Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

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