Vor der eigenen Türe kehren

„Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.“ (Mahatma Ghandi)

Wenn der andere nur ein wenig anders wäre, wenn er sich nur ein bisschen ändern könnte, wäre das Zusammenleben viel leichter. Wer hat nicht schon so gedacht und sich gleich daran gemacht, Änderungswünsche anzubringen. Leider ist es eine alte Weisheit, dass man andere kaum ändern kann – ändern kann man nur sich selber.

Änderungswünsche an andere Menschen bringen meist nur Unfrieden und vergiften das Klima. Der andere denkt, er sei so, wie er ist, nicht in Ordnung, was ihn sicher nicht in Freudentaumel ausbrechen lässt. Zudem ist man selber immer mehr enttäuscht, wenn trotz mehrfacher Aufforderung keine Veränderung sichtbar wird.

Was also tun? Veränderungen fangen bei einem selber an. Statt beim nächsten Streit Veränderungen beim Gegenüber zu fordern, könnte man sich auch fragen, was man selber ändern könnte, um zukünftig Streitigkeiten zu vermeiden. Meist tragen immer zwei zu einem Streit bei – was ist der eigene Anteil? Und: Kann ich daran etwas ändern? Dabei geht es nicht um Komplettveränderungen oder gar das Verleugnen ganzer Wesenszüge. Oft sind es eigene Seiten, die man selber an sich nicht mag, unbewusste Verhaltensmuster, die uns auf eine Weise reagieren lassen in Situationen, die weder der Situation angemessen noch einem friedlichen Miteinander zuträglich sind.

Wenn ich also wieder einmal die Welt verändert sehen möchte, frage ich mich: Lebe ich selber so, wie ich es mir von den anderen Menschen auf dieser Welt wünsche?

Mitfreude

„Freude an der Freude und Leid am Leid des Anderen, das sind die besten Führer der Menschheit.“ (Albert Einstein)

Hast du auch schon mal neidisch auf den anderen geschaut, weil er etwas hatte, das du auch gerne gehabt hättest? Hast du dich gefragt, wieso er hat, was du nicht hast, oder noch mehr: Was eigentlich dir zustünde?

Neid ist weit verbreitet in unserer Welt, in welcher wir uns oft mehr über das Haben als über das Sein definieren. Nur, was bringt er uns? Wenn wieder einmal ein Gefühl von Neid aufkommt, weil du denkst, der andere hätte mehr als du, gehe in dich:

  • Wieso gönne ich ihm das nicht?
  • Ginge es mir besser, wenn er es nicht hätte?
  • Brauche ich überhaupt mehr als ich habe?

Wieso kann ich mich nicht einfach mit dem anderen freuen? Gerade, wenn ich einem anderen Menschen zugetan bin, könnte ich ihm doch aus tiefstem Herzen gönnen, was ihm Gutes widerfährt. Genauso wie ich Anteil nehme an seinem Leiden, könnte ich dies auch an der Freude tun.

Mitfreude und Mitgefühl lassen uns mit einem offenen Herzen durchs Leben gehen. Wir lassen uns von diesem Herzen leiten, statt rational Güterabwägungen zu machen und diese zum Massstab unseres Gefühls nehmen zu wollen. Eine solche offene Herzenshaltung brächte Heil in eine Welt, in welcher Neid und Ignoranz vielerorts regieren. Und zudem: Sich mit jemandem freuen zu können, ist nicht nur heilsam für die Beziehung zwischen beiden, es ist auch für das eigene Wohlbefinden heilsam.

 

Du bist nicht allein

„Gehen wir voller Mitgefühl auf andere zu, setzen wir der Einsamkeit ein Ende.“ (Dalai Lama)

„Wieso immer ich?“ „Wieso muss das ausgerechnet mir passieren?“

Hast du auch schon mal gedacht, dass es immer dich trifft, wenn etwas passiert? Hast du dich auch schon einmal als Opfer der Umstände gesehen, dich allein gefühlt mit all dem, was um dich ist, was dir zustösst? Was machst du dann? Haderst du mit dem Schicksal? Denkst du, das Leben ist ungerecht und Glück haben nur die anderen?

Gerade in schwierigen Zeiten fühlen wir uns oft allein. Wir sehen rundherum zufriedene Menschen und selber leiden wir. Wir fühlen uns getrennt von ihnen, weil sie in einer ganz anderen, helleren Welt zu leben scheinen.

Die Wahrheit ist, dass alle Menschen leiden. Kein Mensch hat nur helle Tage, in jedem Leben kommen auch die dunklen vor. Gerade dieses eigene Leiden macht uns aber mitfühlend. Gerade weil wir alle leiden, können wir uns in andere hineinversetzen, fühlen ihr Fühlen und können ihnen mit Mitgefühl zur Seite stehen. Und wenn wir uns gegenseitig mitfühlend begegnen, ist keiner mehr allein. Wir fühlen uns als Teil einer Gemeinschaft, das Gefühl des Getrenntseins, die Einsamkeit hat ein Ende.

Lügengebilde

Ich hab mein Glück auf Sand gebaut
nun ist es arg am Wanken.
Es fehlen Pfeiler, Fundament,
und die sichern Planken.

Mit dir schien alles mir vertraut,
ich wollt dem Himmel für dich danken.
Nun fiel dein Stern vom Firmament,
mir kreisen die Gedanken.

Ich hab mal sehr an uns geglaubt,
das alles ist am Kranken.
Es fehlen Glaube und auch Halt,
weil plötzlich Zweifel ranken.

©Sandra Matteotti

Verbundenheit

„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)

Mögen sich die Lebensumstände im den letzten Jahren und Jahrzehnten auch verändert haben, mögen wir äusserlich unterschiedlich sein, tief drin sind wir alle gleich. Wir haben die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Hoffnungen, suchen das Glück und hoffen, möglichst wenig zu leiden.

Während wir uns also so oft mit den Unterschieden des Aussen aufhalten, uns daran aufreiben, und uns dadurch voneinander abgrenzen, könnten wir auch zu jeder Zeit sehen, wie viel uns verbindet. Und aus dieser Sicht könnte eine Verbundenheit wachsen, könnte Mitgefühl wachsen und das tiefe Verstehen des Anderen als Mensch unter Menschen – so wie wir auch selber einer sind.

Liebesmeer

Sanft eingeschlafen
weggeschwebt,
im Atem dich und
im Gefühl.

Weit weggeschwommen,
abgetaucht,
in Traumestiefen,
märchengleich.

Dich mitgenommen,
mitgeschwommen,
im Ozean des
Traumesmeers.

Azurenblau und
Petrolgrün,
mit Haut und Haar
im Wogenkleid.

Ich bin schlicht dort,
wo du auch bist,
und fühle mich da
pudelwohl.

Wir scheiden Wasser
und auch Gischt
und sind vom
gleichen Pol.

©Sandra Matteotti

Wenn nichts mehr bleibt

Ich atme aus, ich atme ein,
ich schlucke leer und tief.
Das Leben stellt mir nun das Bein,
das eben froh noch lief.

Ich sehe meine Hände an,
wo finden sie noch Halt?
Ob ich je wieder lachen kann?
Und: Bleibt die Welt nun kalt?

Ich weine leise, tränenlos,
ein Kloss in Hals und Bauch.
Der Schmerz scheint übererdengross,
mein Ich drin nur ein Hauch.

Das Blut pocht mir vom Herz zum Ohr,
es dröhnt gar fürchterlich,
Das alles kommt mir sinnlos vor,
am meisten aber ich.

©Sandra Matteotti

Selbstmitgefühl

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Ab und an gelingen uns Dinge nicht. Oder wir sagen etwas, von dem wir sofort merken, dass wir es besser nicht – oder nicht so – gesagt hätten. Oder wir verhalten uns auf eine Weise, wie wir es eigentlich nicht möchten. Wir reagieren unangemessen und merken es einen Moment zu spät – nämlich erst danach. In all diesen Situationen passiert oft eines: Wir schimpfen mit uns! Wir sage uns, was wir alles falsch machen, fragen uns, wie wir so dumm sein können, schelten uns. Und ja, wir fühlen uns schlecht und unzulänglich.

Mit jemand anderem gingen wir kaum so hart ins Gericht. Je lieber uns der andere wäre, desto nachsichtiger wären wir sogar. Wieso also sind wir bei uns selber so hart? Wieso verzeihen wir anderen Fehler, sehen sogar über diese hinweg, prangern sie bei uns aber an, reiten drauf rum und halten sie uns immer wieder vor?

Mitgefühl ist ein Wort, das vielen präsent ist. Oft beziehen wir es aber nur auf andere, bei uns selber wenden wir es spärlich an. Aber: Wir sind ebenso wie die anderen ein Wesen, das Liebe und Glück sucht und Leiden nicht mag. Wir sind es ebenso wert, dass wir uns mit Mitgefühl bedenken, und zwar dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.

liebensbejahend

Ich wollte eine Brücke bauen
und igelte mich ein.
Ich wollte dir doch ganz vertrauen –
ich tat es nur zum Schein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und liess nur einen Spalt.
Nur ab und an liess ich dich rein,
doch meistens sagt’ ich: „Halt!“

Ich wollte eine Brücke bauen,
wollte mit dir sein,
in mir jedoch das grosse Grauen
vor zu grosser Pein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und mach mir’s hier bequem.
Doch bleib’ ich dabei schlicht allein,
trau ich nicht irgendwem.

Drum will ich es nun wirklich wagen,
und ich bau auf dich.
Drum möchte ich dir heute sagen:
Ja, ich traue mich!

©Sandra Matteotti

Lebenslehre

Hoch oben am Himmel
den Sternen so nah
flog ich zu den Wolken
und drüber noch gar.

Ich wähnte mich glücklich,
ich nutzte den Wind,
nur runter geht’s immer,
und manchmal geschwind.

Ich fiel aus den Wolken,
weit – talbodentief.
Ich lag in der Grube,
der Himmel hing schief.

Ich schaute nach oben
und fühlte mich klein.
Ich fühlte mich dumm auch,
wie könnt’ ich’s nicht sein?

Ich glaubte an Flügel,
an Sinn und an Zweck
ich traute dem Leben,
und lag nun im Dreck.

Am Schluss ist man schliesslich,
wie könnt’s anders sein,
am Schluss ist man schliesslich
doch immer allein.

©Sandra Matteotti

Höre auf dein Herz

„Wenn wir uns mehr um unser tatsächliches Wohl und unsere wahren Bedürfnisse kümmern als um das, was andere über uns denken oder von uns erwarten, sind wir in der Lage, uns sowohl persönlichere als auch erreichbarere Ziele zu setzen.“ (Thupten Jinpa)

  • Wieso tue ich, was ich tue?
  • Habe ich es selber gewollt oder erfülle ich damit die Erwartungen, die meine Eltern, mein Partner, die Gesellschaft an mich haben?

Wie oft leben wir ein Leben und verhalten uns dabei so, wie wir denken, dass es halt von uns erwartet wird? Wir müssen damit nicht offensichtlich unglücklich sein, aber doch schleicht sich hier und dort das Gefühl ein, dass es doch noch mehr geben müsste, dass das doch nicht ganz das ist, was wir eigentlich wollen. Nicht selten überhören wir die Stimmen und gehen den eingeschlagenen Weg weiter.

Dies machen wir oft so lange, bis uns etwas die Augen öffnet und in uns das Gefühl laut wird: So nicht mehr. Meistens sind das Krisensituationen, Krankheiten oder Schicksalsschläge. So leidvoll sie sind, bringen sie uns doch zum Nachdenken, bringen sie uns dazu, uns und unser Leben zu hinterfragen.

Wir müssten nicht auf einen solchen Auslöser warten. Wir könnten uns einfach heute hinsetzen und uns fragen:

  • Wie will ich leben?
  • Was kann ich tun?
  • Wo fange ich an?

Jeder Tag ist die Chance für einen neuen Anfang. Man muss ihn nur wagen.

Philosophieren mit Kindern

Weshalb, wieso, warum?

Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert?

Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Diese Fragen knüpfen an etwas an, das ich bereits weiss, und zeigen auf eine Lücke, die ich noch habe, auf etwas, das ich nicht weiss oder verstehe. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

„Eine der verbreitesten Krankheiten ist die Diagnose.“

Dies stellte einst Karl Kraus fest und trifft damit einen wichtigen Punkt. Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort eine Rückfrage stellen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden sollte in meinen Augen Pflichtfach in Schulen werden. Damit ist nicht der althergebrachte Philosophie-Unterricht gemeint, in welchem alte Schriften gelesen und interpretiert werden, sondern Philosophieren stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können.

Das Schöne dabei ist, dass wir als Erwachsene dadurch auch von den Kindern lernen: Wir lernen wieder hinzusehen, kreativ zu denken, werden vom Staunen und der Neugier angesteckt und stossen auf Antworten, die in unserem teilweise durch Vorwissen festgefahrenen Denken nicht mehr erscheinen.

 

Milchbüechlirächnige

Ein wunderbares Wort, nicht? Die Schweizer verstehen es, die anderen reimen sich ihres zusammen. Unterm Strich kommt etwa das raus:

Ich gebe dir was und erwarte dafür das Angemessene zurück.

Und meisst schmeisst man dabei Äpfel und Birnen in einen Topf, rührt kräftig um, keiner versteht die Suppe, die rauskommt, und alle denken sich ihres.

So mögen einige – eher unlautere – Geschäfte funktionieren, das Seelenleben kann man damit wohl nicht im Gleichgewicht halten. Wenn ich Gutes nur darum tue, um umso mehr zu ernten, wird das Seelengleichtgewicht ganz schnell ins Ungleichgewicht geraten – nämlich dann, wenn nicht das eintritt, was ich beim Geben erhofft, nein, quasi einberechnet hatte.

Wer dächte noch an das heute etwas frömmelig anmutende „Geben ist seliger denn Nehmen“, will man doch bei jedem Geben gleich wissen, was man dafür bekommt. Es ist nichts wert, was nicht einen Preis hat. Es ist nichts wert, was nichts einbringt.

Kant sagte einst, dass moralisch gut nur das ist, was um seiner selbst willen getan würde. Wenn man beim Tun schon auf die positiven Effekte für einen selber schielt, ist die Moral im Eimer. Schiller hielt dagegen. Es entstand ein Briefwechsel (die Kalias-Briefe). Er sagte, dass auch gut sein kann, was einen positiven Effekt hat, den man sich durchaus bewusst macht beim Tun des Guten. Die Briefe flogen hin und her, sie sind durchaus wunderbar zu lesen (wenn auch – um ehrlich zu sein – etwas lang und redundant und durchaus abkürzbar), ich für mich würde mich in der Mitte ansiedeln.

Gutes tut man um der Sache willen. Ohne für sich was zu erhoffen. Fällt was für einen ab, wunderbar. Wenn nicht, ist das traurig, aber noch nicht das Ende der Welt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich auszahlt, aus Überzeugung für das Gute in der Welt einzustehen. Nicht mit Kampfansagen. Nicht mit Boxhandschuhen. Schon gar nicht mit Angriffen und Mauern. Still. Leise. Im eigenen Kreis. Als Mensch.

Als dieser strahlt man. Ohne Kampf. Man muss nicht neue Opfer suchen und finden. Man muss niemanden niederkämpfen. Man kann andere Meinungen stehen lassen, sich dabei als Mensch unter Menschen begegnen. Und sich gegenseitig Achtung zollen. Als Mensch unter Menschen. Und wenn alle nur noch Menschen wären. Unter Menschen. Könnten wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen. Weil wir uns als Menschen begegneten. Wir verstünden uns nicht immer. Aber wir würden es versuchen. Wir gäben mal mehr. Dafür käme irgendwann auch viel zu uns. Nicht buchhalterisch. Schlicht menschlicht.

Ich bin überzeugt, dass das geht. Wir haben es nur aus den Augen verloren. Weil wir alles immer noch mehr absichern wollen. Weil wir alles immer noch mehr rationalisieren wollen. Weil wir überall noch mehr das abschaffen wollen, was uns als Menschen ausmacht: Beziehungen. Von Mensch zu Mensch.

Mitgefühl

„Was ist das Eine, das alle anderen Tugenden in sich fasst? Mitgefühl.“ (Buddha)

Mitgefühl. Was bedeutet das eigentlich? Es ist ein Gefühl. Eines, das mitgeht. Mitgeht mit dem Gefühl eines anderen. Es ist nicht Mitleid. Wenn der andere leidet, leide ich mitfühlend nicht mit. Aber ich verstehe ihn in seinem Leid. Ich kann „nachfühlen“, verstehe ihn in seinem Fühlen, in seinem Sein. Dieses Verstehen kommt von tief drinnen, es ist eine Verbindung von mir zum anderen.

Im Buddhismus ist das Mitgefühl zentral, es ist die eigentliche Essenz des Buddhismus. Im Mitgefühl drückt sich die Verbindung der lebenden Wesen untereinander aus. Mitgefühl basiert auf Wertschätzung, auf dem Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leid sein mögen. Und wenn wir uns das wünschen, werden wir uns auch hüten, anderen Leid zuzufügen, im Gegenteil: Wir würden alles daran setzen, dem Leiden ein Ende zu bereiten, läge es in unserer Macht.

Umfassendes Mitgefühl wertet nicht. Es sortiert nicht aus. Jeder Mensch will glücklich sein. Jeder Mensch will frei von Leid sein. Egal, wo er geboren wurde, welche Sprache er spricht, welche Religion er zu seiner erklärt oder welche Hautfarbe er hat. Auch der unliebsame Nachbar hat tief drin die gleichen Sehnsüchte wie wir. Ebenso der grantige Chef. Keiner steht wohl am Morgen auf und denkt: „Ich will heute mal ein Ekel sein, egal, ob mich die Menschen mögen.“ Wenn wir uns dieses vor Augen halten, gelingt es vielleicht, unser Mitgefühl auch auf die auszuweiten, denen wir im ersten Moment eigentlich zürnen wollten.

Und: Das kommt nicht zuletzt auch uns selber zu Gute, denn: Mitgefühl hat heilende Wirkung und es führt zu Frieden, Glück und Zufriedenheit.