4. Mai

„Der Anfang aller Weisheit ist immer das Staunen.“ (Aristoteles)

Weshalb, wieso, warum? – Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert? Denn: Nur wo wir mit frischem Blick auf die Dinge sehen, lernen wir neues. Wie oft gehen wir durch die Welt und glauben, alles zu kennen? Wie wäre es, das einfach mal zu ändern? Wenn wir das nächste Mal durch die Welt laufen, könnten wir alles mit neuen Augen sehen. Wir könnten die Blumen in Nachbars Garten bestaunen, die neuen Triebe an den Ästen des Baumes bemerken, an dem wir vorher achtlos vorüber gegangen sind. Wir könnten bei all den alltäglichen Dingen neue Schönheiten entdecken, die unser Leben bereichern.
Und vielleicht könnten wir auch eine fremde Meinung als solche annehmen und staunen, wie man die Welt auch sehen kann, statt sie gleich zu verurteilen. Und so könnten wir unseren Horizont erweitern. Wie würde sich wohl so die Welt verändern? Und wie wir uns mit ihr?

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wir haben gerade einen 1. Mai hinter uns. Tag der Arbeit, Kampftag der Arbeiter, an dem sie für ihre Reche einstehen. Ins Leben gerufen 1889, durchlief er mehrere Stationen durch die Zeit. Heute ist er mehrheitlich dafür bekannt, dass Ausschreitungen stattfinden, irgendwelche Chaoten Veranstaltungen stören, Dinge zerstören, Unruhe stiften. Konkrete Sachthemen stehen zwar auf der Agenda, schaffen es aber kaum ins mehrheitliche Bewusstsein, das wird mit Medienmeldungen über Ausschreitungen gespeist.

Dieses Jahr stach mir eine ins Auge: Ein Journalist der Weltwoche wurde von einer Gruppe Linksautonomer angegangen. Mehrfach. Nun ist die Weltwoche sicher ein sehr polarisierendes Blatt (man möchte fast fragen, welchem Blatt heutzutage die Gesinnung nicht gleich schon offen zu Gesichte steht….), nur: Erklärt oder entschuldigt das was?

Ich glaube kaum, dass einer derer, die da Pflastersteine werfen und Dinge zerstören, nur eine leise Ahnung der Geschichte des Tages haben. Ich glaube weiter nicht, dass es ihnen um irgendwas geht, als nur darum, Krawall zu machen, Aufmerksamkeit für sich und nicht für eine Sache zu erregen.

Der Tag der Arbeit wäre dazu da, aufmerksam zu machen für die, die arbeiten. Wie schrieb schon Victor Adler in der Arbeiter Zeitung 1890:

„Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gerne vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen.“

Nur weiss man schlicht nichts mehr davon. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, es geht um eigene Aufmerksamkeit. Was sich da „Linke“ nennt, hat mit Politik wenig zu tun, es ist eine Selbstdarstellung eigener Mängel, es arten einige wenige aus, weil sie selber es nirgends hin kriegten und nun die Gesellschaft dafür anklagen wollen. Oder vielleicht ist schon das zu hoch gegriffen: Sie brauchen schlicht ein Ventil, ihrem Frust ein Tor zu bieten.

Ich sage nicht, dass ich es nicht verstehe – im Kern. Wir leben in einer Welt, in der ganz viele auf der Strecke bleiben, noch mehr ausgesaugt werden, bis sie in einem Burnout enden. Wir leben in einer Welt, die auf Profit gepolt ist, den Menschen über die Klippe springen lässt – wenn es dem Profit dient.

Nur: Hier stehen Werte auf dem Spiel. Wir haben nur die eine Chance, uns auf diese zu berufen. Das Leben ist logischerweise kein Wunschkonzert, und ja, es ist mitunter hart. Und ja, man hätte es gerne ab und an anders, nur: Man müsste dann auch was tun. Autos in Flammen setzen reicht da nicht, man brauchte einen Plan. Es sind nie nur die anderen die Bösen, man selber kann auch was bewirken. Das klappt schlicht nur, wenn man sich nicht nur als Opfer des Systems sieht.

Ich mag unser System, wie es ist, auch nicht. Und ja, ich sehe auch Handlungsbedarf. Nun aber in blindem Aktionismus die Rechte zu zerstören, die gerade wichtig wären, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich wünschte mir da mehr Nachdenken, mehr Tiefe, mehr Substanz.

Wir werden vielleicht nicht das Ideal schaffen, aber wir können definieren, wo wir hin wollen. Und den Weg dann Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Dafür müssen wir aber offen bleiben. Und im Dialog. Entwicklung findet nie im eigenen, eng umzäumten Universum statt, sie braucht die Inspiration von aussen.

Die Liebende

Ich denk an dich und sehne mich
Nach deinem Blick und deiner Nähe.
Bist du auch stur und unbeugsam,
bringst mich so oft um den Verstand,
die Liebe wiegt die Schwächen auf
und Eigensinn ist Wesenskern.

Was bleibt ist echt, was zählt ist Wert,
und meine Liebe, du mein Herz,
ist gross und warm und tief.
Ich danke dir für uns’re Zeit
und schreib dir dies Gedicht.

©Sandra Matteotti

3. Mai

„Es ist dein Leben – geh achtsam damit um.“ (Osho)

Wenn Menschen mit Bitten oder Wünschen an uns herantreten, fällt es nicht immer leicht, nein zu sagen. Wir erfüllen ihnen gerne einen Gefallen, helfen gerne, wenn wir können. Nun gibt es aber auch Menschen, die sich nur dann melden, wenn sie etwas brauchen, sonst hört man kaum etwas von ihnen. Sie saugen Energie, ohne etwas zurückzugeben. Sicher soll Hilfe nicht aus dem einzigen Grund einer Gegenerwartung geschehen, aber es ist doch gut, ab und an hinzuschauen, mit wem man sich umgibt und wofür man seine Zeit braucht.

Zeit ist nicht unendlich, wir haben nur dieses eine Leben und sollten es so leben, dass es möglichst viel Freude bringt. Wenn du also wieder einmal das Gefühl hast, zu wenig Zeit für deine wichtigen Dinge oder zu wenig Freude im Leben zu haben, schau, wo deine Zeit hinfliesst. Meist haben wir genügend Zeit, nur nutzen wir sie für die falschen Dinge.

Neue Wege

Einmal gemerkt, was wirklich zählt,
dann weisst du, wonach streben.
Wenn du einsiehst, was dich quält,
gestaltest du dein Leben

fortan ganz anders, deinem Sinn nach,
lässt du Dinge liegen,
an dem, was schon so lang liegt brach,
bleibst du nun nicht mehr kleben.

Das Dasein fordert manchmal Wenden,
zeigt dir Grenzen und was geht,
so mancher Weg muss schlicht verenden,
damit was Sinn macht dann besteht.

Halte nichts fest, lass auch mal los,
du hast dich schlicht verstiegen.
Was auf dich wartet, wird famos,
betraure nicht das Enden.

©Sandra Matteotti

Eva Strittmatter: Werte

Eva Strittmatter 8. Februar 1930 – 3. Januar 2011

Währung

Für alles zahlt man den Gegenpreis:
Für Güte, für Liebe, für Treue.
Dem Leben macht man nichts über sich weis:
Wenn ich nicht den Samen ausstreue,
Aus dem die menschliche Heilpflanze treibt,
Ist Öde um mich und Kälte.
Und was auf Erden von mir wirklich bleibt,
Ist: was ich anderen gelte.*

__________
Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte, wie man leben soll

Alles im Leben hat einen Preis und man muss sich immer fragen, ob man bereit ist, den zu zahlen. Zu denken, dass man Dinge einfach umsonst kriegt, greift zu kurz. Drum gilt es, gut zu prüfen, was man wirklich will im Leben, um dann darauf zu setzen. Und das, was ich als meine Werte bestimme, das strahle ich dann nach aussen aus, so wirke und gelte ich.

*zit. nach Eva Strittmatter, Sämtliche Gedichte

2. Mai

„Wenn du gehst, geh; wenn du sitzt, sitze; wenn du bist, sei!“ (Osho)

Wir können uns angestrengt aufs Meditationskissen setzen, tagelang Atemachtsamkeit üben. Auch können wir eifrig Yogastellungen auf der Yogamatte praktizieren. Nur: Wenn wir die Achtsamkeit nicht ins Leben hineintragen, sie nicht im Alltag integrieren bei dem, was gerade anfällt, wird sie uns nichts von all dem offenbaren, was sie für unser Leben bewirken könnte.

Achtsamkeit fängt im Alltag an. Sie fängt bei ganz alltäglichen Dingen wie kochen, waschen, putzen an, geht weiter über unsere Wahrnehmung von Situationen im Leben und unseren Umgang mit Menschen. Achtsamkeit bedeutet, in jedem Moment ganz bei dem zu sein, was wir gerade tun. Wenn wir kochen, kochen wir. Wir schneiden bewusst das Gemüse klein, nehmen es wahr, riechen es, spüren den Widerstand beim Durchschneiden. Wir mischen die Zutaten, rühren, riechen, schmecken, sehen, fühlen auch den Dampf aus dem Topf auf unserer Haut beim Umrühren. Und wenn das Essen fertig ist, essen wir es mit derselben Achtsamkeit.

Diese Art von Achtsamkeit im Alltag können wir zu jeder Zeit an jedem Ort praktizieren. Worauf warten wir noch?

1. Mai

„Leben existiert nur in diesem Augenblick, und in diesem Augenblick ist es unendlich und ewig.“ (Alan Watts)

Hast du auch schon mal gedacht, dass die Zeit rast? Dass Dinge zu schnell vorbei waren, die du eigentlich lieber länger genossen hättest? Oder kam es dir auch schon mal so vor, dass die Zeit steht? Dass Dinge, die du ersehnst, nicht näher kommen, immer in weiter Ferne scheinen? Und hast du dich dann auch dabei ertappt, wie du dem nachhingst, das vorbei ist, oder dem entgegen hofftest, das noch kommt?

So schön Erinnerungen und Vorfreude auch sind, eines verpasst man dabei: Den aktuellen Augenblick. Man ist nicht präsent in dem einzigen Moment, den man leben könnte: Im Jetzt. Dabei hätte genau dieser Moment so viel zu bieten an Gerüchen, Geräuschen, Anblicken, Gefühlen, Erlebnissen. Und im Erleben all dessen fühlte man ein Stück Unendlichkeit, denn der aktuelle Augenblick ist nie vorbei, er ist immer da. Jetzt. Hier.

Alois Prinz: Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt

Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

30. April

„Der Weg zum Glück besteht darin, sich um nichts zu sorgen, was sich unserem Einfluss entzieht.“ (Epiktet)

Ab und an lese ich all die schönen Sprüche und denke, dass das alles gut klingt, aber schlicht unmenschlich ist. Sind wir nicht einfach so, dass wir uns Sorgen machen müssen? Ist es nicht in unseren Genen angelegt irgendwie? Es fühlt sich zumindest so an. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren mit dem Ausmalen der möglichen negativen Konsequenzen, wir wägen Risiken ab und sorgen uns über die Folgen, die entstehen könnten. Kann man das abstellen?

Ich denke nicht. Was ich aber denke ist, dass man daran arbeiten kann, sich selber immer wieder den Kopf zurecht zurücken, dass man immer mal wieder hinschauen kann, was man da eigentlich tut, und sich dann fragen, was es wirklich bringt. Und vielleicht kann man dann und wann das Kopfkino abschalten. Das könnte ein kleiner Moment des Glücks sein.

Lebensgedanken

Ich bin so die,
die in die Nacht
hinein
Gedichte schreibt,
mit Worten ihren
Unfug treibt.

Ich bin so die,
die ihren Witz
vom Schnabel weg
und wie geschlüpft
der Welt auf
drückt.

Ich bin so die,
die immer sich
erst hinterfragt
und dann besagt,
ich hab ver
sagt.

Ich bin so die,
die hierauf findt,
dass das Gesind,
so ich nur bin.
Dass ich nun mal
in meinem Sinn
im Argen
bin.

Ich bin so die,
die Kämpfe ficht,
und dann ganz schlicht,
doch schliesslich find’t,
dass nun mal gut,
das Leben schön,

und ich tief drin –
ganz einfach bin!

©Sandra Matteotti

29. April

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich was ich brauche.“ Laotse

Das ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben im Leben: Loslassen. Das wohl schönste Bild für das Loslassen führt uns die Natur vor Augen: Im Frühling zeigen sich an den gerade noch kahlen Ästen mehr und mehr zartgrüne Blätter. Sie werden mehr, bringen Farbe zurück in die vormals karge Winterwelt, Leben erwacht. Es blüht und treibt, Früchte entstehen, werden geerntet. Und dann. Ganz langsam. Ändern die Farben. Was vormals noch kräftig und frisch weicht satten, warmen Farben. Als wäre es ein letztes Aufbäumen der Natur, die sich nochmals in der schönsten Pracht zeigen wollte. Danach lassen die Bäume los. Die Blätter fallen zu Boden, die Bäume stehen kahl.

Was wäre, wenn sie die Blätter behalten wollten, sie festhalten würden? Es kämen keine zarten Blättchen mehr, Blüten könnten nicht wachsen, Früchte nicht reifen. Das Loslassen ist so gesehen das Glück des Naturkreislaufs. Wir sollten uns nicht aus diesem herausnehmen.

Was wir von der künstlichen Intelligenz für die Schule lernen können

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die seit einiger Zeit durch die verschiedenen Medien schwirren, mal werden sie euphorisch zu den Hoffnungsträgern der Zukunft erklärt, mal wird durch sie in düsteren Szenarien der Untergang der Menschheit prognostiziert. Die Wahrheit liegt – wie so oft wohl – irgendwo in der Mitte. Was sicher wichtig ist für die nächste Zeit: Wir müssen einen Umgang mit der sich immer schneller verändernden Umwelt finden, wir müssen erkennen, wie wir uns mit ihr – und auch durch sie – entwickeln können.

KI und Digitalisierung sind nicht per se schlecht oder gut, sie sind. Sie wurden von Menschen entwickelt und sind nun dadurch ein Bestandteil unseres Lebens – und das wohl in zunehmendem Masse. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst einmal zu verstehen, worum es sich dabei überhaupt handelt, und dann zu erkennen, wo sie uns nützen können und wo sie uns in unserem Denken mehr behindern. Die Automatisierung von Entscheidungen, Abläufen und Prozessen kann sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Unternehmen eine Chance sein, die Gesellschaft kann davon profitieren – wichtig dafür ist allerdings, dass wir uns bewusst sind, welche Entscheidungen wir wirklich Maschinen überlassen wollen und können, und welche wir doch lieber in Menschenhand wissen.
Was ist künstliche Intelligenz?
KI ist grundsätzlich als Software zu verstehen, welche in einer steuerungsfähigen Hardware sitzt. Die Software lernt in Verbindung mit der Hardware Dinge aufzunehmen, zu analysieren und in eine Handlung umzusetzen. Nach einem solchen Ablauf evaluiert das System das Ergebnis: Wenn es zum gewünschten Ziel führt, wird das Ganze als funktionierender Ablauf gespeichert, Problemen werden entsprechend festgehalten. Aus solchen Abläufen lernt das System also, was funktioniert und was nicht, so dass aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen in nächsten Situationen das anzuwendende Handlungsprinzip immer mehr und besser angepasst werden kann und leistungsfähiger funktioniert.

Die Fähigkeit, die eigenen Ergebnisse zu analysieren und sich aufgrund gewonnener Daten immer weiter selber zu verbessern, stellt den grossen Unterschied zur herkömmlichen Programmierung dar. Während man früher das Wissen aus Menschenköpfen in Maschinen speiste, damit aber auch die Grenzen des Einspeisbaren quasi selber setzte, können sich verselbständigende Mechanismen nun über diese Grenzen hinaus entwickeln. Neu setzt der Mensch nur noch den Rahmen, die Maschine ist dann innerhalb dieses Rahmens selbstlernend.

Es geht also nicht mehr darum, Theorien und Regeln einzuspeisen, sondern Ziele zu definieren, so dass Computer dann durch verschiedene Beispiele, Ergebnisanalysen und Feedbackketten lernen, ob sie die vom Menschen gesteckten Ziele erreichen können. Die Abkehr von der reinen Wissenseinspeisung anhand von festgesetzten Regeln und Theorien hin zur Entwicklung von sich durch Zielorientierung selber steuernden und weiter entwickelnden Systemen hat in der Informatik zu einer Weiterentwicklung geführt, die immer schneller immer bessere Ergebnisse liefert.

Was wir daraus für die Schule ableiten können
Im herkömmlichen (Frontal-)Unterricht werden Kinder wie früher Computer mit Wissen gespeist. Sie sind quasi die Trägerplatinen, auf welche nun Daten geschrieben werden sollen. Das System schreibt vor, welche Daten relevant sind, welche nicht. Durch den entsprechenden Druck wird sichergestellt, dass die Kinder dies aufnehmen und damit mehrheitlich ausgelastet sind. Für mehr bleibt wenig Zeit und oft auch wenig Interesse, da in den Köpfen steckt: „Das brauchen wir nicht für die Prüfung.“

Dadurch, dass Computer technisch besser in der Lage sind, Daten zu speichern, sie dies erstens schneller, zweitens zuverlässiger und drittens langfristiger können, sind sie dem Menschen immer überlegen in dem Punkt. So gesehen bilden wir unsere Kinder zu Verlierern gegen die Maschine aus. Es verwundert also auch nicht, dass der Mensch, der sich damit konfrontiert sieht, dass jede Maschine besser kann, was er kann, und dieser Vorteil auch immer mehr genutzt wird in der Wirtschaft, Angst um seine Zukunft hat. Statt aber in der Angst zu verweilen, könnte man etwas ändern.

Statt an dem Punkt stehen zu bleiben, den die Computerindustrie überwunden hat, könnte man sich nach ihrem Beispiel weiter entwickeln. Kinder wären dann keine Träger, die gefüllt werden müssen, sondern selber denkende Systeme, denen man den passenden Rahmen geben muss, in welchem sie Ziele erreichen können. Idealerweise wären das selbstgesteckte Ziele aufgrund eigener Interessen und persönlicher Neugier, aber auch vom Lehrplan definierte Ziele, welche mit der nötigen Faszination vermittelt werden, können Antrieb genug sein, den Forscherdrang junger (und auch älterer) Menschen anzustacheln und sie auf die Lern-Reise bringen.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbstbestimmt agieren lassen, wenn sie darauf merken, dass sie es selber in der Hand haben, dadurch auch die Verantwortung tragen für das, was sie tun und damit erreichen, gibt das ein Gefühl einer Selbstwirksamkeit. Während die Maschine rein analytisch Wahrscheinlichkeiten berechnet und das weitere Handeln daraus ableitet, kommt beim Menschen die Freude hinzu, welche den Antrieb für neue Herausforderungen noch zusätzlich stärkt.

Auf diese Weise, so bin ich überzeugt, können Menschen über (ihre selber gedachten und von aussen gesetzten) Grenzen hinauswachsen. Sie können sich auf die ihnen mögliche Weise entwickeln. Auf diese Weise könnte sich auch die Angst abbauen, dass Maschinen ihren Platz einnehmen können, denn Maschinen können viel, das dem Menschen eigen ist, nicht. Das sieht man aber mehrheitlich dann, wenn man nicht versucht, aus Menschen (schlechtere) Maschinen zu machen. Man sieht es dann, wenn man den Mensch in seinem Menschsein akzeptiert, stärkt und vor allem: leben lässt.

Hannah Arendt – Der Film

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

28. April

„Der Mensch leidet, weil er Dinge zu besitzen und zu behalten begehrt, die ihrer Natur nach vergänglich sind.“ (Buddha)

Schön, hässlich, angenehm, unangenehm, gewollt, ungewollt – wir gehen durch die Welt und bewerten alles, was wir antreffen. Das, was uns gefällt, wollen wir unbedingt haben und behalten, das, was wir nicht mögen, versuchen wir zu meiden. Leider ist das Leben kein Ponyhof und es nimmt wenig Rücksicht auf unsere Begehrlichkeiten. Dazu kommt, dass Leben immer auch Wandel bedeutet: Was entsteht, wird auch wieder vergehen, was in unser Leben tritt, dieses auch wieder verlassen.
Wie oft fürchten wir uns schon im Vorfeld, dass etwas enden könnte, so dass wir uns einen Teil des Genusses des Guten schon versagen? Wie viel Energie stecken wir in Vermeidungsstrategien bei den Dingen, die wir nicht mögen? Und damit trüben wir die Zeiten, in denen das nicht Gewollte gar nicht da ist.
Wir können die Natur nicht ändern. Natur ist immer auch Veränderung. So lange wir uns dagegen sträuben, werden wir immer auch leiden. Wieso also nicht versuchen, das zu geniessen, was ist, so lange es ist? Um dann zu schauen, was kommt? Was man nie vergessen darf: Veränderung hat auch was Tröstliches, denn: Sind die Zeiten mal nicht gut, dauern auch diese nicht ewig.