A room of one’s own

Ich bin auf der Flucht
Und immer zuviel.

Ich mag nicht so sein,
mich drückt das Gefühl.

Es fehlt mir der Raum,
ich selber zu sein.

Es fehlt mir der Ort,
der mir ein Daheim.

Es fehlt mir die Zeit,
das Meine zu tun,

Es fehlt mir Stund’,
mal in mir zu ruh’n.

Ich bin auf der Flucht,
vor euch und auch dir,

ich zieh mich zurück,
verkriech mich in mir.

Da scheint einzig Schutz,
vor zu grossem Schmerz,

doch bin ich allein,
verlor das Deinwärts.

©Sandra von Siebenthal, 8. 8. 2021

Interview

Menschen fragen:
«Zahlen, Fakten,
wann, wohin und
wieviel Wert?»

Was du hast und
wer du bist,
zählt mehr als
was du willst.

Was du bringst und
wie du nützt,
zählt mehr als
wie’s dir geht.

Dann stehst du da
mit allen Fragen,
fragst dich selber:
«Wo bin ich?»

Dann stehst du da
und bist alleine,
weil – der Frager
sieht nur sich.

@Sandra von Siebenthal

Das Gesicht wahren

Grillen zirpen zirrilierend, stellen
ihre Flügel auf. Sie zeigen eifrig
ihr Begehren, nehmen dazu gern
in Kauf von allen, auch von völlig Fremden,

So gehört zu werden; nehmen gerne
auch in Kauf, dass and’re sich dran stören,
Ruhe wünschen, sie auslachen ob
Der just entfachten, jubelschwang’ren Lust.

Wäre ich doch auch so mutig, wäre
ich doch auch so frei, und könnte die
Gefühle zeigen, wie sie sind, und nicht

mich schämen, weil ich fürchte, anzustehen,
statt Erhören, Spott zu ernten und drum
mein Begehren still in mich zu kehren.

©Sandra von Siebenthal

Lebensspiel

Es tost das Meer in lauten Wogen, rauschend
Brechen Wellen an der Steine Riff.
Sie schiessen auf mit weisser Krone, bis
In sich zusammenbricht die weisse Gischt.

Auf und nieder, immer wieder, neu
Ergiesst sich dieses Spiel des Elements.
Sonnenfunken tänzeln, rauf und runter,
munter eingewirktes Glitzervlies.

Spiel des Lebens, Lebensfülle, stetig
Gehend, kehrend, mitgeführt im Fluss
Der niemals anhaltenden Ewigkeit.

Und über allem steht die Sonne, thront
Als die, die ganz klar weiss, dass ohne sie
Kein Leben und in dem kein Lichtspiel sei.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

Franziska zu Reventlow (*18. Mai 1871)

Fanny_Gräfin_zu_ReventlowFranziska zu Reventlow wird am 18. Mai 1871 im Schloss Husum geboren. Fanny erfährt eine strenge Erziehung, teils durch die Familie, teils durch das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen. Schon früh zeigt sich ihr rebellisches Wesen, welches nach nur einem Jahr in der Pension zu ihrem Rauswurf führt. Es folgt ein privates Lehrerinnenseminar, eine nicht wirklich typische Ausbildung für eine junge Adlige.

Mittlerweile in Lübeck wohnend schliesst sich Reventlow dem Ibsen-Club an, beschäftigt sich mit gesellschaftskritischer Literatur und Nietzsche. Eine entdeckte Liebschaft führt zu Fannys Verbannung aufs Land, die Familie ist darauf bedacht, den guten Ruf der ungezügelten Tochter zu wahren, was diese nicht so einfach geschehen lässt und aus ihrem Exil flieht. Diese Geschichte führt zu einem lange währenden Zerwürfnis der Familie.

Fanny lernt den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen und heiratet ihn. Er finanziert ihr den Aufenthalt an einer Malschule, allerdings zeigt Fanny wenig Dankbarkeit, sondern flieht aus dem bürgerlichen Eheleben in die Freiheit, welche arm und von Krankheiten und Fehlgeburten betroffen ist. Sie hat nur noch verächtliche Worte für die strukturierten Lebensentwürfe der bürgerlichen und höheren Gesellschaft.

Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, dass ich kaum durchs Zimmer gehen kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.

Sohn Rolf wird geboren, der Vater spielt keine Rolle, wird namentlich nicht mal genannt. Das finanzielle Überleben sichert sich Fanny zu Reventlow mit Übersetzungsarbeiten und kleinen Texten für Zeitschriften und Tageszeitungen sowie einem – wenn auch eher kurzen – Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Auch Jobs wie Prostituierte, Köchin, Sekretärin finden sich in ihrem Lebenslauf. Übernamen wie „heidnische Madonna“ oder „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ zeugen von einem bewegten Leben, welches Fanny literarisch teilweise mit viel Selbstironie verarbeitet.

Franziska zu Reventlow wohnt in München in Schwabing, nennt den Stadtteil selber Wahnmoching, was sowohl zu ihr selber wie auch zur Szene, in der sie sich bewegt, passt.

[…] eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulturen wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen. (Aus: Herrn Dames Aufzeichnungen)

Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt – noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat. (ebd.)

Zahlreiche Exponenten der Münchner Künstlerszene säumen ihren Weg: Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Theodor Lessing – um nur einige zu nennen. Fanny unternimmt Reisen in den Süden, zieht 1910 ins Tessin nach Ascona, schreibt da ihre Schwabinger Romane, geht eine Scheinehe ein und zieht schliesslich nach Muralto, wo sie am 26. Juli 1918 an den Folgen eines Fahrradsturzes stirbt.

Fanny zu Reventlow wird nur 47 Jahre alt, allerdings darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diese 47 Jahre wohl mehr Leben packte als so mancher in die doppelte Zeit. Allerdings wäre es verfehlt zu denken, man hätte es hier mit einer lebenslustigen, leichtsinnigen und leichtfertigen Frau zu tun. Fanny zu Reventlow ist eine Suchende, sie verzweifelt ab und an beinahe am Leben, fällt in dunkle Löcher, aus denen sie sich nur mühsam wieder herausarbeitet. Sie leidet an sich und der Welt, sehnt sich nach Liebe und Glück und findet es nicht. Wenn sie es doch findet, hält es nur kurzfristig, als ob sie es nicht länger ertrüge – Ein Hin und Her zwischen Freiheitsdrang und Liebesglück.

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich.

 

Werk und Wirkung

Der grosse Ruhm blieb Fanny zu Reventlow versagt, trotzdem werden ihre Romane bis heute (zu Recht) verlegt und gelesen. Ihr Schreiben ist ein Abbild der damaligen Zeit, mit Humor und klarem Blick zeichnet sie ein Bild der Schwabinger Bohème. Ihre Übersetzungsarbeiten haben ihren eigenen Schreibstil sicher massgeblich geprägt, welcher sich durch einen Plauderton auszeichnet. Reventlows Texte sind gesellschaftskritisch, durchleuchten die Geschlechterrollen und –bilder und offenbaren immer wieder einen Blick hinter die Fassade, in ihr eigenes Leben und Denken, das so bewegt und vielschichtig war wie es ganze Bibliotheken nicht bunter beschreiben könnten.

 

Ausgewählte Werke

  • Was Frauen ziemt (Essay, 1899)
  • Erziehung und Sittlichkeit (Essay, 1900)
  • Ellen Olestjerne (Roman, 1903)
  • Von Paul zu Pedro (Amouresken, 1912)
  • Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus deinem merkwürdigen Stadtteil (Roman, 1913)

 

Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht


„Nach wie vor wird die Arbeit von Schriftstellerinnen weniger ernst- und wahrgenommen als die von Schriftstellern. Für Debatten und Gesprächsstoff sorgen hauptsächlich Publikationen von Männern…“

Ilka Piepgras hat sich aufgemacht und Schriftstellerinnen über die Schulter geschaut. Was bedeutet es, zu schreiben? Wie sieht der Weg vom Gedanken hin zum Buch aus? Womit hat man dabei zu kämpfen? Vor allem als Frau? Das Buch konzentriert sich auf Frauen, da diese auch heute noch wenig präsent sind im Literaturbetrieb.

„Bei mir sind das die heiklen Stellen, die, wo die Verzweiflung und die Angst vor dem Scheitern wohnen: Ich weiss danach oft einfach nicht weiter. Ich habe alles gegeben, um diese paar Seiten zu schreiben, durchzustrukturieren, mit Crescendo und Diminuendo und im besten Fall sogar mit einer Fermate. Und dann? Dann ist da ein Stück Text, korrigiert, fertig, ein fast perfekt poliertes Werkstück, leider ins Unbestimmte ragend wie ein Sprungbrett über einer Schlucht.“

Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.

Mit all dem stehen sie bei weitem nicht alleine, so schrieb schon Edith Warton:

„Wenn meine Arbeit nur besser wäre, wäre sie alles, was ich brauche. Aber meine Art von halbem Talent reicht zur Flucht nicht aus.“

Und auch Joan Didion war nicht nur Schreibikone, sondern von Zweifeln und Unsicherheiten geplagte Schriftstellerin:

„Es steht viel schlampiges Zeug darin. Irrelevantes Zeug. Wörter, die nicht funktionieren. Unbeholfenheit.“

An dieser Stelle sei zu bemerken, dass durchaus auch Männer unter Selbstzweifeln, schrieb doch Theodor Fontane in einem seiner Briefe sinngemäss an seine Frau, dass er eigentlich gar nicht schreiben könne und das Ganze am besten sein liesse. Im vorliegenden Buch mussten die Männer aber schweigen, da es darum ging, Frauen eine Stimme zu geben in einem Bereich, in welchem sie noch immer viel zu wenig gehört werden. „Schreibtisch mit Aussicht“ ist ein Buch voller Einblicke, ein ehrliches Buch, ein Buch, das tief blicken und nachdenken lässt. Es ist ein Buch, das seinen Beitrag dazu leisten will, mehr Bewusstsein auf die noch immer vorherrschenden Ungleichbehandlungen zwischen den Geschlechtern zu lenken, welche gerade in dem Bereich umso unverständlicher sind, da Kreativität eine menschliche Angelegenheit und keine Frage des Geschlechts ist. Das einzige, was hier unterscheidet, ist der Fokus, welchen wir hier und heute setzen – es wäre an der Zeit, diesen besser auszurichten.

Fazit:
Ein grossartiges Buch mit Einblicken in die Schreibprozesse von 24 Schriftstellerinnen, über ihre Kämpfe und Freuden. Sehr empfehlenswert!

Über die Herausgeberin
Ilka Piepgras, geboren 1964, studierte in München Politische Wissenschaften und begann, 1991 als Reporterin bei der Berliner Zeitung zu arbeiten. Nach einem Studienjahr in Harvard wechselte sie 1999 zur deutschen Ausgabe der Financial Times Deutschland, wo sie die Buchseiten in der Weekend-Beilage betreute. Sie ist Autorin der Bücher Meine Freundin, die Nonne und Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr und arbeitet heute als Redakteurin im ZEITmagazin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Kein & Aber; 2. Auflage, neue (3. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3036958262
Preis: EUR 23 / CHF 32.90

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Patricia Highsmisth: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Die Meisterin lässt sich in die Karten blicken

„Suspense fängt mit den Grundlagen an und wendet sich vor allem an junge Schriftsteller – obwohl natürlcih ein Anfänger fortgeschrittenen Alters ebenfalls ‚jung’ ist, was die Schriftstellerei betrifft, und die ersten Schritte für alle die gleichen sind. In meinen Augen sind auch angehende Schriftsteller oder Anfänger schon Schriftsteller, da sie willentlich das Risiko auf sich nehmen, ihre Gefühle, ihre Schrullen und ihre Weltanschauungen den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben.“

Patricia Highsmith lässt sich in diesem Buch beim Schreiben über die Schulter blicken und zeigt auf, wie sie von der ersten Idee bis hin zum fertigen Manuskript voranschreitet. Sie zeigt dies anhand ihrer bekannten Bücher, leuchtet im Detail aus, wie viele Anläufe es ab und an brauchte, bis das fertige Buch in seiner endgültigen Fassung stand, welche oft von der ersten völlig abweichen konnte. Sie schildert dabei ihre Stolpersteine beim Schreiben, Punkte, über die sie kaum hinweg kam und erzählt auch von diversen Ablehnungen von Verlagen, von unveröffentlichten Manuskripten und fehlgeleiteten Geschichtsverläufen.

„Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen. Hat man selbst während der Dauer des Schreibprozesses Spass daran, dann kann und wird es Verlegern und Lesern später ebenso gehen.“

Am Anfang steht eine Idee. Zwar gibt es viele Ideen, doch es existiert durchaus auch das Gefühl, keine Ideen mehr zu haben, welches oft dann eintritt, wenn zu viel Druck, zu wenig Raum, zu grosse Erschöpfung herrscht. Auch Gesellschaft kann hinderlich werden, vor allem, wenn es die falsche ist. Hat man die packende Idee aber erst gefunden, geht es darum, sie auszubauen, eine Geschichte darum zu spinnen, diese durch Handlungen und Nebenhandlungen zu erweitern, bis man einen Plot entwickelt, der schliesslich zu einer ersten Fassung führt.

„Ein Autor muss jederzeit ein Gefühl für die Wirkung haben, die er auf dem Papier schafft, für die Plausibilität dessen, was er schreibt. Er muss spüren, wenn da etwas schiefläuft, genauso schnell wie ein Mechaniker ein falsches Geräusch im Motor wahrnimmt, und er muss es korrigieren, bevor es schlimmer wird.“

An diesem Punkt fängt das Überarbeiten an, das Umschreiben, Verwerfen, Streichen – alles ab und an schmerzhafte Prozesse, die auch viel von einem Schriftsteller verlangen. Nicht selten heisst es, Passagen zu streichen, die einem eigentlich am Herz liegen.

Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genausoviel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.

Fazit:
Ein Werkstattbericht, der nicht Ratgeber sein will, sondern einen tiefen Einblick in das Schreiben und Wesen der Meisterin der Spannungsliteratur gewährt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas geboren. Ihre Eltern trennten sich schon vor ihrer Geburt, Patricia Highsmith wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf. 1934 zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach New York, wo sie nach der High School am renommierten Barnard College Englische Literaturwissenschaft mit dem Nebenfach Latein studierte. Es folgten diverse Jobs und 1943 eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Schon während der Schulzeit hat Patricia Highsmith erste Geschichten und Gedichte geschrieben, in der Studienzeit Erzählungen in der Studentenzeitschrift „Barnard Quarterly“ veröffentlicht. Ihr erster Romanversuch blieb unvollendet und unveröffentlicht. Einen ersten Erfolg erzielte sie mit ihrer Kurzgeschichte The Heroine, es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo, wo sie in Ruhe arbeiten konnte und erste Teile ihres grossen Erfolges Zwei Fremde im Zug schrieb. Patricia Highsmith starb am 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz. Sie hat 22 Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, unter anderem Zwei Fremde im Zug (1950; dt. 1967), Der Stümper (1954; dt. 1974), Der talentierte Mr. Ripley (1955; dt. 1961/1979), Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt (1966; dt. 1990/2013), Ripley under Ground ((1970; dt. 1972), Ripley’s Game (1974; dt. 1976), Ediths Tagebuch (1977; dt. 1980), Elsies Lebenslust (1986; dt. 1986).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
ISBN: 978-3257242034
Preis: EUR 9.99/ CHF 15.90

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Schöne weite Welt

Wenn ich mich in den sozialen Medien tummle, sehe ich überall Urlaubsbilder – sie fliegen mir direkt auf den Bildschirm, während ich gemütlich davor sitze. Sommer, Sonne, Strand, Meer. In alle Herrenländer sind die Menschen da draussen gereist – und ich war noch in fast keinem davon. Schon als ich noch ein Kind war, sind wir immer in die heimischen Berge in den Urlaub gefahren, nie ins Ausland. Klar, es war auch wirklich schön und mein Vater wurde nicht müde zu betonen, wie viel teurer Urlaub in der Schweiz sei als im Ausland und wie froh wir sein könnten, uns das leisten zu können. Und doch klangen die Urlaubsziele der anderen viel spannender, sie kamen mir wahnsinnig privilegiert vor im Vergleich mit mir.

Wenn ich sowas meinem Vater sagte, in der Hoffnung, er hätte ein Einsehen und wir führen wirklich auch mal weiter weg – flögen sogar – biss ich auf Granit. Bis in dem einen Jahr. Papa kam auf mich zu mit einem ganzen Stapel Kataloge auf dem Arm. Er sagte zu mir: „Such dir etwas aus, dann gehen wir dieses Jahr dahin in die Ferien.“

Stundenlang sass ich mit den ganzen Papierfluten da, blätterte mich durch Hotelanlagen, Strandbilder, Frühstücksbuffets und Himmelbetten, verglich Poolanlagen, Sonnenschirme, Hotelzimmer. Und ich wurde darüber ganz müde. Und sehr orientierungslos. Der Kopf drehte immer mehr, die Bilder verschwammen vor meinen Augen. Ich dachte an meine Freunde in den Bergen, mit denen ich jeden Sommer die wildesten Abenteuer erlebte, und da beschloss ich: „Wir sollten doch besser wieder in die Berge gehen. Ich konnte mir mich in so einer grossen Hotelanlage nicht vorstellen und hatte zudem keine Ahnung, was man da den ganzen Tag tun sollte.

Seit da hat sich nicht viel geändert. Zwar locken mich all die paradiesischen Bilder und ich denke mir beim Ansehen, wie toll es sein müsste, auch mal an so einen schönen Ort gehen zu können, Neues zu sehen, zu geniessen. Wenn es aber dann dazu kommt, dass ich wirklich hin könnte, müsste, dürfte, ändert alles schlagartig. Die Gedanken fangen an zu drehen: Was würde das bedeuten? Was, wenn es mir da dann doch nicht gefällt? Was, wenn ich wieder heim wollte und nicht könnte? Und was, wenn ich die vielen Menschen um mich nicht ertrüge? Was, wenn der ständige Zwang, etwas unternehmen zu müssen, da man ja schliesslich deswegen dort war, mich erschlüge? Ich, die ich doch meine Tage gerne in meiner Alltagsroutine mit Lesen und Schreiben verbringe, was natürlich auch an einem schönen neuen Ort möglich wäre mit der nötigen Ruhe und Zeit – nur: Gäbe es die dann dort?

Wenn diese Gedanken mal zur Ruhe kamen, war aber noch lange nicht fertig mit dem Gedankenkarussell, dann kam die Reise an die Reihe: Ich müsste Koffer packen. Was nähme ich da mit? Meine Erfahrung zeigte, dass ich immer das Falsche dabei hatte – vor allem bei dem, was wirklich zählt, bei den Büchern. Wie sollte ich zu Hause wissen, worauf ich im Urlaub Lust hätte? Und was, wenn eines der Bücher plötzlich ein Flop wäre? Oder zwei, oder drei, oder alle? Und: Wie viele Kleider bräuchte ich da und was für welche? Müsste noch mehr dringend mit, irgendwas hatte ich sicher gerade nicht im Kopf und würde es dann vermissen. Wäre der Koffer dann doch gepackt (mit mindestens 10 Büchern drin), müsste ich den zum Flughafen schleppen. Der Gedanke an die endlose Zugfahrt dahin liess meine Reisevorfreude schon nicht wirklich gross werden, doch was dann kam, war der Todesstoss: Endlose Warterei bis zur Kontrolle, welche das nächste Übel darstellte: Was, wenn die was fänden, was nicht in Ordnung wäre bei mir? Bei mir hatte es noch immer gepiept. Einmal untersuchten sie sogar meine Tasche auf Drogen. Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher und fühlte die Blicke der Umstehenden förmlich. Was die wohl dachten? Natürlich haben sie nichts gefunden, aber nur schon die Verdächtigung war mir unendlich peinlich. Dass dies Routine sei, konnte mich auch nicht wirklich von meiner Scham befreien.

Auch das wäre irgendwann überstanden, nur wäre dann das nächste Warten dran, bis ich einsteigen könnte. Natürlich könnte ich lesen oder schreiben in der Wartezeit, nur kann ich das leider nicht, da ich einerseits zu nervös und aufgeregt wäre, ein wenig Genervtheit käme dazu, und dann die vielen Menschen… die ich anschauen müsste, die mich in meiner Ruhe und Konzentration störten durch ihr blosses Vorhandensein. Es bliebe also ein Warten – und nur das. Endlos, aufreibend, anstrengend. Wäre das um, ginge es darum, das richtige Gate zu finden, da wieder anzustehen, innerlich betend, dass das Ticket auch wirklich in Ordnung wäre und das Foto im Pass mir genug gliche, dass sie mich auch wirklich in den Flieger liessen. Da hiesse es erneut: Warten. Wenn nicht noch ein Triebwerkschaden, ein Chaos auf den Pisten oder ein Übelkeitsanfall des Piloten dazwischen kam, wäre die Zeit überschaubar, ansonsten gefühlt endlos. Dann endlich der Start. Immerhin war ich nun unterwegs und das doch eine ganze Weile. Leider konnte ich nicht schlafen im Flugzeug, schreiben und lesen auch nicht – genau: Die Menschen und die Nervosität wegen all des Neuen, das da vor mir lag.

Schon im Flugzeug würden die Gedanken drehen: Ob mein Koffer wirklich mit dabei ist und am selben Ort wie ich ausstieg. Was, wenn er unterwegs verloren gegangen oder gar in ein falsches Flugzeug verfrachtet worden wäre? Was würde ich ohne Kleider und Bücher und andere persönliche Dinge machen in dieser langen Zeit in der Fremde? Sollte das klappen, wären da noch die Sicherheitsleute überall auf dem Flughafen. Was, wenn ich verdächtig aussähe? Was, wenn sie mich rauspickten, für nicht vertrauenswürdig hielten und wieder in den Flieger nach Hause setzten? Dann wäre alles bislang umsonst gewesen. Aber ja, ich könnte mir dann die Sorgen sparen, ob ich das Hotel finden würde und meine Reservation auch wirklich geklappt hätte. Was, wenn es kein Zimmer mehr für mich gäbe?

All die Gedanken mache ich mir ja aber nicht erst auf der Reise, sondern schon zu Hause, und spätestens an dem Punkt komme ich immer zum Schluss, dass ich vielleicht doch besser zu Hause bliebe und weiter Fotos am Computer anschaue.

Colum McCann: Briefe an junge Autoren

„Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand“, sagte Rilke vor über einem Jahrhundert in Briefe an einen jungen Dichter. „Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.“

Mit diesem Zitat eröffnet Colum McCann sein Buch und er stimmt Rilke zu. Nun mag man sich als Leser fragen, wieso er dann dieses Buch geschrieben hat. Er gesteht sogar kurz nach dieser Einführung ein, dass er mit der vorliegenden Zusammenstellung von Ratschlägen elend gescheitert sei, was aber nicht so tragisch ist, da er es „liebe, zu scheitern“.

Damit drückt er vielleicht etwas vom Wichtigsten aus, was ein (angehender) Autor wissen muss: Schreiben ist schwierig und nur dann, wenn man trotzdem immer wieder hinsitzt und schreibt, wird man ein Autor sein. Das Autorendasein ergibt sich nicht durch das Reden übers Schreiben, nur das Schreiben macht den Menschen zum Autoren. Und: In diesem kann er immer wieder scheitern.

„Verzweifeln Sie nicht. Schreiben Sie weiter. Bleiben Sie mit dem Hintern auf dem Stuhl sitzen. Bringen Sie Wörter auf die Seite. Tun Sie, was Sie lieben. Kämpfen Sie. Seien Sie beharrlich.“

In kurzen Absätzen schreibt McCann über die erste Zeile, den Schrecken der weissen Seite, die Erschaffung von Figuren und Dialogen – und vieles mehr. Und immer wieder die Aufforderung, zu schreiben. Viel zu schreiben. Und zu lesen, viel und Verschiedenes zu lesen, um dann wieder zu schreiben. Und beim Schreiben solle man mutig sein, nicht zu sehr an den Dingen hängen, wenn man merkt, dass sie nicht funktionieren. Es könne sein, dass man nach einem Jahr Arbeit und mehreren hundert Seiten merkt, man muss alles löschen und neu anfangen. Der Autor hat eine ganz grosse Aufgabe:

„Die Fähigkeit aufzubringen, an das Schwierige zu glauben. Zäh um die Erkenntnis zu ringen, dass Erfolg Zeit und Geduld braucht.“

Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Geschichtenerzählers über das Schreiben, – humorvoll, unterhaltsam, inspirierend. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award und den Rooney Prize for Irish Literature. Zum internationalen Bestsellerautor wurde er mit den Romanen «Der Tänzer» und «Zoli». Für den Roman «Die große Welt» erhielt er 2009 den National Book Award. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (19. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3499291401
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Lebenssinn?

Wird die Raupe je gefragt,
was sie im Leben will?
Ist einzig nur der Schmetterling
der Raupe ganzer Sinn?

Zählt Werden mehr,
als Sein je wird?
Wo geht man hin,
wenn man mal stirbt?

Kommt schliesslich dann das Paradies,
ist Leben hier nur leben bis?
Ist Streben das, was wirklich zählt?
Und wer hat dieses so gewählt?

Was ist genug,
was wird’s nie sein?
Bin ich speziell,
oder gemein?

Es drängt so manche Frag’ sich auf,
meist nimmt das Schicksal seinen Lauf,
bevor die Antwort sich dir zeigt,
und fast bin ich dazu geneigt,

zu sagen, dass das ständig Fragen,
zu nichts taugt in diesem Leben,
Denn die Antwort ist und bleibt:
„So ist es halt im Leben eben.“

©Sandra von Siebenthal

Von orangen Füssen und Käse

Orange erinnert mich an Käsefüsse. Nicht ein klein wenig riechende Füsse, sondern so richtig nach überreifem Käse, der so leicht vor sich hinmodert, stinkende. Verglichen mit einem Ton, wären sie der laute, anhaltende Schrei, welcher die Umgebung bis in die Tiefen erschüttert, wie durch Lautsprecher verstärkt, dröhnen sie und lassen alles erschauern.

Orange Käsefüsse sind keine drahtigen, knochigen Füsse, sondern richtig weichmütige, solche, in die man den Finger bohren kann und es bleibt noch lange eine Kuhle. Nur dass keiner einen Finger in solche stinkenden Füsse stecken möchte, aber das ist egal, würde es einer tun, wäre es genau so.

Ich mag keine Füsse. Ich finde Füsse eklig. Sie müssen nicht mal stinken, um eklig zu sein, es reicht schon, dass es Füsse sind. Füsse sind das am weitesten vom Kopf entfernten. Vielleicht bin ich zu stark Kopfmensch und die Füsse sind mir durch ihre Distanz zu fremd. Als Menschen neigen wir ja dazu, das uns Fremde zu verurteilen, zumindest verdächtig zu finden. Was so weit weg von uns ist, kann und ja nicht geheuer sein. Da kommt der Geruch solcher orangen Stinkefüsse gerade recht, bestätigt er doch die vorgefertigte Meinung von ekligen Füssen.

Komisch ist, dass ich Käse mag. Ich mag vor allem den rezenten Käse, den, der ein bisschen stinkt. Kinder sind da mehr geradeheraus und finden nicht, dass er ein bisschen stinkt, sondern dass er bestialisch stinkt und man ihn nicht unter der Nase durchbrächte, ohne einen üblen Brechreiz zu provozieren. Das verstehe ich nicht. Sie finden dann, der stinke wie Käsefüsse, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, finde ich Käsefüsse doch übelst, den Käse aber eine Delikatesse.
Es ist eine verkehrte Welt!

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: orange, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Ich backe mir meine Welt

Ich stellte die Musik an und ganz unerwartet und aus dem Nichts erschallte aus den Lautsprechern ein lautes Gitarrensolo und erschütterte den Raum. Ich erschrak und die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Die immer übellaunige Alte von unten stand schon an der Wohnungstür, hämmerte wie mit Eisenfäusten dran und schrie durch die verschlossene Tür Zetermordio. Schnell sprang ich auf, stellte leiser, öffnete die Tür und entschuldigte mich mit reumütiger Miene und einem Glas Honig als Wiedergutmachung.
„Du bist viel zu weichmütig“, sagte Urs und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das Wort gibt es nicht, dass heisst – wenn schon – gutmütig, und nein, das bin ich nicht. Ich will einfach keinen Ärger“, erwiderte ich.
„Das Wort habe ich grad gebacken, weil ich finde, dass es besser passt. Wer immer gleich nachgibt, wenn jemand etwas beanstandet, ist weichmütig.“
„Irgendwie finde ich weichmütig schön. Da steckt weich und mutig drin. Mut zur Weichheit, ich muss nicht verhärten. Ich mag so sein.“
„So kann dir aber jeder auf der Nase rumtanzen und du gehst bei Auseinandersetzungen leer aus. Und ich nun auch, denn das war mein Lieblingshonig.“
„Ach, du wolltest doch sowieso abnehmen, da passt das grad, wenn der Honig nicht mehr da ist. …und führe mich nicht in Versuchung…“
„Ich habe beschlossen, nun auch weichmütig zu sein. Mut zur Weichheit, ich brauche keinen stahlharten Bauch.“
„Du bäckst dir die Welt heute, wie sie dir gefällt….“
„Backen ist eine gute Idee, ich finde, du könntest mir einen Kuchen backen. Ein Hoch auf die Weichmütigkeit.“

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Dorothea Brande: Schriftsteller werden

Der Klassiker über das Schreiben und die Entwicklung zum Schriftsteller

„Ich bin der Überzeugung, dass das Schreiben von erzählender Literatur wichtig ist: Romane und Kurzgeschichten haben grosse Bedeutung in unserer Gesellschaft. Literatur ist für viele Leser die Quelle ihrer Weltanschauung – sie setzt ethische, soziale und materielle Normen Sie bestätigt Vorurteile des Lesers, oder sie öffnet seinen Geist und erweitert seine Welt.“

Dorothea Brande schrieb das vorliegende Buch 1934 und seit da gilt es als Klassiker. Es gibt viele Ratgeber, wie man den perfekten Roman schreiben könne, einige versprechen sogar, mit der Anleitung könne man das in einem Monat bewerkstelligen. Dorothe Brande sagt selber, dass sie in ihrer Zeit als Autorin viele solche Ratgeber gelesen habe, darüber, wie man Plots erstellt, Charaktere erfindet und vieles mehr. Sie geht mit ihrem Buch einen anderen Weg.

Wichtig ist, was einen Schriftsteller überhaupt zum Schriftsteller macht, die Antwort lautet: Er schreibt. Was so einfach klingt, ist es in Tat und Wahrheit aber nicht. Wie viel hält Schreibwillige oft von dem ab, was sie eigentlich tun wollen? Ganz verschiedene Ängste treten plötzlich auf und lassen zögern, blockieren gar. So sagt denn Brande auch:

„Zunächst einmal ist es schwer, überhaupt zu schreiben. Der unversiegbare Gedankenfluss, der erforderlich ist, wenn der Name eines Schriftstellers je bekannt werden soll, will einfach nicht in Ganz kommen. Die Schlussfolgerung, jemand, der nicht mit Leichtigkeit schreiben kann, habe seinen Beruf verfehlt, ist schlicht und einfach Unsinn.“

Die erste Aufgabe, die es also zu bewältigen gibt, ist, den eigenen Schreibfluss in Gang zu bringen. Brande gibt dazu Übungen an die Hand, welche helfen, die nötige Selbstdisziplin auf das eigene Schreiben zu entwickeln. Als weitere nötige Zugaben für ein gelingendes Leben als Schriftsteller nennt sie das Bewahren kindlicher Spontaneität und einen unschuldigen Blick, die Wahrnehmung, dass in allem, was uns begegnet, eine Geschichte liegt. Des Weiteren legt sie das Augenmerk auf das Zusammenspiel von Unbewusstem und Bewusstem im Schreibprozess, den Wert gezielter und analytischer Leseerfahrungen sowie das richtige Sehen im Alltag.

„Schriftsteller werden“ ist keine strukturierte Anleitung hin zu einem Roman, es ist ein Buch über die Entwicklung des Menschen hin zu dem, was er sein will: Schriftsteller. Brande schöpft dabei aus ihrer Erfahrung als Autorin und Lehrerin für Kreatives Schreiben, etwas, das es in den USA seit vielen Jahrzehnten gibt und was auch viele später erfolgreiche Autoren so gelernt haben, was in unseren Breitengraden noch immer eher stiefmütterlich behandelt wird und meist nur privat gelernt werden kann – von wenigen Ausnahmen mal abgesehen.

Fazit:
„Schriftsteller werden“ ist keine strukturierte Anleitung hin zu einem Roman, es ist ein Buch über die Entwicklung des Menschen hin zu dem, was er sein will: Schriftsteller. Inspirierend, gut lesbar und sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Dorothea Brande war ein bekannte Schriftstellerin und Redakteurin in New York. Sie studierte an der Universität in Chicago und an der University of Michigan. Ihr Buch Wake Up and Live erschien 1936 und verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal. Twentieth Century Fox machte 1937 ein Musical daraus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 140 Seiten
Verlag: Autorenhaus Verlag GmbH(30. August 2009)
ISBN-Nr.: 978-3866710696
Preis: EUR 12.90 / CHF 16.90

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Gutes Essen, schlechtes Essen

Ich erinnere mich, wie ich von der Schule heimkam und schon beim Öffnen der Tür den Geruch aus der Küche in der Nase hatte. Teilweise roch ich unser Essen schon, wenn ich die Treppen hochstieg. Wir wohnten im fünften Stock und so waren es viele Treppenstufen, auf denen ich den Geruch in der Nase hatte. Zwar gab es in dem Haus einen Lift, doch den durfte ich nicht benutzen, weil Mama fand, das sei zu gefährlich für mich alleine. Ich verstand das zwar nicht, doch ich hielt mich immer daran. Überhaupt hielt ich mich meist an solche Ge- und Verbote, die einfach ausgesprochen wurden, ohne dass ich sie verstanden hätte. Darüber zu diskutieren, das hatte ich schnell gelernt, brachte nichts, denn sie waren, wenn ausgesprochen, quasi in Stein gemeisselt.

Ich wusste immer, dass der Geruch nach Essen im Treppenhaus von uns kam, da es sonst selten aus Wohnungen heraus nach Gekochtem roch. Parfumwolken, Waschmittel, Raumdüfte, Müffeliges war alles da, aber kein Essen. Papa sagte oft, dass in anderen Familien nicht wie bei uns gekocht würde mittags. Da gäbe es dann nur Brot und Käse, die Küche bliebe kalt. Bei ihm klang das immer so, als ob das etwas Schlechtes wäre. Das habe ich nie verstanden, da ich Brot und Käse liebte und es gerne öfters gegessen hätte. Ob es wohl eine Hierarchie von Mahlzeiten gab, fragte ich mich dann. Gab es Mahlzeiten, die etwas taugten auf der einen Seite, solche, über die man die Nase rümpfte, auf der anderen? Und wer bestimmte, was auf welche Seite kam? Es kam mir ein bisschen vor wie bei Aschenputtel, welches die Erbsen sortieren musste. Ich traute mich nicht, das meinen Vater zu fragen. Es wäre sicher eine dumme Frage gewesen und ich konnte seinen abschätzigen Blick, den er für solche Fragen hatte, förmlich vor mir sehen. Die Vorstellung davon reichte mir durchaus.

Oft, wenn ich durch die Tür in unsere Wohnung kam, rief ich noch in der offenen Tür laut „Hallo!! Gibt es Suppe heute?“ Irgendwie fand ich oft, dass es nach Suppe roch, die ich eigentlich nicht wirklich mochte. Was ich aber an der Suppe mochte, war, dass es nach dem Teller Suppe den ich immer essen musste, Siedfleisch, Käse und Brot gab. Das liebte ich. Meistens hatte ich nach dem grossen Teller Suppe zwar keinen wirklichen Hunger mehr, aber ich ass es doch mit Genuss. Schliesslich, so dachte ich, hatte ich mich durch die Suppe gekämpft, da konnte ich nicht aufhören, wenn das Gute kam.

Irgendwann sagte mir Papa, ich dürfe nicht mehr schon in der offenen Tür rufen, ob es Suppe gäbe. „Sonst denken alle im Haus, dass es bei uns immer Suppe gibt.“ Ich verstand das Problem dabei nicht. Das musste wieder mit dieser Essenshierarchie zu tun haben. Auf alle Fälle rief ich ab da nicht mehr noch halb im Hausflur stehend in die Küche hinein. Ich kam nur noch still rein, hängte meine Jacke an die Garderobe, die gleich vis-a-vis von der Wohnungstür stand, stellte den Schulranzen sorgsam in die zweite Garderobe neben der Eingangstür. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Kleider, Schuhe oder Schulranzen einfach so hinzuwerfen. Das hätte Papa mit kritischem Blick und ebensolchen Worten beanstandet. Ich wagte es nicht, diese strafenden Worte herauszufordern. Nicht, dass er mich je mit Prügeln oder ähnlichem gestraft hätte, der Blick und die Worte, dieses offensichtliche Missfallen, waren mir Strafe genug und ich versuchte tunlichst, beides zu vermeiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns beim Hereinkommen je umarmt hätten. Wenn ich mich ausgezogen hatte und in die Küche lief, hiess es immer, dass ich mich gleich hinsetzen solle, weil das Essen bald fertig sei. Ich habe mich selten wirklich auf das Mittagessen gefreut, da ich oft keinen Hunger hatte oder aber es Dinge gab, die ich nicht mochte. Und immer gab es zu viel von allem, vor allem von dem, was ich nicht mochte. Meine Eltern schöpften für mich und ich musste den Teller leer essen. Bevor nicht alles weg war, durfte ich nicht aufstehen. Erstens sei alles gesund, hiess es, und zweitens bräuchte ich das, um genügend Kraft für den Nachmittag zu haben.

Meistens schaffte ich es in nützlicher Frist, dass ich mit meinen Eltern oder unwesentlich später fertig war und endlich vom Tisch konnte. Doch es gab auch Essen, bei denen alle weg waren und nur ich noch alleine am Esstisch sass. Zuerst hörte ich dann, wie meine Mutter das Geschirr spülte, dann kam sie mit genervtem und fast schon verächtlichem Blick aus der Küche, schimpfte nochmals mit mir wegen meines ungezogenen verhaltens und ging dann an mir vorbei, um Dinge zu erledigen, die dringend getan werden mussten. Alles schien in dem Moment wichtiger, als mir wenigstens Gesellschaft zu leisten bei meiner Sitztortur. Vielleicht dachte sie, das wäre sonst mehr Belohnung, wo es doch die Strafe des Alleinseins sein musste, die ich offensichtlich verdient hatte.

Es gab aber auch Mittagessen, die wollten und wollten nicht enden. Ich erinnere mich an ein Mal, als es Lebern gab. Das war neben Kutteln das Essen, das ich am wenigsten mochte. Wenn ich diesen grässlichen Geschmack im Mund hatte, würgte es mich regelrecht, so dass ich das Gefühl hatte, ich müsse alles wieder von mir geben. Ich versuchte so zu kauen, dass ich möglichst wenig vom Geschmack mitkriegte, und wenn dann doch plötzlich eine Geschmackswelle durch mich hindurch ging, schüttelte es mich. „Nun stell dich nicht so an!“, schimpfte Papa mit missbilligendem Blick. „Wir geben uns immer solche Mühe, für dich etwas Anständiges auf den Tisch zu bringen. Andere Eltern machen es sich einfach und tischen Brot und Käse auf.“

Wie gerne wäre ich in dem Moment bei den anderen am Tisch gesessen. Aber ich sass hier und das an dem Tag lange. Es wurde eins, halb zwei, zwei. Ich langweilte mich fürchterlich. Die Vorstellung, die Lebern doch noch zu essen, die nun zu allem Übel auch noch kalt und damit noch ekliger waren, liess mich erschauern und ich schüttelte mich. Doch, was blieb mir anderes übrig?

Irgendwann ging meine Mutter ins Bügelzimmer, mein Papa war schon zur Arbeit gefahren. Da kam mir die Idee. ich könnte die Lebern in einem der grossen Blumentöpfe vergraben. Schnell machte ich mich an die Arbeit, nicht dass meine Mutter plötzlich dastünde und mich bei meinem Tun ertappte. Mein Herz schlug bis zum Hals, meine Hände zitterten, so dass ich mein Vorhaben fast nicht in Tat umsetzen konnte. Schliesslich gelang es mir doch. Ich rief meiner Mutter durch die Wohnung zu, dass ich nun fertig sei. „Siehst du, ging doch, war doch gar nicht so schlimm.“ Ich nickte stumm. Und ich fühlte mich gar nicht stolz, sondern schlecht. Ich schämte mich.

Irgendwann sassen wir wieder gemeinsam am Mittagstisch, meine Mutter zeigte auf einen der Blumentöpfe und sagte zu meinem Vater: „Schau, die Pflanze, die immer kränkelte, die ich fast fortgeworfen hätte – nun hat sie neue Triebe.“ Mein Vater interessierte sich nicht für die vielen Pflanzen bei uns, er fand im Gegenteil, es wären sowieso zu viele.

ich lächelte nur und dachte an mein kleines Abenteuer zurück. Es fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so schlimm an. Meine Mutter sollte allerdings viele Jahre nicht erfahren, was sich damals zugetragen hatte.