Susan Arendt: Rassismus begreifen

Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen

Inhalt

«Die Meinungsfreiheit lässt ausreichend Raum dafür, etwas als rassistisch oder eben auch nichtrassistisch zu bezeichnen. Am Ende aber ist Rassismus keine Meinung, sondern eine Macht und Herrschaftsstruktur, die vermittels Privilegierung und Diskriminierung Leben bewertet, beeinflusst, beeinträchtigt und beendet.»

Rassismus ist ein Thema, das uns seit vielen Jahrzehnten beschäftigt und nie ganz zum Verschwinden gebracht werden konnte. Zwar gab es immer wieder Bewegungen, die sich dagegen einsetzten, es wurden auf verschiedenen gesellschaftlichen und auch politischen Ebenen Fortschritte erzielt, doch sind auch heute noch rassistisches Verhalten und rassistisch motivierte Gewalt an der Tagesordnung.

Susan Arndt geht dem Thema Rassismus auf den Grund, sie analysiert dessen Entstehungsgeschichte und die gegenwärtige Situation, um so zu einem besseren Verständnis kommen, da nur dieses helfen wird, Rassismus erfolgreich zu bekämpfen.
 
Weitere Betrachtungen

«Zur Geschichte der Menschheit gehört es, dass sich Gesellschaften immer wieder geopolitisch voneinander abgrenzen – mit allen dazugehörigen Konflikten und Kriegen, Eroberungen und Okkupationen, Ent- und Besiedlungen sowie Erzählungen, dass die Anderen anders seien. kulturell, religiös oder körperlich, in gegebenen Verschränkungen.»

Gruppen definieren sich durch das Gemeinsame, welches sie gerne dadurch besonders herausschälen, dass sie sich von anderen abgrenzen. Die Anderen sind dann die, welche abgewertet werden müssen, um die eigene Gruppe an die Macht zu stellen. Dies ist im Laufe der Geschichte immer wieder passiert, dieses Denken hat sich kulturell und sozial tief eingegraben. Dass etwas, das so lange gewachsen ist, sich in den einzelnen Köpfen sowie in gesellschaftlichen und politischen Institutionen festgesetzt hat, liegt auf der Hand.

„So wie Frauen nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht werden… werden auch Männer vom Patriarchat dazu geformt, wie Männer zu ticken. Analog dazu werden Menschen beispielsweise in Schwarze oder weisse Positionen hineinsozialisiert – ob sie nun (so) möchten oder nicht. …Diese existieren unabhängig davon, ob sie wahrgenommen oder reflektiert werden.“

Argumente wie dieses hört man heute oft von postmodernistischen VertreterInnen der sogenannten Social-Justice-Aktivistinnen. Es wird damit ein Menschenbild zementiert, das dem Menschen die Selbstreflexion und die Möglichkeit einer Veränderung, wo nötig und gewünscht, absprechen. Ein so geartetes Menschenbild schreibt alle Macht gegebenen Strukturen zu, welchen der Mensch hilflos ausgeliefert ist. Das ist eine bedenkliche und von mir abgelehnte Sicht. Ich bin der Überzeugung, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sein Tun zu hinterfragen (ich behaupte nicht, dass dies in jedem Fall passiert) und sich entsprechend zu verhalten. Ansonsten wäre eine Verbesserung von gegenwärtig als Missstand wahrgenommenen Situationen gar nicht möglich. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht stimmt.

«Weil es der Lebenssinn des Rassismus ist, aus dem Herzen von weisser Macht und Herrschaft heraus weisse Überlegenheit zu behaupten und Weisse zu privilegieren, können Schwarze, die das anzweifeln oder gar Schwarze Überlegenheit postulieren, nicht rassistisch sein.»

Auch dieses Argument ist abzulehnen. Es wäre ein Messen mit unterschiedlichen Massstäben. Zwar ist es in der Tat so, dass – gerade durch die Geschichte – die weissen Privilegien durchaus mehr vertreten sind, der Rassismus auch heute noch oft von Weissen ausgeht, doch zeigt auch da die Geschichte, dass nicht „nur“ die Hautfarbe Grund für Rassismus ist, und dass es nicht vertretbar ist, einem Menschen aufgrund seiner Zugehörigkeit welcher Art auch immer Eigenschaften zuzuschreiben.
 
 
Persönlicher Bezug

«Rassismus ist ein System, und in diesem tragen Individuen zwar Mitverantwortung, können es aber auch nicht einfach so verlassen. Umgekehrt heisst das, dass Rassismus zwar nicht durch ein blosses Wollen Einzelner ad acta gelegt werden kann, es aber dennoch auf jede*n ankommt. Es bedarf also systemischer Prozesse, die individuell mitgetragen werden, und individueller Initiativen, die systemische Prozesse anstossen und tragen.»

Ich habe in diesem Buch oft die postmodernistische Sicht auf das Problem des Rassismus beanstandet, da es einerseits zu Widersprüchen im Buch selber führte, andererseits auch eine Rollenverteilung in Stein meisselt, die einerseits auf einem falschen Menschenbild beruht, wie ich denke, andererseits aber keinem hilft. Indem man versucht, Schwarze zu Opfern, Weisse zu Tätern zu machen, nimmt man beiden die Möglichkeit einer Selbstwirksamkeit. Schwarze könnten sich nach dieser Sicht nie selber wehren, sie bedürften eines Systems, das sich ihnen annimmt und für sie die Steine aus dem Feuer holt. Das würde die Schwarzen zu unmündigen, hilflosen Wesen machen und sie in ihrem Selbstverständnis herabsetzen. Weisse dahingegen wären in ihrer Täterrolle, die sie – so heisst es – oft gar nicht sehen, festgeschrieben und könnten sich nicht verändern, da alles, was sie tun, durch ihr Weiss-Sein bereits rassistisch wäre.

Ich bin der Meinung, dass Rassismus durchaus noch ein systembedingtes, strukturelles Problem ist, da das Denken noch in zu vielen Köpfen sitzt. Es ist aber auch ein individuelles, indem jeder selber für sein Denken und Tun insofern verantwortlich gemacht werden muss, dass es ihm frei steht, es zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. Insofern vertrete ich die Ansicht, dass wir auf allen Ebenen ansetzen müssen: Der Mensch selber muss sein eigenes Tun hinterfragen, dazu bedarf es des Bewusstseins für die Missstände und die eingeprägten Sichtweisen. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist wichtig und nötig und da können aufklärerische Texte helfen. Es braucht aber auch eine Analyse der heutigen Systeme, um unterschwellig vorhandenen Rassismus aufzudecken und zu bekämpfen. Dies können wir nur gemeinsam schaffen, Schwarze und Weisse, die miteinander für die eine gerechte Gesellschaft einstehen.

Fazit
Ein grundsätzlich informatives, ausführliches, gut recherchiertes Buch über Rassismus, was er bedeutet und wie er entstanden ist. Dabei zu oft mit postmodernistischen Argumenten agierend, was zu Widersprüchlichkeiten führt. Empfehlenswert.
 
Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.
 
 
 
Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (2. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 477 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3406765544
 
 

2 Kommentare zu „Susan Arendt: Rassismus begreifen

  1. Danke für diesen sehr differenzierten Text. Ich teile die Gedanken, finde sie wichtig und mutig.

    Es ist stets dieses Wir-die-da-Phänomen, aus dem Gruppen oft nicht heraus kommen. Aus meiner Erfahrung kann diesem Phänomen am besten begegnet werden, wenn es innerhalb von Gruppen zu einem verständnis- oder gar liebevollen Umgang kommt.. Rassismus beginnt dort, wo das Verständnis für einzelne Gruppenmitglieder innerhalb der Gruppe endet.

    Gefällt 1 Person

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