Rezension: Zürcher Kunstgesellschaft – Chagall. Meister der Moderne

Poetische Malerei, malerische Poesie

„…Ich musste einen besonderen Beruf finden, eine Beschäftigung, die mich nicht zwingen würde, mich vom Himmel und den Sternen abzuwenden, und die mir erlauben würde, meinen Sinn des Lebens zu finden. Ja, genau das suchte ich. In meiner Heimat jedoch hatte niemals vor mir die Worte ‚Kunst, Künstler’ ausgesprochen. ‚Was ist das, ein Künstler?’, fragte ich.“

Chagall3Marc Chagall ist in Zürich permanent präsent durch seine Glasfenster im Fraumünster sowie mit einigen Werken in der Sammlung des Kunsthauses Zürich.

Wenn man an Marc Chagall denkt, denkt man hauptsächlich an sein spätes Werk. In explosiven Farben zeigen sich Bilder voller Poesie. Fliegende Menschen, Tiere, Akrobaten, Künstler, Sonne, Mond und Sterne – eine Traumwelt auf Leinwand gebannt und doch nicht da gefangen, sondern frei zum Betrachter sprechend. nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen. Chagall verstand es wie kein anderer, Phantasiewelten bildhaft werden zu lassen. Er arrangierte Figuren und Farben, Formen und Ausdrücke so, dass sie einerseits ein stimmiges Ganzes ergeben und eine Geschichte erzählen, andererseits jedes Detail für sich ein neue Geschichte in sich trägt. Selten hat man bei einem Anblick alles gesehen, noch nach Jahren fallen einem immer wieder neue Details auf, stechen Dinge ins Auge, von denen man vorher nie Notiz nahm, egal, wie genau man schaute. Ein kleines Wunder auf Leinwand.

Chagall2Der vorliegende Ausstellungskatalog behandelt – gleich wie die Ausstellung im Jahr 2013 – die frühen Jahre Chagalls, die entscheidenden drei Jahre zwischen 1911 und 1914 (Marc Chagall verbrachte sie in Paris) sowie die anschliessenden bis 1922. In diesen Jahren etablierte sich Marc Chagall als Künstler. Bilder dieser Zeit sind durchdrungen von jüdische Bildwelten und Volkskunst und sie setzen sich sowohl mit Einflüssen vergangener Epochen und Strömungen sowie mit der avantgardistischen Bewegung auseinander. Vor allem die Jahre in Paris waren geprägt durch den Kontakt mit vielen Künstlern – Dichtern, Sammlern, Schriftstellern sowie Malern –, durch welche Chagall seine ganz eigene, eigenwillige künstlerische Sprache entwickelte.

Chagall ging es nicht drum, Aspekte der realen Welt zu malen, vielmehr wollte er eigene Fantasiewelten erschaffen.

„Was ist das für eine Epoche, die Hymnen auf die Technik singt und die den Formalismus vergöttlicht? […] Sollen sie nur an ihren dreieckigen Tischen ihre quadratischen Birnen essen, bis sie satt sind! […] Nieder mit dem Naturalismus, dem Impressionismus und dem realistischen Kubismus!“ (Aus Chagall: Mein Leben)

Den Kubismus (nicht den realistischen) liebte er und entwickelte ihn für sich weiter. Dies war in seinen Augen der einzige Weg, um als moderner Künstler Erfolg zu haben. Das vorliegende Buch beinhaltet einerseits informative Artikel von Simonetta Fraquelli, Angela Lampe, Monica Bohm-Duchen, Ekaterina L. Selezneva und Jean-Louis Prat, welche den Bogen von Chagalls Anfängen als Künstler bis hin zu seinem Spätwerk spannen. Andererseits zeigen die Bilder, welche Vielfalt und Ausdruckskraft der moderne Maler über die Jahre entwickelte. Die Bandbreite des Dargebotenen ist enorm und der Ausstellungskatalog auch für die, welche die Ausstellung nicht besuchen konnten, ein wunderbarer Überblick über das Leben und Schaffen eines der grössten modernen Künstler.

Fazit:
Alles in allem eine wahre Fundgrube, eine Augenweide und ein Genuss. Einer der grössten Künstler wird kompetent und ästhetisch präsentiert. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
ChagallCoverGebundene Ausgabe: 196 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag (1. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3775734646
Preis: EUR 19.95 / CHF 27.90

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4 Comments

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  1. Chagall begegnet ja einen immer wieder. Seine Werke sind wohl auf der ganzen Welt verstreut.

    Vor etwa 15 Jahren war ich in Mainz und schaute mir dort die Chagallfenster von St. Sephan an. Damals gab es wohl nur eine kleine Broschüre über die Fenster im Fraumünster zu erwerben.
    Dieses kleine Heftchen hatte ich letzte Woche in den Händen, als ich wieder mal mein Bücherregal begann, abzustauben.
    Die Farbkraft der gezeigten Fenster ist enorm.

    Ich finde, die Werke der ganz Großen gewinnen oft, jedenfalls für mich, wenn sie nicht auf dem üblichen Medium wie Leinwand oder Druck zu sehen sind, sondern auf Wand, Glas oder Keramik oder vielleicht sogar als Großskulptur. So empfinde ich bei Schumacher, bei Chagall, und auch bei Picasso. Ich glaube, alle drei haben auch in Keramik gemacht.
    Max Beckmann ist auch ein sehr Großer, aber ich habe von ihm so viel gesehen, daß ich mir tatsächlich unlängst NICHT eine CD mit Bildbesprechung seiner Werke für ganz reduzierte 5 Euro kaufte. Obwohl ich seine Ikonographie nicht im Ganzen kenne.

    Gegen die Großen der Moderne verblasst oft die Gegenwartskunst. Nicht aber so im Städele in Frankfurt, das eine ganz substantielle und große Sammlung der Gegenwartskunst besitzt!

    Verzeih mir meinen allgemeinen Ausflug hier.

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    • Gerhard, nichts zu verzeihen, ich habe zu danken. Ich gebe dir recht: Die Farbkraft von Chagall ist toll. Als ich konfirmiert wurde, durften wir ein Bild auswählen. Es gab Stimmungsbilder, Fotodrucke und ähnliches – und eines von Chagall. Das war meines. Ich gebe dir recht, dass die Bilder – vor allem auf Glas – eine ganz eigene Wirkung entwickeln. Ich denke, das Zusammenspiel mit dem Licht, das nicht nur drauf, sondern hindurch scheint, gibt diese besondere Note und potenziert den Effekt. Bei Keramik ist es die Plastizität, die den Lichteinfall auch beeinflusst. Beckmann kenne ich auch zu wenig, dem muss ich mal nachgehen. Picasso liebe ich natürlich. Ich erinnere mich gut an die ganz grosse Ausstellung in Bern, an die ich mit meinen Eltern gehen durfte. Mein Vater hat mich durch die Zeichnungen hindurch geführt und erklärt, wie Picasso die Bilder entwickelt hat. Wir waren ziemlich alleine in diesen Räumen, da alle sich um die „fertigen“ Bilder scharten. Mich hat die Herangehensweise an die Kunst sehr beeindruckt. Ich habe hier Picassos Skizzenbücher stehen. EIn ganz tolles Buch, das so viel zeigt über den Künstler. Siehst du, nun bin auch ich ausgeflogen 😉

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      • Naja, ich hatte eigentlich Bedenken, daß ich Dir den Spaß verderbe…wenn ich ehrlich bin.

        Es gibt in Hagen, daß ich ganz zufällig über einen Tip kennenlernte, das große Schumacher-Museum. Ein unbedingter Hit!
        Und dort findest Du die bemalte Keramik eines Picassos, Schumachers und Chgall und einigen anderen noch.
        Bezeichnend für Picasso war ja, daß er selbst auf einem Teller Magie entfalten konnte!!
        Der konnte auf jedem Medium was zaubern und wenn es vielleicht nur ein Wegwerfprodukt war.
        Zu Picassos Zeichnungen und Radierungen, die lohnen sich alleine, das kann ich bestätigen, könnte ich wohl auch einiges anführen. Ich bin ja sogar zweimal zu seinen Radierungen in verschiedene Städte gefahren – es war im Prinzip diesselbe Ausstellung! Und ein paar Jahre zuvor hatte ich in einer Fundgrube (!) eines Kaufhauses für damals 29 Mark die riesige Picasso-Druckgrafiksammlung des Sprengelmuseums erworben, gleich zweimal, so ein unglaublicher Fund war das! Du brauchst Monate, um das adäquat durchzusehen!
        Du siehst, Abenteuer über Abenteuer mit der Kunst!

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        • Um die Druckgrafiksammlung beneide ich dich. Ich habe hier seine Zeichnungen, eben das Skizzenbuch, seine Ansichten über Kunst und ein Buch über das Leben mit ihm… aber ich habe noch Zeit und die Sammlung wächst hoffentlich weiter.

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