Die ungeschönte Wahrheit

Familienleben – eine Idylle der anderen Art

Hätte ich meine Zeit mit Putzen verbracht, wäre dieses Buch nie zustande gekommen.

Sjöberg1Mit diesen Worten wird das Buch Family Living eingeleitet. Der Satz ist bezeichnend für das ganze Buch: Es könnte so schön sein mit dem Familienleben, wenn einen nur nicht die Realität einholen würde. Lotta Sjöberg erzählt aus dem ganz alltäglichen Familienirrsinn. Alles fängt damit an, dass mit den Kindern die ach so tolle Stadtwohnung zu klein und unpraktisch wird. Mehr Platz ist dringend nötig. Umzug und andere Strapazen bleiben nicht aus. Aber auch im Traumhaus ist nicht alles einfach. Kinder werden krank, der Spagat zwischen Beruf und Familie fordert seinen Tribut und auch das Leben als Paar hat so seine Tücken. Doch trotz all den täglichen Gewissenbissen, Hürden und Notlösungen ist es doch wunderbar, das Familienleben. Irgendwie.

Sjöberg2Lotta Sjöberg erzählt mit viel Humor und Sinn für die Alltäglichkeiten aus dem ganz normalen Familienleben. Illustriert hat sie das Buch mit herrlichen Zeichnungen, welche die Erzählung stützen und mit viel Liebe zum Detail weiterentwickeln, mit neuen Facetten würzen. Entstanden ist ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch. Family Living ist ein Buch, das mit Illusionen aufräumt, einem zeigt: Man ist nicht allein in diesem Wahnsinn, andern geht es genauso.

Fazit:
Ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch mit wunderbaren Illustrationen. Absolut empfehlenswert.

Die Autorin
Lotta Sjöberg
Lotta Sjöberg *1971, arbeitet als Zeichnerin und lebt mit ihren drei Töchtern, ihrem Mann und einem Hund in Stockholm.

Zum Buch gibt es auch eine Facebookseite: Family living the true story

Angaben zum Buch:
SjöbergFamilyGebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Edition Moderne (1. Oktober 2015)
Übersetzung: Ulrike Samuelsson
ISBN-Nr: 978-3037311431
Preis: EUR 19.80 / CHF 29.90

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http://www.amazon.de/Family-Living-Die-ungesch%C3%B6nte-Wahrheit/dp/3037311436/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1445846201&sr=8-1&keywords=lotta+sj%C3%B6berg

http://www.books.ch/shop/home/suchartikel/family_living/lotta_sjoeberg/EAN9783037311431/ID42374358.html?jumpId=31307229&suchId=9ffc1b1d-36c2-483c-9e40-96905cae1c85

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

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Bin ich allein, sehne ich mich nach Gemeinschaft, bin ich unter Leuten, fehlt mir die Einsamkeit. Es ist, als ob das Leben es nie recht macht oder als ob ich im Leben nie antreffe, was ich brauche. Ist das Leben falsch? Bin ich es? Gehe ich durchs Leben und spiele Hand im Schneckenloch oder hat dieses Leben einfach ein verdammt schlechtes Timing?

Eigentlich wollte ich ja ein Buch schreiben. Einen Roman. Ich weiss wie es geht, ich weiss, was ein guter Roman ist. Aber irgendwie gelingt es nicht. Nach wenigen Seiten ist meine Geschichte fertig, sofern ich überhaupt eine finde. Und wenn ich keine finde, überlege ich mir, wie ich eine finden könnte und ob ich dazu Notizen machen müsste. Ich überlege, ob ich die Notizen in ein Notizbuch schreiben oder gleich in den Computer tippen soll. Ich beschliesse, gleich ein Notizbuch zu kaufen. Am besten kaufe ich gleich mehrere, für den Fall, dass das erste voll ist, hätte ich gleich weitere greifbar. Im Bücherregal sähen sie sicher toll aus, so in Reih und Glied nebeneinander stehend. So weit ist es aber noch nicht, da ich beschliesse, dass Computer praktischer wäre. Ich schreibe schneller am Computer, sitze meist davor und da ginge es im Gleichen. Zudem lässt sich die Schrift besser lesen.

Nur habe ich den Computer nicht immer dabei und ihn immer mitschleppen ist doch eher mühselig. Also wäre ein Notizbuch für unterwegs gut, in das ich aufkommende Gedanken schreiben könnte, sie dann zu Hause abtippen. Allerdings klingt das so unromantisch und schon gar nicht kreativ. Kreativität muss doch frei sein. Ich stelle mir die anders vor als ödes Abtippen von popeligen Notizen.

Ich sehe mich – ganz Künstler – mit einem Schal um den Hals auf meinem Holzstuhl sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, nachdenklich. Und dann kommt die Idee und man sieht sie förmlich in meinen Augen blitzen. Ich stürze mich auf die Tasten, wühle mit einer Hand immer wieder in meiner zerzausten Frisur, um die richtigen Worten ringend, was mir noch einen kreativeren Ausdruck gibt. Und ich schreibe mein Buch. In der Vorstellung klappt das super. Und ich finde, das passt zu mir. Das bin ich, so will ich sein. Fehlt also nur noch die Idee für eine Geschichte für die Realität.

Andere wachsen im Krieg oder in einem Bergdorf auf. Sie können von Entbehrungen, Bomben oder kalten Nächten berichten. Bei mir war alles geheizt, nicht mal meine Eltern liessen sich scheiden. Sie haben meine Schriftstellerkarriere auf dem Gewissen, wenn mir nicht bald etwas einfällt, das ich schreiben könnte. Hätten sie mir eine problembeladenere Kindheit geliefert, könnte ich nun aus dem Vollen von Traumata und anderen Beschwerden schöpfen und das Publikum läge mir zu Füssen, würde sich wiedererkennen oder zumindest Mitleid haben. Wer will schon von idyllischen Familienausflügen im Sonntagskleid lesen, von heiler Welt mit zwei Elternteilen, die sich nicht mal übermässig stritten. Keine fliegenden Tassen, keine Eskapaden, keine Hungersnot oder Schläge. Einfach gähnende Langeweile. Kein Wunder habe ich keinen Fundus für Geschichten.

Und so sitze ich hier und merke, dass ich ganz schön in der Misere sitze. Nicht nur habe ich keine Geschichte zu erzählen, ich wüsste nicht mal, ob ich sie zuerst ins Notizbuch (von dem ich nun fünf Exemplare für den Fall der Fälle hier habe) oder gleich in den Computer schreiben soll. Zudem frage ich mich, wieso mir am Anfang all dieser Gedanken in den Sinn kam, dass ich weder allein noch in Gesellschaft glücklich bin, da das doch wahrlich überhaupt nichts mit meinem eigentlichen Problem zu tun hat. Und wenn ich nun so weiter nachdenke, dann hat der ganze Gedankenfluss wenig Sinn, er kam so über mich, ohne Ziel, ohne Grund, ergoss sich einfach über meine Finger in die Tastatur und steht nun da, schwarz auf weiss – mit ein paar roten und grünen Wellenlinien, mit denen mir das Programm sagen will, dass mein Deutsch nicht das sei, was es als richtig erachte.

Bräuchte ich nicht alle Finger zum tippen, würde ich dem Programm einen zeigen. Das macht man zwar nicht, aber das wäre mir gerade egal, denn ich merke, dass ich mittlerweile wütend bin ob all der nicht getroffenen Entscheidungen, ob all der Ideenlosigkeit und vor allem wegen meiner ach so doofen Kindheit, aus der sich nichts, aber auch gar nichts, und schon gar kein Roman machen lässt.

Am Schluss bleibt die Liebe

 …ich war ein braver Junge, der nicht aneckte und immer aufmerksam den Empfehlungen Erwachsener folgte oder zumindest so tat, weil ich mit freundlichen und unbedarften Grosseltern aufgewachsen war, ohne Vater, gegen den zu rebellieren sich gelohnt hätte und normal gewesen wäre. Meine Grosseltern schlecht zu behandeln kam mir nicht in den Sinn, ich vergass nie, dass sie und ihre Tochter Irmi mich gerettet hatten vor einem Leben mit einem Vater, dessen Gegenwart ich nicht ertragen hätte.

Als Simons Mutter stirbt, lebt er zuerst bei seiner Tante, danach bei seinen Grosseltern. Zu seinem Vater hat er jeden Kontakt abgebrochen. Plötzlich erfährt er, dass dieser und ein anderer Mann umgebracht worden sind. Auf dem Weg zur Hütte des Vaters trifft ihn die Liebe. Er sieht eine nackte Frau im nahegelegenen See baden. Sie kommt ihm vor wie eine Nixe. Es stellt sich heraus, dass Sylvie, so heisst die Nixe, die Frau des zweiten Opfers war, und dass die beiden Männer ein Liebespaar gewesen waren. Diese Neuigkeit weckt in Simon eine Unsicherheit seiner eigenen Sexualität gegenüber.

Und ich sah mich selbst, wie ich zärtlich an seinen Ohren zupfte, und zuckte zurück, als hätte mich jemand beim Schwulsein ertappt. ich wusste, dass es lächerlich war, aber das neu erwachte Misstrauen gegenüber meinen zarteren Regungen war da und ging nicht davon weg, dass ich ironisch den Mund verzog.

Die Liebe zu Sylvie lässt Simon nicht mehr los, sie aber interessiert sich beziehungstechnisch für jeden Mann ausser für Simon. Trotzdem sind die beiden verbunden. Es entsteht eine Brieffreundschaft, zuerst sehr eng, dann immer weiter, irgendwann bleiben die Briefe aus. Das Leben geht für beide weiter, hat Höhen, Tiefen. Das Leben eröffnet immer neue Fragen, die nicht weniger werden, als plötzlich wieder ein Brief von Sylvie Simon erreicht.

Lieber Simon,
jetzt habe ich dich so lange in Ruhe gelassen, dass ich mir nicht mehr einbilden kann, es sei in Ordnung, dich einfach so wieder zu behelligen. Aber es ist wichtig. Es gibt etwas, das du wissen musst, auf wenn du nichts mehr von mir wissen willst.

Die langen und die kurzen Jahre behandelt einen Zeitraum von 50 Jahren. Das Buch reicht zurück ins Jahr 1964 und spannt einen Bogen bis 2014. Es ist Simons Lebensfaden, auf dem die einzelnen Perlen der Geschichtenkette aufgereiht werden. Es ist eine Geschichte über Themen wie Freundschaft, Familie, Liebe und Zeit.

Thommie Bayer erzählt keine Liebesgeschichte, und trotzdem handelt das Buch von der Liebe. Es zeigt, dass Liebe nicht einfach ist, dass es verschiedene Formen von Liebe gibt, dass Liebe nicht einfach aufhört, sondern sich verändert, aufblüht, verdrängt wird, sich doch wieder regt. Er erzählt von diesem vielschichtigen Thema in einer leichten Sprache, lässt die Geschichte locker dahinfliessen, ohne ihr den nötigen Tiefgang zu nehmen. Das Buch entbehrt jeglicher Höhepunkte, jeglicher Spannungsbögen, und ist trotzdem nie langweilig. Es nimmt einen leise und still in den Bann, reisst nicht, packt nicht, hält trotzdem fest.

Fazit:
Eine sehr gelungene Geschichte über das Leben, die Liebe, Freundschaft und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Angaben zum Buch:
Bayerdie_kurzen_und_die_langen_jahreGebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492054812
Preis: EUR 17.99 / CHF 29.90
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Wunsch nach Glück

Kürzlich kam mein Sohn zu mir und sagte: „Mama, eigentlich geht es uns doch wirklich gut.“ Er überlegte kurz und korrigierte sich: „Nein, es geht uns nicht eigentlich gut, es geht uns gut.“ Ich schaute ihn an und fragte ihn, wieso er das denke. Er sagte mir: „Wir haben ein schönes Zuhause, wir haben es schön miteinander, es fehlt uns an nichts. Uns geht es wirklich gut!“

Danke!

Ich wurde kürzlich gefragt, was ich im und vom Jahr 2015 erwarte. Ich habe überlegt und musste sagen:

Ich wünsche mir, dass alles genauso bleibt, wie es ist. Damit wäre ich glücklich.

Ich habe sehr viel, für das ich dankbar bin. Das Jahr 2014 war nicht nur einfach, es hatte viele Hochs und Tiefs, viele schwierige Situationen. Einiges ging zu Ende, einiges fing neu an, manches schien kaputt und war nachher schöner als je zuvor. Das Leben ging seinen Lauf und es ging ihn gut. Nun, am Ende des Jahres, blicke ich auf mein Leben, wie es heute ist und ich kann nur sagen: Es ist wundervoll.

Wofür ich dankbar bin?

  • Für meine wunderbare Familie, die mein Hafen ist
  • Für meine Eltern, auf die ich seit bald 42 Jahren zählen kann
  • Dass ich wunderbare Freunde habe, auf die ich bauen kann und die mir wichtig sind
  • Dass wir alle gesund sind
  • Dass ich beruflich das machen darf, was ich liebe – im 2015 erst recht
  • Dass ich ein Zuhause habe, in dem ich mich wohl fühle
  • Dass ich genug Zeit habe, auch meine Leidenschaft (Bücher) zu pflegen
  • Dass ich überhaupt eine solche Leidenschaft habe
  • Dass wir in einem wunderschönen und im Vergleich sicheren Land wohnen
  • Dass ich ein eigenes Zimmer habe
  • Dass ich klar denken kann
  • Dass ich meine Meinung frei äussern darf – und kann
  • Dass ich auch schweigen kann – und darf
  • Dass ich die Ausbildungen machen konnte, die ich wollte
  • Dass ich neue Ausbildungen machen darf und werde
  • Dass es immer wieder weiter geht
  • Dass ich lachen kann, bis mir die Tränen kommen
  • Dass ich Menschen habe, die mit mir lachen
  • Dass ich weinen kann
  • Dass ich Menschen habe, die mit mir weinen
  • Dass ich Menschen habe, die mir Taschentücher reichen
  • Dass immer helfende Engel da waren, wenn ich sie brauchte
  • Dass ich nicht alles nennen kann, weil es zu viel ist

Das Jahr 2015 steht vor der Tür. Es bringt neue Herausforderungen für mich, auf die ich mich freue. Der Blog hier wird weiter bestehen, ich bin dankbar dafür, dass er sich entwickelt, wie er es tut. Ich bin dankbar dafür, dass da draussen Menschen sitzen, die ihn lesen, die ab und an ihre Gedanken zu meinem Schreiben teilen. Ohne euch wäre der Blog nicht, was er ist. Drum an dieser Stelle ein ganz grosses Danke. Fürs neue Jahr wünsche euch alles nur erdenklich Gute, möge auch in eurem Leben ganz viel sein, wofür ihr dankbar seid. Manchmal muss man es nur sehen.

Keiner steht für sich allein

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Gregor Samsa, Handelsreisender, der mit seinem Gehalt die Familie ernährt, wacht eines Morgens auf und ist ein Käfer. Durch diese Verwandlung verpasst er seinen Zug zur nächsten Geschäftsreise, was den Prokuristen der Firma aus Tapet bringt. Die Familie ist in heller Aufregung ob der ungeheuerlichen Sache. Der vormals träge Vater muss wieder selber in die Stiefel steigen, die verhätschelte Schwester wird fürsorglich und wird erwachsen. Irrungen der Vergangenheit kommen ans Licht, Wandlungen passieren bei allen Figuren, der zum Käfer mutierte Bruder, der vormals die Familie über Wasser hielt, wird langsam aber sicher zur Plage.

Ich will vor diesem Untier nicht den Namen meines Bruders aussprechen, und sage daher bloss: wir müssen versuchen, es loszuwerden.

Die – wie auch immer verursachte – Verwandlung Gregor Samsa führt einerseits zu Wandlungen in seinem ganzen Umfeld und legt andererseits verborgene Mechanismen des vormaligen Zusammenlebens offen. Wie meist in Kafkas Werk sind auch in diesem die autobiographischen Züge offensichtlich. Der Vater-Sohn-Konflikt ist überdeutlich, die Verwandlung in ein Ungeziefer weist eine Verbindung zur Passage in Kafkas Brief an den Vater (der nie abgeschickt wurde) auf:

Ohne ihn zu kennen, verglichst du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand.

Kafkas Roman Die Verwandlung mag schon vor Jahren geschrieben worden sein, die Thematik ist aktuell. Der Roman handelt von Familien und den in ihnen gelebten Rollen. Er zeigt auf, dass die Verwandlung eines Teils einer Familie Auswirkungen auf die ganze Familie hat, er spricht Generationenkonflikte an und thematisiert gewählte Lebenswege und deren Motive.

 

Fazit:
Kafka at his best. Lebensnah und packend liefert er jedem Leser, was er sucht: Leichter Lesespass für zwischendurch, tiefgründige Wahrheiten, wenn man sie sehen will.

 

Zum Autor
Franz Kafka
Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus. Mehr zu Franz Kafka findet sich hier.

 

Lebenslügen

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich liess es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Viola war immer schon anders als die anderen. Dass sich Carlo, der Schwarm aller in der Schule, ausgerechnet für sie interessierte, verstand keiner, am wenigsten Carlos Mutter. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich, werden eine kleine Familie mit Luce, leben über Jahre glücklich zusammen, bis eines Tages alles aufbricht, die ganze grosse Lebenslüge mitten im Raum steht: Luce liegt im Spital, kämpft um ihr Leben, helfen kann nur noch eine Lebertransplantation. Aber: Carlo ist nicht ihr Vater, seine Leber passt nicht.

Sich an die Vergangenheit zu erinnern war, wir das Fenster eines Wolkenkratzers in achthundert Meter Höhe aufzureissen und ohne Geländer in die Tiefe zu blicken. Das Gefühl, in den Abgrund zu fallen.

Mehr als mein Leben ist die Geschichte von Menschen mit Fehlern, eine Geschichte, die Lebenslügen offenbart und aufzeigt, was diese mit den einzelnen Mitgliedern einer Familie anstellen. Es ist ein Buch voller Emotionen, sowohl in der Geschichte selber wie auch beim Leser. Das Buch lässt einen eintauchen in die Welt von Viola, lässt einen mitfühlen bei Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Sara Rattaro schreibt in einer klaren, knappen Sprache, sie pendelt zwischen dem aktuellen Geschehen und Violas Erinnerungen an ihr Leben, das zu dieser Aktualität führte, hin und her. Durch die emotionale Präsenz der Gegenwart, durch die Angst um die Tochter und den Drang, wissen zu wollen, wie es weiter geht, werden die Rückblenden mit der Zeit zu einer Bremse, indem sie einen von dem zurückhalten, in das man weiter hinein möchte. Des Weiteren ist ziemlich bald klar, was Viola plant, um das Leben ihrer Tochter zu retten, was Spannung wegnimmt. Trotzdem ist das Buch gut gelungen, es berührt, es wühlt auf, es stellt Fragen in den Raum, die man lieber nicht beantworten möchte in der Realität: Was würde ich tun? Wie kann das Leben weiter gehen, wenn Lebenslügen, die eine Basis bildeten, aufbrechen? Welchen Preis zahlt man für sein Leben?

Ich wusste sehr gut, dass der Preis der Sache nicht nur mit Geld zu tun hatte.

 

Fazit:
Ein tiefes, emotional aufwühlendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sara Rattaro
Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. Mehr als mein Leben, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller. Auch ihr jüngster Roman, Die Zerbrechlichkeit der Liebe, feierte in Italien große Erfolge und bedeutete ihren internationalen Durchbruch.

 

Angaben zum Buch:
RattaroLebenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (1. Oktober 2013)
Übersetzung: Gaby Wurster
ISBN-Nr.: 978-3866123496
Preis: EUR 16.99 / CHF 26.90

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Wenn das Gestern langsam verschwindet

Es macht mich so wütend. Ihre Güte und Geduld machen mich wütend. Mein ganzes Leben habe ich versucht, ihr zu beweisen, dass ich alleine klarkomme, dass sie mich nicht ständig zu retten braucht. Mein ganzes Leben habe ich mich getäuscht. 

Claire ist Lehrerin, liebt ihren Beruf. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und eine Mutter. Das Leben war nicht immer einfach, eine Scheidung liegt hinter ihr, das Verhältnis zur Mutter ist angespannt, trotzdem ist sie mit ihrem Leben zufrieden. Zuerst vergisst Claire nur einige Dinge, denkt, sie sei unkonzentriert, denkt, das könne mal passieren. Die Vergesslichkeiten häufen sich und irgendwann gibt es eine Diagnose dafür: Alzheimer. Damit nicht alles verloren geht, schreibt Claire Geschichten, die ihr einfallen, in ein Erinnerungsbuch. Das Buch wird mit der Zeit Bestandteil der ganzen Familie, alle halten ihre Erinnerungen fest, lesen die der anderen. DIe ganze Familie versucht, mit der Situation umzugehen, für alle Betroffenen bedeutet die Diagnose eine Herausforderung. Das Gestern verliert langsam die Konturen, an eine Zukunft wagt man kaum zu denken, alles, was bleibt, sind die Augenblicke, das, was ist. Das ist erscheint oft als viel zu wenig, ist manchmal ganz viel.

Rowan Coleman ist mit Einfach unvergesslich eine berührende und bewegende Geschichte gelungen. Sie wirft den Leser gleich von Anfang an mitten ins Geschehen, indem er mit der Diagnose in die Familiengeschichte einsteigt. Durch Rückblenden in Form der Einträge ins Buch erhält der Leser nach und nach einen umfassenden Blick auf die Vergangenheit, sieht den Weg dahin, wo die Familie und jedes Mitglied darin steht. Bei aller Schwere des Themas gelingt es Coleman, eine gewisse Leichtigkeit des Erzählens zu bewahren, so dass der Leser allein durch das erzählte Geschehen die Tragweite der Krankheit spürt, nicht durch die Form, wie es präsentiert wird.

Das Buch behandelt ein schweres Thema, lässt den Leser durch die einfühlsame Art, mit der die Charaktere gestaltet sind, in die Familie und ihre Konflikte im Umgang mit der Krankheit eintauchen und mitfühlen. Dabei hilft, dass die Geschichte immer wieder aus anderer Perspektive geschrieben wird, so dass man das Thema aus der Warte der verschiedenen Betroffenen kennenlernen kann.

Fazit:
Ein feinfühliger und berührender Roman, der trotz der Schwere des Themas nicht erschlägt.

Zum Autor
Rowan Coleman
Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. »Einfach unvergesslich« ist ihr elfter Roman.

Angaben zum Buch:
ColemanEinfach_unvergesslichGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback Verlag (11. August 2014)
Übersetzung: Marieke Heimburger
ISBN-Nr.: 978-3492060011
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Vigilio

Ich sah Vigilio das erste Mal vor 13 Jahren. Sein Sohn, mein späterer Mann, nahm mich mit, um mich den Eltern vorzustellen. Als wir ankamen, war Vigilio nicht zu Hause, seine Frau öffnete die Tür. Nach einem kurzen Gespräch packten wir den Hund und gingen spazieren. Auf dem Weg in den Park stießen wir dann auf ihn. Jeans, T-Shirt, Weste und Schirmmütze – so sah ich ihn später meistens. Vigilio war mit Hauswartsarbeiten im Quartier beschäftigt. Schon von weitem erkannte er seinen Sohn, winkte, rief mit kräftiger Stimme „Halli Hallo“ und lachte. Das sollte immer seine Begrüßung sein in den nächsten Jahren. Auch dass er kaum zu Hause war, sondern ständig am arbeiten, stellte sich als Dauerzustand heraus.

Vigilio wuchs mit seinen acht Geschwistern im Trentino auf. Eines der Kinder durfte studieren, die anderen mussten Berufe erlernen. Vigilio reiste jung in die Schweiz, arbeitete, wo immer er Arbeit fand, lernte seine Frau kennen, gründete eine Familie. Die beiden Menschen arbeiteten hart, um ihre Familie zu ernähren, Vigilio als Hauswart, seine Frau als Putzfrau, beide an mehreren Orten, teilweise Tag und Nacht. Wer nun dächte, das hätte ihn unzufrieden gemacht, er haderte in irgend einer Form mit dem Leben, weil er nicht studieren konnte, weil er Tag und Nacht für andere da sein musste (und auch wollte, weil er es als normal ansah, zu helfen, wenn Not am Mann war), weil er anderen den Dreck wegräumte, wie er ab und an lachend sagte, der kennt Vigilio nicht. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben, grüßte jeden freundlich, plauderte mit allen, machte seine Späße. Ab und an waren es gar viele Späße, die den Anschein erweckten, er nehme nichts ernst, schon gar nicht einen selber. Vielleicht war das seine Art, mit dem Leben und dessen nicht immer schönen Seiten umzugehen.

Als mein Sohn auf die Welt kam, war ihm Vigilio ein liebender Grossvater. Er nahm ihn mit auf seine Hauswartstouren, ließ ihn am Handschubwagen Gehübungen machen, seine Augen leuchteten, wenn er seinen kleinen Enkel sah, was oft war, weil wir im selben Haus wohnten. Leider dauerte das Glück nicht lange, wir zogen weg, meine Ehe ging in die Brüche und damit verlor sich der Kontak zu Vigilio größtenteils. Ein paar Jahre später kam die Nachricht: Krebs. Vigilio war erkrankt und musste zur Chemo. Die Nachricht erschütterte mich, aber ich war weit weg, fühlte mich nicht mehr als Bestandteil dieser Familie, war mein Platz als Schwiegertochter doch neu besetzt. Als ich Vigilio das nächste Mal sah, waren seine Haare, auf die er so stolz gewesen war, ausgefallen. Das war aber auch das einzige äußere Zeichen für seine Erkrankung, ansonsten sah er immer noch wie der starke, vitale Mann von früher aus. Leider schlug die Chemo nicht wie gewünscht an. Es folgten weitere, der Krebs streute, gewisse Teile mussten herausgeschnitten werden, andere neu bestrahlt. Es half nichts. Der Krebs ließ sich nicht besiegen. Irgendwann setzte man die Chemo ab. Die Haare kamen zurück. Was äußerlich schien wie neues Leben, war eigentlich nur das Zeichen, dass der Tod langsam und schleichend seinen Weg gehen, ihm nichts mehr entgegen gestellt werden konnte.

Eines Tages kam die Nachricht: Vigilio ist im Spital. Da hielt mich nichts mehr zu Hause. Ich eilte hin, musste ihn sehen. In mir gingen ganze Filme ab, ich sah ihn und mich früher, sah sein Lachen, hörte seinen für einen Italiener so typischen Akzent. Ich wollte das wieder hören, wollte nochmals mit ihm reden, wollte ihm vor allem zeigen, dass ich an ihn dachte, für ihn da bin. Als ich sein Zimmer betrat, lag er ruhig, wie schlafend, im Bett. Er hatte die Tür aber trotzdem gehört und als er den Kopf zu mir drehte, mich sah, ging ein Strahlen über sein Gesicht. „Sandra, du kommst mich besuchen?“, fragte er mit feiner Stimme. Seine Frau kam auf mich zu, umarmte mich. Die Freude war offensichtlich, auch bei mir. Vigilio sah noch immer gut aus, aber man sah den Kräfteverlust. Man sah, dass er oft an Schmerzen litt, dass sie ihn plagten. Wir redeten über seine Krankheit. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er redete über sein Leben, dass dieses nun bald vorbei sei, er alles hinter sich lasse. Er erzählte davon, was er alles getan habe, um für seine Familie, seine Kinder dazusein, ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und er wurde traurig dabei. Ich hielt seine Hand, sagte, dass er stolz auf sich sein könne, dass er mehr für seine Familie getan hätte, als so mancher, dass er ein wunderbarer Mensch sei. Und ich meinte und fühlte alles genau so. Und da sagte er es: „Sandra, du warst für mich immer meine zweite Tochter. Ich habe dich sehr gern.“ Das war der Moment, in dem es um meine Fassung geschehen war und die Tränen flossen. Ich spürte, dass ich dasselbe fühlte. Ich hatte diesen Mann sehr gerne, mehr als ich mir all die Jahre ohne Kontakt zugestehen wollte. Ich weinte um die verpassten Jahre und darum, dass wir sie nicht mehr zurückholen konnten. Und ich weinte, weil er mich genauso gern hatte – das waren die Freudentränen im Ganzen. Freude und Leid liegen oft nahe zusammen, sogar in solchen Situationen.

Von da an besuchte ich ihn, wann immer ich es einrichten konnte, teilweise täglich. Ich half ihm beim essen, besorgte ihm, was er brauchte, massierte seine schmerzenden Füße, zog Socken an und aus – es war ganz natürlich, obwohl ich nicht wirklich der pflegende Typ bin und Füße sonst nur unter Protest anfassen würde. Zwischen Vigilio und mir war dieses Band, diese Vertrautheit, die alle Scheu wegfallen ließ. Seine Freude jedes Mal, wenn er mich sah, die Wärme, die ich für ihn empfand – alles half, die Zeit, die wir verpasst hatten, zwar nicht zurückzuholen, aber zumindest zu überbrücken und neu anzufangen. Schade, müssen erst so einschneidende Erlebnisse kommen, damit man eine Beziehung lebt, die so schön sein könnte.

Vigilios Frau war die ganze Zeit an seiner Seite, sie pflegte ihn zu Hause, besuchte ihn im Spital, wusch, kochte, putzte, half, lebte fast nur noch für ihn. Auch zu ihr entwickelte sich wieder eine Nähe, wie wir sie vorher nie hatten leben können. Meine Sorge galt auch ihr, weil ich fürchtete, sie ginge über ihre eigenen Kräfte. In ihr kämpften der Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, für ihn dazusein, und das Gefühl der eigenen Grenzen, des Kräfteverlusts. Nach über 50 Jahren musste sie mit ansehen, wie ihr Mann  immer schwächer, von Schmerzen geplagt wurde, und sie wusste, dass er über kurz oder lang nicht mehr bei ihr sein würde.

Vigilio konnte wieder nach Hause, allerdings hielt das Glück nicht lange, schon bald lag er wieder im Spital. Der Magen streikte, mal arbeitete er gar nicht mehr, mal zu schnell. Die Schmerzen nahmen zu, die Mittel dagegen wurden erhöht. Vigilio beklagte, dass er nicht mehr klar denken könne, dass die Medikamente sein Hirn lahmlegten. Trotzdem verzweifelte er nicht, sondern nahm dieses Schicksal mit Humor, machte noch immer Spässe, die allerdings milder geworden waren im Vergleich zu früher, sah der Realität ins Auge, nahm es meistens gefasst, wenn auch ab und an Trauer über ihn kam. Wenn man von etwas in der Zukunft erzählte, wurde er still. Und man spürte, dass er sich wohl innerlich fragte, ob er das noch erleben würde. Oder fürchtete er von vornherein, dass es nicht so sein würde?

Noch lebt er. Ich hoffe, ich werde noch manche Stunde an seinem Bett sitzen, noch manche Stunde die Gelegenheit haben, mehr aus seinem Leben zu erfahren, ihn so besser kennenzulernen. Ich möchte unser Band vertiefen, damit es hält, wenn er mal nicht mehr ist. Ich möchte noch viele Erinnerungen mit auf meinen Weg nehmen, damit Vigilio mich weiter begleitet. Und ich hoffe, ich kann ihm auf seinem Weg, den er zu gehen hat, eine Stütze sein, ihn begleiten, ihm Kraft geben. Zumindest sagt er das und das ist unendlich wertvoll für mich, denn ich weiß eines: Ich liebe ihn. Er ist wie ein zweiter Vater, was ich spät erkannte, zum Glück nicht zu spät.

Die Frage nach der Liebe

Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.

Marie stolpert in einem Wiener Cafe über Jakob. Eigentlich ist Jakob mit Sonja zusammen, was er aber nicht mehr sein will und sich von ihr trennt. Nun liebt er Marie. Und das innig.

Die grosse Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben.

Marie gibt sich in diese Beziehung hinein, denkt aber noch immer an Joe, welcher vor Jahren ihre grosse Liebe war. Joe ist tot, doch er verschwindet nicht aus ihrem Leben. Sonja lernt derweil Gery kennen, welcher der beste Freund von Joe war. Gery schwärmt heimlich für Marie, allerdings ist die als Joes Freundin tabu.

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der grossen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben. […]

Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. […] Wirklich gross bleibt sie nur, wenn sie sich nicht erfüllt. Man muss sich daran gewöhnen, dass die grosse Liebe nicht brennt und flackert.

Vom innersten Kreis, Jakob und Marie, heraus, entwickelt Margarita Kistner ein Geflecht von Geschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Maries Vater, Jakobs Eltern, Joe und viele andere treten auf und in Beziehung. Der Zusammenhang zwischen ihnen enthüllt sich erst nach und nach, teilweise erst am Ende der Geschichte. Margarita Kinstner versteht es, den Leser in dieses Geflecht zu verstricken, dass er nicht mehr herausfindet und auch nicht finden will. Er will tiefer stechen und die ganze Geschichte entflechten.

 

Mit viel Sprachwitz entwickelt Margarita Kinstner eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, über Beziehungen und über das Leben in der Grossstadt von heute. Trotz des Humors und der Spielerei, die sich in der Sprache finden, besitzt die Geschichte inhaltlich grosse Tiefe und Nachdenklichkeit. Die Charaktere des Buches sind lebensnah fassbar, man lernt sie kennen, man lebt und fühlt mit ihnen mit. Des Weitern gelingt es Kinstner, den Lokalkolorit Wiens wunderbar sprachlich einzufangen, so dass man die Stadt und seine Cafes bildlich vor sich sieht, sich in der Stadt und an den einzelnen Orten wähnt.

Fazit:
Ein mitreissendes, tiefes, witziges, unterhaltsames Buch über die Liebe, über Wien, über Menschen und ihre Beziehungen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Margarita Kinstner
Margarita Kinstner, geboren 1976 in Wien, hat bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mittelstadtrauschen ist ihr erster Roman.

 

KinstnerMIttelstadtrauschenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (3. Auflage, 26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3552062269
Preis: EUR  19.90 / CHF 28.70

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Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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Des Lebens Tiefen

Als Cal beim Untergang einer Bohrplattform ums Leben kommt, steht Helen mit ihren vier Kindern von einem Tag auf den anderen alleine da. Sie sieht sich vor der Situation, das Leben, das sie gemeinsam mit ihrer grossen Liebe meistern wollte, nun alleine bestreiten zu müssen.

Wegen der Kinder verspürte Helen grossen Druck, so zu tun, als gäbe es kein Ausserhalb. Oder wenn es doch eines gab, so zu tun, als sei sie ihm entkommen. Helen wollte, dass die Kinder glaubten, sie sei drinnen, bei ihnen. Das Ausserhalb war eine hässliche Wahrheit, die sie für sich zu behalten gedachte.

Während sie nach aussen die Starke Frau markiert, für ihre Kinder eine liebevolle Mutter ist, wird sie innerlich zerfressen von dem Verlust, der Trauer. Oft sind es nur ihre Kinder, die sie davor bewahren, ihrem Mann in die Wellen zu folgen. Die Kinder werden grösser, Helen wird sogar Grossmutter, das Familienleben ist bunt, nicht immer einfach. Das Leben geht beständig weiter und es hält auch für Helen noch viel bereit, für das sie sich langsam wieder öffnen kann.

Lisa Moore gelingt mit Und wieder Februar eine Familiengeschichte, die einen ganz und gar in den Bann zieht. Ihre eigenwillige Erzählform, bei welcher aktuelle Alltagserlebnisse mit Erinnerungen durchsetzt werden, fügt Teil für Teil ein ganzes Lebens-Puzzle zusammen. Langsam wird so die Vergangenheit in die Gegenwart eingewoben, nimmt die Geschichte von Helen Raum im Heute ein und zeigt, wie dieses Heute entstanden ist. Ohne Kitsch und Pathos versteht es Lisa Moore, eine Geschichte von Verlust, Trauer, Weiterleben, Liebe und Familie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach dem Verlust ihres Mannes die gemeinsamen Kinder grosszieht und für sie stark ist, trotz ihrer Trauer um den geliebten Mann, trotz des Verlustes und der fehlenden Unterstützung durch diesen.

Fazit
Ein Buch, das einen einnimmt und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Lisa Moore
Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design. Sie gilt als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihr Debütroman „Alligator“ sowie der Erzählungsband „Open“ waren nationale Bestseller. Mit „Und wieder Februar“ war sie Finalistin für den „Man Booker Prize“.

MooreFebruarAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
Übersetzer: Kathrin Razum
ISBN: 978-3442479054
Preis: EUR  8.99/ CHF 14.90

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