Da sein

Als ich gestern die Strasse entlang lief, wunderte ich mich schon, dass sie mich mit diesem unerklärlich traurigen Blick anschaute. Ich dachte mir nichts weiter, lief weiter, um dann doch zu stocken und mich umzudrehen und sie anzusprechen: „Kann ich dir helfen? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Sie schaute mich aus grossen Augen an, ich glaubte, Tränen in ihnen schimmern zu sehen. Sie schien zu überlegen, wie sie reagieren sollte, doch sie kam zu keinem Schluss, denn sie zuckte nur mit den Schultern. Ich war mir nicht sicher, was ich nun tun sollte, denn eigentlich ging es mich nichts an. Wenn sie Hilfe bräuchte, könnte sie darum bitten. Da sie das nicht tat, nicht mal auf meine Frage hin, schien sie keine zu wollen oder brauchen. Die Überlegung befriedigte mich nicht. Ich fühlte mich hilflos, weil ich nicht wusste, was nun zu tun war, was von mir gefordert war und erwartet wurde. Was erwartete ich selber von mir?

Sollte ich einfach weiter gehen und denken, dass das nicht meine Sache war? Sollte ich nochmals nachhaken? Durfte ich nachhaken oder griff ich damit zu tief in ihren Bereich ein, den sie offensichtlich schützen wollte? Oder wollte sie ihn gar nicht schützen, aber traute sich nicht, etwas zu sagen? Oder traute sie sich, wusste aber nicht was? Oder wie? Ich wusste es auch nicht. Ich wollte ihr zeigen, dass sie nicht alleine ist, wollte ihr sagen, dass ich da bin, dass sicher auch noch andere Menschen da sind. Doch eigentlich ist man doch irgendwie immer allein. Durch meinen Kopf gingen Sprüche wie „geteiltes Leid ist halbes Leid“ und „drüber reden hilft“ und alle kamen sie mir abgedroschen und plump vor. Trotzdem steckte ein wahrer Kern in ihnen, weswegen ich nicht einfach weiter gehen wollte und konnte.

Ich blieb stehen, schaute sie an. Sie schaute zurück. Ich weiss nicht, wie lange wir da standen. Mir fehlten die Fragen, ihr die Antworten. Es fanden sich nicht die richtigen Worte und die falschen hätten in dem Augenblick gestört. Plötzlich straffte sie ihre Schultern, um ihren Mund zeigte sich so etwas wie ein leises Lächeln. „Danke, dass du da bist!“

3 Comments

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  1. …….weisst Du, was mir sofort eingefallen ist …?

    Wieso ist Hilfe immer verbunden mit bitten?

    Um Hilfe bitten …

    Wieso ist Helfen erst nach dem Bitten möglich, richtig, erklärlich?

    Weil wir oft nicht wissen, WIE wir helfen können/sollen/wollen?

    Der Einwand, es wisse ja niemand, ob derjenige die Hilfe ablehnte, könnte gelten, wäre er nicht gleichgewichtig mit, der Bittende wüsste nie, ob seine Bitte erhört wird.

    Es scheint mir, die Hilflosigkeit liegt im Bitten ebenso oft wie im Helfen.

    Hilf —> los … auf beiden Seiten nur ganz anders? Hilf mir aus meiner Situation (zu kommen)- hilf mir in Deine Situation (zu denken)—> auf dass wir uns verstehen?

    … ich finde im Helfen nichts falsch, nichts kann falsch sein.

    Es ist mMn menschlicher/sozialer, zu sagen, was nicht gewollt wird als um Hilfe bitten zu sollen.

    Hast Du es schon mal unter dem Aspekt betrachtet- das Thema?

    Beste Grüsse
    charlotte (ACR)

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    • Danke für diesen Kommentar. Ich denke, man kann die Angelegenheit auf verschiedene Weisen sehen. Die eine Seite ist, dass man nicht immer warten muss, bis jemand um Hilfe fast schon bettelt, auf der anderen Seite finde ich es auch wichtig, selber dazu zu stehen, wenn man Hilfe braucht und dann darum zu bitten. Wie oft schämt man sich, zu sagen, dass man Hilfe braucht, wie oft traut man sich nicht, Schwächen zuzugeben. Das ist auch ein wichtiger Punkt, wie ich finde: Zu sich und allen seinen Seiten stehen zu lernen.

      Liebe Grüsse zu dir

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