Schreibeinladung für die Textwoche 16.17

2017_16-17_1_einsHeute stiess ich über sieben Ecken (besser über sieben Blogs) auf ein Schreibprojekt, das ich witzig fand: Aus drei Wörtern soll eine Kurzgeschichte mit maximal 10 Sätzen entstehen. (Hier geht es zum Originalbeitrag: LINK)

 

Die Wörter dieser Woche sind:

Duschvorhang
Leichenschmaus
Frühlingsgefühle

Gespendet hat dieses bunte Potpurri an Wörtern die Betreiberin des Blogs Ruhrköpfe

Frei aus dem Bauchheraus – los geht’s:

Psycho 2.0

Als ich heute Morgen den Duschvorhang zur Seite schob, sass sie da, dick und fett mit langen, haarigen Beinen, und blickte mich aus grossen, dunklen, unheilversprechenden Augen an. Ich konnte den lauten Schrei nicht zurückhalten, auch wenn es mir für die wohl noch schlafenden Nachbarn leid tat, die nun wohl senkrecht im Bett standen, aber schliesslich kam es nicht jeden Tag vor, dass eine Spinne in Grösse eines Pfennigstücks in meiner Badewanne sitzt. (Hatte ich schon von meiner Spinnenphobie erzählt?)

Von meinem Schrei angelockt, kam sogleich mein todesmutiger Kater hinzu, schaute mich aus seinen runden Augen an. Er stürzte sich, quasi als Ritter ohne Furcht und Tadel, auf die Spinne, was sich als nicht ganz einfach herausstellte, war diese doch eher flink, ganz im Gegensatz zu meiner eher gemächlichen Fellnase. Am Ende siegte das Gute, der Kater leckte sich genüsslich die Barthaare – was für ein Leichenschmaus.

Draussen zwitscherten fröhlich die Vögel, so langsam kamen auch bei mir wieder Frühlingsgefühle auf.

Die fröhlich karierte Mütze halb ins Gesicht gezogen, schaute er aus kleinen Augen durch kreisrunde Gläser in die Welt. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, sie wollten gar nicht so richtig zur Mütze passen – als hätte er zur Stimmung das falsche Outfit gewählt.

Der letzte Bus war ihm vor der Nase abgefahren, was ihn aber nicht sehr zu beunruhigen schien. Er sass ruhig auf der Bank, von der Sonne beschienen, die Arme über die Rücklehne gebreitete: Er nahm den Raum ein, aber füllte ihn irgendwie doch nicht aus.

Ab und an wechselte er die Verkreuzung seiner Beine. Das war die einzige Bewegung, die an ihm zu sehen war. Die Sonne wirkte wie ein Scheinwerfer, sie rückte ihn ins rechte Licht. Ob das sein Auftritt war? Die Darstellung des Wartenden? Worauf wartete er?

Die Frage schien eine offensichtliche Antwort zu haben: Auf den nächsten Bus. Wobei, war das so klar? Vielleicht gab es eine ganz andere Antwort, die auch seine Ruhe ob des verpassten Busses erklären würde? Eine, die mir lieber wäre?

Ich würde mir lieber eine andere Geschichte vorstellen, nämlich: Er wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf die Liebe, die mit dem Bus kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass die heruntergezogenen Mundwinkel nicht Verdruss ausdrückten, sondern Konzentration, weil er sich immer wieder innerlich die Worte vorsagte, die er ihr gleich entgegen rufen wollte. Ich stellte mir vor, wie der nächste Bus käme, sie ausstiege, seine Miene sich aufklärte und sich in ein strahlendes Lächeln verwandelte. Ich stellte mir vor, wie er aufsprang, auf sie zuging, die Mütze plötzlich zum Gesicht passte. Ich stellte mir vor, wie er ihr all die Worte sagte, die er gerade noch so konzentriert geübt hatte.

Dann sah ich von weitem den Bus kommen. Noch bevor sich in mir weitere Vorstellungen breit machen konnten, stand er auf. Die Türen öffneten sich, keiner kam raus. Er stieg ein – ich hinter ihm. Wir setzten uns auf die gleiche Höhe in zwei unterschiedliche Abteile. Bei einem versteckten Blick zu ihm sah ich, dass sich in seinem Gesicht nichts geändert hatte. Noch immer war nur die Mütze fröhlich. Nur in mir weckte noch die Vorstellung des Strahlens nach.

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.

Sie sah ihn nur an. Sie sagte nichts. Er wurde verlegen unter ihrem Blick, schwieg aber auch. Sein Blick schweifte umher. Mit dem Zeigfinger fuhr er sich über die Lippen, als ob er Krümel wegwischen wollte, die nicht da sein konnten. Er hatte nichts gegessen. Sie kannte diese Geste gut. Er machte sie oft. In ähnlichen Situationen. Man konnte aus der Geste ablesen, wie er sich fühlte. Sie konnte es ablesen. Aus allen seinen Gesten. Es fühlte sich vertraut an, von jemandem zu wissen, wie er sich verhält bei bestimmten Gefühlen. Ein Gefühl der Nähe kam in ihr auf. Sie wollte das nicht. Sie war wütend. Oder wollte sie es nur sein?

Er hatte ein liebes Gesicht. Sie kam nicht umhin, das zu denken, als sie ihn so ansah. Immer noch schweigend. Über die Jahre waren mehr weisse Haare zu seinen dunklen gekommen. Zeichen der Zeit, die gesehen werden wollen. Er hatte grosse runde Augen. Sie verliehen ihm immer etwas Hilfloses, Verlorenes. Rette mich. Ich brauche dich. Das stand irgendwie auch jetzt in seinem Blick. Oder las sie es nur hinein? Über die Jahre hatte er zugelegt. Alles war rund an ihm. Weich. Er auch mit sich selber. Nur mit ihr war er hart. Manchmal. Und es erschloss sich ihr nicht, wie jemand so Weiches so hart sein konnte. Sie mochte das Weiche nicht. Das Harte noch weniger. Manchmal dachte sie, sie wisse selber nicht, was sie mag.

Sie fühlte eine Trauer aufsteigen. Dachte zurück. An Momente, Augenblicke, Situationen. Sie dachte an Liebe, an ihren Beginn. Sie dachte, wie alles mal war und was hätte sein können. Sollen. Sie dachte daran, was sie sich erträumt hatten, was sie sich gewünscht hatten. Hatte sie es nur gewünscht? Oder nur er? War einer mitgezogen? Es erschien so bunt, so erreichbar, so realistisch damals. Wo waren sie gelandet?

Sie sassen an diesem Tisch in dieser Wohnung und schwiegen. Sie hatten sich viel zu sagen und hatten sich schon viel zu viel gesagt. Sie hatten sich Dinge gesagt, die sie nie hätten sagen wollen, nie hätten sagen sollen – und doch waren sie gesagt. Sie hingen in der Luft und klangen nach. Sie klangen aus allen Poren. Sie klangen aus seinen Gesten, aus seinem Blick, der in die Ferne ging. Und sie hingen ihr in der Brust.

Wie sollte es weiter gehen? Konnte es weiter gehen? Müsste es weiter gehen? Was würde es helfen, wenn dies nun das Ende wäre? Was käme danach? Was kommt nach dem Ende? Wo geht man dann hin? Sie sass da und schaute ihn an. Sie wünschte sich, er würde was sagen. Sie wünschte, er hätte eine Lösung, die er ihr präsentieren könnte. Und sie wusste, was immer er auch sagte, sie würde es zurück schmettern, würde ihn einen Besserwisser nennen, würde wütend sein, weil er Lösungen präsentierte, während sie keine mehr sah. Und weil sie wütend sein wollte. Auf sich. Auf ihn. Aufs Leben.

Er fragte nur leise: „Worum geht es hier eigentlich?“

Sie hatte keine Ahnung.

Stephen King – Einblicke und Eindrücke

Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen… diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.

Stephen King ist wohl einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autoren der heutigen Zeit. Sein Name auf dem Buchcover ist schon fast ein Versprechen: Das wird ein gutes Buch. Doch wie kam Stephen King an den Punkt? Wie wurde er zu dem Schriftsteller, der er heute ist?

Dies ist keine Autobiografie. Es ist eher eine Art Lebenslauf, mein Versuch, die Entwicklung zum Schriftsteller nachzuzeichnen.

Im vorliegenden Buch versucht Stephen King, diese Fragen zu beantworten. Er tut dies auf eine sehr offene, ironische, humorvolle Weise, so dass sich dieser Lebenslauf, wie er den Teil selber nennt, genauso spannend liest wie seine Bücher. In zweiten Teil geht Stephen King auf verschiedene Themen rund ums Schreiben ein. Er legt dar, was man als angehender Schriftsteller beherrschen muss, worauf man achten soll. Zentral dabei ist immer die Sprache – das Werkzeug des Schriftstellers.

Dieses Buch handelt von der alltäglichen Arbeit – von der Sprache.

Im letzen Teil berichtet Stephen King über seinen schweren Unfall, der ihn für viele Monate lahmlegte. Er sagt, das Schreiben hätte ihn da gerettet. King-Fans sind dankbar dafür.

Das Leben und das Schreiben ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinn, es ist viel mehr. Es ist die Autobiographie von Stephen Kings eigenem Schreibprozess. Als Leser steht man quasi hinter ihm und schaut ihm über die Schulter, erfährt sein Vorgehen beim Verfassen eines Buches, schaut ihm beim Leben und beim Schreiben zu – was irgendwie fast dasselbe ist oft.

Fazit:
Ein wundervolles, offenes, persönliches Buch, das zeigt, dass der, welcher hier über das Schreiben berichtet, sein Handwerk versteht. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
„Carrie“, „The Shining“, „Misery“ – es gibt wohl nur wenige Leser oder Kinogänger, die nicht zumindest eine dieser drei Horrorgeschichten von Stephen King kennen. Einen internationalen Bestseller nach dem anderen legt der 1947 in Maine geborene Autor vor. Und nicht wenige davon wurden auch erfolgreich verfilmt. So spektakulär die Geschichten sind, so bürgerlich klingt Kings Werdegang. Nach Schule, Universität und früher Heirat arbeitete er zunächst als Englischlehrer. Seiner Passion fürs Schreiben ging er abends und am Wochenende nach, bis ihm der Erfolg seiner ersten großen Geschichte, „Carrie“, erlaubte, ausschließlich als Schriftsteller zu leben. Der Rest ist Legende. King hat drei Kinder und bereits mehrere Enkelkinder und lebt mit seiner Frau Tabitha in Maine und Florida.

Angaben zum Buch:
kinglebenTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (8. Februar 2011)
Übersetzung: Andrea Fischer
ISBN-Nr.: 978-3453435742
Preis: EUR 10.99/ CHF 16.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Ich schreibe. Ich schreibe gut. Und gerne. Ich schreibe so, dass Menschen es gerne lesen. Darauf bin ich stolz, das liegt mir. Was für einen Sinn hätte Schreiben, wenn es nicht darum ginge, zu kommunizieren? Von Mensch zu Mensch? Wie oft hörte ich, meine Texte seien wunderbar, seien schön zu lesen, wie aus einem Fluss. Und so entstehen sie auch. Ich schreibe und gerate in einen Fluss und die Buchstaben quellen aus mir. Ich habe etwas zu sagen und packe es in Sprache. Sprache ist wundervoll und sie soll auch schön zu Papier (oder auf den Bildschirm) kommen. Ich überlege kaum je während des Schreibens. Es fliesst. Und das Ergebnis ist in meinen Augen so, wie es eben sein soll: Sprache, die Inhalt zu Menschen bringt. Gedanken in einer Form.

Ich bin in die Werbebranche gegangen, eine Branche, mit der ich immer liebäugelte. Cool, innovativ, kreativ sei sie. Hiess es. Dachte ich. Bildete ich mir nur ein? Nein, sie ist es. Ohne Frage. Aber: Es geht nicht mehr um Menschen, die lesen, es geht um Google, das durch Seiten pflügt und Stichworte sammelt. Texte müssen nicht schön sein, sie müssen nicht Freude bereiten beim Lesen und Inhalte portieren, sie müssen googleoptimiert sein. Dazu muss man Keywords einpflegen und Long Tails berücksichtigen. Schöne Texte, die dem Leser zeigen, was Sache ist, indem sie alle Informationen auf eine gute Weise überbringen, sind da nichts, dafür kriegt man einen Rüffel – klar mit dem Nebensatz, dass es wirklich schön zu lesen wäre, aber eben nicht gut genug für die Werbung, für die Kommunikation. Das relativiert die Floskel „Content is king“, die man gerne in Marketingkreisen hört, neu heisst es: „Google is dictator“ und alle unterwerfen sich.

Kunst ist das nicht. Mein Schreiben darf es auch nicht mehr sein. Der Frust ist gross. Ich schreibe gerne. Ich schreibe gut. Ich bin nicht eingebildet, aber das bilde ich mir ein. Trotzdem ist die Werbebranche toll. Die Stimmung in Agenturen ebenso. Aber schön schreiben muss man nicht mehr können. Man muss wissen, was Google mag. Für mich als Künstlerin, die ich bin, immer wieder eine Herausforderung. Aber ich nehme sie an.