Die Pfauen der Grossstadt

Ein Bahnhof in Zürich. Heimreisependler stehen sich die Füsse platt. Es ist heiss, alle schwitzen, alle sind müde. Alle drehen in ihrem Universum. Sie lesen Gratiszeitungen, tippen auf dem Handy, hören Musik. Und mitten drin liegt ein Mann. Einfach so am Boden. Der Kopf ist hochrot, Schweissperlen auf der Stirn. Aber das sehen die anderen nicht. Ihr Blick ist gebannt. Und wenn sie es sehen, dann nur aus den Augenwinkeln, genauer hinzuschauen, erlaubt sich keiner, denn: Würde man sehen, dass er was gesehen hätte, müsste er helfen. Und das scheint keiner zu wollen.

Ein Mann steht auf dem Perron. Auf einem anderen. Er sieht den Liegenden und all die Menschen in ihren eigenen Universen. Er läuft unter den Gleisen durch, kommt zum liegenden Mann. Noch immer liegt er alleine da. Noch immer kümmert sich niemand. Noch immer schaut keiner hin. Schauen alle bemüht weg.

Der Helfer kühlt mit dem vorhandenen Wasser das Gesicht des Liegenden, lagert ihn entsprechend, dann kommt endlich die Bahnpolizei, kurz darauf dann auch der alarmierte Notarzt.

Nun schauen alle hin. Sie verändern sogar die Position, um besser sehen zu können. Schliesslich hat man dann später was zu erzählen. Man war dabei, man war Zeuge. Man wird spannend und kann sich mit einer Situation brüsten. Beim gepflegten Weisswein in der angesagten Gartenbeiz.

So funktioniert das Leben in der heutigen Zeit: Ein Dummer findet sich immer, der rennt, der Rest knüpft sich die Federn ans Hemd.

Für all die, welche keine Federn wollen, sondern als Dumme rennen (ist auch gut für die eigene Fitness):

Sonnenstich: Erste-Hilfe auf einen Blick

  • Wenn der Betroffene noch beweglich ist: an einen kühlen, schattigen Ort bringen
  • Mit leicht erhöhtem Kopf und Oberkörper lagern
  • kalte Umschläge auf Kopf, und Nacken – notfalls auch sachte Wasser an die Stellen giessen
  • Nicht allein lassen und beruhigen
  • Wenn kein Brechreiz besteht, langsam Flüssigkeit zuführen

10 Kommentare zu „Die Pfauen der Grossstadt

    1. Die meisten gehen. Leider. Und haben dann Entschuldigungen „Man weiss ja nie“, „ich traute ich nicht“, etc… ich bin klein, schmal, ich geh hin. Und ja, die Gedanken mach ich mir auch, aber: Wenn ich Not sehe, gibt es kein Halten.

      Gefällt 4 Personen

  1. Helfen kann Lebenswichtig sein & und es erfordert oft nur einen kleinen Schritt / Leider werden in solchen Situationen die vermeintlichen Helden nur zu Gaffern / sehr traurig.

    Gefällt 4 Personen

  2. Wunderbar beschrieben,
    Sandra,

    … die Pfauen, die sich «die Federn ans Hemd» knüpfen!

    Es ist tragisch, aber es ist ein Auswuchs unserer Zeit, dieses Wegschauen, dieses sich ja für nichts verantwortlich fühlen. Schlimm ist das!

    Der Abschuss wäre ja gewesen, wenn diese nichthelfenden Pfauen die HandyCam auf den Liegenden gerichtet hätten, als Hilfe ankam. Doch so viel Menschenverachtung war nun glücklicherweise doch nicht vorhanden.

    Dennoch.
    Es ist eine Tatsache, dass Entfremdung sich verbreitet und dass die Menschen keine Empathie mehr haben und zeigen können. «Die Pfauen der Grossstadt», eine wirklich treffende Bezeichnung und Beschreibung dieser schrecklichen Entwicklung.

    DANKE! Liebe Grüße bT!NA

    Gefällt 2 Personen

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