Das Leben in all seinen Facetten

Aus gegebenem Anlass plante mein Sohn für heute alles toll, er wollte, dass dieser Tag ein spezieller ist, einfach, weil er sich freute und so seiner Freude Ausdruck verleihen wollte. Leider haben äussere Umstände den Zeitplan durcheinander gebracht, so dass vieles nicht mehr reinpasste, zumindest nicht so, wie er sich das so schön ausgemalt hatte. Die Enttäuschung war gross. Und statt einfach enttäuscht zu sein, dass gewisse Dinge nicht gingen, breitete sich diese Enttäuschung aus und wurde immer grösser, immer dominanter und nahm noch mehr Platz ein, der nicht für den geplanten Tag genutzt werden konnte, sondern mit Auseinandersetzungen, schlechten Gefühlen, Disputen gefüllt war.

Er war wie gefangen in seiner Enttäuschung, konnte nicht mehr ausbrechen. Die ganze Ungerechtigkeit des Planumsturzes wollte aus ihm heraus, er brauchte einen, der Schuld ist und da man weder die Zeit noch Umstände anklagen kann, klagt man den an, der greifbar ist. Im Falle des Kindes ist das die Mutter, sonst im Leben der, welcher grad da ist. Man nennt das wohl Sündenbock. Das ist der, welcher da ist, den Dreck wegzukriegen, wenn der wahre Schuldige nicht verfügbar ist, es vielleicht keinen gibt, die Gefühle aber doch unter einer Ungerechtigkeit, einer Unfairness, negativer Umstände wegen leiden.

Von der östlichen Philosophie habe ich einst gelernt, dass man loslassen können muss. Gelassenheit an den Tag legen, die Dinge nehmen, wie sie kommen, sich nicht an etwas haften, nicht an etwas hängen, sondern wie ein Beobachter des eigenen Lebens dasitzen müsste und sehen, was kommt, es geniessen und wieder ziehen lassen. Es ist eh alles vergänglich und nichts sicher. Wieso also gewisse Dinge wollen, sie gar festhalten wollen? Der Ärger ist vorprogrammiert. Ich muss sagen: Da steckt viel Wahres drin. Ändern können wir vieles nicht. Ich gehe nicht so weit, dass alles determiniert ist, nein, der Weltlauf ist nicht festgesetzt, es gibt in meinen Augen jederzeit viele mögliche Verläufe, und doch: Gewisse Dinge kommen – auch wenn sie hätten anders kommen können, tun sie das nicht. Wir müssen sie annehmen. Es fällt jedoch nicht leicht, einfach dazusitzen und zu denken: Ich hätte es zwar anders gewollt, aber egal, es ist, wie es ist, ich nehme es hin, gelassen, ohne Emotion, ohne Enttäuschung, es ist alles prima.

Vermutlich sollte der ganze Prozess schon früher anfangen. An diesem Punkt eingesetzt ist die Gelassenheit wohl unmöglich, die Ursache der Aufregung liegt in der Vorwegnahme. Man hatte sich etwas vorgestellt, gewünscht, sich darauf eingestellt. Das war der Anfang des Verderbens. Das sollte man unterlassen, will man nicht leiden. Keine Erwartungen haben, dann kommen auch keine Enttäuschungen. Das lernt man nicht nur in der östlichen Philosophie, das lernt man auch in jedem zweitklassigen Beziehungsratgeber.

Ich bin leider Ratgeberresistent. Die Theorien kenne ich zwar, allein mit der Praxis hapert es. Diese Emotionen lassen sich nicht wegatmen, sie lassen sich nicht mal wegdenken, sie sind da. Und in mir spüre ich ab und an auch den Wunsch, sie einfach so rauszulassen, zu toben, zu schimpfen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur dass meist der den Zahn lässt, der nicht viel dafür kann, zumindest nicht als Ursache. Und so konnte ich nach anfänglichem Ärger über die Motzerei des Kindes sehr gut nachfühlen, was in ihm vorging. Die grosse Vorfreude, die in den Plänen Ausdruck fand, wurde jäh gebremst. Ich musste umplanen um (der Umstände wegen), die Spirale war losgetreten. Sie fing ihn ein, hüllte ihn ein, umhüllte ihn, von unten bis oben, ein Entkommen sah er nicht. Er drehte mit, im Roten. Erst versuchte ich, gegenzudrehen, auch zu schimpfen, wurde auch frustriert, da nun mein Plan von friedlichem Tag durchbrochen war. So tat ich eigentlich dasselbe in grün.

Wo liegt die Lösung? Keine Erwartungen mehr? Loslassen? Haben die Ratgeber und Philosophien recht? Ich denke schon, nur denke ich ebenso, dass sie vielen Naturellen zuwiderlaufen. Dazu kommt, dass ich es irgendwie schade fände, keine Vorfreude mehr spüren zu dürfen, keine Pläne mehr machen zu können. Ich fände es öde, nur noch still und stumm beobachtend sitzen zu können und das Leben an mir vorbeiziehen zu lassen. Denn so wäre es in meinen Augen und nach meinem Verständnis von Leben, hielte ich nichts fest, erwartete ich nichts, liesse ich alles ziehen.

Das Leben hat alle Facetten, die traurigen, die enttäuschten, die fröhlichen, die glücklichen. Das komplette Loslassen würde sie alle nehmen. Und ich denke nicht, dass ich dann ohne Leid wäre, dann wäre ich wohl tot. Zumindest innerlich. Es fühlte sich so an. Schlussendlich geht es wohl nicht darum, sich jede (Vor-)Freude zu nehmen, um keine Enttäuschung zu erleben. Wichtiger ist, nach der ersten grossen Enttäuschung, die durchaus auch mal nach allen Seiten ausschlägt, die Kurve zurück zu kriegen, um einen neuen Plan zu starten, der sich den neuen gegebenen Umständen anpasst. Und diesen Plan dann mit neuer Freude zu verfolgen und das Glück, das draus resultiert, zu geniessen – statt es nur beobachtend gleichmütig zu beobachten. Das ist das Leben, wie ich es verstehe.

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