Freiheit, die man sich wünscht, fühlt sich anders an, als die, welche man von aussen auferlegt kriegt.
Autor: Sandra von Siebenthal
Entweder – oder
Ich sah das grad im TV so ähnlich, ich fand das witzig. Macht ihr mit? Ich würde mich freuen:
1 Stadt oder Land?
2 Kaffee oder Tee?
3 Hund oder Katze?
4 Schwarz oder weiss?
5 Buch oder E-Reader?
6 Bester Freund oder beste Freundin?
7 Serie oder Film?
8 Sofasitzer oder Esstischplauderer?
9 Bier oder Wein?
10 Einsame Insel oder Partystrand?
11 Fleisch oder Gemüse?
12 Marmeladenbrot oder Müesli?
13 Flip Flops oder Sandalen?
14 Twitter oder Facebook?
15 TV oder Kino?
16 Malerei oder Plastik?
17 Krimi oder Liebesroman?
18 Hochzeit oder wilde Ehe?
19 Natur oder Kultur?
20 Kopf oder Herz?
21 süss oder salzig?
22 lieb oder frech?
23 weich oder hart?
24 Hand oder Fuss?
25 kalt oder warm?
26 gleich und gleich oder unterschiedlich?
27 denken oder fühlen?
28 Mutter oder Vater?
29 Einsiedler oder Herdentier?
30 Wald oder Bäume?
31 stricken oder häkeln?
32 Auto oder Bus?
33 Spaziergang oder Radtour?
34 Morgenmensch oder Nachteule?
35 Entweder oder oder und?
Ich hab‘ die Wahl
Was ihr mir tut,
was ich hier trag,
was das nur soll,
ich weiss es nicht.
Ich sitze hier
und frag mich nur,
die Antwort fehlt,
ein gähnend Loch.
Ich rufe aus,
ihr hört mich nicht,
ihr tut einfach,
was ihr tun wollt.
Ich gebe auf,
es bringt ja nichts,
ich habe nur
mein Leben noch.
Es bleibt die Wahl:
Lass’ ich euch zieh’n?
Gebe ich
mein Leben hin?
Ich bleibe hier,
denn alles mehr
wär euer Sieg,
den kriegt ihr nicht.
Ich lebe fort,
wie ich es will,
so lebt denn wohl,
das war’s für mich.
Ich fühl’ mich frei,
seit langem mal,
ihr könnt mir nichts,
ich hab die Wahl.
Ich darf sein
Ich schau in den Spiegel,
ich schaue mich an.
Ich blick durch mich durch
und doch nur heran.
Ich suche das Wesen,
ich suche den Kern,
ich frag mich „wer bin ich?“ und
hab’ ich mich gern?
Ich sehe die Haare,
ich sehe den Mund,
ich sehe die Augen,
was tun sie mir kund?
Ich schau in den Spiegel,
ich schaue mich an,
schau in die Augen,
und schliesse sie dann.
Ich suche die Töne,
ich suche den Klang,
ich hör auf mein Herz
und bleibe noch lang.
Ich fühle tief drinnen,
ich spüre hinein,
Ich merk’ ich bin gut so,
ich fühl, ich darf sein.
Männliche und weibliche Skandale
Ein Aushängeschild einer christlichen Partei wird zum vierten Mal Vater. Daran ist per se nichts auszusetzen, nur: Die Mutter ist nicht seine Frau, sondern ein einmaliger (?) Ausrutscher. Da hat es der gute Mann mit der christlichen Nächstenliebe etwas zu wörtlich genommen, möchte man spotten – wäre das Ganze nicht so traurig und das in vielerlei Hinsicht.
Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, das sei seine Privatangelegenheit, hätte weder mit seiner Politik was zu tun, noch hätte es uns was anzugehen. Dem möchte ich entgegenhalten, dass es nunmal an mich herangetragen wurde durch die Medien und ich mir dadurch natürlich meine Gedanken dazu mache. Ist so ein Mensch tragbar? Politiker sollten ja gewisse Werte vertreten, sollten für etwas stehen, man sollte ihnen trauen können. Kann man das, wenn es einer auf einer so elementaren Ebene an Ehrlichkeit und Integrität fehlen lässt?
Könnte man hier das Argument „Er ist auch nur ein Mensch/Mann“ gelten lassen? Dass Seitensprünge keine Seltenheit sind, ist Fakt, das müssen wir nicht wegdiskutieren. Eigentlich möchte ich den moralischen Zeigefinger gar nicht so sehr bemühen, aber er regt sich, weswegen ich dieses Feld verlasse und mich einem anderen zuwende. Der Politiker bezeichnet das Ganze als „grossen Fehler“. Da wächst nun also ein Kind heran, dass irgendwann mal lesen kann, dass es sein Dasein einem grossen Fehler verdankt. Eine solche Äusserung öffentlich finde ich mehr als bedenklich, sie ist menschlich dumm und unbedacht. Sie ist für das heranwachsende Leben ein Stempel, den es irgendwann mal an sich entdecken wird – und er wird sich kaum wegwischen lassen. Aber es geht noch weiter. Seiner Frau beichtete er alles erst kurz vor der Geburt. Sie will nun zu ihm stehen. Und er will für das Kind sorgen, er hätte sogar die Vaterschaft anerkannt und die finanzielle Unterstützung geregelt. Wenn man das so liest, klingt es fast so, als ob man nun applaudieren müsste ob der Weitsichtigkeit und Gutherzigkeit des edlen Mannes – dabei hat er nur das Mindeste getan, was man in einer solchen Situation überhaupt verlangen kann. Aber die Medien klopfen ihm fast auf die Schultern, indem sie es eben nicht anprangern, nur so quasi sachlich berichten.
Man denke mal ein paar Monate zurück. Da wurde ein Tunnel eröffnet und eine Frau trug einen Mantel, der nicht ganz vorteilhaft erschien. Wie haben die Medien gezetert und geschrien. Wie haben sie sich über ihren Kleidergeschmack lustig gemacht, sie durch den Kakao gezogen. Dann wurde auch noch über den (viel zu hohen – wovon zahlt sie das? Von zu hoch angesetzten Geldern, die den Steuerzahler schröpfen???) Preis geschimpft. Ein Skandal, könnte man denken, den sich diese Politikerin erlaubt hat. Wie viel besser macht es da dieser Politiker (notabene derselben Partei), der einfach mal fremdgeht, alle belügt, hintergeht und dann auch noch einen grossen Fehler produziert. Immerhin bereut er es ja.
Rezension: Alex Capus: Das Leben ist gut
Geschichten, die das Leben schreibt
Ich kann sie verstehen. Sie muss wieder mal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders. Ich könnte von hier weg, wenn ich wollte, aber ich muss nicht. Vielleicht werde ich eines Tages wollen, dann werde ich es tun. Aber bis auf weiteres muss ich nicht.
Nach 25 gemeinsamen Jahren verändert sich was im Leben von Max: Tine ist fortan von Montag bis Donnerstag in Paris und er schläft allein im Bett, ist allein für die drei fast erwachsenen Kinder zuständig und ist allein im leeren Haus, wenn die Kinder zur Schule gefahren sind. Dann hat er Zeit, sich zu überlegen, was Tina wohl macht in Paris, ob sie mit anderen Männern essen geht, sich bei denen gar einhängt auf dem Heimweg, wie sie das bei ihm jeweils tut. Er fragt sich, ob die Männer noch mit ihr in die Wohnung gehen, was da passiert, passieren könnte und was das mit ihm machen würde.
Max ist Schriftsteller, eigentlich, aber statt zu schreiben führt er nun eine Bar. Jeden Morgen öffnet er sie, schlisst sie abends wieder, bewirtschaftet zwischendurch die verschiedenen Gäste. Zu jedem Gast gibt es eine Geschichte, die Max erzählt. Und so plätschert das Buch und das Leben dahin.
Das Leben ist gut ist wohl eines der persönlichsten Bücher von Alex Capus – und eines der schwächsten bislang. Es mutet an wie ein einziges, langes Selbstgespräch, welches von kurzen Erzählungen unterbrochen wird. Das Buch vermischt Banales mit Schönem, immer wieder stösst man auf eine kleine Trouvaille, die einen anspricht, die einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Man findet Passagen, die zum Nachdenken anregen und solche, welche den Gedanken von „das kenne ich auch“ auslösen. Trotzdem bleibt irgendwo das Gefühl, dass das ganz normale Leben eben doch nicht das ist, was einen Roman ausmacht, dass da etwas fehlt.
Fazit:
Ein sehr persönliches, leise dahinplätscherndes Buch, mitten aus dem Leben erzählt. Dank einiger schöner, zum Lächeln oder auch Nachdenken anregenden Passagen durchaus empfehlenswert.
Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013), Mein Nachbar Urs (2015).
Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.
Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (22. August 2016)
ISBN-Nr.: 978-3446252677
Preis: EUR 20 / CHF 22.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Das Leben ist scheisse
Das Leben ist scheisse
und so ist der Rest.
Wobei es kein Rest ist,
da nachher nichts ist.
Das Leben ist scheisse,
es ist nicht mal fair,
doch Fairness war nie Plan,
man hofft’ es nur sehr.
Das Leben ist scheisse,
ich bin ja schon still,
denn keiner will’s hören,
man hofft lieber still.
Das Leben ist scheisse,
ich hab’ es erkannt,
ich macht dennoch weiter,
Ich hoff auch noch mit.
Das Leben ist scheisse,
mal mehr und mal nicht,
ich geh durch die Jahre,
ich nehme sie mit.
Trauer
Wenn die Trauer
übermannt,
die Tränen
fliessen.
Wenn die Sonne
untergeht,
das Dunkel
einhüllt.
Wenn das Denken
anstösst,
Gefühle
drücken.
Wenn alles leer
und schwarz,
weil Schwermut
siegte.
Wenn Hoffnung nur
noch bleibt,
dass eines Tages
alles dreht.
Ich und du
Du hasst mich,
ich liebe dich.
Fühlst dich verraten,
ich sah’s als Schutz.
Du bist weg,
ich sitze hier,
Du denkst nicht an mich
ich vermisse dich,
Du bist still,
ich möchte schrei’n.
Du gehst drüber weg,
ich wart’ auf dich.
Ich seh‘ dir zu
Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.
Ich ruf
dir ganz laut zu,
mach Halt,du hörst mich nicht.
Willst nicht?
Kannst es nicht?
weißt alles besser gar?
Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.
Ich kann
nichts mehr tun,
es ist bereits getan.
Du gehst,
schliesst Türen zu,
lässt mich ganz aussen vor.
Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.
Ich wein’
schon jetzt
um dich, ganz bitterlich.
Du hörst
nicht hin,
rennst fort, ich lasse dich.
Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.
Ich lass
dich zieh’n
und sitze hier, immer bereit.
Wenn du
mich brauchst,
dann fang und halt ich dich.
Fatalismuskurzgedicht
Wenn du glaubst, mehr geht nicht mehr,
kommt von irgendwo was Schlimm’res her.
Eine Insel
Ich hätte gerne
eine Insel
nur für mich.
Niemand will was,
niemand braucht was,
keiner spricht.
Keine Sorgen,
auch kein Morgen,
immer jetzt.
Alles weit weg,
nichts erreichbar,
Einsamkeit.
Niemand sieht mich,
niemand hört mich,
nicht mal ich.
Ich hätte gerne
eine Insel
nur für mich.
Das verzweifelte Mädchen
Sie sass am Tisch und las. Der Artikel war interessant, aber komplex. Ein Weinen durchbrach ihre Konzentration. Es musste ein Mädchen sein, das weinte. Das Weinen wurde immer lauter, immer schriller. Es klang verzweifelt. Es war fast ein Kreischen, kein Weinen mehr. Es wurde unterbrochen von Wortfetzen – geschrienen. Mit Verzweiflung geschrien. Papi, schrie es. Ich habe dich so lieb, schrie es. Weinte weiter, schrie wieder nach dem Vater. Es konnte sich nicht beruhigen, es schrie und weinte und schrie. Immer wieder nach dem Vater, den es liebte, verzweifelt liebte. Wohl verlor, denn es schrie nach ihm. Dann war es ruhig. Eine Autotür schlug zu.
Sie sass am Tisch. Sie las nicht mehr. Die Schreie hallten nach. Dann hörte sie einen männlichen Seufzer. Draussen regnete es. Sie stellte sich vor, wie alle vom Regen durchnässt auf der Strasse gestanden hatten, wie der Himmel das Drama beweint hatte. Sie stellte sich den Vater vor, wie er noch dastand, die Haare ins Gesicht geklebt, der Blick verzweifelt. Und sie stellte sich vor, wie das kleine Mädchen völlig durchnässt und schluchzend im Auto sass und weggefahren wurde.
Was war passiert? Eine Mutter, die sich trennte, das Kind mitnahm? Oder die Behörden, die das Kind abholten, weil es zu Hause gefährdet schien? Hatte der geliebte Vater getrunken und das Kind sich selber überlassen? War die Mutter krank und konnte sich nicht kümmern, der Vater war von der Situation überfordert du verkroch sich in sich selber? Wurde das Kind geschlagen und liebte trotz der Schläge seine Eltern so verzweifelt, dass es lieber noch tausend Schläge erlebt hätte, als von zu Hause wegzumüssen?
Draussen war es still. Fast unheimlich still. Nur der Regen prasselte gegen das Fenster. Sie sass am Tisch und hörte ihm zu. Sie hörte auf das Rauschen ab und an vorbeifahrender Autos, hörte ein Flugzeug, das wegflog. Sie hörte den Regen, der alles wieder reinwusch. Die Schreie hallten immer noch nach. Sie zogen ihre Gedanken mit und hinterliessen ein Gefühl der Trauer. Sie wusste nicht, was passiert war, aber die Verzweiflung hatte sie tief in sich selber gespürt und spürte sie noch. Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse, nahm die Zeitung und legte sie weg.
Gut und schlecht
Oft denke ich, dass ich mein Studium nie absolviert hätte, wäre Facebook damals schon ein Thema gewesen. All die Ablenkungsmöglichkeiten des weltweiten Netzes, die mich doch oft gefangen halten – drum heisst es wohl Netz – es wäre undenkbar gewesen. Auch die Dissertation – viel Zeit ging für den finanzierenden Job drauf, das Kind war sowieso immer da, klein und hilfsbedürftig, das Stipendium war super und eine Ehre – aber: Mit Facebook?? Keine Chance.
Doch dann… ich sitze so hier, habe alles geschafft, möchte Neues schreiben, verzettel mich ab und an. Auf der anderen Seite google ich einen Begriff und kriegen eine Erklärung. Ich sitze hier und kann philosophische Sendungen zu praktisch jedem Thema auf Youtube finden. ich finde Literaturtipps, Hintergründe, Fakten und Theorien einfach auf Knopfdruck. Früher wäre ich dafür in die Bibliothek gerast, hätte Bücher gewälzt, Einträge verglichen, Kopien gemacht.
Ist das Internet des Teufels? Kann es sein. Aber: Es hat auch unglaublich viele Möglichkeiten eröffnet. Ab und an hätte ich sie mir gewünscht, ab und an bin ich froh, hatte ich sie nicht. Das Leben geht weiter. Das ist gut so. Jeder Wandel hat Gutes und Schlechtes. Das ist beim Bestehenden ebenso.
Ein Vogel im Wind
Ein Vogel im Wind,
ein Blatt, das sich dreht.
Ein Geist,
der frei sein will.
Das warst du.
So liebte ich dich,
danach sehnte ich mich.
Weil du
all das warst,
was fehlte.
Doch du flogst,
wo ich stand,
warst frei,
wo kein Weg war
für mich.
Du flogst dahin
und riefst nach mir.
Klagtest,
vom Himmel herab
in die Grube.
Ich schaute hinauf,
und sehnte mich,
spürte Stäbe,
stiess dagegen.
Du flogst weiter,
labtest dich am Sehnen,
ohne je
die Stäbe gespürt zu haben,
die beengten.