Von grossen und von kleinen Fischen

Es war einmal ein Fischteich. Neben vielen kleinen Fischen schwamm darin auch ein grosser Hecht. Die kleinen Fische bewunderten ihn, weil er so gross war. Alle buhlten um seine Gunst, jeder dachte, wenn er nur erst im Schlepptau des grossen Hechts sei, wäre er auch etwas Besonderes und nicht bloss ein kleiner Fisch.

Eines Tages schwamm Jakob, ein wunderschöner kleiner blauer Fisch durch den Teich, als der grosse Hecht ihn ansprach. „Jakob, du bist so schön blau, wie bist du so geworden?“ Jakob freut sich über die Aufmerksamkeit und sagt zum grossen Hecht: „Ich habe in einer Teichecke eine blaue Blume gefunden. Immer, wenn ich davon esse, werde ich noch blauer.“ Der grosse Hecht strahlte über alle Backen und fragte Jakob: „Kannst du mir die Blumen zeigen? Ich möchte auch so blau sein. Als Dank dafür nehme ich dich in mein Rudel auf, dann bist du auch einer von den Besonderen.“

Jakob freute sich und nahm den grossen Hecht sogleich mit in die Ecke, wo die blauen Blumen wuchsen. Gierig fing der Hecht zu essen an. Er ass und ass, bis er keinen Bissen mehr runterkriegte. Langsam wechselte seine Farbe ins Blaue. Der Hecht war glücklich und schwamm weg. Jakob rief ihm nach: „Warte auf mich, ich gehöre nun doch zu dir.“ Der Hecht drehte sich um und lachte nur: „Du kleiner Fisch? Wozu würde ich dich jetzt noch brauchen?“

Jakob war traurig. Er war wohl reingelegt worden, weil er zu gutgläubig gewesen war. Wie er so traurig in der Ecke sass, kam sein Freund Klaus angeschwommen. „Was hast du denn, Jakob?“ Jakob erzählte ihm die ganze Geschichte. Klaus schaute ihn an und fing zu lachen an. Jakob wurde böse. „Du willst mein Freund sein? Lachst mich aus, wenn ich leide?“ Klaus hörte sofort auf zu lachen, schaute etwas betreten. Dann sagte er: „Jakob, verstehst du nicht? Du brauchst den grossen Hecht gar nicht, du bist längst etwas Besonderes. Wie wäre er sonst auf dich aufmerksam geworden? Zudem hat der grosse Hecht, seit er so blau ist, keine ruhige Minute mehr, weil alle Fischer hinter ihm her sind.“

Das Archimedes-Prinzip

Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie uns erscheint. Wir gehen davon aus, dass sie genau so ist, wie wir sie sehen, denn schliesslich haben wir weder eine rosa Brille auf noch einen Spiegel, wie man ihn aus dem Gruselkabinett kennt, zur Hand. Wir schauen hin und da steht sie – die Welt. Und in der Welt die Menschen, die sie ausmachen. Je näher uns Menschen sind, desto genauer schauen wir hin und desto mehr sehen wir von ihnen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei den Menschen, die einem nahe sind, mehr sieht als bei andern. Leider ist mehr aber nicht immer nur positiv, sondern hat immer verschiedene Seiten und Facetten. In der Natur des Menschen liegt es wohl, dem negativ Bewerteten mehr Gewicht zu geben als dem Positiven. Ist es erst mal gefunden, bohren wir drin rum. Wir beleuchten es von allen Seiten, blasen es auf, schmücken es aus. Und ist es erst einmal gross und fast schon drohend, sehen wir uns ihm ausgeliefert. Und wir hadern mit dem Schicksal. An diesem Punkt angekommen, gibt es in der Tat selten mehr einen Ausweg aus der Spirale. Wir sind zu tief drin, stecken quasi Brunnenschacht fest und erreichen den Rand nicht mehr. Je mehr wir strampeln, desto tiefer fallen wir, da wir uns immer im eigenen Universum bewegen, nur die eigene Sicht sehen und diese mit jedem weiteren Nachdenken mehr zementieren.

Vor vielen Jahren lebte Archimedes. Der Sage nach hob er die Welt aus den Angeln, indem er das anwendete, was man heute Hebelprinzip nennt. Indem man den Dreh- und Angelpunkt ausserhalb der eigenen Welt ansetzt, hat man einen längeren Hebel, und plötzlich bewegt sich das, was vorher unbeweglich schien. Genauso funktioniert das auch mit eigenen An- und Weltsichten. Oft hilft es, die ganze Geschichte von aussen zu betrachten, sprichwörtlich eine andere „Ansicht“ zuzulassen, um Seiten zu entdecken, die man selber nie gesehen hat. Andere Menschen schauen von einer anderen Warte auf das Geschehen und haben schon deshalb einen anderen Blick, den wir selber nie haben könnten. Indem wir ihre Sicht kennenlernen, können wir unsere eigene um neue Facetten erweitern – und damit vielleicht mehr Licht ins Dunkle des Brunnenschachts bringen. Wer weiss: Vielleicht ändert sich plötzlich der eigene Standpunkt und man sieht etwas vorher negativ Bewertetes plötzlich in einem anderen Licht, positiv.

Natürlich verkehrt nicht jede Ansicht von aussen etwas in sein Gegenteil. Gewisse Dinge bleiben negativ, egal wie man sie dreht und wendet. Wichtig ist wohl, bei allem den grossen Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren, Dinge nicht zu sehr zu isolieren. Die Welt ist nie nur gut, es ist nie alles toll und wunderbar, das Schwierige, Schlechte gehört zum Leben dazu wie das Gute und Wundervolle (und die Bewertung ist immer eine persönliche). Wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Oft hilft es schon viel, bei all dem Schatten die Lichtmomente nicht zu übersehen, und daran zu denken: Es ist nichts nur schwarz oder weiss. Ein Sonnenstrahl inmitten dunkler Regenwolken kann einen Regenbogen bewirken und damit die ganze bunte Farbenpracht.

Rezension: Rebecca Martin – Nacktschnecken

Sich finden – im Leben und in der Beziehung

Ich stelle mir vor, du hättest nicht zufällig neben mir gesessen, als ich gerade aufstehen und schon wieder gehen wollte. […] Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht. Wir hätten all die Dinge nicht geteilt, wir hätten die gemachten Fehler nicht gemacht, zumindest nicht miteinander…

Nora und Paul sind seit langem ein Paar. Sie haben sich eingerichtet, ihre Rollen gefunden, verstehen sich quasi blind. So gehen sie durch die Jahre. Eigentlich könnte alles gut sein, es ist auch nicht schlecht, nur kommt immer wieder das Leben dazwischen, bringt Probleme auf, zeigt Risse in den festgelegten Rollenmodellen, lässt Nora zweifeln: an sich, an Paul, an der Beziehung. Wie viele Kompromisse kann man machen, ohne sich selber zu verlieren? Wie viele Zugeständnisse muss man machen, um den anderen nicht zu verlieren?

Nacktschnecken handelt von einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben und in ihrer Beziehung sucht. Rebecca Martin versteht es, in einer Sprache, die ganz der Protagonistin entspricht, mit viel Feingefühl und Tiefgang die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zu schildern, ohne dabei zu psychologisieren. Vielmehr zeigt sie das pralle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durch die erlebte Geschichte. Dadurch ist ein Zeugnis einer Generation entstanden, das selbst wenn es nicht die eigene betrifft, verständlich und nachvollziehbar wird. Und jeder, der durch diese Phasen des Lebens hindurch ging, wird sich irgendwo wiederfinden in der Erzählung von Nora und Paul.

Fazit
Ein feinfühliges und tiefgründiges Buch, in dem alles passt: Plot, Figuren, Sprache. Empfehlenswert.

Zum Autor
Rebecca Martin
Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 veröffentlicht sie ihren Roman Frühling und so, 2009 macht sie Abitur. Es folgt die Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erscheint der zweite Roman Und alle so yeah im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 absolviert sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Angaben zum Buch:
MartinNacktschneckenTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (12. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3832163204
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Schweizerin

Ich bin Schweizer. So ein richtig uriger mit Wurzeln bis ins Mittelalter und wohl noch weiter. Politische Diskussionen, wann die Schweiz entstanden ist und wie lange zurück das eigene Schweizersein überhaupt gehen kann, möchte ich hiermit nicht vom Stapel reissen. Irgendwo in geistigen Tiefen schwirren Daten von Schwüren, Bünden und ähnlichem umher, anhand derer man das wohl festmachen könnte. Ich möchte das nun nicht reaktivieren. Was bleibt ist: Ich bin Schweizer – eigentlich ja Schweizerin, will man feministischen Vorstössen Genüge tun – und ich bin es gerne. Ich bin es drum gerne, weil mir daraus kein Schaden erwächst und ich nichts anderes kenne. Ich bin gewohnt, Schweizerin zu sein und sehe, dass es auch hätte schlimmer kommen können. Ich habe nichts aktiv dazu getan, eine zu sein, würde es aber auch nicht unbedingt ändern wollen.

Gut, es gab eine Zeit, da hätte ich gerne in den USA gelebt. Ich hörte damals von unmöglichen politischen Zuständen und überhaupt. Das kümmerte mich nicht bei dem Gedanken, wieso ich dahin wollte. Es waren andere Gründe. Weites Land, offene Menschen, Möglichkeiten, die andernorts nicht vorhanden schienen. Es gab auch eine Zeit, in der ich gerne nach Deutschland – genauer nach München – ausgewandert wäre. Auch da hörte ich was von politischen Schwierigkeiten und wie schön ich es doch in der Schweiz hätte. Auch da kümmerte mich das nicht, meine Gründe waren anders, orientierten sich an wunderbar grossen Städten, offeneren Menschen, offenerem Denken, mehr kulturellem Interessen und Nischenkulturen in Grossstädten. Ich hätte wohl alles machen können, aber ich blieb hier. Weil ich es hier kannte, weil ich hier irgendwie zuhause war.

So gerne ich Schweizerin bin, so sehr stösst mir immer wieder eines auf: Schweizer scheinen darauf erpicht zu sein, Negatives zu sehen und anzuprangern. Freut sich einer, findet der andere ein Haar in der Suppe. Bringt eine Zeitung eine schöne Nachricht, findet sich ein Kommentator, der alles ins Negative interpretieren kann. Es kann nicht sein, dass alles gut ist, nein, da muss was dahinter stecken. Und wenn nichts dahinter steckt, fragt man sich, wieso man das überhaupt in der Zeitung lesen musste. Wen kümmern schon positive Nachrichten?

Der Schweizer denkt eng, er denkt in Normen und Masstäben. Alles hat seine Ordnung und so war es schon immer. Man hält fest an dem, was man kennt und backt lieber kleine Brötchen. Schliesslich ist man ja bescheiden. Drum fragt man immer, ob man was sagen dürfe, statt es einfach zu sagen. Drum sagt man immer „oder“ am Schluss des Satzes, um sich auch wirklich zu vergewissern, dass man richtig liegt und wenn nicht, schon angetönt zu haben, dass man nicht sicher war. Man steht nicht hin und tut, man kriecht sich ran. Stellt sich ein anderer hin, so wirft man es ihm vor, er ist arrogant, er ist überheblich. Wie kann der nur meinen, etwas zu wissen, das würde man selber nie tun. Daher rührt wohl auch das Problem mit den Deutschen, das man oft zitiert. Sagt dieser „Ich kriege noch ein Bier!“ an der Bar, klänge das bei unserem Schweizer so: „Dürfte ich bitte noch ein Bier haben?“ Kein Wunder erscheint ihm der Deutsche ungehobelt. Wie kann der bloss denken, dass er das einfach kriegt. So ohne „Bitte“ und höfliche Frage. Der Schweizer fragt am Schluss auch höflich, ob er nun noch zahlen dürfe. Spätestens dann müsste die Sprechweise entlarvt sein, da wohl keiner davon ausgeht, dass er nicht zahlen müsste. Nur denkt man nicht so weit, man interpretiert da, wo es negativ auffällt und fällt nichts auf, sucht man es.

Und so lebt der Schweizer fröhlich vor sich hin in seinen selbstgesteckten Grenzen und Bescheidenheit, und misst die Welt an seinem Masstab. Schliesslich darf er das, er ist hier zu Hause. Und das bin auch ich und bin es gerne. Ab und an ärgere ich mich über Kleingeist und enge Grenzen. Aber vielleicht ist das ja genau dasselbe Kritikergen, das dem Schweizer innewohnt, schliesslich bin ich einer. Also eine. –in.

Künstler

Der Künstlerstatus ist seit jeher ein schwieriger. Er ist mit vielen Konnotationen belegt. Künstler werden verehrt – vor allem, wenn sie tot sind. Leben sie noch, begegnet man ihnen meist mit Skepsis (oder Verehrung, die aber genauso ausgrenzend ist wie die Skepsis). Nennt sich einer Künstler, schaut man genau hin, was er denn so macht und ob das taugt, ihn einen Künstler zu nennen. Messen tut man das meist daran, ob das Gemachte a) gefällt und b) verkäuflich ist oder gar c) schon verkauft wurde. Wenn dem nicht so ist, wackelt der Künstlerstuhl.

Wann ist ein Künstler ein ebensolcher? Wenn er beginnt, seiner Wahrnehmung der Welt einen Ausdruck zu geben? Wenn dieser Ausdruck schön ist? Oder erst, wenn er Geld bringt? Viele der heute ach so verehrten Künstler wären dann keine gewesen. Van Gogh? Ein armer Irrer – und mit ihm noch ganz viele andere. Oder wird man generell erst posthum Künstler? Picassos Ausspruch, dass in Museen nur Misserfolge hängen, da sie in ihrer Zeit blosser Regelverstoss und damit keine Kunst waren, würde das unterstützen (und zugleich den Unsinn deutlich machen).

Klar scheint, dass der Künstler irgendwie am Rande der Gesellschaft steht. Die anderen Bürger (die früher als Bürger dem Künstler gegenüber gestellt wurden und diesen somit aus der Gesellschaft verstossen haben begrifflich) massen sich an, Norm und Massstab zu sein – sie bestimmen über den Wert des Künstlers als Mensch und Teil der Gesellschaft sowie den Wert von dessen Werk. Das ist nicht per se schlimm, wenn es sich um das Werk dreht, beim Menschen liegt der Fall etwas anders, aber: Irgendwie scheint der Künstler nicht nur der verkommene Sohn der Gesellschaft zu sein, sondern auch einen Status zu vertreten, mit dem man gewisse Eigenschaften wie Abenteuer, Erfolg, (Selbst-)Entfaltung sowie auch Freiheit verbindet. Und diese neidet man. Die gesteht man nicht jedem gerne einfach so zu. Der selbsternannte Künstler hat sich also zu behaupten. Und zu rechtfertigen. Taugt er wirklich? Und alle anderen sind plötzlich Experten.

Was ist ein Künstler? Picasso nannte ihn einen „Sammelbehälter von Empfindungen“, der „schafft, weil er schaffen muss“. Künstler zu sein, ist keine Auszeichnung, auch nichts, das man sich aussucht, weil es irgendwie cool wäre. Es ist ein Schaffensdrang in einem drin, der einen immer wieder dazu antreibt, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen und eine Ausdrucksform für diese Auseinandersetzung zu finden. Dass es nicht selbstgewählt ist, sieht man wohl daran, dass Künstler an ihrem Künstlerdasein auch festhalten, wenn dieses beschwerlich ist – was es für die meisten ist und war, liest man Biographien.

Ich gehe meinen Weg nun schon einige Jahre, bewege mich in verschiedenen Sparten der Kunst. Ich haderte immer wieder mit mir und mit der Welt, schalt mich, dass ich nicht einfach tue, was man eben so tut in dieser Welt, nämlich einer geregelten Arbeit nachgehen (einer, die auch von allen als solche gesehen wird, weil sie als solche in irgendeinem Reglement definiert ist). Jeder Versuch, meinen Schaffensdrang einzudämmen und gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen, führte immer zum selben Ergebnis: Der noch grösseren Einsicht, was mein wirklicher Weg sein muss. Weil es keine Alternative gibt. Ich bin weder Picasso noch Goethe oder Kant, aber ich bin dankbar, meinen Weg gehen zu können und Menschen im Rücken zu haben, die ihn verstehen, ihn mit mir gehen, dabei immer auch hinter mir stehen. Kürzlich sagte mein Papa: „Du warst schon immer anders, aber du bist wunderbar so.“ Ich nehme das als Kompliment.

Wortlos

Ich möchte so viel sagen,
doch mir fehlen die Worte.
Ich sitze hier und ringe nach ihnen,
aber sie bleiben aus.

Ich weiss nicht,
was ich in die Worte packte,
hätte ich sie denn,
doch ich spüre,
dass da etwas ist,
das raus will,
das raus muss.

Ich drohe zu ersticken
ob all der ungesagten Worte,
ob all der verdeckten Inhalte,
die sich in mir ballen
zu Klumpen im Bauch,
zu Klössen im Hals.

Ich drohe zu ertrinken
in der Flut sich überschlagender Wogen
aus all dem Unterdrückten.
Sie schlagen mir auf den Magen,
sie überschwemmen mein Gemüt.

Ich drohe zu verbrennen,
in einem Feuer, das mich verschlingt.
Noch brodelt es in mir,
geht in Schüben durch mich.
Es wird ausbrechen,
es muss – irgendwann.

Noch sitze ich hier.
Ich habe keine Worte
und finde nichts,
das ich in sie kleiden könnte.

Rezension: Zürcher Kunstgesellschaft – Chagall. Meister der Moderne

Poetische Malerei, malerische Poesie

„…Ich musste einen besonderen Beruf finden, eine Beschäftigung, die mich nicht zwingen würde, mich vom Himmel und den Sternen abzuwenden, und die mir erlauben würde, meinen Sinn des Lebens zu finden. Ja, genau das suchte ich. In meiner Heimat jedoch hatte niemals vor mir die Worte ‚Kunst, Künstler’ ausgesprochen. ‚Was ist das, ein Künstler?’, fragte ich.“

Chagall3Marc Chagall ist in Zürich permanent präsent durch seine Glasfenster im Fraumünster sowie mit einigen Werken in der Sammlung des Kunsthauses Zürich.

Wenn man an Marc Chagall denkt, denkt man hauptsächlich an sein spätes Werk. In explosiven Farben zeigen sich Bilder voller Poesie. Fliegende Menschen, Tiere, Akrobaten, Künstler, Sonne, Mond und Sterne – eine Traumwelt auf Leinwand gebannt und doch nicht da gefangen, sondern frei zum Betrachter sprechend. nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen. Chagall verstand es wie kein anderer, Phantasiewelten bildhaft werden zu lassen. Er arrangierte Figuren und Farben, Formen und Ausdrücke so, dass sie einerseits ein stimmiges Ganzes ergeben und eine Geschichte erzählen, andererseits jedes Detail für sich ein neue Geschichte in sich trägt. Selten hat man bei einem Anblick alles gesehen, noch nach Jahren fallen einem immer wieder neue Details auf, stechen Dinge ins Auge, von denen man vorher nie Notiz nahm, egal, wie genau man schaute. Ein kleines Wunder auf Leinwand.

Chagall2Der vorliegende Ausstellungskatalog behandelt – gleich wie die Ausstellung im Jahr 2013 – die frühen Jahre Chagalls, die entscheidenden drei Jahre zwischen 1911 und 1914 (Marc Chagall verbrachte sie in Paris) sowie die anschliessenden bis 1922. In diesen Jahren etablierte sich Marc Chagall als Künstler. Bilder dieser Zeit sind durchdrungen von jüdische Bildwelten und Volkskunst und sie setzen sich sowohl mit Einflüssen vergangener Epochen und Strömungen sowie mit der avantgardistischen Bewegung auseinander. Vor allem die Jahre in Paris waren geprägt durch den Kontakt mit vielen Künstlern – Dichtern, Sammlern, Schriftstellern sowie Malern –, durch welche Chagall seine ganz eigene, eigenwillige künstlerische Sprache entwickelte.

Chagall ging es nicht drum, Aspekte der realen Welt zu malen, vielmehr wollte er eigene Fantasiewelten erschaffen.

„Was ist das für eine Epoche, die Hymnen auf die Technik singt und die den Formalismus vergöttlicht? […] Sollen sie nur an ihren dreieckigen Tischen ihre quadratischen Birnen essen, bis sie satt sind! […] Nieder mit dem Naturalismus, dem Impressionismus und dem realistischen Kubismus!“ (Aus Chagall: Mein Leben)

Den Kubismus (nicht den realistischen) liebte er und entwickelte ihn für sich weiter. Dies war in seinen Augen der einzige Weg, um als moderner Künstler Erfolg zu haben. Das vorliegende Buch beinhaltet einerseits informative Artikel von Simonetta Fraquelli, Angela Lampe, Monica Bohm-Duchen, Ekaterina L. Selezneva und Jean-Louis Prat, welche den Bogen von Chagalls Anfängen als Künstler bis hin zu seinem Spätwerk spannen. Andererseits zeigen die Bilder, welche Vielfalt und Ausdruckskraft der moderne Maler über die Jahre entwickelte. Die Bandbreite des Dargebotenen ist enorm und der Ausstellungskatalog auch für die, welche die Ausstellung nicht besuchen konnten, ein wunderbarer Überblick über das Leben und Schaffen eines der grössten modernen Künstler.

Fazit:
Alles in allem eine wahre Fundgrube, eine Augenweide und ein Genuss. Einer der grössten Künstler wird kompetent und ästhetisch präsentiert. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
ChagallCoverGebundene Ausgabe: 196 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag (1. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3775734646
Preis: EUR 19.95 / CHF 27.90

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Nicki entdeckt die Welt

Es war ein strahlend schöner Sommertag. Am Himmel zeigte sich kein Wölkchen und die Vögel sangen fröhlich ihre Lieder. An diesem Tag kam irgendwo in den Bergen ein kleiner Murmeltierjunge auf die Welt. Seine Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Mit der Geburt ihres Sohnes ging ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Sie nannten ihn Nicki.

Nicki war ein aufgeweckter kleiner Kerl, der sehr neugierig alles erkunden wollte. Anfangs noch etwas tapsig auf den Beinen, wagte er sich immer mutiger weiter vor in der Murmeltierhöhle und bald schon musste die Mutter aufpassen, dass er nicht zu weit ging, denn noch wusste er nichts von den Gefahren ausserhalb der geschützten Höhle. Er wäre ihnen hilflos ausgeliefert.

Nicki vergnügte sich in der Höhle mit seinen Lieblingsspielen. Für sein Leben gerne spielte er verstecken. Es kam vor, dass er eine ganze Weile in seinem Versteck sass und darauf wartete, dass ihn seine Mutter fand. Um Nicki eine Freude zu machen, rief Mama Murmel laut nach ihm und suchte an den unmöglichsten Orten nach ihm, obwohl sie ihn längst gesehen hatte. Wenn er sich schliesslich zeigte, mussten beide lachen. Überhaupt war das Leben für Nicki voller Freude.

An einem sonnigen Morgen war es endlich soweit. Mama Murmel sagte zu Nicki: „Zieh deine Schuhe und deine Mütze an, Nicki, wir gehen Beeren pflücken. Heute siehst du zum ersten Mal die Welt da draussen vor der Höhle.“ Nicki freute sich, dass er endlich all die Dinge sehen konnte, von denen er bisher nur gehört hatte. Endlich sah er die Vögel, die ihn jeden Morgen mit ihrem wunderschönen Gesang weckten, endlich sah er die Sonne, die ab und zu einen Strahl zu ihm in die Höhle schickte.

Als Nicki fertig angezogen war, ging’s los. Nun packte Nicki doch etwas die Angst. Je näher sie zum Eingang der Höhle kamen, desto näher rückte er an seine Mutter. Er wusste nicht genau, was ihn da draussen erwartet und fühlte sich plötzlich sehr klein und hilflos. Kurz vor dem Eingang der Höhle stellte er sich auf die Zehenspitzen, streckte seinen Hals so weit er konnte nach vorne und blinzelte um die Ecke nach draussen. Was er da sah, verschlug ihm fast die Sprache. Satte grüne Wiesen lagen da, Schmetterlinge tanzten in der Luft, am Himmel flogen singend Vögel und die Sonne strahlte ihn an. Es war, als wolle ihn die Welt begrüssen. Als er das sah, wurde er mutiger, liess seine Mutter los und lief hinaus. Erst noch etwas zaghaft, dann immer ungestümer sprang er umher, tanzte zwischen den Blumen, lachte und sang. Er war glücklich. Nachdem er sich so ausgetobt hatte, lief er zu seiner Mutter, die schon mit dem Beerenpflücken begonnen hatte. Eifrig begann auch er, die schönen blauen Beeren vom Strauch zu pflücken. Seine Hilfe war aber nicht ganz so gross, der mitgebrachte Korb füllte sich kaum. Stattdessen wurde sein Bauch immer runder und die Haare um seinen Mund immer blauer.

Als die Sonne sich langsam senkte, wollte Mama Murmel nach Hause gehen. Nicki war traurig, dass er seine neue Freiheit schon wieder aufgeben sollte.

„Mama, können wir nicht noch etwas bleiben? Es ist so schön hier“, sagte Nicki. Seine Mutter antwortete: „Nein Nicki, wir müssen heim und uns ums Nachtessen kümmern. Wir kommen aber bestimmt morgen wieder her!“

Das tröstete Nicki und eigentlich war er auch recht müde von den vielen Eindrücken. Zu Hauswe kroch er sofort ins Bett und war auch gleich eingeschlafen. Er hoffte, die Welt in seine Träume mitnehmen zu können. Aber es kam anders.

Mitten in der Nacht erwachte Nicki, weil ihn etwas an den Füssen kitzelte. Als er nachschaute, was es war, sah er ein kleines rotes Tierchen auf seinem Fuss rumspazieren. Erschocken rief er nach seiner Mutter: „Mama, da krabbelt etwas über meinen Fuss!“ Schnell kam die Mama herbeigeeilt. Als die Mutter sah, was los war, meinte sie: „Hab keine Angst, das ist eine Ameise, die tut dir nichts. Ich werde mal nachschauen, woher sie kommt.“ Auf dem Weg nach draussen begegnete sie einer ganze Reihe der kleinen Tierchen. Beim Eingang angekommen sah sie die Bescherung: Eine Ameisenfamilie hatte begonnen, genau über ihrem Eingang einen Ameisenhaufen zu bauen. Schnell eilte Mama Murmel in die Höhle zurück und erzählte Papa Murmel, was sie gesehen hatte. „Was sollen wir nur machen?“ fragte sie. „Wenn wir nichts unternehmen, sind bald alle Ameisen in unserer Wohnung.“ Papa, noch ganz schlaftrunken, meinte darauf: „Lass uns unsere Freunde holen und sie fragen. Einer weiss sicher Rat!“ Glücklicherweise besass die Höhle einen Notausgang, den sie nun benutzen konnten. Sie eilten zu den Höhlen ihrer Freunde und trommelten alle zusammen. Papa Murmel erzählte ihnen vom Ameisenhaufen und den vielen Ameisen in ihrer Höhle. „Könnt ihr uns helfen, eine Lösung zu finden, dass die Ameisen nicht mehr in unsere Höhle kommen?“

Fridolin, ihr Nachbar meinte: “Wir könnten den Haufen kaputt machen, dann bauen sie ihn an einer andern Stelle wieder auf und ihr habt eure Wohnung wieder für euch.“ Das gefiel Papa Murmel nicht: „Ich möchte nicht, dass die Ameisen ihr Zuhause verlieren, denn sie haben den Haufen sicher nicht aus Absicht auf unseren Eingang gebaut. Es muss eine Lösung geben, bei der wir beide zufrieden leben können.“ Bert, Nickis Onkel, hatte eine bessere Idee: „Lasst uns Äste sammeln, soviel wir nur tragen können. Damit wollen wir den Eingang verschliessen. Die Löcher stopfen wir mit Erde. Dann kommen die Ameisen nicht mehr in eure Wohnung, können aber trotzdem ihr Zuhause behalten.“ Das fanden alle gut und so begannen sie eifrig, Äste zu sammeln. Zu Hause angekommen, packten die Frauen ihre Besen und jagten damit alle Ameisen aus der Höhle. Danach bauten die Männer aus den Ästen ein Gerüst und stopften wie geplant die Löcher mit Erde zu. Bald schon sah man nicht mehr, dass an dieser Stelle mal ein Eingang gewesen war. Als sie fertig waren, sagte Bert: „Wenn wir schon alle hier sind, können wir gleich einen neuen Eingang bauen, damit ihr nicht immer durch den Notausstieg rausklettern müsst. Wenn wir alle mit anpacken, geht das ganz flink und macht erst noch Spass!“

Gesagt getan. Schnell packten die Murmelfreunde Schaufeln und Besen. Die einen lösten Erde von der Wand, die andern fegten sie weg. Schon bald fiel ein erster Strahl der gerade aufgehenden Sonne in die Höhle. Der neue Eingang war fertig. Nun konnten sich die Murmels wieder wohlfühlen in ihrer Höhle. Es waren keine Ameisen mehr da und der neue Eingang war sogar noch schöner als der alte gewesen war. Zum Dank für ihre Hilfe lud Familie Murmel alle Freunde zum Frühstück ein. Mama Murmel holte alle Leckerbissen, die sie in der Vorratskammer finden konnte. Bald sassen alle fröhlich vereint um den Tisch und liessen sich die vielen Köstlichkeiten schmecken – unter anderem auch die Beeren, die Mama Murmel gestern mit Nicki gepflückt hatte. Nicki hatte ein ganz schlechtes Gewissen, weil er gestern so viele Beeren gegessen hatte, anstatt sie in den Korb zu tun. Dies nahm ihm aber niemand übel, denn sie konnten sich alle noch gut daran erinnern, wie sie das erste Mal Beeren pflücken waren.

Hanni Münzer – Nachgefragt

Hanni sehr schönes PortraitHanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt Die Seelenfischer. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin. Ihr neuster Roman: Honigtot.

Hanni Münzer hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine ganz normal Verrückte aus Bayern, glücklich verheiratet, zwei Kinder, ein Hund. Sie ist vorlaut, mit der Neigung zum zivilen Ungehorsam, erzählt gern schmutzige Witze (Spitzname:„Dirty Hanni“), nimmt sich aber selbst nicht zu ernst. Und sie liebt und lebt in ihren Geschichten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Da könnte man mich genauso fragen, was mich zum Essen, Trinken oder Lieben anhält. Schreiben ist für mich ein natürlicher Reflex, ich entkomme ihm nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

„Talent ist zwar eine Voraussetzung, aber Können muss man sich hart erarbeiten.“ Das ist das Zitat eines fiktiven Musiklehrers aus meinem Buch „HONIGTOT“. Es ist wahr, für eine gute Geschichte muss man sich schinden. Recherche ist das A und O und: lesen, lesen, lesen. Man sollte nie aufhören zu lernen, vor allem von den Großen des Genres. Einen Schreibkurs habe ich nie besucht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Erst die Idee, dann die Recherche. Das ist der schönste Part: Ich marschiere mit der Liste der Bücher, die ich dazu lesen muss in meine Buchhandlung vor Ort, und komme mit doppelt so vielen wieder heraus. Mindestens. Bücher sind für mich wie Schuhe, ich muss sie alle haben. Hier endet die Vorbereitung. Ich gestehe: Am Anfang steht die Planung, am Ende regiert das Chaos.

Wann und wo schreiben Sie?

So oft ich kann, verschwinde ich in meinen Schreibkeller.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich muss nicht abschalten. Schreiben ist für mich Entspannung pur, mein Gehirn hat immer Ferien. Die Geschichten und Ideen suchen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit heim. Oft treibt es mich mitten in der Nacht an den PC. Mein Mann schimpft. Ich höre erst auf zu schreiben, wenn er nach einer warmen Mahlzeit verlangt. Oder der Hund mir die Leine vor die Füße legt. Mein Mann behauptet ja, ich könne mich nicht „Abschalten“, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Schreibmaschine wäre. Stimmt nicht, ich genieße die Zeit mit ihm, meiner Familie, meinen Freunden, dem Hund, dem Garten, dem Sport. Nicht zuletzt mit einem guten Buch. Und tausend anderen Dingen …

Hanni mit HundWas bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich habe das große Glück, dass aus einem Hobby, das für mich Berufung war, ein Beruf geworden ist, von dem ich derzeit sogar leben kann. Das Einzige, womit ich als Autor kämpfe, ist die Zeit. Sie zerrinnt mir zwischen den Händen.

Die größte Freude, die ich als Autor erlebe, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Gerade zu „HONIGTOT“ haben mich viele Leser angeschrieben, weil das Buch sie berührt hat, darunter auch einige Zeitzeugen. Für diese Sternstunden lebe und schreibe ich und dafür bin ich vor allem zutiefst dankbar. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, meine erfundene Geschichte von Adam und Eva und der ersten Ameise Moriah aus „Honigtot“, habe es sogar als Hauptthema in die Predigt eines Pfarrers gebracht, der sie mit der Bergpredigt verknüpft hat. Wenn das mein alter Pfarrer Braun wüsste: Der ist daran verzweifelt, dass er mich nicht zum Glauben hinführen konnte.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

 Diese Stimmen kenne ich nur vom Hörensagen. Verlage sind Unternehmen und müssen wirtschaftlich arbeiten, davon hängt die Zahl ihrer Arbeitsplätze ab. Die Konkurrenz ist groß und die veränderten Marktbedingungen machen es nicht leichter. Dass hier, wie in jeder anderen Branche auch, hart um und mit der Ware „Autor“ gefeilscht wird, ist nachvollziehbar. Es geht immer um Umsatz und Gewinn. Auch der Autor ist Unternehmer. Etwas Methusalix finde ich das Abrechnungssystem im Computerzeitalter. Verlage könnten wenigstens quartalsweise abrechnen. Doch vorwiegend gilt die jährliche Abrechnungsweise mit Zahlungsziel 30-60 Tage, selten die halbjährliche, für die muss man kämpfen. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich bei meinem Wunschverlag Piper untergekommen bin und sehr glücklich über die bisherige Zusammenarbeit bin.

Ihr Roman Honigtot greift ein historisches Thema auf. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Alles. Wieviel Zeit haben Sie?

Die Erzählungen meiner Stiefoma weckten in mir sehr früh das Interesse für die deutsche Vergangenheit. Wir sind mütterlicherseits Sudetendeutsche, väterlicherseits stamme ich zu einem Drittel von einer mobilen, ethnischen Gruppe ab. (So nennt man jetzt politisch korrekt ‚Zigeuner‘). Denkt man an diesen unsäglichen 2. Weltkrieg hat man sogleich die Bilder von Tod und Zerstörung im Kopf: Rollende Panzer, marschierende Soldaten, Bombenhagel, verwüstete Städte und Landstriche, vor allem aber auch Auschwitz mit seinen entsetzlichen Leichenbergen.

Diese Bilder wollte ich nicht heraufbeschwören. Ich wollte zeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen machte, die das braune Regime damals zu unerwünschten Kreaturen erklärt hat. Wie diese Familien die Zeit erlebten, wie sie fühlten und litten und ums Überleben kämpften.

Und ich wollte den mutigen Frauen jener Zeit ein Denkmal setzen.„Honigtot“ lebt von seinen starken Frauengestalten. Elisabeth, die wie eine Löwin um ihre Liebe und später um ihre Kinder kämpft, ihre leidenschaftliche Tochter Deborah, die, um ihren Bruder zu schützen, zu allem bereit ist, und ihre toughe Freundin Marlene, die Widerstandskämpferin. Sie stehen stellvertretend für all jene Frauen, die in der heutigen Zeit ebenso für ihre Liebe, ihre Familie und ihre Kinder kämpfen müssen. Das ist der eigentliche Irrsinn: Es gibt immer noch zu viel Krieg und Unrecht auf dieser Welt. Der Mensch bleibt sich in seinen schlechten Taten treu, er lernt nicht dazu.

Hatten Sie auch Bedenken deswegen?

Niemals. Der Feind der Erinnerung ist das Vergessen. Die Erinnerung, zu welch furchtbaren Taten der Mensch fähig ist, sei es aus Machtgier, ideologischer Verblendung oder, weil jemand wie Hitler und seine Helfershelfer das anarchistische Umfeld geschaffen haben, das diese Monster damals straffrei wirken ließ, muss wachgehalten werden. Ich bin nur eine kleine Stimme, aber es ist eine Stimme.

Im Roman sieht man sich mit einer sehr prägenden Vergangenheit konfrontiert – sie prägt sogar, wenn man die genauen Hintergründe nicht kennt. Kann man seiner Vergangenheit entkommen oder ist sie immer präsent?

Mein Buch behandelt ja auch die Themen Schuld und Sühne und die Frage: Gibt es so etwas wie eine Erbsünde? Wie sehr wirkt sich das geistige Erbe, das vier Generationen Frauen in „Honigtot“ einander weitergeben, aus? Ist die Schuld unserer Väter vielleicht unsere Erbsünde? Wird es unserer Generation der Kriegsenkel je möglich sein, diese Schuld zu büßen?

Kürzlich fragte mich jemand dazu sinngemäß: Wenn uns die historischen Ereignisse wie eine unaufhaltsame Strömung treiben, sind wir noch für unsere Taten verantwortlich?

Ja, das sind wir.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Inspirationen und Ideen kommen, wenn sie wollen, nicht, wenn ich es will. Ich bin ihnen daher hilflos ausgeliefert. Natürlich hat die Idee zu einer Geschichte viele Wurzeln, sie wächst durch die eigenen Gedanken, Erlebnisse und Begegnungen, Gefühle und Emotionen.

Auch folge ich einem unbändigen Trieb der Neugierde, lese gerne, unterhalte mich gerne, reise gerne und interessiere mich für alles, insbesondere die unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es beschäftigt mich sehr, nachzuvollziehen, warum der einzelne Mensch ist, wie er ist. Woher kommt das Böse, wie entsteht das Gute? Wie vorher erwähnt, recherchiere ich mit Leidenschaft. Oft ergeben sich dadurch neue Anregungen, ich entdecke einen Namen, dessen Schicksal ich weiterverfolge, knüpfe Gedankenfäden, die ich weiterspinne. So entstehen Geschichten.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hanni Münzer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das ist eine hinterlistige Frage. Ich liebe sie alle; auch die Bösen. Die Guten müssen ja in der Relation gut sein können. Natürlich habe ich besonders an meiner Protagonistin im „SEELENFISCHER“, der Journalistin Rabea Rosenthal, gefeilt, eine kämpferische Weltverbesserin mit Idealismus-Virus:-). Sie hat auf meiner Webpage sogar ihre eigene Form der Zehn Gebote. Mir steht auch der Jesuit Simone nahe. Er hat einen unmöglichen Kleidungsstil, kocht gerne, zitiert Shakespeare und erzählt noch unter Folter Jesuitenwitze. Besonders aber beschäftigen mich meine vier Protagonistinnen in „HONIGTOT“, ich kann sie nicht loslassen. (Siehe oben zum historischen Thema.)

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein, warum? Buch ist Buch und Meinung ist Meinung. Die habe ich auch, als Bürger. Ich wünsche mir weniger Politik und Staat und dafür mehr Volksentscheide. Die Iren haben es uns gerade wunderbar vorgemacht mit ihrer Abstimmung für die Homo-Ehe.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Wenn ich könnte, würde ich Tag und Nacht lesen, meine Lektüre ist auch stark stimmungsabhängig. An melancholischen Tagen lese ich Orhan Pamuk, Michel Houllebecq, Toni Morrison. Aber oft will ich vor allem eines: lernen. Ach, es gibt so viele großartige Kollegen, deren Bücher mich berühren und zum Nachdenken anregen. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Es ist kein Geheimnis, dass ich J.R.R. Tolkien verehre, sein sprachliches Spektrum ist genial. Er hat im Ersten Weltkrieg als Soldat das Gemetzel an der Somme mitgemacht und seine Erlebnisse in der Ring-Trilogie verarbeitet. Ich bewundere auch Richard Adams. Sein „Watership down“ ist magisch. Adams engagiert sich stark für den Tierschutz. Tiere sind ebenso Gottesgeschöpfe und ich finde, eine Gesellschaft sollte sich auch daran messen lassen, wie sie mit seinen Tieren und der Natur umgeht. Ansonsten lese ich sehr bunt. Jane Austen, weil sie zeitlos ist, Mark Twain, wegen seiner scharfen Zunge, aber vornehmlich Biographien von Zeitzeugen wie die von Egon Hanfstängl oder Hannah Arendt. Sehr lehrreich ist Robert Dallek´s „Kennedy – Ein unvollendetes Leben“. Es lässt die Verknüpfungen von Militär und Wirtschaft in den USA aufscheinen, auf die bereits Eisenhower in seiner berühmten Abschiedsrede 1961 hingewiesen hat. Auch Evelyne Levers „Madame de Pompadour“ ist ein Leseerlebnis. Die Pompadour war eine bewundernswerte Frau mit einem starken Charakter, künstlerisch multibegabt und von hoher intuitiver Intelligenz. In der heutigen Zeit wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder ein gefeierter Impressario geworden. Eine wenig differenzierte Welt erinnert sich heute an sie mit Vorliebe als Matratze eines Königs.Das ist traurig.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Das Wichtigste: Nehmen Sie sich Zeit! Eine Geschichte muss wachsen.

  2. Recherche, Recherche, Recherche – aus Büchern, nicht aus dem Internet. Da steht zuviel Blödsinn.

  3. Bloß kein W-Lan am Arbeitsplatz …

  4. Sätze nicht überfrachten. Muss der Leser wirklich wissen, ob Ihre Figur, „lange, dunkle, leicht gelockte Haare“ hat, auf dem „schief ein avantgardistisch anmutendes Hütchen sitzt, dessen schillernde Pfauenfeder sich sacht im vom smaragdblauen Meer herüberwehenden Wind bewegt“? (Seufz, ich wünschte, ich würde das selber genauso beherzigen)

  5. Schreiben Sie keinen Thriller, wenn Sie kein Blut sehen können.

  6. Machen Sie sich auf Kritik gefasst, die Welt hat nicht auf ihr Buch gewartet…

Oh, das waren jetzt sechs …

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese sehr ausführlichen, spannenden und aufschlussreichen Antworten.

Für mich und für andere

Seit ich vor einiger Zeit wieder mit Zeichnen begonnen habe, füllten sich mehrere Sketchbooks mit Zeichnungen, Skizzen, Letterings. Ich entwickelte mich weiter, hatte Freude, probierte aus, fand mit jedem Bild ein bisschen mehr heraus, was ich mag, was ich kann, wo ich mehr machen möchte. Endlich hatte ich etwas gefunden, was mir Freude macht. Mit dem Zeichnen kam auch immer wieder die Frage nach dem richtigen und guten Material auf – vor allem die Bücher stellten ein Problem dar, war doch die Qualität des Papiers wichtig für das Ergebnis, vor allem, wenn Wasserfarbe im Spiel war. Allerdings waren auch die Bücher mit der guten Qualität nicht ganz unproblematisch, da ich die schön halten wollte und mir damit das Kritzeln verbot – es hätte das Gesamtbild des Buches gestört.

Vor kurzem war mal wieder ein Buch voll und das nächste leere lag vor mir. Es war eines, das ich zum ermässigten Preis gekauft hatte. Die Qualität zeigte, wieso es so günstig war. Seite für Seite jammerte ich innerlich über das Papier, trotzdem gelangen mir ein paar wunderbare Zeichnungen darin. Das machte das Weglegen umso schwerer, da ich damit auch diese auf die Seite gelegt hätte. Irgendwann entschloss ich mich doch. Das neue Buch war toll, das alte kriegte die Aufgabe, für Kritzeleien dazusein. Während ich also im Qualitätsbuch darauf achtete, Bilder zu machen, die gefallen, lebte und tobte ich mich im anderen aus – und hatte Spass. Endlich wieder. Ich merkte, wie sehr mir diese Freiheit, diese Leichtigkeit abhanden gekommen war durch meinen Anspruch, etwas beweisen zu müssen, andern schöne Bilder liefern zu wollen. Und ich merkte, dass dies wohl nicht nur beim Zeichnen so ist.

Wie oft tun wir Dinge, nur um anderen zu genügen? Wie versuchen wir, es allen recht zu machen, zu genügen, schimpfen mit uns, wenn wir es (in unseren Augen) nicht tun. Dabei verlieren wir gar zu oft uns selber aus den Augen, steuern an einen Ort, an den wir nie wollten. Und: Die anderen werden es nicht nur nicht danken, die Chance ist gross, dass wir damit gar nichts erreichen.

Wenn ich mir nun meine beiden Sketchbücher anschaue, gefällt mir das billige besser. Die Zeichnungen sind freier, lebendiger, sie drücken mehr aus, was ich will, wer ich bin. Sie leben. Das teure ist gehemmter – aus Angst vor Fehlern. Es sind nur grosse Ansprüche drin, das kleine Leben fehlt. Und oft ist es genau das, was glücklich macht. Nicht nur beim Zeichnen.

Rezension: Tim Parks – Der ehrgeizige Mr. Duckworth

Wenn jedes Mittel recht wird

Morris lag auf dem Rücken und heulte jämmerliche Tränen des Selbstmitleids. Er war verflucht, das war alles. Verflucht, nicht mehr und nicht weniger. Das zeigte sich schon daran, dass sich offenbar niemand sonst an dem Hund störte. Die anderen waren alle immun. Die weckte das Bellen nicht auf. Aber er war mit irgendeiner schrecklichen Krankheit geschlagen, die all diese Plagen über ihn brachte. Und das hatte er nicht verdient. Das hatte er ganz bestimmt nicht verdient.

Morris arbeitet in Verona als Privatlehrer für reiche und verwöhnte Kinder, für die, welche all das haben, was ihm eigentlich zusteht. Das Schicksal hat es, da ist sich Morris sicher, schlecht mit ihm gemeint, es hat ihn um sein wirkliches Leben betrogen. Zum Glück ist da Massimina. Junges, hübsches Mädchen aus gutem Hause und dazu in Morris verliebt. In ihr sieht er die Lösung all seiner Probleme: Er muss sie heiraten. Wollen wäre anders, aber was tut man nicht alles, um zu Geld zu kommen.

Leider ist Massiminas Mutter von der Liaison wenig angetan, so dass die beiden beschliessen, zu flüchten. Damit hören die Geldsorgen Morris’ aber nicht auf, im Gegenteil, er muss sich etwas einfallen lassen. Allerdings ist er auch als Ganove wenig erfolgreich, so dass er sich immer wieder einen neuen Schelmenstreich ausdenken muss, um mit seiner vermeintlichen Retterin zu überleben. Zudem ist er damit beschäftigt, alles vor ihr geheimzuhalten, was aber nicht sonderlich schwer ist, da Massimina einerseits sehr naiv und andererseits sehr verliebt ist. Der Diebstahl eines Gucci-Koffers ist nur der Anfang einer sich steigernden Reihe von Ungesetzlichkeiten, die darüber hinaus von Fall zu Fall schwerwiegender werden.

Morris Duckworth ist ein Ganove, der an Felix Krull oder Ripley erinnert. Verschlagen lügt und betrügt er sich durchs Leben um den Lebensstandard zu erreichen, der ihm in seinen Augen zusteht. Dass er so skrupellos handeln muss, ist allerdings nie seine Schuld, sondern die all derer, die sein Genie missachten, die ihm nicht zubilligen, was ihm gebührt, nämlich Geld, Ruhm, Ehre.

Tim Parks führt ihn und alle anderen Charaktere sorgfältig und über ihre Erlebnisse und Verhaltensweisen ein, lässt den Leser sie so langsam erleben und kennenlernen. Auf dieser Basis ist es schwer, die mal geknüpften Bande zu lösen, wenn die Geschichte sich mehr und mehr zuspitzt, der Charakter des Protagonisten, der anfänglich selbstmitleidig und sehr selbstverherrlichend war, schlussendlich immer bösartiger und gnadenloser wird auf dem Weg zu seinem Ziel. Man sitzt gebannt und liest sich von Seite zu Seite, einerseits hoffend, er möge endlich auffliegen, andererseits bangend, das könnte der Fall und damit das Buch zu Ende sein.

Zu Ende ist die Geschichte – wenn auch in diesem Buch durchaus abgeschlossen für sich – lange nicht, denn Der ehrgeizige Mr. Duckworth ist erst der Anfang einer Trilogie, deren weiteren Teile im Juli und im September 2015 erscheinen werden. Man darf gespannt sein.

Fazit:
Eine Ganovengeschichte, die durch lebensnahe Figuren und einen stimmig aufgebauten Plot besticht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Tim Parks
Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, wuchs in London auf und lebt seit 1981 in Italien. In vielen seiner Romane und erzählenden Sachbücher hat er das Leben in Italien thematisiert. Er hat das Werk von Italo Calvino, Roberto Calasso, Alberto Moravia und Machiavelli ins Englische übersetzt und lebt als Professor für Literarisches Übersetzen in Mailand. Zuletzt erschien von ihm Italien in vollen Zügen.

Angaben zum Buch:
Parksder_ehrgeizige_mr_duckworthTaschenbuch: 300 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (27. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3888979309
Originaltitel: Cara Massimina
Übersetzung: Lutz-W. Wolff
Preis: EUR 16.95 / CHF 23.90

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Tücken der sozialen Medien

Ich bin ja eher unbedarft. Gehe so durch die Welt und mache, was mir gefällt. Ab und an tummle ich mich auch in sozialen Medien, habe da einige Freunde, Follower und dergleichen. Wie ich dazu kam? Ich weiss es nicht mal so genau. Ist halt passiert. Oder so. Aber: Ich möchte mich da austauschen, bin interessiert an Gedanken, anderen Weltsichten und freue mich über jede Diskussion, die entsteht.

Kürzlich stellte einer ein Bild ins Netz und schrieb: „Meine neue Autogrammkarte.“ Ich sass so da und fragte mich: „Wieso will man von dem ein Autogramm? Kennt man den?“ Ein anderes Mal stellte einer ein Bild ins Netz und ich erkannte darauf neben ihm eine Akteurin meiner täglich geschauten Serie (ein Laster hat ja jeder). Da ging mir erst auf, dass er da wohl mitspielt. Seit da stelle ich fest, dass ich mich wohl mit meinen Kommentaren bei Bildern zurückhalten sollte, denn: Da schreibt man nur „Du bist so toll!!!!!“ und „Du siehst heute mal wieder suuuuuper aus!!!!!“. Dazu sind die Profile wohl gedacht. Nicht ganz meine Welt.

Mein erstes Aha-Erlebnis in dieser Beziehung war, als ich zu einem Twitter-Treffen eingeladen war, weil ich als Erste auf einen Post geantwortet hatte. Vor Ort traf ich ganz viele, die die Einladende gut aus dem Radio kannten und ganz Fan waren. Ich hatte noch nie von ihr gehört. Der Tag war trotzdem toll, ich habe mir einfach nicht anmerken lassen, dass ich die einzige Banausin unter Wissenden war und wohl einem weiteren Fan den Platz weggeschnappt hatte.

Ich bin kein Fan. Von keinem. Ich mag Filme, Musik, Bilder, Bücher. Ich achte die Arbeit, die dahinter steckt. Aber Fan? Dann müsste ich auch Fan der Putzkraft im öffentlichen Klo am Bahnhof sein, wenn das sauber ist. Denn: Das ist mir wichtig. Aber vielleicht verstehe ich das Ganze einfach nicht. Wenn ich Fan wäre, dann wohl von Elvis – der hat leider kein Facebook-Profil.

Toleranz

Wir sind heute ach so tolerant. Alles was geht, muss gehen, muss akzeptiert werden, denn es geht und wir sind ja – ich sagte es bereits – tolerant. Intoleranz ist das Buhwort schlechthin und so jubeln wir bei allem, was unkonventionell ist, denn es ist neu und da erst zeigt sich der Hardcoretolerante. Da die Menschheit immer weiter forscht, ist immer mehr möglich, was toleriert werden soll und muss, um der toleranten liberalen Gesellschaftsdoktrin zu genügen – und damit fängt das Problem wohl an.

Irgendwo war mal noch Natur. Die hat etwas für uns festgelegt, das am Überleben orientiert war. Sich nun auf rein animalisch naturale Argumentationen zu versteifen wäre sicherlich arg rückständig, nur: Wohin soll und wird es führen? Der Mensch strebt danach, die Natur zu knacken und zu überlisten. Vielerorts ist es gelungen und dem verdanken wir eine gesteigerte Lebenserwartung und vieles mehr. Ganz vieles davon ist gut und wertvoll. Aber: Wie weit kann und wie weit soll man gehen? Und was sind die Konsequenzen?

Soll eine 65-Jährige Vierlinge kriegen? Ein homosexuelles Paar adoptieren dürfen? Wenn die dürfen, dürfte es eine alleinstehende 65-Jährige auch? Wenn nein, wieso darf sie dann Vierlinge kriegen? Und: Wer darf entscheiden? Und: Wo kommen Gesetze ins Spiel?

Wir streben nach Fortschritt und überfordern das Zusammenleben im Rechtsstaat damit selber. Der Forscher ist nur darum bemüht, herauszufinden, was geht. Wenn etwas geht, ändern sich Weltsichten. Wenn die sich wandeln, bemühen sie neue Gesetze. Und da prallen Welten aufeinander. Und Werte. Die einen schimpfen die andern rückständig, die andern argumentieren mit dem, was war, was natürlich ist, damit, was sie kennen. Und jeder fühlt sich im Recht – und keiner weiss, was Recht wirklich ist.

Soll ein homosexuelles Paar Kinder haben dürfen? Wenn sie es lieben und ihm alles geben: Wieso nicht? Aber könnten das nicht auch alte Menschen? Die dürfen aber nach unseren Bestimmungen kein Kind adoptieren. Wieso aber darf eine 65-Jährige dann durch künstliche Befruchtung Vierlinge kriegen? Die zu verbieten würde heissen, jungen Paaren, die keine Kinder kriegen können, die letzte Hoffnung zu nehmen. Fortschritt scheint nicht nur Segen zu sein, er ist vielmehr Herausforderung.

Ich habe auf keine meiner Fragen und Punkte Antworten. Ich sehe nur, dass jeder schnell urteilt, aber selten sich aufdrängende Fragen bedacht werden. Schwarz und weiss wäre zu einfach. Ich versuche Antworten zu finden, aber: Jeder Versuch endet in einer Sackgasse und jede Antwort bringt mehr Fragen ans Licht. Ich bin um jede Antwort, jeden Lösungsansatz dankbar – also her damit.

Gut genug? – Oder: Was ist Kunst?

Ich schreibe. Offensichtlich. Man sieht es hier im Blog. Ich schreibe auch anderswo, allerdings sieht man das nicht hier und ab und an sieht es auch keiner. Früher zeichnete ich auch gerne. Und malte Schriften. Viele Stunden verbrachte ich zum Beispiel damit, Kassetten-Hüllen zu gestalten, um meinem Papa vorzugaukeln, ich sässe fleissig am Pult und lernte für die Maturitätsprüfungen. Kassetten kennt heute keiner mehr und die Hüllen sind auch Geschichte. Das Zeichnen versandete nach der Matur mit Schwerpunkt Zeichnen auch. Ich war ja schreibender Mensch und hatte keine Zeit.

Vor einiger Zeit kam ich über Umwege (Typographie, Sketchnotes, Lettering, Zentangles, Sketchbooks……) zurück zum Zeichnen. Und seit da hat es mich. Ich zeichne. Täglich. Alles. Jeden. Immer. Überall. Und es macht Spass. Und es tut gut. Mehr als jemals etwas anderes Spass machte, gut tat oder irgendwie nur einfach mir entsprach. Ich schreibe noch immer. Da ich der festen Überzeugung bin, dass Text der attraktivste Begleiter eines jeden Bildes ist. Aber: Ich habe neue Welten entdeckt.

Auch die neuen Welten sind nicht gefeit vor alten Krankheiten. Bin ich gut genug? Reicht das? Krieg ich das so hin, wie ich das will? Kann ich vor anderen bestehen? Ist das schon Kunst oder kann das einfach weg? Der innere Kritiker tobt. Laut. Ständig. Das ist nicht neu, den hab ich immer. Der gehört zu mir wie die Schmusedecke zu Linus. Aber ich will es versuchen. Einmal mehr. Meinen Weg gehen. Wie ich ihn sehe. Niemand sagte, das sei einfach, aber es ist in meinen Augen der einzige Weg, den ich gehen kann. Ohne mich selber aufzugeben. Kunst zog mich immer an. In jeder Beziehung. Ich hole aus ihr Inspiration und ich muss diese ausleben können. Das ist für mich Glück. Der Preis dafür? Er ist hoch. Der Weg geht nicht entlang ausgetretener Pfade. Und nur die sind gemeinhin anerkannt.

Einen Teil meines Weges sieht man hier: INSTAGRAM