Männliche und weibliche Skandale

Ein Aushängeschild einer christlichen Partei wird zum vierten Mal Vater. Daran ist per se nichts auszusetzen, nur: Die Mutter ist nicht seine Frau, sondern ein einmaliger (?) Ausrutscher. Da hat es der gute Mann mit der christlichen Nächstenliebe etwas zu wörtlich genommen, möchte man spotten – wäre das Ganze nicht so traurig und das in vielerlei Hinsicht.

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, das sei seine Privatangelegenheit, hätte weder mit seiner Politik was zu tun, noch hätte es uns was anzugehen. Dem möchte ich entgegenhalten, dass es nunmal an mich herangetragen wurde durch die Medien und ich mir dadurch natürlich meine Gedanken dazu mache. Ist so ein Mensch tragbar? Politiker sollten ja gewisse Werte vertreten, sollten für etwas stehen, man sollte ihnen trauen können. Kann man das, wenn es einer auf einer so elementaren Ebene an Ehrlichkeit und Integrität fehlen lässt?

Könnte man hier das Argument „Er ist auch nur ein Mensch/Mann“ gelten lassen? Dass Seitensprünge keine Seltenheit sind, ist Fakt, das müssen wir nicht wegdiskutieren. Eigentlich möchte ich den moralischen Zeigefinger gar nicht so sehr bemühen, aber er regt sich, weswegen ich dieses Feld verlasse und mich einem anderen zuwende. Der Politiker bezeichnet das Ganze als „grossen Fehler“. Da wächst nun also ein Kind heran, dass irgendwann mal lesen kann, dass es sein Dasein einem grossen Fehler verdankt. Eine solche Äusserung öffentlich finde ich mehr als bedenklich, sie ist menschlich dumm und unbedacht. Sie ist für das heranwachsende Leben ein Stempel, den es irgendwann mal an sich entdecken wird – und er wird sich kaum wegwischen lassen. Aber es geht noch weiter. Seiner Frau beichtete er alles erst kurz vor der Geburt. Sie will nun zu ihm stehen. Und er will für das Kind sorgen, er hätte sogar die Vaterschaft anerkannt und die finanzielle Unterstützung geregelt. Wenn man das so liest, klingt es fast so, als ob man nun applaudieren müsste ob der Weitsichtigkeit und Gutherzigkeit des edlen Mannes – dabei hat er nur das Mindeste getan, was man in einer solchen Situation überhaupt verlangen kann. Aber die Medien klopfen ihm fast auf die Schultern, indem sie es eben nicht anprangern, nur so quasi sachlich berichten.

Man denke mal ein paar Monate zurück. Da wurde ein Tunnel eröffnet und eine Frau trug einen Mantel, der nicht ganz vorteilhaft erschien. Wie haben die Medien gezetert und geschrien. Wie haben sie sich über ihren Kleidergeschmack lustig gemacht, sie durch den Kakao gezogen. Dann wurde auch noch über den (viel zu hohen – wovon zahlt sie das? Von zu hoch angesetzten Geldern, die den Steuerzahler schröpfen???) Preis geschimpft. Ein Skandal, könnte man denken, den sich diese Politikerin erlaubt hat. Wie viel besser macht es da dieser Politiker (notabene derselben Partei), der einfach mal fremdgeht, alle belügt, hintergeht und dann auch noch einen grossen Fehler produziert. Immerhin bereut er es ja.

12 Comments

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  1. Ich verfolge die Schmierenpresse ja nicht, so dass ich nicht weiss, um wen es geht. Seehofer ist diesmal wohl nicht 😉 … Aber für diese „christliche“ Doppelmoral, die eigentlich schon wieder eindeutig ist: nämlich nicht gut (im Sinne von „schlecht“ UND „böse“) ist das ganze doch mehr als typisch. Nun könnte man argumentieren, dass man wohl nicht viel an moralischer, menschlicher oder sonstiger Qualifikation von jemandem erwarten darf, der vorgibt, im 21. Jahrhundert noch an bronzezeitliche Gräuelmärchen eines vorderasiatischen Hirtenvolkes über dessen spezielles Gespenst im Himmel zu glauben, obwohl dies allen Naturgesetzen, aller Logik (s. „Allmacht“ dieses „Gottes“) und sogar aller Moral (s. Massenabschlachtungen in seinem Auftrag im Alten Testament und in der Kirchengeschichte) widerspricht. So jemand sollte nicht Politiker sein, sondern zum Schutz seiner Mitmenschen in einer Gummizelle sitzen … aber sei’s drum. Auch so jemand gilt in unserer modernen Gesellschaft als „zurechnungsfähig“ und ist für sein Handeln verantwortlich. Dass er dabei gegen die eigenen proklamierten „Moralmaßstäbe“ gleich mehrfach verstossen hat – und ganz besonders mit Rücksicht auf das neugeborene Kind! –, sollte ihn nochmals eher für die Gummizelle als für irgendeine andere Position befähigen, in der er auch nur ein Quäntchen Verantwortung zu tragen hätte. Aber so ist das eben: „Adorno hatte Recht: / Die Welt ist schlecht.“ – Ich frage mich allerdings auch, was für Masochistinnen diese Frauen sind, dass sie ihn nicht mit Schimpf und Schande geteert und gefedert zum Teufel jagen. Gut, dann könnte er keinen Unterhalt mehr zahlen, das mag als Ausrede gelten. Aber das rechtfertigt noch lange nicht, sich hinter ihn zu stellen… nicht einmal nach irgendwelchen „christlichen“ Maßstäben.

    So, und damit ich mich wieder beruhige und auf lustigere Gedanken kommen, schaue ich jetzt noch mal https://www.youtube.com/watch?v=og3cV3X98rE

    😉

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  2. Zwei Fälle:
    Eine Frau, deren Fehler es war, geboren zu werden. Der Geliebte der Mutter hatte diese schwanger verlassen und die Zurückgebliebene hatte dies ihre Tochter spüren lassen. Die Tochter erfuhr die Gründe der völlig ausbleibenden Mutterliebe aber erst weit im mittleren Lebensalter. Sie wurde krank, ihre Männer hatten nichts zu bestellen.
    Ein anderer Fall. Eine Frau war eine ausgesprochen laszive Frau, zog zig Männer an und sties sie bald wieder von sich. Schliesslich lies sie einen ganz unscheinbaren Mann an sich ran. Kurz bevor sie ihn auch enttäuschen konnte, wurde sie von ihm schwanger. Nun musste sie bei ihm bleiben, obwohl sie nie verliebt gewesen war.
    Es stellte sich spät heraus, daß ihre Mutter verlassen wurde und sie deshalb ihrer kleinen Tochter gegenüber nur verächtlich von Männern sprach. Dennoch liebte sie ihre Tochter.
    Die Tochter „rächte“ ihre Mutter – immer wieder, ohne sich dieses Mechanismus auch nur im Entferntesten bewusst zu sein. Aber sie zerstörte sich selbst dabei, litt letztlich sehr, denn sie konnte nicht lieben. Und sie beeinträchtigte zig Personen des anderen Geschlechts, die mit der ursprünglichen Sache nichts zu tun hatten.

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  3. Was ich nie begreifen werde: warum erhebt man PolitikerInnen in die Kreise der unfehlbaren Götter? Sie unterliegen dem Zwang zu „gewisse Werte vertreten“, oder „so elementaren Ebene an Ehrlichkeit und Integrität“, die nach menschlichem Ermessen unerfüllbar sind. Eine Merkel, ein Hollande sind verantwortlich und schuld an allem, was in einem Staat so schief gehen kann. Nun haben wir einen Seitensprung. Seit Menschengedenken wird er praktiziert. Eben von fehlbaren Menschen, nicht von Göttern (sofern letztere überhaupt ein Geschlecht haben). Also lasst doch die Menschen Fehler machen. Dann wird so ein Thema auch nicht mehr durch den Presseschlamm gezogen. Wollt Ihr nur noch Politiker mit weisser Veste, habt Ihr keine Politiker mehr. Wegen dieser zweifelhaften Ideologie sind gute Leute wie Strauss-Kahn, Müller, jetzt der Union-Chef ZH gescheitert. Lasst ihnen ihr Privatleben. Vielleicht wird dann auch die Politik etwas menschlicher und weniger von Hypokrisie geprägt.

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    • Mir geht es nicht grundsätzlich um den privaten Moralverstoss, wobei vor dem Hintergrund seiner Aussagen zum Thema Familie und den parteipolitischen Forderungen durchaus eine Doppelmoral konstatiert werden kann. Vielmehr ärgert mich die Ungleichgewichtung in den Medien. Ein doofer Mantel einer Frau wurde fast zum Staatspolitikum, ein „grosser Fehler“ mit Folgen ist ach so menschlich und mehr noch lobenswert fast, weil der das eigentlich Selbstverständliche der finanziellen Pflicht tut….

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  4. Man stelle sich vor, eine Politikerin betrüge ihren Mann, würde vom Liebhaber schwanger, würde sich dafür entscheiden, das Kind auszutragen aber bei ihrem Ehemann zu bleiben…

    Ich bezweifle, dass sie dafür Applaus oder Kekse bekäme oder dafür gelobt würde, dass sie zum Kind steht.

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  5. Ich habe den Artikel vor allem so gelesen bzw. der Schwerpunkt lag für mich auf dem Kind, das “ ein Fehler“ war!! Dass Männer und Frauen verschiedene Reaktionen erfahren (müssen), ist nicht schön, aber das andere bedeutet mir mehr.

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