Oben – Unten – Hierarchien der Gesellschaft

Mein Sohn (10) meinte heute, dass die handwerklichen Berufe eigentlich wichtiger seien als all die hohen Managerpositionen. Ich fragte ihn, wie er darauf komme und er meinte: Wenn die nicht ihre Arbeit machen würden, hätten die oben gar keinen Job. Welcher Architekt könnte arbeiten, gäbe es keine Bauarbeiter? Welcher Manager könnte am Tisch sitzen, würde niemand den Tisch schreinern? Welcher Manager könnte arbeiten, hätte er keine Sekretärin, welcher Arzt, hätte er keine Sprechstundenhilfe? 

Ich schaute meinen Sohn an, gab ihm recht und war dankbar, einen so klugen Sohn zu haben. Wann geht diese Sicht verloren? Wer verdirbt sie? Nicht, dass mein Sohn nicht auch Millionärsträume hätte, nicht, dass er sich auch gerne ganz weit oben sieht. Die Einsicht in die Wertigkeit, die war schön zu sehen. Sie soll nicht zementieren, dass die einen besser sind als die anderen, sie soll nur zeigen, dass es alle braucht und niemand eigentlich in der Lage sein sollte, auf den anderen herabzuschauen. 

Steglitz stellt Sandra Matteotti mit „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“ vor

Das Netz-Buch-Dickicht etwas lüften will die Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“. Gedacht ist das so: Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber ich wiederum einlade, die acht Fragen zu beantworten. –  Langfristig, könnte so ein bibliophiles Blog-Brevier entstehen, das von allgemeinerem Interesse ist. Und darüber hinaus profitieren wir von den Erfahrungen anderer Blogger für unsere eigenen Wege im Netz … (Wer es noch genauer wissen will, was die lose Gesprächsreihe soll, kann das hier nachlesen.)

Den acht Fragen stellt sich heute die Schweizerin Sandra Matteoti, die seit einigen Jahren bloggt. Ihre beiden Hauptblogs sind „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“. Als Interviewgäste empfiehlt sie die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“.

Dein Steckbrief in wenigen Stichworten …

Ich habe als Kind die ganze Ortsbibliothek verschlungen und die Liebe zu Büchern, zur Literatur führte mich dann geradewegs ins Studium. Ich habe Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, mit einer Arbeit über Thomas Mann, der mich als Schriftsteller und Mensch fasziniert, abgeschlossen. Danach promovierte ich in Philosophie, mit literarischem Exkurs. Dabei ging es mir weniger um den Titel als mehr ums Schreiben, die Vertiefung in ein Thema. Danach schrieb ich in den unterschiedlichsten Bereichen und zu unterschiedlichen Themen weiter. Sei es freischaffend als Journalistin, als Texterin im Bereich Kommunikation und PR oder als Autorin in eigenen Projekten. – Schreiben ist mein Leben, bestimmt es maßgeblich.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit einigen Jahren. Den genauen Anfang weiß ich nicht mal mehr, der erste Blog existiert auch nicht mehr. Früher war es Tagebuch, waren es Texte für die eigenen Notizbücher und die Nachttischschublade, heute geschieht das meiste Schreiben am Computer. Schreiben ist meine Leidenschaft, ich muss schreiben, sonst fehlt mir etwas. Ich drücke mich in Buchstaben und Texten aus, lebe mich aus, finde auch immer wieder ganz neue Dinge über mich heraus, indem ich schreibe, Texte fließen lassen. Oft haben die Texte wie auch die Gedichte eine eigene Dynamik. Ich beginne irgendwo und am Schluss hat mich mein Schreiben geleitet. Das geht natürlich nicht in allen Bereichen. In mir gibt es zwei Seiten, die sehr strukturierte und die kreativ-intuitive. Ich habe gelernt, dass ich beiden ihren Raum geben muss.

Sandra Matteotti © Sandra Matteotti

Ich habe zwei Hauptblogs. Einer enthält meine Gedanken, meine Gedichte. Er befasst sich mit dem Leben, der Welt, mit dem, was mir gerade durch den Kopf geht, mich beschäftigt, mir zufliegt. Er heiß Denkzeiten. Hier lebe ich meine philosophische Ader aus. Der andere heißt Bücherwelten. Hier findet man hauptsächlich Rezensionen, aber auch Artikel und Gedanken zur Literatur. Den zweiten Blog habe ich relativ neu gestartet. Ich habe früher schon Rezensionen verfasst und natürlich rund um die Literatur geschrieben, allerdings in anderen Formaten und zu anderen Zwecken.

Ich bloggte zuerst auf Blogger, wechselte dann zu WordPress. Das hatte nicht einmal wirkliche Gründe. Zuerst hatte ich meine Blogs auf beide Portale verteilt, dann entschloss ich mich, dass es einfacher wäre, nur bei einem zu sein. Bei WordPress habe ich mehr Vernetzung, da die meisten Blogs, die mir gefallen, bei WordPress sind. Dazu kommt, dass mir die Plattform irgendwie sympathisch ist. Bauchgefühl.

Der Austausch ist dir beim Bloggen wichtig …

Ja, ich schätze es, wenn ich Menschen kennen lerne, die mit ähnlichen Interessen und Themen beschäftigt sind, ich finde einen Austausch da schön. Das ist mir insofern auch wichtig, als ich doch meistens alleine zu Hause an meinem Tisch sitze und vor mich hin schreibe. Vom universitären Bereich bin ich jedoch vielleicht ein wenig vorbelastet, als ich da sehr viel Neid und Intrigen kennenlernte. Das hat mich sicher ein Stück weit zurückhaltend und vorsichtig gemacht. Bislang kann ich mich aber nicht beklagen. Alle werden sich nie mögen, in keinem Bereich …

Deine Themenschwerpunkte …

Die Schwerpunkte sind – wie bereits erwähnt – Literatur und Philosophie. Ich bin lange Zeit immer hin und her geschwankt, dachte, mich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Es hat beides Platz, manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere …

Was treibt dich in der Literatur-, Kulturszene derzeit besonders um?

Eigentlich nicht viel. Ich befasse mich wenig mit der Szene.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich verbreite sie momentan hauptsächlich über Twitter und Facebook. Die Rezensionen findet man auch auf anderen Bücherseiten wie LovelyBooks und Amazon.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich denke, das muss jeder für sich selber wissen. Wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist, dass das, was man schreibt, danach öffentlich sichtbar ist, wenn man es nicht schützt. Man muss sich also immer überlegen, was man preisgeben will, wie offen man sein will. Es kommen Reaktionen und die Menschen neigen dazu, das, was steht, eins zu eins auf dich anzuwenden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ab und an kommt die Sinnfrage auf: Wozu machst du das eigentlich? Das liest doch eh niemand, das braucht die Welt doch nicht, niemand wartet auf deine Texte. Das zweite Problem ist die Isolation teilweise. Kein berufliches Umfeld da ist beim Schreiben, wie ich es tue. Auf der anderen Seite ist es ja genau das Leben, das ich leben will. Die Zweifel gehören wohl einfach zu mir dazu.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Schön sind Feedbacks, die mir sagen, sie hätten sich wiedererkannt in meinen Texten, die Texte hätten ihnen etwas gegeben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude. Es ist schön, jemandem etwas mit auf den Weg geben zu können. Und wenn es nur ein Lächeln ist oder eine kleine Hilfe, etwas zu sehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Grundsätzlich freue ich mich darüber. Schwierig wird es ab und an, wenn ich das Buch wirklich schlimm finde. Schönreden werde ich nie ein Buch, dann verzichte ich eher auf eine Rezension. Einen Verriss schreiben möchte ich eher nicht, Kritikpunkte anmerken aber immer!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe ein iPad und sowohl darauf wie auch auf dem Computer die Kindle-App. Ich war schon einmal froh darum, im Store Bücher zu finden, die nicht mehr publiziert werden und vergriffen sind. Sie waren sogar gratis! In schlaflosen Nächten nutzte ich den Kindle auch deshalb, weil man dann kein Licht anmachen muss. Ich mag es allerdings nicht wirklich, so zu lesen. Ich bin sehr technisch interessiert, kenne mich mit Technik auch recht gut aus, aber etwas wird dadurch nie zur Seite geschoben: Papier und vor allem Bücher. Dass ich auch meine Papieragenda liebe, gehört hier wohl nicht her. Ist aber auch so.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

SteglitzMind darf ich nicht empfehlen, lese ich aber sehr gerne. Daneben lese ich eigentlich wenig Bücher- oder Literaturblogs. Ich klicke mich ab und an durch die Blogs durch, finde einzelne Artikel gelungen. Einige möchte ich aber doch nennen, die mir als Ganzes positiv aufgefallen sind: Gunnar Kaisers Philosophieblog Philosophisch leben – eine Reise durch verschiedene Themen des Alltags, philosophische Themen, die zum Nachdenken anregen.Zeitspiegel – vielfältige Themen wie Politik, Kultur, Leben, Wissen. Schön geschrieben, mit viel Hintergrund und Tiefe. Christian Köllerers Blog „Dr. Christian Köllerers Notizen“ – ich mag seinen Zugang zur Literatur und seine Auswahl der Werke. Und Karla Pauls Buchkolumne –  ein Blog direkt aus dem Leben. Ihre Texte gefallen mir durch ihre Natürlichkeit. Zudem spricht eine große Liebe zur Literatur aus ihren Zeilen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber irgendwie habe ich sie ins Herz geschlossen. – Für ein Gespräch würde ich gerne die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“ empfehlen. Da möchte ich mich nicht festlegen.

Danke sehr, Sandra. Vielleicht unterstützt du mich dabei, Karla Paul und den Betreiber von Zeitspiegel dazu zu bewegen, die Fragen ebenfalls zu beantworten?

Im Original nachzulesen bei SteglitzMind – Ich danke für die Plattform und das Interesse. Hat Spass gemacht!

Anders sein – sich anpassen

Ich bin anders als die andern Männer.

Wie oft hört man als Frau genau diesen Satz. Was anders ist? Das ist austauschbar, es sind meist Klischees, oft genau die Punkte, die Frau an Männern anprangert. Und das Gegenüber behauptet dann, genau anders zu sein. Witziger Weise sind genau die Männer, die selber behaupten, so anders zu sein, die, welche dann finden, Frauen seien genau so. Auch da ist nicht relevant, wie „so“ ist. Es wird immer dann verwendet, wenn Frau etwas von sich preis gibt.

Wer sind eigentlich „alle Frauen“? Wer „alle Männer“? Was ist typisch und was dem Geschlecht geschuldet? Was bezweckt man damit, anders zu sein? Ist das spannend? Erstrebenswert? Löst man sich damit von Mustern? Gegebenheiten? Sind diese immer schlecht? Zwangsläufig? Anders zu sein erscheint erstrebenswert.

Oft leiden Menschen dann, wenn sie denken, nicht der Norm zu entsprechen. Die Gesellschaft prägt ein Bild, wie man zu sein hat. Es gibt eine ungeschriebene Norm des akzeptierten Seins und Verhaltens. Weicht man davon ab, gehört man nicht dazu. Ist Aussenseiter. Als Aussenseiter fällt man oft durch Maschen, steht aussen vor, ist verachtet, geächtet, einfach nicht dabei. Das schmerzt. Der Mensch ist ein Rudeltier. Er will dazu gehören. Will geliebt werden. Geliebt sind die, die dabei sind, nie die, welche daneben stehen. Anders zu sein ist ein Stigma. Ein Makel. Das will keiner. Die anderen wollen es nicht und darum will man es selber nicht.

Was denn nun? Anders sein oder gleich sein? Kann ja nicht angehen, dass man sich je nach Gegebenheit das Passende aussucht und sich dazu Lorbeeren zum Kranz windet. Schlussendlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Schubladen. Man denkt sich die Welt in Kommoden, die Schubladen enthalten. Die einen beherbergen das Gewollte, die andern das Unerwünschte. Je nach Situation greift man in das eine oder andere Behältnis, betitelt es mit „anders“ oder „gleich“. Und fühlt sich unendlich gut dabei, da man immer zielgerichtet in die richtige Lade greift. Oder man fühlt sich unglaublich schlecht, weil man sprichwörtlich keine falsche Lade auslässt.

So oder so: zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille ist nicht erstrebenswert. Sie zementiert dasselbe Denken, das in kleinkarierten Mustern. Das, welches Menschen verurteilt. Schubladisiert. Verachtet. Zwängt. Unterdrückt. Die Schubladen sind es, die Leid zufügen. Egal, ob es die guten oder schlechten Schubladen sind. Greifen wir in die guten, sitzt jemand in den schlechten. Sitzen wir in den schlechten, bestimmt jemand anders die guten. Und in all dem verkennen wir, dass wir alle sind, wie wir sind. Und wir ignorieren, dass es alle braucht. Fehlte einer, wäre die Welt weniger bunt. Und würde uns eine schwarze Welt gefallen? Wenn Rosen schwarz auf schwarzen Stengeln in schwarzem Gras von schwarzer Sonne vor schwarzem Himmel mit schwarzen Wolken beschienen würden? Wo bliebe das Rot, das Grün, das Gold, das Blau und das Weiss, die die Welt ausmachen und deren Schönheit?

Egoismus oder Rücksicht – Bedürfnisse im Konflikt

Ab und an könnte ich mich ohrfeigen. Ich habe oft das Gefühl, Rücksicht nehmen zu müssen, niemandem im Weg sein zu dürfen und nehme mich dadurch zurück. Sage zu Dingen ja, die ich eigentlich nicht will, aus Angst, anzuecken, blöd angeschaut zu werden, nicht mehr gemocht zu werden, nicht geliebt zu sein. Und so tue ich, was ich eigentlich nicht tun will, helfe, wo ich mich ausgenutzt fühle, stimme Dingen zu, die ich so nicht will. 

Vom Verstand her weiss ich, dass es nicht gut ist. Ich weiss, dass ich auch Rechte habe, mir Wert sein sollte, zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen. Ich weiss, dass ich Grenzen setzen soll, dass ich Grenzen habe, dass die respektiert werden müssen. Ich weiss, dass ich nein sagen darf. Dass jemand, der mich eines Neins wegen nicht mehr mag, es nicht wert ist. Vor allem ist er es sicher nicht wert, dass ich seinetwegen über mich hinweg gehe. Ich würde jedem andern raten, das gerade nicht zu tun. Und tue es immer wieder.

Und dann sitze ich da und fühle ich schlecht. Fühle mich übergangen. Denke, er hätte es merken müssen. Rücksicht nehmen sollen. Fühle mich dabei auch schlecht, weil ich mich egoistisch fühle. Weil ich die eigenen Bedürfnisse so hoch stelle. Und denke, da gehören sie nicht hin, die seinen waren viel höher zu werten. Und ich verstehe seine ja auch. Wieso also nicht ja sagen und zurückstecken? 

Und ich tue es. Immer wieder. Und fühle mich schlecht, weil ich zurück stecke. Und fühle mich schlecht, weil ich mich schlecht fühle, weil ich das egoistisch finde. Und fühle mich schlecht, weil ich trotzdem leide. Egoismus hin oder her. Und eigentlich finde ich ihn egoistisch. Und bin enttäuscht, dass es so ist. Dass er so ist. Dass er meine Bedürfnisse, sogar die ausgesprochenen, nicht so hoch stellte, seine höher sah. Das macht doppelt traurig. Es fühlt sich an wie fallen gelassen zu werden. In einem Punkt, nicht generell, aber immerhin. Im Wissen, umgekehrt hätte man es nicht getan.

Und ich schelte mich: So darf man nicht denken. Man darf vom andern nicht erwarten, was man selber gibt. Oder doch? Oder kann man so gar nicht denken?

Und nun wage ich es mal. Ich weiss, einige lesen diesen Blog. Man sieht es nicht in den Kommentaren, aber ich weiss es halt: Was darf ich von andern erwarten und was darf ich für mich fordern? Wer hat mir eine Antwort? Eine Meinung? Wie sieht sie aus?

Alles zu seiner Zeit

Das Leben hält oft mehrere Möglichkeiten bereit. Man steht davor und hadert mit sich, weiss nicht, welche ergreifen. Wenn dann noch äussere Faktoren dazu kommen, von denen man abhängig ist, wird alles noch schwerer. Dann steht man wie auf einem Abstellgleis, wartet auf eine Entscheidung von aussen, auf ein Feedback, auf eine Zu- oder Absage, und hat in dieser Zeit viel Musse, darüber nachzudenken, was man selber wollte, was man selber könnte, wenn man könnte, wie man wollte und wüsste, was man wollte.

Es bleibt nicht aus, dann schwarz zu malen, mit einer Absage von aussen zu rechnen. Man biegt sich diese innerlich zurecht, redet sich ein, andere Wege wären sowieso besser, um dann wieder zurückzufallen auf die Möglichkeit, die eben noch nicht steht. Man schafft sich mit den eigenen Gedanken neue Realitäten, die noch gar nicht wirklich sind, aber wirklich scheinen, weil sie bis ins letzte Detail ausgemalt sind von der eigenen Phantasie. Man wägt Konsequenzen ab, für die noch nicht mal die Ursachen geschaffen sind. Und irgendwann steht man da und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. 

 

„Du musst dich endlich entscheiden, was du tun willst, sonst machst du nie etwas.“

Muss ich das? Wieso? Gibt es nicht auch ab und an Zeiten, die zum Suchen da sind? Bringt nicht die Suche auch immer wieder neue Erkenntnisse, solche, die man nie gehabt hätte, wenn man einfach drauflosgeschossen wäre? Klar steht irgendwann eine Entscheidung an, denn keine Entscheidung wäre ein Treten an Ort oder gar ein Rückschritt. Eine vorschnelle Entscheidung kann aber auch Sackgasse sein und wenn nicht, so doch einen Weg zur Folge haben, der einem nicht entspricht. Und ab und an sind die Möglichkeiten, zwischen denen man entscheiden soll, so vielschichtig, dass es nicht leicht fällt, zu sehen, welche am besten passt. 

Ich schwanke seit Jahren zwischen Literatur und Philosophie hin und her. Klar kann man sagen, das eine tun und das andere nicht lassen. Zwei grosse Projekte lassen sich aber nicht parallel verwirklichen, dazu fehlt die Zeit und die Kraft. Und man kann kaum je wirklich auf zwei Hochzeiten tanzen und mit dem ganzen Herzen dabei sein. Und ohne ganzes Herz bleibt die Freude am Tun aus und es bleibt auch die Tiefe im Ergebnis aus. Und das würde mich nicht befriedigen. 

Welche Strasse nehme ich also? Tauche ich besser in Plots und Charaktere ein oder verstricke ich mich in Gedanken, Thesen und normative Konstrukte? Zeichne ich lieber Welten und lasse die Figuren darin tanzen oder analysiere ich die vorhandene? Ab und an denke ich auch, dass mir die eine liegt, die andere gefällt. Dann wieder sehe ich, dass beide passen, jede auf ihre Weise.

Im Moment gefallen mir beide Welten sehr und ich bewege mich in beiden. Irgendwann wird die Entscheidung für mein nächstes grösseres Projekt fallen müssen. Wie sie ausfallen wird, weiss ich noch nicht – oder weiss es jeden Tag neu, aber jeden Tag anders. Irgendwann wird die Klarheit da sein. Da es dieses Mal wohl  für eine Weile die letzte Weiche ist, die sich stellt, fällt die Entscheidung schwerer als sonst. Treu bleiben werde ich beiden Welten, die Frage ist: Was ist Haupt-, was Nebenwelt. 

 

In guten wie in schlechten Tagen

Der Mensch ist ein Beziehungstier. Je näher einem andere Menschen sind, desto enger ist die Beziehung, desto grösser ist auch das Gefühl von Verbundenheit, von Miteinander, von Verantwortung. Man geht gewisse Stücke des Weges gemeinsam, schwört sich vielleicht, wenn es der Ehemann, die Ehefrau ist, ewige Treue, Zusammenhalt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und die guten Zeiten sind toll, man durchlebt sie, feiert sie, geniesst sie, liebt sich, ist froh. Es gibt auch schlechte Zeiten, man übersteht sie, im Wissen, es kommen wieder andere. Man geht durch die Tiefen im Hinblick und in der Hoffnung auf bessere Tage. Und man geht am Schluss stärker daraus hervor. Man hat es geschafft.

Eines Tages kommt das nächste Tief. Eines, das kein Hoch mehr bringt. Eines, das nur noch tiefer geht. Immer tiefer, bis zum Schluss. Krankheit, Zerfall – unheilbar. Und man hat sich geschworen, dass man auch in schlechten Tagen da ist. Fühlt sich verpflichtet, aus Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Tage, Wochen, Monate und Jahre, die ohne den anderen nie so gut gewesen wären, wie sie es waren. Man fühlt sich verpflichtet aus Liebe, die wuchs, über all die Jahre mit all den Höhen und Tiefen, durch all das Gemeinsame, das verbindet. Und man geht es an. Verspricht dem Partner: Ich bin da, ich trage dich, ich lasse dich nicht fallen. Ich bin an deiner Seite. Und man will das. Will es mit dem ganzen Herzen und erachtet es als gut und richtig.

Und es geht bergab. Mal mehr, mal weniger, die eigenen Kräfte schwinden, die Anforderungen steigen. Doch es gibt noch immer wieder gute Momente. Und noch immer die Erinnerung an das, was war und an das, was man schuldet. Und man macht weiter. Aufgeben gilt nicht. Man kann doch den Menschen, den man liebt, nicht einfach fallen lassen. Man hat es versprochen. Man will es halten. Und irgendwie ist man es auch schuldig. Ihm, sich selber und man denkt, auch die Gesellschaft erwartet es. Was denken die, wenn man einfach aufgibt, ein Heim sucht? Man wäre ein Verräter. Man hätte versagt, aufgegeben, das Versprechen gebrochen. Man hätte den Menschen, der da war, als er konnte, fallen gelassen, als er sich nicht mehr wehren konnte.

Im Moment gibt es gerade eine Kampagne von sogenannten Promis, die für menschenwürdigen Umgang mit Alzheimerpatienten werben, die von Freude im Umgang und positiven Erlebnissen sprechen. Ein Mensch, der nicht mehr weiss, wie er heisst, wie seine Kinder heissen, dass er Kinder hat, der spürt in seinem kurzen hellen Moment selber, dass er nicht mehr ist, wer er einmal war. Und das ist das, was die eigene Würde schrumpfen lässt. Und diese Kampagne verstärkt den Druck auf die Angehörigen, der eh schon immens ist. Sie macht nichts besser. Die Situation bleibt, wie sie ist. Daran ändern tolle Sätze und strahlende Gesichter nichts.

Doch: Wo bleibt der Angehörige? Wer kümmert sich um seine Rechte? Sein Leiden? Oft gehen die Angehörigen durch die Hölle und drunter. Sie erleben hautnah den Zerfall des geliebten Menschen, was an sich schon eine Qual ist. Dazu kommt die Belastung der Pflege und in gewissen Fällen auch die Unberechenbarkeit des Kranken. Wer schon mal erlebt hat, wie man sich fühlt, wenn ein nicht mehr selbständig denken und handeln könnender Mensch verschwunden ist, weiss, wovon ich schreibe. Das ist keine Freude, das ist kein positives Erlebnis. Das ist Panik: Lebt er noch? Wo ist er? Wie finde ich ihn wieder? Das ist Verzweiflung. Ist Selbstzweifel: Habe ich versagt? Und Hilflosigkeit: Ich bin ihm, dem Schicksal und allem ausgeliefert. Es ist Resignation: Ich habe kein eigenes Leben mehr.

Was schuldet man einem anderen Menschen? Was ist Pflicht? Würde ich wollen, dass jemand sein Leben und sich selber aufgibt, um sich aufzuopfern für mich, die ich sowieso nicht mehr das Leben führe, das ich führen will? Die ich sowieso nicht mehr ich bin? Ich würde mir wünschen, dass der von mir geliebte und mich liebende Mensch alles tut, dass es mir meinen Umständen entsprechend gut geht. Niemand mich plagt, niemand mich verletzt. Aber mich pflegen? Vor allem, wenn er selber nicht mehr kann? Das wäre nicht das, was ich dem  geliebten Menschen wünschen würde.

Man kann nun dahin gehen und sagen, das sagt sie so leicht, sie ist gesund. Oder: Sie steckt nicht drin. Ja, das ist momentan so. Und ich bin sehr dankbar dafür. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es nichts bringt, sein eigenes Leben zu opfern für das Leben des anderen, vor allem, wenn man ihm damit nicht hilft. Oft steckt viel mehr Pflichtgefühl, Stolz und Zwang dahinter als wirkliche Pflege- und Hilfskompetenz. Wieso nicht diese Bereiche Menschen überlassen, die darin geschult sind, selber den Part der Liebenden und Sorgenden behalten? ich operiere ja auch nicht des Partners Beinbruch, nur weil ich sagte, immer für ihn da zu sein. Wieso denke ich, ich muss seine noch viel tiefer greifenden Krankheiten pflegen, im Griff haben?

Das Thema ist schwer. Und es ist traurig. Ich kenne es theoretisch und praktisch. Am Schluss bleibt immer das Gefühl, dass es kein gut oder schlecht gibt. Am Schluss bleibt die Trauer.

Ich bin stark

Ich bin sensibel. Sehr sensibel. Das hörte ich schon als Kind, fast wie ein Schimpfwort wurde es mir ins Gesicht gesagt. Hypersensibel wurde ich genannt und kriegte den gut gemeinten Rat, mir ein dickes Fell zuzulegen. Ich solle die Dinge nicht persönlich nehmen, nicht alles so nah an mich heranlassen. Ich ginge unter im Leben, hiess es, die Welt nehme keine Rücksicht auf mich. In der Welt gebe es nie Lob, nur Tadel. In der Welt nehme mich niemand in den Arm. Da müsse ich selber dastehen. Niemand helfe, alle seien neidisch. Und man war wie diese Welt, um mich auf eben diese vorzubereiten. Und vielleicht war man so, weil man es selber nicht anders kannte.

ich blieb sensibel. Dass es nicht immer einfach war, kommt hin. Ich hörte es auch später noch oft. Man sucht sich wohl unbewusst immer Menschen, die die alten Muster erfüllen. ich fand sie zielgerichtet. Suchte den Fehler  immer bei mir. Sie alle sind im Recht. Ich bin nur zu sensibel. Und vielleicht auch sonst schräg gewickelt. Irgendwann liess ich sie alle hinter mir. Ging meinen Weg alleine. Schlussendlich ist man eh immer alleine – vor allem, wenn man sensibel ist. Und ich wurde stark. Liess mir nichts mehr anmerken. Meisterte mein Leben. Meisterte es wohl sogar ganz gut. Hörte von allen Seiten, wie stark ich sei. Bewunderung schwang mit. Ich schwächte ab. Ich bin nicht stark, ich habe nur keine andere Wahl. Irgendwer muss dieses Leben ja leben und niemand nimmt es mir ab. Zudem habe ich Pflichten und Verantwortung. Aber sie blieben dabei: Ich sei stark.

Stark sein erntet also Bewunderung, Sensibilität wird vorgeworfen, verachtet, ausgenutzt.

Sensibel bin ich immer noch, ich zeige es wohl weniger. Zudem hat das Leben halt gezeigt, dass die Dinge funktionieren müssen, man selten eine Wahl hat. Das Kind will essen, die Arbeit will gemacht sein, die Rechnung bezahlt. Daneben noch Haushalt, Nebenjobs, alles alleine, im Kampf gegen Windmühlen verschiedener Art. Und ich habe es geschafft. Ich merkte, am Schluss schafft man alles, selbst wenn es nicht so aussieht. Selbst wenn man zweifelt, fast verzweifelt, jammert – es geht. Aber es kostet Kraft. Immer ein wenig mehr. Und sie geht aus. Und man denkt, ich kann nicht mehr. Man sagt, ich kann nicht mehr. Alle nicken. Verstehen. Man macht weiter. Was würde man sonst tun? Was könnte man tun?

Und dann kommt die nächste Hürde. Man wird sogar gefragt: Packst du das? Klar, kein Thema, ich pack das. Es ist ja gut und richtig, es wird schwer. Aber ich packe es. Zu sagen, es nicht zu packen, wäre sensibel. Wäre unvernünftig. Wäre falsch. Wäre schwach. Und vielleicht auch egoistisch. Andere müssten sich nach mir richten, würde ich es nicht schaffen. Das will ich nicht. Und es wird wahr. Und ich sitze hier. Und ich denke: Ich will das nicht schaffen. Ich will das alles nicht. Klar werde ich auch das wieder schaffen. Bleibt ja nichts. Aber ich will das so nicht. Und nein, ich bin nicht zufrieden damit. Und es geht mir nicht gut damit. Und ich will nicht stark sein. Ich bin nicht stark. Ich muss immer stark sein. Aber ganz tief drin bin ich immer noch sensibel. Und verletzlich. Und das schreit in mir. Und tobt. Und jammert. Bis es wieder schweigt. Und ich nicke. Und sage: „Ja, geht gut, ich pack das. Ich bin ja gross und stark.“

Schlechte Laune

Ich habe heute schlechte Laune. Sie kam so über mich und blieb. Der gefällt es bei mir besser als es mir mit ihr gefällt. Üblerweise hat sie mich nicht mal gefragt, ob sie kommen darf, sie war einfach da, schlich sich so ein, Schritt für Schritt. Und blieb dann. Vermutlich wusste die ganz genau, dass ich sie nicht haben wollte, drum fragte sie gar nicht erst. Mein Sohn hat dieselbe Taktik. Wenn er weiss, es kommt ein Nein, fragt er gar nicht erst, sondern macht einfach. Später darauf angesprochen, wieso er nicht gefragt hat, kommt: „Du hättest eh nein gesagt.“ Die Logik ist bezwingend.

Heute war ein Tag des Wartens. Ich hasse warten. Dass es dann gleich gehäuft kommt, macht es nicht besser, man gewöhnt sich nicht wirklich dran. Denkt nicht: „Warten, ach, das kenne ich schon, das ist mittlerweile mein Leben, so mag ich das, weil es immer so ist.“ Nein. Auch wenn ich sonst sehr auf Gewohnheiten und Alltag stehe, es gibt so gewisse Dinge, die ich da nie dazu zählen würde. Warten ist eines davon. Klar könnte man sich der östlichen Philosophie folgend darauf einigen, man meditiert die Zeit. Nervt sich nicht, dass man warten muss, sondern geniesst die Zeit als geschenkte Ruhe. So quasi. Nur: wenn ich Zeit für mich möchte, findet das nicht zwingend am Rand eines Fussballplatzes statt, wo man nix tun kann, als den hin und her trippelnden Kinderchen zuzusehen. Klar, wäre ich eine absolut begeisterte Übermutter, die mit vollem Eifer hinter den wie auch immer gearteten Talenten ihres Fussballsprosses steht und alle durch die Anfeuersalven in Grund und Boden schreit, dann wäre das was anderes. Leider gehöre ich nicht zu dieser Gattung, bin sogar ziemlich weit davon entfernt.

In der Annahme, das Training dauere eine Stunde (es war das erste Mal) nahm ich nichts mit, die eine Stunde, so dachte ich, geht vorbei. 30 Minuten waren um, ich berdauerte diesen Entscheid. 45 Minuten – ich flehte den netterweise abwesenden Herrn des Hause Cosima an, mich doch bitte anzurufen, wenn er schon vorzog, das Land zu verlassen statt das Kind zum Fussball zu bringen. Das tat er auch. Da ich nicht wirklich gerne telefoniere, er dazu noch Termine hatte, dauerte das Telefonat nicht wirklich ausreichend lang.

Und dann. Kam sie. Die Hiobsbotschaft. Das Training dauert nicht eine Stunde. Das dauert ganze 100 Minuten. Der Akku des Handys neigte sich zum Ende, der Hintern schmerzte, der Kopf brummte. Der Hund mit Durchfall wartete zu Hause. Die Gedanken, wie die Wohnung aussieht, wenn man endlich mal wieder zu Hause ist, überschlugen sich. Die Stimmung war nicht wirklich steigend.

Doch irgendwann schien es soweit. Sie standen still auf dem Rasen. Mein Herz schlug höher. Ich stand auf, fing auch an zu trippeln – von einem Fuss zum andern. Zu früh gefreut. Penalty Schiessen. Wie die nur schon ihre Bälle büschelten. Sich sammelten. Den Abstand ausmassen. Alles reine Zeitmache. Ich habe es durchschaut. Die wollen mich fertig machen. Die schaffen das. Dann die Diskussionen, wer nun dran sei. Die Trainingszeit ist abgelaufen. Ich hätte es geschafft. Aber nein. Die wollen wohl besonders enthusiastische Trainer sein. Die überziehen. Mist. Ich will das nicht. Ich will nun heim. Sofort. In mein wohl ziemlich verschi…enes Zuhause. Wobei das Zuhause nichts dafür kann, das liegt eher am Hund. Aber auch der kann nichts dafür. Der hat Durchfall. Und war noch nie so lange alleine. Und hätte auch nie so lange alleine bleiben sollen, wäre das Training nur eine Stunde gegangen. Oder wenigstens nicht noch in Überlänge zelebriert worden.

Ich erinnere mich kurz an mein vorgängiges Telefonat mit dem Trainer. Er wolle keine Kinder von Müttern, die ihre Kinder zu sehr pushen, zu sehr auf Erfolg trimmen und drum ins Fussball zwingen. Wer hat eigentlich mal an die Mütter gedacht, die gezwungen sind, am Spielrand zu sitzen und die Zeit totzuschimpfen? Gut, dass niemand an uns denkt, daran könnten wir uns mal gewöhnt haben. Schon wenn wir bei der Geburt sagen, das soll nun einfach aufhören, weh zu tun, der Mitbewohner soll nun einfach rausflutschen und gut ist. Niemand hört auf einen. Der Mitbewohner am wenigsten. Und das wird später zum Programm. Das weiss man zum Glück nicht, man behielte ihn wohl sonst drin. Stiller wäre es allemal. Und man sässe nie am Fussballfeldrand.

Sagte ich schon, dass ich heute schlechte Laune habe? Es war mir so. Ich muss wohl abgeschweift sein. Aber ist nun auch egal. Ich bin nun zu Hause, das war heil, der Hund dicht. Das Kind schläft. Ruhe herrscht. Eigentlich ein schöner Tag, nicht?

Fähnchen im Wind

Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut viefleicht [sic!] Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzen Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch auch Betrüger?

Denken in Gefässen, versorgen in Schubladen. Normierte Klassen von gut und böse, gültig durch die Mehrheit der so Denkenden, akzeptiert durch die lauten Töne, in denen alles verkündet und damit festgesetzt wird.

solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender

Bricht man aus, ist man draussen. Nicht nur im Denken, sondern im Sein. Verstossen, verlacht, verachtet oft. Was nicht sein darf, kann nicht sein, ist es doch, ist es falsch. Falsches will man nicht haben, nur das Richtige hat Platz. Und was richtig oder falsch ist, steht fest.

Nietzsche hat es beschrieben, doch die Aussage hat an Aktualität nichts verloren. Noch immer herrschen Normen, wie jemand sein soll. Die Optik ist reglementiert durch einen BMI, welcher sich in einer festgelegten Spannweite bewegen darf. Ist er drunter, ist man Hungerhaken, Bohnenstange, Skelett oder Kleiderbügel, ist man drüber ausgegrenzt, bei jedem Bissen argwöhnisch und spöttisch beäugt, ausgelacht und oft verachtet. Und auf dieselbe Weise werden die übrigen Belange des Lebens in Massstäbe aufgeteilt. Man kann auf der Skala immer anschauen, wo man steht, es gibt Kurven, die anzeigen, in welchem prozentualen Bereich man sich bewegt und Statistiken, die das in schönen farbigen Balken darstellen. Das wirkt vertrauenswürdig, das wirkt fundiert, das wirkt sicher. Keine Unsicherheiten, keine Ausbrüche, keine Abstürze. Alles geregelt, alles nachvollziehbar. Wo kämen wir hin, wenn jeder täte, wie er wollte? Man wüsste nicht mehr, wo man stünde, wüsste nicht, wer man ist. So aber weiss man: ich bin gut oder ich bin daneben. Und man kann sich freuen. Wenn man gut ist. Wenn man aber daneben ist, dann Gott behüte. Dann ist man wirklich ab der Spur und sollte sich was schämen.

Wir befinden uns doch ein paar Jahre nach Herrn Nietzsches Niederschrift. In einer Zeit, die wir so gerne als aufgeklärt, offen, tolerant sehen. Die aber noch immer voller Vorurteile und Verurteilungen ist. Alles, was anders ist, wird kritisch betrachtet. Es macht Angst. Stört die vermeintliche Sicherheit des mühsam aufgebauten Konstrukts dessen, was gut und richtig ist. Das, woran man sich halten kann und weiss, alles ist gut. Alles kommt gut. Wäre dieser Halt nicht da, fühlte man sich haltlos. Wo gehörte man hin? Man müsste sich selber definieren und daran glauben, dass es gut ist. Denn niemand würde es einem sagen. Besser also, man hört von aussen, dass man gut ist, man passt sich an, passt sich ein. Dann muss es ja gut sein. Die anderen können nicht irren. Man selber vielleicht schon. Wenn man sich aber anpasst, irrt man sicher nicht, man ist im Recht.

Wo bleiben die Sehnsüchte, die eigenen Träume, Wünsche? Meist unterdrückt, sublimiert. Durch all die Reize und Krücken, durch Hilfsmittel, die decken, unterdrücken, hochhalten. Eisern hält man sich dran, um nicht unterzugehen. Der Einbruch von etwas Unvorhergesehenen, Unakzeptierten wäre verheerend. Drum darf nicht sein, was nicht sein darf. Es muss weg, es muss in die Schublade des nicht Erwünschten, nicht Guten. Und der Mensch, der es bringt, damit. Er ist eine Gefahr für einen selber, für die Gesellschaft der Immergleichen und ein Störfaktor im System. Und man ignoriert, was Nietzsche treffend sagt:

Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt.

Irgendwann dreht die Norm. Was heute gut ist, ist morgen schlecht. Die Geschichte zeigt mehrere solche Beispiele. Was dann? Wer sind wir dann? Einfach die neuen Guten? Wohl schon. Unbedacht, angepasst. Und die Fahne, die nicht dreht, die weht allein. Gegen den Wind.

Es könnte schief gehen

Frau, Single, damit arrangiert, fast schon zufrieden, trifft Mann. Erstes Beschnuppern, weitere folgen, passt prima. Eigentlich könnte nun die Geschichte langsam oder auch schneller auf ein Happy End hinsteuern, wenn da nicht dieser kleine Pessiwicht auf der linken Schulter beständig ins Ohr flüsterte: „Es könnte schief gehen.“ Ach was, Frau hört nicht hin. „Er könnte doch nicht passen, so wie die letzten. Du hast dich grad so gut eingerichtet mit deinem Leben alleine.“ Frau denkt, der soll mal schweigen. „Was, wenn er dich plötzlich nicht mehr nett findet? Oder eine andere netter? Was, wenn du wieder auf die Nase fällst? Dein Leben danach wieder von Grund auf neu einrichten musst? Was, wenn du verletzt wirst, belogen wirst, betrogen wirst?“

Der Pessiwicht ist ein hartnäckiges Wesen, er gibt nie Ruhe, bohrt immer weiter. Und man kommt nicht umhin, ihm zuzuhören, ihm gar recht zu geben. Möglich, dass er recht hat, ist es allemal. Frau macht einen Schritt zurück. Schliesslich wurde sie im Leben oft genug verletzt. Klar traut sie das dem Mann nicht zu, doch tat sie das in der Vergangenheit? Und es passierte doch. Besser vorsichtig, denkt sie. Abwarten. Nichts riskieren. Damit leider auch nichts gewinnen.

Mann geht auf Geschäftsreise. Frau bleibt zu Hause. Eigentlich kein Problem. Sie ist ja schon gross. Selbständig. Und sie vertraut ihm. Blind (wissend, dass sie es kann). Alles gut, würde man denken. Hier hat dieser eklige Kerl nix zu sagen. Denkste, der findet immer was: „Dann bist du ganz allein. Alles, was nun zu zweit schön war, wird nicht mehr sein.“ Ach was, Frau ist gerne allein. Kein Problem. Packt sie schon. Er kommt ja wieder. Und dann wird er ganz fies: „Was, wenn sein Flugzeug abstürzt? Wenn plötzlich ein Amoklauf in diesem verrückten Land, in dem er ist, passiert? Was, wenn der Hurrikan seine Hütte wegwendet?“ Irgendwie nervt dieser Wicht, aber was wäre wenn?

Steiler Hang, Kind steht oben, auf dem Trottinett. Rennt runter, springt aufs Gefährt, jauchzt, freut sich. Mama möchte sich mitfreuen. Doch in ihr drin: „Was, wenn er umfällt? Er wird sich verletzen. Er wird weinen.“ Mama sieht schon das weinende Kind vor sich, blutverschmiert, grosse Tränen, grosse Augen. Mama schreit: „Pass auf, nicht so schnell!“

Das Leben wäre einfacher, positiver, wäre da nicht immer diese innere Stimme, dieser Pessiwicht auf der Schulter, welcher einem alle Gefahren und möglichen Risiken vorbetet. Man könnte sich an dem freuen, was ist, das, was nicht gut kommt, zeigt sich noch früh genug. Aber nein, man lässt sich schon das Gute im Jetzt vermiesen, indem man das potentiell schlechte von morgen heranzieht, durchkaut, als realistisch glaubt und schon mal vorsorglich negativ denkt und leidet. Fast als hätte man Angst, mit dem Leiden zu spät zu kommen, etwas davon zu verpassen. Dass man dabei die Freude verpasst oder zumindest schmälert, sieht man gar nicht und wenn, kommt man nicht drum rum.

Ich schalte ein Inserat: „Wicht zu vergeben. Sieht alle Gefahren, die kommen könnten. Erzählt sie laut und unnachgiebig. Treu, überall mit dabei, schläft nie, zuverlässig.“ Will ihn jemand haben?

München – meine Liebe

Vor mittlerweile 15 Jahren kam ich das erste Mal nach München. Ich weiss nicht, was es war, doch die Stadt nahm mich ein – vom ersten Moment. Mein damaliger Freund, er kannte die Stadt durch seine Exfreundin, kam mit Freunden sporadisch nach München zum Biertrinken, jassen, das Leben geniessen. Und in unserer gemeinsamen Zeit ging ich mit. Die Beziehung ging in die Brüche, die Liebe zu München blieb. Sie wurde gestärkt durch viele weitere Besuche, durch eine grosse Liebe, die leider mit dem Tod endete. Der Wunsch wuchs, da zu wohnen. Ich suchte einen Professor an der Uni, der mein Projekt unterstützt, fand ihn. Suchte eine Wohnung, fand sie. Ich hätte gehen können. Im letzten Moment, den Vertrag schon in den Händen, schreckte ich zurück. Was mache ich ganz allein mit kleinem Kind in München? Ohne Familie. Ohne Freunde. Ohne niemanden und nichts. Ich hatte Angst, ich sagte alles ab. Blieb.

Immer, wenn ich München sehe oder davon höre, spüre ich ein Ziehen im Herzen. Die Sehnsucht blieb. Was es ist? Ich weiss es noch immer nicht. Ich mag Wien, mag Berlin, beide wegen unterschiedlicher Eigenschaften. Ich mag die Stadt, in der ich lebe. Sie ist Heimat, vertraut, laut Statistik die Stadt mit der grössten Lebensqualität aber auch die teuerste der Welt. Sie ist toll. Und doch: München bleibt. Ab und an etwas weiter weg, ab und an etwas näher. Im Herzen. Nie ganz weg.

Heute las ich folgendes Zitat:

von Walther Rathenau
(29.09.1867 – 24.06.1922)

„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von Furcht.“

Wäre ich heute glücklich, hätte ich damals meine Ängste ignoriert, den Vertrag unterschrieben und lebte nun in München? Rein ideologisch ja. Ich wäre in meiner Herzensstadt, alles wäre prima. Ein Umfeld findet sich. Das Argument hörte ich immer nachher und das wird wohl so sein. Obwohl: ich bin schüchtern. Und ich bin eigentlich eher zurückhaltend. Und ab und an gerne alleine. Und ich habe ein Kind. Ich kann nicht einfach weg. Und die Mütter lernt man nicht kennen, da das Kind schon so gross ist, dass es alleine geht. Und doch nicht alleine bleiben kann.

Wäre ich glücklicher? Die Frage trägt alles in sich, unglücklich zu machen. Sie fragt nach etwas, das man nur in seinen Idealen und Gedanken ausmalen kann. Sie vergleicht den Istzustand mit allen Schwierigkeiten, die grad sind mit dem Wunschzustand mit allem, was man gerne hätte. Das Ist kann nur verlieren. Es kämpft gegen Windmühlen, die noch nicht mal gebaut sind.

Und doch: würde man mich heute fragen, ich würde packen und gehen. Hund, Koffer, alles unter den Arm und weg. Das Leben ganz von Null, das Leben als eigenständiger Mensch, ohne die Fesseln der Vergangenheit, des hier alltäglichen Alltags, das denkt sich gar verlockend. Doch auch hier wieder: man idealisiert. Sieht sich in einer kleinen Wohnung, jobbend, schreibend. Das Leben lebend, unabhängig. Das, was man zurück lässt blendet man aus. Das eine nervt. Das andere… kann nicht mit. Und bleiben geht nicht.

Sind es nur die Ängste, die hindern? Wäre ich furchtlos, würde ich gehen? Oder steckt auch Vernunft drin? Sind Ängste nicht oft auch die Auswüchse von nicht ganz unrealistischen Prognosen? Klar nicht der positivsten, aber auch nicht der verklärendsten. Stellen wir uns vor, ich zerschnitte hier alle Fäden, zöge von dannen. Wäre ich glücklich? Würde mir nichts fehlen? Sicher würde es das. Nur schaue ich ab und an nur darauf, was drückt und vernachlässige das, was trägt. Nicht dass ich es nicht kenne, so weit bin ich schon. Aber wenn alles drückt, blende ich es kurzzeitig aus. Und wünschte mir, ich wäre weit weg. In München.

Könnte ich das eine oder andere meines Lebens hier mitnehmen – ich wäre weg. Lieber heute als morgen. Wobei ich genau so gerne das eine oder andere ins Pfefferland schicken würde – und hier bleiben. Trotzdem: München… wird immer meine Liebe bleiben. Die ganz ganz grosse. Wieso? Ich weiss es nicht. Es ist einfach so. Und es ist gut so.

Lehrer und Lehren des Lebens

Heute hatte ich zwei Erlebnisse und beide führten zu einer Erkenntnis. Man kann sich noch so viel vornehmen, noch so viel planen – am Schluss kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Und das muss nicht mal schlecht sein. Wenn man ganz viel Glück hat, ist es sogar gut, sehr gut. Und wenn man noch mehr Glück hat, lernt man noch was draus.

Das erste ist eine Geschichte, die sich seit Langem hinzieht. Als geschiedene Mutter ist man immer gewissen Kräften ausgesetzt, die man nicht kontrollieren kann. Man hat ein Kind, das zu einer Organisationsfrage wird. Diese Organisationsfrage rührt daher, dass Eltern, die gemeinsam für das besagte Kind verantwortlich sind (zumindest bei der Entstehung) getrennt die eigenen und die Belange des Kindes unter einen Hut zu bringen versuchen. Ist man zusammen, geschieht das in gegenseitiger Absprache und unter Rücksichtnahme (im besten Fall), getrennt unabhängig und damit sehr anstrengend. Und mittendrin steht immer das Kind.

Nun gibt es alle möglichen Kombinationen dieses Spiels: Die Sorgerecht innehabende Mutter, die den Vater an der langen Leine zappeln lässt und ihm jeglichen Kontakt vermiest bis verunmöglicht, wenn er nicht zu Kreuze kriecht, den Vater, der sich aus dem Staub macht – und dazwischen alle denkbaren Schattierungen. Immer aber sind irgendwo Ärger, Frust, verletzter Stolz, getroffene Schwachstellen und versteckte oder offene Machtspiele zu spüren. Wieso? Wir haben ein Bild von einer Familie, vom Kinderhaben und von unserer Rolle darin. Wird dieses gestört, gerät unser System ins Wanken. Und wir erleben Stress. Fühlen uns ungeliebt, vernachlässigt, ungerecht behandelt. Wir rebellieren, wir wollen Gerechtigkeit, wir toben – innerlich oder äusserlich. Wir fühlen uns hilflos. Und merken irgendwann: Es bringt nichts. Es ist, wie es ist. Und das wird nie mehr ändern. Das sollte sich jeder, der sich trennt, bewusst sein. Es wird nicht besser. Es wird anders. Man ist einen Ärger los – den Partner, den man so empfindet, hat aber 1000 neue, denn der Expartner ist immer noch da, nun auf der Gegenseite, per definitionem.

Das wird nun keine Klage über meinen Exmann, Gott bewahre. Er lebt in seiner Welt, ich in meiner. Werten über diese Welten möchte ich nicht, sie sind einfach unterschiedlich. Daher rührt wohl das Ex. Aber da ist dieses eine Glied, das verbindet: das Kind. Und mir ging es heute auf: Es gibt nur eines – loslassen. Ich kann es nicht kontrollieren. Je mehr ich es in den Händen haben will, desto mehr bringt es meine Ruhe aus dem Konzept. Ich habe dieses eine Leben. Es ist MEIN Leben. Gewisse Dinge sind gegeben, gewisse kann ich steuern. Die, welche ich steuern kann, nehme ich in die Hand, die anderen nehme ich hin. Sonst bringen sie mich doppelt um den Verstand. Erstens, weil sie sind, wie sie sind, und zweitens, weil ich damit hadere.

Die zweite Situation war noch näher. Es ging um mich, meine Pläne. In einem Auf und Ab von Gefühlen und Wünschen entschied ich mich für einen Weg, weil ich dachte, ein anderer sei sowieso verschlossen. Nun taten sich plötzlich die Türen des anderen auf. Was nun? Eigentlich  gefiel mir meine Entscheidung, ich hatte sie mir gut zurechtgelegt und sah viel Positives (ehrlich!) drin. Die Verlockung zum Andern war gross, denn es war seit Jahren mein Traum. Ich schwenkte um. Schaute mir den lang ersehnten Weg nochmals an, mit der Bedingung, dass er genau so, wie ich das will, auszusehen hätte. Dann kam: Meine Sicht sei möglich, aber es wäre sinnvoller, den Weg anders zu gehen. Da stand ich nun. In mir noch das Festgefahrene meiner eigenen Argumente. Vor mir die Argumente eines Menschen, dem ich vertraue. Aber ich bin stur. Ich sagte: „Nein, ich will das so. Ich will nicht davon abrücken.“ Zurück kam (er kennt mich ein paar Jahre): „Ihr Nein kommt immer schnell und rigoros, überdenken sie es  noch einmal.“ Da war sie, die Lehre Nummer zwei: Loslassen. Hier im Guten. Und er hatte recht. Je länger ich mir überlege, was er sagte, desto eher denke ich: Es wäre sogar aus meinem eigenen Gesichtspunkt gut.

Als mein Sohn noch klein war, konnte ich gut von meinen eigenen Plänen abrücken – es war mein Modell, mit dem Muttersein umzugehen. Während andere sture Pläne hatten, wann die Kinder schlafen sollen und wann wach sein, liess ich meinen Sohn machen. Passte meine Rhythmus dem seinen an und wir hatten eine sehr harmonische Baby- und Kleinkindphase. Ich arbeitete, wenn er schlief, war mit ihm, wenn er wachte. Zeit war egal. Raum war egal, wir liessen es gleiten und witziger Weise hatten wir einen sehr regelmässigen Rhythmus, man hätte wohl fast die Uhr danach stellen können. Wann dachte ich, das ändern zu wollen? Wieso? Sich gegen Dinge zu stellen, die sind, wie sie sind, bringt nur Ärger. Und wenn man sich richten kann – wieso es nicht tun? Weil man selber mal bestimmen will? Um welchen Preis? Ärger, Kraftverlust, Kampf? ich sage nicht, dass man alles hinnehmen soll, aber wie oft kämpft man um irgendwelcher Prinzipien Willen, weil man selber festgefahren ist, und nicht um der wirklichen Sache wegen.

Ich werde mich nun wieder aufs Loslassen konzentrieren und den Weg einschlagen, den ich heute gezeigt kriegte. Und ich bin dankbar für die beiden Lehrer. Den, der mir ab und an Lehren aufzeigt, weil er mein Leben schwer macht und den, der mir in den vielen Jahren, die ich ihn nun kenne,  immer wieder mit viel Güte und Menschlichkeit zur Seite stand.