Es geht mir gut

Das Leben ist nicht einfach, überall lauern Gefahren, überall stösst man auf Dinge, die man lieber anders hätte, die schwierig sind, die Freude trüben, Probleme aufwerfen. Man verliebt sich, verlobt sich, heiratet, kriegt Kinder und wumms, ist alles dahin. Das alleine wäre schon schwer genug, aber damit fängt der Ärger erst an. Von nun an ist man damit beschäftigt, das Kind hin und her zu schieben und die Schieberei zu organisieren. Man kämpft mit Verlustängsten des Kindes wegen und mit Neidgefühlen dem Ex gegenüber, der es immer irgendwie besser hat, als man selber. Das gilt für beide Partien, denn jeder sieht die Trauben beim anderen süsser. Dass mittendrin noch ein Kind steht, macht es nicht einfacher, sondern potenziert die Qual. 

Man muss nicht mal so weit gehen. Es gibt schon früher Ärger. In der Arbeitswelt, von der Schwiegermutter, in der Nachbarschaft, überall kann er lauern und einen anspringen. Nichts ahnend geht man durchs Leben und trifft ihn an. Und zahlt dann den Preis dafür, obwohl man ihn nicht suchte (die wenigen streitsüchtigen und Ärger suchenden Exemplare der menschlichen Spezies lassen wir hier mal aussen vor). Und weil man diese Erfahrung immer wieder macht, programmiert sich das menschliche System so, dass es mögliche Gefahren schon erkennt, wenn diese noch nicht mal wirklich greifbar sind. Wie ein Radar werden potentielle Gefahrenherde erkannt, die Alarmglocken springen an und die Phantasierstube beginnt, die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen. Die Laune sinkt. 

Was mir an Talent auf der Leinwand fehlt, das schafft meine Phantasierstube: In den buntesten Farben zeichnet sie. Sie erkennt alles, was nur irgendwo problematisch sein könnte. Um keine Farbe verlegen, wird alles bis in die letzte Ecke ausgemalt. Man sieht die Gefahr, zeichnet die Folgen, fühlt förmlich die daraus resultierenden Gefühle. Und weil es damit nicht getan ist, hinterfrage ich mich, die Gefühle, die Situation, die Gefahr und schreibe. Und durch das Schreiben ergibt sich ein Ventil, der Dampf geht ab und eine Zufriedenheit stellt sich ein. Was vorher brodelte, kommt zur Ruhe, es ist verarbeitet und damit ist die Welt wieder im Lot. Bis zum Nächsten.

Schaut man auf Künstlerbiographien, sieht man viele Strudel, viele Krisen, viele Gefahren. Stimmt das alte Klischee des leidenden Künstlers? Bringt Leiden Kreativität mit sich? Ich weiss es nicht, ich bezweifle es. Ich denke eher, es ist das zartfühlende Wesen, das offen ist für die leisen Töne, für die Tasten des Lebens, die oft erst angeschlagen werden müssen. Doch führt diese Sensibilität wohl oft auch zum Leid. Man hört die Melodien zu vieler unangeschlagener Tasten und verzweifelt daran. Man schmilzt zu ungespielter Musik dahin. Etwas ist wohl dran. So lange ich hadere, zweifle, fürchte, fliessen die Buchstaben.

Heute geht es mir gut. Das Leben hat mich überrascht. Ein stilles Einzelkind ohne grosse Familie wurde in ein Familienfest der grossen Art geworfen. Es haderte vorher, vermisste schon im Vorfeld seine Ruhe, seinen Trott, seinen Alltag, sah sich Gefahren ausgesetzt und wollte ihnen bis zu letzt entgehen – ohne Erfolg. Und kam aus der Geschichte mit viel Freude, Zufriedenheit und einem ruhigen Geist. Und mit viel Liebe.

Und ich merkte, dass mir meine Ruhe, mein Trott, meine kleine Welt keinen Augenblick gefehlt hat. Und ich spürte, dass alle Ängste vergebens waren, weil sie unbegründet waren. Und ich merkte, dass es ab und an gut ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich muss sagen: Es geht mir gut. So gut, wie kaum je. Und das ist schön so und es soll so bleiben. Das Leben birgt wohl Gefahren, ich habe einige davon erlebt. Noch viel mehr habe ich sie mir ausgemalt und sie schon ungeschehen gefürchtet. Reichen nicht die tatsächlichen aus? 

Ein Kommentar zu „Es geht mir gut

  1. Mag sein, dass es eine stille Problemsehnsucht gibt, die Angst macht und doch nur entsteht, um eigene Kompetenz für Lösungen sich oder wem auch immer beweisen zu können.

    Es reicht, dem Tag offen gegenüberzutreten und sich überraschen zu lassen. Dann übersieht man auch nicht die wirklichen schönen Momente, die gerne auch mal überwiegen dürfen.

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