Die ungeschönte Wahrheit

Familienleben – eine Idylle der anderen Art

Hätte ich meine Zeit mit Putzen verbracht, wäre dieses Buch nie zustande gekommen.

Sjöberg1Mit diesen Worten wird das Buch Family Living eingeleitet. Der Satz ist bezeichnend für das ganze Buch: Es könnte so schön sein mit dem Familienleben, wenn einen nur nicht die Realität einholen würde. Lotta Sjöberg erzählt aus dem ganz alltäglichen Familienirrsinn. Alles fängt damit an, dass mit den Kindern die ach so tolle Stadtwohnung zu klein und unpraktisch wird. Mehr Platz ist dringend nötig. Umzug und andere Strapazen bleiben nicht aus. Aber auch im Traumhaus ist nicht alles einfach. Kinder werden krank, der Spagat zwischen Beruf und Familie fordert seinen Tribut und auch das Leben als Paar hat so seine Tücken. Doch trotz all den täglichen Gewissenbissen, Hürden und Notlösungen ist es doch wunderbar, das Familienleben. Irgendwie.

Sjöberg2Lotta Sjöberg erzählt mit viel Humor und Sinn für die Alltäglichkeiten aus dem ganz normalen Familienleben. Illustriert hat sie das Buch mit herrlichen Zeichnungen, welche die Erzählung stützen und mit viel Liebe zum Detail weiterentwickeln, mit neuen Facetten würzen. Entstanden ist ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch. Family Living ist ein Buch, das mit Illusionen aufräumt, einem zeigt: Man ist nicht allein in diesem Wahnsinn, andern geht es genauso.

Fazit:
Ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch mit wunderbaren Illustrationen. Absolut empfehlenswert.

Die Autorin
Lotta Sjöberg
Lotta Sjöberg *1971, arbeitet als Zeichnerin und lebt mit ihren drei Töchtern, ihrem Mann und einem Hund in Stockholm.

Zum Buch gibt es auch eine Facebookseite: Family living the true story

Angaben zum Buch:
SjöbergFamilyGebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Edition Moderne (1. Oktober 2015)
Übersetzung: Ulrike Samuelsson
ISBN-Nr: 978-3037311431
Preis: EUR 19.80 / CHF 29.90

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http://www.amazon.de/Family-Living-Die-ungesch%C3%B6nte-Wahrheit/dp/3037311436/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1445846201&sr=8-1&keywords=lotta+sj%C3%B6berg

http://www.books.ch/shop/home/suchartikel/family_living/lotta_sjoeberg/EAN9783037311431/ID42374358.html?jumpId=31307229&suchId=9ffc1b1d-36c2-483c-9e40-96905cae1c85

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

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Bin ich allein, sehne ich mich nach Gemeinschaft, bin ich unter Leuten, fehlt mir die Einsamkeit. Es ist, als ob das Leben es nie recht macht oder als ob ich im Leben nie antreffe, was ich brauche. Ist das Leben falsch? Bin ich es? Gehe ich durchs Leben und spiele Hand im Schneckenloch oder hat dieses Leben einfach ein verdammt schlechtes Timing?

Eigentlich wollte ich ja ein Buch schreiben. Einen Roman. Ich weiss wie es geht, ich weiss, was ein guter Roman ist. Aber irgendwie gelingt es nicht. Nach wenigen Seiten ist meine Geschichte fertig, sofern ich überhaupt eine finde. Und wenn ich keine finde, überlege ich mir, wie ich eine finden könnte und ob ich dazu Notizen machen müsste. Ich überlege, ob ich die Notizen in ein Notizbuch schreiben oder gleich in den Computer tippen soll. Ich beschliesse, gleich ein Notizbuch zu kaufen. Am besten kaufe ich gleich mehrere, für den Fall, dass das erste voll ist, hätte ich gleich weitere greifbar. Im Bücherregal sähen sie sicher toll aus, so in Reih und Glied nebeneinander stehend. So weit ist es aber noch nicht, da ich beschliesse, dass Computer praktischer wäre. Ich schreibe schneller am Computer, sitze meist davor und da ginge es im Gleichen. Zudem lässt sich die Schrift besser lesen.

Nur habe ich den Computer nicht immer dabei und ihn immer mitschleppen ist doch eher mühselig. Also wäre ein Notizbuch für unterwegs gut, in das ich aufkommende Gedanken schreiben könnte, sie dann zu Hause abtippen. Allerdings klingt das so unromantisch und schon gar nicht kreativ. Kreativität muss doch frei sein. Ich stelle mir die anders vor als ödes Abtippen von popeligen Notizen.

Ich sehe mich – ganz Künstler – mit einem Schal um den Hals auf meinem Holzstuhl sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, nachdenklich. Und dann kommt die Idee und man sieht sie förmlich in meinen Augen blitzen. Ich stürze mich auf die Tasten, wühle mit einer Hand immer wieder in meiner zerzausten Frisur, um die richtigen Worten ringend, was mir noch einen kreativeren Ausdruck gibt. Und ich schreibe mein Buch. In der Vorstellung klappt das super. Und ich finde, das passt zu mir. Das bin ich, so will ich sein. Fehlt also nur noch die Idee für eine Geschichte für die Realität.

Andere wachsen im Krieg oder in einem Bergdorf auf. Sie können von Entbehrungen, Bomben oder kalten Nächten berichten. Bei mir war alles geheizt, nicht mal meine Eltern liessen sich scheiden. Sie haben meine Schriftstellerkarriere auf dem Gewissen, wenn mir nicht bald etwas einfällt, das ich schreiben könnte. Hätten sie mir eine problembeladenere Kindheit geliefert, könnte ich nun aus dem Vollen von Traumata und anderen Beschwerden schöpfen und das Publikum läge mir zu Füssen, würde sich wiedererkennen oder zumindest Mitleid haben. Wer will schon von idyllischen Familienausflügen im Sonntagskleid lesen, von heiler Welt mit zwei Elternteilen, die sich nicht mal übermässig stritten. Keine fliegenden Tassen, keine Eskapaden, keine Hungersnot oder Schläge. Einfach gähnende Langeweile. Kein Wunder habe ich keinen Fundus für Geschichten.

Und so sitze ich hier und merke, dass ich ganz schön in der Misere sitze. Nicht nur habe ich keine Geschichte zu erzählen, ich wüsste nicht mal, ob ich sie zuerst ins Notizbuch (von dem ich nun fünf Exemplare für den Fall der Fälle hier habe) oder gleich in den Computer schreiben soll. Zudem frage ich mich, wieso mir am Anfang all dieser Gedanken in den Sinn kam, dass ich weder allein noch in Gesellschaft glücklich bin, da das doch wahrlich überhaupt nichts mit meinem eigentlichen Problem zu tun hat. Und wenn ich nun so weiter nachdenke, dann hat der ganze Gedankenfluss wenig Sinn, er kam so über mich, ohne Ziel, ohne Grund, ergoss sich einfach über meine Finger in die Tastatur und steht nun da, schwarz auf weiss – mit ein paar roten und grünen Wellenlinien, mit denen mir das Programm sagen will, dass mein Deutsch nicht das sei, was es als richtig erachte.

Bräuchte ich nicht alle Finger zum tippen, würde ich dem Programm einen zeigen. Das macht man zwar nicht, aber das wäre mir gerade egal, denn ich merke, dass ich mittlerweile wütend bin ob all der nicht getroffenen Entscheidungen, ob all der Ideenlosigkeit und vor allem wegen meiner ach so doofen Kindheit, aus der sich nichts, aber auch gar nichts, und schon gar kein Roman machen lässt.

Am Schluss bleibt die Liebe

 …ich war ein braver Junge, der nicht aneckte und immer aufmerksam den Empfehlungen Erwachsener folgte oder zumindest so tat, weil ich mit freundlichen und unbedarften Grosseltern aufgewachsen war, ohne Vater, gegen den zu rebellieren sich gelohnt hätte und normal gewesen wäre. Meine Grosseltern schlecht zu behandeln kam mir nicht in den Sinn, ich vergass nie, dass sie und ihre Tochter Irmi mich gerettet hatten vor einem Leben mit einem Vater, dessen Gegenwart ich nicht ertragen hätte.

Als Simons Mutter stirbt, lebt er zuerst bei seiner Tante, danach bei seinen Grosseltern. Zu seinem Vater hat er jeden Kontakt abgebrochen. Plötzlich erfährt er, dass dieser und ein anderer Mann umgebracht worden sind. Auf dem Weg zur Hütte des Vaters trifft ihn die Liebe. Er sieht eine nackte Frau im nahegelegenen See baden. Sie kommt ihm vor wie eine Nixe. Es stellt sich heraus, dass Sylvie, so heisst die Nixe, die Frau des zweiten Opfers war, und dass die beiden Männer ein Liebespaar gewesen waren. Diese Neuigkeit weckt in Simon eine Unsicherheit seiner eigenen Sexualität gegenüber.

Und ich sah mich selbst, wie ich zärtlich an seinen Ohren zupfte, und zuckte zurück, als hätte mich jemand beim Schwulsein ertappt. ich wusste, dass es lächerlich war, aber das neu erwachte Misstrauen gegenüber meinen zarteren Regungen war da und ging nicht davon weg, dass ich ironisch den Mund verzog.

Die Liebe zu Sylvie lässt Simon nicht mehr los, sie aber interessiert sich beziehungstechnisch für jeden Mann ausser für Simon. Trotzdem sind die beiden verbunden. Es entsteht eine Brieffreundschaft, zuerst sehr eng, dann immer weiter, irgendwann bleiben die Briefe aus. Das Leben geht für beide weiter, hat Höhen, Tiefen. Das Leben eröffnet immer neue Fragen, die nicht weniger werden, als plötzlich wieder ein Brief von Sylvie Simon erreicht.

Lieber Simon,
jetzt habe ich dich so lange in Ruhe gelassen, dass ich mir nicht mehr einbilden kann, es sei in Ordnung, dich einfach so wieder zu behelligen. Aber es ist wichtig. Es gibt etwas, das du wissen musst, auf wenn du nichts mehr von mir wissen willst.

Die langen und die kurzen Jahre behandelt einen Zeitraum von 50 Jahren. Das Buch reicht zurück ins Jahr 1964 und spannt einen Bogen bis 2014. Es ist Simons Lebensfaden, auf dem die einzelnen Perlen der Geschichtenkette aufgereiht werden. Es ist eine Geschichte über Themen wie Freundschaft, Familie, Liebe und Zeit.

Thommie Bayer erzählt keine Liebesgeschichte, und trotzdem handelt das Buch von der Liebe. Es zeigt, dass Liebe nicht einfach ist, dass es verschiedene Formen von Liebe gibt, dass Liebe nicht einfach aufhört, sondern sich verändert, aufblüht, verdrängt wird, sich doch wieder regt. Er erzählt von diesem vielschichtigen Thema in einer leichten Sprache, lässt die Geschichte locker dahinfliessen, ohne ihr den nötigen Tiefgang zu nehmen. Das Buch entbehrt jeglicher Höhepunkte, jeglicher Spannungsbögen, und ist trotzdem nie langweilig. Es nimmt einen leise und still in den Bann, reisst nicht, packt nicht, hält trotzdem fest.

Fazit:
Eine sehr gelungene Geschichte über das Leben, die Liebe, Freundschaft und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Angaben zum Buch:
Bayerdie_kurzen_und_die_langen_jahreGebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492054812
Preis: EUR 17.99 / CHF 29.90
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Wunsch nach Glück

Kürzlich kam mein Sohn zu mir und sagte: „Mama, eigentlich geht es uns doch wirklich gut.“ Er überlegte kurz und korrigierte sich: „Nein, es geht uns nicht eigentlich gut, es geht uns gut.“ Ich schaute ihn an und fragte ihn, wieso er das denke. Er sagte mir: „Wir haben ein schönes Zuhause, wir haben es schön miteinander, es fehlt uns an nichts. Uns geht es wirklich gut!“

Danke!