Faschismus – Entstehung, Entwicklung, Gefahren und Abwehr

Begriff und analytische Einordnung

Faschismus bezeichnet eine spezifische Form autoritärer Herrschaft, die sich durch ultranationalistische Ideologie, charismatische Führerzentrierung, massenpolitische Mobilisierung und den Anspruch auf umfassende gesellschaftliche Kontrolle auszeichnet. Historisch geht der Begriff auf das Regime unter Benito Mussolini zurück, hat sich jedoch als analytische Kategorie darüber hinaus etabliert.

In der politikwissenschaftlichen Forschung (u. a. Roger Griffin) wird Faschismus häufig über den Begriff der „palingenetischen“ (wiedergeburtsorientierten) Ideologie gefasst:
Er verspricht eine nationale Erneuerung nach einem als Verfall interpretierten Zustand.

Zentrale Merkmale des Faschismus sind:

  • Anti-Liberalismus: Ablehnung individueller Rechte und pluraler Ordnung
  • Anti-Demokratie: Ablehnung von Gewaltenteilung und Konkurrenz
  • Führerprinzip: personalisierte Macht
  • Massenmobilisierung statt blosser Herrschaftsausübung
  • Gewalt als legitimes politisches Mittel

Durch seinen aktivistischen, ideologisch aufgeladenen Charakter unterscheidet sich Faschismus damit sowohl von klassischen Diktaturen als auch von autoritären Regimen. Er entsteht typischerweise in Situationen multipler Krisen, die politische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen destabilisieren. Wenn demokratische Institutionen als handlungsunfähig oder korrupt wahrgenommen werden, verlieren sie ihre Bindekraft und die politische Legitimation kommt ins Wanken. Die Weimarer Republik ist hierfür ein klassisches Beispiel. Auch sozioökonomische Verwerfungen können den Boden für Faschismus ebnen, zum Beispiel erzeugen Faktoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit, soziale Abstiegsängste und eine Verunsicherung der Mittelschichten eine hohe Bereitschaft, radikale Alternativen zu akzeptieren. Des Weiteren reagieren faschistische Bewegungen reagieren auf wahrgenommene Orientierungslosigkeit durch klare Freund-Feind-Schemata, homogene Identitätsangebote sowie Rückgriff auf nationale Mythen.

Zentral ist dabei, dass radikale Bewegungen selten allein an die Macht gelangen, häufig werden sie von bestehenden Eliten unterstützt, die sich davon eine Stabilisierung ihrer Position oder andere Vorteile versprechen.

Exemplarische Entwicklung anhand des Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus unter Adolf Hitler stellt die radikalste Ausprägung faschistischer Herrschaft dar. Seine Macht erfolgte stufenweise, indem er sich zuerst die Institutionen zunutze machte. Nach Wahlerfolgen innerhalb der bestehenden Ordnung kam es zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, worauf der auf politische Koalitionen mit konservativen Kräften setzte. Danach transformierte er das System von innen: Er nutzte den Reichsbrand zur Einschränkung von Grundrechten, verabschiedete das Ermächtigungsgesetz und schaltete die parlamentarische Kontrolle aus. Indem er die Medien und Institutionen gleichschaltete, politische Gegner verfolgte und einen umfassenden Repressionsapparat aufbaute, gelang ihm die Konsolidierung der Herrschaft, worauf eine Radikalisierung folge. Der Nationalsozialismus ging dabei über andere faschistische Systeme hinaus. Die systematische Rassenideologie, der totalitäre Herrschaftsanspruch und der Holocaust als extreme Konsequenz stellen ein Unikum in der Geschichte dar. 

Gefahren für die Demokratie

Faschismus stellt eine strukturelle Bedrohung für die Demokratie dar, indem er ihre ganze Existenz in Frage stellt und zerstört. Werden zuerst demokratische Verfahren genutzt, was der faschistischen Strömung eine Legitimation verleiht, werden die Institutionen anschliessend entleert oder ganz abgeschafft. Die Justiz wird politisiert, die Pressefreiheit eingeschränkt und politische Opposition wird delegitimiert. Es kommt zu einer Veränderung der gesamten politischen Kultur, indem die Normen, auf denen Demokratie beruht, angegriffen werden: Vielfalt wird eingedämmt, politische Gegner ausgeschaltet und das Vertrauen in Verfahren wird unterminiert.

Ein wesentliches Gefahrenmoment liegt in der Reduktion politischer Komplexität: durch einfache Erklärungen für komplexe Probleme und klare Schuldzuweisungen können grosse Mengen von Menschen emotional mobilisiert werden. Hier könnte ein öffentlicher Diskurs, wie ihn Hannah Arendt immer wieder propagiert, helfen, Gegensteuer zu bringen. Fällt dieser jedoch weg aufgrund des Schwindens der Öffentlichkeit und ihrer Begegnungsräume, stellt sich den faschistischen Tendenzen immer weniger entgegen, im Gegenteil, sie werden durch die vorhandenen Strukturen gar befördert.

Aktuelle Tendenzen

Folgt man Adorno und Horkheimer, so hat jeder Begriff einen Zeitkern. Das trifft auch für den Faschismus zu. Dieser tritt heute selten in seiner klassischen Form auf. Es reicht also nicht, auf den Faschismus Mussolinis zu blicken und die Zeichen von damals heute zu suchen. Politikwissenschaftlich relevanter sind Transformationsprozesse, die ähnliche Dynamiken aufweisen, zum Beispiel illiberale Demokratien, bei welchen es zu einem Abbau rechtsstaatlicher Strukturen bei formaler Wahllegitimation kommt, Populistische Bewegungen, die das „wahre Volk“ gegen Institutionen stellen, sowie die Erosion politischer Normen in etablierten Demokratien.

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Gefährdung der Demokratie heute kaum nicht durch offene Systembrüche, sondern durch graduelle Verschiebungen erfolgt.

Abwehrmöglichkeiten

Die Verteidigung gegen faschistische Tendenzen erfordert eine Kombination aus institutionellen, kulturellen und individuellen Massnahmen. Es bedarf der institutionellen Sicherung, indem unabhängige Gerichte erreichtet oder bewahrt, freie und pluralistische Medien gefördert werden und die funktionierende Gewaltenteilung gesichert wird. Zudem ist politische Bildung zentral, denn demokratische Kompetenz ist nicht selbstverständlich. Sie umfasst dieFähigkeit zur eigenen Urteilsbildung, den Umgang mit Differenz und ein Verständnis politischer Prozesse. Das muss eingeübt werden, soll es funktionieren. Zudem ist es wichtig, für eine stabile politische Kultur zu sorgen. Das bedeutet, dass Oppositionen legitim und sogar gewünscht sind, die einzelnen Mitglieder einer Demokratie kompromissbereit sind und vor allem, dass ein Vertrauen in demokratische Verfahren vorhanden ist.

Entscheidend für die Abwendung einer wirklichen Gefahr ist es, frühe Anzeichen wie zum Beispiel die Delegitimierung von Institutionen, entmenschlichende Rhetorik und die Forderung nach „starker Führung“ zu erkennen.

Faschismus als latente Möglichkeit

Faschismus ist keine historische Angelegenheit, sondern eine wiederkehrende Möglichkeit moderner Gesellschaften. Das bedeutet, dass wir, wollen wir ihm keinen Boden bieten, achtsam sein und vor allem auch die Demokratie stützen müssen, indem wir unseren politischen Pflichten nachkommen. Es gilt, demokratische Institutionen zu stärken, bei gesellschaftlichen Krisen genau hinzuschauen und sie im Kern anzugehen, sowie Vereinfachungen zu meiden. Die zentrale Einsicht lautet, dass Demokratie kein stabiler Endzustand, sondern ein anfälliges, dauerhaft zu sicherndes Ordnungsmodell ist.

Ihre Verteidigung beginnt nicht erst im Ausnahmefall, sondern im alltäglichen Funktionieren von Institutionen, im Umgang mit politischer Differenz und in der Fähigkeit, Komplexität auszuhalten, ohne sie in autoritäre Vereinfachungen aufzulösen.

Sicherheit bewahren oder dem Terror trotzen?

Die Fussball EM steht vor der Tür. Wetten werden bereits heute abgeschlossen – Terrorakte geplant. Man weiss nur von denen, die man vor Beginn aufdeckte, gibt es weitere? Man weiss es nicht, drum sorgt man vor: Man macht Trockenübungen, wie man im Falle eines Aktes agieren müsste… Man hat keine Ahnung, wie der Akt aussehen könnte, aber man übt.

Das ist sicher löblich, man sollte sich ja nicht unvorbereitet in ein Wagnis stürzen, nur: Ist das Wagnis zu gross in Anbetracht der heutigen Lage? Paris ist noch nicht vergessen, Brüssel sitzt fast noch in den Knochen, Istanbul ganz frisch. Vorzeichen gibt es auch für die EM.

Müsste man die EM absagen? Wäre das ein Sieg des Terrors, weil man klein beigab? Oder dürfen Menschen Bauernopfer der eigenen Standhaftigkeit sein? Kann man diese EM wirklich guten Muts und ohne Angst verfolgen? Muss man die Angst, die überall latent sein könnte, einfach ignorieren?

Man könnte nun einwenden, dass die Durchführung einer EM/WM in den letzten Jahren immer Fragen aufwarf: Enteignung der (hauptsächlich) armen Bevölkerung, Schliessung von Schulen, Bestechung, etc…. der Sport läuft schon lange mit Nebenwirkungen. Ist Terror nur eine von vielen oder ändert er alles?

Wer bin ich?

Noch vor kurzem waren alle Charlie. Auf Twitter, Facebook und in Zeitungen. Überall las man nur noch von Menschen, die Charlie waren. Es waren wohl Millionen Charlie. Hintergrund der Geschichte? Ein satirisches Blatt in Frankreich, Auflage an die 60’000 Exemplare, fiel einem Massaker zum Opfer. Muslimische Blutsrächer fühlten sich durch eine Zeichnung verletzt in ihrer Ehre und rotteten bestialisch aus, was sie als Kern allen Übels erachteten. Die Betroffenheit war gross. Die Solidarität auch. Jeder, der etwas auf sich hielt, war nun Charlie – benannt nach dem bekanntesten der satirischen Zeichner. Diskussionen, ob die Zeichnungen angebracht gewesen seien, wurden als pietät- und geschmacklos im Keime erstickt. Täter und Opfer waren klar, diese Grenze musste zementiert werden. Zudem: Meinungsfreiheit. Die muss sein. Alles darf, alles kann. Widerspruch zwecklos.

Schauen wir aber mal genauer hin. Hätten alle, die plötzlich Charlie waren, die Zeitschrift gekauft, hätten 60’000 Exemplare nie gereicht. Nach dem Attentat stieg die Auflage auf Millionen. Wieso wird nach einer Schreckenstat Meinungsfreiheit so hoch gelobt, vorher aber nicht unterstützt? Und: Darf Satire wirklich alles? Diese Frage durfte man ja nicht mal mehr stellen. Die war geschmacklos. Eines vorweg: Eine solche Tat ist durch NICHTS zu beschönigen oder entschuldigen, sie ist barbarisch, sie ist unmenschlich, sie ist ein absolutes NO-GO. Meinungsfreiheit dagegen ist ein MUSS. Man muss seine Meinung offen sagen dürfen. Aber ob man sie in jeder Art und Weise (auch einer beleidigenden und andere Individualitäten verletzenden) sagen MUSS – diese Frage stellt sich mir. Und nochmals – für alle, die es noch nicht begriffen haben und schon zum entsetzten, erzürnten und niedermetzelnden Aber ansetzen – : Der Anschlag war falsch, unentschuldbar und grausam.

Das satirische Blatt ging jüngst in Millionenauflage raus. Sie haben ihr eigenes Unglück ausgenutzt und machen es zu Geld. Hätte es ein anderer gemacht, wäre der Aufschrei gross. Wie kann man nur. So sagt keiner was. Darf man eine solche Tat für den eigenen Profit ausnutzen? Vielleicht spenden sie den Gewinn bald – oder eröffnen eine Stiftung. Ist es dann besser?

Fakt bleibt: Der Anschlag war eine Gräueltat, wie sie ihresgleichen sucht – und hoffentlich nicht findet und finden wird. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Diese unter den Tisch zu kehren, würde niemandem helfen. Und: Ich bin ich. Ich war nie Charlie. Ich kannte das Blatt vor dem Anschlag nicht mal. Ich kaufe es auch heute nicht. Ich achte jeden Menschen in seinem Sein und seinem Glauben. Nie käme es mir in den Sinn, jemanden zu verspotten oder zu verachten, weil er anders ist oder glaubt. Wieso? Ich möchte auch nicht verspottet werden. Ich argumentiere. Und ich bin dankbar, darf ich offen sagen, was ich denke. Nein, ich gehöre keiner Kirche an. Und ja, ab und an denke ich, es wäre schön, einer anzugehören. Zu glauben, dass da irgendein gütiger Herr sitzt, der alles lenkt und für mich denkt. Nur denke ich lieber selber. Und liesse ihn wohl nicht mal ausreden. Aber: Wer an ihn glauben kann und daraus Trost schöpft – soll ich ihn verlachen? Verachten? Verspotten? Weiss ich es denn besser? Ich glaube nur, es besser zu wissen – schlussendlich glauben wir alle. Keiner weiss.

Wer also ist Charlie? Und was ist das Fazit von der Geschichte? Ich weiss es nicht. Ich blicke in die Welt und ich finde sie kompliziert, in meiner kleinen Welt oft wunderbar, weiter draussen teilweise erschreckend.

Was ist Familie?

Fragte man vor einigen Jahrzehnten, was Familie ist, so war die Antwort einigermassen einfach: Vater, Mutter, Kinder im innersten Kreis, dazu kamen Onkel, Tanten, Cousinen, Grosseltern, Grosstanten. Alles einfach, alles einigermassen linear. Dann begann es, schwierig zu werden. Innerste Kreise brachen auf. Wo vorher Vater, Mutter Kinder waren, blieben Mutter und Kinder hier, Vater und Kinder dort. Als ob das nicht genug wäre, gesellten sich auch Onkel, Tanten, Cousinen und Grosseltern zu den jeweiligen Elternteilen, zu denen sie ursprünglich gehörten. 

Verstandesmässig ist die ganze Sache immer noch einfach zu verstehen. Sie ist auch rational nachvollziehbar und liegt im alten Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ begründet. Blickt man tiefer, wird es schwerer. Man heiratet eines Tages aus Liebe einen Menschen und kriegt eine neue Familie dazu. Im besten Fall wird man willkommen geheissen, hört Sprüche, die einen als neue Tochter, neuen Sohn begrüssen. Bricht die Ehe, wird man oft zum verstossenen Sohn, zur fallengelassenen Tochter. Man steht wieder alleine da. Zurück bleibt das Gefühl, nur aufgrund der Liaison angenommen worden zu sein. Es ging gar nie um einen selber.  

Nun könnte man also sagen, dass die Welt böse und schlecht geworden ist, früher alles besser war. Allerdings würde man dabei vernachlässigen, dass man von einem sehr idealen Bild einer sehr heilen Welt ausgegangen ist. Früher waren vielleicht Scheidungen weniger aktuell, dafür starben Mütter weg, Familien waren nie in dem Sinne aktuell, wie wir sie heute als Idealbild vor Augen haben, und Schwiegermütter mochten Schwiegertöchter nicht (auch da ging es selten um den Mensch, mehr um die Rolle). Dann war auch kein eitel Sonnenschein und alles war genauso kompliziert. 

Erschwerend ist wohl der Wechsel der Gefühle. Erst grosse Liebe und Familie, dann grosse Leere und Verstoss. Das Wechselbad macht die Situation schwierig. Wo liegt die Lösung? Ausrufen „habt euch alle lieb“? Sich nie auf neue Modelle einlassen, weil sie zerbrechen könnten? Dann dürfte man gar keine Beziehungen mehr eingehen, denn Partner gehen, entlieben sich oder werden entliebt, Eltern werden älter, man selber flügge, Hunde entlaufen und alle miteinander sterben sie irgendwann.

Damit würde man aber all die schönen Momente verpassen, würde sich um viel Glück betrügen und wozu? Weil die Gefahr bestehen könnte, dass es nicht hält, dass es kein ewiges Glück ist? Aber ist Glück je ewig? Sind es nicht immer neue Glücksmomente, die einem das Leben schön machen, um wieder zu gehen, bis ein nächster kommt. Das Leben ist ein ständiger Wandel, was so auch gut ist, denn sonst stünden wir noch heute da, wo wir vor 5/10/20 Jahren waren. Wir hätten keine neuen Erkenntnisse gewonnen, uns nicht weiter entwickelt. Kaum einer fände das erstrebenswert. Zum Wandel des Lebens gehört auch, gewisse Dinge loszulassen, wenn die Zeit dazu reif ist.

Das gilt auch für Menschen. Es gibt Menschen, die streifen dein Leben, werfen dir einen Blick zu. Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, zeigen dir etwas, gehen wieder. Und es gibt Menschen, die kommen, um zu bleiben. Für eine Zeit, für lange, für sehr lange. Alle haben ihren Platz, alle ihre Bedeutung. Ob man diese Menschen nun Familie, Freunde, Geliebte, Bekannte nennt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, das Gefühl anzunehmen, das sie einem geben in dem Moment, in dem sie da sind. 

Es geht mir gut

Das Leben ist nicht einfach, überall lauern Gefahren, überall stösst man auf Dinge, die man lieber anders hätte, die schwierig sind, die Freude trüben, Probleme aufwerfen. Man verliebt sich, verlobt sich, heiratet, kriegt Kinder und wumms, ist alles dahin. Das alleine wäre schon schwer genug, aber damit fängt der Ärger erst an. Von nun an ist man damit beschäftigt, das Kind hin und her zu schieben und die Schieberei zu organisieren. Man kämpft mit Verlustängsten des Kindes wegen und mit Neidgefühlen dem Ex gegenüber, der es immer irgendwie besser hat, als man selber. Das gilt für beide Partien, denn jeder sieht die Trauben beim anderen süsser. Dass mittendrin noch ein Kind steht, macht es nicht einfacher, sondern potenziert die Qual. 

Man muss nicht mal so weit gehen. Es gibt schon früher Ärger. In der Arbeitswelt, von der Schwiegermutter, in der Nachbarschaft, überall kann er lauern und einen anspringen. Nichts ahnend geht man durchs Leben und trifft ihn an. Und zahlt dann den Preis dafür, obwohl man ihn nicht suchte (die wenigen streitsüchtigen und Ärger suchenden Exemplare der menschlichen Spezies lassen wir hier mal aussen vor). Und weil man diese Erfahrung immer wieder macht, programmiert sich das menschliche System so, dass es mögliche Gefahren schon erkennt, wenn diese noch nicht mal wirklich greifbar sind. Wie ein Radar werden potentielle Gefahrenherde erkannt, die Alarmglocken springen an und die Phantasierstube beginnt, die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen. Die Laune sinkt. 

Was mir an Talent auf der Leinwand fehlt, das schafft meine Phantasierstube: In den buntesten Farben zeichnet sie. Sie erkennt alles, was nur irgendwo problematisch sein könnte. Um keine Farbe verlegen, wird alles bis in die letzte Ecke ausgemalt. Man sieht die Gefahr, zeichnet die Folgen, fühlt förmlich die daraus resultierenden Gefühle. Und weil es damit nicht getan ist, hinterfrage ich mich, die Gefühle, die Situation, die Gefahr und schreibe. Und durch das Schreiben ergibt sich ein Ventil, der Dampf geht ab und eine Zufriedenheit stellt sich ein. Was vorher brodelte, kommt zur Ruhe, es ist verarbeitet und damit ist die Welt wieder im Lot. Bis zum Nächsten.

Schaut man auf Künstlerbiographien, sieht man viele Strudel, viele Krisen, viele Gefahren. Stimmt das alte Klischee des leidenden Künstlers? Bringt Leiden Kreativität mit sich? Ich weiss es nicht, ich bezweifle es. Ich denke eher, es ist das zartfühlende Wesen, das offen ist für die leisen Töne, für die Tasten des Lebens, die oft erst angeschlagen werden müssen. Doch führt diese Sensibilität wohl oft auch zum Leid. Man hört die Melodien zu vieler unangeschlagener Tasten und verzweifelt daran. Man schmilzt zu ungespielter Musik dahin. Etwas ist wohl dran. So lange ich hadere, zweifle, fürchte, fliessen die Buchstaben.

Heute geht es mir gut. Das Leben hat mich überrascht. Ein stilles Einzelkind ohne grosse Familie wurde in ein Familienfest der grossen Art geworfen. Es haderte vorher, vermisste schon im Vorfeld seine Ruhe, seinen Trott, seinen Alltag, sah sich Gefahren ausgesetzt und wollte ihnen bis zu letzt entgehen – ohne Erfolg. Und kam aus der Geschichte mit viel Freude, Zufriedenheit und einem ruhigen Geist. Und mit viel Liebe.

Und ich merkte, dass mir meine Ruhe, mein Trott, meine kleine Welt keinen Augenblick gefehlt hat. Und ich spürte, dass alle Ängste vergebens waren, weil sie unbegründet waren. Und ich merkte, dass es ab und an gut ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich muss sagen: Es geht mir gut. So gut, wie kaum je. Und das ist schön so und es soll so bleiben. Das Leben birgt wohl Gefahren, ich habe einige davon erlebt. Noch viel mehr habe ich sie mir ausgemalt und sie schon ungeschehen gefürchtet. Reichen nicht die tatsächlichen aus?