Vom Lesen und vom Denken und vom Schreiben

Was Lesen für mich heisst? Eintauchen in neue Welten, in andere Gedankenwelten. Es ist die Neugier auf die Ideen anderer, zu denen ich meine in Beziehung setzen kann. Es ist der Wunsch, mein eigenes Universum zu verlassen, um neue zu ergründen. Es ist der Drang, weiter zu gehen, tiefer zu tauchen, breiter zu denken.

Ein Leben ohne zu denken, wäre für mich kein Leben. Es gliche eher einem Sterben noch zu Lebzeiten. Denken hängt an der Sprache, denn ohne diese hätten die Gedanken keine Gefässe, die sie fassbar machten. Mein liebstes Gefäss ist das Schreiben. Erst da werde ich all der Gedanken wirklich gewahr, kann ich sie in eine Ordnung bringen, lerne ich, sie zu verstehen. Und in diesem Verstehen sind immer schon die nächsten Fragen eingewoben. So führt sich das Leben fort, geht seinen Weg, ich gehe ihn mit. Und denke immer wieder an das Motto, das ich mal über mein Leben stellte, ganz spontan, einfach, weil es mir gefiel:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»
Rainer Maria Rilke

Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich genau das wirklich tue.

Lebenskunst: Erwachsen werden

«Es gibt eine Kerze in deinem Herzen,
die bereit ist, angezündet zu werden.
Es gibt eine Lücke in deiner Seele,
die bereit ist, gefüllt zu werden. Du spürst sie, nicht wahr?»
Rumi

Ich habe als Kind oft den Satz gehört, dass alle anderen besser, ordentlicher, fleissiger, vernünftiger, normaler, anders wären, nur ich… nur ich, war, wie ich war, und das war offensichtlich nicht gut genug. Das Gefühl, so, wie ich bin, nicht angenommen zu werden, hat sich eingegraben, und ich habe nach Lösungen gesucht. Ich versuchte, alles so zu machen, wie MAN es macht, in der Hoffnung, dann in Ordnung zu sein. Es hat mässig funktioniert. Was aber funktioniert hat: Ich habe das Muster mit in mein Erwachsenenleben genommen. Der Versuch, es recht zu machen, war immer meine spontane Reaktion. Fehler dabei konnte ich schwer akzeptieren.

Wir tragen oft unsere negativen Glaubenssätze aus der Kindheit ins Erwachsenenleben, reagieren immer weiter nach alten Mustern, die mal eine (vermeintliche) Lösung darstellten, nun aber Leid bringen. Wenn wir immer wieder an denselben Punkten anstehen, wenn wir immer wieder in gleiche Muster verfallen, hilft es, genauer hinzusehen, den zugrunde liegenden Glaubenssatz ans Licht zu holen und ihn zu prüfen: Stimmt das wirklich? Bin ich nicht gut genug? Mache ich IMMER alles falsch? Mag mich NIEMAND? Wir werden wohl oft merken, dass wir uns mit Sätzen quälen, die nicht stimmen. Wenn wir es schaffen, sie zu entkräften, können wir langsam aus unseren leidvollen Mustern ausbrechen.

Was sind deine prägenden Glaubenssätze?

Lebenskunst: Ja zu mir

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ein entspannter Abend wird das wohl nicht, denn du fühlst dich unsicher und auf dem Prüfstand. Und du präsentierst dich als vieles, kaum aber als dich. Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst, sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Doch: Will ich so wirklich leben? Ist eine solche Beziehung wirklich befriedigend? Vielleicht solltest du das nächste „Ja“ überdenken, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Lebenskunst: Kraft tanken

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Wie oft hasten wir durchs Leben, wollen alles geschafft kriegen, möglichst parallel, nicht hintereinander. Wir streben nach Erfolg und verlangen von uns Leistung. Wir laden uns immer mehr auf, als ob die Tage endlos und unsere Kräfte unbeschränkt wären. Viel zu oft merken wir nicht, dass wir Grenzen überschreiten: Die anderer, weil wir in unserer Hast unkonzentriert, abgewandt, fahrlässig, gehetzt oder gereizt werden, und unsere eigenen.

Da ist diese Müdigkeit, ein Ziehen in der Brust, ab und an Kopfschmerzen, Unachtsamkeiten, Vergesslichkeiten, angespannte Nerven – es sind kleine Zeichen, die wir oft übersehen, bis sie sich nicht mehr übersehen lassen. Und oft nehmen wir uns vor, es künftig ruhiger anzugehen, nur um bald wieder im gleichen Fahrwasser zu schwimmen. Nun ist es nicht möglich, sich allem zu entziehen, aber wichtig, Prioritäten zu setzen: Was ist wirklich wichtig? Sich dafür die Zeit zu nehmen, es gut und richtig zu machen, führt oft zu einem besseren Ergebnis und zu mehr Zufriedenheit – bei allen Beteiligten. Und: Es ist ein gutes Mittel, bei sich selbst und gesund zu bleiben, statt sich in alle Winde zu verteilen.

Und ab und zu ist es gut, einfach mal nichts zu tun. In Ruhe zu sein. Kraft zu tanken. Durchzuatmen und die Dinge geschehen zu lassen. Wie schon Balu sagte:

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.»

Fällt es dir leicht, dir auch mal Ruhe zu gönnen?

Lebenskunst: Loslassen

«Loslassen gibt uns Freiheit, und Freiheit ist die einzige Voraussetzung für Glück.» Thich Nhat Hanh

Es gibt wohl keine sinnbildlichere Zeit als den Herbst für das Thema «Loslassen». Die letzten Früchte sind geerntet, die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, alles wird stiller, leerer. Würde die Natur nichts loslassen, gäbe es keinen Raum für neues. Im Frühling würden die Bäume nicht mit Blüten geschmückt, all die bunten Farben, die die Lebendigkeit des Neuanfangs unterstreichen, fehlten.

Im Leben fällt es nicht immer leicht, Dinge loszulassen. Erinnerungen, Menschen, Wünsche – wir halten an ihnen fest, selbst wenn wir merken, dass sie nicht guttun. Wir wollen bewahren, was ist, weil wir nicht wissen, was kommt. Damit schaffen wir zwei Probleme: Wir leiden unter schmerzhaften Situationen und Zuständen, an denen wir festhalten, und wir leiden darunter, dass wir vieles nicht festhalten können, weil das Leben immer aus Veränderungen besteht.

Vielleicht hilft es, ab und zu hinzusehen, aktiv zu entscheiden, was wir im Leben haben wollen und was nicht, was guttut, was nicht – um dieses dann loszulassen. Und genauso hilft es, das, was gehen will, gehen zu lassen, im Wissen, dass Neues nachwächst.

Gedanken und Buchtipp: Ich sein in dieser Welt

Eigene Gedanken

„Wir Menschen sind Geschichtenerzähler. Was wir uns von uns erzählen, erfahren wir als unsere Identität.“

Wir leben in einer Zeit der Singularität, der Einzigartigkeit. Oft hört man in dem Zusammenhang die Aufforderung, man selbst zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen, sich selbst treu zu sein und zu bleiben. Doch: Wer ist dieses ich? Was macht es aus? Oft erzählen wir uns dazu Geschichten, die wir uns dann glauben. Wir erzählen von Vorkommnissen in der Vergangenheit, von der Kindheit, unserem Beruf, Menschen um uns, die uns geprägt hätten – und manchmal sind es auch schwierige Ereignisse, Ereignisse, die uns umtreiben, umwerfen gar.

„Es gibt Ereignisse in unserer Biografie, die verändern alles. Von einem Moment auf den nächsten ist das Leben keine planbare Grösse mehr und die Welt eine andere, als wir bis dahin dachten. Wir sprechen dann von einer Krise […] plötzlich wissen wir wieder, was Menschsein heisst: Wir sind verwundbar, und wir brauchen die Anderen.“

Und plötzlich sind die Fragen noch drängender: Wer bin ich nun? Noch derselbe? Ein anderer? Und wir machen uns auf die Suche nach dem, woran wir uns wieder erkennen können.

„Besonders in Lebenskrisen, in Zeiten der Neuausrichtung oder im Alter werden die fragen drängender: Was zeichnet mich aus? Warum erlebe ich all dies? Was ist meine Aufgabe? Was sind die Muster in meinem Leben, die Lebensspur, die meine Erdenzeit durchwebt, der ich folge oder die mir ausgelegt wurde?“

Wir suchen nach unserem Wesenskern, danach, was uns ausmacht und wozu wir auf dieser Welt sind. Vor allem vom „Wozu“ erhoffen wir uns viel, soll es doch dem Leben Sinn verleihen.

„Das Eigene erkennt man im Fremden, das Ich im Vergleich mit dem Gegenüber.“

Was wir dabei oft vergessen, ist, dass es bei der Suche nach uns selbst nie nur um uns geht. Wir sind nicht allein auf dieser Welt und nie unabhängig von dieser und den Menschen um uns zu denken. Erst im Anderen erkennen wir uns selbst, in unserem Miteinander, in unserem Austausch erkennen wir unseren Beitrag und unser Sein in dieser Welt.

„Die Geschichten wollen neu erzählt, die Fragen neu gestellt werden, und zwar so, dass wir unser Einzigartigsein nicht länger durch die Abgrenzung vom Anderen erfahren, sondern aus der Verbundenheit heraus mit den Anderen erleben.“

Es gilt also, diese Perspektive mit aufzunehmen in die eigene Biografiearbeit. Es gilt, so eine umfassendere Geschichte zu schreiben – und dies im wahrsten Sinne des Wortes am besten wirklich zu schreiben, nicht nur zu denken. Schon Hannah Arendt sagte, dass sie schreibe, weil sie verstehen wolle. Schreibend gelingt es uns besser, die Gedanken in eine Ordnung zu bringen, sie zu sortieren und so fassbarer zu machen. Wenn es dabei um die eigene Biografie geht, ist das Ziel, uns in der Welt verortet zu sehen, als Teil eines Ganzen. Wir erfahren Wort für Wort mehr über unseren Platz in dieser Welt:

„In den goldenen Faden unserer Existenz, ins Licht unseres Daseins webt sich der rote Faden unseres Schicksals ein. Beides zusammen stellt das Gewebe unseres Lebens dar.“

Der Buchtipp dazu:

Liane Dirks: Sein & Werden: Schätze und Chancen unserer Biografie neu erkennen

Anhand verschiedener Fragen nimmt Liane Dirks den Leser an die Hand und läuft die Stationen seines Lebens ab. Sie beleuchtet den Anfang, wo die Lebensreise begann, analysiert, was uns als Menschen ausmacht und wodurch wir wachsen, zeigt auf, was Liebe bedeutet und wieso sie so wichtig ist. Sie zeigt auf, was wir vom Leben lernen können und wieso es wichtig ist, die kleine egozentrische Sicht zugunsten eines grösseren Zusammenhangs zu erweitern. Wir sind alles Teil eines Ganzen, Teil einer Welt. Was es heisst, darin verortet zu sein, schliesst das Buch schliesslich ab.

Liane Dirks ist ein wunderbares Buch über das Erkennen des eigenen Seins gelungen. Wie einer ist und was ihn ausmacht, welche Geschichten über sich er sich erzählt und wie neue Geschichten aussehen könnten – all das sind Themen dieses Buchs.

Zur Autorin
Liane Dirks, geboren 1955, ist freie Schriftstellerin, Meditations- und Tai-Chi-Lehrerin und hat eine Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächstherapie absolviert. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen und trug mit ihren Romanen zu wichtigen gesellschaftlichen Debatten bei. Sie entwickelte den zertifizierten Ausbildungsgang zum Life Script® Coach in kreativer potenzialorientierter Biografiearbeit, der Selbstentfaltung, Kreativität und Spiritualität zusammenführt. Liane Dirks gibt regelmäßig Seminare und lebt in Köln.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Kösel-Verlag (2. November 2022)
Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
ISBN-13 : 978-3466347377

Lebenskunst: Fragen

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

Von Sokrates ist der Satz überliefert, dass er wisse, dass er nichts wisse. Im Wissen darum, dass Sokrates als einer der klügsten Männer gilt, wird dieser Satz oft in die Ecke der Ironie verschoben, oder aber man wiederholt ihn selbst, um damit quasi das Gegenteil zu zeigen, nämlich, sich als Wissenden.

Wieso ist es uns oft so wichtig, etwas zu wissen? Etwas nicht zu wissen, wird oft mit Schwäche, mit einem Makel gleichgesetzt. Doch stimmt das wirklich? Im Umkehrschluss heisst das, dass wir Wissen oft dazu nutzen, die eigene Überlegenheit, sicher aber Intelligenz und Bildung zu präsentieren. Dies passiert oft aus einem Gefühl, etwas leisten zu müssen, um Anerkennung zu verdienen. Das reine Sein als Mensch reicht nicht aus, man muss sich behaupten. Wissen eignet sich da sehr.

Wenn ich wieder mal behaupte, etwas zu wissen, könnte ich mich also fragen: Wieso ist mir das so wichtig? Weiss ich es wirklich? Wenn mir nicht geglaubt wird: Wieso trifft mich das? Fühle ich mich heruntergesetzt? Im Gegenteil könnte man sich auch fragen, ob einer, der behauptet, etwas zu wissen, dieses wirklich weiss. Und wieso er denkt, uns das sagen zu müssen (es sei denn, wir hätten gefragt, und selbst dann ist es sinnvoll, das präsentierte Wissen zu hinterfragen und nicht blind anzunehmen).

Schlussendlich kann man sich immer sagen: Einer, der alles zu wissen vorgibt, ist keinesfalls ein Weiser, sondern schlicht ein Besserwisser. Will ich das sein? Vielleicht zeugen Fragen ab und zu von mehr Weisheit als pfannenfertige Antworten, die vorgeben, Wissen zu sein.

Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ich bin so frei

Jeder kennt wohl die Situation, dass es in einem brodelt, etwas raus will, man sich aber nicht getraut, es zu sagen. Was, wenn der andere dann enttäuscht, böse, traurig ist? Was, wenn das etwas zwischen uns verändert in einer Weise, die ich nicht will? Und so schweigen wir. Und manchmal hoffen wir dann insgeheim, der andere käme von selbst drauf, was wir wollen. Tut er das nicht, machen wir ihm das fast zum Vorwurf, sogar dann, wenn wir es selbst nicht so genau wissen.

Was ich wirklich will, kann nur ich selbst wissen. Und wenn ich es nicht weiss, weiss es sicher kein anderer.Aber: Ich kann dem auf die Schliche kommen, indem ich in mich hineinhöre: Was will ich wirklich? Oft sind dann verschiedene Stimmen in mir, alle wollen sie etwas anderes. Woher kommen sie? Wer spricht in und durch uns? Welches sind meine wirklichen Bedürfnisse und was ist nur anerzogen, angelernt, Erwartungen geschuldet?

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“ Simone de Beauvoir

Wenn ich selbst nicht weiss, was ich will, oder aber wenn ich mir das, was ich will, versage aus Ängsten heraus, baue ich mir selbst ein Gefängnis, das ich von meinen Ängsten bewachen lasse. ich liefere mich diesen aus und versage mir, so zu leben, wie es mir entsprechen würde.

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“ Simone de Beauvoir

Wirklich authentisch zu sein, meine eigene Natur zu erkennen und zu leben, ist der einzige Weg, der wirklich glücklich macht, weil ich mich nur dann frei und damit auch leicht fühlen kann. Mich selbst hinter Gitterstäben zu halten ist nicht nur eine Unterdrückung von mir selbst, es ist auch eine Absage an erfüllende und bereichernde Beziehungen, da es unmöglich ist, eine gleichberechtigte, freie und zu gegenseitigem Wachstum anregende Beziehung zu leben, wenn ich all das bei mir selbst einschränke oder gar negiere.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen?

Gedankenvoller Jahresausklang

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, heute ist der letzte Tag. Ich merke, wie ich stiller werde, wie ich beginne, das Jahr zu reflektieren, hinsehe, was war, wie mein Weg durch dieses Jahr aussah. Es sind nicht mal so sehr die Erlebnisse, die mich beschäftigen, eher die Gefühlswelten, die Interessenlagen, die Themen, die präsent waren. Und wenn ich diesen Weg ansehe, der doch ein sehr kurvenreicher war, kommt natürlich der Gedanke ans neue Jahr auf: Wie wird der Weg weiter gehen? Was sind meine Ziele, meine Wünsche, meine Möglichkeiten?

Max Frisch schrieb:

„Schreiben heisst, sich selber lesen.“

Ich merke, dass mir im Moment die Antworten fehlen, also fange ich an zu schreiben. Ich fülle Seite um Seite im Notizbuch und versuche, mich selbst zu finden, zu ergründen. Es ist ein stiller Prozess des Herantastens. Einst sagte ich, ich sei ein schreibender Mensch. Das bestätigt sich immer wieder. Schreibend versuche ich, die Welt und mich in ihr zu verstehen. Und manchmal komme ich beidem für einen Moment auf die Schliche. 

Lebenskunst: Kraft tanken

Meine Grossmutter war eine sehr lebenstüchtige und weise Frau. Sie hatte viel Humor, dachte pragmatisch («Mir geht es gut denn wenn ich denke, es geht mir nicht gut, geht es mir nicht besser.») und war überhaupt nicht religiös. Umso mehr erstaunte mich, dass sie oft am Sonntag in die Kirche ging. Ich fragte sie mal, wieso. Sie meinte, wenn sie auf der Bank sitze, wisse sie, dass sie nun einfach eine Zeit Ruhe für sich hätte. Dann denke ich sie über sich und das Leben nach und tanke Kraft für die nächste Woche. 

Nun hätte sie das natürlich überall machen können. Eine einsame Bank irgendwo wäre noch ruhiger gewesen, da keiner predigt und niemand links und rechts sitzt. Aber für sie musste es die Kirche sein. Ich denke, dass da doch mehr dahinter steckte. Dass da eine Verbindung spürbar war zu etwas Grösserem, wie auch immer geartet.

Für meine Grossmutter war die Kirche ein Kraftort. Sie war ein Ort, an dem sie auftanken konnte für sich und für das Leben, das viel von ihr forderte. Andere Menschen haben andere Kraftorte. Für den einen sind es die Berge, der andere tankt am Meer auf, Bäume, Steine, alles können Kraftorte sein. Mein wichtigster Kraftort ist die Yogamatte. Egal, wie müde ich bin – körperlich oder geistig -, meine Zeit auf der Matte ist mir heilig. Die Zeit auf der Matte gehört nur mir. Hier atme ich, fühle ich, bin ich und finde immer viel über mich heraus. Mein Körper zeigt mir tagtäglich, wo ich stehe, wo meine Grenzen sind, womit ich auch kämpfe. Ich muss nur hinsehen.

Ich bin dankbar für diesen Ort. Ich bin dankbar dafür, Zeit für mich zu haben, mir die nehmen zu können. Und ich bin dankbar für all die Erkenntnisse, mit denen ich von der Matte steige. Das ist für mich zentral: Yoga findet nicht (nur) auf der Matte statt, es ist das, was ich von der Matte mit ins Leben mitnehme. Es gab in all den Jahren, die ich nun auf meinem Yogaweg bin, kaum einen Tag ohne Yoga. Das Schöne an der Yogamatte ist, dass man sie überall ausbreiten kann. Und manchmal muss es nicht mal eine Matte sein, es reicht schon ein Stück Boden und die Bereitschaft, sich die Zeit für sich zu nehmen.

Was ist dein Kraftort? Wo und wie tankst du wieder auf, wenn die Batterien leer sind?

Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Lebenskunst: Stark werden

«Kein Baum wird kräftig und entwickelt tiefe Wurzeln, wenn er nicht häufig von starken Winden geschüttelt wird.» Seneca

Kürzlich sass ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über unsere jeweilige Vergangenheit. Es gab viel Schönes zu erzählen, wir lachten viel, doch auch die schwierigen Zeiten kamen zur Sprache. Wir kamen zum Schluss, dass vieles damals schwer zu tragen gewesen ist, dass es auch schmerzhaft war, wir es uns sicher anders gewünscht hätten. Aber wir würden wohl nicht heute als die hier sein, die wir sind, hätten wir all das nicht erlebt.

Die Stoiker gehen soweit zu sagen, dass der unglücklich sei, der nie eine schwierige Zeit erlebt habe, denn es sei einfach, grosse ethische Theorien zu verkünden, wenn man nie auf dem Prüfstand ist, sie auch im Leben zu praktizieren. Von dem, der nie durch Schweres gehen musste, wisse man nie, ob er wirklich ein vortrefflicher Mensch sei. Nietzsche interessierte ein anderer Punkt am Leiden:

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.»

Wenn ich zurückblicke, steckt da viel Wahres drin. Ich bin wohl sicher in den schwierigen Zeiten gefühlt über mich hinausgewachsen. Stand ich vor Bergen, die nicht zu bezwingen schienen, kam ich doch jedes Mal an den Punkt, ihn überwunden zu haben. Nicht dass ich auf dem Weg dahin nicht auch gehadert, geklagt hätte, nicht dass ich auch fast verzweifelt wäre – teilweise ganz. Aber ich habe es geschafft. Und das Wissen darum, wozu ich fähig bin, das Wissen darum, dass es immer weiter geht, ist eine Lebensschulung, es ist eine Stärkung des eigenen Selbst-Vertrauens.

Im Buddhismus entwickelt sich aus dem eigenen Leid das Mitgefühl mit anderen. Das eigene Erleben öffnet das Herz, indem man aus diesem heraus spürt, wie es dem anderen gehen muss, wenn er leidet. Indem wir leiden und unser Leiden nicht nur ertragen, sogar daran wachsen, lernen wir also nicht nur für uns, sondern es ist auch eine Basis für ein Miteinander. Zu wissen, dass wir alle gleich fühlen, dass wir als Menschen trotz aller Verschiedenheit auch gleich sind.

So oder so bleibt Leid schlussendlich leidvoll, nur werden wir es im Leben nie vermeiden können. Vielleicht hilft es, dann und wann hinzusehen und zu denken: Wer weiss, wozu es gut sein wird – irgendwann. Sicher hilft es, zu wissen, dass man schon oft gelitten hat im Leben, und man es tragen konnte. Und irgendwann – ging es vorbei. So wird es auch dieses Mal sein. Dann sitzen wir lachend unter Freunden als die, die wir geworden sind.

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfalten

Erfüllung auf und neben der Yogamatte

Inhalt

„Sei offen und lass dich immer wieder überraschen, was geschehen will, sobald du die Matte betrittst. Sei wahrhaftig und ehrlich mit dir – und dann tu, was du kannst, so gut du es kannst! Und das ist gut so!“

Offen bleiben, sich nicht verhärten und schon gar keinen Dogmen folgen oder selbst welche aufstellen. Yoga heisst, mit offenem Blick die eigenen Meinungen und Ansichten (auch über sich selbst) zu hinterfragen und sich zu öffnen für das, was möglich ist, für neue Sicht- und Lebeweisen. Mit Yoga können wir einen Weg zu unserem Herzen öffnen, es von innen heraus stärken und aus dieser starken Mitte heraus in die Welt treten.

Anna Trökes zeigt in ihrem Buch, wie wir dahin kommen, mehr zu uns zu finden, in uns die Kraft zu entdecken und zu fördern, die hilft, in der Welt als die, die wir sind und sein wollen, zu bestehen – als aktiver und eingebundener Teil dieser Welt. Das bedeutet immer auch, uns selbst zu hinterfragen, hinzuschauen, was wir brauchen, und das ernst zu nehmen. Es geht darum,

„…dass wir unsere eigenen Anliegen und Ziele ernst nehmen und aus diesem Grund ein echtes, im Herzen gegründetes Interesse zeigen, unserem Anliegen – wie zum Beispiel unserer Yoga-Praxis – die Priorität und genügend Zeit einzuräumen.“

Anna Trökes beschreibt in ihrem Buch, wie wir mit Hilfe von Yoga wieder Verbindung mit unserem Herzen aufnehmen können, um aus dieser Qualität heraus zu handeln. Wenn sie beschreibt, was wichtig ist für die Yogapraxis, indem sie auf die Philosophie Patanjalis, dem Autor der Yoga Sutras, verweist, klingen schon die Anweisungen für die Übungen auf der Matte so, dass man sie auch aufs Leben neben der Matte anwenden kann:

„Um mehr Stabilität und Leichtigkeit zu finden, sollen wir das aktuell für uns angemessene Mass an Anstrengung (Prayatna) finden und alle dabei auftretenden überflüssigen Anspannungen erkennen und gleich wieder loslassen (shaithilya). Ob das gelingt, zeigt uns unser Atem.“

Yoga ist mehr als die blosse Übungspraxis auf der Matte, es ist eine Philosophie, die Jahrtausende alt ist. Ziel ist es, sich zu befreien von äusseren und inneren Beschränkungen, vom Abgetrennt-Sein (Entfremdung vom eigenen Sein und von der Welt). Es weist einen Weg der Verbundenheit, die im Herzen gründen soll. Den Weg zum Ziel beschreibt Patanjali als achtstufigen Pfad, an deren Anfang ethische Grundhaltungen und der sorgsame Umgang mit sich selbst stehen. Nur wenn wir uns diese zu Herzen nehmen, können wir darauf aufbauen und uns entfalten.

Mit praktischen Übungen führt uns Anna Trökes dahin, wie wir unser eigenes Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten können, wie wir uns in die Welt einbringen können. Sie beschreibt Wege hin zu mehr Verbundenheit mit unserem Körper und mit anderen Menschen. Mit einfachen Übungen kann jeder selbst ausprobieren, was es heisst, mehr Entspannung zu finden und in sich Raum für Zuflucht zu schaffen in schwierigen Zeiten.

Fazit
Ein schön gestaltetes, informatives und lebenspraktisches Buch für ein entspannteres und erfüllteres Leben auf und neben der Matte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Anna Trökes ist eine Pionierin des deutschen Yoga. Sie unterrichtet seit 1974 und ist seit fast 40 Jahren eine Institution in der Yoga-Lehrer-Ausbildung des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDYoga) und lehrt europaweit Yoga-Philosophie, Pranayama, Meditation und die fortgeschrittenen Aspekte der Hatha-Yoga-Praxis. Die bekannte Autorin hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht.

Angaben zum Buch
Herausgeber : O.W. Barth; 1. Edition (3. April 2017)
Broschiert : 304 Seiten
ISBN-13 : 978-3426292648

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.