Wenn Profitgier die Schere zwischen arm und reich weiter macht

Die NZZ und auch „Le Temps“ wollen ihre Onlineportale kostenpflichtig machen. Das ist sicher ihr gutes Recht, jeder kann für das Produkt, das er anbietet die Verteilungsstrategie wählen, die ihm beliebt. Dass kaum mehr was umsonst ist, ist in dieser Welt nichts Neues. Ein Experte meinte denn auch, dass die Strategie wohl aufgehen werde, die NZZ damit eine Vorreiterrolle übernähme, der andere folgen könnten. Dazu käme, so der Experte, dass die NZZ eher ein Blatt für die höhere Schicht sei, die dadurch auch zahlungskräftiger sei und damit wohl bereit, die Gebühr zur Nutzung aufzubringen. 

Legitim ist das sicher alles. Trotzdem stossen mir gewisse Dinge auf:

In der heutigen Zeit hat nicht jeder mit einer hohen Ausbildung auch eine gut bezahlte Stelle hat. Der Arbeitslosenmarkt macht auch vor Uniabgängern nicht halt. Des Weiteren ist zu bemerken, dass nicht jeder nicht Studierte gleich ungebildet und vor allem desinteressiert ist. Die Gleichung: Interessiert = zahlungskräftig ist eine, die nicht aufgeht. Wenn man nun den Interessierten jeglichen Zugang verunmöglicht, ist das zwar wirtschaftlich legitim, doch auch irgendwo traurig. Die volle Version war schon bisher zahlungspflichtig, wenn die abgespeckte Variante nun folgt, sind die Türen dicht. Klar gibt es andere Zeitungen, keine Frage, wenn die aber wirklich nachziehen?

Es gibt noch ein weiteres Problem: In einer Demokratie gilt der Mehrheitsentscheid. Entscheide sind dann vernünftig und durch Argumente und Wissen abgedeckt, wenn man sich informieren konnte, wenn man die Möglichkeit hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eine Meinung zu bilden. Woher soll die Meinung kommen, wenn die Informationen nicht mehr zugänglich sind? Wie soll man sich weiter bilden, wenn am Schluss nur noch 20 Minuten Und Blick gratis sind? Die Demokratie ist in der Krise. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Krise ist ein Wort, das heute in aller Munde ist, damit nicht sympathischer wird. Man kann aber sagen, dass die Beteiligung an demokratischen Mitteln abnimmt und die Entscheide oft eine Richtung annehmen, die mehr als ungeheuer ist. Die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, die über Boulevardniveau hinausgehen, wird das nicht verbessern. 

Schon die Vorreiter der Demokratie, zu nennen sind neben anderen  Rousseau und Tocqueville, haben alle dasselbe gesagt: Eine Todesursache für eine funktionierende Demokratie (wie sie damals gesehen wurde) ist ein zu grosser Wohlstandsunterschied. Die Stütze dieses Staatsmodells wäre ein gesunder Mittelstand. Dass dieser heute schon lange krankt, ist eine traurige Tatsache, doch die Schere tut sich immer mehr auf. Ob dem entgegenzuwirken ist, sei dahingestellt, wie das geschehen könnte oder sollte braucht mehr Platz und Zeit und bräuchte vor allem den Willen derer, die in Positionen sind, welche es erlauben, an den Zuständen zu schrauben. Wenn die Wohlstandsschere aber immer mehr auch Bildung und Informationszugang betrifft, dann nimmt das Ganze Züge an, die mehr als bedenklich sind. Und das wäre spätestens der Zeitpunkt, an dem man sich fragen müsste, ob man damit wirklich etwas Gutes tut oder ob diese Profitgier, die sich bei der Erhebung von Gebühren für die Onlineplattform zeigt, nicht schlussendlich – wenn diese Tendenz um sich greift und sich mehr und mehr vertieft, weil einer dem anderen nachfolgt – das Fundament zerstört, auf dem die ganze Wirtschaft überhaupt steht. 

Wenn diese Tendenzen um sich greifen, wird irgendwann die Basis einer gerechten Demokratie völlig unterlaufen sein. Dann werden sich arme Information nicht mehr leisten können, sie werden dadurch entweder der Chance beraubt, wirklich am Entscheiden teilzuhaben oder aber man läuft Gefahr, dass sie sich auf die Informationen stützen müssen, die ihnen noch gratis geboten werden. Das wäre ein gefundenes Fressen für all die, welche durch manipulative Informationsstreuung ihre eigenen Interessen stärken wollen. Am Schluss wundert sich dann jeder, wieso Volksentscheide ausfallen, wie sie es tun, wieso gewisse Parteien Zulauf haben, andere Treten an Ort praktizieren. 

Es ist mir klar, dass die Gebühren für eine oder zwei Onlinezeitungen noch nicht den Untergang der Welt bedeuten und es durchaus andere Missstände gibt. Trotzdem denke ich, dass sie Auswüchse dessen sind, was an den Grundfesten heutiger Gesellschaftsordnungen rüttelt: Die Kurzfristigkeit des Denkens und die Ausrichtung auf den eigenen Profit ohne Rücksicht auf mittel- und langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf ein gewisses Mass an Fairness. 

Genug ist nicht genug

Konstantin Wecker singt in einem Lied „Genug ist nicht genug“. Es ist ein Lied des Aufbruchs, ein Lied, hinauszugehen und das Leben zu entdecken. Es ist ein Lied, sein Leben in die Hand zu nehmen und eigene Wege zu gehen, sich nicht im Alltagstrott auszuruhen, nicht fremde Dogmen zu akzeptieren, sondern seine eigene Wahrheit zu suchen. Im Sinne Konstantin Weckers eine gute Sache. Sie ruft auf, sich auf sich selber zu besinnen und auszubrechen aus äusseren Zwängen. Doch im Satz „genug ist nicht genug“ liegt auch eine Gefahr. Ich denke, daran krankt die Menschheit heute. 

Genug heisst, dass das, was man hat, genug ist, es ausreichend ist. Nun kann man sich fragen, was es heisst, genug zu sein. Was muss im Leben abgedeckt sein, dass man sagen kann, es ist genug? Einigkeit besteht sicher bei den Grundbedürfnissen. Wenn diese abgedeckt sind, ist schon mal viel gut. Viele Menschen können davon nur träumen. In unseren Breitengraden sehen wir das als selbstverständlich, wir denken kaum mehr dran, dass das nicht Standard sein könnte und setzen die Messlatte entsprechend höher. Grundbedürfnisse wäre blosses Überleben, doch wir wollen leben, das braucht mehr. Das minimale „Genug“ ist nicht mehr genug. 

Nur: wann ist es nun genug? Die Ansprüche gehen hier wohl auseinander. Und ich denke, mit wachsenden Möglichkeiten werden die Ansprüche höher.

Das Streben nach immer Besserem vergiftet die Freude am eigentlich Guten in deinem Leben.

Wer genug zum Überleben hat, hätte gerne ein Auto. Wer ein Auto hat, hätte gerne ein teureres. Dann kommen Ferien, das Haus, die Yacht, der Schmuck.. die Kleider sollen nicht mehr H&M, sondern Gucci sein… die Liste ist unendlich. Genug kann es nie mehr sein. Die Freuden am Neuen werden kürzer, noch mehr Neues muss her. Konsum wird zur Sucht und die Befriedigung nimmt in der Dauer ab – kontinuierlich. Nun kann man da den Moralzeigfinger schwingen und sich auf die armen hungernden Kinder in Afrika besinnen. Ich denke, das wird nichts bringen. Wir sind nicht in Afrika, so schrecklich die Zustände da teilweise sein mögen. Es ist zu weit weg. 

Was aber nah ist, ist die eigene Unzufriedenheit. Und irgendwann könnte einem aufgehen, dass man selber etwas dazu beitragen könnte, zufriedener zu sein. Es könnte einem aufgehen, dass das immer höher hinauf Wollen nicht allselig machend ist. Es könnte einem aufgehen, dass mehr nicht besser und besser nicht Glück bringender ist. Dabei möchte ich nicht sagen, dass man nicht geniessen soll, was man hat – jeder nach seinen Möglichkeiten. Keiner soll auf Grundbedürfnisse zurück schrauben müssen, wenn er mehr hat und mehr kann. Das wäre unrealistisch und die Forderung entspricht wohl eher dem Neid des Besitzlosen als der Wirklichkeit. Aber mit dem Mehr dann zufrieden sein, das wäre schon mal ein guter Anfang. Ein paar Träume, die darüber hinaus gehen, sind sicher Motivator, sich weiter anzustrengen, zu viele Träume mehr Grund, sich irgendwann unglücklich fallen zu lassen. 

Geld oder Liebe?

Als ich Kind war, gab es im Fernsehen die Sendung „Geld oder Liebe“, in der auf spielerische Weise Wettbewerbe zu bestehen waren und am Schluss eine Entscheidung darüber gefällt werden musste, ob man sich für die Liebe – den Mann/die Frau vor Ort – oder aber für Geld – den erspielten Betrag – aussprechen möchte. Der Romanitker hätte gerne die Liebe gewählt gesehen, da ich noch jung war, überwog der immens. Der kleine Rationalist in mir sagte zwar schon, dass es a) nur ein Spiel, b) der anwesende Mensch ein unbekanntes Zufallsprodukt und c) wirkliche Liebe anders aussehen müsste. Trotzdem wäre es schön, den Himmel voller Geigen (oder Herzen) zu sehen und sich im Geiste ein „und sie lebten fortan in Glück und Frieden“ vorzustellen.

Wie ist es im wirklichen Leben? Was zählt, was ist wichtig, wofür entscheidet man sich, wenn es hart auf hart kommt? Was sind die Kriterien der Partnerwahl? Entscheidet nur das Herz, wo der Pfeil des Amor einschlägt, bleibt er stecken, ungeachtet dessen, was diese Einschussstelle mit sich bringt, oder zählen auch andere Werte, andere Kriterien? Welchen Stellenwert hat Geld? Welchen gleiche Interessen, gleiche Vorstellungen, gleiche Lebensmuster? Oder sind es gerade die gegensätzlichen Einstellungen, die anziehen?

Die erste spontane Antwort auf diese Frage ist sicher: Nur die Liebe zählt. Wo sie hinfällt, wächst nicht kein Gras mehr, sondern da wächst ganz viel. Wie aber fällt die Liebe? Einfach so? Aus dem Nichts auf einen Menschen? Was macht den anderen zu dem Menschen, den man liebt? Wie verliebt man sich? Haben die Biologen recht, wenn sie von den 3 Sekunden der Entscheidung aufgrund irgendwelcher Lockstoffe und passenden Gerüche sprechen? (Herr Biologe, zu Hilf!) Haben die Psychologen recht, die auf einer ähnlichen Schiene fahren und auch eine kurze Zeit als Matchentscheidend sehen? Wo aber bleiben da die Eigenheiten des anderen? Die Übereinstimmungen? Die Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten, die so anziehend sein sollen? Alles Schall und Rauch, da wir nur Trieb und animalisch gesteuert sind?

Wo blieben dann all die inneren Werte? Die kennt man doch gar noch nicht. Oder drücken die sich im Geruch aus? Riecht man, ob der andere hilfsbereit, intelligent, verlässlich, treu, ehrlich, verantwortungsbewusst und humorvoll ist? Wenn es nicht der geruch sondern doch ein Anflug von romantischer Liebe per Pfeilschuss ist: sind es dann die inneren Werte oder irgendwelche Phantasien, die der andere weckt? Und woher stammen die Phantasien? Sind sie nicht auch im weitesten Sinne verstandesprodukte? Wie weit entfernt sind wir dann noch vom Geld? Die Phantasie von der goldenen Kreditkarte, man selber in Highheels, gut aussehend neben dem machtvollen erfolgreichen Mann stolzierend, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen bekommend da alles möglich ist? Ist sie verwerflicher als die Romantik des mittellosen Jünglings, der so gut aussieht, ein grosses Herz hat, einen auf Händen in den Sonnenuntergang trägt und dabei Gitarre spielt (bitte mich nicht auf die Unmöglichkeit dieses Zusammenspiels hinweisen, das Bild ist grad so schön – nicht plastisch sichtbar allerdings)? Zerplatzt diese Romantik nicht bei der ersten nicht bezahlten Telefonrechnung und spätestens im dritten Winter ohne Heizung, wenn die durch Nähe entstehende Wärme nicht mehr jeglichen weiter führenden Wünsche tilgt?

Liebe ist ein schwieriges Gebiet. Zum einen weiss jeder genau, was es ist, kann es aber nicht so deutlich beschreiben. Zum anderen stecken so viele Hoffnungen, Wünsche, Ziele drin, dass das arme Gefühl kaum noch atmen kann und sichtlich überfordert ist, was sich im häufigen Verflüchtigen derselben (so genannten) zeigt. Was ist die Lösung? Es gibt Kulturen, in denen Ehen geschlossen werden von den Eltern. Die zu Vermählenden kennen sich kaum bis gar nicht, wenn sie vor den Traualtar treten. Oft halten diese Ehen ein Leben lang, die involvierten Menschen scheinen nicht unglücklich. Ich kenne keine Statistiken, habe selber keine dazu gefälscht, glaube das einfach mal so. Woran liegt es? Nur weil sie keine Wahl haben, es zu ändern? Oder vielleicht doch daran, dass gemeinsame Werte und Wertvorstellungen zusammen halten, einen Weg finden helfen? Ist Liebe schlussendlich doch keine Leidenschaft, sondern ein Zusammenraufen und gemeinsam Gehen?

Was also nun? Geld oder Liebe? Das geld steht dabei wohl sinnbildlich für die Verstandesdinge, die Werte im Leben. Dabei gibt es wichtigere und unwichtigere, relevantere und solche, die man aussshliessen kann. Schlussendlich zählt wohl doch über kurz oder lang eine gemeinsame Basis, die Amorpfeil hin oder her, da sein sollte. Geld allein macht nie glücklich, das zeigen all die ach so reichen Promis mit ihren ach so grossen Problemen. Gar kein Geld macht auch nicht glücklich, das sieht man leider viel zu oft auf dieser Welt. Frei entfalten kann sich der Mensch dann, wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Luxus ist schön, aber nicht glückselig machend. Wenn dann das Herz fehlt, nützt alles Geld, alle Vernunft, alle Rationalität nichts – man wird nicht glücklich werden. Das Herz entscheidet, wen man will, der Verstand prüft, ob es gut ist – und schweigt. Entscheidet der Verstand nach Pflichtenheftmanier, was man zu wollen hat, wird das Herz eingehen und die Seele krank.

Geld

Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.

Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.

Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.

Was sind Gefühle
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.

Was sind Gefühle
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.

Sein braucht manchmal Mut, ab und an bedeutet es Verzicht. Schein ist Verzicht auf der ganzen Ebene – nicht gleich, aber langsam bohrend, mitten ins Herz, es verletzend. Und mit dem Herz leidet die Seele und das gekaufte Glück ist plötzlich nichts mehr wert.

Was ist ein Mensch und wann ist er tot?

Im Folgenden meine Rezension von Rafael Ferbers Buch „Philosophische Grundbegriffe 2“ – trotz der sehr komplexen Materie ein lesbares Buch, das durch die sehr weit und breit greifenden Verweise quer durch die Theorien seit der Antike ein Lesevergnügen und eine Bereicherung ist.

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2, C.H.Beck Verlag, München 2003.

In Ketten

Ich liebe Rousseau. Gründe dafür könnte es viele geben, zudem feiert er grad Jubiläum, so dass auch das dazu beigetragen haben könnte. Hauptsächlich ist es aber ein Spruch von ihm, der mir gefällt:

Der Mensch wurde frei geboren und liegt doch überall in Ketten.

Rousseau bezog das auf die aufgegebene Freiheit zugunsten des Gesellschaftsvertrages. Es waren in seinen Augen also Ketten des Staates, Ketten der Gesellschaft. Zugunsten von Sicherheit und Schutz verzichtet das Individuum auf seine persönliche, allumfassende Freiheit; es bleibt eine bürgerliche Freiheit, welche immer eine eingeschränkte ist.

Ich sehe diese Ketten umfassender. Ich würde den Spruch wohl umformulieren in:

Der Mensch wurde frei geboren, das Leben legte ihn in Ketten.

Kaum auf der Welt kommen die Zwänge, die Regeln, die Normen. Das darfst du nicht, das musst du tun, das ist richtig, jenes falsch. Denkt man als Kind noch, diese Zwänge werden weniger, wenn man gross ist, weil man dann frei und selber entscheiden kann, wird man bald eines Besseren belehrt: Es wird schlimmer.

Woher stammen die Ketten? Bei einem Teil hat Rousseau sicher recht: Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert ein Mass an Aufgabe von persönlichen Freiheiten. Man kann nicht einfach tun, wie einem beliebt, das würde kein System verkraften, in dem mehr als ein Mensch drinsteckt. Rücksicht und Miteinander sind die Zauberwörter. Dass sie gelingen, dafür sorgt der Staat. Doch denke ich, die Ketten gehen weiter. Neben den Normen des Staates kommen die Normen einer Kultur, auch die moralischen Forderungen, wie man sich zu verhalten habe oder nicht. Neben diesen moralischen Normen stehen die ungeschriebenen Gesetze, was man tun und wie man sein soll, um in einer Gemeinschaft eben dazu zu gehören oder Aussenseiter zu sein. Da werden ganze Lebenswege vorgezeichnet, denen man folgen muss, um ein angesehenes, ein akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Weicht man ab, wird man hinterfragt (im besten Fall) und verurteilt (in den meisten Fällen). Ab und an erntet man vielleicht auch ein anerkennendes Wort, weil man eigene Wege geht, dies ist oft nur vordergründig, hintergründig sieht man die Fragezeichen rotieren (Wieso tut sie das, wie so lebt er so?)

Und wenn man all diese Ketten als gegeben sieht, ist man in meinen Augen noch nicht fertig. Es gibt noch mehr. Die eigenen. Die sind sicher einerseits durch die der Kultur, Gesellschaft und den Staat geprägt, da man diese verinnerlicht. Sie kommen aber auch in eigenen Wünschen und Begehren, in Sehnsüchten zum Ausdruck. Wir loben uns, einen freien Willen zu haben und finden es schrecklich, denken zu müssen, dass dies nicht der Fall sein könnte. Was, wenn wir nicht wollen könnten, was wir wollen und nicht tun könnten, wonach uns der Sinn steht? Grundsätzlich besteht diese Willensfreiheit, das ungehinderte tun Können dessen, was man will. Dass diese nicht absolut ist und es immer Hindernisse verschiedener Art gibt, muss dabei nicht näher erläutert werden, das liegt auf der Hand. Ich werde nie fliegen können und auch das Gehen über Wasser dürfte eher schwer bleiben. Hindernisse können psychischer und physischer Natur sein, sie sind da, die Wünsche, die zu Handlungen führen, müssen sich damit abfinden, das akzeptieren.

So weit so gut, noch nichts Neues bis dahin. Wo also sind die Ketten? Ich denke, im Leben selber. Irgendwann muss man sich für einen Weg entscheiden und geht ihn. Man entscheidet sich für einen Beruf, für einen Partner, für eine Stadt, eine Lebensphilosophie. Grundsätzlich ist das nicht in Stein gemeisselt, aber es ist mal ein eingeschlagener Weg. Man kann den ändern, wenn man zum Schluss kommt, es wäre die falsche Entscheidung gewesen, aber das geht nicht immer und vor allem nicht zu häufig, denn jede Wegänderung ist irgendwo auch ein Treten an Ort, da man nie weiter kommt. Wege entwickeln sich nur weiter, wenn man sie eine Weile geht. Neue Wege beginnen immer am Ursprung, man kann selten bis nie gleich in der Mitte oder gar am Ziel einsetzen.

Und irgendwann befindet man sich auf dem Weg, für den man sich entschieden hat und fühlt sich unglücklich. Man fühlt sich im falschen Film und damit gefangen in einem Lebensmodell, das man so nicht will. Man sieht keinen Ausweg, denn die Entscheidungen für diesen Weg sind gefallen. Man sitzt in einer Stadt, mit einem Mann (oder eben keinem, weil man sich gegen diesen entschieden hat), mit einem Kind (oder eben keinem, weil man sich für eine Karriere statt für eine Familie entschieden hat) und lebt das Leben. Und dieses Gefühl des „will ich das so wirklich?“, dieses Hinterfragen von „ist das mein Leben?“ bringt ein Gefühl von Gefängnis, von Eingeengt sein.

Man stellt sich die Frage: Wo bog ich falsch ab? Wo lief mein Leben in eine Richtung, die nicht passt? War es, als ich hier her zog? Ich sehe vor mir die Felder und Wälder, den See und die Berge, sehe die Orte, wo ich mal wohnte, erinnere mich an die schönen Momente da. Weiss zwar auch, wieso ich da weg ging, es hatte Gründe, gute. Und doch. Nun sitz ich hier…

War es früher, als ich den einen Mann abwies? Ich denke zurück an gemeinsame Unternehmungen, an sein Lachen, an meines, an die gemeinsame Reise, ein Essen, ein Blick. Ich erinnere mich auch an die schwierigen Seiten, die Eifersucht, die ungerechtfertigten Vorwürfe. Ich weiss, wieso es nicht klappte, und doch sitze ich nun hier und frage mich: Wieso?

Ich denke zurück an die Schule, mein Studium, den Weg danach, frage mich, ob ich falsch entschieden habe. Hätte ich besser etwas anderes studiert, mehr leisten müssen, hartnäckiger den Weg verfolgen müssen, den ich wollte, auch auf Kosten des Kindes, des Familienmodells, das ich mir mal wünschte? Oder hätte ich mehr auf dieses setzen müssen und die Ambitionen in der Wissenschaft von vornherein abhaken? Weil einfach nicht alles geht und vor allem nicht mit den Ergebnissen, die genügen – mir selber?

Wo lief ich falsch? Wieso sitze ich hier? Zurück kann ich nicht. Das Studium ist gemacht, der Weg danach gegangen. Das Modell gewählt, wie es eben ist. Ausbrechen ist schwer. Wie sollte es aussehen? Koffer packen, gehen? Und dann? Im ersten Moment wäre es Befreiung, wäre es Erlösung. Die getroffenen Entscheidungen würde es nicht umstossen. Und wenn ich dann wieder in einem neuen Leben sässe, käme vielleicht wieder das Gefühl: Das passt so nicht, ich möchte frei sein. Denn sobald man sich auf etwas einlässt, baut man langsam und stetig eine Art Käfig. Durch die Pfeiler, die man setzt, durch die Haken, die man einhängt, um überhaupt leben zu können. Wohnung, Wege, Alltag – alles Haken, alles Wände. Würden sie fehlen, fühlte man sich wohl haltlos, hilflos. Und so bleibt wohl nur:

Ich wurde frei geboren, ich legte mich in Ketten, weil ich lebe.

Oder gäbe es einen anderen Weg?

Perfektes Leben…

Anhand einer Blutuntersuchung kann man neu herausfinden, ob das erwartete Kind das Downsyndrom hat. Schon die Meldung dieses Tests stiess auf weit auseinander klaffende Meinungen, die Aufschreie waren laut. Mittlerweile sollen sogar Menschen aus anderen Ländern in die Schweiz, nach Bern, kommen, um den Test zu machen – so lässt es sich in einem Schweizer Boulevardblatt nachlesen. Was soll man davon halten? Ist das gut? Ist das verwerflich? Was daran wäre verwerflich? Wo liegt das Problem?

Die Hauptproblematik liegt wohl in einer Wertung des Lebens. Leben, das einwandfrei ist, frei von Krankheiten und Gebrechen, gar Behinderungen, ist lebenswert, das andere wird aussortiert. Dies die sehr krasse, harte aber durchaus im Kern zutreffende Analyse. Ist das moralisch vertretbar? Hat der Mensch nicht die Konsequenzen seines Tuns zu tragen, kann er sich so aus der Affäre ziehen? Ist das feige? Gar Mord?

Die Problematik ist heikel. Die beiden Lager – Befürworter und Gegner von pränatalen Tests – liegen weit auseinander, es gibt kaum Berührungspunkte. Dazu kommt, dass Abtreibung per se ein schwieriges Thema ist. Die Grundfrage ist doch: Wozu ist so ein Test gut? Man kann damit herausfinden, ob das Kind das sogenannte Downsyndrom hat oder nicht. Wenn man sich für einen solchen Test entscheiden will, muss einem klar sein, dass er unter Umständen eine Entscheidung fordert: Was mache ich, wenn der Fall eintritt? Wie reagiere ich, was will ich? Aber auch: Was kann ich? Man kann nicht einfach mal hingehen zu dem Test, um zu schauen, was ist, das geht tiefer. 

Wenn man sich für so einen Test entscheidet, steckt sicher eine Angst dahinter. Die Angst, das Kind könnte „behindert“ (dieser Begriff ist umstritten, alltäglich aber immer noch in Gebraucht. Eine Behinderung soll hier nicht als Stigma oder gar als Abwertung gesehen werden, sondern schlicht als das, was das Wort ausdrückt: Das Leben ist in gewissen Bereichen mit Hindernissen ausgestattet. Diese Hindernisse sind ausgelöst durch die eigenen Lebensumstände, werden aber auch von der Umwelt gesetzt durch ebendiese)  zur Welt kommen. Diese Angst löst eine innere Abwehr aus, sicher auch die Angst, damit nicht klar zu kommen. Aus verschiedenen Gründen: Werde ich selber die Kraft haben, das zu tragen? Werden wir als Familie das tragen können? Wie wird unser Leben sein? Kann ich damit umgehen? Überfordert es mich nicht? Zerbreche ich daran, weil ich tagtäglich damit konfrontiert bin? Nicht nur einfach mit dem Umstand, dass das eigene Kind nicht gesund ist, sondern auch mit der Reaktion der Gesellschaft darauf. Dazu kommt die Wehmut über all das, was dem Kind verwehrt sein wird. Die Trauer über all die Dinge, die nicht möglich sind. Für das Kind und für einen selber. Wird man das packen? 

Was ist die Alternative? Abtreibung. Doch dann setzt man sich all den Verurteilungen aus, die da sagen, dass das nicht geht, dass man damit Mord begeht, unmoralisch handelt. Doch haben all die, die laut schreien, ein Recht, das zu tun? Wer gibt es ihnen? Von aussen ist es einfach zu richten, tragen müssen es dann die, über die man entschieden hat, was geht und was nicht. Niemand nimmt ihnen ihre Trauer ab. Niemand die zusätzlichen Anstrengungen im Alltag. Niemand ist da, sie zu halten, sie zu stützen. Im Vorfeld waren sie alle laut. Danach still und weg. 

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wer ein Kind bekommen soll und wer nicht. Welches Kind auf die Welt kommen kann und welches nicht. Ich ziehe es nachher nicht auf. Das tut nur der, welcher es kriegt. Niemand lebt das Leben des anderen, wieso also will man sich anmassen zu sagen, wie er es zu tun hat? 

Man liest in diesen Debatten immer wieder die schönen Berichte davon, wie viel man von Kindern, Menschen mit Downsyndrom erhält an Liebe, an Freude, an Glück auch. Das sind berührende Berichte, Berichte, die einem das Herz aufgehen lassen. Es sind Berichte, bei denen man Freude verspürt, dass es Menschen so gut geht, dass alle mit der Situation so gut klar kommen, diese Kinder das Glück hatten, in eine solche Familie geboren zu werden. Was aber, wenn es eben nicht so aufgeht? Die Familie an der Belastung zerbricht? Die Fröhlichkeit und Liebe des Kindes die Trauer nicht vergessen macht? Wem wäre gedient? Ich denke, niemandem. 

Die konsequente Alternative wäre wohl, auf Sex zu verzichten, wenn man ein behindertes Kind nicht tragen will. Die ist aber wohl unrealistisch, der Mensch ist nicht dazu geschaffen, enthaltsam zu leben – zumindest nicht die Mehrzahl. Und so müssen wir wohl  oder übel mit den Konsequenzen leben, die da heissen: Was tun, wenn die Natur nicht so will, wie man sich das ausgemalt hat. 

Der gläserne Mensch

Der gläserne Mensch ist schon lange eine bekannte Tatsache, man hat sich fast schon damit abgefunden. Kameras filmen uns bei alltäglichen Gängen zur Post, Bank oder beim Einkaufen, die Cumuluskarte und neu auch die Supercard helfen, mein Einkaufsverhalten kennenzulernen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, Amazon schickt mir Büchervorschläge anhand der Auswertungen meiner vergangenen Einkäufe, Facebook und Twitter schlagen mir neue Freunde vor, da sie meine alten kennen. Alle kennen sie mich, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Das ist nicht toll, wohl aber nicht zu ändern. 

Eine ganz neue Dimension dieses Spiels entdeckte ich aber in den letzten Jahren, seit mein Kind in der Schule ist. Das Kind kam eines Tages mit einem Blatt nach Hause, auf dem ich feinsäuberlich meine Geburt und die nachfolgenden Stillerfahrungen notieren sollte, inklusive Stilldauer und weiteren Informationen. Ich bin sonst durchaus ab und an kooperativ, mitunter auch mitteilungsfreudig, aber ich suche mir gerne aus, wann ich was wem erzähle und eine mir unbekannte Lehrerin gehört nicht zu dem Kreis, der an meinen intimsten Details teilhaben sollte. Das Kind verstand zum Glück meine Beweggründe und trug das Blatt mit meiner Antwortverweigerung brav zur Schule. Ich dachte, damit sei die Sache gegessen. Der nächste Anschlag kam: Unsere Ernährungsgewohnheiten in Bezug auf Milchprodukte sollten in einer Wochentabelle notiert werden: Wann isst Familie Cosima wie viele Einheiten welches Milchprodukts. Mit der Aufforderung zur Offenlegung kam auch noch die klare Anweisung, wie viele Einheiten es zu sein hätten. Damit die Kinderchen sich auch wirklich dran halten, erzählte die gute Frau Lehrerin, wie wichtig das sei, dass sie sonst alle krank würden, wenn nicht heute, so sicherlich morgen. Zudem würde man unweigerlich dick, verzichtete man auf diese Milchprodukte. Nun vertrage ich Milchprodukte eher schlecht, früher noch schlechter als heute. Ich mied diese also früher ganz, heute esse ich sie in Massen. In der chinesischen Medizin lernte ich zudem, dass Milch den Körper verschleimt. Diesen Effekt sah ich bei meinem Sohn auch mal ziemlich deutlich, als er mit einer Erkältung kämpfte. Zuerst wollte ich brav schweigen und überlegte sogar kurz, die Tabelle zu fälschen. Doch dann schrieb ich ihr eine lange und ausführliche Stellungnahme zu dem Ganzen (ernährungstechnisch). 

Heute nun kriegte ich ein Schreiben der städtischen Gesundheitsdienste. Schlularzttermin fällt an. Dazu wollten sie alles über vergangene (wenn es ginge auch zukünftige, ich bin mir sicher) Krankheiten, Unfälle und sonstigen Gebrechen wissen. Dazu noch eine Kopie der bisherigen Impfungen. Danach musste man ankreuzen, wozu man sein Einverständnis gibt, die Auswahl war so, dass man kaum um die Impfung beim Schularzt herum kommt. Nun darf man mich nicht falsch verstehen, ich bin selber Wissenschaftler und bis zu einem gewissen Grad der Wissenschaft angetan. Ich impfe, weil ich davon ausgehe, dass die, welche die Impfungen erfinden, ihre Sache gut machen und mehr von der Materie verstehen als ich. Diesen Mehrverstand spreche ich den meist nicht medizinisch ausgebildeten Impfgegnern einfach mal ab. Ich weiss, reine Spekulation, meine eigene Hypothese, ich stehe dazu und baue darauf. Trotzdem möchte ich mein Kind nicht im Rahmen einer Schulkontrolle impfen lassen, das tut unser Kinderarzt, mit dem ich das angeschaut habe und dem ich vertraue.

Heute hatten wir Ärger mit dem Internet. Ein Anruf mit dem Kundencenter des Anbieters kam sogar über die Warteschlaufe hinaus, bis hin zu einem Mitarbeiter. Am Telefon führte er uns durch gewisse Schritte, sah dabei, wann unser Modem an war, wann aus. Mein Iphone weiss, wo ich wann bin, mein Facebookaccount schreibt, wo ich welchen Status schreibe, Twitter weiss das auch, Google kennt meine Bilder, hat auf dem Drive meine Dokumente, managt meinen Kalender, die Cloud synchronisiert den anderen Kalender sowie meine Kontakte und Lesezeichen. Bei diversen Seiten kann ich mich gleich mit dem Facebookaccount anmelden, der nun auch meine privaten Adressen und Telefonnummern freigibt. Ich bin umstellt, durchleuchtet, ein gläserner Mensch. 

 

Vom Begriff her hörte ich das schon ein paar Mal, in Tat und Wahrheit erschreckt es mich bei jedem Mal, wenn es akut bewusst wird, erneut. Meist verdränge ich es, denke nicht dran. Wozu auch, es lässt sich nicht ändern. Und doch: Will ich das? Eigentlich nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir immer der Ausspruch meines Sohnes in den Sinn:

Mama, ich will nie zu Facebook, Facebook ist doof. Ich will mal ein Mann mit Geheimnissen sein. 

Ich bin, wie ich bin

Der Mensch sucht nach Liebe, nach Anerkennung, nach Bestätigung. Findet er die nicht, sucht er intensiver oder er wird krank. Der Mangel an dem, was er sich so sehr wünscht, wiegt so schwer, dass er ihn nicht tragen kann. Er flüchtet sich ins Vergessen, klappt das nicht, ins Verdrängen. Auch das ist mitunter schwer, ab und an helfen kleine Helferlein, beim ersten Mal ist man erfreut, beim zweiten auch, beim dritten Mal nimmt man sie gezielt, man bleibt dabei, nimmt sie mehr und mehr und sitzt irgendwann in der Falle. Dadurch hört das Streben nach Gefallen nicht auf, aber man dämpft den Schmerz beim Nichtgefallen. Die Helfer sind vielfältig, bei den einen ist es Schokolade, bei den andern sind es Zigaretten, Alkohol, Medikamente oder gar härtere Drogen. Alle helfen sie ertragen, was schmerzt.

Schon als kleines Kind lernt man, dass man Leistung bringen muss, um zu genügen. In der Schule sind es Noten, zu Hause oft auch, da nur das gut benotete Kind Lob kriegt, das schlecht benotete im besten Fall kein Lob, im schlechtesten Prügel. Das Kind, das sich anpasst, ist das gute Kind, das, welches rebelliert, das schwarze Schaf. Das Kind, welches ordentlich und lieb und nett ist, ist das Lieblingskind, das aufmüpfige, unordentliche, motzende das, welches aneckt, gerügt wird, immer weiter weg steht. Und so lernt man, vor allem, wenn man eigentlich gefallen möchte, auch nah dran sein möchte, sich den Wünschen und Anforderungen anzupassen. Man tut alles, um auch geliebt zu sein, um auch gelobt zu sein, um auch zu genügen.

Was, wenn es doch nicht genügt? Was, wenn man nicht aus seiner Haut kann? Was, wenn die Ansprüche der anderen nicht so sind, dass man sie erfüllen kann? Das macht Angst. Man hat Angst, alleine dazustehen. Hat Angst, fallen gelassen zu werden, niemanden mehr zu haben. Und eigentlich weiss man, dass man so geliebt werden müsste, wie man ist. Eigentlich weiss man, dass man sich für niemanden verstellen müsste, denn das wäre nicht der richtige Mensch für einen. Und doch versucht man es oft gerade da am meisten, wo es eben mangelt. Kriegt man alle Liebe der Mutter, buhlt man um die des Vaters, ist oft sogar ungerecht gegen die Mutter in diesem Buhlen. Man versucht später, die Menschen zu beeindrucken, die eigentlich nicht zu einem passen, vermutlich, weil sie einen Knopf in einem drücken, der schon hochsensibel ist.

Wo liegt der Ausweg? Gibt es ihn? Theoretisch sicher: Lernen, sich selber zu lieben, lernen, sich selber so zu akzeptieren, wie man ist und so zu leben, wie man für sich findet, dass es passt. Die, welche das akzeptieren, begleiten das Leben, die, welche nicht, leben ihres auf einem anderen Weg. Das wäre die Art zu leben, die vernünftig wäre, die, welche sicher auch die erfüllteste wäre, da sie eine Selbstzufriedenheit herstellen würde, etwas, das einem niemand nehmen kann. Mit sich und dem eigenen Leben im Reinen sein – was gibt es Schöneres?

Und doch: Der Mensch ist kein Einzelkämpfer, er braucht Gesellschaft, er braucht Zuneigung. Und die Angst, die nicht zu haben, lässt ihn aus seinem eigenen Kreis heraustreten und sich Forderungen stellen, die er vielleicht nicht erfüllen kann oder aber nicht erfüllen wollte, ginge es nicht darum, nicht alleine dazustehen. Vielleicht kann man das für sich selber nicht ändern, weil die Muster zu tief sitzen, aber nur schon das Bewusstsein hilft vielleicht, dieses Muster nicht weiter zu geben. Was zeige ich meinem Kind? Wie gehe ich mit meinem Umfeld um? Erwarte ich, dass dieses meine Werte erfüllt? Mag ich die, die passen, lasse die anderen fallen? Muss jemand meine Anforderungen erfüllen, damit ich ihn mag? Zu einem gewissen Grad wohl schon, wo wäre sonst die Basis, wo der gemeinsame Nenner? In anderen Bereichen wohl weniger. Vielfalt ist auch toll und wichtig ist doch das Grundgefühl. Wichtig ist, dass der andere mir gefällt, mir sympathisch ist. Schön ist, wenn ich mich freue, ihn zu sehen, egal, ob er nun gut in Mathe ist, einen Salto kann oder Klavier spielt. Bereichernd ist doch, wenn er als Mensch mir entspricht, unabhängig von seinen Hobbies und Fähigkeiten. Und wenn er mir etwas gibt, ich ihm was gebe – die Begegnung eine Bereicherung ist.

Und wenn ich an dem Punkt bin und denke: so ist es, so gefällt mir das, dann kann ich mich auch fragen: Wieso denke ich, dass andere das nicht auch gut finden? Wieso denke ich, dass ich gewisse Dinge tun muss, gewissen Ansprüchen genügen muss, um zu gefallen, geliebt zu werden? Es könnte doch sein, dass mich jemand mag, weil ich einfach bin, wie ich bin. Wie schade wäre es, würde ich mich dann ändern? Wenn ich es denn könnte….

Das Leben in all seinen Facetten

Aus gegebenem Anlass plante mein Sohn für heute alles toll, er wollte, dass dieser Tag ein spezieller ist, einfach, weil er sich freute und so seiner Freude Ausdruck verleihen wollte. Leider haben äussere Umstände den Zeitplan durcheinander gebracht, so dass vieles nicht mehr reinpasste, zumindest nicht so, wie er sich das so schön ausgemalt hatte. Die Enttäuschung war gross. Und statt einfach enttäuscht zu sein, dass gewisse Dinge nicht gingen, breitete sich diese Enttäuschung aus und wurde immer grösser, immer dominanter und nahm noch mehr Platz ein, der nicht für den geplanten Tag genutzt werden konnte, sondern mit Auseinandersetzungen, schlechten Gefühlen, Disputen gefüllt war.

Er war wie gefangen in seiner Enttäuschung, konnte nicht mehr ausbrechen. Die ganze Ungerechtigkeit des Planumsturzes wollte aus ihm heraus, er brauchte einen, der Schuld ist und da man weder die Zeit noch Umstände anklagen kann, klagt man den an, der greifbar ist. Im Falle des Kindes ist das die Mutter, sonst im Leben der, welcher grad da ist. Man nennt das wohl Sündenbock. Das ist der, welcher da ist, den Dreck wegzukriegen, wenn der wahre Schuldige nicht verfügbar ist, es vielleicht keinen gibt, die Gefühle aber doch unter einer Ungerechtigkeit, einer Unfairness, negativer Umstände wegen leiden.

Von der östlichen Philosophie habe ich einst gelernt, dass man loslassen können muss. Gelassenheit an den Tag legen, die Dinge nehmen, wie sie kommen, sich nicht an etwas haften, nicht an etwas hängen, sondern wie ein Beobachter des eigenen Lebens dasitzen müsste und sehen, was kommt, es geniessen und wieder ziehen lassen. Es ist eh alles vergänglich und nichts sicher. Wieso also gewisse Dinge wollen, sie gar festhalten wollen? Der Ärger ist vorprogrammiert. Ich muss sagen: Da steckt viel Wahres drin. Ändern können wir vieles nicht. Ich gehe nicht so weit, dass alles determiniert ist, nein, der Weltlauf ist nicht festgesetzt, es gibt in meinen Augen jederzeit viele mögliche Verläufe, und doch: Gewisse Dinge kommen – auch wenn sie hätten anders kommen können, tun sie das nicht. Wir müssen sie annehmen. Es fällt jedoch nicht leicht, einfach dazusitzen und zu denken: Ich hätte es zwar anders gewollt, aber egal, es ist, wie es ist, ich nehme es hin, gelassen, ohne Emotion, ohne Enttäuschung, es ist alles prima.

Vermutlich sollte der ganze Prozess schon früher anfangen. An diesem Punkt eingesetzt ist die Gelassenheit wohl unmöglich, die Ursache der Aufregung liegt in der Vorwegnahme. Man hatte sich etwas vorgestellt, gewünscht, sich darauf eingestellt. Das war der Anfang des Verderbens. Das sollte man unterlassen, will man nicht leiden. Keine Erwartungen haben, dann kommen auch keine Enttäuschungen. Das lernt man nicht nur in der östlichen Philosophie, das lernt man auch in jedem zweitklassigen Beziehungsratgeber.

Ich bin leider Ratgeberresistent. Die Theorien kenne ich zwar, allein mit der Praxis hapert es. Diese Emotionen lassen sich nicht wegatmen, sie lassen sich nicht mal wegdenken, sie sind da. Und in mir spüre ich ab und an auch den Wunsch, sie einfach so rauszulassen, zu toben, zu schimpfen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur dass meist der den Zahn lässt, der nicht viel dafür kann, zumindest nicht als Ursache. Und so konnte ich nach anfänglichem Ärger über die Motzerei des Kindes sehr gut nachfühlen, was in ihm vorging. Die grosse Vorfreude, die in den Plänen Ausdruck fand, wurde jäh gebremst. Ich musste umplanen um (der Umstände wegen), die Spirale war losgetreten. Sie fing ihn ein, hüllte ihn ein, umhüllte ihn, von unten bis oben, ein Entkommen sah er nicht. Er drehte mit, im Roten. Erst versuchte ich, gegenzudrehen, auch zu schimpfen, wurde auch frustriert, da nun mein Plan von friedlichem Tag durchbrochen war. So tat ich eigentlich dasselbe in grün.

Wo liegt die Lösung? Keine Erwartungen mehr? Loslassen? Haben die Ratgeber und Philosophien recht? Ich denke schon, nur denke ich ebenso, dass sie vielen Naturellen zuwiderlaufen. Dazu kommt, dass ich es irgendwie schade fände, keine Vorfreude mehr spüren zu dürfen, keine Pläne mehr machen zu können. Ich fände es öde, nur noch still und stumm beobachtend sitzen zu können und das Leben an mir vorbeiziehen zu lassen. Denn so wäre es in meinen Augen und nach meinem Verständnis von Leben, hielte ich nichts fest, erwartete ich nichts, liesse ich alles ziehen.

Das Leben hat alle Facetten, die traurigen, die enttäuschten, die fröhlichen, die glücklichen. Das komplette Loslassen würde sie alle nehmen. Und ich denke nicht, dass ich dann ohne Leid wäre, dann wäre ich wohl tot. Zumindest innerlich. Es fühlte sich so an. Schlussendlich geht es wohl nicht darum, sich jede (Vor-)Freude zu nehmen, um keine Enttäuschung zu erleben. Wichtiger ist, nach der ersten grossen Enttäuschung, die durchaus auch mal nach allen Seiten ausschlägt, die Kurve zurück zu kriegen, um einen neuen Plan zu starten, der sich den neuen gegebenen Umständen anpasst. Und diesen Plan dann mit neuer Freude zu verfolgen und das Glück, das draus resultiert, zu geniessen – statt es nur beobachtend gleichmütig zu beobachten. Das ist das Leben, wie ich es verstehe.

Anker setzen

Anker setzen

Wie ein Schiff
auf hoher See –
ohne Ziel,
und Horizont.

Uferlos –
so fühl‘ ich mich.
Ohne Hafen,
ohne Anker.

Ein Pirat
im Wellengang –
ohne Zuflucht,
nie daheim.

Wogen schaukeln
meinen Bug,
bringen mich
ins Schwanken.

Winde rütteln
an den Masten,
lenken ab
und treiben weg.

Nebel schweben
auf dem Meer
verhüllen mir
den Blick.

Land in Sicht,
ersehn‘ ich mir –
Segel und dann
Anker setzen.

Anker setzen – das ist die Sehnsucht. Ankommen, zu Hause sein, wissen, wo man hingehört. Nur: wo gehört man hin? Was heisst Zuhause? Wo ist der Hafen, wo kann, wo will ich bleiben? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren, weniger als Fragen, mehr als Gefühle. Gefühle des nirgends Dazugehören. Gefühle der Einsamkeit. Auch Gefühle der Zerrissenheit. Ich erlebte schon meine Kindheit an zwei Orten. Die Schulzeit im einen Kanton, die Freizeit im anderen. Die Berge wurden Heimat, die Schule war der Alltag.

Später wurde das verstärkt, da meine Eltern in dem Freizeitkanton ihr Zuhause aufschlugen, mein Familienheim zog also um. Ich blieb alleine zurück. Alleine war ich auch sonst. Weitere Familie als meine Eltern habe ich keine. Auf alle Fälle keine, zu der Kontakt bestünde. Ich weiss nicht, an welchem Punkt der versandete und wieso. Er war wohl nie tief und damit auch nicht stabil. Die früheren einmaligen Jahrestreffen blieben aus, man gehörte quasi nicht mehr dazu. Die Zerrissenheit einerseits, berufliche und private Umbrüche andererseits führten zu Umzügen kreuz und quer durchs Land. Schön war es überall auf eine Art, überall fand ich etwas, überall vermisste ich etwas. Ein Ankommen war es nie. Wenn der Ort passte, stimmten die Umstände nicht, wenn die Umstände passten, gefiel der Ort nicht oder die Umstände änderten. Eine innere Unruhe wuchs, mit ihr die Suche nach dem, was so dringend ersehnt war: Der Hafen. Wo gehöre ich hin? Ist es ein Ort? Und welcher könnte es sein? Ist es ein Mensch? Wer wäre das? Fängt mich wer auf? Muss ich das nicht selber tun? Gibt mir wer Halt? Aber ich fiel immer, wenn ich vertraute. Nochmals von vorne? Wage ich das? Ertrage ich den erneuten Fall?

Mein Leben heute ist gut. Es hat viele guten Seiten, für die ich dankbar bin. Es gibt auch die anderen. Das nennt sich wohl Realität. Der Ort, an dem ich wohne, gefällt mir, ich kenne mich aus, fühle mich dadurch „vertraut“. Er bietet viel an Möglichkeiten, an Dingen, die mir gefallen, mir was bedeuten. Dinge von anderen Orten fehlen mir, in schlechten Momenten traure ich ihnen nach. In noch schlechteren Momenten würde ich am liebsten packen und der Sehnsucht folgen. Mit etwas Abstand wissend, dass am andern Ort die Sehnsucht nach den nun hier guten Dingen aufkäme.

Genau so ist es wohl mit den anderen Bereichen des Lebens: Alles hat immer zwei Seiten. Bei keiner hat man alles. WIchtig ist, herauszufinden, was man lieber will und den Entscheid dafür zu fällen. Entscheide danach nicht immer und immer wieder zu hinterfragen, sondern sie mal als gesetzt zu sehen. Damit würde schon viel an Zerrissenheit abfallen. Das fällt mir wohl ab und an schwer. Gerade weil es für nichts einen wirklichen Grund gibt, nur meine eigenen Wünsche und Entscheidungen. Es gibt keinen Heimathafen, den ich unbedingt ansteuern muss, weil da das Heimatsgefühl ist. Es gibt nichts, das zieht, zwingt, drückt. Drum irre ich umher, getrieben von Sehnsüchten und Wünschen.

Und auch dieses Getriebensein hat zwei Seiten. So wenig es einen Halt gibt, so sehr lässt es die Freiheit. Die Freiheit, selber zu entscheiden. Und dabei merkt man, dass Freiheit nicht immer nur ein grosses Gut ist, sondern ab und an auch eine Last sein kann. Rousseau beklagte den freigeborenen Menschen als in Ketten gelegt durch den Staat. Und meist wird er noch durch viele andere Dinge angekettet. Ketten können aber auch Halt geben. Das ist wohl der Grund, wieso Menschen sich in Gemeinschaften begeben, weil sie da in den Strukturen Halt finden. Religionen leben davon: Sie stützen den Menschen in seiner Schwäche, geben ihm die Leitplanken für sein Leben und Handeln. Ketzer nennen das Hirten für unmündige Schafe, freundlicher ausgedrückt wären es wohl einfach Lebenshilfen. Wer braucht sie nicht, wer will entscheiden, welche besser ist als die andere.

Ich mag keine Ketten. Ich schüttle sie ab, löse mich draus und renne weit weg. Sind sie da, dreht sich mein ganzes Denken darum, sie aufzulösen. Und doch sehne ich mich ab und an nach Banden. Nach dem Hafen. Nach dem Gefühl: Hier gehöre ich hin, hier bin ich Zuhause. Hier ist mein Halt, das hält mich.

Hans und die Zufriedenheit

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Stimmt das wirklich? Wird das Leid weniger, wenn wir es teilen? Vielleicht erscheint es einem so, weil man denkt, jemanden zu haben, der einen versteht, einem zuhört, für einen da ist. Dann fühlt man den Druck des Leids nicht mehr so stark, weil er durch die guten Gefühle des Gehörtwerdens gemildert wird. Das Leid bleibt aber – so denke ich – dasselbe. Probleme sind nicht gelöst, nur weil jemand da ist. Vielleicht hat der einen Weg, einen Rat, wie man sie angehen könnte und dann nehmen sie ab. Doch gibt es auch Leid, das nicht gemildert werden kann, wo alle Ratschläge nur ins Leere laufen. Tote auferstehen nicht, Geld regnet es nicht vom Himmel und Gesundheit kann nicht herbeigeredet werden. Relativitätstheorien mag man oft nicht hören und Dinge wie „Zeit heilt alle Wunden“ und „Kopf hoch“ sind kaum hilfreich. Oder bin ich alleine mit dieser Sicht? Mich machen all die gut gemeinten Sprüche eher wütend als dass sie mir helfen. Überhaupt habe ich eine eigene Theorie:

Zu zweit hat man die doppelten Sorgen, aber alleine nur die halbe Freude.

Das klingt pessimistisch? Ich finde nicht, ich finde es realistisch, weil logisch nachvollziehbar. Jeder Mensch hat Sorgen, Probleme. Jeder Mensch hat Leid, das auf ihm lastet, das er durch irgendwelche Erfahrungen, Erlebnisse, ab und an sein blosses Sein im Leben hat. Sind nun zwei Menschen zusammen, wird das eigene Leid kaum weniger. Vielleicht fällt ab und an die Einsamkeit weg (wobei der andere auch nicht ständig verfügbar ist), dafür kommt der mangelnde Freiraum hinzu (weil der andere doch nicht nur dann nicht verfügbar ist, wenn man ihn vermisst). Dazu kommt, dass er auch sein Leid hat und in einem Team teilt man die Sorgen, die dadurch nicht halbiert werden, sondern nur mitgeteilt. Und fortan von beiden getragen, einer leidet aktiv, der andere mit. Und so leiden beide doppelt, am Eigenen und am Anderen. 

Ebenso verhält es sich mit der Freude. Dasselbe Spiel mit umgekehrten Vorzeichen: Der eine freut sich, der andere mit, der andere freut sich, man selber mit, gemeinsam hat man ein paar Freuden. Unterm Strich bleibt am Schluss das Resultat wie oben beschrieben. 

Der Mensch sehnt sich nach Beziehung, er ist nicht gerne alleine. Viele suchen krampfhaft Beziehungen, um bloss nicht alleine zu sein. Lohnen sich Beziehungen nach obiger Rechnung? Sind wir frei, das überhaupt zu entscheiden oder leiten unsere biologischen Vorgaben unser Verhalten? Können wir frei wählen zwischen mehr Leid für mehr Freude oder leiten die Gene und der Verstand trottet willig hinterher? 

Ab und an kommt es mir so vor, als ob der Mensch generell am Leben verzweifelt. Die einen haben nichts und leiden, weil sie nichts haben, die anderen scheinen (vordergründig) alles zu haben und verzweifeln auch. Der Unterschied zwischen den Extremen ist nur, dass die einen obdachlos mit Bierdose unter der Brücke sitzen, die anderen mit Heroin und Champagner abgefüllt im Penthouse. Natürlich gibt es noch die vielen Grauzonen mittendrin, doch alle jammern sie auch vor sich hin. Alle sehen beim anderen mehr Glänzendes und sich selber im Elend. Alle haben von irgendwas zu wenig und von irgendwas zuviel. Und meistens ist das, was zu wenig ist, das, was sie am höchsten ersehnen und das, was zu viel ist das, was sie am wenigsten wollen. 

Und so bestätigt sich der Ausspruch vom Menschen, der ein Mängelwesen sei. Doch wenn man ab und an hinschaut, möchte man fast sagen, dass der grösste Mangel, den er hat, der Mangel an Zufriedenheit ist. Mein Sohn zeigte mir das heute eindrücklich, als er sagte: „Mama, weisst du, wenn es Sommer ist und so heiss, dann wünsche ich mir den Herbst herbei, der kühl und erfrischend ist. Wenn dann der Herbst da ist und der Nebel feucht in die Kleider dringt, die Sonne fehlt, dann wünsche ich mir den Sommer zurück, der mich wärmte.“ Am Schluss bleibt wohl: 

 

Hans im Schneckenloch hat alles was er will. Und was er will, das hat er nicht und was er hat, das will er nicht.

Ode an mein Zuhause

Ich habe aufgrund diverser Gründe (die immer alle zu interessieren scheinen, vornehmlich die, welche es nichts angeht) schon an diversen Orten gelebt. Die Reise führte von Osten nach Westen und in die Mitte zurück. So sass ich dann Mitte diesen Jahres in der Schweizer Mitte (ich nannte es immer in der Mitte von allem, von wo man überall schnell ist und doch nirgends) in einem kleinen Kaff (welches sich allerdings seit neustem zu einem grossen dazugehörend nennen darf). So weit so gut. Nach all der Umzieherei war klar, irgendwann möchte ich ankommen und möchte mich niederlassen. Dass dafür dieser Ort nicht taugte, war immer klar und so beschlossen wir (!  wir sind ja demokratisch denkend), nach Zürich zu ziehen. Die Stadt, aus der ich meine Odyssee startete. Entgegen aller Unkenrufe fand sich auch relativ schnell eine bezahlbare Wohnung, die Freude war gross. Bald wieder Kultur in der Nähe, meine Uni nah, all die alltäglichen Bedürfnisse in Gehdistanz, nicht nur mit dem Auto erreichbar. Ich freute mich riesig. 

Dann betitelte eine weitläufig (eigentlich UN-)Bekannte den Kreis als „Little Istanbul“, schickte mir noch ein Bild von einem orientalischen Restaurant dazu. Meine Gehirnmühlen begannen zu rotieren: „Habe ich einen Fehler gemacht? Wo gerate ich hin? Ist der Kreis nicht gut? Was tue ich meinem Kind an?“ Mein Gluckenmutterherz malte sich all die negativen Seiten für das Kind aus, die dieser Entscheid mit sich bringen könnte, so dass ich gar nicht weiter über die Aussage nachdenken konnte. Die nachfolgende Feststellung besagter (UN-)Bekannten, dass sie froh sei, da nicht wohnen zu müssen, liess die Mühlen nicht ruhiger laufen. 

Die Natur richtet es günstig ein, irgendwann beruhigen sich Stürme und mit den Stürmen auch die Mühlen, das Denken läuft wieder folgerichtiger. Als Erstes merkte ich, wie abschätzig überhaupt die Aussage „Little Istanbul“ war. Als Zweites musste ich mir sagen, dass es legitim ist, irgendwo nicht wohnen zu wollen, ich würde mit jemandem, der so ignorant ist, auch nicht in der Nachbarschaft wohnen wollen. Und als Drittes: es liess sich eh nicht ändern, ich hatte mich so sehr gefreut, wir alle haben uns gefreut, wieso sich das von irgendwelchem dummem Geschwätz kaputt machen lassen?

Der Umzug kam, er lief gut, wir waren bald eingerichtet, der Alltag konnte beginnen. Als Erstes erfreute das viele Grün in Gehdistanz. Ein paar Minuten gegangen standen wir inmitten von Feldern und Wäldern. Auf der Strasse wurden wir gegrüsst, die Leute waren freundlich. Ausländer? Klar, die gab es, doch die gab es im MIttelschweizkaff auch. Söhnchen war da einer der wenigen Schweizer in der Klasse, seine besten Freunde von weit her.

In der neuen Schule fühlte sich das Kind sofort wohl, die Lehrerin ist gut, der Schulweg wunderschön. Ich traf bald jeden Morgen dieselben Frauen auf dem Hundespaziergang und wir gehen seit da Teilstücke gemeinsam. Wo ich stehe und gehe: ich begegne wohlwollenden und freundlichen Gesichtern. 

An einem Tag gingen wir ins nahe gelegene Gemeinschaftszentrum Pingpong spielen. Ich schmetterte einen gekonnt gedachten, geschnittenen Ball nicht gar so gekonnt, so dass er in den Ästen des Baumes hängen blieb. Sämtliche Anstrengungen waren vergebens: der Ball gefiel sich im Geäst. Ein paar (nicht urchig schweizerisch aussehende) Jugendliche kamen des Wegs, sahen das Dilemma, zeigten sich hilfsbereit und so kümmerten wir uns gemeinsam um den abtrünnigen Ball. Er gab irgendwann auf, begab sich in unsere Niederungen. Es war toll. 

Ich wohne also in „Little Istanbul“ und ich muss sagen: Es ist super schön hier. Ich mag meine Hundefrauen am Morgen, den Herrn mit der Freitagtasche, der mir immer entgegen kommt und grüsst, ich mag den Jungen auf dem Schulweg, der „Grüezi“ sagt und ich mag es, dass mein Sohn sich wohl fühlt in seiner Klasse, die Namen beherbergt, die bunt und fremd und melodisch klingen. Ich mag es, dass ich nur ins Tram sitzen muss und kreuz und quer durch die Stadt gondeln kann, dass meine Uni wieder nah ist. Ich schätze die Kultur, die zum greifen nah ist und liebe es, trotzdem Bäche, Seen, Wälder und Felder nah zu haben. Ich bin froh, hier zu wohnen. Ob es nun Little Istanbul ist oder einfach Zürich Seebach – egal. Es ist wunderschön. 

Wenn Warten zur Nervenprobe wird

Seit 9 Uhr sitze ich hier und warte darauf, dass es halb 12 Uhr wird, ich anrufen kann. Ich versuche mich abzulenken. Weiss, es ist nur ein Routineeingriff bei beiden. Weiss, ich habe das schon oft erlebt, ging immer gut. Ich weiss, ich habe einen super Tierarzt, gehe ja extra zu ihm, weil ich ihm vertraue, weil ich ihn toll finde. Vor Ort hätte es viele, sogar nette… aber nein. Er ist der beste – für mich. Und doch: ich sitze auf Nadeln.

Um 11 Uhr krampft mein Herz zusammen. Ich werde traurig. Aus heiterem Himmel. Ich kann es nicht mehr abwenden, mein Bauch krampft mit. Ein Kloss im Hals. Ich kann nicht mehr warten. Ich rufe an.

„Der Hund hat alles gut überstanden, beim Kater können wir es noch nicht sagen….“

Ich weiss, ich war zu früh. Ich muss noch eine halbe Stunde warten. Und doch fliessen nun die Tränen. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Anfangs Mai war es, keine 5 Monate her, als ich auch zu Hause sass. Mein Kater war beim Tierarzt. Man konnte auch nicht sagen, wie es kommt. Es sah da allerdings bedenklich aus. Trotzdem immer wieder die Hoffnung. Die irgendwann starb – weil er starb. Ich hätte nicht gedacht, dass das alles wieder hoch kommt. Mit der Intensität und Gewalt.

Alles ist wieder da, dieser unbändige Schmerz von damals, der mich überwältigte. Ich höre noch heute die spöttischen Stimmen: „Wie trauerst du denn erst, wenn es ein Mensch wäre?“ – Wer will schon Mensch und Tier in die Waagschale werfen? Wer kann schon wissen, was dieser eine Kater für mich war? Und zur Trauer um Pascha kommt nun die Angst um Schiller. Schiller, der so klein und frech in unser Leben kam. Der sich nachts ins Herz schnarchte, tagsüber hinein schnurrte. Der uns zum lachen bringt durch seinen Übermut, ab und an zur Verzweiflung mit seiner Frechheit.

Noch 15 Minuten. Die Zeit schleicht. Die Tränen versiegen langsam, die Hoffnung und die Zuversicht kommen wieder. Die Erlösung kommt, der nächste Anruf bringt Erleichterung.

Beide sind wach, beide sind wohlauf, alles gut überstanden.

Ich kann die beiden am Nachmittag heimholen.

Zuerst schrieb ich diesen Text, stellte ihn online. Dann zog ich ihn zurück. Ich kam mir komisch vor, dachte, ich übertreibe. Fragte mich, was er überhaupt bringt, wer das lesen will. Die Weinerlichkeiten einer überbesorgten Tierbesitzerin. Doch was ist so schlimm daran? Die Tiere sind in mein Leben gekommen und haben dieses unglaublich bereichert. Sie sind da, wenn es mir nicht gut geht, trösten mich; sie bringen mich zum lachen, sie füllen die Leere, die ab und an aufkommt. Sie bringen Leben in die Wohnung, wenn diese still ist, ab und an zu viel, aber es ist schön. Sie vertrauen mir, glauben an mich, bauen auf mich. Was also sollte ich tun, wenn mich nicht sorgen, wenn es ihnen nicht gut geht?