Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wir haben gerade einen 1. Mai hinter uns. Tag der Arbeit, Kampftag der Arbeiter, an dem sie für ihre Reche einstehen. Ins Leben gerufen 1889, durchlief er mehrere Stationen durch die Zeit. Heute ist er mehrheitlich dafür bekannt, dass Ausschreitungen stattfinden, irgendwelche Chaoten Veranstaltungen stören, Dinge zerstören, Unruhe stiften. Konkrete Sachthemen stehen zwar auf der Agenda, schaffen es aber kaum ins mehrheitliche Bewusstsein, das wird mit Medienmeldungen über Ausschreitungen gespeist.

Dieses Jahr stach mir eine ins Auge: Ein Journalist der Weltwoche wurde von einer Gruppe Linksautonomer angegangen. Mehrfach. Nun ist die Weltwoche sicher ein sehr polarisierendes Blatt (man möchte fast fragen, welchem Blatt heutzutage die Gesinnung nicht gleich schon offen zu Gesichte steht….), nur: Erklärt oder entschuldigt das was?

Ich glaube kaum, dass einer derer, die da Pflastersteine werfen und Dinge zerstören, nur eine leise Ahnung der Geschichte des Tages haben. Ich glaube weiter nicht, dass es ihnen um irgendwas geht, als nur darum, Krawall zu machen, Aufmerksamkeit für sich und nicht für eine Sache zu erregen.

Der Tag der Arbeit wäre dazu da, aufmerksam zu machen für die, die arbeiten. Wie schrieb schon Victor Adler in der Arbeiter Zeitung 1890:

„Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gerne vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen.“

Nur weiss man schlicht nichts mehr davon. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, es geht um eigene Aufmerksamkeit. Was sich da „Linke“ nennt, hat mit Politik wenig zu tun, es ist eine Selbstdarstellung eigener Mängel, es arten einige wenige aus, weil sie selber es nirgends hin kriegten und nun die Gesellschaft dafür anklagen wollen. Oder vielleicht ist schon das zu hoch gegriffen: Sie brauchen schlicht ein Ventil, ihrem Frust ein Tor zu bieten.

Ich sage nicht, dass ich es nicht verstehe – im Kern. Wir leben in einer Welt, in der ganz viele auf der Strecke bleiben, noch mehr ausgesaugt werden, bis sie in einem Burnout enden. Wir leben in einer Welt, die auf Profit gepolt ist, den Menschen über die Klippe springen lässt – wenn es dem Profit dient.

Nur: Hier stehen Werte auf dem Spiel. Wir haben nur die eine Chance, uns auf diese zu berufen. Das Leben ist logischerweise kein Wunschkonzert, und ja, es ist mitunter hart. Und ja, man hätte es gerne ab und an anders, nur: Man müsste dann auch was tun. Autos in Flammen setzen reicht da nicht, man brauchte einen Plan. Es sind nie nur die anderen die Bösen, man selber kann auch was bewirken. Das klappt schlicht nur, wenn man sich nicht nur als Opfer des Systems sieht.

Ich mag unser System, wie es ist, auch nicht. Und ja, ich sehe auch Handlungsbedarf. Nun aber in blindem Aktionismus die Rechte zu zerstören, die gerade wichtig wären, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich wünschte mir da mehr Nachdenken, mehr Tiefe, mehr Substanz.

Wir werden vielleicht nicht das Ideal schaffen, aber wir können definieren, wo wir hin wollen. Und den Weg dann Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Dafür müssen wir aber offen bleiben. Und im Dialog. Entwicklung findet nie im eigenen, eng umzäumten Universum statt, sie braucht die Inspiration von aussen.

1 Comment

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  1. Sie wissen nichts von Gemeinschaft für die sie sich einzusetzen vorgeben, wie Du richtig sagst geht es ihnen nur um sich, ihr Versagen anderen anzulasten und zu kaschieren, wenn sie die Welt besser machen wollten würden sie nicht Chaos anrichten, sondern helfen es aufzuräumen. Brennende Autos helfen uns nicht, saubere, sichere und bezahlbare Autos würden vielen helfen, die sich aufgrund verschiedenster Umstände nur die Nase an der Scheibe plattdrücken können, während sie das „normale“ Leben beobachten.

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