Hanns-Josef Ortheil, Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen

«Einen Romanautor erkennt man daran, dass er die ihn umgebende Welt ununterbrochen auf ihre Details und Begriffe hin studiert und betrachtet, jedes Detail erregt ihn, jedes hinterlässt in ihm ein ganzes Spektrum von Reflexen, deren stärkster darin besteht, eine Notiz zu machen, die zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht Eingang in einen Roman finden könnte.»

Inhalt
Hanns-Josef Ortheil und Klaus Siblewski beleuchten den Entstehungsprozess von Romanen von den verschiedenen Warten des Autors und des Lektors. Ortheil erläutert dazu seinen eigenen Schreibprozess, zitiert aber auch aus Selbstzeugnissen anderer Autoren (zu nennen wären zum Beispiel Thomas Mann oder Jean Paul), um deren Vorgehen aufzuzeigen. Das Buch ist also nicht als Schreibratgeber gedacht, der dem angehenden Autor beibringen will, wie er in zehn Schritten zum Erfolgsroman kommt, sondern es ist ein sehr kompetenter und informativer Blick hinter die Kulissen des Schriftstellers, ein Blick auf dessen Schreibtisch und eine Darstellung von dessen Handwerk.

Ortheil behandelt in diesem Buch seinen Gebrauch von Notiz- und Tagebüchern genauso wie verschiedene Techniken des Notierens. Er beschreibt, wie aus diesen Notierungen Themenfelder entstehen, welche zu Materialsammlungen für ein mögliches neues Projekt anwachsen können. Das Notieren, das Sammeln von in Texte gefassten Beobachtungen, definiert Ortheil als Merkmal des Romanschriftstellers.

Hanns-Josef Ortheil geht weiter, indem er beschreibt, wie Figuren plastisch werden und sich in Räumen und Welten einfinden. Er geht weiter, indem er den Blick noch mehr weitet und aus den verschiedenen Bausteinen, die bislang zusammengekommen sind, ein Ganzes zu machen versucht durch eine zielgerichtete Anordnung der Teile.

Der ganze Schreibprozess führt schliesslich dahin, so Ortheil, dass nicht der Roman aus dem Autor kommt, sondern dieser zum Teil des Romans wird, indem er sich im Kreis seiner Figuren bewegt.

Im Anschluss auf Ortheils Beschreibungen aus der Schreibstube des Autors, beleuchtet Klaus Siblewski das Schreiben eines Romans aus der Sicht des Lektors. Er beschreibt seine Rolle im Prozess der Entstehung, weist auf mögliche Gefahren und auch Chancen hin bei der Zusammenarbeit des Autors und des Lektors, und behandelt des Weiteren auch die einzelnen Stufen von der Idee bis hin zum fertigen Roman. Wie schon Ortheil sieht auch Siblewski den Autor als Sammler von Ideen und romantauglichem Material.

«Autoren sind aus diesen Gründen vorsätzliche und gefräßige Materialkannibalen, und das bedeutet Im Zweifelsfall interessieren sie sich für sehr viel, und dazu zählt auch Material, von dem sie noch nicht wissen, in welcher Beziehung es zu ihrem Roman steht.»

Persönliche Einschätzung
Ich lese nicht nur gerne fertige Romane, ich interessiere mich seit Jahren auch dafür, wie diese entstehen. Aus dieser Faszination heraus schrieb ich zu dem Thema auch meine Masterarbeit (anhand von Thomas Manns „Doktor Faustus“).

Sehr an mich selber erinnert fühlte ich mich bei Ortheils Beschreibung seines Schreibzwangs. Er schreibt, dass er als Schriftsteller an einem Schreibzwang leide,

„der mich dazu zwingt, in regelmässigen Abständen Notizen zu machen und handschriftlich zu fixieren…“

Dieser Schreibzwang führe dazu, dass er sich täglich immer wieder für einige Minuten von seinen Mitmenschen trenne, um eben zu schreiben, was nicht ausbleiben könne, da es sonst in ihm zu empfindlichen Störungen käme und er sprachlich, redend immer stiller werde bis zum vollkommenen Verstummen.

Ich bin immer wieder froh, mit meinen Eigenarten nicht ganz alleine zu sein. Das macht sie zwar nicht weniger eigenartig für viele, die das selber nicht kennen, rückt sie aber doch immerhin in ein Umfeld von Gleichgesinnten.

Mich hat der erste Teil von Hanns-Josef Ortheil mehr angesprochen als der zweite, welchen ich dann eher überflogen habe. Das ist keine Kritik am Schreibstil oder an den Inhalten des zweiten Teils, eher meinen Interessen geschuldet.

Fazit:
Ein gut lesbares und aus verschiedenen Perspektiven geschriebenes Buch darüber, wie Romane entstehen. Sehr empfehlenswert!

Zu den Autoren
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. http://hanns-josef-ortheil.de/

Klaus Siblewski wuchs in Frankfurt am Main auf, studierte ab 1969 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitareiter, promovierte schliesslich und schrieb dann für Tageszeitungen und Fachzeitschriften. 1980 begann er seine Arbeit als Lektor für deutschsprachige Literatur im Luchterhand Verlag. 2015 beendete er seine Zeit als fest angestellter Lektor und setzte seine Lektorenarbeit frei fort. 2005 habilitierte er an der Universität in Essen und gründete im selben Jahr die Deutsche Lektorenkonferenz, organisierte und leitete diese Konferenz zehn Jahre lang bis 2015. Er ist Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums. 2010 wurde er zum ständigen Gastprofessor an der Universität in Hildesheim berufen. Siblewski lebt in Holzkirchen (Oberbayern) und in Berlin, ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288
Verlag: Sammlung Luchterhand TB; Originalausgabe Edition (1. April 2008)
ISBN: 978-3630621111

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE

2 Kommentare zu „Hanns-Josef Ortheil, Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen

  1. Dieser Beitrag ist einfach nur wohltuend. Mehr als das. Ich wieder etliches hinzu gelernt. Eben auch Dinge/Adressen die ich nicht kannte. Die Deutsche Lektorenkonferenz. Diesen Beitrag schätze ich aus einem anderen Grund ungeheuer. Er zeigt was wirklich wichtig ist. Gerade auch in diesen unruhigen Zeiten. Denken.

    Wir sollten diesen Schatz hüten und nutzen. Unbedingt.

    Gefällt 1 Person

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