Kritik zur Serie: Prison Break

Wer ist gut, wer böse?

Prison-BreakLincoln Burrows soll den Bruder der Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten ermordet haben und ist deswegen zum Tod verurteilt. Trotzdem er seine Unschuld beteuert, steht ihm der elektrische Stuhl bevor, bis dahin sitzt er Fox-River-State-Gefängnis. Der einzige, der an seine Unschuld glaubt, ist sein Bruder Michael Scofield. Da kein legales Mittel greift, den Inhaftierten aus dem Knast zu holen, plant Michael Scofield, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. Er lässt sich dazu bei einem inszenierten Banküberfall verhaften und kommt in der Folge ins gleiche Gefängnis wie sein Bruder. Von da soll nach einem genauen Plan der Ausbruch gelingen.

PrisonBreakDie Bedingungen vor Ort sind von mehr Problemen behindert, als Michael sie auf dem Reissbrett beim Planen berücksichtigt hat. Immer wieder droht die Aktion zu scheitern, immer tauchen neue Hindernisse auf, die es aus dem Weg zu räumen gilt. Dabei werden immer mehr Leute in den Ausbruch involviert, was schwierig ist, da nicht alle schlussendlich mit können. Wird der Ausbruch gelingen? Und wenn ja: Wie soll es nachher weiter gehen?

In vier Staffeln entwickelt sich eine Serie, die an Spannung und Dynamik kaum zu überbieten ist. Einmal geht es nicht darum, den Bösen zu erwischen, sondern das System soll überlistet werden, um aus einem sicheren Gefängnis auszubrechen. Die Protagonisten sind mehrheitlich Verbrecher, die alle ihre eigene Situation als Priorität setzen und dementsprechend bestechlich sind, wodurch immer wieder neue Probleme auftauchen. Zudem sieht man, dass nicht ganz einfach zwischen gut und böse, Verbrecher und Polizist unterschieden werden kann, da in beiden Lagern alle Schattierungen von Charakteren anzutreffen sind.

Die Serie hat Suchtfaktor. Am Besten besorgt man sich gleich die komplette Staffel auf DVD und hofft auf ruhige und regnerische Wochenenden, an denen man ungestört Serienmarathon feiern kann.

Fazit
Spannung pur mit Suchtfaktor. Einmal angefangen, lässt einen die Serie kaum mehr los. Absolut sehenswert.

Informationen:

Deutscher Titel Prison Break
Originaltitel Prison Break
Prouktionsjahr 2005 – 2009
Umfang 4 Staffeln / 81 Episoden
Besetzung:
Michael Scofield Wentworth Miller
Lincoln Burrows Dominic Purcell
Fernando Sucre Amaury Nolasco
Dr. Sara Tancredi Sarah Wayne Callies
Alexander Mahone William Fichtner
Theodore „T-Bag“ Bagwell Robert Knepper
John Abruzzi Peter Stormare

Trailer

Rezension: Hanni Münzer – Honigtot

Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Kritik zur Serie: Breaking Bad

breaking-bad-castFamilienidylle in der Kleinstadt, ein eher biederer Chemielehrer mit schwangerer Frau und Sohn mit Geburtsgebrechen. Die Liebe ist gross, das Geld eher knapp, doch alles kann dem Familienglück nichts anhaben, bis die Diagnose kommt: Walter White hat Lungenkrebs. Die zweite Hiobsbotschaft folgt sogleich: Die Behandlung ist teuer und die Krankenkassen zahlen nicht.

Um den Kranken etwas abzulenken, nimmt ihn Hank, seines Zeichens Schwippschager und DEA Agent, zu einem Einsatz mit, bei dem ein Methamphetamin-Labor ausgehoben wird. Von da an überschlagen sich die Zufälle und die Geschichte nimmt ihren Lauf:

BreakingBadWalter erkennt einen ehemaligen Schüler (Jesse Pinkman), der vom Tatort flieht und sieht die Summen an Geld, die in dem Geschäft zu holen sind. Schnell sieht er die Lösung all seiner Probleme: Als Chemielehrer kann er das Zeug herstellen und in seinem ehemaligen Schüler hat er den geeigneten Partner. Seine Behandlung wäre finanziert und seine Familie abgesichert.

So könnte die Idylle weitergehen, wäre das Kochen und Verkaufen von Drogen nicht etwas riskanter als das von Bolognese-Sauce. Walt verstrickt sich in Lügen und Geheimniskrämereien, die einst glückliche Ehe wird zur Zitterpartie, das ganze Leben zu einer tickenden Zeitbombe – und dabei ist der Krebs längst das kleinste Risiko.

Als Zuschauer wird man Zeuge des langsamen Wandels eines Menschen, der einst biederer und korrekter Lehrer war und sich nach und nach zum skrupellosen Gangster entwickelt, der über Leichen geht, um seine Ziele zu verwirklichen. Zwar scheinen immer wieder Gewissensbisse durch, doch verliert man mit der Zeit die Sicherheit, was nun echt und was gespielt ist. Ganz grosses Kino. Wer findet, Spannung alleine sei noch viel zu wenig, dem winken als Sahnehäubchen noch eine gute Menge schwarzer Humor und Komik (nicht zuletzt durch den nicht ganz gesetzestreuen Anwalt Saul Goodman, der überall seine Finger im Spiel hat). Intelligente Schachzüge, gut gesetzte Cliffhanger, unerwartete Twists runden das Ganze ab.

Aber Achtung: Wer gerne mal ab und an einen spannenden Film schaut, dem sei dringendst abgeraten, denn: Diese Serie hat Suchtfaktor. Die fünf Staffeln ziehen einem förmlich den Ärmer rein und man betet um verregnete Wochenenden und Entschuldigungen, nie mehr vom Sofa aufstehen zu müssen.

Fazit
Spannung pur. Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Der Suchtfaktor sprengt alles vorher Dagewesene. Unbedingt schauen!

Informationen:

Deutscher Titel Breaking Bad
Originaltitel Breaking Bad
Prouktionsjahr 2014
Umfang 5 Staffeln (7/13/13/13/16 Episoden)
Besetzung:
Walter „Walt“ White /Heisenberg Bryan Cranston
Jesse Pinkman Aaron Paul
Skyler White Anna Gunn
Walter White Jr RJ Mitte
Hank Schrader Dean Norris
Marie Schrader Betsy Brandt
Saul Goodman Bob Odenkirk

Trailer

Rezension: Erwin Moser – Boris der Kater. Der Goldfisch

Alles hat immer etwas Gutes

MoserBorisGoldfischWie aus einer Erdbeere ein Glas Honig wird, wozu ein Tisch alles dienen kann und dass auch aus Mischgeschicken etwas Gutes entstehen kann: All das erlebt man in diesem Kinderbuch um Kater Boris. In kurzweiligen Geschichten, die alle eine kleine Moral in sich tragen, dabei aber nie zu belehrend wirken, erlebt der Leser (und Zuhörer) dieses Buchs die Welt des Katers Boris.

Illustriert sind die Geschichten mit wunderbar farbigen, fröhlichen Bildern, die mit Federstrichen und Farbe einfach gehalten, dabei aber sehr lebendig und ausdrucksstark sind.

Das Buch garantiert schöne Momente beim Lesen, Vorlesen und Anschauen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch mit kurzweiligen Geschichten und fröhlichen Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Moser
Erwin Moser wurde 1954 in Wien geboren und wuchs im Burgenland auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Aus Unzufriedenheit mit der vorhandenen Kinder und Jugendliteratur begann Erwin Moser ab Ende der Siebzigerjahre eigene Geschichten zu erzählen und zu illustrieren. Seit 1980 sind über 100 Bücher, Geschenkbücher, Kalender und Sammlungen mit Geschichten erschienen, für die er oftmals ausgezeichnet wurde.

Angaben zum Buch:
MoserBorisGoldfischGebundene Ausgabe: 64 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. Februar 2015)
Empfohlenes Alter: ab 4 Jahren
ISBN-Nr.: 978-3314101977
Preis: EUR 12.99 / CHF 18.90

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Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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Rezension: Pinocchio (Chauvel / McBurnie)

Nach einer Idee von Carlo Collodi

Von einem, der Schule lästig fand und von Leben gelehrt wurde

Pinocchio 1Eines Tages landet ein Stück Holz in Meister Antonios Werkstatt, kein edles, eher Brennholz. Dem Meister kommt das wie gerufen, er beschliesst, ein Tischbein draus zu machen, wird aber schon bei den ersten Beilschlägen gestoppt – Das Holzstück spricht und es will kein Tischbein sein. In dem Moment klopft es an die Tür und Gepetto steht da: Das Leben ist beschwerlich, er wünscht sich eine Holzpuppe, die ihm die täglichen Bedürfnisse erfüllt. Nach einem kurzen Handgemenge übergibt ihm Antonio das sprechende Holzstück und Gepetto macht sich ans Werk: Pinocchio entsteht. Statt aber dankbar zu sein, weil er als Puppe ein schönes Zuhause und in Gepetto einen lieben Papa hat, rennt er, was die Füsse tragen, davon. Die Nacht wird grausam und er bedauert schon bald, nicht auf den Rat der Grille gehört zu haben, die ihm noch vor seinem Weggang gesagt hat, dass die, welche nicht gehorchen, selten Glück im Leben haben.

Pinocchio 2Nach vielen Turbulenzen, Pinocchio verbrennt sich die Füsse, was für eine Holzpuppe gefährlich ist, Gepetto kommt ins Gefängnis und vieles mehr, sind die beiden wieder zusammen und Pinocchio verspricht, von nun an folgsam zu sein, zur Schule zu gehen und etwas lernen zu wollen. Doch schon auf dem nächsten Schulweg locken wieder viel spannendere Abenteuer. Auf seinen Reisen trifft er auf eine Fee, die seine Mama wird, auf Schurken, die ihn um alles bringen, was er hat, auf gefährliche Kreaturen, die ihn aufessen wollen, aber auch immer wieder auf Helfer, die ihn aus der Not retten.

Diese neue Auflage der Geschichte „Pinocchio“ nach der Idee von Carlo Collodi beinhaltet alles, was Comic-Bücher zum Genuss machen: Der Plot ist packend, sprachlich witzig und modern umgesetzt und illustratorisch ein Hochgenuss fürs Auge. Die Figuren sind charakterstark gezeichnet, die Farben greifen die Stimmung der jeweiligen Szenen auf. Das ist grosse Illustrationskunst.

Wer denkt, Comics seien nur was für Kinder, Pinocchio sowieso, der wird bei dem Buch eines Besseren belehrt: Das ist Lesespass für jung und alt. Für die jüngeren Semester hat es die eine oder andere „Moral von der Geschicht“ enthalten, unter anderem, dass aus Kindern, die nicht in die Schule wollen, Taugenichtse werden und dass Eltern mitunter Recht haben, wenn sie vor etwas warnen. Empfohlen ab 6 Jahren.

Fazit:
Wunderbar erzählte Geschichte mit hochwertigen Illustrationen. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
pinocchioGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Idee: Carlo Collodi
Textadabtion: David Chauvel
Zeichnungen und Farben: Tim McBurnie
Empfohlen ab: 6 Jahren
Verlag: Splitter Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3958399037
Preis: EUR 15.95 / CHF 23.90

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Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: W. Somerset Maugham – Silbermond und Kupfermünze

Von einem, der auszog, Künstler zu sein

Charles Stricklands Grösse war echt. Mag sein, dass man seine Kunst nicht schätzt, aber man wird ihr auf alle Fälle Interesse entgegenbringen. Er beunruhigt und nimmt gefangen. Die Zeit, da er ein Gegenstand des Gelächters war, ist vorbei.

Charles Strickland, erfolgreicher Börsenmakler in London, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in London. Von einem Tag auf den anderen bricht er aus diesem Leben aus und hinterlässt seine Familie mit nichts ausser offenen Fragen. Der erste Verdacht, er sei mit einer anderen Frau ausgebrochen, verfliegen bald und die Wahrheit kommt ans Licht: Strickland ging nach Paris, um Künstler zu sein. In einer schäbigen Absteige malt er einsam, Menschen sind ihm eher lästig. Fast jeder, der seine Bilder sieht, erkennt kaum etwas weniger als Talent. Trotzdem hält Strickland daran fest, Künstler sein zu wollen.

Strickland ist ein Egoist, schaut nur für sich, stösst andere Menschen vor den Kopf, nutzt sie aus, lacht über sie. Er sieht die Welt und die Menschen mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Trotzdem trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm über die Runden helfen, so dass er sich irgendwie durchschlägt.

Seine Fehler gelten als notwendige Ergänzung seiner Verdienste. Es ist noch möglich, über seinen Platz in der Kunst zu streiten, und die Lobhudelei seiner Bewunderer ist vielleicht genauso unbeständig wie die Verachtung seiner Gegner; aber eines steht ausser Zweifel: er besass Genie.

Somerset Maugham erzählt diesen Künstlerroman, der dem Leben Paul Gauguins nachempfunden ist, aus der Sicht eines Schriftstellers, welcher Strickland über dessen Frau kennengelernt hat und seinen Lebensweg immer wieder kreuzt über die Jahre. Im Gegensatz zum wortkargen Strickland verwendet der Erzähler eine Sprache, welche das Leben und die Umstände des eigenwilligen Malers quasi in Worten malt. Er sieht dessen Grausamkeit, sieht dessen Menschenfeindlichkeit, schwankt aber doch zwischen Abneigung und Anziehung.

Mich interessiert in er Kunst am meisten die Persönlichkeit des Künstlers, und wenn diese einzigartig ist, bin ich gewillt, tausend Fehler zu verzeihen..

Silbermond und Kupfermünze ist ein grossartiger Roman über das Leben eines Künstlers. In einer wunderbaren Sprache, die den Inhalt aufnimmt durch ihre malerischen Beschreibung, wird einerseits eine Lebensgeschichte erzählt und andererseits den grossen Fragen des Lebens nachgegangen: Was ist ein gutes Leben? Wie lebt man es richtig? Was fordert das Künstlerleben und was bedeutet Liebe?

Somerset Maugham entführt den Leser in die Zeit um die Jahrhundertwende, lässt ihn teilhaben am Leben eines Künstlers, der zu Lebzeiten verkannt wurde und erst posthum zu Ruhm gekommen ist. Es ist ihm gelungen, ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Maugham entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Somerset Maugham
Somerset Maugham, geboren 1874, war früh von der Literatur angezogen. Er studierte zunächst Medizin, übte den Arztberuf aber nicht aus. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangte er als Bühnenautor bald zu großem Ruhm. Seine literarische Bekanntheit erreichte er jedoch als Romancier und Geschichtenerzähler. Zeitweise war er als britischer Geheimagent tätig. Er bereiste zahlreiche Länder, vor allem im Fernen Osten, dem Schauplatz vieler seiner Erzählungen, und starb 1965 in Cap Ferrat an der französischen Riviera.

Angaben zum Buch:
Maughamsilbermond_und_kupfermuenzeTaschenbuch:224 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (18. Dezember 2012)
ISBN-Nr.: 978-3257200874
Preis: EUR 10.90 / CHF 15.90

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Rezension: Frank Berzbach: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit.

Kreativität als ein Leben in Freiheit

Kreativität wird erst zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören, darüber nachzudenken, welchen Sinn unsere Arbeit hat, welche Richtung wir einschlagen wollen und wie wir die Welt besser hinterlassen. Die gute Botschaft … besteht darin, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, die Richtung zu ändern.

Frank Berzbach richtet sich mit diesem Buch an Menschen, für die „Kreativität eine grundsätzliche Lebensform ist“. Im Zentrum steht dabei die Frage „Wie wollen wir leben?“. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur einen Ratgeber unter vielen geschrieben, der zeigen soll, wie das Leben besser wäre. Er hat basierend auf Philosophie, Psychologie und Zen Buddhismus Werte und Wege zusammengetragen, wie das Leben so lebbar wird, wie man sich das selber wünscht.

Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.

Berzbach geht der Frage nach, was Kreativität ausmacht, wo wir uns beim Leben derselben im Weg stehen und wie wir sie in unseren Alltag integrieren. Er zeigt auf, wie wir diesen Alltag kreativ leben können. Wir alle sind immer äusseren Umständen unterworfen, können selten einfach von jetzt auf gleich alles umkrempeln und nur noch das leben, was wir gerade als für unsere eigene Entwicklung nötig und wichtig erachten. Wichtig ist aber, das Leben mit Achtsamkeit zu beschreiten, die Dinge nicht nur zu tun, weil sie grad gefordert sind. Indem wir uns bewusst werden, was wir selber vom Leben erwarten, können wir dem Leben auch die Richtung geben, die wir uns wünschen, die uns entspricht – und müssen uns nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen.

Bei all dem steht eine Balance zwischen Verstand und Gefühl im Zentrum. Gerade ein kreatives Leben ist auf Gefühle angewiesen, nur die rationale Herangehensweise an die Welt führt zu wenig weit. Trotzdem ist es wichtig, den Verstand zu gebrauchen, denn alles andere wäre dumm:

Dummheit ist entweder fremdgesteuert und hält sich an alle Befehle oder sie ist permanent egoistisch und feiert die prinzipielle Verweigerung.

Wenn zum eigenen Denken dann noch die leidenschaftliche Hingabe an eine Tätigkeit kommt, gepaart mit Achtsamkeit für die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten sowie die unserer Umwelt, kommen wir einem kreativen Leben schon viel näher.

Die Formel für Kreativität ist einfach. Finde heraus, was dich belastet, und lese es ab, so, wie man einen übervoll bepackten Koffer abstellt, den man viel zu lange getragen hat. Wenn wir frei sind und uns nichts beunruhigen kann (…), dann wird die in uns befindliche Schöpfung, egal was sie im Einzelnen sein mag, herausfliessen, völlig natürlich und einfach.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das tief abgestützt ein kreatives Leben und Wege, es zu leben, aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln.

Angaben zum Buch:
BerzbachBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (10. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3874398299
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

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Der kleine Schmetterling

Es war einmal ein kleiner Schmetterling. Fröhlich schwirrte er durch die Luft, von einer Blume zur nächsten. Er liebte seine Freiheit, liebte sein Leben. Eines Tages traf er einen Maulwurf. Die beiden kamen ins Gespräch und der Maulwurf nahm ihn mit zu seiner Familie, seinen Freunden – alles Maulwürfe. Sie lebten in Höhlen und konnten sich nicht vorstellen, dass es ein gutes Leben sei, einfach so durch die Lüfte zu schwirren. Sie rieten dem Schmetterling dringend, sein Leben zu ändern, sich ihnen anzupassen. Er solle sich doch eine Höhle suchen, sie würden ihm auch helfen. Nur so könne er ein normales Leben führen.

Der kleine Schmetterling fühlte sich plötzlich alleine. Er sah all die Maulwürfe, sah, wie sie zusammen lebten. Das Schwirren von Blume zu Blume kam ihm plötzlich falsch vor. Das schien man in dieser Welt nicht zu machen, das schien nicht normal zu sein. Normal war, wie die Maulwürfe lebten. Der Schmetterling wurde ganz betrübt. Was sollte er nur machen? Dann fasste er einen Entschluss: „Das kann ich auch! Ich will nun auch ein normales Leben führen.“

Das Glück war auf seiner Seite. Schon bald fand der Schmetterling eine Höhle, krabbelte rein, denn fliegen war nicht mehr möglich, der Eingang war zu eng. Eigentlich war es ganz angenehm, ein wenig kühl vielleicht, was aber in der Sommerhitze sogar willkommen war.

So lebte der Schmetterling in seiner Höhle, wie es die Maulwürfe auch taten. Tag für Tag krabbelte er raus und rein, beachtete die Blumen nicht mehr, verbot sich selber das Fliegen. Endlich gehörte er dazu, endlich führte er ein normales Leben. Trotzdem war er nicht glücklich. Er begriff es nicht: Er müsste doch glücklich sein, was war bloss los mit ihm? Traurig setzte er sich vor seine Höhle und schaute in die Luft. Da kam ein alter Schmetterling geflogen, sah ihn da sitzen. Er kam näher und fragte den kleinen Schmetterling, was er denn hätte. Dieser erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der alte Schmetterling schaute ihn an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann sagte er: „Du bist ein Schmetterling, mein Lieber. Es ist deine Natur, durch die Lüfte und von Blume zu Blume zu fliegen. Es gibt auf dieser Welt ganz viele Maulwürfe und für die ist es normal, in Höhlen zu leben. Das wird nie dein Leben sein. Du bist anders.“

Der kleine Schmetterling schaute den weisen Alten an und wusste plötzlich, dass dieser Recht hatte. Er schüttelte seine Flügel aus, die von der langen Zeit ohne einen Flug etwas eingerostet schienen, und fing erst zögerlich, dann immer wilder zu flattern an. Schon bald erhob er sich in die Luft und flog die erste Blume an. Und plötzlich war wieder alles da: Das ganze Glück, die ganze Freude seines Lebens.

Kunsthaus Zürich: Inspiration Japan

tamamura_kozaburo_glyzinien_beim_kameido_schreinMonet, Gauguin, van Gogh – dies nur einige Namen der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Über 350 Gemälde, Holzschnitte und Kunstgegenstände europäischer und japanischer Meister warten auf den Besucher – und dieser wird nicht enttäuscht werden. Die ausgestellte Kunst stammt hauptsächlich aus dem Zeitraum 1860 bis 1919, als die Rezeption japanischer Kunst in Frankreich ihre Anfangs- und Hochphase erlebte. Das grosse Interesse ist auf die Öffnung Japans im Jahr 1854 zurückzuführen – vorher war das Land vollständig abgeschottet.

monet_seerosenteich_pushkinDurch die Augen vieler grosser Künstler (Monet, Gauguin, van Gogh, Degas – um nur einige zu nennen) sieht man das Bild, das man im Europa des 19. Jahrhunderts von Japan hatte. Diese liessen sich von Motiven, Stilmitteln und den leuchtend kräftigen Farben inspirieren. Entstanden ist eine Kunst, die einerseits japanische Bildsujets übernommen hat, andererseits die Bildsprache verinnerlicht und sie mit der eigenen Kultur und Bildtradition verbunden hat.

monet_chrysanthemenbeetAls Beispiel sei hier Monet genannt, welcher Seerosenteiche und die Brücken von japanischen Farbholzschnitten übernommen hat und in seinen Gärten die fernöstliche Pflanzenwelt (wie Schwertlilien, Glyzinien, Azaleen und Chrysanthemen) integrierte.

Die Ausstellung läuft schon seit Februar, wurde nun aber verlängert bis am 25. Mai – Zeit genug, ihr einen Besuch abzustatten, was ich nur empfehlen kann.

Am Mittwoch, 29. April findet von 18 – 19 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt, in der man viel Hintergrundwissen mitnehmen kann. Wer diesen Termin nicht wahrnehmen kann, hat immer die Möglichkeit, mit dem Audioguide selber durch die Ausstellung zu gehen und Wissenswertes über die einzelnen Kunstwerke zu erfahren.

Link zur Ausstellung

Öffnungszeiten Museum
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Feiertage: 1. Mai, Auffahrt 14. Mai,  Pfingsten 23.–25. Mai: 10–18 Uhr.

Rezension: Franka Potente – Allmählich wird es Tag

Wenn plötzlich alles anders ist

Jeden Tag war er pünktlich ins Büro gegangen, hatte zwei Stunden länger gearbeitet, abends eine Stunde ferngesehen und Scotch getrunken. Morgens um sechs dann der Wecker.
Vermisst hatte er sie nicht.

Tom Wilkins hat es geschafft im Leben. Guter Job, nette Frau, erfolgreicher Sohn. Eines Tages, er ist 49, ändert von einem Tag auf den anderen alles: Seine Frau zieht ohne Worte aus. Wenig später ist sein Job weg. Die Beziehung zum Sohn war – bei Lichte betrachtet – mehr Smalltalk als Nähe. All das war ihm nie bewusst gewesen, war er doch nur mit sich und seiner Arbeit beschäftigt über die Jahre.

Als er das Kissen aufschüttelte, fand er ein zusammengeknäultes T-Shirt…Liz hatte das T-Shirt zum Schlafen getragen… Er bedeckte sein Gesicht mit dem weichen Stoff und schloss die Augen. Der Geruch von Zuhause. Familie. So hatte es immer gerochen. Erst jetzt wurde ihm das klar.

Wut kommt auf, unbändige Wut. Er trinkt sich von einem Delirium ins nächste, suhlt in Selbstmitleid, gräbt in der Vergangenheit – und findet Dinge, die er verdrängt hatte. Dinge, die ihn schockieren, die ihn noch mehr in die Wut und ins Abseits bringen. Das Leben entgleitet ihm langsam, denn er hat keinen Halt mehr. Er ist konfrontiert mit seinem ganzen Leben, das er über die Jahre ausgeblendet hatte: Die Gewalt seines Vaters, seine eigene, sein Leben als Arschloch – was er selber zugeben muss. Und er ist allein. Er muss also etwas ändern.

Franka Potentes Debütroman packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los. Mit viel Tiefgang und Einfühlungsvermögen erzählt sie die Geschichte von Tim Wilkins, der von einem Moment auf den anderen sein Leben auf den Kopf gestellt sieht. Mit einer klaren Sprache, die der Geschichte und dem Dasein von Tim Wilkins entspricht, zieht sie den Leser in die Geschichte hinein, lässt diese real werden, erfahrbar. Der langsame Absturz in Alkohol und Selbstmitleid wird durchbrochen durch Erinnerungen an ein Leben, das mehr Illusion als Realität war, da es zwar gelebt, aber in der Erinnerung verzehrt und verdrängt worden war – bis nun alles über Tim Wilkins zusammenbricht und ihn zwingt, hinzusehen.

Allmählich wird es Tag ist ein Buch, das zeigt, was passiert, wenn man das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Es ist ein Buch über das Vergessen, Verdrängen und Erinnern, ein Buch des Neuanfangs und der Kämpfe, die mit einem solchen einhergehen können. Tim Wilkins Psychologie seines Handelns, Denkens und Fühlens ist dargestellt, ohne sie zu erklären, sondern indem sie aus seinem Verhalten offensichtlich wird. Bei aller Tragik der Geschichte, ist diese       nie pathetisch oder bedrückend, der Erzählerin ist die nötige Distanz gelungen, ohne zu weit aus der Gefühlszone rauszugehen. Grandios!

Fazit:
Eine grandios arrangierte Partitur aus Plot, Figuren, Sprache – die Lebensgeschichte eines Menschen, dessen Dasein von einem Tag auf den anderen ändert. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Franka Potente

Franka Potente wurde 1974 geboren und gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers »Lola rennt« zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem auf in »Die Bourne Identität« und in der Literaturverfilmung von »Elementarteilchen«. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über »Underground Art« in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Franka Potente lebt in den USA.

Angaben zum Buch:
PotenteAllmählichGebundene Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN: 978-3492305921
Preis: EUR  9.99/ CHF 14.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter andere bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Holocaustleugnung – kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen

 „Ich möchte wissen, wo die angeblich sechs Millionen Menschen umgebracht worden sind“, ruft der Mann seinen Kameraden zu. „Warum bin ich jahrzehntelang belogen worden?“ (Panorama, Das Erste)

Ein Mensch stellt den Holocaust in Frage, spinnt Verschwörungstheorien. Das ist schon schlimm genug, noch schlimmer ist, dass er Zustimmung findet und alles nicht geistig verwirrte Menschen sind, sondern eigentlich solche, die man als klar denkend und rational erachten würde. Es sind Menschen, die eine Schuldbildung absolviert haben, Menschen, die es besser wissen müssten. In der Schweiz käme er damit durch, da wir keinen gesonderten Völkermordleugnungsparagraphen haben. Leider gibt es viele grosse Stimmen, die sich in unserem Land dagegen aussprechen, einen solchen im Strafrecht zu realisieren. Er widerspreche unserem liberalen Gedanken, beschränke die Meinungsäusserungsfreiheit – dies nur einige Argumente. Zum Glück sehen das nicht alle Länder so (eine Auflistung der rechtlichen Lage findet sich in meinem Buch Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem).

Ist Völkermordleugnung einfach eine Meinung, eine, die man frei äussern können soll? Ist der Holocaust wirklich eine historische Tatsache wie so viele, über die man heute frei schreiben und reden können muss, ihn auch verleugnen, weil dies der wissenschaftlichen Forschung geschuldet ist? Ist das Ganze sowieso Schnee von gestern und damit nicht mehr relevant für heutige Gesetze? Ich denke nicht:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen.

Grundsätzlich kann man sicher argumentieren, dass Völkermordleugnung über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden könnte, und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein.

Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

(Der Grossteils dieses Blogbeitrags ist das ursprüngliche Fazit meines oben genannten Buches, welches ich wegen gewisser Umstände zu ändern gezwungen war. )