Sabine beim Abendessen plötzlich: „Wir brauchen mehr Achtsamkeit in unserer Welt!“

Klaus: „Wie meinst du das nun?“

Sabine: „Du isst hier, was ich heute gekocht habe, und ich wette, du könntest nicht sagen, was da alles drin war. DU hast es schlicht nicht wahrgenommen.“

Klaus: „Was weiss ich, was du verwurschtelt hast, ich esse doch aber mit Appetit, also schmeckt es?! Aber jetzt wo du es sagst: Was ist das Rosa-Grüne hier?“

Sabine: „Siehst du, das meine ich. Du schmeckst nicht mal mehr, man muss dir sagen, was du isst. Ist doch klar: Broccoli mit Lebensmittelfarbe.“

Klaus: „Wieso tut man Lebensmittelfarbe an Broccoli?“

Sabine: „Das ist Kunst am Essen.“

Klaus: „Aha… Kunst liegt ja auch immer im Auge des Betrachters….“

Nachbemerkung: Klaus hat das Rosa-Grüne nun in den Haaren, der Teller liegt in Scherben am Boden neben Klaus.

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2017_38-17_3_dreiFür die abc.etüden, Woche 38.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Herbert von HTR Knife http://htr-knife.de und lauten: Achtsamkeit, verwurschteln, rosa-grün.

Der Ursprungspost: HIER

 

Schon wieder so ein Tag. Einer gleicht dem anderen. Das Frühstück kommt um sieben, also zu einer Zeit, zu der kein normaler Mensch Hunger hat. Zwei Scheiben Brot, Butter, Marmelade. Hans nimmt immer zwei Tassen Kaffee mit viel Milch dazu. Das erzählt er jedem, der es hören will. Den anderen auch. Nach dem ersten Tag mit zwei Scheiben hat er allerdings gesagt, eine Scheibe reiche auch. Schliesslich esse er zu Hause auch nur eine und hier mache er ja nichts als rumzuliegen.

Hans liegt nicht alleine hier, er teilt das Spitalzimmer mit drei Männern in seinem Alter. Also eigentlich dachte er, als er eintrat, das seien alles alte Männer, bis er merkte, dass er der Älteste in der Runde ist. Wenn man aber die anderen sähe, würde man das nicht glauben. Sagt Hans. Und er muss es ja wissen, er liegt hier täglich.

Die Tage sind lang, schon der Morgen zieht sich hin. Irgendwann kommt die Visite. Heute sind sie zu fünft. Der leitende Arzt – den hat er noch nie gesehen, bislang kam eine junge Assistenzärztin, eine sehr nette – mit vier angehenden Ärztinnen. Die waren auch schon dabei, alle jung, sehr jung. Am Anfang hätte er gedacht, das seien Schwestern, so jung hätten die ausgesehen. Aber nein, das seien alles schon angehende Ärztinnen. Aber alle sehr nett, beeilt er sich zu sagen. Der Arzt redet dann auch von diesem und jenem, vornehmlich um den heissen Brei. Hans findet, das hätte ihm die nette Ärztin am Vortag alles schon erklärt und da hätte er es auch verstanden. Er hört drum gar nicht mehr richtig zu. Dann sind der Redner und seine Entourage auch schon weg und beim nächsten Bett.

Hans seufzt schon innerlich. Der da Liegende hat immer zu jammern. Ständig läutet er nach dem Personal, ständig tut was weh, fehlt was – und dann ist doch nichts. Ausserdem beklagt der sich über alles. Klingelt nach den Schwestern, weil die Bauarbeiter vor dem Spital zu laut sind. Reklamiert, weil sonst zu viel Lärm herrscht. Aber kürzlich, da liess der doch Musik laufen in einer Lautstärke, da kriegte man Kopfschmerzen von. Hans hat ihm dann gesagt, er solle die Musik runterschrauben. Es war zwar gute Musik, aber laut war sie. Zu laut. Und das von dem, dem sonst alles zu laut ist. Denkt Hans. Und erzählt es, wenn er jemanden hat, dem er es erzählen kann.

Schon bald kommt das Mittagessen. Er mag die Krankenhausküche nicht. Sie sähe immer schön angerichtet aus, aber nach dem ersten Bissen sei fertig. Alles hat so einen komischen Beigeschmack, findet Hans. Er kann sich das nicht erklären. Schliesslich kochen da Köche. Er zwingt sich immer, eine oder zwei Gabeln zu essen von allem. Immerhin sei es gut für die Figur, erzählt Hans seinem Besuch. Er hätte schon zwei Kilo abgenommen. Der Schalk sitzt ihm im Nacken beim Erzählen. Wenn man Hans kennt, weiss man wohl, an welche Leckereien er denkt, mit denen er die Gewichtsverluste wieder beheben will.

Aber nun kommt erst mal das Mittagessen, dann ein lang(weilig)er Nachmittag, dann das Abendessen mit gleichem Nicht-Ess-Ritual und dann die Nacht. Und morgen startet alles wieder neu. Und Hans wird alle Gedanken wieder neu denken. Und wenn Besuch kommt, erzählt er davon.

Und jeden Tag kommt Sabine vorbei, setzt sich zu Hans, hört sich alles an und nickt. Und sie ist froh, ihn hier reden zu hören, denn zu Hause ist der Platz auf dem Sofa plötzlich leer. Und im Bett schnarcht niemand mehr und hält sie vom schlafen ab. Fast glaubt sie nun, ohne das nicht mehr schlafen zu können.


Sabine und Klaus sassen am Frühstückstisch und tranken ihren gewohnten Morgenkaffee. Bald war ihre Ferienwoche vorbei, bald hatte sie der Alltag wieder. Noch genossen sie aber den Blick über die geliebten Berge wie jedes Jahr im August. Schon seit Jahren kamen sie hier her in die Ferien. Sie schätzten das, denn diese Ferienroutine bedeutete, alles schon zu kennen, sich gleich vom ersten Tag an entspannen zu können, ohne zuerst noch die Gegend erkundigen zu müssen.

Es war eine schöne Ferienwoche gewesen. Sie hatten alte Bekannte getroffen, die auch schon seit Jahren zur selben Zeit hier in den Ferien waren, und konnten am Sonntag am Dorffest teilnehmen. Am Montag waren sie – wie jedes Jahr – aufs Stockhorn gewandert, danach kamen das Brienzer Rothorn und der Niesen an die Reihe und heute stand ein Ausflug nach Thun auf dem Programm. Plötzlich sagte Sabine zu Klaus:

„Meinst du nicht, wir sollten mal etwas verändern in unserem Leben? Ich habe gerade in einem Artikel gelesen, man solle aus Gewohnheiten ausbrechen, das brächte neuen Wind ins Leben, man sei dann kreativer.“

Klaus schaute sie an: „Ich will nicht malen oder töpfern.“

„Wie kommst du denn nun auf malen und töpfern?“

„Du sagtest doch, man sei dann kreativer.“

Sabine verdrehte die Augen: „Das ist doch nicht so gemeint. Auf alle Fälle finde ich, uns täte etwas frischer Wind gut. Wir könnten nächstes Jahr mal an einem anderen Ort Ferien machen. Lass uns ans Meer fahren.“

Klaus sagte nichts mehr. Er kannte Sabine lange genug und wusste, wann es besser war, zu schweigen.

Nach dem Kaffee brachen Sabine und Klaus auf, um nach Thun zu fahren. Da wollten sie auch gleich in einem Reisebüro Prospekte mit möglichen Feriendestinationen besorgen und diese dann in ihrem Stammcafé auf dem Mühleplatz studieren.

Thun begrüsste sie mit prächtigem Wetter und dem gewohnten Charme. Mit einer riesigen Beige an Prospekten machten sie es sich an der Sonne bequem. Sie blätterten sich durch spanische Inseln und toskanische Felder, streiften durch die Provence und machten einen Abstecher nach Griechenland. Balearen oder Kanaren? Italien oder Frankreich?

Bald schon rauchte den beiden der Kopf, zumal alles irgendwie ähnlich aussah. Grosse weisse Betonbauten oder aber kleine Bungalo-Siedlungen mit Pools, Strand, Palmen, Badetuch an Badetuch. Die anpreisenden Texte klangen auch alle etwa gleich. Worauf sollte man da achten? Nach welchen Kriterien entscheiden? Blätterten beide anfangs noch eifrig, wurde das Umschlagen der Seiten stiller und stiller – und die Stimmung bedrückter.

„Was machen wir denn da den ganzen Tag?“, fragte Sabine.

„Ich weiss auch nicht. Ausruhen? Uns erholen? Baden?“

„Du weißt doch, dass ich nicht gerne bade?“

„Aber du wolltest doch ans Meer? Kreativ werden und so…“

Sabine packte schnaubend ihre Prospekte zusammen, stand auf, schmetterte das Papier in den nächsten Eimer und stapfte davon. Klaus hatte Mühe, sie noch einzuholen, er wusste nur eines: Besser war es, nun nichts zu sagen. So fuhren sie schweigend wieder zurück in die Berge, zurück in „ihr“ Hotel. Als sie oben ankamen, stiegen sie aus dem Auto und Sabine fragte Klaus:

„Sag mal, könnten wir nicht schon fürs nächste Jahr buchen? Nicht dass unser Zimmer schon belegt ist und wir in ein anderes ausweichen müssen.

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Schreibeinladung für die Textwoche 16.17

2017_16-17_1_einsHeute stiess ich über sieben Ecken (besser über sieben Blogs) auf ein Schreibprojekt, das ich witzig fand: Aus drei Wörtern soll eine Kurzgeschichte mit maximal 10 Sätzen entstehen. (Hier geht es zum Originalbeitrag: LINK)

 

Die Wörter dieser Woche sind:

Duschvorhang
Leichenschmaus
Frühlingsgefühle

Gespendet hat dieses bunte Potpurri an Wörtern die Betreiberin des Blogs Ruhrköpfe

Frei aus dem Bauchheraus – los geht’s:

Psycho 2.0

Als ich heute Morgen den Duschvorhang zur Seite schob, sass sie da, dick und fett mit langen, haarigen Beinen, und blickte mich aus grossen, dunklen, unheilversprechenden Augen an. Ich konnte den lauten Schrei nicht zurückhalten, auch wenn es mir für die wohl noch schlafenden Nachbarn leid tat, die nun wohl senkrecht im Bett standen, aber schliesslich kam es nicht jeden Tag vor, dass eine Spinne in Grösse eines Pfennigstücks in meiner Badewanne sitzt. (Hatte ich schon von meiner Spinnenphobie erzählt?)

Von meinem Schrei angelockt, kam sogleich mein todesmutiger Kater hinzu, schaute mich aus seinen runden Augen an. Er stürzte sich, quasi als Ritter ohne Furcht und Tadel, auf die Spinne, was sich als nicht ganz einfach herausstellte, war diese doch eher flink, ganz im Gegensatz zu meiner eher gemächlichen Fellnase. Am Ende siegte das Gute, der Kater leckte sich genüsslich die Barthaare – was für ein Leichenschmaus.

Draussen zwitscherten fröhlich die Vögel, so langsam kamen auch bei mir wieder Frühlingsgefühle auf.

Die fröhlich karierte Mütze halb ins Gesicht gezogen, schaute er aus kleinen Augen durch kreisrunde Gläser in die Welt. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, sie wollten gar nicht so richtig zur Mütze passen – als hätte er zur Stimmung das falsche Outfit gewählt.

Der letzte Bus war ihm vor der Nase abgefahren, was ihn aber nicht sehr zu beunruhigen schien. Er sass ruhig auf der Bank, von der Sonne beschienen, die Arme über die Rücklehne gebreitete: Er nahm den Raum ein, aber füllte ihn irgendwie doch nicht aus.

Ab und an wechselte er die Verkreuzung seiner Beine. Das war die einzige Bewegung, die an ihm zu sehen war. Die Sonne wirkte wie ein Scheinwerfer, sie rückte ihn ins rechte Licht. Ob das sein Auftritt war? Die Darstellung des Wartenden? Worauf wartete er?

Die Frage schien eine offensichtliche Antwort zu haben: Auf den nächsten Bus. Wobei, war das so klar? Vielleicht gab es eine ganz andere Antwort, die auch seine Ruhe ob des verpassten Busses erklären würde? Eine, die mir lieber wäre?

Ich würde mir lieber eine andere Geschichte vorstellen, nämlich: Er wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf die Liebe, die mit dem Bus kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass die heruntergezogenen Mundwinkel nicht Verdruss ausdrückten, sondern Konzentration, weil er sich immer wieder innerlich die Worte vorsagte, die er ihr gleich entgegen rufen wollte. Ich stellte mir vor, wie der nächste Bus käme, sie ausstiege, seine Miene sich aufklärte und sich in ein strahlendes Lächeln verwandelte. Ich stellte mir vor, wie er aufsprang, auf sie zuging, die Mütze plötzlich zum Gesicht passte. Ich stellte mir vor, wie er ihr all die Worte sagte, die er gerade noch so konzentriert geübt hatte.

Dann sah ich von weitem den Bus kommen. Noch bevor sich in mir weitere Vorstellungen breit machen konnten, stand er auf. Die Türen öffneten sich, keiner kam raus. Er stieg ein – ich hinter ihm. Wir setzten uns auf die gleiche Höhe in zwei unterschiedliche Abteile. Bei einem versteckten Blick zu ihm sah ich, dass sich in seinem Gesicht nichts geändert hatte. Noch immer war nur die Mütze fröhlich. Nur in mir weckte noch die Vorstellung des Strahlens nach.

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.