Der Anruf kam im Juni des Sommers, da man viel vom Bienensterben sprach und Mücken nicht totzukriegen waren. Kurz nach Fronleichnam, von einem unbekannten Anschluss, gegen drei Uhr morgens.

Hora, eigentlich Horand Roth, Literaturprofessor und eher zurückgezogen, staunt nicht schlecht, als eines Morgens das Telefon klingelt und sein lange verschwundener Onkel Georg am Draht ist. Hora erinnert sich noch an gemeinsame Stunden am Klavier, an das wilde Leben des Onkels, an seine unkonventionellen Ansichten. Nach einem kurzen Austausch, bei welchem Georg eröffnet, dass er als Mönch einem Orden beigetreten ist, Hora aber mit dieser Information und vielen offenen Fragen zurück lässt, verspricht Georg, sich wieder zu melden, was er drei Wochen später auch tut und vor der Horas Universität steht. Die Überraschung ist gross, als Georg eröffnet, dass er eine Weile in der Gegend bleiben will.

Es entsteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Männern, bei regelmässigen Treffen reden sie über Themen wie Glaube, was er ist, über die Liebe, das Leben. Sie erinnern sich an die Vergangenheit und doch erfährt Hora weniger, als er gerne erfahren würde. Er ist auf der Suche nach Antworten, die nur zögerlich kommen. Und doch fügt sich langsam, Stein für Stein, das Mosaik der Vergangenheit zusammen, Familiengeheimnisse kommen ans Licht – und lassen alle Beteiligten nicht unberührt.

Ein sehr feinfühlig geschriebener Roman über die Liebe, über Familien, über Familiengeschichten und die eigenen Muster, die man aus diesen zieht. Ein Buch über die Liebe, über den Glauben, ein Buch über Freundschaft und Loyalität.

Nach einer langen Leseflaute war dies das erste Buch, das mich wieder packte. Wie gerne hätte ich noch lange weitergelesen. Das Ende des Buches war ein Abschied, mir durch die Erzählung ans Herz gewachsene Menschen verschwanden wieder aus meinem Leben.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Angaben zum Buch:
Gebundene Auagabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (1. August 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013798
Preis: EUR  20 / CHF 31.90

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Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. […] Mit vier armen Reimen war ich zum Dichter der Familie geworden. Mit acht hatte ich nichts mehr zu schreiben.

DelacourtDer siebenjährige Edouard schreibt ein kleines Gedicht und wird von seiner Familie hochgelobt – er sei der Dichter in der Familie. Was so erfolgsversprechend beginnt, geht leider nicht so weiter, der Schreibfluss, zumindest der dichterische, versiegt, Werbetexte fliessen stattdessen aus der Feder, und auch sonst nimmt das Leben seinen Lauf: Falsche Frau, zerbrochene Familie und mittendrin Edouard, der immer noch nach dem – wie sein Vater einst sagte – heilenden Schreiben sucht.

Als Ich-Erzählung wird uns hier eine Geschichte fortlaufender Tragödien präsentiert, die in unzusammenhängenden Sätzen daher kommt. Weder werden die Figuren wirklich plastisch, noch stellt sich je ein wirklicher Erzählfluss ein, man hangelt sich als Leser von Moment zu Moment, fühlt sich irgendwie verloren – wohl etwas so verloren, wie sich der Ich-Erzähler selber in seinem Leben fühlt – und der Autor wohl in seinem Schreiben.

Das einzig Zusammenhängende in dem Roman ist der chronologische Ablauf, jedes neue Jahr beginnt mit einer Auflistung aktueller Filme, Bücher oder Musiktitel, was ein wenig Nostalgie aufkommen und selber zurückdenken lässt. Das reicht aber leider nicht, um auch in die Geschichte hineinzufinden – fast schon möchte man sagen: Welche Geschichte. Die wenigen, durchaus humorvollen, pointierten und gut beobachteten Episoden und Momentaufnahmen, die man doch findet, zeigen, dass der Autor es besser könnte, leider hat er es in diesem Buch nicht besser gemacht. Schade, denn der Stoff an sich hätte durchaus mehr Potential gehabt.

Fazit:
Ein sehr enttäuschendes Buch, das aufgrund der unzusammenhängenden Sätze und Absätze, der wenig plastischen Figuren und dem Fehlen eines einnehmenden Plots nicht zu überzeugen vermag.

Zum Autor:
Grégoire Delacourt
Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016). Homepage des Autors: HIER

Tobias Scheffel, geboren 1964, lebt in Freiburg/Breisgau. Er hat unter anderem Robert Bober, Fred Vargas ud Georges Perec übersetzt. 2005 wurde er mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik Taschenbuch (12. Juli 2017)
Übersetzer: Tobias Scheffel
ISBN-Nr: 978-3455404685
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Lebenslügen und ewige Liebe

Inhalt

Eine Braut, die sich von der Kirche lautstark zankte, würde vom Pastor gewiss nicht freundlich empfangen werden. Vom Bräutigam ganz zu schweigen. Immerhin eine Möglichkeit, der Sache ein Ende zu bereiten.
[…]
Rasch drückte er ihre Hand. Aufmunterung und väterlicher Liebesbeweis zugleich, aber auch seine Art, ihr seine Zuversicht mitzuteilen.
Wenigstens einer, der überzeugt von meiner Wahl ist, sinnierte Katharina.

Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.

Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.

Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.

Beurteilung
JaryVillaVilla am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.

Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.

Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.

Fazit:
Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben taucht sie aber auch in einem Landhaus Nähe Rostock ab.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. März 2017)
ISBN-Nr.: 978-3442485956
Preis: EUR 9.99; CHF 14.90
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Das Leben eine einzige Lüge?

Inhalt
Die Liebe zwischen zwei Menschen bleibt dem Rest der Welt immer unverständlich.

Hannah, kühl analysierende und rationale Staatsanwältin, und Jo, sensibler, kreativer Architekt, sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Zwischen ihnen herrscht die Vertrautheit der Zeit, über die Jahre hat man den anderen in seinen Bewegungen, Worten, Eigenarten kennengelernt.

War da überhaupt jemand? Der erste Schrecken warf sie zurück, beinahe so, als suchte sie sich rasch zu verstecken. Doch so weit hatte sie gar nicht gedacht. Es war eine unwillkürliche Reaktion gewesen, ein Zurückweichen wie beim Überqueren einer Strasse, wenn man plötzlich die Gefahr spürt, die von einem herannahenden Fahrzeug ausgeht, das man nicht wahrgenommen hatte und jetzt in letzter Sekunde im Augenwinkel näher kommen sieht.

Als Hannah eines Tages früher als geplant nach Hause kommt, macht sie eine erschütternde Beobachtung, die alles, worauf sie gebaut hat, einstürzen lässt. Fieberhaft drehen die Gedanken, immer wieder versucht sie, das Gesehene mit juristischer Klarheit zu fassen, um dann wieder von den eigenen Emotionen mitgerissen zu werden.

Nur sie allein konnte entscheiden, was jetzt zu tun war.

Beurteilung
GüntherWeissMarkus Günther erzählt seinen Roman aus der Sicht seiner Protagonistin Hannah. So sieht der Leser das Geschehen und die gemeinsame Vergangenheit von Hannah und Jo aus ihrem Blickwinkel und wird mitgerissen in ihre gespaltenen Gefühle, in ihre Versuche, alles einzuordnen und dabei zu scheitern. Es gelingt dem Autor, durch eine atemlos anmutende Sprache, die damit formal den Inhalt widerspiegelt, den Leser ins Buch und durch die Geschichte hindurch zu ziehen. Dass der Text wenige Abschnitte aufweist, verstärkt den Effekt noch.

Der ganze Roman spielt sich im gemeinsamen Haus der beiden Eheleute ab, die aktuelle Handlung umfasst nur ein paar Tage, wobei der ganze behandelte Zeitraum sich auf die ganze Ehe der beiden ausweitet durch die Erinnerungen von Hannah. Insgesamt ist Markus Günther ein stimmiger Plot gelungen, den er mit einer gut lesbaren Sprache aus einer geschickt gewählten Perspektive erzählt.

Fazit:
Ein stimmiger Plot in einer gut lesbaren und in die Geschichte hineinziehenden Sprache erzählt, so dass man – einmal angefangen – das Buch in einem Zug durchlesen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Markus Günther
Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war. Für seine Texte wurde er vielfach ausgezeichnet. Weiß ist sein Prosa-Debüt. Markus Günther ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Dörlemann; Auflage: 1 (13. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3038200437
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Der Dichter, der nicht zu schreiben beginnt

Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen?
Befreien wird ihn, wenn es soweit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er.

coetzeeJungenJahreJohn wächst im politisch immer schwierigeren Südafrika, in Kapstadt, auf und studiert Mathematik. Er ist sich sicher, dass er zum Dichter berufen ist, nur gelingt das mit dem Schreiben nicht ganz, da die Umstände nicht stimmen. Er wähnt sich am falschen Ort und vor allem von der Muse – der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird – ungeküsst.

Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte – beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.

Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.

John ist ein Suchender – er sucht seinen Platz im Leben und den Weg dahin, seiner Bestimmung zu folgen und Künstler zu sein. Dabei ist er verblüffend passiv, hofft grundsätzlich, dass die Entscheidungen von anderen getroffen werden und wenn dem so ist, fügt er sich auch ohne besseres Wissen oder rechte Überzeugung hinein. So hält er Beziehungen zu Frauen aufrecht, die ihm nichts bedeuten, ihn im Gegenteil bedrücken. Er fängt nicht zu schreiben an, trotzdem er überzeugt ist, Dichter zu sein, da er auch dazu erst jemanden braucht, der ihm die Initialzündung gibt. Dass er auf diese Weise immer unglücklicher wird, liegt auf der Hand, er analysiert diesen Zug denn auch selber:

Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein. Im Unglücklichsein ist er immer noch Klassenbester. Für das Unglück, das er auf sich ziehen und ertragen kann, scheint es keine Grenzen zu geben.

und findet darin etwas Gutes (frei nach dem Motto „ich erkläre mir meine Welt, wie sie mir am besten passt“:

Unglück ist sein Element. […] Wenn das Unglück abgeschafft werden würde, wüsste er nicht, was er mit sich anfangen sollte. […] Unglück ist eine Schule für die Seele.

Zudem kann ein Dichter nur unglücklich sein, nur aus dem Unglück entspringt gute Kunst – dessen ist sich John sicher. Bei allem Unglück driftet John nie ins Selbstmitleid ab, der Stil des Romans bleibt schonungslos offen, das Leben wird auf einer sehr rationalen Ebene durchdacht, gelebt und abgehandelt.

M. Coetzee ist mit Die jungen Jahren ein wunderbarer Roman gelungen, der autobiographische Züge trägt, Künstlerroman und Zeitzeugnis gleichermassen ist. Aus der Sicht des Protagonisten erfährt der Leser mehr über die Zustände in Afrika in den 1960er Jahren, erfährt, was es heisst, als Ausländer im vom Klassendenken beherrschten London Fuss fassen zu wollen. Er ist Zeuge der vielen Fragen und Überlegungen, die im Kopf des Protagonisten herumwirbeln und sein eigenes Leben und (Nicht-)Schreiben sowie auch die Welt um sich sehr klar und differenziert analysieren. Das Ganze verpackt Coetzee in eine wunderbar poetische, fliessende Sprache.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.:
Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:224 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. August 2004)
Übersetzung: Reinhild Böhnke
ISBN-Nr.: 978-3596155842
Preis: EUR 9.90 / CHF 15.90

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Vom Pizzabäcker zum Starautor

Eine Besonderheit des Konzepts dieser Bibliothek liegt zudem darin, dass die Autoren ihren Platz in den Regalen frei wählen dürfen. Bevor man das eigene Anti-Vermächtnis einreiht, kann man noch ein wenig in den Werken der ebenfalls verstossenen Kollegen blättern.

Ein bretonischer Pizzabäcker schreibt heimlich einen Roman, den niemand will. So endet das Buch in der Bibliothek für von Verlagen abgelehnte Manuskripte und wäre da wohl auch für alle Tage liegen geblieben, hätte es nicht zufällig eine junge Lektorin gefunden. Das Buch wird ein Renner und mischt Frankreich, die Verlagsszene, Autoren und die Medien auf. Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Kann es wirklich sein, dass ein Mann, der – so seine Witwe – Zeit seines Lebens kein Buch gelesen hat und höchstens mal eine Einkaufsliste schrieb, plötzlich einen so grandiosen Roman geschrieben hat? Wann und wie hat er das getan?

Der Erfolg ruft – das liegt in der Natur des Menschen – Neider hervor, welche dem geheimnisvollen Romanschreiber und dessen Geheimnis auf die Spur kommen wollen.

FoenkinosPickDavid Foenkinos hat die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte nicht erfunden, die gibt es wirklich: Die Richard Brautigan Library an der Westküste der USA. Ausgehend von dieser, wie er fand, schönen Idee schrieb er den vorliegenden Roman um Monsieur Pick. Entstanden ist ein satirischer und unterhaltsamer Roman, welcher den Buchmarkt kritisch unter die Lupe nimmt: Das Leiden an der Welt von erfolglosen Schriftstellern ist ebenso Thema wie blutrünstige Kritiker und die Mechanismen von nach Erfolg gierenden Verlagen.

Das Buch ist locker und leicht zu lesen, die Geschichte stimmig, wenn auch ab und an etwas zu sehr mit plakativen Allgemeinplätzen und Klischees behaftet. Auch fehlt mir hier ein wenig das Einfühlsame, das Tiefe, das Foenkinos beispielsweise bei seinem Buch Charlotte so meisterhaft beherrschte. Sehr gelungen ist die Wende am Schluss, welche der ganzen Geschichte nochmals neuen Auftrieb gibt. Alles in allem eine wunderbare Geschichte, die neben dem Unterhaltungswert auch immer wieder zum Nachdenken anregt.

Fazit:
Eine unterhaltsame, witzige, teilweise satirische Geschichte. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (13. März 2017)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978- 3421047601
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
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Viele Andeutungen und nichts passiert

Eine einsame fremde Frau reiferen Alters, die nachmittags hereinschaut und ein grosses Glas Wein trinkt, hinterlässt in eine kleinen Dorf zweifellos Spuren. So lauten die Bedingungen, und wenn man keine Dichterin oder Künstlerin ist, macht es wenig Sinn, blind dagegen anzurennen. Ich bin weder das eine noch das andere.

nesserlebendenMaria Anderson mietet im kleinen Ort Winsford eine kleine und eher heruntergekommene Wohnung, in die sie mit ihrem Hund Castor für ein halbes Jahr einziehen will. Gemeinsam unternehmen die beiden ausgedehnte Spaziergänge, lernen die verschiedenen Bewohner des Ortes kennen, unterhalten sich mit ihnen.

Maria Anderson heisst eigetlich nicht so, zudem hat sie eine Vergangenheit, die sie dazu brachte, nun in Winsford zu sein. Von dieser Vergangenheit erzählt sie in Andeutungen – mal mehr mal weniger präzis, immer etwas offenlassend, das sie später noch erzählen will.

Und so blättert man als Leser Seite um Seite um, fragt sich, wann denn nun endlich was passiert und was überhaupt wirklich passiert ist – und sitzt bei beidem auf dem Trockenen. Was spannend sein könnte, wirkt mit der Zeit schlicht sehr lange, um nicht zu sagen langweilig. Immer wieder scheint Håkan Nessers philosophisches Gespür durch, gibt es kleine wunderbare und tiefgründige Stellen, mehrheitlich juckte es zumindest mir in den Fingern, die Seiten einfach zu überblättern, in der Hoffnung, dass dann endlich mal etwas passiert.

Håkan Nesser ist ein grossartiger Erzähler, darum entschied ich mich für dieses Buch. Allerdings kannte ich ihn bisher vor allem als Autor wirklich spannungsgeladener, grossartiger Thriller und aufgrund des Titels und des Klappentextes erwartete ich auch hier einen. Mit dieser Erwartungshaltung konnte der Roman nicht gefallen, denn er ist weit davon entfernt.

Fazit:
Eine Erzählung im wahrsten Sinne des Wortes: Es passiert kaum was, die Protagonistin erzählt über ihr Leben damals und heute.

Zum Autor und zum Übersetzer 
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.
Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, KjellWestö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. Mai 2016)
Übersetzung: Paul Berf
ISBN-Nr.: 978-3442713899
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
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Ein Jack-Reacher-Roman, Band 18

Fangen oder gefangen werden

„Jack Reacher, ab sofort sind sie wieder zum Militärdienst einberufen.“
Reacher schwieg.
„Sie sind wieder in der Army, Major“, sagte Morgan. „Und ihr Arsch gehört mir.“

childgejagtenNachdem Reacher aus der Militärpolizei ausgetreten ist, will er eines Tages spontan seine Nachfolgerin in seiner ehemaligen Einheit besuchen – ihre Stimme hat am Telefon so sympathisch geklungen und er könnte sich durchaus vorstellen, diese Sympathie auszubauen. Vor Ort angekommen, erfährt er, dass Major Susan Turner wegen Bestechung angeklagt ist und er selber wieder eingezogen wird, damit man ihn wegen zwei Fällen, die 16 Jahre zurückliegen, ebenfalls anklagen kann. Reacher soll einen Mann geprügelt haben, der danach starb, und er soll eine Tochter haben, für die er nie sorgte. Von beidem weiss Reacher nichts, ahnt aber nichts Gutes. Nachdem er verhaftet wird, gelingt ihm die Flucht und er muss versuchen, der Wahrheit hinter allem auf die Spur zu kommen.

Die Gejagten ist der 18. Teil der Jack-Reacher-Reihe, aber man kommt auch gut mit, wenn man die 17 vorhergehenden Bände nicht gelesen hat. Child baut seinen Hauptcharakter gut auf, es braucht wenig Beschreibungen, wie er ist, man erlebt ihn in seinen Handlungen und seiner Sprache, wodurch Reacher sehr plastisch und authentisch wirkt. Mit Susan Turner bekommt Reacher einen ebenbürtigen, intelligenten und sympathischen Charakter an die Seite, so dass die sich entwickelnde Liebesgeschichte stimmig wirkt.

Zentral im Buch bleibt die Jagd nach dem unsichtbaren Feind, der irgendwo im Verborgenen sitzt und an den Fäden zieht, die für Reacher und Turner den Untergang bedeuten könnten – wenn sie ihn nicht vorher entlarven, ohne selber gefunden zu werden.

Ein spannender Roman mit einem stimmigen Plot, der ab und an über Längen verfügt. Es wird sehr viel gesprochen und rumgefahren. Bei einem ungeduldigen Leser, der ich ab und an bin, juckt es da manchmal in den Fingern, ein paar Seiten zu überspringen. Lee Childs unterschwelliger und sarkastischer Humor beim Erzählen macht diesen Kritikpunkt wieder wett.

Fazit:
Stimmiger Plot, authentische Charaktere und Spannung gewürzt mit einer Prise Liebe. Empfehlenswert!

Zum Autor
Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte Jura und arbeitete dann zwanzig Jahre lang beim Fernsehen. 1995 kehrte er der TV-Welt und England den Rücken, zog in die USA und landete bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Thriller einen internationalen Bestseller. Er wurde mit mehreren hoch dotierten Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem »Anthony Award«, dem renommiertesten Preis für Spannungsliteratur.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 4148 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (27. Juni 2016)
Übersetzung: Wulf Bergner
ISBN-Nr.: 978-3764505424
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
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Familien und ihre Geheimnisse

Ich habe nie jemandem von 1914 erzählt. Es war das Jahr, in dem meine Familie einen Mord beging und ich Mama rettete. […] Meine Kinder müssen davon erfahren. Sie sollen wissen, dass ich mehr bin als die teuflische Person, für die sie mich halten.

kloeblesalzMünchen, 1914, Herr Salz will hoch hinaus. Da kommt ihm das Inserat, dass in Leipzig der Fürstenhof zum Verkauf steht, genau recht, wäre er doch als Patron des Hauses quasi in den Fürstenstand erhoben. Die nötigen Intrigen lassen den Kauf gelingen, aber ein Tod in der Familie trübt den Höhenflug bei einigen Familienmitgliedern vorübergehend. Das soll nicht der letzte Schicksalsschlag sein, es scheint aber der Anfang eines feinen Risses zu sein, der sich über die Jahre ausdehnt.

Christopher Kloeble begleitet die Familie Salz durch die Jahre und bettet ihre Geschichte in die Geschichte Deutschlands ein. Er spannt einen Bogen von den Weltkriegen über die Zustände in der DDR hin zum Mauerfall und bis ins Jahr 2015. Die einzelnen Etappen der Geschichte werden von verschiedenen Mitgliedern der Familie Salz erzählt, so dass diese aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und weitergesponnen wird.

Ohne dich gäbe es deinen Schatten nicht und ohne deinen Schatten dich nicht.

2015 ist es Emma Salz, die den Familiengeheimnissen auf den Grund gehen und die Schatten durchleuchten will, die sich über die Jahre auf die Familie gelegt haben.

Die unsterbliche Familie Salz ist ein wunderbares Familienepos. Es besticht durch eine sensible und sehr bildhafte Sprache, die sich dem jeweiligen Erzähler anpasst, aus dessen Perspektive man einen Blick auf die Geschichte erhält. So entsteht ein authentisches und lebhaftes Bild sowohl von der Familiengeschichte und ihren Irrungen und Wirrungen sowie vom historischen Kontext, in welchem sich die einzelnen Familienmitglieder bewegen.

Fazit:
Eine packende Familiengeschichte erzählt in einer bildhaften und einfühlsamen Sprache. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Christopher Kloeble studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Beiträge von ihm erschienen u.a. in der ZEIT, der Süddeutschen Zeitung und der taz. Er war Stipendiat des International Writing Programs der University of Iowa und Writer-in-Residence der Cambridge University (GB). Sein Theaterstück ‚Memory‘ war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für sein Romandebüt ‚Unter Einzelgängern‘ wurde er mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet. 2009 erschien sein Erzählband ‚Wenn es klopft‘. Sein erstes Drehbuch wurde 2011 verfilmt.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 440 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016)
ISBN-Nr.: 978-3423280921
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Das gefährliche Verlagswesen

grimesmordsommerCindy Stella sitzt ihr ehemaliger Agent im Nacken, weil er für ein Roman Provision will, mit dem er eigentlich nichts zu tun hatte. Das will die junge Autorin nicht auf sich sitzen lassen. Zu Hilfe kommen zwei skurrile Auftragskiller, welche das Problem lösen sollen.

Nachdem ich einen Krimi im üblichen Stil von Martha Grimes erwartet hatte, war ich doch eher erstaunt – und enttäuscht. Das Ganze sollte wohl eine Persiflage sein, allein ich bin mit dem Stil nicht warm geworden. Es ging mir zu sehr hin und her, ich vermisste den roten Faden.

Vermutlich liegt die Enttäuschung aber an meinen Erwartungen, denn: Der Roman war als Roman und nicht als Thriller bezeichnet, ich habe mich wohl vom Namen der Autorin in die Irre leiten lassen.

Wenn man das beachtet und man solche Persiflagen mag, welche durch verschrobene Figuren, witzige Dialoge und durchaus einen durchdachten Plot glänzen, wird man sicher auf seine Kosten kommen beim Lesen. Auch schafft es die Autorin, die einzelnen Charaktere in ihrer Eigenart und Sprechweise authentisch wirken zu lassen.

Fazit:
Eine Persiflage, welche durch skurrile und plastische Charaktere glänzt.

Zum Autor
Martha Grimes zählt zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen unserer Zeit. Lange Zeit unterrichtete sie kreatives Schreiben an der Johns-Hopkins-University. Durch ihre Serien um Inspektor Richard Jury und die 12-jährige Ermittlerin Emma Graham wurde sie weltbekannt. Die „Mystery Writers of America“ kürten sie 2012 für ihr Lebenswerk zum „Grand Master“, und ihre Inspektor-Jury-Reihe wurde nun auch fürs deutsche Fernsehen entdeckt und erfolgreich verfilmt. Martha Grimes lebt heute abwechselnd in Washington, D.C., und in Santa Fe, New Mexico.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. September 2016)
ISBN-Nr.: 978-3442484546
Preis: EUR 14.99 / CHF 22.90
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Liebe, Leidenschaft und der Tod

Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.

Sylvia Plath und Ted Hughes sind wohl eines der bekanntesten Schriftstellerehepaare des 20. Jahrhunderts – und eines der tragischsten. Sie lernten sich kennen, als sie beide noch nicht bekannt waren, trieben sich gegenseitig an in ihrem Schaffen. Sie lebten zusammen, liebten sich, waren glücklich – aber sie kämpften auch miteinander, wurden von Sylvia Plaths Depressionen, Komplexen und Ausbrüchen geschüttelt in ihrem Sein als Menschen und als Paar.

Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beisst, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft.

Ted Hughes hat sich Zeit seines Lebens nie zu seiner Beziehung zu Sylvia Plath geäussert. Er galt als Monster, sie wurde zur Märthyrerin verklärt. Er liess diese Sicht im Raum stehen. Connie Palmen wollte dies nicht so stehen lassen, sie schrieb mit Du sagst es einen Roman, in dem sie aus der Sicht von Ted Hughes die Beziehung der beiden bis hin zum Tod schildert. Sie hat Ted Hughes ihre Stimme geliehen und präsentiert dem Leser nun die ganze Geschichte aus dessen Sicht.

Entstanden ist ein sehr persönlicher, tiefgründiger, tiefgehender und mitreissender Roman. Allerdings muss man sich dabei immer wieder bewusst werden, dass es nicht Ted Hughes ist, der spricht, es ist Connie Palmen. Wir erfahren also nicht wirklich etwas über Hughes Sicht der Dinge, sondern lesen eine Interpretation aus dritter Hand. Die dargestellte Sylvia Plath ist deswegen auch nicht die wirkliche, echte Sylvia, sondern eine aus dritter Hand. Literatur darf das, schliesslich ist das Buch als Roman ausgewiesen und nicht als Biographie oder Autobiographie.

Fazit
Liebe und Leidenschaft, Leben und Tod – Das wohl berühmteste Schriftstellerehepaar des 20. Jahrhunderts als mitreissender, feinfühliger und tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Connie Palmen, geboren 1955, wuchs im Süden Hollands auf und kam 1978 nach Amsterdam, wo sie Philosophie und Niederländische Literatur studierte. Ihr erster Roman, ›Die Gesetze‹, erschien 1991 und wurde gleich ein internationaler Bestseller. Sie erhielt für ihre Werke zahlreiche Auszeichnungen, so wurde sie für den Roman ›Die Freundschaft‹ 1995 mit dem renommierten AKO-Literaturpreis ausgezeichnet. Connie Palmen lebt in Amsterdam.

Angaben zum Buch:
palmendusagstesTaschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (24. August 2016)
ISBN: 978-3257069747
Preis: EUR: 22 ; CHF 31.90
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Vom Leben aus der Bahn geworfen

Nicole und Mark Hathaway waren glücklich, bis ihre kleine Tochter eines Tages spurlos verschwand. Drei Jahre nach dem Verschwinden teilte Mark Nicole mit, dass er nicht mehr weitermachen könne, und ging. Sie sah ihn nie mehr – bis zu diesem Tag. Ein Überfall auf offener Strasse, Nicole kommt gerade mit ihrem Freund Eriq von einem Konzert heim. Aus dem Nichts taucht ein Obdachloser auf und hilft ihr.

Sie erkannte ihn nicht gleich. Erst als sie seinem fiebrigen, ungläubigen Blick begegnete, fuhr sie erschrocken zusammen. […]
Eriq schüttelte den Kopf. „Würdest du mir bitte erklären, wer dieser Typ ist?“
Nicole richtete den Blick in die Ferne. Nach einer Weile sagte sie leise: „Es ist Mark, mein Mann.“

Das unverhoffte Auftauchen des Mannes ist nicht alles, kurz darauf wird auch die Tochter der beiden gefunden. Mark ist hoch erfreut, will sie gleich holen – doch Nicole verschwindet von einem Tag auf den anderen, hinterlässt nur einen schwer verständlichen Abschiedsbrief.

Wieder vereint mit seiner Tochter steigt Mark in ein Flugzeug, das die beiden heimbringen soll. Da trifft er auf Evie, die den Tod ihrer Mutter rächen will, und Alyson, eine exzentrische Milliardärstochter, die in der jüngsten Vergangenheit keinen Skandal ausgelassen hat und nun nicht mehr weiterleben will.

Die drei erzählen sich ihre Lebensgeschichten und langsam knüpft sich ein Band, das sie verbindet.

Der Roman beginnt packend, wie man es von Musso gewöhnt ist. Man ist gleich drin im Sog der Geschichte und kann das Buch kaum mehr weglegen. Dann wird es langsamer, seitenweise Rückblenden drosseln das Tempo und machen die Spannung zunichte. Sie wären auch nicht wirklich nötig für die Geschichte, wirken fast wie Füllmaterial, um Seiten zu gewinnen. Dass Musso dann auch noch auf einen Kniff zurückgreift, den er schon mal so ähnlich verwendet hat in einem anderen Roman, trübt den Lesespass noch ein bisschen.

Trotz alledem ist es ein gutes Buch, wenn man eniige Rückblenden überfliegt auch ein kurzweiliges Buch.

Fazit:
Sehr packend am Anfang, etwas langatmig in der Mitte, der Schluss bringt ein Deja-vu für Musso-Kenner. Trotzdem empfehlenswerte Unterhaltung.

Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch seine Roman Eine himmlische Begegnung und Vielleicht morgen stürmten auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten. Ebenfalls von ihm erschienen ist Nacht im Central Park.

 

Angaben zum Buch:
MussoWeilIchTaschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. Juni 2016)
Übersetzung: Claudia Puls
ISBN-Nr.: 978-3492309264
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Nichts gesehen, nichts gewusst – die Wege des Herrn…

Inhalt

„Du hast eine Berufung, Odran“, rief sie. „Du hast eine Berufung zum Priester!“

Sie musste es ja wissen, denn sie war meine Mutter, und man hatte mich dazu erzogen, alles zu glauben, was meine Mutter sagte.

Als Odran Yates’ Mutter aus einer Eingebung heraus beschliesst, ihr Sohn sei zum Priester berufen, schickt sich Odran in sein Schicksal, hinterfragt es nicht, widersetzt sich nicht, sondern geht den Weg hin zum Priester. Die längste Zeit seiner Laufbahn bverbringt er aber nicht in einer Gemeinde, sondern an einem Internat als Lehrer, betreut da die Bibliothek und fühlt sich Jahr für Jahr mehr zu Hause. Als er plötzlich aus diesem Zuhause gerissen und in eine Gemeinde versetzt wird, vertraut er den Versprechen, dass er wieder zurück darf, und schickt sich auch in das Schicksal.

…aus purem Egoismus beschloss ich, das Problem zu ignorieren.

Wie sein Schicksal, so plätschert auch der Rest des Lebens mitsamt seiner Abgründe an ihm vorbei. Er übersieht sie wirklich, ignoriert sie vielleicht oder verschliesst bewusst die Augen. Immerhin gehört er einer unantastbaren Gilde an, ist Respektsperson.

Auf dem Weg nach Hause, wo mich mein leeres Bett erwartete, ahnte ich mit einem Mal, dass es die Welt, die mir vertraut war und an die ich mein Leben lang geglaubt hatte, bald nicht mehr geben würde. Die alte Welt lag im Sterben, und die neue war noch nicht geboren.

Dieses Ansehen bröckelt über die Jahre nach und nach, die katholische Kirche kommt unter Beschuss. Irgendwann kann auch Odran den Tatsachen gegenüber nicht mehr die Augen verschliessen. Jetzt wäre es an der Zeit, Stellung zu beziehen.

Rezension

Boyne weidet die ganze Problematik der katholischen Kirche aus, ohne mit dem erhobenen Moralfinger zu wedeln, sondern indem er sie in die Biographie eines eher willensschwachen Priesters packt. Odran steht für die Ignoranz derer, die nicht sehen wollen. In Odrans Fall steckt keine Boshaftigkeit dahinter, auch Absicht möchte man ihm nicht unterstellen. Es ist eine Gleichgültigkeit und auch Abgestumpftheit dem Leben gegenüber. Es ist blinder Gehorsam gegenüber wahrgenommenen Obrigkeiten, dem man sich verpflichtet fühlt.

Die Geschichte der Einsamkeit wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. Wo fängt (Mit-)Schuld an? Wo kann man aufbegehren, wo muss man? Wie weit reicht der eigene freie Wille, was ist vorgegeben.

Der Roman hat einige Längen, zieht sich ab und an sehr und nimmt Windungen, die nicht dringend nötig, aber auch nicht absolut überflüssig sind. Insgesamt ist der Plot stimmig, die Charaktere sind glaubwürdig und plastisch, glaubhaft in ihrem Verhalten. Boyne ist eine Studie der Realität gelungen, welcher auf Missstände hinweist, ohne dabei moralisierend oder psychologisierend zu werden. Er ermüdet nicht durch Urteile, sondern lässt durch die Erzählung dem Leser die Möglichkeit, seine eigenen Fragen zu stellen und sein eigenes Urteil zu fällen.

Fazit:
Ein Roman, welcher der Realität den Spiegel vorhält, der Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt. Empfehlenswert.

Zum Autor
John Boyne
John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als »ein kleines Wunder« (The Guardian) gefeiert wurde.

Angaben zum Buch:
BoyneEinsamkeitTaschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback (5. Oktober 2015
Übersetzung: Sonja Finck
ISBN-Nr.: 978-3492060141
Preis: EUR 19.99 / CHF 23.90

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Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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