenzsonnenschein. Ich weiß ja, daß kurz dieser Sonnenblick dauert, Daß Hagel und Regen und Schneefall schon lauert Und Nordwinds erstarrendes Wehn, Und dennoch mich freudige Hoffnung durchschauert, Es ist ja so schön, ja so frühlingshaft schön.»
Hermann Löns
Was für ein Monat. Weil: Irgendwie so nichtssagend. Blass. Nur das Wetter machte ihm alle Ehre. Es war durchzogen, durchtrieben. Ich schwitzte, fror, zog Schichten über Schichten, zog sie wieder ab. Hängte Winterkleider weg, um sie wieder zu holen. Und sonst? Ich weiss es schlicht nicht. Ich habe gelesen, mehr als im März. Ich habe geschrieben. Ich war getrieben. Nichts Neues. Wusste nicht ganz, wohin. Auch nicht neu. Ich glaube, es gibt hier nichts weiter zu sagen. Er war nicht schlecht, der April, lassen wir die Bücher sprechen. Meine Highlights. Und nun wird es schwierig, denn es war ein toller Lesemonat. Jedes Buch hätte einen Sonderstatus verdient. Fast jedes. Die Highlights… Trommelwirbel:
Michael Schmidt-Salomon, «Evolution des Denkens». Zuerst dachte ich, das Verhältnis Biografie/Geschichte zu den Gedanken falle für mich zu einseitig aus, ich hätte mehr über die Gedanken erfahren wollen. Doch das änderte schnell. Es griff alles ineinander über und gerade der Blick auf die Lebensumstände zeigte die Motivation der einzelnen Denker. Ein Buch zum Mitdenken, zum Staunen, zum immer mal wieder «Aha, so war das» denken. Ein grossartiges Buch, eines, das gelesen werden sollte.
Sigrid Nunez, «Der Freund». Ich gebe zu, ich hätte am Anfang fast abgebrochen. Zu abgehackt, zu wenig klar. Ich kam in keinen Lesefluss. Irgendwas sagte mir, ich solle dranbleiben. Zum Glück. Was hätte ich verpasst. Ein Buch, das für mich einen richtigen Sog entwickelte. Es weckte Gedanken, Gefühle. Ganz grosses Kino.
Elke Naters, «Alles ist gut, bis es das dann nicht mehr ist». Irgendwie war es kein Highlight. Und irgendwie doch. Ich kann nicht sagen, was mich weiterlesen liess. Ich kann auch nicht sagen, womit ich immer wieder haderte. Es ist ein Buch, mit dem ich ständig im Clinch lag. Und ist nicht auch gerade das grossartig bei einem Buch? Irgendwie.
Was habt ihr im April gelesen? Kennt ihr das, dass ihr Bücher lest, die ihr irgendwie nicht fassen könnt?
Hier die ganze Liste:
Tessa Hadley: Das Jahr der Veränderungen – abgebrochen
Kate zieht zurück an den Ort ihrer Kindheit, um ihre Mutter zu pflegen, zu der sie eine merkwürdige Nicht-Beziehung zu haben scheint. Sie trifft auf ihre Jugendliebe, die in Eheproblemen steckt, dessen Sohn, der sich angezogen fühlt und wird bei all dem immer mehr von der Vergangenheit eingeholt. Alles plätschert vor sich hin, das einzige, was sich in dieser eher eintönigen Geschichte abhebt, ist die Sprache, die vom Stil her sehr prägnant ist. Allerdings muss einem dieser Sprachstil liegen, sonst ist es noch schwerer, das Buch mit Genuss zu lesen.
Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle
Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander.
5
Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens
10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.
5
Simone de Beauvoir: Auge um Auge
Simone de Beauvoir hinterfragt in diesen Essays die Welt und die Menschen, die in ihr agieren. Durch den Krieg politisiert und der Überzeugung, dass es Pflicht ist, sich in dieser Welt zu positionieren und zu engagieren, schaut sie kritisch auf den Menschen und seine Glaubenssätze, hinterfragt Begriffe wie Moral, Strafe, Rache, Hass und mehr. Sie legt dar, was der Existenzialismus ist und was er will und blickt auf die Literatur, und was sie uns zeigen kann, wo Philosophie stockt.
5
Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird
Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.
4
Anne Pauly: Bevor ich es vergesse
Als Anne Paulys Vater stirbt, müssen sie und ihr Bruder die Formalitäten regeln und die Abdankung planen. Die Konfrontation mit dem toten Vater, mit den Erinnerungen an die vielfältigen Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse aus der gemeinsamen Vergangenheit sowie die Aufarbeitung der zurückbleibenden Gefühle an diesen Menschen, der so viele Seiten in sich trug, vom gewaltvollen Alkoholiker über den Liebhaber von Gedichten bis hin zum Interessierten für Spiritualität und östliche wie westliche Philosophien handelt dieses Buch. Es ist ein Buch über Liebe, Gewalt, Trauer und Trost, es ist ein Buch über Abschied und ein Buch über eine Beziehung zwischen Vater und Tochter.
5
Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des Menschen
Eine konzise Analyse des kapitalistischen Systems heute mit ihren Ungleichheiten und prekären Auswüchsen für viele Menschen. Eine Darlegung der neoliberalen Glaubenssätze mit ihren falschen Versprechungen und zerstörerischen Auswüchsen sowie der Wirkweise von Ideen in der Gesellschaft. Als Lösungsweg wird ein Kapitalismus propagiert, der sich weniger an der Gewinnmaximierung einzelner Weniger, sondern an einer christlichen Ethik des Miteinanders orientiert. Ein fundierter Augenöffner und eine kompetente Analyse, die am Schluss für einen Agnostiker zu bibellastig wurde.
4
Julia Korbik: Schwestern
Eine Darstellung des Feminismus, wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat, die Vorstellung einzelner Feministinnen und Strömungen. Eine Analyse der Schwierigkeiten, die ihn seit jeher begleiten, allen voran die Konzentration auf das Trennende, die Exklusion statt Integration von unterschiedlichen Bedürfnissen und Kampfthemen. Und nicht zuletzt ein Aufruf zu mehr Miteinander, zu emphatischem Hinhören und gemeinsam Einstehen für die Sache, die allen gemeinsam ist: Eine gerechtere Welt mit mehr Gleichberechtigung – für alle. Nichts Neues, aber das Alte gut zusammengefasst.
5
Simone de Beauvoir: Der Lauf der Dinge
Simone de Beauvoir erzählt von ihren Reisen mit Sartre, von ihrer Beziehung zu Nelson Algren und Claude Lanzman sowie verschiedenen Bekanntschaften und Freundschaften. Sie breitet ihre Angst vor dem und die Melancholie über das Altwerden aus und zeichnet ein Bild ihrer Zeit mit den Kriegen, politischen Zerwürfnissen, der Stimmung der Menschen und den Lebensumständen generell. Es ist ein persönliches Buch und ein Zeitzeugnis gleichzeitig.
5
Didier Eribon: Eine Arbeiterin
Didier Eribons erzählt von seiner Mutter, vordergründig, in tat und Wahrheit erzählt er mehr von sich und seinem Verhältnis und Verhalten der Mutter gegenüber. Er liefert eine Sozialstudie dessen, was es heisst, alt zu sein, Minderheit zu sein, einer unteren Klasse zuzugehören, er zeigt die Zerwürfnisse und Schwierigkeiten in Familien, und er ruft dazu auf, den Alten eine Stimme zu geben, denen, die keine eigene mehr zu haben scheinen, weil keiner mehr hinhört. Nicht sein bestes Buch, trotzdem sehr lesenswert.
4
Sigrid Nunez: Der Freund
Als ihr Freund stirbt, hinterlässt er nicht nur eine grosse Lücke in ihrem Leben, sondern auch seinen vor Trauer depressiven Hund, eine Deutsche Dogge. Abgesehen davon, dass sie Gefahr läuft, ihre Wohnung in New York zu verlieren, weil da keine Hunde erlaubt sind, wollte sie nie einen Hund haben. Sie war Katzenmensch. Die Geschichte eines Zusammenwachsens, einer Liebe, die tief geht und viel ans Licht holt. Gedanken zum Schreiben, zum Tod, zu Liebe und Freundschaft – und eine Geschichte vom Loslassen.
5
Colombe Schneck: Paris-Trilogie: Ein Frauenleben in drei Romanen
Als Tochter einer bürgerlichen jüdischen Familie wächst Colombe ohne Sorgen zu haben und welche bereiten zu wollen auf. Als sie mit 17 ungewollt schwanger wird, stellt das all dies in Frage: die Herkunft, die Sorglosigkeit, den Drang, perfekt sein zu müssen, um geliebt zu werden. Viele Fragen tauchen auch auf, als ihre beste Freundin Héloise fiel zu früh stirbt. Waren sie wirklich so stark und emanzipiert gewesen, wie sie sich immer gaben? Und was, wenn man erst 50 werden muss, um eine intensive, vielleicht gar glückliche Liebe zu erleben? Was sagt das über einen selbst aus? Drei Geschichten aus einem Leben, erzählt mit einem klaren Blick, Offenheit und Gefühl.
4
Catherine Cusset: Janes Roman – abgebrochen
Eie Frau erhält ein Paket mit einem Manuskript, in welchem sie ihre eigene Geschichte liest und sich fragt, wer sie so gut kennt, dass er die innersten Gedanken und Geheimnisse kennt. Was spannend klingt, hat mich leider in der Umsetzung nicht gepackt, so dass ich abgebrochen habe.
Lea De Gregorio: Unter Verrückten sagt man du
Lea De Gregorio erträgt das Lebe nicht mehr, sie wird verrückt und kommt in die Psychiatrie, nachdem man sie entmündigt hat: Alle entscheiden nun für und über sie, sie ist allem ausgesetzt, Entscheiden, Medikamenten, Behandlungen, Massnahmen. Ist das der richtige Weg zur Heilung? Wie sah das früher aus? Was ist richtig, was falsch? Welchen Stellenwert hat sie noch in der Gesellschaft? Ein wichtiger und guter Blick über unseren Umgang mit Menschen, die nicht in der von uns definierten Norm leben.
4
Elke Naters: Alles ist gut, bis es das dann nicht mehr ist
Als Elke Naters Mann Sven stirbt, verliert sie nicht nur den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, sondern das Leben, wie es bislang war, mit ihm. Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie mit diesem Verlust umgeht, wie die Trauer sie übermannt, welche Gedanken sie umtreiben. Sie hat ein Buch geschrieben, das tief ist, das persönlich ist, das mitnimmt, bewegt, berührt, aber auch Mut machen kann. Das Leben geht weiter. Und es ist gut. Nur anders. Irgendwie hat mich das Buch runtergezogen, es lastete zu schwer über weite Strecken. Der positivere Schluss konnte das nicht mehr ändern.
«Die Aprilnacht, in der ich ankam, war wolkenschwer und regenschwanger. Die silbernen Schattenrisse der Stadt strebten aus losem Nebel zart, kühn, fast singend gegen den Himmel.» Josef Roth, April. Geschichte einer Liebe
Was für ein Einstieg in eine Geschichte, was für eine Sprachschönheit, was für eine Kunst. Für mich ist das Literatur in ihrer schönsten Form, weil die Liebe zur Sprache förmlich spürbar ist.
«Denn ich ohne Bücher bin nicht ich.» Christa Wolf
Heute ist Welttag des Buches, damit irgendwie auch mein Tag, denn es geht mir wie Christa. Diese Liebe zu Büchern, die nun schon so viele Jahrzehnte anhält, ist die Konstante in meinem Leben. Bücher haben immer einen Halt gegeben, ein Zuhause war immer erst eines, wenn meine Bücher da waren. Bücher sind für mich Türen zu Welten.
Jagoda Marinic hat die wunderbare Sendung «Bücher meines Lebens» auf Arte. Ich nehme das Konzept als Vorbild und präsentiere hier die Bücher meines Lebens, wohl wissend, dass dies eigentlich ein Unterfangen ist, das nie endgültig und abschliessend ist, da einige vielleicht wechseln, andere fehlen, weil es zu viele würden. Und doch ist die Auswahl hier durchaus richtig und wichtig. Die Reihenfolge ist dem Moment geschuldet, wie sie in mein Leben traten:
– Thomas Mann: Doktor Faustus – ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit 9 Monate mit Thomas Mann gelebt, seine Musik gehört, alle Bücher gelesen, Biografien, Filme, alles von und über ihn aufgesogen – Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – ich habe das Buch geschenkt bekommen und wirklich jedes einzelne Gedicht gelesen und für mich durchdacht und «analysiert» – Hannah Arendt: Denktagebuch – diese Frau und ihr Denken haben mich immer fasziniert. – Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – ein Klassiker einer Frau, die mich tief in ihren Bann gezogen hat – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – dieses Buch war für mich der Augenöffner schlechthin, ich erfasste, wie meine eigene Reise weitergehen soll