Was ist Familie?

Fragte man vor einigen Jahrzehnten, was Familie ist, so war die Antwort einigermassen einfach: Vater, Mutter, Kinder im innersten Kreis, dazu kamen Onkel, Tanten, Cousinen, Grosseltern, Grosstanten. Alles einfach, alles einigermassen linear. Dann begann es, schwierig zu werden. Innerste Kreise brachen auf. Wo vorher Vater, Mutter Kinder waren, blieben Mutter und Kinder hier, Vater und Kinder dort. Als ob das nicht genug wäre, gesellten sich auch Onkel, Tanten, Cousinen und Grosseltern zu den jeweiligen Elternteilen, zu denen sie ursprünglich gehörten. 

Verstandesmässig ist die ganze Sache immer noch einfach zu verstehen. Sie ist auch rational nachvollziehbar und liegt im alten Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ begründet. Blickt man tiefer, wird es schwerer. Man heiratet eines Tages aus Liebe einen Menschen und kriegt eine neue Familie dazu. Im besten Fall wird man willkommen geheissen, hört Sprüche, die einen als neue Tochter, neuen Sohn begrüssen. Bricht die Ehe, wird man oft zum verstossenen Sohn, zur fallengelassenen Tochter. Man steht wieder alleine da. Zurück bleibt das Gefühl, nur aufgrund der Liaison angenommen worden zu sein. Es ging gar nie um einen selber.  

Nun könnte man also sagen, dass die Welt böse und schlecht geworden ist, früher alles besser war. Allerdings würde man dabei vernachlässigen, dass man von einem sehr idealen Bild einer sehr heilen Welt ausgegangen ist. Früher waren vielleicht Scheidungen weniger aktuell, dafür starben Mütter weg, Familien waren nie in dem Sinne aktuell, wie wir sie heute als Idealbild vor Augen haben, und Schwiegermütter mochten Schwiegertöchter nicht (auch da ging es selten um den Mensch, mehr um die Rolle). Dann war auch kein eitel Sonnenschein und alles war genauso kompliziert. 

Erschwerend ist wohl der Wechsel der Gefühle. Erst grosse Liebe und Familie, dann grosse Leere und Verstoss. Das Wechselbad macht die Situation schwierig. Wo liegt die Lösung? Ausrufen „habt euch alle lieb“? Sich nie auf neue Modelle einlassen, weil sie zerbrechen könnten? Dann dürfte man gar keine Beziehungen mehr eingehen, denn Partner gehen, entlieben sich oder werden entliebt, Eltern werden älter, man selber flügge, Hunde entlaufen und alle miteinander sterben sie irgendwann.

Damit würde man aber all die schönen Momente verpassen, würde sich um viel Glück betrügen und wozu? Weil die Gefahr bestehen könnte, dass es nicht hält, dass es kein ewiges Glück ist? Aber ist Glück je ewig? Sind es nicht immer neue Glücksmomente, die einem das Leben schön machen, um wieder zu gehen, bis ein nächster kommt. Das Leben ist ein ständiger Wandel, was so auch gut ist, denn sonst stünden wir noch heute da, wo wir vor 5/10/20 Jahren waren. Wir hätten keine neuen Erkenntnisse gewonnen, uns nicht weiter entwickelt. Kaum einer fände das erstrebenswert. Zum Wandel des Lebens gehört auch, gewisse Dinge loszulassen, wenn die Zeit dazu reif ist.

Das gilt auch für Menschen. Es gibt Menschen, die streifen dein Leben, werfen dir einen Blick zu. Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, zeigen dir etwas, gehen wieder. Und es gibt Menschen, die kommen, um zu bleiben. Für eine Zeit, für lange, für sehr lange. Alle haben ihren Platz, alle ihre Bedeutung. Ob man diese Menschen nun Familie, Freunde, Geliebte, Bekannte nennt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, das Gefühl anzunehmen, das sie einem geben in dem Moment, in dem sie da sind. 

2 Kommentare zu „Was ist Familie?

  1. „Familie“ ist auch ein Terminus technicus. So findet er sich besonders in den rechtlichen Ordnungen, wie zum Beispiel in Deutschland in Artikel 6 GG: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Auch im bürgerlichen Recht ist Familie eine rechtlich geordnete Institution. Sie folgt dem traditionellen Familienbegriff und wird doch heute mit den sog. „Lebenspartnerschaften“ neu überdacht.

    Gleichwohl sind es mehr die emotionalen Bindungen, die den Familienbegriff ausmachen und gerade die scheinen sich gegenwärtig vielen Irritationen ausgesetzt. Der moderne Begriff der individuellen Freiheit stellt bisher allgemeingültige Institutionen zunehmend in Frage und doch ist es vermutlich auch eine Prozess der Suche nach Orientierung in einer sich schnell wandelnden Welt.

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    1. Die grösste Schwierigkeit besteht wohl darin, dass wir gerne verstehen, wovon wir reden und gerne wissen, was genau gemeint ist, wenn wir einen Begriff verwenden. Beim Begriff der Familie spielen so viele Gefühle und Ideale mit hinein, Bilder, die über Jahre wachsen. Wenn so ein Begriff ins Wanken kommt, das Bild noch steht, dann entsteht eine Lücke, die man nicht mehr füllen kann, in die man irgendwie hinein taumelt. Und da gilt es dann wohl, neue Begriffe und Inhalte zu finden, die wieder stimmen, mit denen man im Reinen ist. Doch das ist ein Prozess.

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