Vorurteile

Aktuell schlagen die Wellen hoch: Proteste, wohin man schaut, ganze Internetstreams sind schwarz aus Solidarität. Es darf nicht sein, dass ein Mensch wegen seiner Hautfarbe diskrimiert, hier sogar getötet wird. Wie viele der Schwarzbilder wirklich durchdacht und nicht einfach aus Mitläufertum eingestellt werden, soll Thema eines anderen Beitrags sein. Meine Vermutung ist: Die Mehrzahl. Es ist grad cool in der Community, man möchte dazu gehören, man macht mit. Weiter passiert leider wenig. Vermutlich nicht mal nur bei den Mitläufern. Denn:

Wir alle haben Vorurteile. Nicht die, welche wir hier anprangern, aber andere. Wir sehen was, das uns nicht entspricht, und denken:

„Das geht ja gar nicht.“

Ein Mensch, der sich nicht wohl fühlt in Gruppen? Was ist denn das für einer? So ein Introvertierter? Das muss ein ganz schräger Vogel sein. Den lassen wir mal lieber links liegen. Einer, der einfach zu singen anfängt, obwohl er es nicht kann? Wie peinlich. Man klickt zwar gerne beim Spruch «singe, als ob dich keiner hören würde» auf den Gefällt-mir-Button, doch wenn es einer wirklich tut, schämen wir uns fremd.

Das mag nach ganz harmlosen Beispielen klingen im Vergleich zu dem Vorfall in den USA, nur: Für gewisse Menschen – die, welche solchen Vorurteilen und damit Verurteilungen und Ausschlüssen, zum Opfer fallen – sind sie lebensbestimmend. Sie sind, weil sie sind, wie sie sind, ausgeschlossen. Verlacht. Verstossen. Allein. Weil wir annehmen, das, was wir für normal halten, sei das Richtige. Das, was eben so sei. Gut sei.

Und doch gäbe es einen anderen Weg. Einen Weg, wo jeder wäre, wie er ist. Und jeder sähe, dass es auch andere Wege gibt als den eigenen. Und ab und an trifft man sich und freut sich aneinander. Schaut vielleicht sogar ein wenig neidisch auf gewisse Punkte des anderen, nimmt sich vielleicht vor, das mal auszuprobieren, im Wissen:

„Ich bin auch ok, so wie ich bin.

So lange wir das im Kleinen nicht schaffen, so lange wird es im Grossen nicht gelingen. Da können noch so viele Bildschirme schwarz bleiben.

Wir leben in einem ach so aufgeklärten Zeitalter. Denken oft, wir hätten alles erreicht und seinen fast gottähnlich. Stehen über allem. Aber wir können uns nicht mal gegenseitig leben lassen. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen, mein Mitgefühl gehört allen, die Vorurteilen zum Opfer fallen. Ich möchte da nicht mal werten. Persönlich trifft es immer tief. Und wir hätten es in der Hand, daran was zu ändern, wenn wir bei unseren eigenen Vorurteilen hinschauen würden. Ich. Du. Wir alle.

Rainer Maria Rilke: Was mich bewegt

Nach meinem kürzlichen Text zum Thema Geduld möchte ich hier die wunderbaren Worte von Rilke nachreichen Geduld. Wer könnte sich schöner und tiefer ausdrücken, als der grosse Meister:

Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann; alles ist austragen –
und dann
Gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit …
Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

Vladimir Nabokov (*22. April 1899)

„Neben der Liebe auf den ersten Blick gibt es auch die Liebe auf die erste Berührung. Und die geht vielleicht noch tiefer.“

Vladimir Nabokov würde heute 121 Jahre alt – ich hebe mein Glas!

Denkzeiten

Vladimir_NabokovVladimir Nabokov wird am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kommt wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, spricht französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin.

Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber …

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Gesund leben in Zeiten von Corona

So auf sich gestellt eingeschlossen im einsamen Zuhause lauern doch so viele Gefahren. Eine davon ist, sich ungesund zu ernähren – das Trinken schliesse ich hier mal mit ein. Zuviel heisst das Wort der Angst. Gemeint ist alles, was nicht als gesund deklariert ist: Fleisch, Süsses, Alkohol, Fett – halt alles, was schmeckt und das Leben schön macht.

Zuwenig heisst das zweite Wort der Angst. Gemeint ist hier Gemüse, Obst, Freud- und Trostloses halt, also alles, was man isst, weil man vom anderen eher wenig essen sollte, weil dieses ja ach so gesund ist.

Nun war ich ja lange Jahre Vegetarier, ich mag grundsätzlich Obst, Gemüse auch.. und kochte es nun in diesen schwierigen Zeiten fleissig dem guten Gewissen – und der Gesundheit der Mitessenden geschuldet. Nur: Meist ass ich es dann alleine, ausser ein paar Anstandsbissen ging kaum was weg. Ich fing dann an, das Gemüse in Käsesahnesauce und mit Käse überbacken zu servieren. Nun kam es endlich an – also hauptsächlich die Sauce und die Käsekruste….

Irgendwie erinnerte mich das Ganze an den Turnunterricht in der Schule… zuerst werden die gewählt, die man so wirklich toll findet, dann die noch brauchbaren… und irgend einer blieb am Schluss übrig. Während also Fleisch, Pommes und Konsorten weg gingen wie warme Semmeln, blieb das Gemüse noch immer an mir hängen. Und so langsam frage ich mich….kann das wirklich gesund sein? Für meine Psychohygiene (die will ja schliesslich auch gewaschen sein, nicht nur die Hände) und auch sonst?

Ich hörte mal von einem Ernährungsexperten (ach, es gibt so viele davon), dass Salat den Nährwert von Toilettenpapier (ob das den inflationär angestiegenen Kauf desselben erklärt?) und auch Gemüse den seinen auf dem Teller schon praktisch verloren hätte. Wozu also tun wir uns das an? Vielleicht, weil wir dran glauben (wollen) und denken, uns was Gutes zu tun. Tun zu müssen. Und vermutlich ist schon das unglaublich wohltuend für Körper und Seele.

Und so werde ich wohl auch morgen wieder Gemüse auf den Tisch bringen, die Käsekruste oben abessen und sagen: DAS ist mein Lieblingsgemüse.

Die Welt nach Corona – oder: Es bleibt, wie es war

„Wenn ich auf Twitter so lese, wer wen Corona zum Tod vorwerfen würde und dabei lächeln… die Welt wird auch nach Corona keine friedlichere sein… die Menschen haben NICHTS begriffen“

Das schrieb ich heute auf Twitter. Und nein, es fiel mir nicht leicht, nur: Es ist meine persönliche (leider) und fachliche (ebenfalls leider) Meinung. Ja, es gibt in der heutigen Zeit viel sich zeigende Solidarität. Wenn man aber genau hinschaut, kommt sie meist von Menschen, die vorher schon auf einem sehr mitmenschlichen und solidarischen Weg unterwegs waren. Vielleicht noch mehr im Versteckten, vielleicht auch wenig gelebt, nur gedacht – aber vorhanden. Es ist wunderbar zu sehen, wie plötzlich Menschen sich um Nachbarn kümmern, wie im Netz Angebote entstehen von Künstlern (sicher auch anderen, das ist die Szene, die ich am besten kenne), die Kurse, Tutorials und Ideen gratis bereit stellen, damit aus dem Leben geworfene und mit neuen Situationen konfrontierte Menschen ein Angebot haben, damit umzugehen. WUNDERBAR!

Es gibt aber auch andere. Die nun ihr Angebot (das wohl vorher nicht so optimal lief) inflationär bewerben und mit Prozenten locken. Ich sage nicht, dass das nicht legitim ist, es ist immer noch ein gangbarer und sauberer Weg – schlussendlich müssen wir alle überleben. Aber es gibt auch die noch anderen. Die, welche sehen, was alles zu holen wäre durch die Krise. Mieterlässe, Zuschüsse, Unterstützung – und die Möglichkeit, da wo sie selber Geld zahlen müssten, einzusparen. Und selbst wenn sie selber keine Einbussen haben, setzen sie andere auf Mindestlohn oder entlassen ganz, schnorren bei den anderen um Erlässe, Zinsen und Unterstützung. Ohne Not, einfach, weil es geht.

Wir können gut applaudieren, weil Krankenschwestern gute Dienste leisten. Im Moment sind wir uns auch sicher, dass Coiffeure einen guten Dienst leisten. NUR: Wenn das alles vorbei ist: Wollen wir dann höhere Prämien zahlen, damit Krankenschwestern einen besseren Lohn erhalten? (Und nein, ich bin nicht so naiv, dass ich denke, dass die höheren Prämien denen zugute käme, nur: Selbst wenn es so wäre, würden wir es nicht zahlen wollen – und viele auch nicht können).

Ich lese auf Twitter immer mal wieder: Ach, wenn die und der durch Corona sterben würde, wäre das ein gelöstes Problem. Und ich denke bei mir: Ich mag nicht mit jedem auf einer Welle schwimmen, das tue ich wohl langfristig und auf die ganze Welle betrachtet mit quasi keinem, nur: Ich würde KEINEM den Tod wünschen. Nicht mal im Spass! Und so lange das so ist und sogar auf so viel Zustimmung und Applaus stösst, sehe ich keine Änderung in Sicht. Es bleibt der oben, der oben sein kann, dazu sind ihm alle Mittel recht. Auch der Tod derer, die nicht in seinem Sinne handeln. Frei nach Macchiavelli: Der Zweck heiligt alle Mittel.

Nun kann man sagen: Das sind nur Worte, das ist nur Spiel und Spass – nur: Am Anfang war das Wort – oder: Die latente Wahrheit der Sprache: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Jeder Witz gründet auf einer Wahrheit – gäbe es die nicht, würde man den Witz gar nicht verstehen.

Charles Baudelaire (*9. April 1821)

Heute würde Charles Baudelaire 199 Jahre alt – eine gute Gelegenheit, sich mit seinem Leben und Werk auseinanderzusetzen. Hier ein Gedicht:

Ende des Tages.

In bleiernen Lichtes Weben
Tanzt und windet ohne Grund
Sich schamlos lärmend das Leben,
Drum sobald der Erde Rund

Von seligem Dunkel erfrischt ist,
Wann alles, der Hunger selbst, ruht,
Wann alles, die Schmach selbst, verwischt ist,
Seufzt der Dichter: Nun ist’s gut!

Meine Glieder wie meine Gefühle
Erflehen die Ruhe sich,
In finsterem Traumgewühle

Will ausgestreckt liegen ich,
Und dein Vorhang umhülle mich,
Erquickende, nächtige Kühle.

Denkzeiten

Charles Baudelaire kam am 9. April 1821 in Paris als Kind eines wohlhabenden, kunst- und literaturliebhabenden ehemaligen Verwaltungsbeamten und dessen viel jüngeren englischen Frau zur Welt. Als Charles sechs Jahre alt ist, stirbt sein Vater und seine Mutter wendet sich einem sehr autoritären und karriereorientierten Offizier zu, was für den kleinen Baudelaire eher traumatisch war. Der Wechsel vom musischen Zuhause zur Drillstätte, dazu häufige Umzüge führten dazu, dass sich Charles Baudelaire immer mehr zurückzog und aus einem Gefühl der Wurzellosigkeit und mangelnden Anschlusses zu Depressionen neigte. Dass man ihn auch noch in ein Internat steckte, liess ihn vollends aus dem Ruder laufen, er flog wegen seines schwierigen Verhaltens von der Schule.

Nach seinem trotzdem geglückten Schulabschluss schrieb er sich für ein Jurastudium ein, dies allerdings nur auf Drängen seiner Eltern. Selber wollte er Schriftsteller werden und bewegte sich in den entsprechenden Kreisen der Literaten- und Künstler-Bohème in Paris.

Ab 1838…

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Kommunikation heute – oder: Bewusste Wahl des Umgangs

Soziale Medien – sind sie nun Fluch oder Segen? Gerade in Zeiten wie aktuell verbinden sie Menschen. Sie sind der Weg von Mensch zu Mensch, weil die sich nicht mehr Auge in Auge treffen dürfen. WhatsApp, SMS, Mail und Facebook – wir sind nicht allein, wir treffen einander, sprechen einander Mut zu, teilen Angebote, die in solch isolierten Zeiten wertvoll sind. Ganze Programme sind aus dem Boden gestampft worden, teilweise aus reiner Nächstenliebe ohne Blick auf eigenen Profit.

Und doch ist da die Kehrseite. Früher war mir ganz klar – und vielen auch: Auf Fragen antwortet man, auf Briefe ebenfalls. Wenn sich einer meldet, reagiert man. In nützlicher Frist. Das gebot der reine Anstand, wenn einem der andere etwas bedeutete, erst recht. Das scheint ein wenig verloren gegangen. Whatsapp-Nachrichten gehen unter, Mails bleiben ohne Reaktion. Das Argument, sich von elektronischen Medien fern zu halten, klingt zwar schön, wenn diese aber die grundsätzliche Kommunikationsverbindung sind, die dann einseitig ins Leere läuft, wird es doch eher unglücklich.

Gibt es überhaupt noch eine Ethik des Umgangs? Ist Anstand noch ein Ziel? Oder ein Wert? Ist Kommunikation nicht mehr zweigleisig sondern Glücksache oder beliebig? Ich weiss es nicht, ich beobachte nur und komme teilweise zu dem Schluss. Was also tun?

Ich hörte oft, ich solle das nicht tragisch nehmen, das bedeute alles nichts. Wenn ich keine Antwort kriege oder sich jemand nie melde, hätte das nichts mit mir zu tun. Sei nicht böse gemeint. Das mag sogar so sein. NUR: Es macht trotzdem etwas mit mir. Und es lässt mich nachdenklich werden.

Ich würde mich freuen, etwas zu hören. Mal einfach so, sicher aber als Antwort. Bleibt das aus, muss das in der Tat nicht heissen, dass der andere etwas gegen mich hat. Es war ihm nicht so wichtig. Nur, hätte ihm die Nachricht Freude bereitet, ich wäre ihm wichtig, würde er dann nicht auch die Freude mal zurück geben wollen? Und sonst war ihm die Nachricht wohl auch egal. In beiden Fällen könnte ich sie mir sparen.

Ich bin sehr dankbar für ganz tolle Kontakte, mit denen ich mehrheitlich virtuell verkehre – aus Gründen der lokalen Distanz. Leider. Es gibt aber auch andere, sogar sehr reale, von denen nichts kommt. Und das hat mich immer wieder getroffen. Es war nicht so tragisch (und doch gefühlt), da real ja viel möglich war. Nur jetzt merke ich nun, dass nichts mehr bleibt.

Es sind oft die schwierigen Zeiten, die einen viel lehren. Krisen, Probleme, Unglücksfälle. Die ganzen Einschränkungen rund um Corona bewirken viel, sie sind herausfordernd. Es fehlt so viel, was vorher normal galt, was man für selbstverständlich nahm. Gerade im Miteinander. Zeit also für einen bewussten Umgang miteinander. Zeit dafür, den anderen auch über die Distanz spüren zu lassen: „He, du bist mir wichtig. Aber auch: Zeit, für einen innerlichen Abschied von denen, von denen das Gefühl nicht zurück kommt. Schlussendlich ist alles schon schwer genug, es müssen nicht noch negative Gefühle dazu kommen. Und: Die Zeit wird nachher wieder begrenzter sein – sie soll denen gehören, die auch in diesen Zeiten da waren.

Dankbarkeit – auch jetzt

Krisen sind unschön. Man wünscht sie sich nicht. Und wenn sie dann da sind, fragt man sich, wie es so weit kommen konnte. Meist drum, weil man nicht damit rechnete, dass es wirklich passiert, obwohl man eigentlich grundsätzlich den ganzen Tag damit beschäftigt ist, sich Sorgen um Dinge zu machen, die nicht sind, die aber sein könnten. Und man steigert sich dann gerne rein, und man fühlt sich dann auch ganz unglaublich schlecht und das bitte zu recht, hat man doch schliesslich das entsprechende Szenario im Kopfe präsent.

Nur: Was man dann nicht tut, ist ein Mittel zu erdenken, das greifen würde, täte das so aktuell ausgedachte Szenario auch wirklich eintreffen. Man suhlt lieber in den sich vorgestellten Leidenspfuhlen, statt gedanklich zum Retter zu werden. Und so bleibt es nicht aus, dass in dem Fall, wenn wirklich ein Unglück eintrifft, alle mit offenen Augen und Mündern dastehen und denken – sogar sagen:

Wie konnte das passieren? Damit hat ja keiner je gerechnet?

Und nein, damit hatte in der Tat keiner gerechnet, die meisten rechneten tagtäglich mit viel schlimmerem, denn sonst hätten sie viel mutiger ihren Lebensalltag bestritten. Leider war das nicht mutige Beschreiten die einzige Massnahme, die nur dazu führte, den eigenen Lebenssaft abzuschneiden, nie aber dazu, in wirklichen Notsituationen Lösungen präsent zu haben. Und so stehen wir nun hier.

Und wir stehen und sehen und klagen und zagen. Und sind so ziemlich am Berg. Und stehen halt an. Wir könnten den Berg auch als Chance sehen. Eine Chance, die uns zeigt, dass wir was lernen können. Ich habe einiges gelernt bislang, es kommt sicher noch viel dazu. Hier mal das wenige bis nun:

  • Ich bin dankbar, kann ich alleine sein.
  • Ich bin dankbar, kann ich mich selber beschäftigen.
  • Ich bin dankbar, habe ich ein schönes Dach über dem Kopf, an dem es sich leben lässt, auch wenn ich es nicht verlassen darf.
  • Es gibt Menschen, die mir wichtig sind und um die ich mich kümmere. Auch aus der Distanz.
  • Es gibt Menschen, die an mich denken. Auch aus der Distanz.
  • Es gibt Menschen, die hört man nicht – selbst wenn man sich selber meldet. Das gibt Platz in der Agenda für die Zeiten, die wieder voller sind. Die muss man dann auch nicht mehr berücksichtigen.
  • Es gibt Solidarität unter den Menschen. Sie wird gelebt.
  • Es gibt in allen Situationen auch Gutes. Man muss es nur sehen.

Ich habe die Zeit bislang genutzt, zu sehen, was ich wirklich will. Ich habe sie aber auch nutzen können, zu sehen, was oder wer mir wichtig ist, zu spüren, wem ich wichtig bin. Und ich werde das sicher nicht vergessen, wenn die Zeiten wieder „normal“ werden. Ich wünsche mir, dass wir alle gut aus dieser Situation kommen. Ich wünsche mir zudem, dass wir gelernt haben, dass Solidarität, Empathie und ein Miteinander die einzige Möglichkeit sind, zu überleben. Keiner ist eine Insel, keiner überlebt für sich allein. Profit allein wird uns nicht retten. Wir brauchen neben den notwendigen Mitteln vor allem eines: (Mit-)Menschlichkeit. Gelebte Beziehungen. Und ab und an ist es wertvoll, zu sehen, auf welche man bauen kann. Dafür bin ich dankbar – trotz ein paar wenigen Enttäuschungen.

Wenn Bildung Flüche absegnet

Ich war gestern an der Fastnacht. Das an sich ist schon ein Paradoxon, denn ich und Fasnacht, das passt nun gar nicht. Und da ich nie weiss, wie man die schreibt, ob nun mit oder  ohne T nach dem S, schreib ich sie fortan mal so und mal anders. Und klar, ich weiss es eigentlich schon und könnte es auch nachschauen, wenn nicht, aber es ist wirklich ein Wort, bei dem ich immer ins Stocken komme. Das sind wohl so persönliche Stolperwörter, die bei jedem wieder anders aussehen. Ein anderes vom mir sind die Ortschaften Dietikon und Dietlikon. Ich weiss nie, welche von beiden (wo sie sind, weiss ich) nun welche ist. Aber ich schweife ab.

Ich war also an der Fastnacht (man sieht, ich halte den Rhythmus ein), sass in lustiger Gesellschaft bei gutem Essen und viel (!!! seufz) Trank am Tisch, eine Gruppe nach der anderen kam rein, der Lustigkeitsgrad war durchaus auf breitem Band. Und dann kam der Spruch:

Wer hinter meinem Rücken über mich redet, ist gerade am richtigen Ort, mich am Arsch zu lecken.

Den fand ich toll. Vor allem weil mir in den letzten Tagen/Wochen/Monaten so einiges zu Ohren kam, das hinter meinem Rücken getuschelt wurde…leider vergessen die Tuschelnden, dass die Welt klein ist und andere auch tuscheln. Was mir vor einiger Zeit noch an die Nieren gegangen wäre, prallte von mir ab. Das war schön zu sehen, insofern Dank an die Lästertanten. Mittlerweile finde ich es sogar ziemlich witzig.

Zurück zum Spruch: Wer nun denkt, dass er ja toll wäre, dass man ihn nur nicht einfach so sagen könnte, da er ja ach so vulgär sei, dann versucht, ihn abzumildern durch einen Hintern statt den Arsch, dem sei gesagt: Das ist ein Goethe-Zitat. Das ist nicht vulgär, das ist hohe Literatur.

„Er aber sag’s ihm, er kann mich am Arsche lecken!“

So steht es geschrieben (im Götz von Berlichingen, wer’s nachlesen möchte – was ich als Germanistin natürlich empfehlen kann..). Und ich finde, das ist ein gutes Motto. Lass sie reden. Lass sie sich gross fühlen in ihrem Reden, so die Welt ver- und über allem stehend. So lange du weisst, wo du stehst, können sie alle tun, was Goethe schon sagte. Ich weiss schon, wieso ich den alten Knaben liebe. (Ok, man sagt mir eine gewisse Vorliebe für diese nach… ich kann’s nicht abstreiten). Es gibt nur einen Menschen, der dir deinen Wert zuschreiben kann: Du selber. Von aussen wirst du ihn nie WIRKLICH annehmen. Im Guten schon gar nicht, wenn, dann im Schlechten (weil wir ja geübt sind, das Schlechte, den Tadel, die Fehler zu sehen). Und DAS ist nun wirklich nicht nötig.

 

Das Andenken an die Geschwister Scholl

Vor 77 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit, zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist – wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Weltenwunsch

Ich bin nicht sehr gross,
gefühlt sogar klein,
ich bin nicht perfekt,
ich kann es nicht sein.
Ich tu, was ich kann,
das reicht manchmal nicht,
ich täte gern mehr,
fühl mich in der Pflicht.
Ich wär gern perfekt.
und wär’s nur für dich,
ich wär gern die Welt,
die du bist für mich.
©Sandra Matteotti

Lyrische Helfer: Theodor Fontane – Lass ab von diesem Zweifeln

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
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Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Was ist ein gutes Leben?

„Wie geht es dir?“

Wie oft werden wir das gefragt, wie oft interessiert es den anderen wirklich? Und wie oft denkt er, die Antwort zu wissen, weil er sich selber etwas zusammenreimt? Was heisst das eigentlich:

„Es geht mir gut.“

Worauf gründet es? Geht es mir gut, wenn ich Geld habe? Wenn ich gesund bin? Wenn ich eine Familie habe? Wenn ich einen Job habe, der mich ausfüllt? Wenn ich Freunde habe? Wenn ich Spass habe? Brauche ich alles davon oder reicht auch ein Teil? Und wenn ja, welcher?

  • Kann es jemandem, der reich ist, schlecht gehen? Kann man dieses „gut gehen“ kaufen?
  • Kann es jemandem schlecht gehen, der geliebt wird? Oder muss er zuerst selber lieben? Reicht eine einseitige Liebe oder muss sie gegenseitig sein?
  • Ist „gut gehen“ individuell oder universell?
  • Ist es dauerhaft oder situativ?

Wer setzt den Massstab? Reden wir überhaupt vom Gleichen, wenn wir von „gut“ reden? Oder setzen wir die jeweils eigenen Massstäbe beim anderen an und befinden dann, dass es dem durchaus gut (oder eben nicht gut) gehen müsste, weil wir denken, uns ginge es dann so, wenn wir hätten, was er hat, oder wären, wo er ist (oder eben nicht)?

Ich schreibe auf dieser Plattform seit über 10 Jahren. Der Inhalt hat sich über die Jahre ein wenig verändert. Anfänglich waren es viele Rezensionen, literarische Texte, dann kamen mehr und mehr philosophische und auch lyrische dazu. Dabei blieb es nicht aus, dass vieles auch sehr persönlich klang – teilweise auch war. Wie sagte schon Goethe:

Alles Schreiben ist autobiographisch.

Das liegt natürlich auf der Hand, da es zumindest aus mir raus kam/kommt. Und darum wohl wurden viele meiner Texte ganz autobiographisch interpretiert. Nur: Es ist nicht alles, was aus mir rauskommt, aktuelles Erleben. Vieles ist erinnert, durch mein Leben spaziert und durchdacht worden. Anderes mag aus Stimmungen heraus entstanden sein oder aber durch Gedankenspielereien. Was allem eigen ist: Es ist mir ein Anliegen, ich schriebe es sonst nicht. Nur:

Geht es mir gut, wenn ich traurige Texte schreibe? Geht es mir gut, wenn ich fröhliche Texte schreibe? Bei beidem wäre wohl die Antwort ja und nein. Wie alle Menschen habe ich (m)ein Leben. In diesem Leben habe ich zu unterschiedlichen Zeiten Dinge erlebt, die Freude machten, und solche, die Kummer bereiteten. Das ganz normale Leben eben. Und immer hatte ich in gewissen Teilen etwas, das andere nicht hatten, gerne gehabt hätten, anderes wiederum nicht, das andere hatten, ich aber nicht. Indem wir uns nun gegenseitig vergleichen und schauen, wer was hat und wer nicht, wenn wir uns bewerten nach Haben und Nichthaben, ohne das aktuell empfundene Sein dahinter zu kennen, begeben wir uns einerseits in einen Wettbewerb, liefern uns andererseits dem (eigenen und dem des Anderen) Leiden aus.

Im Buddhismus heisst es, dass Leben Leiden heisst. Und ja, wir alle leiden dann und wann. Es heisst im Buddhismus weiter, dass alle Menschen glücklich sein wollen. Darin sind wir uns gleich. Ebenso im Leiden. Nun gibt es im Buddhismus auch die vier edlen Wahrheiten, die das Leid erläutern und den Weg daraus beschreiben. So weit möchte ich hier heute nicht gehen, das Thema habe ich mehrfach behandelt. Nur so viel:

Leiden ist oft hausgemacht. Durch die Bewertung unserer Umstände empfinden wir uns als Leidende oder als Glückliche. Und so kann es durchaus sein, dass jemand, der nach aussen alles hat, selber grad unglücklich ist, ein anderer, der von aussen gesehen wenig hat, glücklich ist. Morgen ist es vielleicht andersrum. Aber in dem Moment ist es so. Und ja, vielleicht könnte er dies mit buddhistischer Weisheit, stoischem Gedankentum oder etwas mehr Demut in jedem Augenblick wenden, wenn er grad im Dunkeln sitzt, statt das Licht zu geniessen.

Ich denke oft, dass jeder ein Recht auf seine dunklen Stunden hat. Ich habe Rilke kürzlich schon zitiert, ich tue es gerne nochmals, zumal er einer meiner Lieblingsdichter ist:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden.

Ich stimme ihm insofern nicht zu, als ich in den dunklen Stunden, die ich durchaus habe (ich denke, die hat jeder, aber dies nur eine Hypothese, ich habe noch nicht jeden danach befragt), leide und nichts lieber hätte als mehr Licht. Aber: Es entstand in der Vergangenheit auch immer ganz viel Gutes und Wichtiges aus solchen Stunden. Wäre es sonst auch entstanden? Ich weiss es nicht. Ich hoffe mal, dass es auch ohne entsteht, denn ich möchte ab heute keine dunkle Stunde mehr haben. Da ich dies aber als Utopie erachte, belasse ich es dabei, den Sinn dieser Stunden darin zu sehen, dass sie mich weiter bringen. Ganz in Nietzsches Sinn:

Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.

Viktor Frankl hat darauf eine ganze Psychologie aufgebaut. Welchen Sinn geben wir unserem Leben? Da gibt es keine Vergleiche, da gibt es kein gut oder schlecht. Sinn kann schon gar nicht von aussen aufgeladen und bewertet werden, er entsteht im Inneren.

Geht es mir gut? Oft ja, ab und an nicht. Das ganz pralle Leben halt. Es hat wenig mit äusseren Umständen zu tun, diese sind aber oft Auslöser. Es sind die eigenen Befindlichkeiten im Moment. Ich finde, sie dürfen sein (für den Moment – wenn sie andauern, würde ich doch noch genauer hinschauen). Und keiner hat sie zu bewerten. Schön ist, wenn die dunklen Seiten von lichtvollen Wesen mitgetragen, und nicht die lichtvollen Seiten von dunklen Gedanken verurteilt werden. Darauf haben wir aber wenig Einfluss. Wir können nur eines: Unser Leben leben und nach unseren Fähigkeiten dafür sorgen, dass es ein für uns gutes ist. Egal, was die anderen sagen.

Ich bin verantwortlich für mein Tun

„Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“ (C.G.Jung)

Als ich jünger war – auch heute noch – gibt es Züge bei meiner Mutter, bei denen ich hoffte, nie so zu werden. In Beziehungen zu anderen Menschen kam es vor, dass mich Dinge aufregten, Verhaltensmuster förmlich auf die Palme brachten. Im Miteinander mit verschiedenen Menschen kam es bei mir zu Reaktionen, bei denen ich dachte: „Bin ich das wirklich? So will ich doch nicht sein?“ – Irgendwas hatte mich dazu verleitet, auf eine Weise zu reagieren, die ich an mir nicht kannte oder aber nicht haben wollte.

Nun wäre es ein Leichtes, hinzugehen und zu sagen: Nur weil die anderen sind, wie sie sind, werde ich wütend, bin ich verletzt, reagiere ich auf eine Weise, die ich selber nicht will. Ich könnte damit die Verantwortung für mein Tun und Fühlen abschieben. Nur: Es wäre zu kurz gegriffen und es würde mir nichts bringen. Ich würde mich weiter ärgern – wenn nicht über die Menschen, dann über andere – ich würde mich weiter gleich verhalten – wenn nicht in den Beziehungen, dann in neuen.

Alles, was ich im Aussen sehe und worauf ich reagiere, hat etwas mit mir zu tun. Es sind nicht die anderen Menschen oder Erlebnisse, die mir Probleme bereiten, es ist meine Reaktion darauf. Und: Diese Reaktion hat viel mit mir selber zu tun – sie zeigt sich nur in Beziehungen.

Alfred Adler sagte, dass all unsere Probleme eigentlich Beziehungsprobleme seien. Nur weil wir mit anderen Menschen interagieren, offenbaren sich Probleme – sie entstehen auch nur darum. Wir wollen anerkannt werden, haben Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Aufgrund derer agieren wir im Miteinander. Und nicht selten manövrieren wir uns dadurch in ein ausgewachsenes Problem hinein.

Nun können wir uns nicht einfach aus Beziehungen herausnehmen und alles ist gut. Wir leben als soziale Wesen in einem Miteinander. Nur oft sehen wir es nicht als Miteinander, sondern erleben ein Gegeneinander, in dem wir tunlichst die Oberhand haben oder zumindest nicht abgelehnt werden wollen. Dafür verbiegen wir uns, dafür versuchen wir, alles nur mögliche zu tun – oder aber wir verweigern uns, da wir denken, sowieso nicht zu erreichen, was wir uns erhoffen – von uns und von anderen.

Wenn wir also wieder einmal Ärger, Wut, Angst verspüren durch das Verhalten eines anderen, oder wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die für uns so gar nicht zu uns passt, sondern nur durch den anderen ausgelöst scheint:

Das ist der Zeitpunkt in mich zu gehen und hinzusehen. Was will mir dieses Gefühl sagen? Was bezwecke ich mit dem Verhalten? Was in mir trägt zu meinen Emotionen bei?

Ich kann die anderen nicht ändern. Ich kann auch das Leben nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Haltung dazu. Ich habe es grundsätzlich jeden Moment in der Hand, für mich und mein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen, indem ich mich so verhalte, wie ich es mir für mein Leben wünsche. Es werden mich dann vielleicht nicht alle mögen, aber: Ich lebe dann mein Leben und bin nicht fremdgesteuert durch zu impulsive Reaktionen auf das Verhalten anderer.

Die eigenen Muster erkennen

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Wie gehe ich mit Stress um? Wie reagiere ich auf unangenehme Situationen? Wie benehme ich mich bei Auseinandersetzungen?

Oft gehen wir durchs Leben und reagieren spontan auf dieses und auf die Menschen. Alles läuft nach einem Automatismus ab, wir brauchen nicht nachzudenken. Das mag in gewissen Situationen hilfreich sein, da es einerseits Zeit spart, andererseits das Leben leichter macht. Es kann aber auch zu einer Belastung werden, nämlich dann, wenn wir uns immer wieder in ähnlich unliebsamen Situationen wiederfinden durch unsere Reaktionen und nicht wissen, wie das passieren konnte.

Es gibt nur einen Weg, das zu ändern: Wir müssen ergründen, was genau passiert, dass wir immer wieder in gleiche Verhaltensfallen tappen. Wir müssen dazu quasi Licht ins Dunkel unserer Muster und Prägungen bringen. Tun wir das nicht, bleiben wir Sklaven unserer Gewohnheiten, wir sind ihnen hilflos ausgeliefert. Erst wenn wir herausfinden, was uns in gewissen Situationen auf eine nicht sinnvolle Weise reagieren lässt, können wir daran arbeiten.

Es wird nicht ausbleiben, dass auch wenig angenehme Wahrheiten über uns ans Tageslicht kommen, weswegen der Blick ins eigene Innere auch Mut kostet. Aber: Er lohnt sich. So tief die eigenen Abgründe auch sein mögen, erst wenn wir sie erkennen, können wir daran arbeiten, sie zu überwinden. Dann kann es uns gelingen, vormals blindes Tun in bewusstes Verhalten zu verändern und damit aus der Spirale der ewig gleichen Abläufe auszubrechen.