Es war einmal ein Traum, der wollte gelebt werden. Das sei sein Recht, glaubte er, denn überall hörte und las er: „Lebe deine Träume!“ Genau das sollte auch mit ihm getan werden. Das Leben machte ihm einen Strich durch die Rechnung, es stellte ihm die Pflicht an die Seite, die gelebt werden müsse und sagte dem Traum: „Schau, wie du aus der Nummer rauskommst.“ Das Leben wollte sich aber nicht lumpen lassen und bot noch Herz und Verstand als Entscheidungshilfen. Wirklich einfacher wurde es mit den beiden Streithähnen nicht, denn was der eine wollte, fand das andere daneben, wonach sich das eine sehnte, fand der andere untragbar. Und so stritten sie bis in alle Nächte, Traum und Pflicht harrten der Entscheidungen, die da kommen mochten und hielten sich still. Das Leben ebenso.

Endlich kam Licht ins Dunkel, Herz und Verstand näherten sich an, empfanden die Pflicht zwar durchaus als wichtig und nicht zu vernachlässigen, den Traum aber als unbedingt lebenswert. Was wäre das Leben ohne Träume? Das Herz fand, es wäre fad, traurig, leer und trist, der Verstand musste ein wenig einlenken, immer mit dem doch stetig leiser werdenden Einwand: „Aber wenn jeder nur täte, wie er wollte, wo kämen wir da hin?“, den er schlussendlich runterschluckte und nur noch dachte, dass man vielleicht in ein zufriedeneres Leben steuern würde. Das konnte er aber natürlich nicht laut zugeben.

Und wie es im Märchen so ist, käme nun der Abspann: „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich. Der Traum ist gelebt, die Pflicht nicht ganz vernachlässigt, Herz und Verstand schauen eng umarmt zu, nicken sich freudig an und lächeln.“ Das Leben macht es den Vieren aber nicht so einfach, es holt einen neuen Traum aufs Tapet. Und vielleicht noch einen. Und auch diese Träume wollen alle gelebt werden, kommen sich aber in die Quere. Wenn der eine gelebt wird, muss der andere weichen und untergehen. Wenn der dritte zum Zuge kommen will, müssen erst zwei aus dem Leben aussteigen.

Herz und Verstand schauen sich an und verstehen das Leben nicht mehr. Sie suchen nach Worten und finden sie nicht. Sie schauen die Träume an und finden sie alle dem ersten nicht minderwertig. Sie schimpfen mit dem Leben und finden es ungerecht. Sie fragen, was sie denn tun sollen und wissen schon, dass sie keine Antwort kriegen. Das macht sie noch wütender. Das Leben selber rollt die Augen gegen den Himmel und findet, sie sollen sich alle nicht so haben. So sei es nun mal.

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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Ich war dieses Wochenende an einem Workshop. Das Thema war „Dharma“ – wie soll ich handeln, was stimmt für mich, ist mein richtiger Weg? Wer bin ich, was macht mich aus? Ich fand es spannend zu sehen, dass genau dieses Thema gewählt wurde, das auch mich immer wieder beschäftigt hat, sei es als philosophische Gedankenspielerei, sei es in Bezug auf mein eigenes, persönliches Leben.

Wie oft versuchen wir, in den Fussstapfen anderer zu gehen. Wir lernen einen Beruf, weil unsere Eltern das so wollen oder schon der Grossvater denselben hatte. Wir verhalten uns in Beziehungen so, wie wir denken, dass unser Gegenüber das von uns wünscht. Wir gehen Wege, weil die Gesellschaft diese als zu gehende definiert. Gar oft leiden wir, fühlen uns unwohl, irgendwie in uns und unserem eigenen Leben nicht zu Hause. Spätestens dann, wenn wir nicht mal mehr in uns selber zu Hause sind, wäre ein guter Zeitpunkt, hinzusehen und zu entdecken, was denn unser wirkliches Zuhause wäre. Was will ich im Leben? Was macht mich aus? Was kann ich und möchte ich in die Welt hinaus tragen?

Oft trauen wir uns nicht, die Dinge zu verwirklichen, die uns wirklich tief am Herzen liegen, weil wir vielleicht zu sehr gefangen sind in äusseren Zwängen, in inneren Ängsten. Vielleicht trauen wir uns schlicht nicht, zu uns zu stehen, weil es Angst machen kann, sich wirklich ganz selber zu sein. Was, wenn man dann abgelehnt würde? Was, wenn genau das, was einem wirklich nah ist, nicht klappt?

Gestern stolperte ich wie zufällig über ein Zitat, das ich schon lange kenne, das aber just prima in das Wochenende passte. Johann Wolfgang von Goethe scheint sich auch mit diesem Thema befasst zu haben, sagte er doch:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Es ist nie zu spät, anzufangen, denn Jetzt ist immer gerade in dem Moment, in dem man steckt.

Ich fragte gestern einen mir nahestehenden Menschen, was denn mich ausmache, was an mir besonders sei (dies war eine Aufgabe an diesem Wochenendworkshop). Die Antwort war, dass ich das, was ich tue, mit ganzem Herzen mache, mich voll in meinen Weg hineingebe und diese Begeisterung und Liebe auch weiter geben könne.

Ich hätte mich nie so beschrieben, erkenne mich aber wieder. Ich bin dankbar, zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auf meinem. Vielleicht ist heute auch genau der richtige Tag, sich und seinen Nächsten gewisse Fragen zu stellen:

Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo fühle ich mich zu Hause, was will ich tun?

Was schuldet man seinen Eltern? Sie haben einen auf diese Welt gebracht, sie haben einen gross gezogen, irgendwie wurde man wohl so, wie man ist, weil man Eltern hatte, die einem Möglichkeiten boten – selbst wenn sie sie nicht boten, hat man sie gefunden, weil es so war, wie es war. Durch ihr Tun oder Nichttun landete man da, wo man ist. Das heisst nicht, dass man nicht selber verantwortlich ist für das, was man heute ist, denn man hat den Weg gewählt. Hat die Möglichkeiten ergriffen, die man angeboten kriegte oder hat sie gesucht, wenn keine da waren – oder es unterlassen.

Was also schuldet man seinen Eltern? Dank? Gibt es eine Pflicht, zurückzuzahlen? Muss man sie lieben, weil sie Eltern sind? Man selber wollte nie auf diese Welt, man wurde hineingeworfen. Da sitzt man nun und ist abhängig von denen, die es taten. Und aus diesem Hineingeworfenwerden in etwas, das man nicht suchte, entsteht eine Verpflichtung auf Lebenszeit? Man schaut hin und denkt logisch und ruft laut „NEIN. Das kann nicht sein!“ Man ordnet die Argumente, alle sagen dasselbe, alle geben diesem Nein recht. Und doch fühlt man es. Man steckt da drin.

Die Schwierigkeit in dieser Sache ist, dass die Art der Schuld unbestimmt ist. Reichen monatliche Besuche? Tägliche Anrufe? Braucht es mehr? Was ist es? Was, wenn man eine andere Meinung hat, die aber nicht geduldet ist, da man ja nur das Kind ist? Wird man je erwachsen in den Augen der Eltern? Auf der einen Seite fordern sie es (Werde endlich erwachsen, mach was aus deinem Leben!), auf der anderen Seite könnten sie damit nicht umgehen (das vorher war ja ein Befehl und die ganz deutliche Aussage, dass das eigene Leben noch nicht so ist, wie es sein sollte und wie es sein sollte, wissen nur sie aus jahrelanger Erfahrung…).

Darf man Eltern hassen? Könnte man es je ohne Schuldgefühle? Wäre es nicht undankbar? Was, wenn einen die Beziehung zu ihnen zerstört? Stetig? Würde man den Kontaktabbruch unbeschadet überstehen? Ohne Schuldgefühle? Ohne den Gedanken daran, was man eigentlich sollte oder zumindest den Zweifel, ob man nicht doch müsste? Was, wenn die Versöhnung nicht mehr gelänge, plötzlich die letzte Stunde ihn verunmöglicht hätte?

Und irgendwann ist man selber Mutter/Vater von Kindern. Und man tut, was man für richtig hält. Und man will daran glauben, dass auch die eigenen Eltern das nach ihrem Dafürhalten Beste taten. Kann man ihnen vorwerfen, dass es nicht so ankam? Wird es einem das eigene Kind je vorwerfen? Wie viele Fehler wird man gemacht haben? Was bleibt zurück beim Kind? Was schuldet es einem? Dank? Zuneigung? Dasein? Einen Anruf pro Woche? Einen Besuch pro Monat? Was, wenn es nie mehr käme? Wie würde man sich fühlen? Könnte man das jemandem antun?

 

Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90

Ab und an überkommt mich das Gefühl, dass das, was ich tue, zu  nichts nützlich ist. Ich frage mich dann, wieso ich mich tagtäglich damit abmühe, während ich doch genauso gut gleich nix tun könnte. Ich könnte die Beine hoch legen, wenn das Kind versorgt ist, könnte in den Tag hinein leben, das Leben geniessen, wie es sich grad anbietet. Der Fernseher gäbe bestimmt die eine oder andere Unterhaltung her, wenn ich mich gar zu schlecht fühlte, fände sich eine Realitysoap bei RTL, die mir zeigen würde, dass es noch schlimmere Fälle gäbe – das Leben könnte einfach sein. Trotzdem ich eigentlich von Natur aus eher faul bin, weigere ich mich, diesen Weg zu gehen. 

Ich stürze mich in Projekte, vertiefe mich in Theorien, spinne Gedanken, denke neue Welten, hinterfrage die existierende. Ich wälze Bücher und Ideen, zermürbe mich, vergrabe mich, schnappe nach Luft, bin hin und weg und zugleich explosiv und präsent. Sehe Notwendigkeiten und Denkanstösse, fühle Bedürfnisse und suche Lösungen. Und komme irgendwann wieder an den Punkt, dass es doch gar nix bringt. Wen kümmert, was mein Hirn sich ausdenkt? Wen kümmern all die Gedanken, die Theorien? Wieso sollte ich eine Lösung für Probleme finden, an denen sich so viele die Zähne ausbeissen? Und wieso sollte ich überhaupt ernst genommen werden? Das Bruttosozialprodukt unseres Landes merkt kaum, dass es mich gibt. Moderne wirtschaftliche Wertschätzungsmassstäbe orientieren sich an ebendiesem. Ergo der Beweis: Ich bin marginal und vernachlässigbar. Und alles, was ich so vor mich hindenke damit.

Die heutigen gesellschaftspolitischen Theorien stützen sich noch immer vornehmlich auf den gegenseitigen Vorteil und dieser wird in ökonomischen Grössen gemessen. Wer nichts dazu beiträgt, steht aussen vor. Rawls, Locke und Hobbes dachten es vor, es setzte sich fest und sitzt da beharrlich. Schlagworte wie Gleichberechtigung, Integration sind schön klingend, aber weit von der Realität entfernt. Noch immer werden die meisten Frontdienste (Kinderaufzucht, Altenpflege, Pflege körperlich und geistig beeinträchtigter Menschen) von Frauen erledigt und als ebensolche Dienste gering bis gar nicht geachtet. Das alles sitzt in den Köpfen fest. Die Muster sind verteilt. Muster durchbrechen langsam. Es braucht viel Zeit, Geduld, Einsicht und Stimmen. Und wenn jede Stimme denkt, sie zähle nichts, wird das Muster die Generationen überleben, zwar in Frage gestellt, aber nicht vom Sockel gestürzt. Deswegen zählt jede Stimme. Und auch die meine. Und so denke ich weiter. Sage meine Meinung. Stehe dazu. 

Wer sagt, was wichtig ist und was nicht? Wer setzt den Massstab für die Hierarchien im Leben und in der Gesellschaft? Wem muss man genügen und was soll man erreichen? Was ist erstrebenswert und was nur blosse Pflichterfüllung (wobei nicht geklärt ist, woher die Pflicht rührt und ob sie legitim ist). 

Die Welt steckt in der Krise. So das Schlagwort der Zeit. Man müsse umdenken, alles umstossen. Neue Werte finden. Alles möglichst radikal, alles möglichst neu. Das klingt gut, klingt markig, führen wird es nirgendwohin. Die Methode des viel Forderns, um wenig zu kriegen hat sich langsam selber überholt. Langsam wäre es wohl sinnvoller, gezielte und realistische Ziele zu setzen, um dann eine höheres Mass an Gerechtigkeit, an Miteinander, an individueller Befriedigung zu erreichen. Dabei kann jeder bei sich selber anfangen: Was kann ich, was will ich, was ist mir möglich? Was schulde ich anderen, wo kann ich helfen, wer hilft mir? Das Ich ist wichtig, das Du ebenso. Im Wissen, dass es ohne das Du kein Ich gibt, sollte man selbstverständlich den anderen nie aussen vor lassen bei der eigenen Zielsetzung. Aber diese sollte für einen stimmen und nicht einer wie auch immer gearteten Anspruchshaltung eines längst überholten Systems geschuldet sein. 

Ich lebe mein Leben

so still vor mich hin.

Lasse es laufen,

gebe mich hin.

 

Liebe die Ruhe,

schätze den Fluss.

Kommt etwas Neues,

bringt es Verdruss.

 

Lässt mich erschauern,

die Ängste schrein stumm,

weiss nicht wo halten,

es wirft mich fast um.

 

Muss es ertragen,

hab keine Wahl,

möchte nur rennen,

raus aus der Qual.

 

Fühl mich gefesselt,

im Jetzt und im Hier,

was wird passieren,

was wird nun aus mir?

 

Suche nen Ausweg,

suche nach Halt,

suche nach Wärme,

ist alles so kalt.

 

Schlage wild um mich,

spüre mich nicht,

möchte die Kür,

seh nur die Pflicht.

 

Und es rückt näher,

bedrohlich und gross,

will mich erschlagen,

was mach ich jetzt bloss.

 

Fühle mich klein,

so unendlich klein,

möchte doch nur

im alten Trott sein.

 

Fühlte mich sicher,

wusste was war,

alles war einfach,

alles war klar.

 

Nun droht mir das Neue,

noch kenn ich es nicht,

und schon diese Schwebe,

raubt mir das Licht.

 

Klar zu sehen,

wie es wird sein.

Zurück bleibt die Trauer,

um das, was war mein.

 

Zurück bleibt die Wut,

dass nun es ist aus,

dass nun kommt das Neue

mit all seinem Graus.

 

Doch ist es dann da,

ist’s meistens ganz gut,

man schickt sich hinein,

und tut, was man tut.

 

Gewohnheit entsteht,

man ist wieder froh,

und bis es neu dreht,

bleibt das auch so.

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Auschwitz selbst…
und das ist, wenn die Welt vergisst, dass es einen solchen Ort gab.

Henry Appel, Auschwitz –Überlebender

Zeit für einen Schlussstrich?

In den letzten Jahren, bald schon Jahrzehnten, werden immer wieder Stimmen laut, es sei genug getan in Sachen Erinnerungsarbeit und Aufklärung bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus. Die Forderung wurde immer wieder laut, die Dinge endlich ruhen zu lassen, nach vorne zu schauen. Dass man nach vorne schauen muss, ist klar, doch beim Blick nach vorne sollte nie vergessen werden, was in der Vergangenheit war. Vor allem die Fehler sollten präsent bleiben, um wenigstens die Hoffnung zu haben, gewisse – vor allem die grossen, schrecklichen – in der Zukunft zu vermeiden. Des Weiteren gibt es auch Ereignisse, die um ihrer selbst willen Erinnerungswert und Erinnerungspflicht in sich tragen. Und gewisse Ereignisse vereinen die beiden Gründe zur Erinnerung. Die Shoah gehört in meinen Augen in die letzte Kategorie. Ein historisches Ereignis, das eine so immense Tragweite hat, sowohl für die Opfer wie auch für die Nachwelt, darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss aufrecht erhalten werden. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und die Fragen, die diese dunkle Seite der Geschichte aufwerfen, sind nie erschöpfend beantwortet.

Pflicht der Erinnerung

Wenn man aktuelle Geschehnisse interpretieren und bewerten will, spielt das historische Gedächtnis immer eine Rolle. Dies beruht darauf, dass nichts für sich gesehen eine Bedeutung oder einen Sinn hat, sondern diese immer erst von aussen auferlegt werden. Diese Sichtweise vertritt u.a. auch der amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins, welcher Bedeutung als etwas sieht, das man Ereignissen und Gegenständen erst zuspricht. Nach Sahlins beruht Meinung auf zwei Umständen: dem, was sich aus der Vergangenheit gesetzt hat und den Absichten für die Zukunft. Diese beiden Elemente begründen das, was Sahlins ein Bedeutungsschema nennt, nach welchem Menschen die Dinge beurteilen, welche sie umgeben. Würden wir die Vergangenheit also einfach vergessen, ruhen lassen, fehlte uns ein Aspekt der Bedeutungsgebung für heutige Ereignisse und Umstände und damit auch ein Einschätzungskriterium dafür, was um uns vor sich geht.

Eine Gesellschaft ist zudem immer geprägt von dem, was war. Nur die Kenntnis dessen, was war, wird erklären, was heute ist. Wenn es sich bei der Vergangenheit um ein historisches Verbrechen handelt, ist es noch viel wichtiger, daran zu denken, es in Erinnerung zu behalten. Vor allem gehört es zu unserer Pflicht heute, das Ereignis als historisches Verbrechen zu sehen und jegliche Leugnung dieses Umstandes zu ahnden. Dies unterliegt der Verantwortung und sollte eine Pflicht des Menschen als Mensch sein, die er sich selber, der Gesellschaft wie auch – und vor allem – den Opfern eben dieses Verbrechens schuldet.

Umgang mit der Vergangenheit

Der Umgang mit der Shoah war nicht von Anfang an da. Zuerst herrschte Schweigen und Tabuisierung. Erst nach und nach, mit den Jahren, begannen einzelne Kreise, die Vergangenheit zu thematisieren und damit aufzuarbeiten. Und mit dieser Aufarbeitung kam auch ein Diskurs auf, der schlussendlich allen half, sowohl den Nachkommen der als Täter kategorisierten sowie auch den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Es half, im Heute das Miteinander zu entkrampfen, weil die sturen Bilder von gut und böse, hier die Opfer, da die Täter, langsam verwischt werden konnten und an ihre Stelle auch wieder individuelle Menschen treten konnten. Das Bild des Deutschen als nur bösen Menschen und des Juden als nur armes Opfer hätte die Kerbe weiter eingebrannt und schlussendlich das Leben beider Kollektive immer tiefer vergiftet.

(Der ausführliche Text findet sich in „Sandra Matteotti: Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem„. Dort sind auch die zitierten Stellen korrekt aufgeführt)