Fragen, Fragen, Fragen

Was sind Probleme im Leben? Wann leidet man? Wann ist Leiden legitim? Wann das Schicksal hart? Wer setzt das Mass? Darf ich klagen, dass mir das Essen nicht schmeckt, wenn ich weiss, auf anderen Erdteilen verhungern Menschen in Scharen. Darf ich jammern, das Leben sei ungerecht, weil es sich mir nicht so darbietet, wie ich es gerne hätte, vielleicht Hürden hat, die ich bei anderen nicht sehe, nur bei mir, wenn ich weiss, dass andernorts kein Leben möglich ist, weil Krieg herrscht und man schon froh ist, zu über-leben? Verpflichtet mich der Umstand, in einem westlichen zivilisierten Land mit Sozialsystem geboren zu sein zu Dankbarkeit und Zufriedenheit, weil fast jede andere Lebenssituation um Welten schlimmer wäre als die meine? Oder habe ich ein Recht auf mein Leid, meine – im grossen Zusammenhang nichtigen, für mich gewichtigen – Probleme, einfach, weil sie meine sind, mein Leben im Jetzt und Hier prägen, ausmachen? Was ist angebracht, was Jammern auf hohem Niveau und damit fast schon niveaulos?

Eigentlich habe ich alles im Leben, was ich mir nur wünschen kann. Es geht mir gut, ich bin soweit gesund, lebe da, wo ich leben will, tue das, was ich tun will (meistens, ab und an stelle ich das Wollen in Frage, aber nicht des Wollens Willen, sondern aus anderen Gründen – man könnte hier gleich am Anfang weiter lesen und all die Fragen stellen, die ich stellte). Ich hätte also allen Grund, als ewig strahlendes Honigkuchenpferd durch die Welt zu laufen, grinsend „es geht mir gut“ zu singen und den Herrn einen lieben Mann sein zu lassen (wenn es den denn gäbe, was ich nicht denke, aber tolerant genug bin – logischerweise -, das andere anders sehen zu lassen und mich zurückzuhalten mit intellektuellen Argumentationsketten, wieso es ihn nicht geben kann und das Glauben seiner Existenz absolut verfehlt sei – um es nicht dumm zu nennen, was noch weniger schön wäre). Tue ich aber nicht. Mist aber auch.

Ab und an überkommt es mich. Die ganze Schwere des Lebens. Dann sitze ich da und grummle. Vor mich hin, mit anderen. Eigentlich bin ich zufrieden. Eigentlich. Nur bringt mich alles in eine angespannte Haltung. Der kleinste Auslöser reicht – der Auslöser muss nicht mal wirklich Auslöser sein, es reicht schon, dass was kommt. Das kann sein, was es will – ich sitze da und bin genervt. Bin frustriert. Bin getroffen. Reagiere. Je nach Situation anders, selten angepasst, meistens über. Finde ich. Ich finde mich schlimm. Und das bringt mich noch mehr auf die Palme. Ich genüge mir und meinen Ansprüchen an mich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich sollte gelassen sein. Über den Dingen stehen. Und vor allem lächeln, denn es geht mir ja gut. Ich habe ja alles.

Aber so bin ich nicht. „Kind, wieso bist du nur immer so. Alle andern sind anders. Nur du.“ Ja, nur ich. Und ich mag es nicht. Und das bringt mich in diesen Situationen erst recht auf die Palme. Ich möchte gut sein und fühle mich nur schlecht. Und hadere mit mir und reagiere dann über. Auf die anderen. Auf deren harmlose Auslöser. Sie löffeln meine Suppe aus. Und merken es nicht mal? Was, wenn sie aufwachen? Oder bin ich zu hart mit mir? Wieso schelte ich mich, wenn anderen nicht mal auffällt, dass ich was falsch machte? Oder sie es zumindest nicht übel nehmen. Wieso bin ich so streng, wo andere drüber weggehen? Und genau diese Strenge macht alles meist noch schlimmer, weil ich im Hadern,  im Verurteilen meiner Schwäche gefangen, Dinge gereizter angehe.

Ein Blog voller Fragen. Und nun sollte folgerichtig die Antwort kommen, die da lautet: Ich bin prima, wie ich bin. Ich nehme mir vor, fortan liebevoller mit mir umzugehen. Ich werde gelassen sein, mir und anderen gegenüber. Werde meine Schwächen als Teil von mir akzeptieren und sie liebevoll umarmen. Werde lächeln und das Leben lieben. Ich werde ein neuer Mensch – im Einklang mit mir und dem Leben und überhaupt.

Aber damit kann ich nicht dienen. Ich habe die Antworten nicht. Ich habe nur die Fragen. Und es werden immer mehr. Zwar klingt es schön, fortan nur noch zu lächeln und gelassen zu sein. Aber das ist nicht das Leben, wie ich es empfinde. Das ist nicht das Leben im Spannungsfeld von hoch und tief, das ich lebe. Seit Jahren. Nicht pathologisch. Einfach lebendig. Mal nachdenklich, mal überschwänglich. Mal still, mal laut. Mal versöhnlich, mal angriffig. Immer versucht, niemanden zu verletzen. Ab und an verletze ich doch – meist wohl mich selber. ich kann stur sein, bockig, aufsässig, penetrant. Ich kann ausflippen, explodieren. Kann sticheln, so fein ist keine Nadel. Und zeige wohl damit immer, dass ich selber gerade leide. Das Aussen ist Spiegel des Innen. Und das müsste man verdecken. Man ist ja gross und angepasst. Lächelt. Ich werde wohl nie man sein. Aber eigentlich macht das auch nichts. Meistens. Und ab und an, wenn ich damit hadere, es nicht zu sein, vergeht diese Phase zum Glück auch recht schnell wieder. Noch Fragen? Klar, eine ganze Menge. Und das ist gut so.

Ein Kommentar zu „Fragen, Fragen, Fragen

  1. Zum einen die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (die es nicht ohne die Schwere gibt) zum anderen die bittersüße Erkenntnis der Relativität: „eigentlich, eigentlich aber auch nicht!“ Wider dem Durchschnitt nachgeben!

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