„Mitgefühl und Wohltätigkeit befreien uns aus dem Gefängnis der Selbstbezogenheit und geben uns das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein.“ (Thupten Jinpa)

Wenn wir nur mit uns selber beschäftigt sind, sehen wir uns oft als Nabel der Welt – und leiden entsprechend. Denn: Sobald etwas nicht läuft, wie wir das wollen, sehen wir uns als Opfer, denken, wir wären alleine damit und nur uns träfen solche Missstände.

Wir sind nicht allein. Alle Menschen erfahren Leiden. Alle Menschen wünschen sich Glück. Im Wissen darum erfahren wir, dass wir alle in einem Boot sitzen. Aus diesem Wissen kann sich Mitgefühl entwickeln. Das Überschreiten der eigenen Grenzen, das Gefühl der Verbundenheit lassen uns besser mit dem eigenen Leid umgehen. Wir treten hinaus aus den selbst gebauten Mauern und fühlen uns plötzlich als Teil eines Ganzen, nicht mehr als Einzelwesen, dem allein alles Leid zufällt.

Wenn wir aus diesem Mitgefühl heraus auch Gutes tun, Leidenden helfen, ihr Leid zu mindern, erfahren wir unsere Selbstwirksamkeit. Aus dieser speist sich wiederum ein gutes Gefühl auch in und für uns selber.

Niemand ist eine Insel. Die gegenseitige Anteilnahme und das gegenseitige Mitgefühl helfen, als Mensch unter Menschen in einer menschlichen Welt zu leben.

„Wie reich und mächtig wir auch sein mögen, ohne Mitgefühl erfahren wir keinen inneren Frieden.“ (Dalai Lama)

Wir leben in einer leistungsorientierten Welt, in der viele tagaus tagein damit beschäftigt sind, möglichst viel Geld und Ruhm anzuhäufen. Was dabei auffällt ist, dass es nie genug zu sein scheint. Im Gegenteil: Je mehr man vom beiden hat, desto mehr scheint der Ehrgeiz angestachelt, noch mehr zu haben.

Und so rasen ganz viele Menschen durchs Leben auf der Jagd nach mehr, in der Hoffnung, das Gefühl der Unzufriedenheit würde dadurch kleiner. Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Innere Zufriedenheit und inneren Frieden werden wir nie durch das Erreichen äusserer Mittel erreichen. Sie stellen sich nur ein, wenn wir die Werte in uns pflegen und leben. Allen voran das Mitgefühl.

„Mitgefühl ist unser bestmöglicher Schutz, und wie die großen Meister der Vergangenheit immer schon wussten, ist es auch die größte Quelle der Heilung.“(Sogyal Rinpoche)

Dass Mitgefühl nicht nur ein schöner Gedanke von einigen weltfremden buddhistischen Mönchen ist, erfährt sicher jeder, der sich in der Kunst des Mitgefühls übt. Auch die Forschung interessiert sich aber mehr und mehr für das Mitgefühl, und sie hat interessante Dinge herausgefunden:

  • Mitgefühl ist uns als Fähigkeit angeboren. Erst durch die Sozialisation lernen wir, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen wir es zuteil werden lassen, und denen, welchen nicht.
  • Wer selber Mitgefühl lebt, kann in Stresssituationen grösseren Nutzen aus der Hilfe und dem Wohlwollen anderer ziehen.
  • Soziales Engagement und Mitgefühl verzögern den Alterungsprozess
  • Mitfühlende Menschen sind insgesamt optimistischer
  • Mitgefühl ist eine sinngebende Kraft, weil wir uns als selbstwirksam erleben.
  • Mitgefühl ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit, welche man in unserer Gesellschaft schon fast als Volkskrankheit bezeichnen kann mit enormen Auswirkungen.
  • Mitgefühl ist eine Art der Bestätigung – der andere fühlt sich wahrgenommen und geschätzt.
    Die Liste liesse sich weiter fortsetzen, aber: Reichen die Gründe nicht schon, um noch heute damit zu beginnen, mehr Mitgefühl in unserem Leben zu praktizieren?

„Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.“ (Mahatma Ghandi)

Wenn der andere nur ein wenig anders wäre, wenn er sich nur ein bisschen ändern könnte, wäre das Zusammenleben viel leichter. Wer hat nicht schon so gedacht und sich gleich daran gemacht, Änderungswünsche anzubringen. Leider ist es eine alte Weisheit, dass man andere kaum ändern kann – ändern kann man nur sich selber.

Änderungswünsche an andere Menschen bringen meist nur Unfrieden und vergiften das Klima. Der andere denkt, er sei so, wie er ist, nicht in Ordnung, was ihn sicher nicht in Freudentaumel ausbrechen lässt. Zudem ist man selber immer mehr enttäuscht, wenn trotz mehrfacher Aufforderung keine Veränderung sichtbar wird.

Was also tun? Veränderungen fangen bei einem selber an. Statt beim nächsten Streit Veränderungen beim Gegenüber zu fordern, könnte man sich auch fragen, was man selber ändern könnte, um zukünftig Streitigkeiten zu vermeiden. Meist tragen immer zwei zu einem Streit bei – was ist der eigene Anteil? Und: Kann ich daran etwas ändern? Dabei geht es nicht um Komplettveränderungen oder gar das Verleugnen ganzer Wesenszüge. Oft sind es eigene Seiten, die man selber an sich nicht mag, unbewusste Verhaltensmuster, die uns auf eine Weise reagieren lassen in Situationen, die weder der Situation angemessen noch einem friedlichen Miteinander zuträglich sind.

Wenn ich also wieder einmal die Welt verändert sehen möchte, frage ich mich: Lebe ich selber so, wie ich es mir von den anderen Menschen auf dieser Welt wünsche?

„Freude an der Freude und Leid am Leid des Anderen, das sind die besten Führer der Menschheit.“ (Albert Einstein)

Hast du auch schon mal neidisch auf den anderen geschaut, weil er etwas hatte, das du auch gerne gehabt hättest? Hast du dich gefragt, wieso er hat, was du nicht hast, oder noch mehr: Was eigentlich dir zustünde?

Neid ist weit verbreitet in unserer Welt, in welcher wir uns oft mehr über das Haben als über das Sein definieren. Nur, was bringt er uns? Wenn wieder einmal ein Gefühl von Neid aufkommt, weil du denkst, der andere hätte mehr als du, gehe in dich:

  • Wieso gönne ich ihm das nicht?
  • Ginge es mir besser, wenn er es nicht hätte?
  • Brauche ich überhaupt mehr als ich habe?

Wieso kann ich mich nicht einfach mit dem anderen freuen? Gerade, wenn ich einem anderen Menschen zugetan bin, könnte ich ihm doch aus tiefstem Herzen gönnen, was ihm Gutes widerfährt. Genauso wie ich Anteil nehme an seinem Leiden, könnte ich dies auch an der Freude tun.

Mitfreude und Mitgefühl lassen uns mit einem offenen Herzen durchs Leben gehen. Wir lassen uns von diesem Herzen leiten, statt rational Güterabwägungen zu machen und diese zum Massstab unseres Gefühls nehmen zu wollen. Eine solche offene Herzenshaltung brächte Heil in eine Welt, in welcher Neid und Ignoranz vielerorts regieren. Und zudem: Sich mit jemandem freuen zu können, ist nicht nur heilsam für die Beziehung zwischen beiden, es ist auch für das eigene Wohlbefinden heilsam.

 

„Gehen wir voller Mitgefühl auf andere zu, setzen wir der Einsamkeit ein Ende.“ (Dalai Lama)

„Wieso immer ich?“ „Wieso muss das ausgerechnet mir passieren?“

Hast du auch schon mal gedacht, dass es immer dich trifft, wenn etwas passiert? Hast du dich auch schon einmal als Opfer der Umstände gesehen, dich allein gefühlt mit all dem, was um dich ist, was dir zustösst? Was machst du dann? Haderst du mit dem Schicksal? Denkst du, das Leben ist ungerecht und Glück haben nur die anderen?

Gerade in schwierigen Zeiten fühlen wir uns oft allein. Wir sehen rundherum zufriedene Menschen und selber leiden wir. Wir fühlen uns getrennt von ihnen, weil sie in einer ganz anderen, helleren Welt zu leben scheinen.

Die Wahrheit ist, dass alle Menschen leiden. Kein Mensch hat nur helle Tage, in jedem Leben kommen auch die dunklen vor. Gerade dieses eigene Leiden macht uns aber mitfühlend. Gerade weil wir alle leiden, können wir uns in andere hineinversetzen, fühlen ihr Fühlen und können ihnen mit Mitgefühl zur Seite stehen. Und wenn wir uns gegenseitig mitfühlend begegnen, ist keiner mehr allein. Wir fühlen uns als Teil einer Gemeinschaft, das Gefühl des Getrenntseins, die Einsamkeit hat ein Ende.