Kann man wählen, wer man ist?

Heute las ich ein Buch. Ein sehr trauriges Buch. Es handelte von einer durch und durch schlechten Welt, in welche die Menschen ungefragt hineingeworfen wurden. Eine Welt voller Hass, voller Abscheu, voller Demütigungen, vor allem Demütigungen derer, die nicht der gesellschaftlich erklärten Norm entsprachen. Die Welt war keine homogene, es gab verschiedene Systeme. Das eine war genauso schlecht wie das andere. Nahm das eine dem Menschen die Freiheit, zu wählen, unterlegte ihn Zwängen und Korsetten und liess ihm kaum Auswahl in irgend einem Bereich, versprach die andere vordergründig alles, hielt hintergründig nichts, da auch hier der Mensch Zwängen unterlag, um sich die sogenannten Freiheiten zu leisten, welche bei näherem Hinsehen erstens einen hohen Preis hatten und zweitens gar keine waren, da auch sie von aussen auferlegt waren. Egal, ob der Staat oder die Gesellschaft, die Eltern oder die Nachbarn die Regeln aufstellen, egal, ob sie geschrieben oder ungeschrieben sind, sie unterwerfen. Und wehe dem, der sich nicht unterwerfen lässt, er ist Ausgestossener. Weil nicht angepasst. 

Ich las mich mit Sorgenfalten durch das Buch. Es machte mich wütend. Ich fragte mich, wie man so abgelöscht, so negativ, so zynisch sein kann. Wie man eine so schwarze Welt zeichnen kann. Und ich fragte mich noch mehr, wie damit umzugehen sei, dass grundsätzlich nichts gelogen ist, dass es zwar Fiktion, dunkle und düstere Fiktion ist, aber in Tat und Wahrheit nicht so weit von der Realität entfernt ist. Ich habe diese Wahrheiten auch schon thematisiert, wurde dafür bitter und zu nachdenklich genannt. Und auch wenn ich die schönen Seiten des Lebens durchaus sehe, sie lebe, so sehe ich all die anderen auch. 

Gibt es Freiheit? Wie sieht sie aus? Welchen Preis hat sie?

Heute Abend schaute ich einen Film – die Lebensverfilmung eines Schriftstellers. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, würde man denken. Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig. Verdächtig, nicht lebenswürdig zu sein, weswegen er sich unter Rechtfertigungszwang sah. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. 

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drumrum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte. 

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess das auch spüren. Den Rest unterstützte er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Und er war selber unterdrückt. Von sich selber. War er frei? Hatte er das so gewählt? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht draus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben? 

Und hier sitze ich nun. Und frage mich: ist die Welt so schlecht? Wer ist schuld daran? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Bloss, er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären „angepasster“ gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber. Konnte nicht aus seiner Haut. War er also schuldunfähig? Doch wir brauchen doch einen Sündenbock. Irgend jemand muss verantwortlich sein, sonst gerät unser System ins Wanken. 

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – als Kind fühlt man diese kleinen Zeichen nicht, da wartet man auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Bleiben die aus, fehlt was fürs Leben. Dann gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man stürzt sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, oft Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder machten das – eines überlebte es nicht. Andere leben das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn. Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen. 

Hatten sie eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Und dann? 

Wie sieht ein Leben aus, das man in die Hand genommen hat. Das ein gutes Leben ist, ein normales? Und wenn ich ein normales, ein der Norm entsprechendes, Leben führe, habe ich es dann frei gewählt, es nicht einfach nur einer gesellschaftlich geforderten Masstabelle unterworfen? Und je nach System, in das ich geboren bin, divergiert diese Tabelle. Im Sozialismus hiess das marschieren im Gleichschritt, ohne Aufmucken, ohne eigene Gedanken, im Kapitalismus hiess das, seine Zeit und Leistung zu verkaufen, um sich leisten zu können, was man sich in so einem System leisten können muss. 

Und damit bin ich beim Buch vom Tag zurück. Und bei der Frage: Ist diese Welt wirklich düster und schlecht? Haben wir eine Wahl oder stecken wir fest? Können wir tun, was wir wollen, irgendwas passt immer nicht? Leben wir so, wie wir es wollen, zahlen wir den Preis des ausgestossen Seins, passen wir uns an, werden wir zu Marionetten des Systems. Am Schluss leiden wir immer – am einen oder anderen. 

Soll ich diesen Blog nun so pessimistisch enden lassen? Oder ihn in Wohlgefallen auflösen, indem ich sage, dass das Leben immer auch schöne Momente bereit hält, die man geniessen soll, an denen man Kraft tanken soll für die Unbilden, die auftauchen? Wäre das nicht kitschig? Weil es eigentlich nicht stimmt? Klar stimmt es, dass es glückliche Momente gibt. Doch ändern diese nichts an den äusseren Gegebenheiten. Die Welt ist keine leichte. Das Leben ist nicht einfach. Freiheit als solches gibt es nicht. Zwänge sind überall – von aussen und innen. Sich ihnen zu widersetzen hat seinen Preis. Und selbst, wenn man den Preis bezahlen will, leidet man dann und wann, weil jeder Preis schmerzt. Aber das ist das Leben. Niemand sagte, es sei einfach. 

Keine Zeit

Zuerst wollte ich über das Alter schreiben. Das Thema, das vernachlässigt dahin dümpelt, weil nur Leben und Tod interessieren, sich niemand mit dem Alter und den Gebrechen, dem Umstand des nicht mehr gebraucht Werdens und allem mehr beschäftigen will. 

Dann kam mir die Idee der Kindheit. Ist man Kind, sehnt man sich nach Freiheit, nach dem älter werden, Erwachsen sein. Man denkt, ist man mal gross, ist alles gut, man kann selber entscheiden und ist frei. Ist man dann gross, denkt man, wie schön es nur war, als man noch klein war, keine Pflichten hatte, nicht entscheiden musste, einfach sein konnte. Das Thema hatte so was von „und was man hat, das will man nicht und was man will, das hat man nicht.“

Dann kam mir das Thema… das habe ich vergessen, Aber ich hätte sicherlich auch was drüber geschrieben… in den Sinn. Und so wechseln die Themen, man denkt sich rein, schreibt sich raus, geht weiter. Das Leben dreht, im Kopf, im Sein, und immer geht es weiter. Und immer denkt man: es fehlt die Zeit, für das, was wirklich wichtig wäre. Das, was man wirklich machen möchte. Wären da nicht all die andern Dinge, die ablenken, weil sie kurz interessieren. 

Sind es die Dinge? Wohl kaum. Es ist die eigene Wahl. Man entscheidet, wie man seine Zeit einteilt. Man ist Herr des Lebens. Regisseur. Nur vergisst man das dann und wann. Unterwirft sich. Dem Aussen. Vergisst das Innen. Oder man flieht davor, weil man Angst hat. Angst, es nicht zu erfüllen, nicht zu genügen. Verliert sich im Beiläufigen, um nicht ans Wirkliche zu gehen. Ginge man dran, müsste man sich beweisen. Und könnte scheitern. Die kleine Lebenslüge von „keine Zeit“. Sie hilft, selbst gemacht Ängste zu verdecken.

Gerade sah ich meine Hände im Spiegel. Skeletthände. Heute las ich etwas von Wurstfingern. Welche sind schöner? Wer bestimmt es? Wer gibt überhaupt die Namen? Wer wertet ständig dieses Leben und uns selber? Was ist überhaupt Wert?

Ich gehe nun schlafen. Ganz wertfrei. Mal sehen, welche Themen da hochkommen. Die Zeit nehme ich mir einfach mal. 

Gerade im TV läuft so ne sanft seichte deutsche irgendwas. Komödie? Tragödie? Eindeutig ist das nie, immer aber ist es psychologisch geschwängert. Der kleine Junge mit abwesendem Vater, schwangerer Mutter, aufmüpfiger Grossmutter, Problemen in der Schule.. Am Schluss brennt der Garten. Und alle sind wieder happy. Oder so. 

 

 

 

Schreibend verschrieben

Irgendwie scheinen viele Menschen eine schwere Kindheit gehabt zu haben. Wo ich hinhöre, taucht das auf: Meine Kindheit war nicht schön, sie war schwer, beschwerlich, die Schwere drückt oft nach, lastet auf den Schultern, auf den Seelen. Die Zeitungen sind voll von schweren Kindheiten. Sei es bei Sportlern, bei Schauspielern, aber auch bei Verbrechern – alle erzählen davon. Die einen, um Verständnis für ihre Taten zu erhalten, die anderen? Um zu zeigen, dass sie auch normale Menschen sind? Nicht nur auf der Sonnenseite? Sich ihren Erfolg erkämpft haben? Ist es wie Thomas Mann einst sagte, dass man sich als Künstler ständig rechtfertigt für das, was man tut, weil man mit dem Künstlertum irgendwie da steht, wo man nicht stehen sollte, vom normalen Leben aus gesehen? Es macht den Anschein.

Meine Kindheit war schön. Klar hatte sie auch Punkte, an denen ich nagte. Klar war nicht alles Sonnenschein. Ist es nie. Gewisse Dinge hängen nach. Gewisse sind vergessen. Gewisse Muster haben sich eingeprägt und viele Eigenarten, auch schwierige, gründen sicher in der Zeit. Glaubt man Freud, ist alles da verwurzelt und treibt nun seine Blüten. Aber auch Unkraut kann schöne Blüten treiben. Schlussendlich hat man es immer in der Hand. Lass ich die Vergangenheit meine Zukunft bestimmen oder nehme ich diese selber in die Hand?

Vieles kann schwer wiegen. Auch gibt es Dinge im Leben, die hart sind, die erschüttern, die Grundfesten wackeln lassen. Doch man kann sie, passieren sie, nicht ändern. Sie sind, wie sie sind. Man kann nur damit umgehen lernen und für sich entscheiden, wie man weiter gehen will – für sich. Verzweifle ich darüber, was passiert ist, werde ich des Lebens nicht mehr froh. Ich stecke den Kopf in den Sand, indem ich immer und immer nur noch am Vergangenen weiter verzweifle. Dadurch ist die Gegenwart nicht existent und eine Zukunft für mich wird es nie geben. Es ist nur noch Vergangenheit. Alles. Und diese ist voll präsent. Oder aber ich schaue hin, was war, gebe dem einen Platz in meinem Leben und halte den Rest frei für die Gegenwart, lebe diese und gehe in eine Zukunft, die ich präge. Es bleibt mitunter nicht aus, dass die Vergangenheit wieder hoch kommt. Ereignisse erinnern einen. Situationen rufen etwas auf. Aber der Rest des Lebens ist frei.

So frei halt, wie man es zulässt. Denn sobald man die Vergangenheit ausgeschaltet hat, melden sich die gegenwärtigen Stimmen. Die von Gesellschaft, von Markt, von Kultur. Als deren Mitglied muss man seine Rolle spielen. Sich einordnen. Tut man das nicht, ist man wieder da, wo Thomas Mann den Rechtfertigungsgrund sah. Man tut, was nicht dem Leben entspricht, wie es allgemein als (damals bürgerlich, heute wirtschaftlich) normal erachtet wird. Und man befindet sich in ständigem schlechtem Gewissen. Will zeigen, dass man durchaus was tut. Nicht nur nutzlos, tatenlos ist. Und gibt oft lieber auf, als weiter zu strampeln. Und doch. Das geht nicht. Man hat es sich nicht ausgesucht in dem Sinne, man ist einfach, wie man ist. Da scheint ein anderer Plan zu sein, etwas, das sich durchsetzt in einem. Nicht von aussen. Von innen heraus.

Man möchte das nicht, kämpft dagegen. Die Argumente sind schnell bei der Hand, sie kommen von aussen, sind sachlich, lebensnah, klingen gut. Überzeugen nicht. Man geht zurück. Nach innen. Schöpft neuen Mut. ist zuversichtlich. Fällt zurück. Ein Kreislauf. Denkt: Was, wenn es nicht klappt? Denkt, was, wenn ich es doch nicht kann? Was, wenn ich einer Illusion aufsitze? Alle lachen. Spotten? Vor allem die, welche jetzt schon argwöhnisch gucken? Oder die, welche einem nur eine Niederlage wünschen – förmlich darauf warten, aus welchen selbst gesuchten Gründen auch immer. Aber vielleicht ist man nicht gar so frei – dann nicht, wenn es darum geht, das eigene zu verleugnen. Dann wehrt sich dieses. Setzt auf Trotz, auf Widerstand. Und man selber flieht es. Flieht in Nebenhandlungen, verzettelt sich, verläuft sich, verliert sich. Strampelt, findet wieder, strampelt weiter. Und trifft auf Goethe:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Johann Wolfgang v. Goethe

Soll ich Hern Goethe widersprechen? Ich habe – jugendlicher Übermut? – sein Gesamtwerk gelesen – für eine Prüfung. Ich habe mein Forschen einem Verehrer von ihm, Herrn Mann, verschrieben. Und beide blasen sie ins gleiche Horn. Und so viele mit ihnen. An ihnen bewundere ich, was ich selber fühle und an mir verurteile. Damit nicht sagend, ich sei wie sie. Vor allem nicht so gut. Kein Vergleich. Der ist nie statthaft und sowieso nichts sagend. Schlussendlich ist man immer nur, wer man ist. Und das ist gut so. Trotzdem kann man lernen. Von andern. Und sich damit auch nicht mehr alleine fühlen mit seinen Gefühlen. Und Ängsten. Und Zweifeln. Und das ist schon mal gut. Und so schreibe ich weiter. Forsche weiter. Gehe meinen Weg, verschreibe mich diesem. Schreibend verschrieben.

Wie ist der Mensch?

Der Mensch ist von Natur aus böse, drum braucht es die Gesetze, den Staat, die diese Boshaftigkeit, die aus purem Egoismus entspringt, einzudämmen. Nur durch ein Netz an Regeln und Verhaltensmaximen schafft es der Mensch, einigermassen friedlich zu koexistieren. Noch schlimmer, er schafft es nicht mal dann. Kriege überfluten die Erde, Menschen, die auf eigene Macht und eigenen Profit aus sind, instrumentalisieren andere mittels wohlklingender Heilsversprechen oder angsteinflössender Prophezeiungen, den designierten Feind zu bekämpfen. Helfen tut es selten den Instrumentalisierten, sie sind Opfer des Systems. Helfen tut es denen, die das Geld und die Macht hatten, das anzuzetteln, was sie anzettelten. 

Eine schwarze Sicht? Pessimistisch? Mag sein. Ich tendiere ja in einer absolut blauäugigen Naivität immer wieder dazu, zu glauben, niemand wolle einem was Böses, die Welt sei gut und die Menschen wollen alle geliebt werden und lieben dementsprechend auch. Dass vor allem der zweite Teil so nicht stimmt, ist mir leider oft im Leben hautnah gezeigt worden. Wie oft wurde ich verletzt, wie oft musste ich erkennen, auf ein falsches Spiel, auf Intrigen, auf falsche Worte und Heuchelei hereingefallen zu sein oder gar manipuliert für eigene Zwecke eines anderen. Den Fehler suchte ich dann meist bei mir, dachte, mich nur falsch verhalten zu haben, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn ich das einmal nicht dachte, war mein Fehler immerhin, es nicht gesehen zu haben, auf etwas hereingefallen zu sein. Was nun schwerer wiegt, die eigene Naivität oder der Glaube an das eigene Versagen, bleibe dahingestellt.  Aber: eigentlich müsste ich es mal lernen und wissen: Der Mensch ist böse. 

Und doch stimmt das so nicht. Es gibt viele tolle Menschen. Liebe Menschen. Menschen, die zu unrecht in einen Topf geworfen werden mit denen, die lügen (zu andern, wohl aber auch zu sich selber), betrügen, hintergehen und ausnutzen. Wie oft im Leben stiess ich schon auf Engel, auf Menschen, die einfach nur toll waren. Also was nun? Ist der Mensch gut und wird böse? Oder ist der Mensch böse und es gibt gute Ausnahmen, Engel halt? 

Vermutlich ist beides in einem angelegt, in jedem von uns. Alles hat zwei Seiten, die diametral verschieden sind. Diese Komplementarität macht das Ganze erst ganz. Alles ist angelegt, die Ausprägung liegt in unseren Händen, ist aber meist gespurt durch Kultur, Erleben, Erziehung, Einflüsse sonstiger Art. Ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich geliebt werden will. Und ich denke weiter, dass genau da der Knackpunkt liegt. Ist die Liebe da, das Gefühl, in dieser Welt angenommen, willkommen zu sein, dann ist man zufrieden – mit sich, mit der Welt. Wenn man aber in diesem Bereich einen Mangel sieht, sich im Nachteil sieht, traurig ist, nach Liebe sucht, sie vermisst… dann passiert was in einem. Dieser Mangel muss behoben werden, denn er ist nicht auszuhalten. Säuglinge gehen ohne Liebe ein. Kleinkinder entwickeln Ticks, werden krank, sterben ab und an auch. Liebe ist Lebenselixier, ist wohl sogar Leben. 

Was also tun, wenn sie fehlt, wenn man sich alleine fühlt, nicht wahrgenommen, nicht angenommen fühlt? Man muss diesen Schmerz, der in einem entsteht irgendwie behandeln. Dafür gibt es verschiedene Strategien:

1) Man lebt ihn aus. Weint, schreit, jammert, klagt – um dann wieder weiter gehen zu können. 

2) Man stürzt sich in Aktivitäten, die einen so ablenken, dass man vergisst, dass da ein Schmerz war.

3) Man betäubt sich – mit Drogen, mit Alkohol, mit Essen, mit irgendeinem Surrogat, das hilft, zu vergessen, zu verdrängen

4) Man fügt anderen Schmerz zu, weil man sich dann kurz Befriedigung verschafft, der eigene Schmerz überdeckt ist vom Triumph, über den anderen gesiegt zu haben, ihm auch weh getan zu haben. Der Schmerz des anderen löst den eigenen Triumph aus, der kurzzeitig den eigenen Schmerz vergessen lässt. 

Ich denke, Punkt 4 ist häufig vertreten. Vor allem in Fällen, wo mal Liebe war, nun keine mehr ist. Und wenn es dem anderen noch gut geht, dann erst recht. Kann doch nicht sein, dass der zufrieden ist, man selber nicht. Dem muss man schnell ein wenig das Leben schwer machen. Ihm eins reinwürgen. Dann fühlt man sich gleich besser. Leider nicht für lange. Doch das merkt man erst später. Und dann ist natürlich wieder der andere schuld. Oder die Nachbarn. Oder der Postbote. Oder der Mitarbeiter, Chef, die Politik, das System, die ganze Welt. Man selber? Besser mal suchen, wer es noch sein könnte. Nur wird man im Aussen nie finden, wer es wirklich war, so dass man selber endlich zufrieden ist. Man wird auch nie die Liebe finden, die man sucht, wenn man so agiert, weil man immer nur noch verbissener wird, nur noch härter. Anziehend ist das nicht. Liebenswert noch weniger. Zwar wären gerade die Menschen die, welche eben am meisten Liebe bräuchten, um aus ihrer Spirale zu kommen. Aber leider stossen sie mit ihrem Verhalten alle weg. 

Es gibt einen Satz in Bezug auf Kinder:

Nimm mich dann in die Arme, wenn ich es am wenigsten verdient habe. 

Genau der tritt auch hier in Kraft. Da es aber schwer fällt, den in den Arm zu nehmen, der einen gerade mal so richtig in die Tonne gehauen hat, kann man kaum aus seiner Haut. Man kann sich aber bewusst sein, dass dieses in die Tonne hauen mehr mit dessen Problemen zu tun hatte als mit der eigenen Person. Und mit dem Denken vielleicht für sich selber ein wenig Frieden finden. Und dem anderen wünschen, dass er irgendwann seine Probleme in den Griff kriegt, einsieht, dass nur er selber für sich zufrieden sein kann. Und wenn er es nicht ist, liegt das selten an den anderen. Es ist die eigene Einstellung zu dem, was um einen und mit einem passiert.

Klar gibt es Schicksalsschläge, klar gibt es Ungerechtigkeiten. Das Leben ist oft hart, unfair und gemein. Es ist oft voller Hürden, Fallen und Löcher. Und doch: es gibt auch viel schönes und wir haben es in der Hand, was wir sehen wollen, worauf wir unser Befinden stützen wollen. Damit sage ich nicht, das Schwere solle man ausblenden, das wäre nicht gut, denn verdrängen hilft nie, sondern schafft nur unbewusste Strategien, die meist in die Irre führen. Das Schwere soll man angehen, es bearbeiten und verarbeiten, immer im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, nicht das ganze Leben, dass da noch viel Schönes ist. 

Diese Sicht hilft übrigens auch prima, wenn man über jemanden flucht, schimpft, dem alles Böse wünscht, ihm am liebsten irgendwie an den Karren fahren würde, denkt, das gäbe einem Befriedigung. Tut es nicht. Zumindest nicht für lange. Am meisten hilft, zu denken: Was kann ich für mich tun und nicht, was kann ich gegen den anderen tun. 

Fragen, Fragen, Fragen

Was sind Probleme im Leben? Wann leidet man? Wann ist Leiden legitim? Wann das Schicksal hart? Wer setzt das Mass? Darf ich klagen, dass mir das Essen nicht schmeckt, wenn ich weiss, auf anderen Erdteilen verhungern Menschen in Scharen. Darf ich jammern, das Leben sei ungerecht, weil es sich mir nicht so darbietet, wie ich es gerne hätte, vielleicht Hürden hat, die ich bei anderen nicht sehe, nur bei mir, wenn ich weiss, dass andernorts kein Leben möglich ist, weil Krieg herrscht und man schon froh ist, zu über-leben? Verpflichtet mich der Umstand, in einem westlichen zivilisierten Land mit Sozialsystem geboren zu sein zu Dankbarkeit und Zufriedenheit, weil fast jede andere Lebenssituation um Welten schlimmer wäre als die meine? Oder habe ich ein Recht auf mein Leid, meine – im grossen Zusammenhang nichtigen, für mich gewichtigen – Probleme, einfach, weil sie meine sind, mein Leben im Jetzt und Hier prägen, ausmachen? Was ist angebracht, was Jammern auf hohem Niveau und damit fast schon niveaulos?

Eigentlich habe ich alles im Leben, was ich mir nur wünschen kann. Es geht mir gut, ich bin soweit gesund, lebe da, wo ich leben will, tue das, was ich tun will (meistens, ab und an stelle ich das Wollen in Frage, aber nicht des Wollens Willen, sondern aus anderen Gründen – man könnte hier gleich am Anfang weiter lesen und all die Fragen stellen, die ich stellte). Ich hätte also allen Grund, als ewig strahlendes Honigkuchenpferd durch die Welt zu laufen, grinsend „es geht mir gut“ zu singen und den Herrn einen lieben Mann sein zu lassen (wenn es den denn gäbe, was ich nicht denke, aber tolerant genug bin – logischerweise -, das andere anders sehen zu lassen und mich zurückzuhalten mit intellektuellen Argumentationsketten, wieso es ihn nicht geben kann und das Glauben seiner Existenz absolut verfehlt sei – um es nicht dumm zu nennen, was noch weniger schön wäre). Tue ich aber nicht. Mist aber auch.

Ab und an überkommt es mich. Die ganze Schwere des Lebens. Dann sitze ich da und grummle. Vor mich hin, mit anderen. Eigentlich bin ich zufrieden. Eigentlich. Nur bringt mich alles in eine angespannte Haltung. Der kleinste Auslöser reicht – der Auslöser muss nicht mal wirklich Auslöser sein, es reicht schon, dass was kommt. Das kann sein, was es will – ich sitze da und bin genervt. Bin frustriert. Bin getroffen. Reagiere. Je nach Situation anders, selten angepasst, meistens über. Finde ich. Ich finde mich schlimm. Und das bringt mich noch mehr auf die Palme. Ich genüge mir und meinen Ansprüchen an mich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich sollte gelassen sein. Über den Dingen stehen. Und vor allem lächeln, denn es geht mir ja gut. Ich habe ja alles.

Aber so bin ich nicht. „Kind, wieso bist du nur immer so. Alle andern sind anders. Nur du.“ Ja, nur ich. Und ich mag es nicht. Und das bringt mich in diesen Situationen erst recht auf die Palme. Ich möchte gut sein und fühle mich nur schlecht. Und hadere mit mir und reagiere dann über. Auf die anderen. Auf deren harmlose Auslöser. Sie löffeln meine Suppe aus. Und merken es nicht mal? Was, wenn sie aufwachen? Oder bin ich zu hart mit mir? Wieso schelte ich mich, wenn anderen nicht mal auffällt, dass ich was falsch machte? Oder sie es zumindest nicht übel nehmen. Wieso bin ich so streng, wo andere drüber weggehen? Und genau diese Strenge macht alles meist noch schlimmer, weil ich im Hadern,  im Verurteilen meiner Schwäche gefangen, Dinge gereizter angehe.

Ein Blog voller Fragen. Und nun sollte folgerichtig die Antwort kommen, die da lautet: Ich bin prima, wie ich bin. Ich nehme mir vor, fortan liebevoller mit mir umzugehen. Ich werde gelassen sein, mir und anderen gegenüber. Werde meine Schwächen als Teil von mir akzeptieren und sie liebevoll umarmen. Werde lächeln und das Leben lieben. Ich werde ein neuer Mensch – im Einklang mit mir und dem Leben und überhaupt.

Aber damit kann ich nicht dienen. Ich habe die Antworten nicht. Ich habe nur die Fragen. Und es werden immer mehr. Zwar klingt es schön, fortan nur noch zu lächeln und gelassen zu sein. Aber das ist nicht das Leben, wie ich es empfinde. Das ist nicht das Leben im Spannungsfeld von hoch und tief, das ich lebe. Seit Jahren. Nicht pathologisch. Einfach lebendig. Mal nachdenklich, mal überschwänglich. Mal still, mal laut. Mal versöhnlich, mal angriffig. Immer versucht, niemanden zu verletzen. Ab und an verletze ich doch – meist wohl mich selber. ich kann stur sein, bockig, aufsässig, penetrant. Ich kann ausflippen, explodieren. Kann sticheln, so fein ist keine Nadel. Und zeige wohl damit immer, dass ich selber gerade leide. Das Aussen ist Spiegel des Innen. Und das müsste man verdecken. Man ist ja gross und angepasst. Lächelt. Ich werde wohl nie man sein. Aber eigentlich macht das auch nichts. Meistens. Und ab und an, wenn ich damit hadere, es nicht zu sein, vergeht diese Phase zum Glück auch recht schnell wieder. Noch Fragen? Klar, eine ganze Menge. Und das ist gut so.

Muss endlich mal Schluss sein? – Erinnerung an die Shoah

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Auschwitz selbst…
und das ist, wenn die Welt vergisst, dass es einen solchen Ort gab.

Henry Appel, Auschwitz –Überlebender

Zeit für einen Schlussstrich?

In den letzten Jahren, bald schon Jahrzehnten, werden immer wieder Stimmen laut, es sei genug getan in Sachen Erinnerungsarbeit und Aufklärung bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus. Die Forderung wurde immer wieder laut, die Dinge endlich ruhen zu lassen, nach vorne zu schauen. Dass man nach vorne schauen muss, ist klar, doch beim Blick nach vorne sollte nie vergessen werden, was in der Vergangenheit war. Vor allem die Fehler sollten präsent bleiben, um wenigstens die Hoffnung zu haben, gewisse – vor allem die grossen, schrecklichen – in der Zukunft zu vermeiden. Des Weiteren gibt es auch Ereignisse, die um ihrer selbst willen Erinnerungswert und Erinnerungspflicht in sich tragen. Und gewisse Ereignisse vereinen die beiden Gründe zur Erinnerung. Die Shoah gehört in meinen Augen in die letzte Kategorie. Ein historisches Ereignis, das eine so immense Tragweite hat, sowohl für die Opfer wie auch für die Nachwelt, darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss aufrecht erhalten werden. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und die Fragen, die diese dunkle Seite der Geschichte aufwerfen, sind nie erschöpfend beantwortet.

Pflicht der Erinnerung

Wenn man aktuelle Geschehnisse interpretieren und bewerten will, spielt das historische Gedächtnis immer eine Rolle. Dies beruht darauf, dass nichts für sich gesehen eine Bedeutung oder einen Sinn hat, sondern diese immer erst von aussen auferlegt werden. Diese Sichtweise vertritt u.a. auch der amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins, welcher Bedeutung als etwas sieht, das man Ereignissen und Gegenständen erst zuspricht. Nach Sahlins beruht Meinung auf zwei Umständen: dem, was sich aus der Vergangenheit gesetzt hat und den Absichten für die Zukunft. Diese beiden Elemente begründen das, was Sahlins ein Bedeutungsschema nennt, nach welchem Menschen die Dinge beurteilen, welche sie umgeben. Würden wir die Vergangenheit also einfach vergessen, ruhen lassen, fehlte uns ein Aspekt der Bedeutungsgebung für heutige Ereignisse und Umstände und damit auch ein Einschätzungskriterium dafür, was um uns vor sich geht.

Eine Gesellschaft ist zudem immer geprägt von dem, was war. Nur die Kenntnis dessen, was war, wird erklären, was heute ist. Wenn es sich bei der Vergangenheit um ein historisches Verbrechen handelt, ist es noch viel wichtiger, daran zu denken, es in Erinnerung zu behalten. Vor allem gehört es zu unserer Pflicht heute, das Ereignis als historisches Verbrechen zu sehen und jegliche Leugnung dieses Umstandes zu ahnden. Dies unterliegt der Verantwortung und sollte eine Pflicht des Menschen als Mensch sein, die er sich selber, der Gesellschaft wie auch – und vor allem – den Opfern eben dieses Verbrechens schuldet.

Umgang mit der Vergangenheit

Der Umgang mit der Shoah war nicht von Anfang an da. Zuerst herrschte Schweigen und Tabuisierung. Erst nach und nach, mit den Jahren, begannen einzelne Kreise, die Vergangenheit zu thematisieren und damit aufzuarbeiten. Und mit dieser Aufarbeitung kam auch ein Diskurs auf, der schlussendlich allen half, sowohl den Nachkommen der als Täter kategorisierten sowie auch den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Es half, im Heute das Miteinander zu entkrampfen, weil die sturen Bilder von gut und böse, hier die Opfer, da die Täter, langsam verwischt werden konnten und an ihre Stelle auch wieder individuelle Menschen treten konnten. Das Bild des Deutschen als nur bösen Menschen und des Juden als nur armes Opfer hätte die Kerbe weiter eingebrannt und schlussendlich das Leben beider Kollektive immer tiefer vergiftet.

(Der ausführliche Text findet sich in „Sandra Matteotti: Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem„. Dort sind auch die zitierten Stellen korrekt aufgeführt)

Engel auf Erden

Vor zwei Monaten starb meine über alles geliebte Katze. Die Trauer schon während seines Leidens war enorm, nach seinem Tod taten sich ganze Trauertäler, Schluchten gar auf. Das Weinen wollte kein Ende nehmen, an Essen war nicht zu denken, Schlaf fand ich keinen mehr. Langsam kam der Alltag wieder näher, die sonst üblichen Dinge gingen wieder. Nur ab und an kamen Einbrüche, Wasser floss, in Bächen. Versiegten, bis sie wieder kamen.

Es gibt den Spruch „Das Leben geht weiter.“ Im ersten Moment nervt er, man denkt: Was wissen die denn, die solchen Mist erzählen? Dass das Leben weiter geht, ist klar, aber wie… das ist die Frage. Und dann heisst es „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und man denkt wieder: Was wollen die mir erzählen, schweigen sollen sie, haben keine Ahnung. Und irgendwann sitzt man da, die Tränen sind getrocknet, der Alltag ist wieder normal. Man sieht den fehlenden Teil des Lebens nicht mehr auf jedem Stuhl, auf jedem Sofa. Denkt nicht mehr bei jeder Handlung, was gerade passiert wäre, wäre der Abwesende noch da.

Plötzlich kommt der Gedanke: Tue ich ihm unrecht? Habe ich zu schnell vergessen, was war? Trauere ich zu wenig nach so kurzer Zeit schon? Müsste ich ihn mehr präsent halten? Klar ist er immer präsent, der Name fällt sicher täglich mal. Und doch – es ist so weit weg alles. Jetzt schon. Ist das fair? Dieser Kater hat mich getragen durch 8 Jahre, die alles andere als einfach waren. Er hat mich aufgefangen im Leid, hat mir Kraft gegeben im Schmerz, hat getröstet bei Trauer. Und nun ist einfach Alltag ohne ihn. Darf das sein?

Was wäre die Alternative? Tägliche Tränen, Trauer? Nie mehr zum Alltag zurückfinden? Was wäre der angemessene Trauerrahmen? Wie trauert man richtig? Was muss man tun? Bin ich herzlos? Ich habe keine Antwort. Es ist in meinem Leben der zweite Todesfall, der mir wirklich nah ging. Der erste war eine grosse Liebe. Mein Kater war eine ebensolche. Mensch, Tier… die Nähe ist es wohl, die zählt und näher als mein Kater war mir kaum jemand in den letzten Jahren.  Wer uns kannte, uns erlebte, sah das, wusste das. Wer es nicht verstand, war eh nicht in der Lage, mich zu verstehen, er kannte mich nicht und das war wohl auch gut so.

Aus meinem Umfeld habe ich oft gehört, ich trauere zu heftig, zu lang. Damals habe ich mich hinterfragt, ob sie wohl alle recht haben, ich „falsch trauere“. Ich habe mich gefragt, ob ich übertreibe, nicht normal bin. Ich habe mich gefragt, ob die Trauer endlich fertig sein müsste. Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich vielleicht zu wenig trauerte, ihm damit nicht den Tribut zollte, den er verdient hätte. Und er hätte alles verdient. Er war der Beste!

Gibt es richtig oder falsch bei Gefühlen? Sind sie nicht einfach da und wenn sie sind, wie sie sind, genau richtig, weil echt? Kann man Gefühle an ihrer Dauer, ihrer Intensität auf Richtigkeit prüfen? Gibt es Skalen für Gefühle, die anzeigen, ob es reicht oder nicht? Wohl nicht. Deswegen ist es wohl auch nicht statthaft, anderen zu sagen, wie sie trauern sollen. Man kann Gefühle nicht von aussen messen, man weiss nur von innen, ob sie echt sind. Und jeder hat eine andere Art, damit umzugehen. Keiner kann aus seiner Haut.

Ab und an kommt mir ein Gedanke. Ich denke, dass Pascha – mein Kater – vielleicht zu mir kam, um mich durch die schweren Jahre meines Lebens zu begleiten. Durch eine Trennung, Gewalt, Scheidung, Schmerz, Todesdiagnose, Verlust einer Liebe, Enttäuschungen, Verletzungen. Und als mein Leben in die richtigen Bahnen zu kommen schien, konnte er gehen. War das seine Aufgabe bei mir? War er mein Engel? Und ist es noch als Schutzengel irgendwo über dem Regenbogen?

Der Gedanke tröstet und er macht traurig. Und wenn ich ihn habe, bin ich dankbar und die Tränen fliessen wieder. Er fehlt halt doch. Auch wenn der Alltag wieder Einzug hielt. Immer mal. Und ab und an kommt Angst hoch: was, wenn wieder eine schwere Zeit kommt? Das Leben hat viele solche bereit. Was ist dann?

Neonazis wollen aufs Rütli

Neonazis planen, am 5. August auf dem Rütli eine Grosskundgebung mit dem Namen „Patriotische Feier der nationalen Bewegung“ durchzuführen. Neonazis aus dem Umfeld der PNOS (Partei national orientierter Schweizer) riefen dazu auf. Da politische Anlässe auf dem Rütli nicht gestattet werden, verzichten sie auf ein Bewilligungsgesuch. Die Polizei ist informiert, es bleibt zu hoffen, dass der Spuk ein Ende hat, bevor er richtig anfängt.

Die Grosskundgebung friedlich durchzuführen wäre sicher ein kleineres Übel als eine gewaltsame Durchführung. Als Erfolg liesse sich auch das nicht verbuchen, da es ein Übel bliebe. Neonazis eine öffentliche Plattform zu bieten, auf welcher sie ihre Ideologien verkünden und verbreiten können, ist nicht zu verantworten. Eine solche Kundgebung verstiesse ganz klar gegen  Antirassismus-Strafrechtsnorm Art. 261bis StGB und ist damit tunlichst zu verhindern. 

Quelle: http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/07/15/Schweiz/Neonazis-zieht-es-wieder-aufs-Ruetli

Die Grauzone – Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?

Auschwitz-Birkenau 1944. Das Konzentrationslager ist perfekt organisiert, die Häftlinge sind hierarchisch sortiert. Die ganz Unbrauchbaren kommen direkt nach der Ankunft (und nachdem alles von ihnen genommen wurde, was noch irgendwie Wert oder Verwertung hätte) in die Gaskammern, die anderen werden in die verschiedenen Unterkünfte verteilt. Eine besonders privilegierte Gruppe arbeitet als sogenanntes Sonderkommando (es gab insgesamt 13 davon in der Geschichte von Auschwitz-Birkenau). Sie nehmen die Häftlinge in Empfang und geleiten sie in die Gaskammern. Dieses Handeln verschafft ihnen neben den Privilegien und Erleichterungen etwas Aufschub. Irgendwannn werden auch sie umgebracht in diesem perfide ausgeklügelten System der Mordmaschinerie.

Das zwölfte Sonderkommando plant einen Aufstand. Zu schwer ist die Last der Mittäterschaft beim gleichzeitigen Wissen um die eigene Ermordung. Es ist der einzige Aufstand in der Geschichte von Auschwitz – und er misslingt.

Ein Film, der die Grausamkeit der Geschichte von Auschwitz hautnah zeigt. Ein Film, der die moralische Frage von Täter und Opfer neu aufkommen lässt und die Antworten offen lässt. Antworten, die es so wohl gar nicht gibt. Keiner war nur böse, keiner nur gut. Und doch kam es zu diesem dunklen Punkt in der Geschichte, der alles veränderte, der Moral als zeitlich und kulturell erschaffenes Gedankengut und nicht als universale Grundvoraussetzung offenlegte.

Geschrieben und gesagt wurde viel über die Shoah. Die Juden wurden als zu brav dargestellt, die Sonderkommandos als Mittäter verschrien. Die Deutschen waren die Bösen. Wäre die Welt so einfach zu erklären, das Leben so klar strukturiert, wäre das Dritte Reich nie möglich gewesen. Aus dem weichen und sicheren Sofa lässt es sich leicht richten.

Fazit: 

Ein Film, der berührt, aufrüttelt, mitnimmt. Ein Film, der in die Tiefe geht – in die der Geschichte und in die der eigenen Seele. Absolut sehenswert, aber nichts für schwache Nerven.

Kritik:

Am Schluss hört man die Stimme eines Mädchens (des Mädchens, das am Schluss des Films erschossen wird). Es spricht in der Ich-Form davon, wie die Asche der kremierten Häftlinge sich in die Winde verteilt, sich auf die Lungen der arbeitenden Häftlinge setzt. Es spricht davon, wie es selber verbrannt wurde, wie es brannte.

Diese Schlussszene hat in meinen Augen ein Tabu gebrochen, das nicht hätte gebrochen werden sollen. Von Auschwitz erzählen können nur die, welche überlebt haben. Es gibt immer noch das, was nicht erzählbar ist, es nie sein wird, da niemand, der es erfuhr, es überlebt hat, um davon Zeugnis ablegen zu können. Keiner ging durch den Ofen und überlebte das Feuer. Was im und nach dem Feuer passierte, ist in Schleier gehüllt und soll da bleiben. Des reinen Effekts willen sollte diese Schwelle nicht überschritten werden. Und das ist hier getan worden.

Angaben zum Film:

Titel: The Grey Zone / Die Grauzone

Produktion: USA 2001

Länge: 104 Min.

Regie/Drehbuch: Tim Blake Nelson

ISBN: 4260090981627

Deutschland: Datenbank über Neonazis

Deutschland will eine Datenbank über Neonazis einrichten. Durch diese Datenbank sollen künftig die Voraussetzungen für die Bekämpfung von Rechtsextremismus verbessert werden. Erfasst werden sollen vor allem bundesweit „gewaltbezogene Rechtsextremisten“ sowie deren Hintermänner und Drahtzieher.

Ein guter Schritt in die richtige Richtung. Ich hoffe, es folgen mehr. Es kann und darf nicht sein, dass Menschen mit rechtsextremistischer Gesinnung ihre Ideologien verbreiten und ausleben, ohne dabei irgendwie gehindert zu werden. 

Quelle: http://www.suedostschweiz.ch/node/2430861?prev=ausland

Neonazis in Augsburg

War der Stadt Augsburg doch bekannt, worum die Demo der NPD drehte? Der Artikel der Augsburger Allgemeinen klingt eher so. Man wollte der Rechtsradikalen wenig Aufmerksamkeit verschaffen, hätte es darum verheimlicht, heisst es da. 

Dass diese Demonstration gerade vor den jüngsten Problemen mit Neonazis eine Affront ist und unverständlich, liegt auf der Hand. 

Quelle: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Protest-wegen-Demo-der-Neonazis-id21134806.html

Demo der NPD in Augsburg

In Augsburg kam es am Samstag Nachmittag in der Annastrasse zu einem Aufmarsch einer Gruppe von ca. 20 Neonazis. Mit Parolen wie „Unser Volk stirbt aus“ liefen sie durch die Strassen. Dazu kommen konnte es nur, weil die Demonstration unter falschem Thema angemeldet worden war. Die Stadt ging davon aus, dass gegen die Macht der Finanzwelt demonstriert, nicht rechtsgerichtete Parolen propagiert würden.

Bedauerlich, dass es so weit kommen konnte. Wen trifft die Schuld? Was könnte man tun, solche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden? Ist es zulässig, Menschen, die sich in irgendeiner Weise mit der rechtsradikalen Szene in Verbindung zeigen, zu erfassen, um bei Anfragen vorsichtiger agieren zu können? Hinkt man damit nicht so oder so immer einen Schritt hinterher? Ist man diesem Gedankengut einfach hilflos ausgeliefert, weil man mit jeglichen Massnahmen immer erst dann eingreifen kann, wenn etwas passiert ist? 

Ausser den Parolen ist nichts passiert. Es liesse sich natürlich auch fragen: Wem schadet das? Ist ja nichts passiert. Bloss verfährt man dabei besser dem Motto „wehret den Anfängen“, denn, was mit Worten anfängt, setzt sich tief und tiefer fest und führt zu Taten, die durch Worte gebildeten Ideologien durchzusetzen. Und dann fängt es an, gefährlich zu werden. Für alle, die den ausgebildeten Ideologien nicht entsprechen. 

Quelle: http://www.daz-augsburg.de/?p=27190

Neonazis in Chile

In Chile treibt eine Gruppe Neonazis unbehelligt ihr Unwesen. Sie bilden sich militärisch aus, posieren mit Hitlergruss und greifen jüdische Gräber an. Auch Schwule sind ihnen ein Dorn im Auge, Fälle von Folterungen mit Todesfolge sowie gezielter Mord sind bekannt. Die Neonazigruppe FON (Nationale Ordnungsfront) existiert seit Jahren unbehelligt, sieht sich selber als unschuldig und eher als Opfer denn als Täter. Sie sprechen von ideologischem Training und körperlicher Ausbildung, stärken sich gegenseitig mit Hassparolen gegen die ihnen ungenehmen Zeitgenossen wie Juden und Schwule. 

Die Frage, die sich stellt ist: Wieso passiert nichts? Wie kann es angehen, dass eine so ausgerichtete Gruppe unbehelligt existiert und ihr Unwesen treibt? Wieso ist es kein Anliegen von höchster Dringlichkeit, solches Tun zu unterbinden und die, welche dadurch bedroht sind, zu schützen? 

Quelle: http://www.jungewelt.de/2012/07-21/032.php