Mitmenschlichkeit statt Menschlichkeit

Warum das Humane erst zwischen Menschen beginnt

Manchmal irritieren mich Wörter gerade dort, wo sie am selbstverständlichsten klingen. „Menschlichkeit“ ist so ein Wort. Es taucht zuverlässig auf, wenn etwas zerbricht: nach Katastrophen, nach Anschlägen, angesichts von Krieg, Armut, Flucht, Gewalt. Dann wird nach Menschlichkeit gerufen, und meistens versteht man sofort, was gemeint ist. Mehr Güte. Mehr Anstand. Mehr Rücksicht. Mehr Wärme. Mehr Bereitschaft, im anderen nicht zuerst die Last, die Zahl, den Fall, das Problem zu sehen, sondern den Menschen.

Und doch bleibt in diesem Wort ein Unbehagen. Denn es verspricht mehr Klarheit, als es hält. Menschlichkeit klingt, als sei im Menschen selbst bereits angelegt, was ihn moralisch auszeichnet. Als müssten wir nur zu uns kommen, um gut zu werden. Als gäbe es einen Kern des Humanen, den man freilegen könnte, wenn nur die Verrohung, die Angst, die Ideologie, die Gier nicht wären. Aber so einfach ist es nicht. Denn auch das Grausame ist menschlich. Nicht im normativen Sinn, nicht in dem Sinn, in dem wir es gutheissen würden. Aber doch in dem schlichten, verstörenden Sinn, dass es von Menschen getan wird. Kriege, Folter, Vertreibungen, Erniedrigungen, Ausbeutung, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer: All dies fällt nicht vom Himmel. Es wird geplant, verwaltet, gerechtfertigt, ausgeführt. Von Menschen.

Wenn wir solche Taten „unmenschlich“ nennen, sagen wir deshalb weniger etwas über ihre Herkunft als über unseren Einspruch. Wir sagen: So sollte ein Mensch nicht handeln. So darf er nicht handeln. So verrät er das, was wir mit dem Menschlichen verbinden möchten. Das Wort „unmenschlich“ ist also kein Gegenbegriff zum Menschen, sondern ein moralischer Protest gegen Möglichkeiten, die im Menschen selbst liegen. Gerade darum reicht der Ruf nach Menschlichkeit nicht aus. Er bleibt zu allgemein, zu unbestimmt, vielleicht auch zu sehr an einem Bild des Menschen orientiert, das sich selbst schon für die Lösung hält.

Menschlichkeit denkt häufig vom Ich her. Vom einzelnen Menschen, seinen Bedürfnissen, seinen Rechten, seiner Würde, seiner Verletzlichkeit. Das ist historisch von unschätzbarer Bedeutung. Ohne diesen Blick gäbe es keine Idee der Menschenrechte, keinen Schutz des Einzelnen vor Willkür, keinen Einspruch gegen Erniedrigung und Instrumentalisierung. Der Mensch darf nicht bloss Mittel sein, nicht bloss Funktion, nicht bloss Teil einer Masse. In diesem Sinn bleibt der Begriff der Menschlichkeit unverzichtbar.

Aber gerade seine Stärke wird zur Grenze, wenn er beim Einzelnen stehen bleibt. Denn das Ich ist nie einfach nur Ich. Es ist von Anfang an in Beziehungen verstrickt, abhängig von anderen, angesprochen durch andere, verwundet durch andere, getragen durch andere. Es lernt sprechen, weil andere zu ihm sprechen. Es gewinnt Selbstvertrauen, weil andere ihm zutrauen, jemand zu sein. Es erfährt Beschämung, Ausschluss, Anerkennung, Liebe, Missachtung nicht im luftleeren Raum, sondern in einem sozialen Geflecht. Kein Mensch ist zuerst souveränes Einzelwesen und tritt danach gelegentlich in Beziehung. Wir sind immer schon Mitmenschen.

Darum scheint mir der Begriff der Mitmenschlichkeit genauer zu sein als der der Menschlichkeit. Nicht, weil Menschlichkeit falsch wäre, sondern weil sie ergänzt, verschoben, vielleicht sogar korrigiert werden muss. Mitmenschlichkeit denkt das Ich nicht als Ursprung, sondern als Antwort. Sie fragt nicht nur: Was braucht der Mensch? Sondern: Was geschieht zwischen Menschen? Wie sehen wir einander? Wie sprechen wir einander an? Welche Welt bauen wir, wenn wir handeln, urteilen, ausschliessen, helfen, schweigen?

In einer Gegenwart, die das Einzelne, Besondere und Unverwechselbare so stark betont, wird diese Verschiebung besonders wichtig. Andreas Reckwitz hat mit seiner Diagnose der „Gesellschaft der Singularitäten“ beschrieben, wie sehr die spätmoderne Kultur auf Besonderheit ausgerichtet ist. Menschen sollen nicht einfach leben, sondern ein eigenes Leben führen, ein unverwechselbares und authentisches Leben. Sie sollen sich entwerfen, kuratieren, sichtbar machen. Das Ich wird zum Projekt. Es fragt: Wer bin ich? Was passt zu mir? Wo komme ich vor? Wie werde ich gesehen?

Diese Fragen sind nicht falsch, sie können befreiend sein, vor allem dort, wo alte Ordnungen Menschen in starre Rollen gepresst haben, aber sie haben auch ihre Gefahren. Selbst das Gute kann in eine Logik der Selbstbeschreibung geraten. Man zeigt sich betroffen, sensibel, engagiert, offen. Man positioniert sich. Man reagiert. Man empfindet. Doch der Andere kann dabei unmerklich zum Anlass werden: Anlass meiner Empörung, meiner Anteilnahme, meiner moralischen Selbstvergewisserung. Er tritt nicht wirklich als Du auf, sondern als Spiegel meines eigenen Selbstverhältnisses.

Vielleicht ist das eine der stilleren Gefahren unserer Gegenwart: dass selbst Moral singularisiert wird. Dass Menschlichkeit zu einer Eigenschaft wird, die ich habe, zeige, kultiviere. Mitmenschlichkeit hingegen beginnt erst dort, wo der andere nicht in mein Selbstbild eingeht, sondern es unterbricht. Diese Unterbrechung finden wir bei Emmanuel Levinas. Der andere begegnet mir nicht zuerst als Objekt meiner Erkenntnis, als Vertreter einer Gruppe oderjemand, den ich nach meinen Kategorien erfasse. Er begegnet mir im Antlitz. Dieses Antlitz ist bei Levinas nicht einfach das Gesicht im physiognomischen Sinn, es ist der Ausdruck einer Verletzlichkeit und eines Anspruchs, der mich betrifft, bevor ich mich entschieden habe, betroffen zu sein. Der andere steht vor mir und sagt, ohne es notwendig auszusprechen: Du sollst mich nicht vernichten. Du bist mir verantwortlich.

Das ist eine unbequeme Ethik, weil sie das Ich entthront. Sie lässt mir nicht die angenehme Vorstellung, ich sei zunächst frei und souverän und könne mich dann grosszügig für den anderen öffnen. Levinas denkt radikaler: Ich bin schon angesprochen, schon verpflichtet und aus meiner Selbstgenügsamkeit herausgerufen. Mitmenschlichkeit ist in diesem Sinn nicht die moralische Leistung eines besonders guten Menschen, sie ist die Anerkennung einer Verantwortung, die meinem Selbstentwurf vorausgeht.

Diese Einsicht verändert den Blick auf viele gesellschaftliche Konflikte, denn oft beginnt die Gewalt nicht erst dort, wo zugeschlagen, abgeschoben, beleidigt, ausgegrenzt oder entrechtet wird, sondern früher, in einer Verschiebung der Wahrnehmung. Der andere erscheint nicht mehr als Antlitz, sondern als Kategorie: er ist Migrant, Asozialer, Alte, Arbeitslose, Fremder, Rechter oder Linke, Belastung, Gefahr oder Konkurrenz. Sobald das geschieht, wird das Verhältnis dünner. Der andere steht mir nicht mehr gegenüber; er wird eingeordnet. Und was eingeordnet ist, muss nicht mehr in derselben Weise antwortend wahrgenommen werden.

Martin Bubers schreibt, dass das Ich nicht unabnhängig von seinen Beziehungen existiert. Damit gibt es nicht einfach das Ich, das dann auf ein Du trifft, es entsteht immer wieder neu in jedem Verhältnis zu einem du. Nur als Du kann das passieren, wenn ich kategorisiere, entpersonalisiere ich, aus dem Du wird ein Es und dieses führt zu einer Verarmung.

Mitmenschlichkeit im Sinne Bubers verlangt darum nicht, dass wir alle einander nahestehen. Das wäre sentimental und unmöglich. Sie verlangt aber, dass der andere nicht vollständig in seiner Funktion aufgeht. Nicht in seiner Nützlichkeit, nicht in seiner Herkunft, nicht in seiner Leistung, nicht in seiner Störung. Er verdient eine Anerkennung, die sagt: Du bist Teil derselben Welt, auch wenn ich dich nicht verstehe, auch wenn du mich irritierst, auch wenn wir streiten. Ricoeur führt diesen Gedanken weiter und weist über die moralische Gesinnung hinaus. Nach ihm ist Mitmenschlichkeit ist nicht nur eine Frage des guten Herzens, sondern auch eine Frage der Strukturen. Sie braucht Institutionen, in denen Menschen nicht bloss verwaltet, sondern anerkannt werden. Nicht bloss versorgt, sondern gehört. Nicht bloss toleriert, sondern als Mitgestaltende ernst genommen.

Es ist wichtig, dass eine Welt, die nur für einige bewohnbar ist, keine gemeinsame Welt ist. Um sie zu einer solchen zu machen, bedarf es einer Liebe zur Welt und zu den Menschen, im Wissen auch, dass wir selbst nur in einer solchen Welt wirklich als Menschen gedeihen können. Mitmenschlichkeit bedeutet, den anderen nicht nur als Menschen im abstrakten Sinn an, sondern als Mitbewohner dieser Welt anzuerkennen, als jemanden, dessen Erscheinen, Sprechen und Handeln für die Welt Bedeutung hat. Das ist mehr als Toleranz. Toleranz kann aus der Position der Überlegenheit gewährt werden, Mitmenschlichkeit geht weiter. Sie weiss, dass auch mein eigenes Sein nicht ohne den anderen zu denken ist, dass die Welt nicht mein Besitz ist, und Freiheit nicht darin besteht, unberührt zu bleiben, sondern in einer gemeinsamen Welt handeln zu können.

Mitmenschlichkeit ist eng mit Gerechtigkeit verbunden. Sie bleibt nicht beim guten Willen stehen. Sie fragt nach den Bedingungen, unter denen Menschen einander überhaupt als Mitmenschen begegnen können. Plötzlich ist Armut nicht nur Mangel an Geld, sondern bedeutet auch Mangel an Anerkennung, an Stimme, an Zukunft, an Selbstverständlichkeit. Man erkennt, dass Klassismus nicht nur durch materielle Ungleichheit wirkt, sondern durch Blicke, Erwartungen, Codes, Räume, in denen manche sich selbstverständlich bewegen und andere spüren, dass sie nicht gemeint sind. Eine mitmenschliche Gesellschaft nimmt solche unsichtbaren Grenzen wahr. Sie fragt, wer in der gemeinsamen Welt tatsächlich erscheinen darf und wer nur als Problem auftaucht.

Hier zeigt sich erneut, weshalb Menschlichkeit allein zu schwach bleibt. Sie appelliert an das Gute im Einzelnen. Mitmenschlichkeit dagegen verändert die Perspektive auf das Ganze. Sie fragt nicht nur, ob Menschen hilfsbereit sind, sondern ob die Welt so eingerichtet ist, dass Hilfe nicht zur dauernden Ersatzform für Gerechtigkeit wird. Sie fragt nicht nur, ob wir Mitleid empfinden, sondern ob wir Verhältnisse schaffen, in denen Menschen nicht auf Mitleid angewiesen sind. Sie fragt nicht nur, ob wir den anderen sehen, sondern ob er auch sprechen kann.

Hier zeigt sich der tiefste Unterschied deutlich: Menschlichkeit geht vom Ich aus, Mitmenschlichkeit beginnt im Zwischen, dort, wo ich merke, dass mein Leben nicht nur meines ist, dass meine Freiheit andere voraussetzt, dass meine Sicherheit nicht unschuldig ist, wenn sie auf der Unsicherheit anderer ruht und meine Welt kleiner wird, wenn andere aus ihr herausfallen.

Mitmenschlichkeit statt Menschlichkeit bedeutet eine Vertiefung des Humanismus. Es reicht nicht zu sagen, der Mensch habe Würde, diese Würde muss erfahrbar werden. Es reicht nicht zu sagen, alle Menschen seien gleich, diese Gleichheit muss in Zugängen, Stimmen, Rechten und Anerkennung Gestalt gewinnen. Es reicht nicht zu sagen, wir seien alle Menschen, entscheidend ist, ob wir einander als Mitmenschen begegnen. Eine bewohnbare Welt entsteht nicht dadurch, dass jeder für sich menschlich sein will, sie entsteht dort, wo Menschen begreifen, dass sie einander Welt schulden: Räume des Erscheinens, der Zugehörigkeit, des Schutzes, des Streits, der Anerkennung. Diese Räume können wir nur gemeinsam schaffen.

Gedankensplitter: «Jeder ist jemand.»

Der Schriftsteller George Tabori sagte einst:

«Jeder ist jemand.»

In diesem Satz steckt eigentlich die ganze Menschlichkeit, die ganze Ethik, derer es für ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen Menschen als Gleiche bedürfte. Jeder Mensch, egal, woher er kommt, was er glaubt, was er fühlt, wie er aussieht, was er will und was er braucht oder nicht kann, ist jemand. Und als dieser Jemand gehört er zu uns, ist er ein Teil dieses «Uns». Er ist zwar ein anderer, vielleicht auch ein Fremder, aber kein Ausgestossener, sondern ein Zugehöriger. 

Früher hat man diese Gemeinschaft in religiösen Gruppen, familiären Verbänden oder auch in anderen kleinen Organisationn aktiv leben können. Man hatte den öffentlichen Raum als Zusammenkunftsort, wo man als Verschiedene aufeinandertraf und die gemeinsamen Belange diskutierte. All das ist in der angestammten Form weggefallen. Geblieben sind vereinzelte Individuen, die auf dem Papier eine Gesellschaft bilden, von der sie sich mehr und mehr emanzipieren wollen – und dabei in die Haltlosigkeit und oft auch in die Einsamkeit fallen. 

Wenn wir nur schon anerkennen könnten, dass jeder jemand ist, dass er damit den Respekt verdient, den wir für uns selbst wünschen, weil auch wir jemand sind und als jemand wahrgenommen werden wollen, ist schon viel gewonnen. Den anderen wahrnehmen als jemanden, ihm zuhören, ihn sehen als dieser Jemand. Das ist ein Geschenk und wir sollten grosszügig damit umgehen. 


Um welches Leben darf man sich kümmern?

Ich habe heute mehrfach gelesen, dass nun überall über die eingeschlossenen Jungen in Thailand geschrieben werde, die Flüchtlinge, die seit Jahren täglich umkommen, seien kein Thema und stürben unbemerkt. Waren es erst nur Einzeiler, dann ganze Artikel, kamen am Schluss sogar Gedichte und zynische und sarkastische Bemerkungen. Alles vor dem Hintergrund, dass man Unmenschlichkeit und Ignoranz anprangern will.

Abgesehen davon, dass ich praktisch täglich Meldungen über Flüchtlinge und ihr sinnloses Sterben auf ihrer Reise in deine hoffnungsvollere Zukunft lese, stellt sich mir die Frage, wieso man zwei Fälle von Leid in einen Topf wirft und dann die eigene Ansicht, wie gewichtet werden müsste, zum Anlass nimmt, eine Hierarchie des Leidens herauszubilden.

Das Argument bei den Meldungen war oft, dass man durch die Berichterstattung Menschenleben gewichte. Das der thailändischen Jungen offensichtlich – so die vertretene Meinung – höher als das der Flüchtlinge. Nun finde ich aber, dass genau durch diese Argumentation Menschenleben gewichtet wird. Und das aufgrund einer Momentaufnahme. In Thailand sitzen nicht seit Jahren permanent immer wieder neue Jugendliche in einer Höhle gefangen, die man nun retten muss. Es ist ein aktuelles und akutes Unglück, ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Drama um die Flüchtlinge ist eine über Jahre, gar Jahrzehnte dauernde Geschichte, die immer wieder thematisiert wird, werden muss (als kategorischer Imperativ gemeint).

Nun dahin zu gehen und die beiden Fälle zu vermischen, zeugt in meinen Augen nicht von Menschlichkeit, nicht von Mitgefühl. Es ist eine buchhalterische Behandlung von Menschenleben. Das gefällt mir nicht.

Leben in den sozialen Medien

Ich war eine lange Zeit sehr aktiv in den sozialen Medien unterwegs. Vor allem auf Facebook. Das tat nicht immer gut. Ich bin ein Mensch, der hinschaut, tief geht. Das ist nicht immer gewünscht. Ich bin ein Mensch, dem alles sehr nahe geht, der sich Dinge zu Herzen nimmt. Darunter litt ich sehr. Ich durfte nicht einfach sagen, was ich fühle, ich musste es filtern, da es taxiert wurde. Und verurteilt. Ich merkte oft: Man sucht fast nach Fehlern bei andern und drückt den Daumen rein. Und: Mir gingen all die Schicksale nah, die ich las. Ich nahm Anteil. Und merkte: Viele produzieren sogar ihr so genanntes Leid medienwirksam. Es geht nicht um ein Miteinander, um Mitgefühl, es geht um Likes.

Ich habe mir dann eine Auszeit genommen bei Facebook. Das war für mich das grösste Haifischbecken. Instagram ist viel Schein, aber selten Angriff. Twitter ist kurz und knapp, man kann alles mit der Zeichenzahl begründen oder entschuldigen. Facebook ist gnadenlos. Da leben sie sich aus. Ich mochte Facebook lange. Aber ich merkte, es tat mir nicht gut. Drum diese Nachricht:

Ich war eine Woche raus aus FB. Man glaubt es kaum. Es ging gut. Und es fiel wohl gar nicht vielen auf. Das ist gut. Ich gehe nicht ganz raus aus FB, aber ich werde kürzer treten. Und: Da ich hier freiwillig und zum Spass bin, lösche ich in Zukunft alles, was mir nicht gut tut. Wer nun was von Filterbubble babbeln will, darf sich gerne löschen. Ich mag kontroverse Diskussionen, aber keine Oberlehrer (ich habe zum Glück einen Schulabschluss und meiner reicht mir). Ich mag Kunst, aber es ist nicht alles Kunst, was sich solche schimpft und die Freiheit hat da wie überall eine Grenze, nämlich die, wenn die Freiheit anderer begrenzt wird. Ich mag keine Rassisten, keine Diskriminierer, keine Menschenverachter und keine ach so Lustigen, die auf alles einen doofen Kommentar haben. Ich suche hier keinen Mann, keiner muss sich fragen, wo ich die Zeit für das hernehme, das zu tun, was ich tue, ich werde auch nicht offenlegen, was ich dabei verdiene und wieso.

Ach ja: Den Witz, ob ich aus meinen Yogastellungen wieder raus komme, den hörte ich schon einige Male. Er ist weder originell noch lustig. Ich steh nicht so auf Dummheit und plakative Witze. Wenn jemand meint, sagen zu müssen, dass das schmerzen müsse, muss ich gestehen, dass ich wohl im Leben vieles tat, das schmerzte, wie wohl jeder Mensch. Für ein Foto in den sozialen Medien würde ich keine Schmerzen eingehen. Wozu? Einige verbiegen sich, um die Erwartungen anderer oder des täglichen Lebens zu erfüllen, ich tue es auf der Matte. Ich könnte das andere nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich es nicht muss.

Wer sich nun fragt, wieso ich das alles schreibe? Es hat klar Gründe. Wie sagte schon Heidegger in seiner Schrift „Der Satz vom Grund“:

„Nichts ist ohne Grund“

Ich werde mir kein dickeres Fell zulegen (wurde mir oft geraten), ich stehe zu meinen Schwächen und Problemen (ich bin kein Einhorn, ich bin ein Mensch), ich muss mich hier nicht anpissen lassen – wozu? Dazu gibt es das Leben, das tut es schon gut. Man sollte sich daneben Räume schaffen, die gut tun.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Aber: Sie sind eigentlich nicht wichtig. Menschen, die an mir als Menschen interessiert sind, die möchte ich nicht verlieren. Davon gibt es einige auf Facebook. Und: Sie mag sie als Menschen und nehme Anteil. Und das möchte ich weiter tun können. Der Rest hat sicher genug Plattformen, sich zu produzieren. Vermutlich geht es bei den sozialen Medien im Grunde darum. Ich suche Menschen. Und Menschlichkeit. Ich habe wenige Mittel, etwas in der Welt zu verändern. Ich kann nur im Kleinen anfangen.

Die Pfauen der Grossstadt

Ein Bahnhof in Zürich. Heimreisependler stehen sich die Füsse platt. Es ist heiss, alle schwitzen, alle sind müde. Alle drehen in ihrem Universum. Sie lesen Gratiszeitungen, tippen auf dem Handy, hören Musik. Und mitten drin liegt ein Mann. Einfach so am Boden. Der Kopf ist hochrot, Schweissperlen auf der Stirn. Aber das sehen die anderen nicht. Ihr Blick ist gebannt. Und wenn sie es sehen, dann nur aus den Augenwinkeln, genauer hinzuschauen, erlaubt sich keiner, denn: Würde man sehen, dass er was gesehen hätte, müsste er helfen. Und das scheint keiner zu wollen.

Ein Mann steht auf dem Perron. Auf einem anderen. Er sieht den Liegenden und all die Menschen in ihren eigenen Universen. Er läuft unter den Gleisen durch, kommt zum liegenden Mann. Noch immer liegt er alleine da. Noch immer kümmert sich niemand. Noch immer schaut keiner hin. Schauen alle bemüht weg.

Der Helfer kühlt mit dem vorhandenen Wasser das Gesicht des Liegenden, lagert ihn entsprechend, dann kommt endlich die Bahnpolizei, kurz darauf dann auch der alarmierte Notarzt.

Nun schauen alle hin. Sie verändern sogar die Position, um besser sehen zu können. Schliesslich hat man dann später was zu erzählen. Man war dabei, man war Zeuge. Man wird spannend und kann sich mit einer Situation brüsten. Beim gepflegten Weisswein in der angesagten Gartenbeiz.

So funktioniert das Leben in der heutigen Zeit: Ein Dummer findet sich immer, der rennt, der Rest knüpft sich die Federn ans Hemd.

Für all die, welche keine Federn wollen, sondern als Dumme rennen (ist auch gut für die eigene Fitness):

Sonnenstich: Erste-Hilfe auf einen Blick

  • Wenn der Betroffene noch beweglich ist: an einen kühlen, schattigen Ort bringen
  • Mit leicht erhöhtem Kopf und Oberkörper lagern
  • kalte Umschläge auf Kopf, und Nacken – notfalls auch sachte Wasser an die Stellen giessen
  • Nicht allein lassen und beruhigen
  • Wenn kein Brechreiz besteht, langsam Flüssigkeit zuführen

Erweichen Schreckensbilder Herzen von Ignoranten?

Egal welche Onlinezeitung ich anklicke, mir springt das Bild eines kleinen toten Jungen ins Auge, der mit dem Gesicht voran im Wasser liegt. Mein erster Impuls ist: Mir wird schlecht. Mein zweiter: Ich will das nicht sehen. Der dritte: Das hat das Kind nicht verdient, für Klickraten und Sensationsgeilheit instrumentalisiert zu werden.

Ich höre Stimmen, diese Bilder seien wichtig, da sie wachrütteln sollen. Mit solchen Bildern sollen die Herzen derer erweicht werden, welche sich als besorgte Bürger gegen Flüchtlinge stellen, welche diese Flüchtlinge als Pack bezeichnen, ihre Unterkünfte anzünden. Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass solche Menschen sich um ein solches Bild kümmern? Glaubt wirklich jemand allen Ernstes, dass die nun mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm oder der aufgeschlagenen Bildzeitung sitzen und Besserung geloben?

Die Flüchtlingsthematik ist seit Wochen Thema Nummer eins. Wir haben viele Bilder gesehen, wir haben von viel Schrecken gehört. Dass etwas getan werden muss, Hilfe nötig ist, sollte klar sein. Es bedarf sicher keines Bildes mehr, das zu belegen. Ich denke, solche Bilder bewirken eher das Gegenteil: Wir stumpfen ab.

Der Mensch erträgt nicht zu viel Leid, das kann er nicht verarbeiten. Wenn das Hirn überwältigt wird von Schmerz, setzt es seine Schwelle höher. Das sichert das Überleben. Das ist ein gut angelegter Mechanismus im Organismus – die Evolution lässt grüssen. Solche Bilder helfen also nicht, das Leid zu erkennen, sie helfen eher, sich davon nicht mehr so stark berühren zu lassen. Ob das hilft? Und: Was brauchen wir als nächstes?

Dieser kleine Junge hat in seinem Leben nichts anderes als Krieg erlebt. Nun ist er tot. Und selbst jetzt muss er noch herhalten für irgendwelche Interessen. Man benutzt sein Bild dazu, Klick- und Leseraten zu steigern. Man nutzt das Bild seiner Leiche dazu, die Sensationsgeilheit der Menschheit zu befriedigen. Mehr wird damit nicht passieren. Klar kann man nun sagen, dass das Bild zu Diskussionen führte. Ich habe sie geführt, ich schreibe hier darüber. Aber ich diskutierte schon vorher und schrieb auch schon vorher. Das taten auch all die, welche sich für das Thema interessieren und etwas bewirken wollen. Jeder auf seine Weise. Man hätte diesem kleinen Jungen seine Würde lassen können. Man hätte ihn nicht durch die Medien schleifen müssen. Das hat er nicht verdient, wie er sein ganzes Leben nicht verdient hat. Möge er nun an einem besseren Ort sein.

Ich aber bleibe dabei: Ich will diese Bilder nicht sehen. Weil ich sie nicht mehr loswerde. Und weil ich denke, dass sie nie als Zeichen der Menschlichkeit und Nächstenliebe verbreitet werden, sondern meist aus Eigennutz: Der eine hofft, das Bild des Jahres geschossen zu haben, der nächste, die meisten Klicks für seinen Artikel zu erhalten. Nur: Auch Tote haben eine Würde und die gilt es zu wahren. Das wurde bei dem kleinen Jungen sträflich vernachlässigt.

Die Rechte als Mensch

Glaubt man vielen führenden politischen Philosophen, so ist die Legitimation des Staates auf einem Vertrag gleicher Menschen begründet. Die Vertragspartner zeichnen sich aus durch gleiche Fähigkeiten, gleiche Ansprüche, gleiche Macht. Mit diesem Fundament zeichnen sie sich als rationale Menschen aus und damit fähig, einer gerechten Basis eines Staates zuzustimmen, dessen Bürger sie danach sind. Einige hilfreiche Tricks bringen noch moralische Einlagen wie Unparteilichkeit und ab und an sogar Fürsorge mit ins Spiel, das reicht, so sind sie sich einig, um eine umfassende Gerechtigkeitstheorie aufzustellen. Sie merken zwar an, dass gewisse Fälle aussen vor bleiben, so zum Beispiel Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, welche durch mangelnde soziale Einrichtungen in ihrem Leben behindert werden. Eine Lösung für dieses Problem bleiben sie schuldig. (Es geht nicht drum, den Wert der Theorien der  hier gemeinten Philosophen in Frage zu stellen. Sie haben das Nachdenken über Gerechtigkeit, das Hochhalten dieses Werts und die Legitimation von staatlichen Institutionen in den letzten Jahren angeregt und geprägt. Sie haben gute Anstösse gebracht und hervorragende Gedankengänge einer Öffentlichkeit präsentiert, um diese mitzuprägen.)

Dass man für diese Probleme aber eine Lösung finden muss, steht fest. In der Vertragstheorie sieht man für sie (zumindest bei Rawls) nachträgliche Leistungen vor, die das Leben der Betroffenen lebenswerter machen sollen. Das ist ein netter Versuch. Die Bürger und Mitbestimmenden des Staates gehen also dahin und bestimmen, wie sie das Leben der auf sie Angewiesenen besser gestalten können. Dies natürlich nur, wenn die Kosten nicht zu hoch und der Nutzen dem Aufwand angemessen ist. Vielfach bleibt es bei einem halbpatzigen Versuch, doch selbst wenn er ganz erfolgte, bliebe ein schales Gefühl.

In diesem nachträglichen Eingreifen liegt eine Degradierung der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Sie sind dadurch de facto vom Bürgerstand ausgeschlossen und zu Anhängseln der Gesellschaft degradiert, welchen man zwar hilft, die aber nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft sind. Alle Worte von Integration und dergleichen sind so blosse Worte. Ausgeführt werden Taten, die eine andere Sprache sprechen: Ich bin ein Bürger, ich habe das Sagen. Ich kümmere mich um dich, weil du es brauchst. Das ist zwar ein netter Zug, doch nimmt es dem dieser Fürsorge Anhängigen die Möglichkeit, sich selber in seiner Möglichkeit zu kümmern. Es nimmt ihm die Stimme und es nimmt ihm das aktive Selbstbestimmungsrecht. Er hat dann nur noch das Recht, dass ihm geholfen werden sollte, nicht aber ein Recht, dazu beizutragen, selber eine Stimme zu haben. Er ist in die Passivität verdammt.

Nun kann man anfügen, dass es Formen von geistiger Beeinträchtigung gibt, die eigenes (rationales) Handeln ausschliessen. Das mag sein. Doch ist das davon betroffene Wesen kein Mensch mehr? Ihm wird oft grössere Nähe zu Tieren zugesprochen denn zu Menschen. Nun kann man sagen, dass das allein kein Drama wäre, da der Mensch selber nur eine Tierart mit bestimmten Fähigkeiten ist. Da wir aber dazu neigen, Tiere zu unterdrücken, fallen die Menschen mit Beeinträchtigung auch in diese Kategorie. Es entsteht eine klare Machtstruktur mit einem Oben und Unten, einem Herrscher und einem Beherrschten.

Das Argument, dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, mitzuentscheiden und darum aussen vor gelassen werden müssen, liegt weit vorne. Schweden zeigt, dass  es anders möglich wäre. (Auch andere Länder haben sich solchen Lösungsansätzen angeschlossen.) In Schweden gibt es eine Mentorschaft. Der Mentor vertritt die Bedürfnisse und Interessen des Behinderten. Damit wird dieser nicht übergangen, sondern erhält eine Stimme. Sollte er dazu gar nicht in der Lage sein, erhält er einen Vertreter, der seine Stimme wahrnimmt. Natürlich kann dieses System ausgenutzt werden durch böswillige Verwalter, Beispiele für bösartige Vormunde sind gerade in der jüngsten Aufarbeitung der Schweizer Verdingkindergeschichte ans Tageslicht gekommen. Man sollte aber ein System nicht von vornherein verurteilen, nur weil es ausgenutzt werden könnte. Die Gefahr besteht immer, wichtig ist, sie zu kennen und Mittel und Wege zu finden, dem entgegen zu wirken, um eine eigentlich gute Idee zu fördern.

Unterm Strich bleibt: Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein „normaler“? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Wenn man sich dessen bewusst ist, merkt man vielleicht, dass es an der Zeit wäre, jedem Tier (menschlich wie nichtmenschlich) die ihm angemessene Wertschätzung entgegen zu bringen, denn schon morgen könnte man an dessen Stelle stehen und froh sein, die anderen hätten diese Lektion schon gelernt.