Steuern – alle Jahre wieder

Kürzlich las ich auf Facebook eine Anzeige, dass eine Firma für sage und schreibe CHF 50 eine komplette Steuererklärung erstelle inkl. Gratisordner, in welchem alles fein säuberlich abgelegt wäre. Nun erwirke ich grundsätzlich jedes Jahr eine Fristerstreckung, die ich bin zum letzten Tag ausreize und dann am Nachmittag, kurz vor Briefkastenleerung, hinsitze, um sie doch noch auszufüllen. Ein Problem ist es eigentlich keines, ich kann das… aber ich schiebe es zu gerne auf.

Ich füllte das Formular aus, harrte der Dinge, die da kommen sollten und wollten – und sie kamen. Heute rief ein netter Herr mit undefinierbarem Dialekt (ich schwanke zwischen St. Gallen, Freiburg und Thurgau, tendiere zu einer Mischung aus allem) an und erklärte mir nochmals alles, was ich schon aus dem Inserat wusste. Es folgte die Aufzählung dessen, was ich alles bräuchte und die besorgte Frage, ob ich das alles hätte. Irgendwann unterbrach ich den guten Mann und meinte, ich könnte grundsätzlich eine Steuererklärung ausfüllen, da ich in dem Bereich gearbeitet hätte (noch dazu für eine sehr renommierte Firma), sei aber einfach zu faul, es zu tun. Schweigen. Das erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Ich genoss sie. Und studierte gleich nochmals, was für ein Dialekt das wohl gewesen sei. Die Stimme war noch dazu etwas grell, was den Effekt des Dialekts nicht verbesserte. So oder so lag aber meine Ungeduld wohl weniger an der Stimme oder am Dialekt, sondern vielmehr dran, dass ich grad selber auf dem Sprung war und keine Zeit hatte – wie immer, wenn es um meine Steuererklärung ging, wieso ich sie auch immer aufschiebe, erstrecke, vergesse, verdränge, mit schlechtem Gewissen dran zurückdenke, um sie dann wieder in eine Schublade (geistig oder real) zu stecken.

Dann sprach er wieder. Meinte, dass er verstehe. Fragte nach einem Termin. Kriegte ihn. Meinte nochmals – unterbrach sich selber, indem er bemerkte, ich wisse ja, sei buchstäblich nur zu faul – wie ich selber sage. Es war ihm peinlich, es gesagt zu haben, ich bestätige drum schnell lachend. Er war sichtlich aus dem Konzept. Stotterte. Ich versuchte ihn zu retten, indem ich ihn zum Fachmann erklärte, dem man das überlassen müsse, weil jeder seine Fähigkeiten habe. Er nahm den Faden auf – sein Konzept war jedoch dermassen ausser Rand und Band, dass er keinen Satz mehr zu Ende brachte. Zum Termin käme nicht er, meinte er nur noch, sondern einer seiner Mitarbeiter. Ich bin gespannt.

Postwendend

Frau S. hatte kürzlich die glorreiche Idee, in einem grossen Geschäftgebäude Flyer intern in die einzelnen Postfächer verteilen zu lassen. Sie ging dazu auf die inhäusige Poststelle, unterbreitete ihr Vorhaben. Die nette Frau am Schalter erklärte postwendend: „Das geht so nicht.“

Frau S.: „Wieso denn nicht?“

Nette Frau: „Wir nehmen die entgegen, schicken sie zur Hauptpoststelle im Ort, die bringen sie wieder her ; erst dann werden sie verteilt.“

Frau S. schluckte erst mal leer und suchte nach Worten. Dann fragte sie: „Dann muss ich jeden Flyer mit A-Post bezahlen?“

Nette Frau: „Nein, muss nicht A-Post sein.“

Frau S.: „Kann ich B-Post nehmen und sie verteilen sie dann erst übermorgen?“

Die nette Frau erzählte etwas von einem Sondertarif, den Frau S. nicht ganz verstand, erörterte dann die Möglichkeit, die Flyer einfach im Postraum aufzulegen, damit die Leute, die zum Postfach gehen, diese sähen –aber auch das sei selbstverständlich kostenpflichtig…

Da die Flyer auch dann über die Hauptdienststelle zum Wenden und Zurückkehren gingen, das, wie die nette Frau versicherte, über eine Woche dauere, bis sie wirklich im Haus (der Postraum lag direkt hinter dem Schalterraum) aufliegen würden, zog Frau S. mitsamt ihren Flyern von dannen und verteilt sie nun selber. Sie hört dabei noch immer das ungläubige Lachen der Leute, die sich in der Schlange hinter ihr befanden und alles mitangehört hatten.

Weibes Mann – eine Ode

Es war einmal ein keifend Weib,
das hatte so ne Wut im Leib,
dass es nur zeterte und flucht’,
die Worte waren gar verrucht.

Der Mann , da musste einer sein,
was sonst wohl wäre so’ne Pein,
schaute erst gross und floh alsdann,
was tät er sonst, der gute Mann?

Doch wer nun denkt, das brächte Ruh,
der sieht das Gegenteil im Nu,
da nun das Klagen angefangen,
darüber, dass er weggegangen –

allein gelassen hat das Weib,
das nun trägt nur Schwarz am Leib.
Was taugt als Grund zum Jammern noch,
wenn der triftigste von dannen zog?

So ohne Sinn und ohne Grund,
ist Jammern schlicht und endlich Schund
und des Lebens Inhalt müssig,
man desselben überdrüssig.

Es muss schnell her ein neuer Mann,
Weib tut dazu, was es nur kann,
was hat sie sonst, die gute Frau,
ausser Wäscheberg und Michflussstau?

Es braucht das Weib nen g’scheiten Mann,
damit es wieder schimpfen kann.

Das Mädchen in der Jauchegrube

Es war einmal ein Bauernmädchen, das arbeitete Tag und Nacht. Es hatte keine Eltern mehr und auch sonst fühlte es sich von der Welt verlassen. Der Hof, auf dem es schuftete, gehörte bösen Bauernleuten, die nach aussen vorgaben, das Mädchen gnädig aufgenommen zu haben, da es ja niemanden habe, es aber in Tat und Wahrheit nur als günstige Arbeitskraft ausnutzten. Nacht für Nacht weinte sich das arme Ding in den Schlaf, Nacht für Nacht betete es um Erlösung.

Eines Tages kam ein Prinz geritten, sah das arme Bauernkind. Da es nicht nur arm, sondern auch noch ausnehmend hübsch war, stieg er vom Pferd und fragte, was es denn so täte? Da schüttete ihm das Bauernmädchen sein Herz aus, weinte dabei gar bitterlich. Der Prinz wusste gleich Rat, er wollte das gute Kind retten, schliesslich sei nicht nur sein Herz, sondern auch sein Schloss gross, dem schönen Wesen sollte es an nichts mehr fehlen.

Dem Bauernmädchen wurde warm ums Herz, es sah seine nächtlichen Gebete erfüllt. Der Prinz wollte nur noch alles vorbereiten, damit die Ankunft auf dem Schloss auch schön sei, dann hole er sie, meinte er. Von diesem Tag an ging dem Bauernkind die strenge Arbeit viel leichter von der Hand, ab und an hatte es gar ein Lied auf den Lippen bei deren Verrichtung. Die Tage zogen ins Land, ab und an kam der Prinz vorbei geritten, bekräftigte all seinen Reichtum und Grossmut, vertröstete die treue Seele auf später, wenn die Zeit reif sei, um alsbald von dannen zu reiten.

Langsam kamen dem Bauernmädchen Zweifel, ob das alles auch wahr sei, was der edle Ritter Mal für Mal versprach, und es beschloss, ihn beim nächsten Mal drauf anzusprechen. Hätte es das mal gelassen. Der Prinz war erzürnt ob ihres Misstrauens, fand es beschämend, dass sie seinem reinen Wort nicht traue, Taten fordere. Er ergoss sich in den wildesten Worten, die hier wiederzugeben das Märchengenre sprengen würde. Das Bauernmädchen wurde ganz klein bei all dem Schimpfen, sah sich im Unrecht, ihn als den Armen. Sie besänftigte ihn wieder, er ritt von dannen. Die Zeit strich ins Land, die Zweifel kamen zurück. Noch immer schien das Schloss nicht empfangsbereit, noch immer spielte der Prinz auf Zeit, alles verpackt in grosse Worte, Zukunftsträume und Schlösser, die er nicht Luftschlösser genannt haben wollte.

Wieder meldete das Bauernmädchen Zweifel an, wieder war der Prinz erzürnt, dieses Mal so sehr, dass er ihr die vorher so unendlich gross beschriebene Liebe entzog. Und nicht nur das, er erzählte jeder Kuh, die wiederkäuend den Anschein machte, mit ihm zu sprechen, wie undankbar und falsch das Bauernmädchen doch gewesen sei. Er spottete und höhnte und fühlte sich dabei so gross, fast so gross wie dann, als er noch von Prunkschlössern parlierte und den edlen Retter spielte.

Fazit von der Geschichte? Märchen sind doof und man sollte nicht auf den Prinzen warten, sondern den üblen Energiefressern die lange Nase zeigen und sich selber aus der Jauchegrube ziehen. Wer nämlich drauf wartet, dass ein edler Prinz vorbei geritten käme, wird noch morgen drin sitzen und von Luftschlössern träumen.

Das Tag, an dem das Licht ausging

Der Tag begann ganz normal. Langsam wurde es hell,  langsam drangen die ersten Lichtschimmer durch die heruntergelassenen Rollläden. Claudia erwachte schon vor dem Klingeln des Weckers, wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen überlegte sie, ob sie wirklich aufstehen sollte oder nicht doch noch weiter liegen bleiben. Wie jeden Morgen überlegte sie, wie sie alle Termine ausfallen lassen könnte, einfach mal sagen, dass sie nicht mehr könne, nicht mehr wolle. Und wie jeden Morgen stand sie auf. Sie erledigte ihre tägliche Morgenroutine, jeder Griff sass, lange eingeprägt. Irgendwann klingelte auch der Wecker, welcher eigentlich keiner war, sondern ein auf die richtige Zeit (die aber nie die richtige zum Aufstehen war, da sie immer schon auf war, nie aber zu der Zeit hätte aufstehen wollen, hätte sie nicht müssen) eingestelltes Mobiltelefon.

Dass sie jeden Morgen noch etwas müder war als am Tag zuvor, fiel ihr zwar auf, doch sie mass dem wenig Bedeutung bei. Dass sie jeden Tag noch weniger Antrieb fand, überhaupt etwas zu tun, nahm sie so hin und schob es auf die diversen Belastungen des Alltags und ihren schlechten Schlaf. Dass sie jeden Tag noch weniger lachte und sich immer wieder dabei ertappte, dass sie ein grimmiges Gesicht zog, welches sie sogleich auflockerte und versuchte, entspannt zu schauen, beunruhigte sie zwar, doch sie schob es auf die eher unerfreuliche Zeit. Dass das Leben kein Ponyhof war, hatte sie längst erkannt, aber es könnte schlimmer sein. Bestimmt.

Der Tag nahm seinen alltäglichen Lauf, pflichtbewusst spulte sie ihr Tagesprogramm ab, einen Punkt nach dem anderen. Ab und an kam ihr ein Bild eines Hamsters im Rad in den Sinn, welches sie sogleich wieder beiseite schob. Ab und an dachte sie auch, dass sie nicht mehr möge, nicht mehr könne, lachte sich dann selber aus, denn: Hatte sie eine Wahl? Immerhin hatte sie nun gelacht. So schlimm konnte es noch nicht sein.

Der Tag, der war wie jeder andere, nahm seinen Lauf. Die Sonne zog über ihn und ging langsam unter (nicht dass sie sie je gesehen hätte, sie könnte nicht mal sagen, ob sie geschienen hat oder ob es regnete), es wurde düsterer und düsterer (ob es je heller war, wäre ihr auch nicht wirklich bewusst gewesen, muss aber wohl so gewesen sein). Und dann war es dunkel. Und nichts mehr, wie es war. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder aufzustehen. Konnte sich nicht vorstellen, noch einmal dieses Rad zu betreten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass je wieder Licht am Horizont zu sehen sei, und wenn, dass es bleiben könnte. Sie konnte sich gar nichts mehr vorstellen, denn an diesem Tag ging das Licht aus. Und so sass sie im Dunkel und schalt sich eine dumme Kuh. Schimpfte sich einen Versager und wusste, dass sie recht hatte damit. Sie rief sich all die Stimmen in den Sinn, die über sie richten würden: „Ich habe es dir ja immer gesagt!“ „Hab dich nicht so!“. „Reiss dich zusammen!“ „Du bist aber auch empfindlich!“ „So kann man sich doch nicht aufführen!“ Und sie hatten wohl alle recht.

Claudia wünschte sich, dass die Stimmen verstummten und sie wünschte sich, dass eine Hand käme, die sie hielte. Sie wünschte sich einen Arm hinter der Hand, der sie auffinge, eine Stimme hinter dem Arm, die ihr versprach, dass es wieder hell würde und sie immer getragen sei. Und sie fragte sich, ob sie dieser Stimme trauen könnte, im Wissen, dass noch immer das Dunkel wieder hereingebrochen war. Und jedes Mal noch schwärzer war als zuvor.

Ein Engel auf Erden

Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Da sein

Als ich gestern die Strasse entlang lief, wunderte ich mich schon, dass sie mich mit diesem unerklärlich traurigen Blick anschaute. Ich dachte mir nichts weiter, lief weiter, um dann doch zu stocken und mich umzudrehen und sie anzusprechen: „Kann ich dir helfen? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Sie schaute mich aus grossen Augen an, ich glaubte, Tränen in ihnen schimmern zu sehen. Sie schien zu überlegen, wie sie reagieren sollte, doch sie kam zu keinem Schluss, denn sie zuckte nur mit den Schultern. Ich war mir nicht sicher, was ich nun tun sollte, denn eigentlich ging es mich nichts an. Wenn sie Hilfe bräuchte, könnte sie darum bitten. Da sie das nicht tat, nicht mal auf meine Frage hin, schien sie keine zu wollen oder brauchen. Die Überlegung befriedigte mich nicht. Ich fühlte mich hilflos, weil ich nicht wusste, was nun zu tun war, was von mir gefordert war und erwartet wurde. Was erwartete ich selber von mir?

Sollte ich einfach weiter gehen und denken, dass das nicht meine Sache war? Sollte ich nochmals nachhaken? Durfte ich nachhaken oder griff ich damit zu tief in ihren Bereich ein, den sie offensichtlich schützen wollte? Oder wollte sie ihn gar nicht schützen, aber traute sich nicht, etwas zu sagen? Oder traute sie sich, wusste aber nicht was? Oder wie? Ich wusste es auch nicht. Ich wollte ihr zeigen, dass sie nicht alleine ist, wollte ihr sagen, dass ich da bin, dass sicher auch noch andere Menschen da sind. Doch eigentlich ist man doch irgendwie immer allein. Durch meinen Kopf gingen Sprüche wie „geteiltes Leid ist halbes Leid“ und „drüber reden hilft“ und alle kamen sie mir abgedroschen und plump vor. Trotzdem steckte ein wahrer Kern in ihnen, weswegen ich nicht einfach weiter gehen wollte und konnte.

Ich blieb stehen, schaute sie an. Sie schaute zurück. Ich weiss nicht, wie lange wir da standen. Mir fehlten die Fragen, ihr die Antworten. Es fanden sich nicht die richtigen Worte und die falschen hätten in dem Augenblick gestört. Plötzlich straffte sie ihre Schultern, um ihren Mund zeigte sich so etwas wie ein leises Lächeln. „Danke, dass du da bist!“

Fau C auf Reisen

Es war einmal eine Frau, nennen wir sie Frau C, die wohnte in Z. Frau C hatte einen Hund, der war weiss und die meiste Zeit stimmte die Vergangenheitsform „war“ sehr gut mit der aktuellen Zeit zusammen, da war er nämlich schwarz, braun, gepunktet oder gefleckt. Aber eigentlich war der Hund, nennen wir ihn Caruso, weiss.

Eines Tages hatte Frau C aus Z. einen Termin in B. Abgesehen davon, dass Frau C keine Termine mag, ist sie ab und an etwas reisemüde. Nun lag der Termin in B. von Haustür zu Haustür sage und schreibe 105 Minuten entfernt, für Frau C eine halbe Weltreise. Sie überlegte hin und her, je näher der Termin rückte, ob der Termin wirklich wichtig wäre, ob er was brächte, ob sie ihn nicht besser absagen könnte und ordnete schon fleissig die möglichen Argumente, die sich gegenseitig an Stichhaltigkeit und Folgerichtigkeit und auch an Logik und Realitätssinn überboten. Bald schon hatte Frau C eine ganze Liste sinniger Argumente gegen eine Reise nach Bern. Zwei blieben, nämlich des Sohnes „bringt es nichts, so schadet es nichts“ und das eigene „du könntest es bereuen“.

Frau C schob die Entscheidung bis kurz vor knapp hinaus und entschied im letzten Moment zu gehen. Sie packte die Tasche, den Hund und den Mantel, rief dem Sohn alle Ermahnungen zu, die man einem zu Hause bleibenden Sohn zuruft und machte sich auf den Weg zum Bus. Gestresst wie immer, in der Angst, den Bus zu versäumen, was das Verpassen des Zuges zur Folge und dann das Verpassen des Termins als Resultat hätte, eilte sie im Stechschritt Richtung Haltestelle. Der Hund schnüffelte da, pinkelte dort, machte alsbald Anstalten, sich niederzukauern für ernsthaftere Geschäftstätigkeiten. Die Zeit dafür musste reichen, schliesslich ist er auch nur ein Hund und hat Bedürfnisse. Diese ausgelebt, wieder in Originalstelle, streckt er Frau C erleichtert ein braunes Hinterteil zu.

Frau C sah das Hinterteil, überschlug die Folgen eines solchen auf eine Zugreise mit besagtem Hund auf dem Schoss, überlegte, wie ihr Terminator (oder wie man einen Termingeber nennen sollte) auf ein stinkendes Hundetier an der Leine und eine Frau mit ebenso stinkenden Hosen reagieren würde und kehrte unverrichteter Dinge um, um wieder heimzugehen. Da angekommen, schnitt sie alles braun raus, was problemlos ging, um dann zu merken, dass der Termin damit nicht gestorben sein musste, wenn sie noch ein wenig schneller lief, konnte sie den Bus noch immer erreichen. Frau C kehrte also wieder um, rief dem Sohn nochmals alles erdenklich Wichtige zu und eilte wieder zum Bus, den sie in der Tat erwischte. Der Startschuss für die Weltreise war gefallen.

Der Bus war pünktlich, der Zug erreicht, ein Sitz gefunden, der Hund platziert, das Buch in den Händen, reisen fühlte sich gar nicht mehr so schlimm an. Im Gegenteil, es hatte was für sich. Bald schon war das erste Buch zu Ende gelesen, das zweite hervorgeholt – der nächste Hammer: Das war langweilig. Das falsche Buch dabei auf Reisen, mangels vorhandenes Bücherregal zur Hand kein Ersatz – schlagartig kam ihr wieder in den Sinn, wieso sie nicht gerne reiste. Der falschen Bücher wegen. Die waren immer dabei. Zielgerichtet schummelten sie sich in den Vordergrund, wenn Reisen oder gar Ferien anstanden und waren dann in der Lage, die Laune von 180 auf 0 in 1 Sekunde zu bringen. Porsche wäre neidisch. Die Reise zog sich hin wie Kaugummi, etwa so wie der, welchen der Mann gegenüber unübersehbar kaute (wobei kauen noch stark übertrieben war, die Blasen, die er blies, ganz zu schweigen, von dem Jucken in den Finger, diese in sein Gesicht zu pressen, erzähle ich besser auch nicht).

Irgendwann hatte der Zug Erbarmen und erreichte B. Frau C stieg aus, eilte die Treppe hinauf (eilen musste sie, weil der Zug 11 Minuten Verspätung und ihr Termin ohne solche geplant war) überquerte die STrasse, hatte Glück (darf auch mal sein), der Bus kam grad, fuhr drei Stationen, überquerte die Strasse, betrat das Gebäude, fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock, rannte den Gang hinunter, klopfte an die Tür des Terminators. Nichts. Sie schaute links, schaute rechts, die Tür ging auf, ein freundlich strahlender Kopf kam heraus: „Einen Moment bitte.“ Natürlich. Kein Problem. Frau C las alle nur erdenklichen an der Wand hängenden Blätter, Poster und Werbungen, bis die Tür sich wieder öffnete, der Kopf wieder herauskam, der Mann, der dran hing, dieses Mal mit. Sie nahmen beide drinnen Platz, der Terminator lächelte sie nett an (und das Lächeln war wirklich nett) und fragte nach den Wünschen und Anliegen, legte die Stirne in Falten, den Zeigefinger ans Kinn und richtete die Augen interessiert auf Frau C.

Es sei alles sehr schwierig, meinte er, wenn auch interessant. Er hätte vollstes Vertrauen in Frau C, aber es gäbe doch zu bedenken… und erzählte Argumente auf, gute, stichhaltige, logische, sinnhafte, Frau C schon bekannte Argumente. Er gab seiner Freude Ausdruck, dass er Frau C persönlich kennen gelernt hatte, versprach, sie mehr als nur im Hinterkopf zu behalten und verabschiedete sich. Weniger als 10 Minuten später stand Frau C wieder vor besagter Tür, der lächelnde Kopf dahinter. Und vor ihr lag der Rückweg. Was sie wohl alles erwarten mochte? Ganz kurz ratterten ihr die Argumente, welche sie am Anfang gegen die Reise gesammelt hatte, durch den Kopf, sie verscheuchte sie schnell, um sich diese ach so tolle Reise nicht am Ende noch durch negatives Denken zu vermiesen und sagte sich: „Mein Sohn hatte recht, geschadet hat es sicherlich nicht, bereuen, dass ich nicht gegangen bin, kann ich nun nicht.“ Und damit schaltete sie das Gehirn schnell aus, nicht dass sich noch das zuvorderst auf der Zunge liegende „Aber“ Luft verschaffen konnte.

Traum

Der Tisch ist gedeckt, der Wein kühl gestellt. Häppchen in Schalen, eine neben der anderen. Nüsse, Chips, Knabberzeugs, alles klein, alles fein, alles wartet, wie ich auch. Ich rücke die Kerzen zurecht. Richte Blumen aus. Welche Musik passt? Zu romantisch wär’ zuviel. Zu wild wäre nervös. Ich bin nervös. Ich fühl’ mich dumm. Es ist ein Abend mit Wein und Knabberei. Nichts Besonderes. Einfach mal Zeit gemeinsam, reden, lachen, unbeschwert sein. Wann konnten wir dies das letzte Mal? Ich kann mich kaum erinnern. Der Alltag frass uns auf. Und mit ihm kam die Spannung, die nicht mehr reizte, nur noch zehrte.

Wann hat das alles angefangen? Was war es überhaupt? Und wieso? Ein Wort, ein Blick, schon geht es los. Selbständig reihen sich Worte aneinander, die immer tiefer treffen. Blicke werden stechender, verletzter auch. Ich bin nie zufrieden. Sagst du. Du bist nie da. Sage ich. Wir sind beide woanders. Gefangen in den eigenen Welten, die sich kaum mehr berühren und doch so dringend nach Berührung suchen. Diese erzwingen wollen, wo sie nicht ist. Ein Wort, ein Blick reichen aus, die Distanz zu spüren, den Schmerz zu fühlen, aufzubegehren, weil man es nicht will. Ich nicht, du nicht.

Ich zünde die Kerzen an, wechsle die Musik. Französische Chansons. Das hörte ich auch am Anfang. Du kanntest es nicht, heute gefällt es dir fast besser als mir. Haben wir uns aneinander vorbei bewegt? Du heute da, wo ich gestern war, weil dich aufgabst, ich dort, wo du warst, weil ich zu dir wollte? Im Wollen und Sehnen nach Gemeinsamkeit? Eigentlich gefällt mir die Musik noch immer, nur hat sie nun Untertöne. Ich verbinde etwas damit und weiss nicht mal was. Ein Gefühl, eine erdrückende Ahnung?

Wann fing das Anpassen an? Was ist so falsch daran? Wenn sich zwei finden, bleiben wollen, braucht es nicht Gemeinsamkeit? Sie war auch da, was ist nun falsch? Du hast dich für mich interessiert, alles aufgesogen, mich eingenommen. Mit Haut und Haar. Es war so ernst, so gross, so ersehnt. Zu gross? Bald war es nicht mehr meines. Alles hattest du übernommen, zu deinem gemacht. Da war für mich kein Platz mehr, das Terrain war besetzt. Wo war ich noch? Habe ich es bei dir gleich gemacht? Ich weiss eigentlich so wenig von dir.

Ich schenke schon einmal ein. Es sieht alles so schön aus. So war es immer. Wir zelebrierten diese Abende zusammen. Setzten uns hin und sprachen. Sprachen über uns und das Leben, über Träume und Wünsche. Malten die Zukunft in allen bunten Farben. Wessen Farben waren es? Ich weiss es gar nicht mehr. Das Träumen und Wünschen verkam zur Gewohnheit des Hinsetzens. Die Freiheit wurde gefangen in Ritualen. Und in mir brach der Glaube dran.

Du kommst heim. Siehst alles, lachst vor Freude. Ist sie echt? Sie wirkt so gross, zu gross. Was ist Spiel, was ist Ernst? Und wenn es Ernst ist, wieso ihn so herausstreichen? Ist das meine Welt? Sprechen wir dieselbe Sprache? Lese ich in dir, was nie da stand? Schreibst du Dinge, die ich nicht verstehe? Will ich sie verstehen? Schreibst du nur für mich und nicht aus dir?

Ich frage dich. Du schaust mich an. Du verstehst mich nicht. Ich mich auch nicht. Einfach mal tun als ob. Nicht verstehen wollen, nicht mal müssen. Über Ideen und Wünsche sprechen, Schlösser bauen, seien sie nur aus Luft. All das Schwere aussen vor lassen, einfach sein. Wie es mal war. Bevor das alles anfing. Oder ist das nun Leben, vorher war es Traum? Ich möchte wieder träumen, leben kann ich morgen – oder nie.

Ringe des Lebens

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

(Rainer Maria Rilke)

Draussen dämmert es, Mondlicht im See. Der Tisch ist gar klein und alles ist eng. Eine blassgelbe Blume kämpft gegen Schein, die Kerze soll Stimmung bringen, nimmt noch mehr Raum. Beide sind Schranke zwischen uns drin, stehen so da, nehmen uns ein. Da passt keine Hand durch, kein falsches Wort. Alle kommen sie durch die Blume hindurch.

„Hast du auch Hunger?“, du schaust zu mir hin, mit schwarzbraunen Augen, so gross und so ernst. Mir ist grad nach andrem, ich weiss nicht wonach. Irgendwo ist mir die Gewissheit verloren, was ich nun will  und was ich auch kann. Essen ist wohl die einfachste Wahl, alles andere erscheint mir so schwer. Etwas Rotwein könnt’ helfen, die Klippen zu weichen, den Kanten die Schärfe abziehn.

Das letzte Mal hier war ich im anderen Leben, mit einem anderen Mann. Ich war glücklich, dachte, ich könnte es sein. Dachte an Ankommen, an Friede und Heim. Wo vorher die Leere, ein pestscharzes Loch, schien Licht nun und Zukunft, was wollte ich noch? Vorher da suchte ich, Raum und auch Zeit. Verlor mich oft selber, um anders zu sein. Mich gefunden, verloren, neu erfunden, neu verwirkt. Aus jedem Scheitern habe ich Lehren gezogen, sie mitgenommen, gedacht, nun weiss ich es besser, die nächste Etappe in Angriff genommen, wieder gefallen. Und dann der Hafen. Der breite, grosse, mich einnehmend, verschlingend. Ich habe mich hingegeben. „Willst du mich ganz?“ Und wie ich es wollte. Hoch auf dem Berg mit Blick über alles. Ich war so frei, ich wollte es sein. Ich lief mit offenen Augen hinein ins Verderben. Wieso denk’ ich noch dran? Ich sitz’ hier mit dir.

„Magst du auch Wein?“ Unbedingt will ich, denn Wein ist so gut. Lässt die Gedanken anhalten, sie kreisen nicht mehr. In Ringen, der eine dem anderen nach, immer grösser, immer weiter. Ein Stein fiel ins Wasser, zog sie um sich, einen ganz klein, den nächsten darum. Sie werden grösser, fliessen aus, blenden aus, was da noch war. Mittendrin, da spiegelt sich noch immer der Mond.

Oft sassen wir oben am Berg und sahen den Mond. Wir sahen den See und träumten die Welt, die Luftschloss nur war. Versprochen war Stahl. So hart er auch ist, so sicher wirkt er. Zurück blieb ein Hauch, ein nichts war mehr da. Hier sitze ich nun und alles ist neu. Du bist da, verstehst mich sogar, wie keiner es tat. Gleiche Themen, gleiche Träume. Ich vermisse den Stahl, sehe nur Luft. Mir fehlt der Glaube, wie kann das besteh’n?

Ich sag’s durch die Blume. Du verstehst es wohl nicht. Vielleicht ja auch doch, willst es nur nicht. Du glaubst an die Zukunft, bist lebensfroh. Ich beneid’ dich darum, ich wär’ auch gern so.  In mir dreh’n die Kreise, sie schaukeln sich hoch. Soll ich ihn wagen, kann ich es tun? Noch einmal kreisen, zum wievielten Mal? Ertrag ich den Fall, wenn er denn kommt? In mir wächst Wehmut in Kreisen heran, die weder Wein noch Salat retten kann. Mir fehlt die Gewissheit, mir fehlt auch der Mut. Ich kreise im Alten, das kenne ich gut.  Und wenn es dann scheitert, dann bin ich geübt, nichts wird mehr töten, es ist schon erprobt.

Tunlichst

Ich will es schon lange tun. Der Wunsch, es zu tun, hat sich in mir festgesetzt, blieb sitzen, brannte sich ein. Erst eine vage Idee, ein Gespinst, dann immer grösser werdend, einnehmender. Ab und an zur Utopie erklärt, doch nie losgelassen, jagt es mich jetzt schon nachts. Ich träume davon, es zu tun oder es tun zu  müssen, mich nicht zu trauen. Werde davon verfolgt, werde es nicht los, fliehe, renne ihm wieder hinterher, weil es doch zu mir gehört. Und drum: Es ist soweit, ich werde es tun. Ich muss nur anfangen.

Vielleicht sollte ich zuerst Bücher darüber lesen, wie ich es genau anpacken muss. Es gibt so viele, die es tun, so viele, die es tun wollen und scheitern. Ich möchte es gut machen, wenn ich es tue. Also gehe ich auf Büchersuche. Ich recherchiere im Internet, bestelle Berge von Büchern, werfe dann alle wieder auf den Haufen, weil ich denke, dass ich alles, was ich lese, eigentlich schon weiss. Ich weiss, worauf es ankommt, weiss, was am Schluss dabei rauskommen sollte, weiss, wie es gut ist und wie nicht. Nur wie ich selber dahin komme, das weiss ich nicht.

Vielleicht hilft mir eine Schule? Vielleicht kann ich es da lernen? Vielleicht kann mir jemand sagen, was ich tun muss, ich ihm nur noch folgen und es gelingt? Ich gehe wieder auf Internetrecherche, sehe andere, die es tun und nun anleiten, wie ich es tun könnte. Ich sehe Schulen und Lehrgänge, ganze Studiengänge, die mich lehren wollen, das zu tun, was ich in der Theorie kann, in der Praxis nie begonnen habe. Ich verwerfe den Gedanken mit der Schule wieder, da ich denke, dass ich eigentlich selber weiss, wie es geht. Wozu dann Schule? Lieber Bücher lesen, das half immer.

Und so lese ich Bücher und stosse immer wieder auf die Bemerkung, es nun selber tun zu müssen, nicht nur zu lesen. Ich finde das gut, denn es heisst ja auch „learning by doing“. Ich denke, ich bin effizienter, wenn ich einfach mal weiter lese, das Tun auf später verschiebe, sonst komme ich nie ans Ziel. Ich klebe Post its in die Seiten, damit ich die Stelle mit den Anleitungen zum Tun wieder finde später. Später kommt nie, da ich das Buch meist vor Ende des Lesens auf die Seite lege und mich wieder anderem zuwende.

So beschliesse ich einmal mehr, es einfach zu tun. Mal im Kleinen, muss ja nicht gleich gross sein. Ich tu’s einfach, lasse mich ein auf dieses Tun, schaue, was dabei herauskommt. Ich finde den Gedanken schön, ich finde den Gedanken gut. Er fühlt sich richtig an. Doch wie soll ich es tun? Wo fang ich an? Was wird daraus? Ob ich mir da nicht zuerst mehr Gedanken machen müsste? Ich kann ja nicht einfach drauf los stürmen, sollte doch ein wenig wissen, wo das Tun durchgehen, wo es hinführen soll? Doch Schule? Da lerne ich, wie die Wege zum Ziel hin sind. Oder zumindest doch ein Buch, das ist günstiger und schneller gelesen. Nein, ich wollte es nun tun, nichts lesen oder lernen.

Ob ich noch zuerst aufräumen sollte hier? Einfach so drauflos zu tun, was ich tun will, alles andere stehen und liegen zu lassen, erscheint mir auch nicht richtig. Und all die Bücher, die ich gekauft habe, die hätte ich vielleicht doch zuerst lesen sollen. Ich meine, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und man lernt immer etwas dazu. Wieso auf all das Wissen verzichten und mich selber in eine Ecke zu manövrieren mit meinem Tun? Langsam wird es dunkel, ich merke, dass ich müde bin. Zu müde, um heute noch anzufangen. Aber morgen werde ich es tun. Ganz bestimmt.

Ein Apfel pro Tag

Ich nehme einen Apfel aus der Schale und betrachte ihn gedankenverloren. Er ist rot-gelb, sehr klein, sehr fest. Er hat diese leichte Maserung von oben nach unten, längliche Striche, einige kürzer, andere länger. Oben der Stiel, unten die kleine Fliege. Wieso heisst die Fliege Fliege? Heisst sie auf Hochdeutsch auch so? Ich überlege und weiss es nicht. Ich weiss auch gar nicht mehr, wie der Teil mit den Kernen drin auf Hochdeutsch heisst. Bitschgi heisst er bei uns. Wobei, was ist bei uns? Schon einige Kilometer nebenan heisst er anders. Bütschgi ist dabei noch die kleinste Variation.

Woher er wohl kommt, der kleine Apfel? Vermutlich war es am Regal im Supermarkt angeschrieben, ich habe es schlicht nicht beachtet. Ich hätte es beachten müssen. So konnte ich gar nicht wählen zwischen heimischen und fremden Äpfeln. Gibt es momentan überhaupt heimische Äpfel? Oder kommen die alle von irgendwo her? Vielleicht aus Israel. Ich stelle mir einen israelischen Bauern vor, wie er Äpfel erntet. Oder aus Afrika? Gibt es in Afrika Äpfel? Vielleicht hat der erntende Bauer gerade Streit mit seiner Frau. Vielleicht kennt er die Geschichte vom Schneewittchen und will sie an sein Leben anpassen, indem er der bösen Ehefrau den vergifteten Apfel bringt. Und so betrachtet er sehnsüchtig die rote Backe des kleinen Apfels, denkt sich aus, was er damit alles tun könnte, stellt sich die grosse Freiheit vor, die ihn erwarten würde, ohne Zank und ohne Zeter zu Hause.

„Dann packe ich meine Koffer, steige ins Boot und fahre, wohin der Wind mich treibt.“ So denkt er vielleicht. Wobei, das würde bedingen, dass er ein Boot hat und am Meer lebt. Wieso eigentlich nicht? Ein Segelboot muss es sein, denn sonst ist der Wind relativ nutzlos beim Vorwärtskommen. Ich bin noch nie mit einem Segelboot gefahren. Eine Freundin erzählte mir mal, es wäre ihr grösster Wunsch, die Segelprüfung zu machen. Sie erzählte von Wind und Meer und Freiheit. Ich sehe flatternde Haare vor mir und weiss, dass das nichts für mich wäre. Ich mag keinen Wind. Bei Wind friere ich immer. Sogar im Sommer finde ich Wind unangenehm. Die Haare im Mund und über den Augen kommen noch dazu. Die fliegen immer. Kein Erbarmen. Nicht mal Haarklammern helfen. Das machen die extra.

Mein Bauer hat vermutlich eine Glatze, darum fährt er gerne mit dem Segelboot. Ich beneide ihn. Aber vielleicht stammt der Apfel auch gar nicht von einem Bauern mit Segelboot in Afrika oder Israel. Vielleicht stammt der Apfel aus der Schweiz. Irgendwo aus dem Wallis. Wobei, das Wallis ist besser bekannt für Trauben und Aprikosen. Ich erinnere mich an meine letzte Fahrt durch die Rebberge. Es war im Winter und die Reben waren kahl und ohne Trauben. Der Gedanke an den Wein, der aus den damals nicht vorhandenen Trauben gewonnen werden könnte, liess mir doch das Wasser im Mund zusammen laufen. Ich mag Wein. Wenn er gut ist. Wallisser Wein ist sicher gut, noch lieber mag ich aber anderen Wein. Und vor allem mag ich roten Wein. Früher war ich mehr dem weissen zugetan, das hat irgendwann gedreht. Ich weiss nicht einmal wieso. Hätte Wein keinen Alkohol, ich könnte den täglich trinken. Aber das sollte man nicht tun, das wäre ungesund. So heisst es zumindest. Man streitet sich zwar, ob ein Glas pro Tag nicht doch gesund sei. Nur: es ist so schwer, nach dem einen Glas aufzuhören. Man sitzt grad so gemütlich da, eines ist auch keines und schwupps, sind es zwei, drei… Und mir wird so schnell übel. Ich vertrage nichts. Darum ist es besser, nicht täglich Wein zu trinken. Täglich einen Apfel zu essen ist aber gesund.  Man braucht dann keinen Doktor mehr. Ich beisse in die rote Backe. Zum Glück ist mein Mann kein Apfelbauer mit Schneewittchenphantasien und Segelboot.

Wenn ich mal gross bin

Bist du noch klein,
hörst du gar oft,
das was du sollst,
das was du musst.

Du sehnst dich dann
bald gross zu sein,
willst selber sagen,
was du willst.

Du stellst dir vor,
wie schön es wär’,
ganz ohne Zwang,
ganz ohne Druck.

Du siehst vor dir,
die Freiheit klar,
und sie ist bunt,
und sie ist prall.

Schon malst du eifrig
an dem Bild,
dir deine Zukunft,
dir dein Leben.

Siehst dich wandeln,
siehst dich tanzen,
freust dich über
Leichtigkeit.

Denkst dich gross
und denkst dich frei,
und all das Sollen,
wär vorbei.

Es kommt der Tag
und du bist da,
angelangt
an diesem Punkt,

Du schaust dich um,
horchst in dich rein,
hörst immer noch,
du sollst, du musst.

Was soll der Mist,
so fragst du dich,
wie stell ich’s ab,
wie brech’ ich aus?

Was lang’ gesät,
zeigt Blüten nun,
die Früchte werden
nur zu bald.

WO will ich hin,
was ist mein Weg?
Kann ich ihn geh’n?
Was hindert mich?

Man merkt,
es ist gar jammerschad’
dass auch das gross sein
Tücken hat.

Von Wunsch und Traum
wird man nicht satt
und fremde Stimmen,
hallen nach.

Man kämpft mal an,
nimmt es mal hin,
ist einmal gross,
wär oft gern klein.
(S.M.)

Ich und Du

Alles glänzt, die Welt scheint gross.
man schaut hin und fühlt sich klein.
Sieht, was andre lassen, tun,
gerade so, wie’s ihnen passt.
Man denkt sich klein und unscheinbar,
sieht gar alle Felle schwinden,
hadert, zürnt und weint zu oft,
weil das Leben unfair war.

Alle andern haben alles,
nur man selber sitzt und darbt.
Dabei fehlt der Blick auf das,
was hinter der Fassade war,
die man glänzend sah, bestaunt,
denn das Dunkel sitzt bedeckt,
wo es auch bei einem liegt,
wenn man denn nach aussen spricht.

Niemand prahlt mit seinen Schwächen,
alle zeigen nur das Licht.
Sieht man hin, dann sieht man nur,
was andre zeigen wollten.
Horcht man bei sich selber dann,
hört man bloss den ganzen Rest.
Dort das Gute, das, was zählt,
hier das Kleine, viel das fehlt.

Der Wandersmann

Es war einmal ein kleiner Junge. Unbedarft, wie er da war, ging er in die grosse Welt hinaus, frohen Mutes, Schönes zu entdecken. Er kam zu einer Kreuzung, wusste nicht, wo lang. Da kam ein Wandersmann daher und er fragte ihn: „Sag mir, wo finde ich das Glück?“ Der Wandersmann schaute ihn mit grossen Augen an und fragte: „Was verstehst du unter Glück?“
Der kleine Junge schaute den Wandersmann fragend an: „Du bist schon so alt und weißt nicht, was Glück ist?“ Der Wandersmann nickte traurig und fragte noch einmal: „Sag mir, was ist denn Glück? Weißt du es?“ Der kleine Junge sagte als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre: „Glück ist, wenn du sein kannst, wie du bist und geliebt wirst.“ Der Wandersmann wurde ganz traurig. „Gibt es das wirklich? Ich habe das noch nie erlebt.“ Nun wurde auch der kleine Junge traurig: „Wieso denn nicht? Erzähle mir deine Geschichte.“

Sie setzten sich auf einen Stein und der Wandersmann begann zu erzählen:
„Ich kam als Kind liebevoller Eltern auf die Welt. Sie gaben mir das Gefühl, ein Geschenk zu sein. Ich wuchs in dem Gefühl auf, bis ich in die Schule kam. Klar war mir bewusst, dass ich anders war als die anderen. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, sie zu verspotten, ihnen zu sagen, dass sie sich noch so lange unter die Sonne legen könnten und doch nie so aussähen, wie ich. Sie aber nannten mich Mohrenkopf, Dreckneger, bewarfen mich mit Hundekot und lachten, dass die Farbe dieselbe sei. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich dachte, das sei alles nur ein böser Traum, bis mich in der U-Bahn 4 Jugendliche zusammenschlugen und beschimpften. Ich solle dahin zurück, wo ich herkäme, meinten sie. Doch wo kam ich her? Ich war doch immer hier? Wurde hier geboren? Ich kam gar nicht zu Wort. Überhaupt interessierte sich niemand für die Wahrheit, die Bilder waren gemacht.“

Der kleine Junge kriegte immer grössere Augen bei dieser Erzählung. Er konnte kaum glauben, was er hörte. „Aber was hast du getan? Womit hast du das verdient?“ Der Wandersmann schaute ihn traurig an und sagte nur: „Nichts. Ich wurde mit der falschen Hautfarbe geboren.“ Der kleine Junge meinte: „Aber das ist doch nicht deine Schuld? Man kann dich doch nicht für etwas bestrafen, wofür du nichts kannst?“ Der Wandersmann schaute den kleinen Jungen nachdenklich an und sagte nur: „Ich frage mich, in welchem Alter diese, deine Sicht der Dinge aufhört.“