Ode an mein Zuhause

Ich habe aufgrund diverser Gründe (die immer alle zu interessieren scheinen, vornehmlich die, welche es nichts angeht) schon an diversen Orten gelebt. Die Reise führte von Osten nach Westen und in die Mitte zurück. So sass ich dann Mitte diesen Jahres in der Schweizer Mitte (ich nannte es immer in der Mitte von allem, von wo man überall schnell ist und doch nirgends) in einem kleinen Kaff (welches sich allerdings seit neustem zu einem grossen dazugehörend nennen darf). So weit so gut. Nach all der Umzieherei war klar, irgendwann möchte ich ankommen und möchte mich niederlassen. Dass dafür dieser Ort nicht taugte, war immer klar und so beschlossen wir (!  wir sind ja demokratisch denkend), nach Zürich zu ziehen. Die Stadt, aus der ich meine Odyssee startete. Entgegen aller Unkenrufe fand sich auch relativ schnell eine bezahlbare Wohnung, die Freude war gross. Bald wieder Kultur in der Nähe, meine Uni nah, all die alltäglichen Bedürfnisse in Gehdistanz, nicht nur mit dem Auto erreichbar. Ich freute mich riesig. 

Dann betitelte eine weitläufig (eigentlich UN-)Bekannte den Kreis als „Little Istanbul“, schickte mir noch ein Bild von einem orientalischen Restaurant dazu. Meine Gehirnmühlen begannen zu rotieren: „Habe ich einen Fehler gemacht? Wo gerate ich hin? Ist der Kreis nicht gut? Was tue ich meinem Kind an?“ Mein Gluckenmutterherz malte sich all die negativen Seiten für das Kind aus, die dieser Entscheid mit sich bringen könnte, so dass ich gar nicht weiter über die Aussage nachdenken konnte. Die nachfolgende Feststellung besagter (UN-)Bekannten, dass sie froh sei, da nicht wohnen zu müssen, liess die Mühlen nicht ruhiger laufen. 

Die Natur richtet es günstig ein, irgendwann beruhigen sich Stürme und mit den Stürmen auch die Mühlen, das Denken läuft wieder folgerichtiger. Als Erstes merkte ich, wie abschätzig überhaupt die Aussage „Little Istanbul“ war. Als Zweites musste ich mir sagen, dass es legitim ist, irgendwo nicht wohnen zu wollen, ich würde mit jemandem, der so ignorant ist, auch nicht in der Nachbarschaft wohnen wollen. Und als Drittes: es liess sich eh nicht ändern, ich hatte mich so sehr gefreut, wir alle haben uns gefreut, wieso sich das von irgendwelchem dummem Geschwätz kaputt machen lassen?

Der Umzug kam, er lief gut, wir waren bald eingerichtet, der Alltag konnte beginnen. Als Erstes erfreute das viele Grün in Gehdistanz. Ein paar Minuten gegangen standen wir inmitten von Feldern und Wäldern. Auf der Strasse wurden wir gegrüsst, die Leute waren freundlich. Ausländer? Klar, die gab es, doch die gab es im MIttelschweizkaff auch. Söhnchen war da einer der wenigen Schweizer in der Klasse, seine besten Freunde von weit her.

In der neuen Schule fühlte sich das Kind sofort wohl, die Lehrerin ist gut, der Schulweg wunderschön. Ich traf bald jeden Morgen dieselben Frauen auf dem Hundespaziergang und wir gehen seit da Teilstücke gemeinsam. Wo ich stehe und gehe: ich begegne wohlwollenden und freundlichen Gesichtern. 

An einem Tag gingen wir ins nahe gelegene Gemeinschaftszentrum Pingpong spielen. Ich schmetterte einen gekonnt gedachten, geschnittenen Ball nicht gar so gekonnt, so dass er in den Ästen des Baumes hängen blieb. Sämtliche Anstrengungen waren vergebens: der Ball gefiel sich im Geäst. Ein paar (nicht urchig schweizerisch aussehende) Jugendliche kamen des Wegs, sahen das Dilemma, zeigten sich hilfsbereit und so kümmerten wir uns gemeinsam um den abtrünnigen Ball. Er gab irgendwann auf, begab sich in unsere Niederungen. Es war toll. 

Ich wohne also in „Little Istanbul“ und ich muss sagen: Es ist super schön hier. Ich mag meine Hundefrauen am Morgen, den Herrn mit der Freitagtasche, der mir immer entgegen kommt und grüsst, ich mag den Jungen auf dem Schulweg, der „Grüezi“ sagt und ich mag es, dass mein Sohn sich wohl fühlt in seiner Klasse, die Namen beherbergt, die bunt und fremd und melodisch klingen. Ich mag es, dass ich nur ins Tram sitzen muss und kreuz und quer durch die Stadt gondeln kann, dass meine Uni wieder nah ist. Ich schätze die Kultur, die zum greifen nah ist und liebe es, trotzdem Bäche, Seen, Wälder und Felder nah zu haben. Ich bin froh, hier zu wohnen. Ob es nun Little Istanbul ist oder einfach Zürich Seebach – egal. Es ist wunderschön. 

8 Comments

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  1. Wie schön, dass Du Deinen Weg – auch den inneren – mit uns teilst 😉

    Ich hatte übrigens mit Dübendorf ganz ähnliche Vorbehalte, aber von Genf kommend, wars dann eine ganz, ganz grosse Freude.

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  2. Schöner Text. Btw. Die Leute, die einem vor Little Irgendwas (Wunschstadt einfügen) warnen, haben meist nicht den Anflug von Erfahrung mit „multikulturellem“ Leben. Meine Erfahrung jedenfalls…

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