Das Mädchen in der Jauchegrube

Es war einmal ein Bauernmädchen, das arbeitete Tag und Nacht. Es hatte keine Eltern mehr und auch sonst fühlte es sich von der Welt verlassen. Der Hof, auf dem es schuftete, gehörte bösen Bauernleuten, die nach aussen vorgaben, das Mädchen gnädig aufgenommen zu haben, da es ja niemanden habe, es aber in Tat und Wahrheit nur als günstige Arbeitskraft ausnutzten. Nacht für Nacht weinte sich das arme Ding in den Schlaf, Nacht für Nacht betete es um Erlösung.

Eines Tages kam ein Prinz geritten, sah das arme Bauernkind. Da es nicht nur arm, sondern auch noch ausnehmend hübsch war, stieg er vom Pferd und fragte, was es denn so täte? Da schüttete ihm das Bauernmädchen sein Herz aus, weinte dabei gar bitterlich. Der Prinz wusste gleich Rat, er wollte das gute Kind retten, schliesslich sei nicht nur sein Herz, sondern auch sein Schloss gross, dem schönen Wesen sollte es an nichts mehr fehlen.

Dem Bauernmädchen wurde warm ums Herz, es sah seine nächtlichen Gebete erfüllt. Der Prinz wollte nur noch alles vorbereiten, damit die Ankunft auf dem Schloss auch schön sei, dann hole er sie, meinte er. Von diesem Tag an ging dem Bauernkind die strenge Arbeit viel leichter von der Hand, ab und an hatte es gar ein Lied auf den Lippen bei deren Verrichtung. Die Tage zogen ins Land, ab und an kam der Prinz vorbei geritten, bekräftigte all seinen Reichtum und Grossmut, vertröstete die treue Seele auf später, wenn die Zeit reif sei, um alsbald von dannen zu reiten.

Langsam kamen dem Bauernmädchen Zweifel, ob das alles auch wahr sei, was der edle Ritter Mal für Mal versprach, und es beschloss, ihn beim nächsten Mal drauf anzusprechen. Hätte es das mal gelassen. Der Prinz war erzürnt ob ihres Misstrauens, fand es beschämend, dass sie seinem reinen Wort nicht traue, Taten fordere. Er ergoss sich in den wildesten Worten, die hier wiederzugeben das Märchengenre sprengen würde. Das Bauernmädchen wurde ganz klein bei all dem Schimpfen, sah sich im Unrecht, ihn als den Armen. Sie besänftigte ihn wieder, er ritt von dannen. Die Zeit strich ins Land, die Zweifel kamen zurück. Noch immer schien das Schloss nicht empfangsbereit, noch immer spielte der Prinz auf Zeit, alles verpackt in grosse Worte, Zukunftsträume und Schlösser, die er nicht Luftschlösser genannt haben wollte.

Wieder meldete das Bauernmädchen Zweifel an, wieder war der Prinz erzürnt, dieses Mal so sehr, dass er ihr die vorher so unendlich gross beschriebene Liebe entzog. Und nicht nur das, er erzählte jeder Kuh, die wiederkäuend den Anschein machte, mit ihm zu sprechen, wie undankbar und falsch das Bauernmädchen doch gewesen sei. Er spottete und höhnte und fühlte sich dabei so gross, fast so gross wie dann, als er noch von Prunkschlössern parlierte und den edlen Retter spielte.

Fazit von der Geschichte? Märchen sind doof und man sollte nicht auf den Prinzen warten, sondern den üblen Energiefressern die lange Nase zeigen und sich selber aus der Jauchegrube ziehen. Wer nämlich drauf wartet, dass ein edler Prinz vorbei geritten käme, wird noch morgen drin sitzen und von Luftschlössern träumen.

12 Comments

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  1. Das ist ein wahrhaft schön erzähltes Märchen. Flüssig geschrieben, mit einigen Längen vielleicht. Aber es soll ja auch kein Drehbuch sein. In dieser fein beschriebenen Welt der Hauptfigur, dem armen, geschundenen Mädchen werfen sich Fragen auf. Fragen, die das Ende der Geschichte unschlüssig werden lassen. Eine dieser Fragen stellt sich mir vorrangig: wenn das arme Mädchen in der Lage wäre, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, wieso also ist sie überhaupt in diese Situation gerutscht? Wieso ist sie erst durch den reichen und dennoch unzuverlässigen Prinzen auf ihre eigene innere Kraft aufmerksam geworden. Von Jauche umgeben hätte sie sich schließlich schon lange vor der Begegnung mit dem Prinzen aufmachen können, der Jauchegrube den Kampf anzusagen.

    So bleibt schließlich doch alles am Prinzen hängen, dessen wahre Situation wir nicht kennen lernen. Warum zögert er, warum handelt er nicht sofort? Vor welchem Hintergrund also wird er somit zum Buhmann dieses Märchens? Ist es nicht vielmehr eine egozentrische Haltung des armen Mädchens, die natürlich aus ihrer eigenen Sicht zweifeln, hinterfragen und urteilen darf? Denn der Prinz ist ja ein Prinz. Und deshalb muss er auch handeln wie einer. Ohne Rücksicht auf sich selbst und seine eigenen Besorgnisse.

    Fazit: Märchen wie diese sind nichts für Kinder. Und eigentlich für Erwachsene schon gar nichts. Denn Gut und Böse bergen den Aspekt einer riesigen Grauzone in sich. Das ist die Natur dieser Eigenschaften. Das Leben ist kein Dornröschen-Spiel.

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    • In Tat und Wahrheit müsste man wohl all das bedenken, was du hier antönst, allerdings ist dies ja ein Märchen und Märchen sind meist etwas einfacher gestrickt, damit die Moral der Geschicht schlussendlich klar zur Geltung kommt, die ja meist durchaus etwas für sich hat, auch wenn sie unter vereinfachten Umständen zustande kam.

      Ob sich das Mädchen von Anfang an selber aus der Jauche ziehen könnte, ist nicht sicher. Ab und an braucht man Anstösse, die in einem Kräfte wachsen lassen oder nur schon die Einsicht, dass man eben könnte, was man sich vorher nicht zutraute. Es ist schliesslich noch kein Meister vom Himmel gefallen und man lernt immer neu, auch durch gemachte Erfahrungen.

      Ich würde den Prinzen nicht als Buhmann sehen wollen, er steckt in einer Rolle, die ihm vielleicht gar nicht passt. Es ist eine Rolle, in die er vielleicht hineingeworfen wurde, ohne sich bewusst zu sein, was sie alles mit sich bringt. So gesehen lernt er ja auch etwas über sich, nämlich, dass auch Prinzen nur Menschen sind und keine Wundervollbringer.

      Das alles sprengt aber den Märchenrahmen, in dem ein Prinz ein Prinz und das arme Mädchen die zu rettende ist – wenn auch schlussendlich durch sich selber.

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  2. Nun gut. Deine Argumentation ist schlüssig. Ich möchte dazu allerdings noch „antönen“, dass ich Märchen als solche bereits seit frühester Kindheit gruselig fand. Ebenso wie jede Art von Clowns. Sie erschienen mir weit weg von dem, was mich beschäftigte. Und die Moral habe ich auch nie wirklich verstanden. Heutzutage würde man diese resultierende Moral wohl eher als Bauernregel bezeichnen.

    Es bleibt für mich die Frage offen, warum man ein Märchen wie dieses postet. Geschieht es aus reiner Lust am fantasievollen Schreiben ist dieser Blog ein sehr gut formuliertes Schreibwerk. Das erwähnte ich bereits und das ringt Respekt ab. Es zeugt von Formulierungs-Potential, das sich sehen lassen kann. Und so wird es wohl auch sein. Ein Märchen ist nur ein Märchen!

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    • Wieso schreibt ein Schriftsteller, was er schreibt? Was hat Ulla Hahn dazu bewegt, „Ein Mann im Haus“ zu schreiben? Wieso schrieb Fontane „L’Adultera“ oder Schnitzler den „Reigen“ oder die „Traumnovelle“? Was bewegte Thomas Mann zum „Doktor Faustus“ und Stefan Zweig zu „Rausch der Verwandlung“? Bei einigen kennt man die Impuls gebenden Auslöser, bei anderen nicht. Ich möchte mich bei weitem nicht mit den genannten Schrifstellern in einen Topf geben, das wäre vermessen. Schreiben ist ein Ausdruck von Ideen, die man in eine Form giesst. Was dazu bewegt? Die reine Lust am Tun.

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