Susan Arendt: Rassismus begreifen

Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen

Inhalt

«Die Meinungsfreiheit lässt ausreichend Raum dafür, etwas als rassistisch oder eben auch nichtrassistisch zu bezeichnen. Am Ende aber ist Rassismus keine Meinung, sondern eine Macht und Herrschaftsstruktur, die vermittels Privilegierung und Diskriminierung Leben bewertet, beeinflusst, beeinträchtigt und beendet.»

Rassismus ist ein Thema, das uns seit vielen Jahrzehnten beschäftigt und nie ganz zum Verschwinden gebracht werden konnte. Zwar gab es immer wieder Bewegungen, die sich dagegen einsetzten, es wurden auf verschiedenen gesellschaftlichen und auch politischen Ebenen Fortschritte erzielt, doch sind auch heute noch rassistisches Verhalten und rassistisch motivierte Gewalt an der Tagesordnung.

Susan Arndt geht dem Thema Rassismus auf den Grund, sie analysiert dessen Entstehungsgeschichte und die gegenwärtige Situation, um so zu einem besseren Verständnis kommen, da nur dieses helfen wird, Rassismus erfolgreich zu bekämpfen.
 
Weitere Betrachtungen

«Zur Geschichte der Menschheit gehört es, dass sich Gesellschaften immer wieder geopolitisch voneinander abgrenzen – mit allen dazugehörigen Konflikten und Kriegen, Eroberungen und Okkupationen, Ent- und Besiedlungen sowie Erzählungen, dass die Anderen anders seien. kulturell, religiös oder körperlich, in gegebenen Verschränkungen.»

Gruppen definieren sich durch das Gemeinsame, welches sie gerne dadurch besonders herausschälen, dass sie sich von anderen abgrenzen. Die Anderen sind dann die, welche abgewertet werden müssen, um die eigene Gruppe an die Macht zu stellen. Dies ist im Laufe der Geschichte immer wieder passiert, dieses Denken hat sich kulturell und sozial tief eingegraben. Dass etwas, das so lange gewachsen ist, sich in den einzelnen Köpfen sowie in gesellschaftlichen und politischen Institutionen festgesetzt hat, liegt auf der Hand.

„So wie Frauen nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht werden… werden auch Männer vom Patriarchat dazu geformt, wie Männer zu ticken. Analog dazu werden Menschen beispielsweise in Schwarze oder weisse Positionen hineinsozialisiert – ob sie nun (so) möchten oder nicht. …Diese existieren unabhängig davon, ob sie wahrgenommen oder reflektiert werden.“

Argumente wie dieses hört man heute oft von postmodernistischen VertreterInnen der sogenannten Social-Justice-Aktivistinnen. Es wird damit ein Menschenbild zementiert, das dem Menschen die Selbstreflexion und die Möglichkeit einer Veränderung, wo nötig und gewünscht, absprechen. Ein so geartetes Menschenbild schreibt alle Macht gegebenen Strukturen zu, welchen der Mensch hilflos ausgeliefert ist. Das ist eine bedenkliche und von mir abgelehnte Sicht. Ich bin der Überzeugung, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sein Tun zu hinterfragen (ich behaupte nicht, dass dies in jedem Fall passiert) und sich entsprechend zu verhalten. Ansonsten wäre eine Verbesserung von gegenwärtig als Missstand wahrgenommenen Situationen gar nicht möglich. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht stimmt.

«Weil es der Lebenssinn des Rassismus ist, aus dem Herzen von weisser Macht und Herrschaft heraus weisse Überlegenheit zu behaupten und Weisse zu privilegieren, können Schwarze, die das anzweifeln oder gar Schwarze Überlegenheit postulieren, nicht rassistisch sein.»

Auch dieses Argument ist abzulehnen. Es wäre ein Messen mit unterschiedlichen Massstäben. Zwar ist es in der Tat so, dass – gerade durch die Geschichte – die weissen Privilegien durchaus mehr vertreten sind, der Rassismus auch heute noch oft von Weissen ausgeht, doch zeigt auch da die Geschichte, dass nicht „nur“ die Hautfarbe Grund für Rassismus ist, und dass es nicht vertretbar ist, einem Menschen aufgrund seiner Zugehörigkeit welcher Art auch immer Eigenschaften zuzuschreiben.
 
 
Persönlicher Bezug

«Rassismus ist ein System, und in diesem tragen Individuen zwar Mitverantwortung, können es aber auch nicht einfach so verlassen. Umgekehrt heisst das, dass Rassismus zwar nicht durch ein blosses Wollen Einzelner ad acta gelegt werden kann, es aber dennoch auf jede*n ankommt. Es bedarf also systemischer Prozesse, die individuell mitgetragen werden, und individueller Initiativen, die systemische Prozesse anstossen und tragen.»

Ich habe in diesem Buch oft die postmodernistische Sicht auf das Problem des Rassismus beanstandet, da es einerseits zu Widersprüchen im Buch selber führte, andererseits auch eine Rollenverteilung in Stein meisselt, die einerseits auf einem falschen Menschenbild beruht, wie ich denke, andererseits aber keinem hilft. Indem man versucht, Schwarze zu Opfern, Weisse zu Tätern zu machen, nimmt man beiden die Möglichkeit einer Selbstwirksamkeit. Schwarze könnten sich nach dieser Sicht nie selber wehren, sie bedürften eines Systems, das sich ihnen annimmt und für sie die Steine aus dem Feuer holt. Das würde die Schwarzen zu unmündigen, hilflosen Wesen machen und sie in ihrem Selbstverständnis herabsetzen. Weisse dahingegen wären in ihrer Täterrolle, die sie – so heisst es – oft gar nicht sehen, festgeschrieben und könnten sich nicht verändern, da alles, was sie tun, durch ihr Weiss-Sein bereits rassistisch wäre.

Ich bin der Meinung, dass Rassismus durchaus noch ein systembedingtes, strukturelles Problem ist, da das Denken noch in zu vielen Köpfen sitzt. Es ist aber auch ein individuelles, indem jeder selber für sein Denken und Tun insofern verantwortlich gemacht werden muss, dass es ihm frei steht, es zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. Insofern vertrete ich die Ansicht, dass wir auf allen Ebenen ansetzen müssen: Der Mensch selber muss sein eigenes Tun hinterfragen, dazu bedarf es des Bewusstseins für die Missstände und die eingeprägten Sichtweisen. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist wichtig und nötig und da können aufklärerische Texte helfen. Es braucht aber auch eine Analyse der heutigen Systeme, um unterschwellig vorhandenen Rassismus aufzudecken und zu bekämpfen. Dies können wir nur gemeinsam schaffen, Schwarze und Weisse, die miteinander für die eine gerechte Gesellschaft einstehen.

Fazit
Ein grundsätzlich informatives, ausführliches, gut recherchiertes Buch über Rassismus, was er bedeutet und wie er entstanden ist. Dabei zu oft mit postmodernistischen Argumenten agierend, was zu Widersprüchlichkeiten führt. Empfehlenswert.
 
Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.
 
 
 
Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (2. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 477 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3406765544
 
 

Julia Cruschwitz/ Carolin Haentjes: Femizide. Frauenmorde in Deutschland

Inhalt

„Frauenmord ist keine Familientragödie.
Frauenmord ist keine Beziehungstat.
Frauenmord ist kein Eifersuchtsdrama.
FRAUEN WERDEN GETÖTET, WEIL SIE FRAUEN SIND.
ES HEISST FEMIZID.“

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet, einfach weil sie eine Frau ist. Jeden zweiten Tag versucht ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten – und das sind nur die bekannten Fälle. Viele Kinder werden durch solche Taten traumatisiert, weil sie dabei sind, oder auch umgebracht. Hunderte Kinder werden so jedes Jahr zu Halbwaisen.

Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes wollen mit ihrem Buch „Femizide“ aufrütteln und ein Thema ins Bewusstsein bringen, welches viel zu wenig bekannt ist. Sie haben dazu mit Menschen aus relevanten Gebieten wie der Wissenschaft, der Polizei, Sozialarbeit oder dem Rechtssystem geredet, liessen betroffene Überlebende zu Wort kommen und analysierten Studien.

Wir haben ein Problem, aber es ist lösbar – mit den nötigen Massnahmen auf verschiedenen Ebenen. Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes zeigen sie auf.

Weitere Betrachtungen

„Die Ursache der Gewalt […liegt] in gesellschaftlichen Strukturen. Männliche Machtansprüche seien in der Gesellschaft immer noch akzeptiert, die Geschlechterrollen hätten sich in der Tiefe nicht verändert, beispielsweise sei es immer noch ungewöhnlich, wenn eine Frau mehr verdiene als ihr Mann oder gesellschaftlich höher stehe, und viele Männer hätten ein Problem damit.“

Femizide sind nicht nur einzelne Gewalttaten, auch hier haben wir es mit einem strukturellen Problem zu tun. Noch immer herrscht in vielen Köpfen das alte Rollenbild der männlichen Dominanz vor, der Mann hat das starke Geschlecht auf allen Ebenen zu sein, die Frau ihm unterlegen und von ihm beschützt. Wenn ein so denkender und fühlender Mann nun in eine Situation kommt, in welcher er seine Rolle in Gefahr sieht, muss er sich wehren, das gebührt seiner Männlichkeit und seiner Ehre. Nun ist dieses Rollenbild nicht bei allen Männern gleich stark (oder überhaupt noch da) und nicht jeder mit einem solchen wird seine Partnerin irgendwann umbringen, aber das Rollenbild birgt eine Gefahr in sich, die im schlimmsten Fall tödlich ausgehen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, diese Rollenbilder ins Bewusstsein zu bringen und sie durch neue, gleichberechtigtere zu ersetzen.

„In der Mehrzahl der Fälle wurde mit erheblichem Aufwand reflektiert, geplant und entschlossen gehandelt… In mehr als 90% der Tötungen kam es im Vorfeld zu Stalking – das ist ein untrügliches Warnzeichen für mögliche Gewalt. Ein weiteres, starkes Warnsignal sei es, wenn Männer massive Kontrolle während der Beziehung auf ihre Partnerin ausübten.“

Femizide passieren selten aus dem Nichts und auch kaum je spontan. Sie werden von langer Hand geplant, aus einer Wut heraus, aus Berechnung, aus dem Gefühl, dass diese Frau nicht mehr zu leben verdient, weil sie eben diese Frau ist. Oft wird fälschlicherweise angenommen, in der Beziehung vorher müsste es schon zu Gewalt gekommen sein, damit die Gefahr eines Femizids gegeben sei. Was oft schon während der Beziehung passiert, ist eine sich steigernde Dominanz des Mannes der Frau gegenüber. Ihr Bewegungsradius wird eingeschränkt und kontrolliert. Dem ist nicht so. Die meisten Femizide passieren nach Trennungen, oft, wenn ein neuer Partner im Spiel ist. Im Vorfeld kam es oft zu Stalking, oft auch zu Drohungen, die leider zu wenig wahrgenommen werden, weil die Sensibilität und das nötige Wissen in dem Bereich fehlt bei den Behörden.

„Es braucht politischen Willen, damit ein Hochrisikomanagement eingeführt wird, das allen an einem Fall Beteiligten ermöglicht, die Gefahr zu erkennen und Betroffene zu schützen. Das setzt voraus, die Gefahr zu erkennen und Betroffene zu schützen. Das setzt voraus, dass auch häusliche Gewalt und Stalking als schwerwiegendes öffentliches Problem erkannt werden. Diese Haltung muss auf allen Ebenen vorhanden sein.

Persönlicher Bezug

„Verbleibt eine Frau in einer Beziehungs- oder Liebesgemeinschaft, … in der sie stets mit Misshandlungen und Demütigungen rechnen muss und aus der sie sich mit einem Mindestmass an Selbstverantwortung hätte befreien können, kann im Falle einer Körperverletzung keine staatliche Entschädigung beansprucht.“

Dies war Teil der Begründung der Ablehnung einer Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz, welches Opfern von Gewalt, welche unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden dadurch unterstützen soll. In diesem Satz zeigt sich ein grosser Teil der Problematik, nämlich das mangelnde Wissen um die Hintergründe solcher Taten. Oft geht dem versuchten Femizid eine lange Leidensstrecke der Frau voraus. Sie hat über Jahre Erniedrigungen, Gewalt und Kontrolle erfahren. Sie ist dadurch immer schwächer geworden in ihrer Selbstwahrnehmung, so dass ihr schlussendlich sowohl die Kraft wie auch der Glaube fehlt, es allein schaffen zu können. Zudem lässt ein solcher Mann seine Frau nicht einfach gehen. Entweder schafft er es, sie mit überzeugend klingenden Argumenten zu halten, oder aber er kann sie mit Drohungen in eine Angst versetzen, die jegliche Handlungsmacht der Frau auslöscht.

Das in diesem Entscheid sichtbare Unverständnis zeigt sich leider auch bei den behandelnden Behörden, so dass eine Frau, die es zur Polizei oder gar vor Gericht schafft, damit rechnen muss, nicht ernst genommen zu werden und keine dringend nötige Hilfe zu erhalten. Dafür das Risiko auf sich zu nehmen, ist doppelt schwer.

Es gibt viel zu tun, wir können das Problem der häuslichen Gewalt nicht länger ignorieren. Auf Stufe der Polizei. gibt es vielerorts Ausbildungen und Handlungsanleitungen, wodurch mehr Sensibilität und ein besserer Umgang mit diesem Problem gewährleistet ist. Sieht man teilweise Gerichtsurteile und die dahinterliegenden Begründungen (es finden sich einige in dem Buch), stehen einem die Haare zu Berge. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses Buch aufrüttelt, dass es an den richtigen Stellen gelesen wird und Handlungen auslöst.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über Femizide, deren Hintergründe und Bedingungen sowie der offensichtlichen Mängel, die es in unserer Gesellschaft und bei unseren Behörden im Umgang damit noch gibt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Cruschwitz studierte Kommunikationswissenschaften, Hispanistik und Literaturwissenschaften und ist seit 2003 als freie Autorin fürs Fernsehen tätig. Für ihre Beiträge wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Carolin Haentjes arbeitet seit ihrem Studium der Politik-, Kultur- und Literaturwissenschaften als freie Journalistin und Feature-Autorin, unter anderem für das Deutschlandradio und den Mitteldeutschen Rundfunk.

Angaben zum Buch
Herausgeber: S. Hirzel Verlag GmbH; 1. Edition (25. November 2021)
Taschenbuch: 216 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3777630298

Zoe Beck: Depression

Inhalt

– Jetzt reiss dich doch mal zusammen
– Du hast doch alles im Leben!
– Es ist völlig normal, dass man mal einen schlechten Tag hat!
– Denk einfach was Schönes!

Diese Sprüche kennt wohl jeder Depressive – und einige ähnlichen Sprüche mehr. Aus ihnen allen spricht das Unverständnis, spricht die Ungeduld mit einem Menschen, der nicht so reagiert, wie man es erwartet, einem Menschen, der im Bett liegen bleibt, nicht mehr unter die Leute mag, dem alles zuviel ist, einem Menschen, der keine Kraft mehr hat. Dieser Mensch ist krank. Er tut all das nicht nicht, weil er grad keine Lust oder einen schlechten Tag hat. Er tut sie nicht, weil er nicht mehr kann. Schon die kleinsten Dinge stellen für ihn unüberwindbare Hindernisse dar, die Tage sind düster, die Angst, dass es nie mehr hell wird, erdrückt. Angst – sie ist generell eine Begleiterin der Depression, denn die kommt selten allein. Die Angst schleicht sich in alle Bereiche, sie ist grundlos und doch so präsent. Es kann die Angst vor Menschen, vor Räumen, vor Strassen, vor öffentlichen Verkehrsmitteln sein, die Angst einzuschlafen, weil man fürchtet, nie mehr aufzuwachen.

Über all das schreibt Zoe Beck in diesem einerseits persönlichen und doch sehr informativen und sachlichen Buch. Sie beschreibt die Zustände, in welchen sich depressive Menschen befinden, von den Reaktionen auf diese. Sie schreibt von möglichen Behandlungsmethoden und Medikationen. Sie weist auf Hilfsmöglichkeiten hin und erläutert, was eine Depression eigentlich ist. Sie schreibt von ihrem Weg, offen mit der Depression umzugehen und ruft auf, diese von dem Stigma zu befreien, das sie noch immer darstellt.

Weitere Betrachtungen

„Trotz aller bestens zurechtgelegten Ausreden mir selbst und meinem Umfeld gegenüber kam es immer öfter vor, dass ich anlasslos Herzrasen bekam, dazu quälten mich Schwindel, Übelkeit und die feste innere Überzeugung, jede Sekunde zu sterben. So etwas ging nach einer Weile vorüber, kostete mich aber viel Kraft und Energie. […] und ich machte mir ununterbrochen Vorwürfe, warum ich nicht besser klarkam. Warum ich nicht so funktionierte, wie ich es von mir erwartete. Wie es allgemein von mir erwartet wurde.“

Die Depression mit allem, was sie mit sich bringt an Einschränkungen, Lasten, Leiden, ist das Eine, dazu kommt die grosse Schuld und Scham, die man fühlt als Kranker. Man fühlt sich klein und als Versager, wirft sich vor, nicht mal das Kleinste auf die Reihe zu kriegen. Man schämt sich vor den anderen und vor sich selber, denkt, ihnen und ihren Erwartungen nicht zu genügen und in ihren Augen ein Versager zu sein. Das alles macht das Leiden noch viel schlimmer, als es sowieso schon ist.

„Das Einzige, was man dann noch spürt, ist die Verzweiflung darüber, in diesem Loch zu sitzen, ohne Verbindung zum Rest der Welt. Weil es unerklärlich ist, wie man sich fühlt. Weil es keinen erkennbaren Grund dafür gibt. Weil sich Zusammenreissen und Aufraffen keine Optionen mehr sind. Es geht nicht mehr.“

Und oft weiss man selber nicht, wie einem geschieht, wenn die Kraft wieder weg ist, man nicht mehr kann, einfach alles schwarz wird. Es bleibt nur die Verzweiflung, dass es so ist, und die Angst, dass es nie mehr besser wird.

„Es ist in der Regel ein Zusammenspiel aus Erziehung, genetischer Veranlagung und den äusseren Umständen, das unser Leben bestimmt. Prägend sind dabei Grundüberzeugungen und Glaubenssätze, die mit dem Erziehungsstiel der Eltern und dem sozialen Umfeld zusammenhängen und die wir uns zu eigen machen. Daraus entwickeln wir innerpsychische Muster, mit denen wir uns auch später noch die Welt erklären.“

Es gibt nicht den einen Auslöser einer Depression, oft sind die Verläufe auch schleichend, so dass man nicht mal einen Anfangspunkt festlegen kann. Sicher tragen bestimmte Dinge zu einer Depression bei, es gibt auch Vererbungen einer solchen.

„Es gibt einen Irrglauben, der sich hartnäckig hält: „Wer von Selbstmord spricht, hat nicht vor, sich umzubringen.“ Das stimmt nicht. Wer davon spricht, hat definitiv Probleme und will und braucht Hilfe.“

Im Umgang mit Depressiven ist vor allem eines wünschenswert: Die Anerkennung ihrer Krankheit und das diese auch ernst genommen wird. Abwertende, sogenannt aufmunternde Aussagen können mehr Leiden bringen als verhindern. Aussagen von Depressiven nicht ernst zu nehmen, kann diese noch in grössere Verzweiflung führen, da sie noch mehr mit sich ins Gericht gehen, noch mehr Scham empfinden, die Abwärtsspirale der selbstanklagenden Vorwürfe noch tiefer dreht. Und: Es kann tödlich werden da, wo man einen angekündigten Selbstmord nicht ernst nimmt. Die landläufige Meinung, dass die, welche ihn ankündigen, ihn nicht ausführen, ist leider nicht richtig, ebensowenig wie es stimmt, dass ein missglückter Versuch Zeichen dafür sei, dass er nicht ernst gemeint war. Suizidgedanken kennt wohl jeder Depressive und viele setzen diese mindestens einmal im Leben um, oft mit dem Tod als Ergebnis.

Persönlicher Bezug

„Selbst Erfolge, grosse wie kleine, werden kaputtgeredet: „Wenn ich das geschafft habe, dann kann es nichts Besonderes sein.“ Nette Gesten oder Komplimente werden innerlich abgewehrt… Die inneren Strategien, alles schlechtzureden, kennt keine Grenzen. Man nimmt sich selbst nur noch als nutzlos und überflüssig wahr, eine einzige Enttäuschung, völlig wertlos, eine Zumutung für sich und andere.“

Ich habe mich in diesem Buch an vielen Stellen wiedererkannt, was etwas Erschreckendes, aber natürlich nichts Überraschendes hatte. Ich lebe mit all diesen hier geschilderten Gedanken seit knapp vierzig Jahren. Die Jahre haben mich gelehrt, dass man es überleben kann, sie haben mich gelehrt, dass es immer wieder gute Phasen gibt, und ich habe durch sie gelernt, mit all dem umzugehen. Heute lebe ich mehrheitlich gut damit und darüber bin ich sehr froh. Es gab andere Zeiten, Zeiten, die ich nie mehr erleben möchte und die ich niemandem wünsche.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch viele Leser findet – selber Betroffene und Angehörige. Zwar wird Depression aktuell grad immer mehr zum Thema, aber sie ist noch lange nicht so „normal“ wie ein Beinbruch. Noch immer hängt psychischen Krankheiten ein Stigma an, noch immer fühlt man sich als psychisch Kranker wertlos, nicht in Ordnung, nicht gut genug, weil nicht normal. Es wäre schön, wenn zum Leid der Krankheit nicht noch das der Zuschreibungen hinzukäme.

Fazit
Ein wichtiges Buch, ein persönliches Buch, ein Buch, das fundierte Informationen, mögliche Medikationen, Behandlungen und weitere Hilfen bietet zum Thema Depression. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Zoë Beck, geb. 1975, ist Schriftstellerin, Übersetzerin, Dialogbuchautorin und Dialogregisseurin sowie Verlegerin von CulturBooks. Zuletzt erschien ihr Roman »Paradise City« (2020)

Angaben zum Buch
Herausgeber: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (7. Mai 2021)
Taschenbuch: 100 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3150205754

Carolin Wiedemann: Zart und frei

Vom Sturz des Patriarchats

Inhalt

„Am Umgang mit der Frage nach Geschlechtern, nach Identitäten, nach Begehrens- und Beziehungsformen zeigt sich, wie frei unsere Gesellschaft tatsächlich ist und wie gerecht wir sind. An diesen Fragen entscheidet sich, wohin wir steuern.“

Angriffe gegen den Feminismus sind an der Tagesordnung, Themen wie Gendersternchen, Queerness und Transsexualität spalten nicht nur die Gemüter, sie sorgen gar für Spott, Häme und auch Hass. All das sind Auswüchse eines patriarchalen Systems, es sind Zeichen einer nach rechts rutschenden Bevölkerungsschicht, welche mit aller Kraft versucht, das althergebrachte System, das ihnen die Macht sichert, zu erhalten.

Carolin Wiedemann behandelt in ihrem Buch diesen Antifeminismus, zeigt auf seine Herkunft hin und beschreibt neue Möglichkeiten, diesem entgegenzutreten. Sie ruft dazu auf, trennende Konstrukte aufzugeben zugunsten einer pluralistischen Sicht auf den Menschen und auf die Gesellschaft. Sie ruft dazu auf, althergebrachte Lebensmuster und -rollen zu hinterfragen und, wenn nötig, aufzubrechen.

„Die binäre Geschlechtersozialisation spaltet die Menschen weiter in zwei Gruppen und gibt ihnen jeweils Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster vor, an denen die Menschen immer wieder scheitern.“

Weitere Betrachtungen

„Wir sind alle ausgebeutet durch das Patriarchat, unterschiedlich stark, doch wir sind alle betroffen von patriarchaler Gewalt, entweder, weil wir als Frauen, egal ob mit Vagina oder ohne, abgewertet werden oder weil wir gar nich in die binäre Matrix passen und damit gegen die Grundfesten der patriarchalen Ordnung verstossen.“

Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein individueller Akt, es ist eine strukturelle Form von Gewalt, welche durch das Patriarchat geschützt ist. Um sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren, braucht es entsprechende Massnahmen, welche die patriarchalische Ordnung in Frage stellen und durchbrechen. Es gilt, eingefahrene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und sich für neue Wege zu öffnen.

„Das zentrale Anliegen der Gender Studies ist folglich die Aufklärung der Menschen über Korsette, in die sie das etablierte Verständnis von Geschlecht presst. Laut Judith Butler, der Pionierin der Forschung, soll Gender-Theorie den Menschen in erster Linie ermöglichen, ihre Sexualität und ihre Persönlichkeit ohne Angst vor Diskriminierung in einer gerechteren Welt auszuleben.“

Gender Studies und auch Feminismus handelt nicht davon, Frauen gegen Männer auszuspielen. Es geht auch nicht darum, Machtverhältnisse ins Gegenteil zu verkehren, sondern es geht um Befreiung. Menschen sollen in Freiheit leben können, was und wer sie sind, ohne dabei Angst vor Gewalt und Unterdrückung haben zu müssen.

„Wir müssen und können uns von vielem, was uns gesellschaftlich anerzogen wurde, nicht befreien, wir müssen nicht alle möglichen Vorlieben überwinden… Aber wir sollten all jene Verhaltensweisen und Neigungen darauf befragen, wie tief sie mit Machtverhältnissen verwoben sind, wie sehr patriarchale und auch rassistische Muster in sie eingeschrieben sind, und ob wir sie gegebenenfalls nicht doch ein bisschen herausfordern können.“

Viele der Machtstrukturen sind unbewusst in uns verankert. Wir sind mit Sprüchen, Wörtern, Handlungsmustern aufgewachsen und haben sie als normal kennengelernt. Die gesellschaftlichen Werte sind tief in uns verankert und steuern unsere Wünsche, unser Begehren, unser Sein. Um wirklich etwas gegen das Patriarchat machen zu können, müssen wir uns dieser tief liegenden Prägungen bewusst werden. Wir müssen uns hinterfragen, ob wir wirklich von uns aus wollen, was wir wollen, oder ob diese Wünsche nur einer gesellschaftlichen Wertvorstellung geschuldet ist, welche sich in uns eingebrannt hat. Wir müssen unser Handeln daraufhin analysieren, wo seine Ursprünge sind und was seine Folgen.

„Zart und frei“ ist ein informatives, gut lesbares Buch zu wichtigen Themen unserer Gesellschaft und unseres individuellen Seins. Es regt zum Nachdenken an, lenkt den Blick auf alternative Formen des Zusammenlebens. In diesem Zusammenhang führt Carolin Wiedemann auch in die Polyamourie ein und zeigt die Vorteile einer Abkehr vom traditionellen Familienmodell hin zu Co-Parenting auf. Nun möchte ich diese Lebensformen nicht grundsätzlich in Frage stellen, doch schien mir beim Lesen das Gewicht zu sehr darauf zu liegen. Teilweise schien jeder herkömmlich lebende Mensch als veraltet gesehen zu werden, wer noch nicht polyamourös lebt, hat seine wahren Wünsche noch nicht entdeckt oder traut sich nicht, sie zu leben. Dies mag nicht die Absicht der Autorin gewesen sein, doch ich hätte mir ein grösseres Gleichgewicht der Anerkennung für alle Modelle gewünscht statt neue Präferenzen und Abwertungen zu schaffen.

Persönlicher Bezug

„Die soziale Gleichheit ist das Ziel queerfeministischer Politik: Dafür muss und kann Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Positionen ermöglicht werden. Solidarität bezeichnet damit nicht den Zusammenhang all jener, die ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung oder die gleichen Probleme haben. Solidarität muss überhaupt nicht auf gemeinsamer Erfahrung basieren.“

Ich habe mich immer wieder gefragt, was Menschen dazu bringen könnte, miteinander statt gegeneinander zu sein. Wie können wir Fronten aufbrechen und uns mehr auf Verbindendes als auf Trennendes konzentrieren. Liebe ist sicher eine grosse Macht und Kraft, aber es ist wohl nicht einfach, sie konkret auf alle Menschen auszuweiten. Was in meinen Augen aber durchaus machbar wäre, ist eine Solidarität zu leben, die alle Menschen einschliesst, weil man sich durch dieses Menschsein und was es bedeutet, Mensch zu sein, verbunden fühlt. Menschen wollen überall auf der Welt wohl vor allem eines: Frei von Leiden leben können. Dies als kleinsten gemeinsamen Nenner zu nehmen, wäre ein Anfang. Es wäre ein Anfang, gemeinsam einzustehen, dass möglichst Leid verhindert und ein gutes Leben ermöglicht wird.

Fazit
Ein Buch, das anregt, sich und die Gesellschaft zu hinterfragen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und neue Wege anzuerkennen mit dem Ziel einer gerechteren Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Wiedemann, 1983 in München geboren, schreibt u. a. für FAS, analyse & kritik, Spiegel und Missy Magazine über Fragen von Kritik und Emanzipation. In Hamburg und Paris hat sie Journalistik und Soziologie studiert und im Anschluss eine Doktorarbeit zu neuen Formen von Kollektivität und Subversion unter digitalen Bedingungen verfasst, die 2016 mit dem Titel Kritische Kollektivität im Netz erschien


Angaben zum Buch
Herausgeber: Matthes & Seitz Berlin; 2. Edition (28. Januar 2021)
Taschenbuch: 218 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3957579492

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung

Inhalt

„Vergewaltigung ist eine Form von sozialer Performance: Sie ist hochritualisiert. Sie variiert von Land zu Land und zwischen unterschiedlichen Zeiten. An Vergewaltigung ist nichts Zeitloses oder Zufälliges. Ganz im Gegenteil sind Vergewaltigung und sexuelle Gewalt tief in konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Umständen verwurzelt.“ (Joanna Bourke, Historikerin)

Über Vergewaltigung zu sprechen, ist nicht leicht für die Betroffenen, zu tief sitzen Scham- und Schuldgefühle. Vergewaltigung ist ein gewaltsamer Eingriff in die persönliche (körperliche und psychische) Integrität eines Menschen (mehrheitlich einer Frau) und es ist wichtig, dass wir einen Umgang damit finden, der Opfern eine Sprache gibt.

Mithu M. Sanyal analyisert in diesem Buch die historischen Umstände, die zu einer Kultur führten, in welcher Vergewaltigungen stattfinden. Sie zeigt auf, wie über Jahrhunderte Frauen abgewertet und damit zum Objekt für den Mann gemacht wurden. Sie erläutert, inwiefern eine Vergewaltigung nicht einfach ein einzelner gewaltsamer Akt ist, sondern ein strukturelles Problem. Zudem entwickelt sie Perspektiven, wie man dieses Problem auf individueller und struktureller Ebene verhindern kann.

Weitere Betrachtungen

„Ereignisse mögen objektiv sein, ihre Verarbeitung und Bewertung ist abhängig von einer ganzen Reihe persönlicher Faktoren (wie Ressourcen und Resilienz) und sozialer Bedingungen (Umfeld, Kultur, gesellschaftliche Wertvorstellungen etc.).“

Je nach sozialem Umfeld, nach dem eigenen Stand in der Gesellschaft und im Leben, trifft eine Vergewaltigung das Opfer anders und fällt die Auseinandersetzung damit schwerer. Studien zeigen, dass je nach Status in der Gesellschaft Opfer mehr oder weniger Misstrauen entgegenschlägt, dass auch die Art einer Vergewaltigung und inwiefern sie dem kulturellen Bild einer solchen entspricht, die Glaubwürdigkeit beeinflusst. Des Weiteren spielt auch die persönliche Veranlagung eine grosse Rolle im Umgang mit sexueller Gewalt.

„Sprache spielt nicht nur eine zentrale Rolle dabei, wie wir Vergewaltigung be- und verurteilen, sondern auch dabei, wie wir sie verarbeiten. Wir brauchen Narrative, um uns die Dinge, die uns geschehen, zu erklären, um sie erinnern zu können, und um unsere Innenwelt für die Aussenwelt sichtbar zu machen.“

Sexualität ist per se ein Tabu in unserer Gesellschaft, die weibliche sowieso, wird sie doch verneint, verteufelt oder aber verschwiegen. Das führt dazu, dass uns die Sprache fehlt, über solche Dinge zu sprechen. Sie fehlt umso mehr, wenn es darum geht, von Gewalt in dem Bereich zu sprechen, da Schuld und Scham Schweigen befördern. Es kann nicht gesagt werden, wofür man keine Worte hat, es kann auch nicht gesagt werden, wovon man fürchtet, dass es nicht gehört werden will oder gar verurteilt werden wird. Sanyal weist auf Susan Brownmillers Satzung hin,

„…, dass Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun habe, sondern alles mit Gewalt. Das war wichtig, weil sie damit klarstellte, dass Vergewaltigung nicht eine Spielart von Sexualität ist, sondern ein Verbrechen.“

Sexualität findet dann statt, wenn ein Konsens besteht, dass alle beteiligten Parteien das gleiche wollen. Ist dem nicht so, ist es keine Sexualität mehr, sondern Gewalt. Diese Unterscheidung ist wichtig, um eine Vergewaltigung als das zu sehen, was sie ist: Ein gewaltsamer Akt gegen einen Menschen. Daraus resultiert auch, dass der so zum Opfer gewordene Mensch keine Schuld trägt, weder durch seine Kleidung, sein Aussehen, sein Verhalten oder andere Eigenschaften. Jemand, der ein Nein nicht als Nein akzeptiert, verstösst gegen die Integrität eines anderen Menschen, verletzt seine Würde, zerstört ihn in seinem Wunsch auf Heil-Sein.

Persönlicher Bezug

„[bell] hooks erklärt […], dass die Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben und zu wertschätzen, ein elementarer Schritt zur Dekolonialisierung unserer Körper und Psychen ist. Schliesslich ist ein zentraler Aspekt von struktureller Unterdrückung, Menschen zu vermitteln, dass sie nicht denselben Wer haben – und damit nicht derselben Form der Liebe wert sind – wie weniger marginalisierte Gruppen.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über den Begriff der Vergewaltigung, deren Hintergründe und Bedingungen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Dr. Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin sowie Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt für WDR, SWR, Deutschlandfunk, Der Spiegel, The Guardian, taz, Missy Magazine, Vice etc. Ihre Bücher »Vulva« (2009) und »Vergewaltigung« (2016) wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die englische Ausgabe »Rape« wurde 2017 mit dem Preis Geisteswissenschaften International ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Roman »Identitti« (Hanser). Im selben Jahr erhielt Mithu Sanyal den Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Edition Nautilus GmbH; 3. Edition (23. November 2020)
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3960542452

Susan Arendt: Sexismus

Geschichte einer Unterdrückung

Inhalt

«Dem Buch geht es darum, Sexismus als etwas Systemisches zu verstehen und entsprechend zu fragen, was ihn im Kern zusammenhält. Im Zentrum steht dabei die These, dass Sexismus an Macht gebunden ist, die auf dem Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut und dadurch patriarchalische Herrschaft ermöglicht.»

Die gesellschaftlich verteilte Macht an die heterosexuellen Männer führt zur Unterdrückung von Frauen, homo-, intersexuellen und transgeschlechtlichen Menschen. Susan Arndt versucht die dahinter liegenden Mechanismen zu analysieren, indem sie auf die biologische Erklärung der Zweigeschlechtlichkeit eingeht, die daraus resultierenden sozialen Deutungen herausarbeitet und die darauf fussenden Moral- und Rechtsvorstellungen beschreibt. In der Folge werden Massnahmen aufgezeigt, die helfen, das System zu durchbrechen, dies auf gesetzlicher, sozialer und individueller Ebene.

Weitere Betrachtungen
Anhand von persönlichen Erlebnissen und sachlichen Referenzen zeigt Susan Arendt, wie präsent Sexismus in der heutigen Gesellschaft ist. Es sind nicht nur die offensichtlichen (oft gewaltsamen) körperlichen Übergriffe, es fängt schon viel früher an.

«Sexuelle Belästigung umfasst also ein breites Spektrum von Handlungen. Physische Übergriffe und diskriminierende Vokabeln sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch verbale Übergriffe wie Witze, Kommentare, Erzählungen über Sexualität oder (vermeintliche) Komplimente gehören zum Gesamtbild.»

Wie oft hört man als Frau, wenn man sich wehrt, man sei empfindlich, das sei nur ein Witz? Auch die Aussage, man dürfe bald keine Komplimente mehr machen, wenn man nicht inhaftiert werden wolle, ist eine gern geäusserte. Aber: Will Mann wirklich sagen, dass er so dumm ist, so wenig Feingefühl hat, um nicht zu merken, wo etwas angebracht, gar gewünscht ist, und wo nicht? Ich traue Männern mehr zu. Leider lassen sich viele Frauen von solchen Aussagen einschüchtern oder fühlen sich gar schuldig, schämen sich. Ein Teufelskreis. Bücher wie das von Susan Arendt können da helfen, ein grösseres Bewusstsein zu schaffen dafür, dass es Grenzen gibt und diese eingehalten werden müssen.

«Bis in die letzten Zipfel der weissen deutschen Männer*gesellschaft hinein wissen die meisten offensichtlich sehr wohl, dass es sich nicht gehört, Frauen* anzugrapschen oder verbal übergriffig zu werden. Dennoch tun dies viel zu viele im Windschatten der sexistischen Sozialisation und der sie tragenden Institutionen und Strukturen, Wissensparadigmen und Grundsätze. »

Das grösste Problem bei all dem ist wohl, dass hinter jedem einzelnen Mann, der sich übergriffig verhält, ein System steht, welches ihn schützt. Dieses System ist über Jahre gewachsen und hat kein Interesse daran, gestürzt zu werden. Dass zum Selbstschutz also oft mit harten Bandagen, subtilen Mitteln und machtvollen Argumenten gekämpft wird, liegt auf der Hand.

«In konsequenter Fortführung des Anspruchs darauf, Diskriminierung in gegebenen Komplexitäten zu diskutieren, adressiert Intersektionalität in seiner aktuellen Dimension aber nicht nur die Verschränkung von Rassismus und Sexismus, sondern alle Facetten der Mehrfachdiskriminierung: Sexismus, rassistische Verortungen, Religion, soziale Schichten, Nation, Gesundheit, Dis*ability, Körpernormen, Ethnizität, Alter wirken ineinander, ohne auseinanderdividiert werden zu können.»

Nie aus den Augen verlieren dürfen wir aber, dass Frausein nicht der einzige Grund für Unterdrückung ist. Alles, was nicht der landläufigen Norm entspricht, läuft Gefahr, Diskriminierung zu erleben. Meistens kumuliert sich dies noch, wenn verschiedene Punkte in einem Menschen vereint sind.

Susan Arndt ist ein tiefgründiges, sachliches und fundiert recherchiertes Buch gelungen, das auf die Auswüchse des Sexismus in der heutigen Gesellschaft aufmerksam macht und diese durchleuchtet. Dass all dies nicht auf Kosten der Lesbarkeit geht, zeichnet das Buch zusätzlich aus aus.

Persönlicher Bezug

«Sexismus ist eine Machtstruktur mit System, in das alle strukturell und diskursiv eingebunden sind, ganz egal, ob das nun jemand will oder nicht. Alle durchlaufen in gemeinsam geteilten Räumen konkreter historischer Zeiten ähnliche Sozialisierungsmuster; alle werden unterschiedlich stark davon geprägt und gebrochen. Alle stecken ein und alle teilen aus… Es geht also nicht um Schuldzuschreibungen, aber es geht um MitVerantwortung.»

Ich war in meinem Leben oft Sexismus ausgesetzt. Vom übergriffigen Chefredaktor einer grossen Schweizer Zeitung über eine Professorin, welche fand, als Frau und Mutter könne ich keine Dissertation schreiben, bis hin zu Bemerkungen, ich hätte meine Prüfungen wohl nur aufgrund eines kurzen Rockes geschafft, war alles dabei (und noch so vieles mehr). Trotzdem denke ich, ist es zu kurz gegriffen, die alleinige Schuld dem Mann in die Schuhe zu schieben und ihn zum Summum Malum zu erklären.

Wir alle sind Kinder einer Zeit und einer Gesellschaft. Das Einzige, was wir tun können, ist hinschauen, bewusst wahrnehmen, was läuft und die Missstände angehen. Gemeinsam und nicht gegeneinander.

Fazit
Ein informatives, ausführliches, gut recherchiertes, sachliches Buch über Sexismus, was er bedeutet, wie er entstanden ist und was wir als Gesellschaft brauchen, die ihn befördernden Strukturen aufzubrechen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ C.H.Beck; 1. Edition (17. September 2020)
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406757976

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Judith Sevinç Basad: Schäm dich!

Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Inhalt

«Es scheint also nicht nur eine Sehnsucht danach zu geben, Weisssein per se zu verteufeln und abzuwerten. Bizarr ist auch, wie man sich auf die Suche nach einer Person macht, die ein noch grösseres Opfer ist als man selbst.»

Judith Sevinç Basad spricht von Meinungsmache, welche totalitären Charakter angenommen habe, wenn sie Themen wie #MeToo, die Stigmatisierung Weisser zu Rassisten, der Verurteilung alter weisser Männer, Cancel Culture und weitere behandelt. Die Social-Justice-Warriors verbreiten eine Ideologie, welche keinen Widerspruch duldet, weil diese die einzig mögliche Wahrheit darstellt. Wer trotzdem anderer Meinung ist, wird schändlicher Motive bezichtigt und er soll sich schämen – zusätzlich zur falschen Meinung auch für seine weisse Hautfarbe, denn die offenbart ihn schon als Rassisten, egal, was er tut oder sagt.

Weitere Betrachtungen
Judith Sevinç Basad hat mit diesem Buch einen Gegenentwurf entworfen zu der aktuellen Debatte um Feminismus und Rassismus. Sie kritisiert linke Kriegerinnen, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen schreiben und die eigene Meinung als richtige definieren, welche keinen Widerspruch duldet. Sie werden damit dem vergleichbar, was Hannah Arendt als Methoden totalitärer Systeme bezeichnet: Man führe die verschiedenen Mitglieder einer definierten Gruppe auf einen typischen Vertreter derselben zusammen und teile dann das System in gut (die Eigenen) und schlecht (der definierte andere Gruppenmensch) zusammen. Eine so gleichgeschaltete Gruppe lässt sich in der Folge besser manipulieren.

Basad beschreibt auf eine unaufgeregte, sachliche und gut abgestützte und mit Beispielen belegte Art die heutigen Zustände an der Front der Social Justice Warroirs und ihren treuen Folgern. Sie weist auf die so entstehenden Gefahren und Missstände hin und sensibilisiert für einen bewussteren Blick auf Forderungen und Anschuldigungen der beschriebenen Kriegerinnen, welche zwar im Ansatz teilweise durchaus legitim erscheinen, in dieser Vehemenz und Verallgemeinerung aber zu einer Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen führt. Es sollen hier nur einige Beispiele angeführt werden:

In den letzten Jahren wurden Geschlechterzuschreibungen immer mehr hinterfragt und geöffnet. Die Überzeugung, dass es jedes Menschen Recht sein soll, seine eigene Geschlechtsidentität definieren zu können, setzte sich durch, was ein Durchbruch war und Menschen aus der Stigmatisierung (früher gar Kriminalisierung) befreien sollte. Aktuell scheint das extreme Züge anzunehmen:

«Zugespitzt heisst das: Die weisse heterosexuelle ‘Normalität’ muss zerstört werden, weil sie rassistisch und sexistisch ist.»

Alles, was man als frühere Norm definiert, wird nun verteufelt. Nach den weissen Männern kamen die Weissen überhaupt, nun sind die Heterosexuellen an der Reihe. Dass man dabei eigentlich mit umgekehrten Vorzeichen fortführt, was man bekämpfen wollte, nämlich die Diskriminierung von Menschen aufgrund einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit, wird vehement zurückgewiesen, da all die, welche zur Norm gehörten eben darum gar nicht diskriminiert werden könnten.

«Die gendergerechte Sprache dagegen hat nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun. Denn beim Gendern handelt es sich nicht um harmlose Ausdrücke, die neu auftreten, sondern um eine politische Agenda, die – wenn möglich – von oben durchgesetzt werden soll, um moralisch zu erziehen.»

Einen weiteren Angriff startet Basad auf die geforderten Sprachanpassungen. Das Argument, Sprache sei immer im Wandel, lässt sich dabei nicht gelten, sondern führt Studien an, welche widerlegen, dass sich Frauen früher nicht angesprochen fühlten bei der Nennung eines generischen Maskulinums. Sie führt (korrekt) an, dass dieses mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht nichts zu tun hat, sondern eine grammatische Eigenschaft ist.

«Alle Weissen sind rassistisch. Ihre Gesten sind rassistisch. Ihr Verstand ist rassistisch. Ihre Emotionen sind rassistisch. Ihre Handlungen sind rassistisch. Alles an ihnen ist rassistisch, weil sie eine weisse Hautfarbe haben.»

Dieses Fazit zu den vorherrschenden Meinungen zieht Basad am Schluss. Sie bezieht sich dabei auf Aussagen, die behaupten, Weisse seien per se rassistisch und könnten keinen Rassismus erfahren, sondern sollten sich eher schämen dafür, weiss zu sein. Es gibt Schulprogramme, die weisse Kinder in eine «Identitätskrise» stürzen sollen, um sie von der Neurose des Konsens zu heilen, Rassismus sei zu verurteilen, da sie, als Weisse, nicht nicht rassistisch sein könnten. Man muss nicht sehr weit in der Geschichte zurückzugehen, um ähnliche Zuschreibungen und Verurteilungen zu finden – die grausamen Auswüchse damals sind sicher noch in vielen Köpfen präsent.

Persönlicher Bezug

«Weisse, so heisst es da, würden sich nur deswegen gegen den Rassismus-Vorwurf wehren, weil ihre ‘weisse Psyche’ an einer ‘weissen Neurose’ leide. ‘Weisse Emotionen’ seien krankhafter ‘emo-kognitiver Zustand’, der zu ‘weisser Angst’, ‘weisser Furcht’, ‘weisser Wut’, ‘weisser Traurigkeit’, ‘weisser Hilflosigkeit’, ‘weisser Schuld’ und ‘weisser Scham’ führe. Diese ‘weissen Emotionen’ seien ein ‘Motor von Rassismus’.»

Ich habe in letzter Zeit viele Bücher junger Frauen zum Thema Rassismus gelesen. Ich war erschüttert, betroffen, der tiefen Überzeugung, dass das nicht immer so weiter gehen darf, dass etwas getan werden muss, um Rassismus von Generation zu Generation weiterzugeben. Dass aber gerade diese Betroffenheit eine eigene Neurose sei, die mich zu einer psychisch Kranken herabsetzt, lässt meinen Mund doch offenstehen. Dass ich aufgrund meiner Hautfarbe per se ein Rassist sein soll, macht mich sprachlos, da eine solche Zuschreibung ohne Kenntnis meiner Person und meiner Einstellung als Unrecht erscheint, das ich nicht gewillt bin, hinzunehmen.

Ich bin überzeugt, dass Rassismus wie Sexismus (auch) ein strukturelles Problem ist, das wir mit vereinten Kräften angehen sollten. Ich sehe wenig Sinn darin, uns immer wieder in neue Gruppen zu teilen und die anderen zu bekämpfen. Ich sehe wenig Erfolg für die Sache, wenn unsachliche Behauptungen und individuelle Befindlichkeiten zu allgemeingültigen Wahrheiten verklärt und mit Vehemenz und blindem Eifer durchgesetzt werden sollen. Bücher wie dieses können helfen, den Blick wieder zu schärfen, in der Hoffnung, dass wir endlich aufhören, Fronten zu schaffen.

Fazit
Ein sachlicher, fundierter, intelligenter Gegenentwurf zu aktuellen, teilweise radikalen Positionen in Bezug auf Rassismus, Sexismus und Feminismus.

Autorin
Judith Sevinç Basad studierte Germanistik und Philosophie und schloss ihren Master mit einer Arbeit über totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung ab. Sie arbeitete für die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen geschlechtergerechten und liberalen Islam praktiziert und publizierte u.a. für WELT, FAZ, NZZ und den Autoren-Blog „Salonkolumnisten“. Im Jahr 2019 absolvierte Basad ein Zeitungsvolontariat im Feuilleton der NZZ. Seit 2020 erscheint ihre Online-Kolumne „Triggerwarnung“ im Cicero. Sie lebt als freie Autorin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Westend; 1. Edition (29. März 2021)
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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bell hooks: Feminismus für alle

Inhalt

«Im Grunde meines Herzens wusste ich, dass es uns nie gelingen würde, eine erfolgreiche feministische Bewegung auf die Beine zu stellen, wenn wir nicht jede und jeden, weiblich wie männlich, Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungen, zu ermutigen können, sich dem Feminismus zu nähern.»

Feminismus ist nicht neu – trotzdem wissen wenige, was der Begriff und die dahinterstehende Bewegung wirklich bedeuten. Klischeevorstellungen herrschen in den Köpfen vor und sorgen für Ablehnung. bell hooks möchte damit aufräumen und erklärt in diesem Buch auf leicht verständliche Weise, was Feminismus will und wieso es ihn braucht.

Sie ruft dazu auf, alle ins Boot zu holen, da nachhaltige Veränderungen für alle nur gemeinsam erreicht werden können. Stimmen, die behaupten, Feminismus sei nicht mehr nötig, da alles erreicht wäre, zeigt sie auf, dass es noch immer Gewalt und Ausbeutung an und von Frauen, Sexismus und ungerechte Arbeitsbedingungen gibt. Dem können wir nur mit vereinten Kräften entgegentreten.

Weitere Betrachtungen

«Alles, was wir in unserem Leben tun, hat eine theoretische Grundlage. Ob wir nun bewusst ergründen, warum wir eine bestimmte perspektive haben oder eine bestimmte Handlung ausüben, es gibt immer auch ein zugrundeliegendes System, das unsere Gedanken und Handlungen prägt. »

Es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten nicht per se das Verhalten eines einzelnen Menschen, sondern dass er eingebettet in ein System ist. Genauso ist es auch mit anderen Verhaltensweisen und Denkarten. Diesen auf den Grund zu gehen, sie zu analysieren, um sie durchbrechen zu können, ist der erste Schritt zur Besserung.

«Klasse ist viel mehr als Marx’ Definition vom Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Klasse umfasst dein Vergalten, deine grundlegenden Einstellungen, welches Verhalten dir beigebracht wird, was du von dir selbst und von anderen erwartest… In der Tat fällt es heute wie früher weitaus mehr Feministinnen leichter, ihre von weisser Vorherrschaft geprägten Ansichten abzulegen als ihren Klassenelitismus.»

In der heutigen Zeit sind die Stimmen, die Rassismus vor den Feminismus stellen, laut. Was aber auch den Vertreterinnen davon meist abgeht, ist der Blick auf die durch Armut benachteiligten Frauen in der Gesellschaft. Gerade die finanziellen Verhältnisse, die soziale Schicht, in der jemand aufwächst, hat einen sehr prägenden Einfluss auf das weitere Leben eines Menschen. Dieses sollte immer im Blick bleiben bei allem, was wir anstreben. Rawls meinte in seiner «Theorie der Gerechtigkeit», dass ein System dann gerechter wird, wenn eine Veränderung auch den am schwächsten Gestellten besser hinstelle.

«Die einzige Hoffnung auf feministische Befreiung liegt in der Vision eines sozialen Wandels, die dem Klassenelitismus den Kampf ansagt.»

Schon Simone de Beauvoir war anfangs der Ansicht, dass die Umsetzung des Sozialismus das Frauenproblem von selber lösen würde. Sie rückte später davon ab. Die Unterdrückung der Frauen fusst auf mehr Kriterien als nur dem Klassenproblem. Trotzdem ist Armut eines der zentralen Frauenprobleme. Das «Handbuch Armut Schweiz», von der Caritas herausgegeben, listet Zahlen auf, nach denen vor allem Frauen (alleinerziehende Mütter, Migrantinnen, alte Frauen) von Armut gefährdet sind. Dieses Problem gilt es anzugehen, nicht statt anderer feministischer Fragen, aber als eine und zwar eine wichtige.

Persönlicher Bezug

«Wir begannen, eine Vision von Schwesterlichkeit zu verbreiten, in der alle unsere Realitäten artikuliert werden konnten.»

Betrachte ich die Geschichte des Feminismus, zeigen sich drei Wellen. Nach jeder fing man von vorne an. Erreichtes der letzten Kämpferinnen ging verloren, vergessen oder wurde mit Füssen getreten. Heute zeigt sich uns ein Bild, in welchem junge Feministinnen die «Altfeministinnen» angreifen, schwarze gegen weisse schiessen, die einen sich mehr als Opfer verstanden haben wollen als andere – Fronten, wohin man schaut, anstatt das man hingeht im Sinn der Sache und gemeinsam den Dialog führt und Wege sucht, miteinander zum Ziel zu kommen.

Immer wieder kommt die Frage auf, wie es sein könne, dass Frauen, die doch die Hälfte der Menschheit ausmachen, von der anderen Hälfte unterdrückt werden: Vermutlich genau drum: Sie treten nicht vereint als Hälfte auf, sondern schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, so dass am Schluss lauter kleine Grüppchen in die Welt rufen und damit weniger gehört werden, als möglich wäre.

Fazit
Eine leicht lesbare, sehr fundierte, tiefgründige und aufschlussreiche Einführung in den Feminismus, in seine Ziele und was es braucht, diese zu erreichen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
hooks, bellbell hooks, geboren 1952 und gestorben 2021 in Kentucky, war Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Schon als junge Studentin schloss sie sich der feministischen Bewegung an und machte sich 1981 gleich mit ihrem ersten Buch „Ain’t I a Woman: Black Women and Feminism“ einen Namen. In den nachfolgenden Jahrzehnten hat sie unzählige Werke veröffentlicht, in denen sie sich mit Rassismus, Sexismus und Klassismus beschäftigt, und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Auf Deutsch erschien zuletzt 2020 „Die Bedeutung von Klasse“ im Unrast Verlag.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Unrast; New Edition (5. Oktober 2021)
Taschenbuch: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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Emilia Roig: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung

Inhalt

«Das Patriarchat heisst für Frauen, sich so klein zu machen wie möglich, nicht zu viel Platz einzunehmen, nicht zu viel zu sprechen, nicht zu laut zu lachen, nicht zu klug zu erscheinen, nicht aufzufallen (ausser aufgrund der Schönheit). Klein zu bleiben, damit sich Männer nicht bedroht fühlen.»

Wir alle wünschen uns eine Welt, in der wir trotz unserer Unterschiede als Gleichberechtigte zusammenleben können. Leider sind wir davon noch weit entfernt, denn noch immer sind Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung. Anhand von persönlichen Erfahrungen und sachlichen Erläuterungen beleuchtet Emilia Roig Themen wie Rassismus, Homofeindlichkeit, Antisemitismus, Queerness und Feminismus und erklärt, worauf eine gerechtere Welt achten müsste.

Weitere Betrachtungen

«Die Flexibilisierung der Geschlechternormen, die in der westlichen Welt im letzten Jahrhundert durch die feministische Bewegung in Gang gesetzt wurde, ging bisher vor allem in eine Richtung. Frauen durften allmählich ihre männliche Seite ausdrücken durch Kleidung, Verhalten und gesellschaftliche Rollen, die sich über die häusliche Sphäre hinaus erstrecken. Das Patriarchat überwinden, heisst aber auch, die Männer von den rigiden patriarchalen Erwartungen zu befreien. »

Das Patriarchat wird häufig als eine von Männern gemachte Welt wahrgenommen, die Frauen unterdrückt. Dies ist nicht nur falsch, aber es greift zu wenig weit. Auch Männer werden in Rollen gezwängt, denen sie kaum entkommen können. Um zu einer gerechteren Welt zu gelangen, in welchen alle frei entscheiden können, wie sie leben wollen, gilt es, auch die Männer in den Blick zu nehmen und für alle die Zwänge und Einschränkungen zu eliminieren. Wir werden das Ziel einer gleichberechtigten Welt nicht erreichen, wenn wir Fronten bauen und gegeneinander antreten.

«Auch wenn jede Form von Rassismus ihre spezifischen Eigenschaften hat, verfügt sie immer über zwei wichtige Merkmale: die Konstruktion der Gruppe als unterlegen und ihre Entmenschlichung bis hin zur Vernichtung.»

Rassismus ist ein grosses Thema, noch immer ist die Unterdrückung von Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft sehr präsent in unserer Welt, in vielen Ländern kam es in den vergangenen Jahren zu einem Rechtsrutsch, was das Problem noch vergrössert. Wir sind alle gefordert, nicht wegzuschauen, hinzustehen, einzuschreiten. Es ist wichtig, dass wir rassistische Äusserungen und Handlungen als solche erkennen und nicht tolerieren. Das ist der einzige Weg hin zu einer Welt, in der wir alle als Gleiche und Freie zusammenleben können.

«Die Schäden, die Rassismus bei einem Menschen hinterlässt, können durch radikale Akzeptanz – durch Selbstliebe – geheilt werden. Dafür muss Rassismus als System der Entmenschlichung aber nicht nur anerkannt, sondern auch dekonstruiert werden.»

Der einzelne Mensch leidet unter Rassismus, was sich tief in seiner Seele festsetzt. Wenn man weiss, dass vom Krieg traumatisierte Menschen dieses Trauma durch ihre Genstruktur an ihre Kinder vererben, kann man davon ausgehen, dass auch das Trauma von rassistischer Gewalt und Unterdrückung nicht spurlos an den Betroffenen (und ihren Nachkommen) vorüber geht. Es wird Zeit, mit vereinten Kräften gegen ein System anzugehen, das Menschen in einer solchen Weise verletzt und im schlimmsten Fall zerstört.

Persönlicher Bezug

«Another world is not only possible, she’s on her way. Maybe many of us won’t be here to greet her, but on a quiet day, if I listen very carefully, I can hear her breathing. (Arundhaty Roy)»

Ein Thema, das mich wohl nie loslässt in meinem Leben. Von klein an war es mir wichtig, dass Dinge gerecht zu und hergehen, im Studium wurde es mein Schwerpunkt, in der Dissertation hatte ich mich im wahrsten Sinne der Gerechtigkeit verschrieben. Der Traum einer gerechten Welt ist alt, sie zu erreichen erscheint oft als Utopie. Ja, wir werden die perfekte gerechte Welt vielleicht wirklich nicht erreichen, zumal die Meinungen, wie diese auszusehen hätte, divergieren. Aber: Wir können uns auf den Weg machen und versuchen, als Menschen mit Menschen zu leben, diese in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen und doch als Gleichwertige zu sehen. Das wäre ein grosser Schritt in eine gute Richtung. Noch sind wir nicht da – aber wer weiss, vielleicht atmet sie wirklich schon ganz in der Nähe, wie Arundhati Roy schrieb.

Fazit
Eine fundierte, ausführliche, informative und doch lesbare Analyse der heutigen Gesellschaft mit ihren Mechanismen von Diskriminierung und Abwertung im Hinblick darauf, etwas daran zu ändern für eine gerechtere Gesellschaft. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Emilia Zenzile Roig (*1983) ist Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Science Po Lyon. Emilia Roig lehrte in Deutschland, Frankreich und den USA Intersektionalität, Critical Race Theory und Postkoloniale Studien sowie Völkerrecht und Europarecht. Sie hält europaweit Keynotes und Vorträge zu den Themen Intersektionalität, Feminismus, Rassismus, Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion und ist Autorin zahlreicher Publikationen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Sie ist Interviewpartnerin in Sibylle Bergs Bestseller „Nerds retten die Welt“ und war Mitglied der Jury des Deutschen Sachbuchpreises 2020.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau Verlag; 3. Edition (15. Februar 2021)
Gebundene Ausgabe: 397 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3351038472

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Julia Korbik: Oh, Simone!: Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten

Inhalt

«Auf Vorbilder kann sie… kaum zurückgreifen: Noch haben es nicht viele Töchter aus gutem Hause gewagt, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Geburtsmilieu und die damit verbundenen Erwartungen hat Simone hinter sich gelassen – ohne allerdings zu wissen, worauf sie ihr Leben stattdessen aufbauen soll. .»

Simone de Beauvoir war wahrlich eine spannende Frau. Sie strebte nach Freiheit und Unabhängigkeit, sie wollte lesen, lernen, lieben, so, wie sie es wollte. Sie akzeptierte keine Einschränkungen, ging lieber den schwierigeren Weg als klein beizugeben. Und sie analysierte genau, was Frauen im Weg stand, genau dieses freie und unabhängige Leben zu leben. Sie lebte in einem anderen Jahrhundert, in anderen Zeiten und Umständen. Und doch auch wieder nicht.

Wieso sollte sie uns heute noch interessieren? Der Frage geht Julia Korbik in diesem Buch nach und kommt zum Schluss: es gibt viele Gründe dafür!

Weitere Betrachtungen

«Schon mit neunzehn Jahren war ich überzeugt gewesen, dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist.»

Simone de Beauvoir wuchs in sehr kontrollierten Verhältnissen auf, in welchem grossen Wert auf Status und Etikette gelegt wurde. Die Bewegungsgrenzen waren entsprechend eng gesteckt, ausbrechen kam kaum in Frage. Das Schicksal der familiären Finanzkrise sowie ein eigenwilliges Wesen kamen ihr zu Hilfe.

«Es ergibt sich für jeden Einzelnen eine ethische Verpflichtung, an einer Welt mitzuarbeiten, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Entwürfe in eine offene Zukunft hin zu verwirklichen. Eine Aktivität ist dann ‘gut, wenn sie darauf abzielt, für sich und andere […] die Freiheit zu befreien.’ »

Simone de Beauvoir wollte immer schreiben – und sie schrieb. Und sie dachte, frei und wild und tief. Sie hatte ihren Partner im Geiste, Jean Paul Sartre, mit dem sie eine langjährige Beziehung verband. In späteren Jahren begann sie auch zu kämpfen – für mehr Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung. Und immer wieder stand sie ein für andere, half, unterstützte.

«Frei sein wollen bedeutet wollen, dass auch andere frei sind…»

Man ist nie allein, man kann ohne den anderen nicht leben. Simone de Beauvoir war sich dessen bewusst und dieses Wissen war wohl mit Antrieb, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu schauen. Es gibt kein Gut für einen allein, ein wirkliches Gut ist es erst, wenn es ein geteiltes ist.

Julia Korbik ist ein gut lesbarer Überblick über Simone de Beauvoirs Leben und Schaffen gelungen, der nichts Neues, aber für den, der noch nichts von Simone de Beauvoir kennt, einen guten Einstieg bietet. Man kann zu Julia Korbiks Verteidigung sagen, dass Simone de Beauvoir selber so viel von ihrem eigenen Leben beschrieben hat, dass es wenig Neues gibt für einen Autoren, der über sie schreiben will. Die Analyse müsste sehr tief gehen, wie das einige Biographen durchaus taten. Das wäre eine zu grosse Erwartung an dieses Buch, die nicht erfüllt würde.

Persönlicher Bezug

«Die Philosophie stellt Fragen und vor allem hinterfragt sie vermeintlich natürliche Gegebenheiten… Bei der Philosophie, glaubt Simone, geht es um das Wesentliche: ‘Immer hatte ich alles erkennen wollen: Die Philosophie würde mir möglich machen, dieses mein Verlangen zu erfüllen…’»

Ich habe in diverse Fächer reingeschaut, bis ich meine schlussendliche Kombination hatte. Zwar war Philosophie im Gymnasium eines meiner liebsten Fächer, dies aber nur, weil ich nichts tun musste, es flog mir förmlich zu. Das lag wohl daran, dass mir die Philosophie lag, ich sie nie als Arbeit auffasste. Im Studium stiess ich per Zufall quasi auf die Philosophie – durch ein interdisziplinäres Seminar. Das war der Anfang einer grossen Liebe, weil ich nun wirklich merkte: Das liegt mir, da kann ich eintauchen, da geht es um verstehen, denken, lernen, analysieren –  da kann ich wachsen.

Beim Lesen von Simone de Beauvoirs Biographie habe ich so viele bekannte Gedanken entdeckt, so viele Lebensziele, -wünsche und auch die Zweifel am eigenen Sein und Tun. Sie ist aktuell, sie ist inspirierend, sie ist für mich eine sehr spannende Frau.

Fazit
Eine gute Einführung in das Leben und Schaffen einer spannenden Frau. Als Erstlektüre zu Simone de Beauvoir sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Korbik wurde 1988 im Ruhrgebiet geboren und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht, aber auch europäische und französische Themen – egal, ob politisch, gesellschaftlich oder kulturell. Korbik studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus und pendelte dafür im Jahresrhythmus zwischen dem nordfranzösischen Lille und dem westfälischen Münster. Sie ist ehrenamtlich für das sechssprachige Europa-Onlinemagazin cafébabel aktiv, vor allem als Vize-Präsidentin von Babel Deutschland e.V. und als Vorstandsmitglied des Vereins Babel International. 2014 erschien ihr erstes Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Rogner & Bernhard). 2016 rief Korbik den Blog Oh, Simone ins Leben, der einzige deutschsprachige Blog, der ganz Simone de Beauvoir gewidmet ist.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch; 5. Edition (15. Dezember 2017)
Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3499633232

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Hilkje Hänel: Wer hat Angst vorm Feminismus

Warum Frauen, die nichts fordern, auch nichts bekommen

Inhalt

«Wir werden auch feststellen, dass die sozialen Rollen und die Plätze, die wir im Machtgefüge einnehmen können, viel damit zu tun haben, welches Geschlecht wir haben und/oder welches Geschlecht uns andere zuschreiben.»

Feminismus ist ein Reizwort, auch nach so vielen Jahren noch. In vielen Köpfen herrschen mehr Klischeevorstellungen als wirkliche Tatsachen, worum es geht. Damit will Hilkje Hänel aufräumen, indem sie aufzeigt, was Feminismus ist, ob es den EINEN Feminismus überhaupt gibt. Sie erklärt Zusammenhänge von Sexismus und Feminismus, beleuchtet die Hintergründe von strukturellem Sexismus und plädiert für einen Feminismus, der alle angeht, weil alle davon profitieren, weil das Ziel ist, eine gerechtere Gesellschaft ohne vorgefertigte Rollenmodelle und Rollenzwänge zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

«Sexismus ist strukturell…Sexismus hängt an uns dran.»

Sexismus ist nicht einfach eine singuläre, individuelle Erfahrung, sie steckt tief drin in unserer Gesellschaft, im kollektiven Denken und Handeln. Durch die lange Zeit seiner Präsenz in unserer Gesellschaft sind wir ihn so gewohnt, dass er oft nicht mehr auffällt – oder aber damit abgetan wird, dass das doch immer so war.

«Sexuelle, sexualisierte und häusliche Gewalt sind soziale Praktiken, die in vielen Fällen mehr oder weniger akzeptiert sind. Je mehr die spezifische Gewalthandlung von dem abweicht, was – fälschlicherweise – als paradigmatische Vergewaltigung gilt (nämlich dem körperlich gewalttätigen Überfall durch einen Fremden), desto weniger löst diese Handlung Entsetzen in uns aus. Je weniger Empörung die Tat auslöst, desto weniger müssen die Täter rechtliche und soziale Konsequenzen fürchten. »

Sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung, vor allem in Familien und innerhalb der häuslichen Wänden kommt er oft vor, wird dabei aber (zu) selten belangt, weil häusliche Gewalt nicht dem entspricht, was man allgemein davon annimmt: Der böse Fremde hinter dem Baum, der wehrlose Frauen überfällt. Viel zu oft sind es die engsten Vertrauten, von denen diese Gewalt ausgeht. Wir dürfen nicht wegschauen, es darf nicht weiter passieren, dass diese Täter mehrheitlich straffrei davonkommen.

«Aussagen über sexuelle Gewalt nicht zu glauben bedeutet nicht einfach nur, nicht zu reagieren oder sich abzukehren. Es ist vielmehr die zweite erniedrigende Verletzung des Opfers.»

Sexuelle Gewalt ist belastend für die Opfer, die Tat selber und auch das Leben danach. Sie lässt sich nicht einfach abschütteln, sie hinterlässt einen Menschen, der hilflos und ausgeliefert war und dadurch in seiner Würde und Integrität verletzt wurde. Dies muss ernst genommen werden, das Opfer muss in seiner Verletzung wahr- und ernstgenommen werden. Dies nicht zu tun, hinterlässt den Menschen ein zweites Mal in einer Hilflosigkeit und macht ihn so zum zweiten Mal zu einem Opfer.

Womit ich wirklich Mühe hatte, war die Sprache des Buches. War es auf der einen Seite wirklich sachlich, stellte es sich auf der anderen zu gewollt cool dar mit Begriffen wie «sexistischer Kackscheisse». Überhaupt wurde das Wort «Kackscheisse» oft verwendet und das wäre schlicht nicht nötig gewesen. Es mag sein, dass gewisse Menschen so sprechen, lesen möchte ich das nicht zwingend.

Persönlicher Bezug

«Formen der Ungerechtigkeit und Ungleichheit können also nicht im Vakuum beobachtet oder einzeln bekämpft werden, sondern vielmehr in ihrem Zusammenspiel. Wir können nicht erst Sexismus, dann Rassismus und am Schluss noch Kapitalismus bekämpfen. Um wirkungsvoll zu sein, müssen wir die ismen in Interaktion wahrnehmen und angehen.»

Es gibt viel zu tun, packen wir es an – so oder ähnlich könnte man alles zusammenfassen. Zwar blickt die Frauenbewegung auf eine lange Zeit zurück, doch noch immer sind wir weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Unterdrückung zu haben. Frausein ist dabei nicht das einzige Kriterium für Unterdrückung, auch die Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung und vieles mehr tragen dazu bei, diskriminiert zu werden – in Kombination der nicht als Norm gesetzten Varianten exponentiell.

Gerechtigkeit war mir immer ein Anliegen, es gab Zeiten, in denen ich lieber schwieg, weil ich die Konfrontation fürchtete oder aber zu wenig Kraft dazu hatte. Das soll wieder ändern, denn ich bin des Zusehens müde. Als schreibender Mensch ist meine Tat der Wahl immer das geschriebene Wort. Wenn jeder seine Fähigkeiten einsetzen würde, könnte gemeinsam viel erreicht werden. Das wünsche ich mir. Dafür sind solche Bücher wichtig, denn sie helfen, zu verstehen, worum es geht.

Fazit
Ein informatives, sachliches Buch über Feminismus, was er bedeutet, was er will und wieso er wichtig ist. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Hilkje Charlotte Hänel, geboren 1987, hat ihr Psychologiestudium nach nur 14 Tagen abgebrochen und stattdessen begonnen, Texte fürs Theater zu schreiben. Später hat sie Englische Literatur und Philosophie in Göttingen, Berlin, Sheffield und Boston studiert. Heute lebt sie als feministische Philosophin und Schriftstellerin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (18. März 2021)
Taschenbuch: 192 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406741814

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Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Inhalt

«Ich fühlte mich eingeengt, gejagt. Wieder und wieder wurden Frauen und Mädchen angegriffen, und zwar nicht wegen irgendwas, was sie getan hätten, sondern weil sie gerade zur Stelle gewesen waren…sondern dafür, was sie waren. Was wir waren. Tatsächlich allerdings deshalb, weil er war, was er war: ein Mann, der das Verlangen und, wie er meinte, auch das Recht hatte, Frauen etwas anzutun.»

Aufgewachsen in einem gewaltsamen Umfeld, ist Gewalt an Frauen für Rebecca Solnit an der Tagesordnung in der Umgebung, in welcher sie später lebt. Alles, was sie über Übergriffe an Frauen liest, könnte auch ihr passieren. Frauen haben weniger Rechte, sind schutzlos, müssen sich einschränken, um nicht zum Opfer zu werden und werden, wenn sie es werden, nicht ernst genommen. Nichts davon wird hinterfragt, es wird hingenommen in einer Gesellschaft, die diese Mechanismen seit Jahren und Jahrzehnten so vervollkommnet hat. So kann es nicht weiter gehen.

Als junge Frau findet sie ihre Stimme, schafft sich Raum zum Denken, zum Schreiben, um Aufmerksamkeit zu erlangen für das, was vorher im Verborgenen stattfand: Unterdrückung und Unrecht.

«Unziemliches Verhalten» ist ein eindrücklicher Bericht über eine Frau, die nicht länger hinnehmen wollte, was nicht sein darf.

Weitere Betrachtungen

«Sexuelle Belästigung ist der männliche performative Akt schlechthin, die Handlung, durch die ein Mann sein Objekt nicht nur davon überzeugen will, dass er die Macht hat – was stimmt –, sondern auch, dass seine Macht und seine Sexualität ein und dasselbe sind.»

Die männliche Machtstellung innerhalb der Gesellschaft ist über Jahrzehnte gewachsen, die Marginalisierung der Frau hat also System. Ein solches zeigt sich auf verschiedenen Ebenen des Lebens, unter anderem auch in der Sexualität, in welcher einer Rechte hat, der (die) andere quasi in der Pflicht steht. Dem Mann steht es nach dieser Logik zu, sich zu nehmen, was er will, während die Frau dieses geben muss.

«Sie waren Kultur: bestimmte Personen und ein System, das ihnen freie Hand liess, wegschaute, erotisierte, entschuldigte, ignorierte, abtat und trivialisierte. Diese Kultur und somit die Verhältnisse zu verändern schien mir die einzig angemessene Reaktion. Und das sehe ich noch genauso. »

Es hängt von der Stellung im System ab, wie sicher man in diesem leben kann, davon, zu welchem Geschlecht, zu welcher ethnischen Kultur man gehört, welche sexuelle Orientierung man hat. Dieses System zu ändern sollte das Ziel sein. Aber es gibt auch etwas bei sich selber, das man ändern kann, das man entwickeln kann, um diesem System und den Übergriffen, die in diesem passieren, entgegenzustehen:

«Vertrauen in dich selbst und deine Rechte, Vertrauen in deine Version, deine Wahrheit, deine Reaktionen und Bedürfnisse. Vertrauen darauf, dass da, wo du stehst, dein Platz ist. Vertrauen darauf, dass du wichtig bist.»

In einer Gesellschaft, in welcher man durch das eigene Geschlecht benachteiligt ist, in welcher einem weniger geglaubt wird, weil man eine Frau ist, in der man weniger Rechte und Möglichkeiten hat, ist es wichtig, an sich selber zu glauben und sich nicht in die untergebene Rolle zu fügen. Nur wenn man als einzelne Frau und als Frauen zusammen hinsteht und den eigenen Platz behauptet, sich dafür einsetzt, dass dieser nicht unter dem des Mannes ist, sondern diesem gleichwertig, gibt es eine Chance auf eine Veränderung der Lebensumstände hin zu einer Welt, in welcher Frauen und Männer als gleichwertige Menschen leben können.

Persönlicher Bezug

«Unsere Glaubwürdigkeit hängt nicht zuletzt davon ab, welches Bild von uns in der Gesellschaft vorherrscht, und es hat sich wieder und wieder gezeigt, dass eine Frau, mag sie objektiv gesehen auch noch so glaubwürdig und ihre Aussage durch Zeug*innen, Beweise und unser Wissen um hinlänglich dokumentierte Verhaltensmuster geschützt sein, bei all jenen, die Männer und ihre Privilegien schützen wollen, keinen Glauben finden wird. Im Patriarchat rechtfertigt die Definition der Frau per se schon ihre Ungleichbehandlung, und das betrifft auch ihre Glaubwürdigkeit.»

Beim Lesen dieses Buches ist mir einmal mehr bewusst geworden, womit ich als Frau oft lebe, ohne es wirklich zuordnen zu können, nur mit der leisen Ahnung, dass etwas daran nicht in Ordnung ist. Wie oft wird mir weniger Glauben geschenkt, wenn ich etwas wusste. Dinge, sogar aus meinem Fachgebiet, mit welchem sich der andere – wie er selber zugibt – noch wenig auseinandergesetzt hat, werden automatisch in Zweifel gezogen, man(n) muss sie nochmals nachprüfen. Wie oft, wenn ich es anspreche, werde ich obendrauf belächelt, weil der Mechanismus wohl so tief sitzt, dass er dem, der ihn lebt, wohl selber nicht auffällt. Und genau da liegt das Problem:

Es ist so viel so tief in unseren Köpfen verankert, dass wir ein eigentlich krankes System, welches verschiedene Gruppen (es sind ja nicht nur Frauen, es sind auch Schwarze, Behinderte, Homosexuelle und mehr) aufgrund verschiedener Kriterien unterdrückt und ausschliesst, nicht mehr als solches erkennen, dass wir unseren eigenen Beitrag dazu nicht wahrnehmen. Es gilt, hier mehr Bewusstsein zu schaffen, den Finger drauf zu halten und dafür einzustehen, dass sich etwas ändert. Nur so können wir den Weg hin zu einer gerechteren Welt gehen.

Fazit
Ein eindrückliches, persönliches und doch auch sachliches Buch darüber, was es heisst, in einem patriarchalischen System Frau zu sein, über die aus diesem Frausein entstehenden Missstände, und die Notwendigkeit, diese anzugehen für eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Herausgeberin des Magazins Harper’s und schreibt regelmäßig Kolumnen für den Guardian. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem ihre Bände Wenn Männer mir die Welt erklären (2015) und Die Dinge beim Namen nennen (2019). Rebecca Solnit lebt in San Francisco.

Angaben zum Buch
Herausgeber: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH; 1. Edition (1. September 2021)
Taschenbuch: 272 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3455009521

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Juliane Frisse: Feminismus

Inhalt

«Feminismus (von lateinisch ‘femina für Frau):
umfasst als Oberbegriff alle politischen, geistigen, gesellschaftlichen und akademischen Strömungen, die sich kritisch mit Geschlechterordnungen auseinandersetzen und die für die Gleichberechtigung der Frau sowie gegen Feminismus eintreten.»

Zwar würde ich die Definition etwas anders schreiben, den Begriff «Frau» durch einen weiteren, die ganze Menschheit in all ihren Ausprägungen inkludieren wollen, aber er bringt doch gut zur Geltung, worum es geht – in diesem Buch und beim Feminismus.

Juliane Frisse hat eine gut verständliche und leicht lesbare, dabei trotzdem fundierte und aufschlussreiche Einführung in ein noch heute aktuelles Thema geschrieben. Neben der Klärung einschlägiger Begriffe stellt sie Feministinnen und Frauenrechtlerinnen vor, richtet den Blick auf die einzelnen Geschlechter und die jeweiligen Zuschreibungen, aus welchen (unter anderem) Rechte, Pflichten und Stellung resultieren und richtet den Blick auf verschiedene Themen im privaten wie öffentlichen Leben: Quoten, Liebe und Sexualität, Gewalt, und mehr.

Das Buch richtet sich an ein jugendliches Zielpublikum, ist aber auch für Erwachsene durchaus ein Gewinn.

Weitere Betrachtungen

«Denn dass unsere und andere Kulturen zwischen verschiedenen Geschlechtern unterscheiden – oft zwischen genau zwei Geschlechtern, Männern und Frauen -, beeinflusst viele Dinge: wie wir als Menschen leben, wie wir handeln, wer Macht hat und wer nicht.»

Der Begriff ‘Feminismus’ legt es nahe, dass es dabei um die Frau geht. Ihre Anliegen sollen behandelt werden, Missstände in der Gesellschaft, die sie betreffen, beseitigt werden. Dabei ist, auch darauf weist das Buch gut hin, zu sagen, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern deren viele. Sie unterscheiden sich in der Ausgangslage, indem sie Geschlechterzuschreibungen anders sehen, und auch im Hinblick auf die Ziele und die Methoden, die zu erreichen. Nun ist aber das biologische Geschlecht nicht der einzige Grund, weswegen es zu Diskriminierungen kommen kann, es ist darf folgendes nicht vergessen werden

«…, dass Menschen aus vielen Gründen Benachteiligung erfahren, nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern beispielsweise auch wegen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion. »

Auch mit der Intersektionalität, der Begriff für die Betrachtung verschiedener Gründe für Diskriminierung, befasst sich das Buch. Daneben werden Begriffe wie Patriarchat, Bodyshaming, Rape Culture, Queer und einige mehr ausführlich behandelt und in einem Glossar am Schluss des Buches nochmals kurz definiert. Die verwendeten Quellen werden im Anhang aufgeführt und bieten so die Möglichkeit der Überprüfung oder auch der vertiefenden Lektüre. Ein wirklich informatives Buch für eine solide Einführung in ein aktuelles und wichtiges Thema.

Persönlicher Bezug

«Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.»

Was so offensichtlich klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht und vor allem noch nicht lange. War früher in Büchern vom Menschen die Rede, waren Männer gemeint, meist wurde sogar das noch mehr eingegrenzt und es waren nur freie und weisse impliziert. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich dagegen auflehnten, manchmal konnten sich einzelne auch durchsetzen, doch in der Gesellschaft verfestigte sich nach und nach eine Struktur der männlichen Dominanz, die sich in alle Bereiche des täglichen Lebens ausbreitete. Das zu ändern ist das Hauptanliegen des Feminismus: Eine Gesellschaft aus gleichwertigen und gleich freien Menschen zu schaffen, denen die gleichen Chancen und Möglichkeiten offenstehen, sich ihr Leben einzurichten und zu leben – unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sonstigen individuellen oder auch kollektiven Zuschreibungen. 

Ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft – auf persönlicher wie auch auf sachlicher Ebene. War Gerechtigkeit schon immer ein Thema, das mir am Herzen lag (im Leben und in der Forschung), so habe ich Missstände unserer Gesellschaft am eigenen Leib erfahren müssen durch die Jahre hindurch. Ich bereue, mich dem Thema nicht früher angenommen zu haben, denke aber: Besser jetzt als nie!

Fazit
Eine Einführung ein immer noch aktuelles Thema, gut lesbar, informativ und aufschlussreich. Nicht nur für junge Menschen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Juliane Frisse hat in Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Seit September 2017 ist sie Redakteurin bei ZEIT ONLINE. Davor hat sie beim Bayerischen Rundfunk, bei jetzt.de und beim DUMMY VERLAG gearbeitet, zuletzt als redaktionelle Leitung für fluter.de. Für ein Radiofeature über das Frauenbild im Film wurde sie mit dem Juliane Bartel Medienpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Carlsen; 4. Edition (22. März 2019)
Taschenbuch: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3551317445

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Gisèle Halimi: Seid unbeugsam!

Inhalt

«Es ist und bleibt ein Fluch, auf jeden Fall in den meisten Ländern der Erde, als Mädchen geboren zu werden. Zumindest bedeutet es weniger Chancen […] Überall auf der Welt lehnen sich unterdrückte Völker gegen ihre Unterdrücker auf, und Versklavte befreien sich. Also – warm mobilisierte die Frauenfrage nicht mehr Menschen? Worauf warten die Frauen, um sich zu erheben und laut zu sagen: ‘Es reicht!’?» .»

Schon von klein an erlebt Gisèle Halimi, dass es ein Fluch ist, als Mädchen geboren zu werden, dass man nicht die gleichen Rechte hat wie Jungen. Das will sie sich nicht gefallen lassen, weil sie es unfair findet und auch, weil sie Träume im Leben hat. Sie studiert Jura und setzt sich für die Belange von Frauen ein, aus der Überzeugung heraus, dass wir eine gerechtere Welt brauchen, eine, in welcher Frauen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben wie Männer.

«Ich war fest entschlossen, meinen Weg zu gehen, egal, ob das gut ankam oder nicht. Mein Weg führte zunächst über diesen masslosen Wissensdurst. Und über Bücher […] Damals begriff ich, dass Bücher mir Vertrauen und Kraft gaben. Vertrauen in meine Zukunft. Kraft, um die erdrückende Last zu tragen, die es mit sich brachte, als Frau geboren zu sein. Als Mensch zweiter Klasse.»

In einem Gespräch mit Annick Cojean erzählt Gisèle Halimi von ihrem Leben. Sie erzählt, wie sich ihr (tunesischer) Vater schämte, dass sie als Mädchen auf die Welt kam, wie sie sich als Kind weigerte, ihre Brüder bedienen zu müssen, sich einer Zwangsheirat widersetzte, nach Paris zum Jurastudium ging und als eine der ersten Frauen vor Gericht stand. Sie erzählt auch von den Schwierigkeiten, die sie auf diesem Weg hatte, immer aus einem Grund: Weil sie eine Frau war.

Entstanden ist ein bewegender Blick auf ein bewegtes Leben, ein Leben, das im Dienst einer gerechteren Welt steht, das Leben einer Frau, die etwas verändern will und sich dafür einsetzt. Unermüdlich.

Weitere Betrachtungen

«Mein Geschlecht sollte auf keinen Fall meiner Sache schaden! Ich tat also alles, was ich konnte, damit man vergass, dass ich eine Frau war. Damit sie mir zuhörten. Damit sie mich ernst nahmen. Damit ich eine Chance hatte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, allein durch die Kraft meiner Worte und meiner Argumentation.»

Halimi beschloss, sich nicht von ihrem Frausein beirren oder gar behindern lassen zu wollen. Mit grossem Wissensdurst durchlief sie die Schule und setzte sich ein. Sie wusste, dass sie mehr leisten musste als die anderen, um bestehen zu können – und sie tat es. Sie fand Halt und Mut in Lehrern, in Büchern, und immer wieder auch in sich selber. Und sie wusste vor allem eines schon früh:

«dass ich etwas verteidigen, für etwas eintreten wollte. Gegen Ungerechtigkeit kämpfen und die Welt verändern wollte, die ich als so schlecht empfand.»

Ihr Leben war zu einem grossen Teil dem Feminismus gewidmet, dem Einsatz für einen besseren Stand der Frau in einer von Männern dominierten Welt. Dabei war sie aber nie eine Männerfeindin, eng an ihrer Seite war immer ihr Mann, der sie in ihrem Tun begleitete und unterstützte. Und viele andere Menschen, da man die Welt nie alleine verändern kann, man braucht Gleichgesinnte, man kann es nur gemeinsam schaffen. Darum auch ihr Aufruf:

«Habt keine Angst, euch Feministinnen zu nennen. Das ist ein wunderbares Wort. Der Feminismus ist ein entschlossener Kampf ohne Blutvergiessen. Eine Philosophie, die die Beziehung zwischen Männern und Frauen neu erfindet und sie endlich auf Freiheit gründet. Ein Ideal, das eine friedliche Welt in Aussicht stellt, in der das Schicksal der einzelnen Menschen nicht von ihrem Geschlecht bestimmt wird und in der die Befreiung der Frauen bedeutet, dass auch die Männer befreit werden – vom Diktat der Männlichkeit. Denn auf ihren Schultern lastet die grosse Bürde.»

Persönlicher Bezug
Diese Frau fasziniert mich in ihrer Leidenschaft für eine Sache und ihrem unbeugsamen Willen, einzustehen für ihre Werte, für ihre Überzeugung. Gerechtigkeit ist ein Antrieb, den auch ich kenne. Schon als kleines Kind war es mir eines der wichtigstes Gut, der Satz «Das ist ungerecht» fiel oft bei uns zu Hause. Im Studium konnte ich dieses Thema vertiefen, ich forschte in der Philosophie danach, was Gerechtigkeit überhaupt sein könnte, ob es sie überhaupt gibt. Das Thema liess mich nicht los. Ich hatte das Glück, für meine Dissertation ein Stipendium im Bereich «Historische Wahrheit, historische Gerechtigkeit zu erhalten». Das Thema ist leider ein wenig in den Hintergrund geraten. Nicht dass es nicht auch heute noch einer meiner wichtigsten Werte ist, aber ich setze mich (zu) wenig dafür ein. Das möchte ich auch wieder ändern. Dieses Buch hat mir Mut gemacht.

Fazit
Ein inspirierendes und packendes Buch einer grossartigen Frau, die ihr Leben unermüdlich in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt hat und mit grossem Einsatz dafür einsteht. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Mitwirkende
Gisèle Halimi, 1927 in Tunesien geboren und 2020 in Paris gestorben, gilt als Ikone der Frauenbewegung. Als Rechtsanwältin setzte sie sich u.a. für die Legalierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Frankreich ein. Ihr Einsatz für die algerische Freiheitskämpferin Djamila Boupacha an der Seite von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre machte sie weltberühmt. Sie kämpfte ihr Leben lang für die Freiheit und die Rechte der Frauen.

Annick Cojean arbeitet als internationale Korrespondentin für die französische Tageszeitung Le Monde und ist eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Sie hat bereits mehrere preisgekrönte Bücher veröffentlicht, zuletzt den Porträtband „Was uns stark macht“ (2019) über inspirierende Frauen wie Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Aslı Erdoğan, Vanessa Redgrave u.a.

Kirsten Gleinig hat Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik in Göttingen und Aix-en-Provence studiert. Seit 2002 ist sie freiberuflich als Lektorin tätig sowie als Übersetzerin und Autorin mit den Schwerpunkten Belletristik, Biografien, Kunst, Frankreich und Reise.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau; 1. Edition (15. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 140
ISBN-Nr.: ‎ 978-3351038953

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Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust

Inhalt

«Was bedeutet es für die Nachgeborenen, in dieser Atmosphäre aufzuwachsen? Wie war es, wenn Schweigen herrschte, nicht gesprochen wurde über das, was allgegenwärtig war, aber nicht benannt wurde?»

Was die Menschen im Zweiten Weltkrieg durchmachen mussten, welches Leid sie erlebt haben, ist wohl unermesslich. Dass die Überlebenden nach dem Krieg oft geschwiegen haben, hat dies noch befördert. Und doch trugen sie das Erlebte weiter, sie erzählten es den Kindern nicht, sie gaben es durch ihr Verhalten weiter, sie vererbten es sogar.

«Dennoch haben die Überlebenden ihre aus dem Holocaust resultierenden Traumata an die nächste Generation weitergegeben, was sogar festzustellen ist anhand der bei den Eltern und Kindern identischen Veränderungen bestimmter Gene.»

In diesem Buch berichten Kinder von Überlebenden darüber, wie es war, mit ihren Eltern und deren Vergangenheit aufzuwachsen und zu leben.

Weitere Betrachtungen

«Meine Eltern hatten eine grosse Last zu tragen, das spürte ich diffus. Doch ich hatte keine Ahnung, was das denn sein könnte. Sie sprachen ja nicht darüber. Deshalb feixte das Gespenst hinter dem Vorhang, und meine Jugend durchzog das Gefühl von Verlorenheit.»

Die Überlebenden des Krieges waren oft traumatisiert und sie konnten über das Erlebte nicht sprechen. Einerseits fehlten ihnen selber die Worte oder der sprachliche Ausdruck hätte es nochmals zu präsent gemacht, andererseits wollten sie auch keinen belasten. Doch gerade das taten sie mit dem Schweigen. Die daraus resultierenden Verletzungen, Prägungen und Verunsicherungen haben das Leben der nachkommenden Generation nachhaltig geprägt.

«Alles war Disziplin. Und Verdrängung. Für sie war das der absolute Weg, ich möchte das nicht verurteilen.»

Es geht in dem Buch nie um eine Verurteilung, um eine Anklage. Es sind Zeugnisse von heute erwachsenen Kindern über ihre Kindheit und das, was sie daraus nachhaltig geprägt hat.

«Natürlich bin ich geprägt durch dieses disziplinierte Durchhalte-Muster der Eltern. Ich strotze bis heute vor Selbstdisziplin […] Ich neige dazu, mich beruflich bis an alle Grenzen zu fordern.»

Obwohl jede Familie anders war, zeigte sich in allen Familien etwas Gemeinsames. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei. Marcel Reif, Nina Ruge, Sandra Kreisler, Ilja Richter und viele andere erzählen von ihren Erfahrungen als Kinder von Überlebenden, sie berichten von der Zeit damals und ihren Empfindungen und den prägenden Folgen für ihr Weiterleben. Entstanden sind eindrückliche und persönliche Zeugnisse davon, wie Leid weitergegeben wird, wie traumatische Erlebnisse nicht einfach verschwinden, sondern noch Jahre nachwirken, oft über Generationen. Ein Grund mehr, dass die Ursachen nicht vergessen werden dürfen, in der Hoffnung, dass eine Wiederholung dadurch und daraus resultierendes Leid verhindert werden können.

Persönlicher Bezug
Ich habe im Zug meiner Forschung um den Zweiten Weltkrieg, welche eine tiefe Auseinandersetzung mit Überlebenden und deren Zeitzeugnissen beinhaltete, viel über das Leid der direkt Betroffenen erfahren. Ich habe gelesen und gehört, was sie erlebt haben, wie sie die Nachkriegszeit erfahren haben, was für sie das Weiterleben bedeutet hat. Dieses Buch hat mir nun aufgezeigt, welche Auswirkungen all das auf die nachkommende Generation hatte. Da ich sehr gerne persönliche Geschichten, Memoirs und Biografien lese, kam mir die in dem Buch gewählte Form natürlich sehr gelegen.  

Fazit
Ein wichtiges Buch, weil es hilft, nicht zu vergessen, was nie vergessen werden darf. Ein persönliches und berührendes Buch darüber, wie Traumata vererbt werden und was dies für die nachkommenden Generationen bedeutet. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Gütersloher Verlagshaus (27. Februar 2017)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN: 978-3579086705

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